(42) 1841 Juni 3

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weit her waren, nämlich aus der Schützenstraße oder doch in derselben,
{ch kann jetzt wirklich wieder arbeiten und freue mich, daß ich unter
{auter Schafsköpfen wandle und doch selbst keiner bin. Welch schönes
Gefühl! Doch was nicht ist, kann ja noch werden.

Was die Gedanken aus der Schützenstraße betrifft, so hat unser Bruno
Bauer einen prächtigen, nicht ein bißchen jesuitischen Aufsatz in den
Hall [ischen] Jahrbüchern geschrieben. Der ehrwürdige Herr führt da zu
Anfang den Gedanken durch, daß der byzantinische Staat der eigentlich
»hristliche sei; ich habe diesen Gedanken polizeilich visiert und nach

o seinem Passe gefragt, und habe dann gesehen, daß er ebenfalls in der
Schützenstraße zu Haus gehört. Siehst Du, Du bist ein Magazin von
Gedanken, ein Arbeitshaus oder, um berlinisch zu reden, ein Ochsenkopf
von Ideen. Wenn Du Bauern in Bonn siehst, kannst Du ihm sagen, daß ich
mit Rücksicht auf jenen Aufsatz ihm ein Purifikationsattest hinsichts

15 seines Jesuitismus ausstellen werde. Daß Du für gänzlich unfähig
erklärt bist, freut mich unendlich, zumal da wir jetzt beide in derselben
Verdammnis sind, ja ich, wie Du weißt, schon seit zehn Jahren dafür
gelte. Jetzt hab’ ich es aber schwarz auf weiß, während meine Landwehr-
männer seit gestern exerzieren, daß es eine wahre Freude ist, Was wird

% aber Dein süßes Frauchen zu Deiner Unfähigkeit sagen? Doch
der wirst Du das so wenig als meine Gottlosigkeit mitteilen.

Was die Literatur betrifft, so muß ich zunächst von mir reden, denn
was ist die Literatur ohne mich? Mein Aufsatz über die Historiker,
der nicht das Glück hatte gewissen Leuten zu gefallen, hat wirklich

% Fiasko gemacht, was ich freilich erst erfahren habe, seit ich wieder mit
wissenschaftlich gebildeten Leuten, d. h. nicht mehr mit Dir, Umgang
gepflogen. Er ist eine neue Stufe zu meiner Berüchtigtheit. Ranke ist
außer sich gewesen; er hat unter anderm zu Dönniges geäußert, es sei doch
schlimm, daß man gegen solche Kalomnien keine Rechtsmittel im königl.

zo preußischen Staat habe. Stuhr dagegen ist entzückt, daß ich ihn etwas
weniger heruntergemacht als die andern. „Es ist mir doch sehr lieb,
namentlich Johannes Schulzens wegen, daß Sie mich gelobt haben‘ — denn
er denkt, ich hätte ihn gelobt —, sagte er mir neulich ganz im Vertrauen.
Er behandelt mich seitdem ganz wie seinesgleichen, und mehr kann man

# doch gewiß nicht verlangen. „Glauben Sie nur nicht, daß Helwing ein
Kerl ist wie Sie und ich“, sagte er denselben Abend, als ich Helwing
lobte. Auf meinen Direktor!) hat der Aufsatz namentlich einen fast
komischen Eindruck gemacht. Er war nämlich in einer Gesellschaft, in
welcher einige Ministerialräte und Professoren denselben lange und ange-

ın legentlich besprachen, und seitdem ahnt er in mir ein höheres Wesen.
Er hat sich die Jahrbücher zu drei verschiedenen Malen von mir geben
lassen, um das Geschreibsel allen seinen Schwiegervätern, Tanten und
Gevattern mitzuteilen, und sein Schwager hat mich aufgefordert, gegen
sehr gutes, russisches Honorar Mitarbeiter an der von ihm zu redigieren-
den russischen Zeitschrift zu werden, und da Du nicht mehr hier bist, kann
ich ja wieder mit gutem Gewissen gut russisch werden. Der gute Meyen
hat diesem „höchst scharfsinnigen und scharfen Aufsatze“ einen eigenen
Artikel im Athenäum gewidmet, worin er erklärt, daß ich hinreichend
1) Ferdinand Zinnow
Marx-Enzgels-Gesamtausgabe. I. Abt... Bd. 1. 2. Hhd.

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