(21) 1837 Dez. 9

1. Welches ist die Aufgabe eines jungen Mannes, dem die Natur un-
bestritten ungewöhnliches Talent verliehen, besonders

a) Wenn er, wie er vorgibt und ich übrigens gerne glaube, seinen

Vater verehrt und seine Mutter idealisiert;

Wenn er, ohne sein Alter und seine Lage zu Rat zu ziehen, eines
der edelsten Mädchen an sein Schicksal gekettet, und

dadurch eine sehr ehrwürdige Familie in die Lage versetzt hat,
ein Verhältnis gut zu heißen, was anscheinend und nach dem
gewöhnlichen Weltenlauf für dieses geliebte Kind voller Gefahren
und trüber Aussichten ist.

2. Hatten Deine Eltern einiges Recht, zu fordern, daß Dein Betragen,
Deine Lebensweise ihnen Freude, wenigstens freudige Augenblicke bringe
und trübe Momente möglichst verscheuche?

3. Welches waren bis heran die Früchte Deiner herrlichen Naturgaben
in Beziehung auf Deine Eltern? Z.

4. Welches waren diese Früchte in Beziehung auf Dich selbst?

Eigentlich könnte und sollte ich vielleicht hier schließen, die Be-
antwortung und gänzliche Ausführung Dir überlassen. Aber ich fürchte
hierbei jede poetische Ader. Prosaisch, aus dem wirklichen Leben, wie es
ist, will ich antworten, auf die Gefahr hin selbst, meinem Herrn Sohne zu %
prosaisch zu scheinen.

Die Stimmung, in der ich mich befinde, ist in der Tat auch nichts
weniger als poetisch. Mit einem Husten, der Jährig ist und mein Ge-
schäft mir drückend macht, mit einer seit kurzem hinzugekommenen Gicht
verpaart, finde ich mich selbst mehr verstimmt als billig, und ärgere mich %
meiner Charakterschwäche, und so kannst Du freilich nur ‚erwarten die
Schilderungen eines alternden, grämlichen Mannes, der sich über die

ewigen Täuschungen ärgert, und besonders darüber, daß er seinem
eignen Idol einen Spiegel voller Zerrbilder vorhalten muß.

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Antworten, respektive Klagen.
er
1. Gaben verdienen, heischen Dankbarkeit; und da herrliche Natur-
gaben gewiß die allervorzüglichsten sind, so erheischen sie Dankbarkeit
in einem höheren Grade, Der Natur aber ]äßt sich nur dadurch Dank-
barkeit bezeigen, daß man den gehörigen Gebrauch dieser Gaben mache,
und wenn ich mich eines gewöhnlichen Ausdrucks bedienen darf, mit
seinem Pfund wuchere.,

Ich weiß wohl, wie man im etwas edleren Stil antworten soll und
muß, nämlich es sollen solche Gaben zur eigenen Veredlung benutzt
werden, und das ist es gewiß nicht, was ich bestreite. Ja, man soll sie zu
seiner Veredlung benutzen. Aber wie? Man ist Mensch, geistiges Wesen 40
und Mitglied der Gesellschaft, Staatsbürger. Also physische, moralische,
intellektuelle und politische Veredlung. Nur wenn in den Bestrebungen
zu diesem großen Zwecke Einklang und Harmonie gebracht wird, kann
ein schönes, anziehendes Ganze zum Vorscheine kommen, das Gott, den
Menschen, den Eltern und seinem Mädchen Wwohlgefällig ist, mit mehr 4
Wahrheit und Natur ein wahrhaft Plastisches Gemälde zu nennen, als das
Wiedersehn eines alten Schulkameraden.