(47) 1841 Dez, 6

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47. Bruno Bauer an Arnold Ruge in Dresden;
Bonn 1841 Dezember 6
Original: Wilhelm Pappenheim, Wien
Gnade sei mit Euch! Gelobet sei Gott, daß er Euch befreit hat von
5 dem Manne, von dem sich bald zeigen wird, daß er zu den Propheten
gehörte, die nicht eifern wie Elias, sondern um den Altar hinken, den sie
gemacht haben. Wollte Gott — wie ich allezeit in meinem Gebete ge-
denke — Euch bald von der ganzen Rotte Korah befreien. Pulver ist
zwar gut, aber der Herr wird seine Feinde, wie ich gewißlich glaube,

% bald in die Falle locken, die man die welsche genannt hat und die er
vor 50 Jahren zu so großen Dingen und zur Vertilgung seiner Feinde
benutzt hat. Das Verbrecherische von jenem Manne, der Strauß heißt,
wird sich erst recht zeigen, wenn die falschen Propheten, die verderbten
Theologen ihn als Deckschild ihres falschen Herzens gegen die Wider-

5 streitenden und Fortschreitenden benutzen werden. Er wird der ehren-
werte Mann bei ihnen heißen, und wir, die Kinder des Lichts, die Kinder
der Sünde. Ich sehe schon den Augenblick, wo sie ihn unter die Ihrigen
aufnehmen und ihm einen öffentlichen Stuhl geben, um darauf auszu-
sprechen seine gedämpften Lästerungen. Die Konfession des Atheismus,

% mit welcher jetzt zwei Elende umgehen und mit der sie jenen Frevler,
Fichte, übertreffen wollen, der sich nur im Pathos und hypothetisch für
einen Atheisten erklärte, wird die Parteien trennen, lösen und binden.

Ich werde, wenn Sie wollen, die Dogmatik und das Leben Jesu des Hin-
kenden streng vor dem Herrn beurteilen. Und noch andere Sachen. Aber

z jetzt bis Weihnachten kann ich nichts schreiben. Ich bin mit etwas anderem
beschäftigt. Sie kennen meinen Eifer für heilige Geschichte und Schrift.
Er ist jetzt mit Hilfe des Höchsten zur äußersten Spitze der Begeisterung
gestiegen, und so arbeite ich an meiner Ehrenrettung dieser beiden Dinge,
die alle bisherigen überflüssig und alle spätern unmöglich macht.

Ich halte hier Vorlesungen an der Universität vor einem großen
Auditorium. Ich kenne mich selbst nicht, wenn ich meine Lästerungen
auf dem Katheder — sie sind so groß, daß den Studenten, diesen Kindlein,
die doch nicht niemand ärgern soll, die Haare zu Berge stehen — aus-
spreche und daran denke, wie fromm ich zu Hause an der Apologie

15 der heiligen Schrift und Offenbarung arbeite. Es ist auf jeden Fall
ein sehr böser Dämon, der mich jedesmal ergreift, wenn ich das Kathe-
der besteige, und ich bin so schwach, daß ich ihm unbedingt nachgebe. Da
die Regierung nichts gegen mich zu wagen scheint, so wäre es sehr gut,
wenn Sie Mittel und Wege fänden, mich in der Leipz [iger] Allg[emeinen]

@ Zeitung und in der Augsburger öffentlich anzuklagen. Leider scheint
die preußische Regierung in diesem Falle ganz gegen ihre sonstige
Weise zu heucheln. Öffentlich gibt sie sich durch ihre Zeitungsbedienten
den Schein, als unterdrücke sie das Laster, und im geheimen läßt sie
dasselbe nur noch frecher auftreten und sich ausbreiten. Sie hat so sehr

x reüssiert, daß in Berlin niemand glauben wollte, daß ich wirklich lese.
Tun Sie also ja Ihre Christenpflicht und warnen Sie die Regierung vor
den Resultaten ihrer Schwäche. Sagen Sie es den hohen Herren, daß man
es sehr bedenklich fände, daß einem so bösen‘ Dämon Raum gegeben

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