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72. Arnold Ruge an Marx in Köln; Dresden 1843
Februar 1
Original: Archiv der Sozialdemokratischen Partei, Berlin
Dresden, 1. Febr. 1843.

Ihr Brief, lieber Freund, brachte mir die erste Nachricht von dem
neuen Schritt zur Selbstkastrierung des deutschen Geistes,

[ch setzte mich gleich nieder, Ihnen zu antworten, und war eben fertig,
als Wigand von Leipzig kam und mich an der Absendung hinderte, Die
Sache ist nämlich diese. Ich griff Ihren Vorschlag, den Boten zu redi-

‚o gieren, gleich lebhaft auf und wollte eben an Herwegh schreiben, daß
ich dies Anerbieten für ihn und Fröbel gleich wünschenswert fände;
denn ich hätte schon früher daran gedacht, ob nicht Prutz den Boten
mitredigieren und Herwegh beistehen sollte, da Herwegh allein die
Sache doch vielleicht etwas zu schweizerisch anfangen möchte, Er hat

5 die deutsche Schule weder literarisch noch philosophisch gründlich genug
durchgemacht, Prutz dagegen ist ein literarisches Talent, wenn ihm auch
das philosophische abgeht. Prutz antwortete mir auf meinen Vorschlag,
den ich einseitig als Projekt aussprach, nicht, weil er mich heute in
Leipzig erwartete. Ich bin nun aber durch ein Geschäft behindert und

% habe daher Wigand mit allem beauftragt. Wigand selbst meint nun, es
wäre gut, wenn Prutz nach Zürich ginge, und Herwegh würde am Ende
gern mit Prutz zusammen operieren. Dagegen will Wigand die
Jahrbücher gern in der Schweiz fortsetzen und
meint, es könnten die beiden Journale sehr gut

% nebeneinander bestehn, wie sie es ohne das Verbot auch
gemußt hätten. Dies leidet keinen Zweifel. Nur müssen wir die Jahr-
bücher umtaufen und wirklich umändern in ein ähnliches Institut wie die
Revue independante, die mit vielem Geist redigiert wird, versteht sich,
daß wir keine Romane hineintun. Ich schlug also Wigand vor, mit
Ihnen zusammen dies Unternehmen zu redigieren und es so einzurichten,
daß Sie wenigstens 100 Louisdor (550 Taler Courant) davon hätten als
Redaktionsanteil, ungerechnet das, was Sie schreiben.

Ich denke nämlich, wir können im ganzen den Etat der Jahrbücher
beibehalten und auf einen weit stärkeren Absatz rechnen, sobald wir die

# Politik und Publizistik durchgreifend traktieren und zugleich das Dok-
trinäre gänzlich über Bord werfen. Können Sie nun mit 550 oder
600 Talern fixes Einkommen ausreichen? Daß Sie mehr als 250 Taler an
Schriftstellerhonorar erschwingen sollten, ist nicht wahrscheinlich, we-
nigstens gehört ein außerordentlicher Fleiß dazu, um es höher zu bringen.

1 Im besten Fall also gewährt die Sache für den Anfang 850 Taler.
Könnten wir es zu einem populären Aufschwunge bringen, so wäre noch
durch Erhöhung des Schriftstellerhonorars ein Zuschuß zu gewinnen.

Der Etat der Jahrbücher war 15 Bogen den Monat = 180 Bogen.

Redaktionshonorar 180 Louisdor, Schriftstellerhonorar 360 Louisdor.
6 Das erstere ist nie ganz gezahlt worden, weil wir nie über 600 Abnehmer
gehabt haben. Im letzten Jahre hat Wigand 429 Taler für die Redaktion,
in den vorigen 200 gezahlt. Erst im sechsten Jahre wollte er die ganze
Summe zahlen. Die Chancen für unser Proiekt sind aber bei weitem besser.

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