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(54) 1842 März 20
Nur das kann ich Dir melden, wenn Dir Ruge nicht geschrieben hat,
daß die Sachen sich sehr schnell entwickeln und das Verbot der Jahr-
bücher — aber sprich mit niemandem davon — täglich zu erwarten ist.
Die Jahrbücher sind tot und es muß eine neue Ära in dieser Angelegen-
heit beginnen. Die Anekdota sind notwendig und müssen fortgesetzt 6
werden, aber sie können nicht allein die Sache machen. Es bedarf neuer
Formen und Mittel und Wege. Schon der Titel Anekdota, der aber
treffend ist und wiederum Ruges Takt beweist, zeigt das Interimistische
an. Doch kein Mensch kann bestimmen, wie lange das Interimisticum
dauert. Die Ereignisse, die aber noch bevorstehen, müssen es lehren. 10

Da nun einmal meine Suspension entschieden ist, so werde ich bei
der ersten besten Gelegenheit, oder sobald ich etwas Offizielles erhalten
habe, Bonn verlassen und mich nach Berlin oder einen Ort begeben, wo
ich meinen Prozeß besser führen kann als hier. Ich werde mich nach
Osten begeben, nicht um mich zu orientieren, denn das kann man auch 15
ohne solche Reise, sondern um zu sehen, ob es möglich ist, andere Leute
zu orientieren.

Bonn, den 16. 3. 42.

54. Marx an Arnold Ruge in Dresden; Trier
[1842] März 20
Original: Marzx-Engels-Institut, Moskau, -— Gedruckt in: Documente des Socialismus I
(1902), pvp. 387
Trier, den 20. März.
Lieber Freund!

Die Novizen sind die Frömmsten, wie Sachsen ad oculos be-
weist,

Bauer hatte einmal in Berlin eine ähnliche Szene mit Eichhorn,
wie Sie mit dem Minister des Innern. Die oratorischen Figuren
dieser Herrn sehn sich so ähnlich, wie ein Ei dem andern. Da- 30
gegen ist es eine Ausnahme, daß die Philosophie verständlich mit
der Staatsweisheit dieser hochbeteurenden Schurken spricht, und
selbst etwas Fanatismus schadet nichts. Nichts ist diesen welt-
lichen Vorsehungen schwerer glaublich zu machen als der Glau-
ben an die Wahrheit, und die geistige Gesinnung. Es sind so skep- ss
tische Staatsdandys, so routinierte Stutzer, daß sie nicht mehr an
wahre interesselose Liebe glauben. Wie soll man nun diesen
Rou6s beikommen, als mit dem, was droben Fanatismus heißt?
Ein Gardeleutnant hält einen Liebhaber, der ehrliche Absichten
hat, für einen Fanatiker, Sollte man darum nicht mehr heiraten? @
Es ist merkwürdig, wie der Glaube an die Vertierung der Men-
schen Regierungsglauben und Regierungsprinzip geworden ist.
Doch das widerspricht der Religiosität nicht, denn die Tierreligion
ist wohl die konsequenteste Existenz der Religion, und vielleicht

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