(22) 1838 Febr, 10

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einen Familienvater Du noch immer nicht zu kennen scheinst, ich desto

mehr, und ich leugne nicht, daß ich mir zuweilen Vorwürfe mache, allzu

schwach Dir den Zügel gelassen zu haben. So sind wir jetzt im vierten

Monat des Justizjahrs, und schon hast Du 280 Taler gezogen. So viel hab?
5 ich diesen Winter noch nicht verdient.

Doch mit Unrecht sagst Du oder unterstellst Du, daß ich Dich miß-
kenne oder verkenne. Weder das eine noch andere. Ich lasse Deinem
Herzen, Deiner Moralität volle Gerechtigkeit widerfahren. Ich habe Dir
hiervon bereits im ersten Jahre Deiner juristischen Laufbahn einen un-

zo widerleglichen Beweis gegeben, indem ich über einen sehr dunklen Punkt
nicht einmal Aufklärung verlangte, ungeachtet er sehr problematisch
war. — Nur wirklicher Glaube an Deine hohe Moralität konnte dies be-
wirken, und davon bin ich gottlob nicht zurückgekommen. — Aber des-
wegen bin ich nicht blind, und nur aus Müdigkeit lege ich die Waffen
15 nieder, Doch glaube immer und zweifle nie, daß ich Dich im Innersten
meines Herzens trage und Du einer der stärksten Hebel meines Lebens bist.

Dein letzter Entschluß ist höchst lobenswert und wohl überdacht, klug
und löblich, und wenn Du das Versprochene ausführst, wahrscheinlich die
besten Früchte tragend. Und sei versichert, daß Du nicht allein ein großes

» Opfer bringst. Wir sind alle in demselben Fall, aber die Vernunft muß
siegen. ;

Ich bin erschöpft, lieber Karl, und muß schließen. Ich bedaure, daß
ich nicht so schreiben konnte, wie ich wollte, ich hätte Dich gern mit
meinem ganzen Herzen umfaßt, aber mein noch leidender Zustand macht

5 es unmöglich. —
Dein letzter Vorschlag mich betreffend hat große Schwierigkeiten.
Welche Rechte kann ich geltend machen? Welche Stütze hab’ ich?
Dein treuer Vater
Marx.
[Nachschrift der Mutter]
Lieber theurer Carl!

Dein lieber vatter hat sich Deinetwegen zum erstenmahl angestrengt
dir zu schreiben. Der gutte vatter ist sehr schwach der liebe Gott gebe das
der edle gutte vatter wieder bald zu seyne kräfte kommen möge ich bin

5 noch immer gesund lieber Carl und bin in meiner lage ergeben und gefasst.
Die liebe Jeny beträgt sich wie ein liebendes kind gegen seyne Elteren
nimmt an allem den innigsten Theil und erheitert uns öfteres durch Ihr
liebevolles kindliches Gemüht welche allem noch eine freundliche Seitte
abgewint. schreibe mir lieber Carl was dir gefällt hat und ob du wieder

0 ganz hergestellt bist — ich bin die unzufriedenste dabey das du die
Osteren nicht kommen sollst ich las das Gefühl den vorang für den
verstand und ich bedaure lieber Carl das du zu vernünftig bist, meine
innige liebe darfst du nicht nach maasstab meines briefes messen es gibt
zeitten wo man viel fühlt und wenig sagen kan so lebe denn wohl lieber

6 Carl schreibe bald deinem gutten vatter welches gewis mit zur baldigen
herstellung wirkt.

Deine dich ewig liebende Mutter
Henriette Marz.

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