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(21) 1837 Dez, 9
Das sei Gott geklagt!!! Ordnungslosigkeit, dumpfes Herumschweben
in allen Teilen des Wissens, dumpfes Brüten bei der düsteren Öllampe;
Verwildrung im gelehrten Schlafrock und ungekämmter Haare statt der
Verwildrung bei dem Bierglase; zurückscheuchende Ungeselligkeit mit
Hintansetzung alles Anstandes und selbst aller Rücksicht gegen den
Vater. — Die Kunst, mit der Welt zu verkehren, auf die schmutzige
Stube beschränkt, wo vielleicht in der klassischen Unordnung die Liebes-
briefe einer J [enny] und die wohlgemeinten und vielleicht mit Tränen ge-
schriebenen Ermahnungen des Vaters zum fidibus, was übrigens besser
wäre, als wenn sie durch noch unverantwortlichere Unordnung in die ı
Hände dritter kämen. — Und hier in dieser Werkstätte unsinniger und
unzweckmäßiger Gelehrsamkeit sollen die F. rüchte reifen, die Dich und
Deine Geliebten erquicken, die Ernte gesammelt werden, die dazu diene.
heilige Verpflichtungen zu erfüllen! ?

3. Es geht mir zwar trotz meines Vorsatzes sehr tief, es erdrückt mich 1:
beinahe das Gefühl Dir weh. zu tun, und schon weht mich wieder meine
Schwäche an, aber, um mir zu helfen — ganz wörtlich — nehme ich die
mir vorgeschriebenen reellen Pillen, verschlucke alles herunter, denn ich
will einmal hart sein und meine Klagen ganz aushauchen. Ich will nicht
weich werden, denn ich fühle es, daß ich zu nachsichtig war, zu wenig 20
mich in Beschwerden ergoß und dadurch gewissermaßen Dein Mit.
schuldiger geworden bin. Ich will und muß Dir sagen, daß Du Deinen
Eltern vielen Verdruß gemacht, und wenig oder keine Freude.

Kaum war das wilde Toben in Bonn zu Ende, kaum war Dein Schuld-
buch vernichtet — und es bestand wahrhaftig in so mannigfacher Be- 25
ziehung — als zu unserer Bestürzung die Liebesleiden eintraten; und mit
der Gutmütigkeit wahrer Romaneneltern wurden wir deren Herolde und
deren Kreuzträger. Doch tief fühlend, daß sich hierin das Glück Deines
Lebens konzentrierte, erduldeten wir das Unabänderliche und spielten
vielleicht selbst unangemessene Rollen. So jung noch warst Du Deiner z

Familie entfremdet, doch den wohltätigen Einfluß auf Dich mit den Augen
von Eltern sehend, hofften wir die guten Wirkungen bald entwickelt zu
sehn, weil in der Tat Überlegung und Notwendigkeit sich gleichmäßig
dafür aussprachen. Doch welche Früchte ernteten wir?

Nie haben wir den Genuß einer vernünftigen Korrespondenz gehabt, s5
in der Regel der Trost der Abwesenheit. Denn Korrespondenz unterstellt
folgerechte und fortgesetzte Verhandlung, ineinandergreifend und har-
monisch von beiden Teilen betrieben. Nie erhielten wir Antwort auf
unsere Schreiben; nie enthielt Dein folgender Brief eine Ankettung weder
an Deinen vorhergehenden noch an den unsrigen.

Wenn wir heute die Anmeldung einer angeknüpften Bekanntschaft
erhielten, so war dieselbe ein für allemal wieder auf ewig verschwunden,
ein totgeborenes Kind gleichsam.

Was unser nur zu geliebter Sohn eigentlich treibe, denke, handle,
kaum war darüber zuweilen eine rhapsodische Phrase hingeworfen, als 45
sich schon das gehaltvolle Register wie bezaubert verschloß.

Mehrere Malen waren wir Monate lang ohne Brief, und zum letzten-
male, als Du wußtest, daß Eduard krank, die Mutter duldend und ich lei-
dend war, und dazu die Cholera in Berlin herrschte; und als erheische dies