(29) 1840 März 30

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Tröpfe wissen es nicht sich klar zu machen. Was Philosophie und ihre
gegenwärtige Bedeutung‘ ist, sagt ihnen nur ein ungewisses Angstgefühl,
aber sie können es nicht deuten. Ich habe mich bis jetzt — ich muß mich
loben — mit standhafter Vorsicht gehalten. Nur einmal, und das drückt
‚mir noch das Herz, habe ich mich verlaufen. Ich war mit Kilian zum
Narrenfeste nach Köln, wir fuhren in der Nacht allein zurück, und ich
ließ mich von diesem charakterlosen Menschen verleiten, ein Wort über
das jetzige Verhältnis von Staat und Philosophie fallen zu lassen. Es
wurmt mich jetzt noch! Dieser Mensch — ein zweiter Rameau’s Neffe —
m” ist ohne alle Gesinnung, und wie ich gewiß weiß, wird er die paar Worte
entstellt zu allen Theologen und all deren alogen herumgebracht haben.
Du siehst, wie vorsichtig und besonnen Du hier sein mußt, siehst aber
auch, welche Martern ich hier ausstehe und wie ich mich danach sehne,
daß ich mit Dir bei einem Glase sitzen kann. Anderes als Klatschereien
5 über des andern Stuhlgang und Abtritt — wörtlich! wenigstens versteigt
man sich oft bis dahin — findet hier nicht statt. Mein Grundsatz ist:
nur auf dem Katheder offen! Den habe ich diesen Winter ausgeübt und
werde ihn immer mehr ausbilden und befolgen, weil gerade jener Ort
der einzige ist, wo man in dieser Lage von der Brust sprechen kann,
wo Natürlich außerdem: es lebe die Feder! Aber nur nicht mit diesen Leuten
von größeren Angelegenheiten gesprochen, sie verstehen es nicht! oder
sind borniert eingenommen!

Die Menschen habe ich noch nie so sehr in ihrem Dreck kennen-
lernen wie jetzt. Ich bin in Umgebungen gekommen, wo man die ge-

# naueste Kenntnis von allen hiesigen Leuten, d. h. von ihrem gewöhnlichen
Getreibe, von ihren Beziehungen zum Ministerium hat, und die Detail-
kenntnis von diesem Dreck hat mich Männeken ganz in seiner Spezialität
kennengelehrt. Männeken von dieser Welt ist nur wert, daß er zugrunde
geht. Ich habe zwar für dergleichen kein besonderes Gedächtnis, was ich
aber 4—5 mal — und das ist nicht selten — habe erzählen hören, will ich
Dir in nuce berichten, wenn Du hier bist und es hören willst.

An die Klatschereien des Abends hab ich mich aber doch schon etwas
zewöhnt, und ich höre zu, um mich von meinen anstrengenden Arbeiten
zu erholen,

Wärst Du doch nur erst hier! Wenn Du doch Ende Mai abreisen
könntest. In den ersten Tagen des Juni ist Pfingsten — das liebliche
Fest — es wäre entzückend, wenn wir da in 5—6 Tagen eine kleine
Rheinreise machen könnten. Aber das steht fest, wenn Du ankommst,
trinken wir ein Glas vom Besten, nicht von dem hiesigen Wein, der

wo abscheulich ist. Wein müssen wir haben, der unserer Freude entspricht.

Halte Dich nur nicht zu lange mit der Anzeige der Rel[igions-]Phi-
l[osophie] auf, und am allerwenigsten lasse sie liegen. Du darfst es um
so weniger, weil Du als ein Unparteiischer, nicht Beteiligter manches
über die Herausgabe von Hegel sagen kannst, was bis jetzt nicht zur

5 Sprache gekommen ist. Vor allem schone Marh[eineke]. Du könntest
sonst mir sehr schaden. Er steht immer vor manchen anderen achtungs-
wert da, und wegen seines Alters und seiner Arbeiten ist er mit Rücksicht
zu behandeln. Schick die Arbeit auch bald ab.

Wenn Du nächsten Winter nicht über den Hermesianismus lesen

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