(21) 1837 Dez. 9

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nicht einmal eine Entschuldigung, erwähnte der nächste Brief kein Wort
hiervon, sondern enthielt kaum einige schlecht geschriebene Zeilen und
einen Auszug aus dem Tagebuch, betitelt Besuch, dem ich ganz offen
Lieber die Türe weise als aufnehme, ein tolles Machwerk, das bloß be-
kundet, wie Du Deine Gaben verschwendest und Nächte durchwachst, um
Ungetüme zu gebären; daß Du in den Fußtapfen der neuen Unholde
trittst, die ihre Worte schrauben, bis sie selbst sie nicht hören; die einen
Schwall von Worten, weil sie keine oder verwirrte Gedanken darstellen,
als eine Geburt des Genies taufen. —

Ja, etwas enthielt das Schreiben, Klagen, daß Jenny nicht schreibe,
ungeachtet im Grunde Du die Überzeugung hattest, daß Du von allen
Seiten begünstigt warst — wenigstens war kein Grund zur Verzweiflung
und zur Zerrissenheit —, aber das war nicht genug, das liebe Ego
schmachtete nach dem Genusse, zu lesen, was man wußte (was freilich im
gegebenen Falle ganz billig ist), und das war beinahe alles, was der Herr
Sohn seinen Eltern zu sagen wußte, die er leidend zu sein überzeugt war,
die er durch ein unsinniges Stillschweigen gedrückt hatte,

Als wären wir Goldmännchen, verfügt der Herr Sohn in einem Jahre
für beinahe 700 Taler gegen alle Abrede, gegen alle Gebräuche, während

% die Reichsten keine 500 ausgeben. Und warum? Ich lasse ihm die
Gerechtigkeit widerfahren, daß er kein Prasser, kein Verschwender ist.
Aber wie kann ein Mann, der alle 8 oder 14 Tage neue Systeme erfinden
and die alten mühsam erwirkten Arbeiten zerreißen muß, wie kann der,
frage ich, sich mit Kleinigkeiten abgeben? Wie kann der sich der klein-
lichen Ordnung fügen? Jeder hat die Hand in seiner Tasche, und jeder
hintergeht ihn, verwirret nur seine Zirkel nicht — und eine neue
Anweisung ist ja bald wieder geschrieben. Kleinliche Menschen wie G. R.
und Evers mögen sich darum kümmern, es sind gemeine Kerl. Zwar
suchen diese in ihrer Einfalt die Vorlesungen — wäre es auch nur nach
Worten — zu verdauen und sich hin und wieder Gönner und Freunde zu
verschaffen, denn bei dem Examen sitzen Menschen, sitzen Professoren,
Pedanten und zuweilen rachsüchtige Bösewichte, die gerade einen Selb-
ständigen gerne beschämen, ein, darin besteht ja die Größe des Menschen,
daß er schafft und zerstört!!!

Zwar schlafen diese armen jungen Leute ganz ruhig, außer wenn sie
zuweilen eine halbe oder ganze Nacht dem Vergnügen weihen, während
mein tüchtiger talentvoller Karl elende Nächte durchwacht, seinen Geist
und Körper ermattet im ernsthaften Studium, sich aller Vergnügungen
entschlagt, um in der Tat abstrakten, gediegenen Studien obzuliegen, aber

u was er heute baut, zerstört er morgen, und am Ende hat er das Seinige
zerstört und das Fremde sich nicht zugeeignet. Am Ende wird der Körper
siech und der Geist verwirrt, während die gemeinen Leutchen so unge-
stört fortschleichen und zuweilen besser, wenigstens bequemer zum Ziele
gelangen als jene, welche ihre Jugendfreuden verschmähen und ihre Ge-

«5 sundheit zerstören, um den Schatten der Gelehrsamkeit zu erhaschen, den
sie wahrscheinlich in einer Stunde geselligen Verkehrs mit kompetenten
Männern besser gebannt hätten, und das gesellige Vergnügen noch in den
Kauf!!!

Ich schließe. denn ich fühle an meinen heftigeren Pulsschlägen, daß

di