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(83) 1843 Aug. 11
daß ich und Sie als reine Geschäftsleute sollten behandelt und kon-
zessioniert werden; darüber und ebenso über die unübersteiglichen
Schwierigkeiten auch für einen dritten Fremden sind hier. alle Politiker
und Geschäftsleute, die ich gesprochen habe, vollkommen einverstanden.
Das tut aber nichts: wenn wir nur Geld haben, so wird es uns sehr leicht
werden, vornehmlich „Bücher“, soviel wie wir wollen, zu drucken. Im
ganzen ist meine bisherige Erfahrung eine erfreuliche, und bleibt sie in
dieser Richtung, so behalten wir mutatis mutandis mit unserer ursprüng-
lichen Ansicht der Sache recht. Die Elliot denk’ ich heute zu besuchen,
Leroux ist hier, Proudhon in Besancon. Proudhon hat ein neues dickes 10
Buch, ein förmliches System ediert: Creation de l’ordre dans l’humanite,
ou Principes d’organisation politique. Das Systematische und Kate-
gorische ist sehr schwach: dagegen ist er sogar gegen die Religion radikal.
Er beginnt mit ihrer Negation, und die bisherige Philosophie nennt er
Sophistik, der er die Science entgegensetzt. Ich bin noch nicht weit %
gekommen mit Lesen: sehe aber wohl, daß seine Praxis besser ist als
seine Logik und sein Aberglaube an eine absolute Systematik,

Hess ist mit mir zurückgereist und wohnt über mir in dem Hotel de
la Gironde rue quinze vingt Rivoli. Hess ist etwas schwerfällig und ohne
Formsinn: sonst hat er praktischen Verstand. Ein großer Autor wird er 20
schwerlich werden: doch muß man es ja wünschen, denn il faut faire
peur. Lesen Sie die Beilage, die, etwas von Hess korrumpiert und dadurch
allerdings verbessert, in der Kölnischen Zeitung von ihm abgedruckt war.

Das Bluntschlische Buch hat Ihnen Fröbel wohl geschickt.

Hier habe ich den alten Cabet gesehn, einen schlauen und sehr ver- 25
ständigen Advokaten, einen Menschen, der sich keine Illusionen macht und
über alles mögliche mit vielem Takt urteilt. Er hörte eifrig meine Mit-
teilungen über Deutschland und unsere papierne Entwicklung, er sprach
die einfachen Gedanken des Humanismus in allen Sphären, des jetzt erst
entdeckten Humanismus, mit der entschiedensten Übereinstimmung aus: 3
was der Deutsche mühselig erwirbt, dem Franzosen kommt es über Nacht.
Der Mann hat mich sehr interessiert, und auch er seinerseits ertrug mich
und mein schlechtes Französisch mit großer Ausdauer.

Politiker von Profession hab” ich noch nicht gesehn. Die Bastillen
werden eifrig beirieben; doch scheint mir das eine große Dummheit zu 36
sein, um so mehr, als niemand daran glaubt, daß die ganze kolossale
Arbeit wirklich fertig werden wird. Das Gewühle in dem Kalk- und
Lehmboden vor dem Tor, wo wir einpassierten, macht einen wider-
wärtigen Eindruck.

Grüßen Sie Ihre Frau freundlich von mir. Nächstens schreib’ ich 4
mehr. Übrigens scheint es hier nicht teurer zu leben zu sein als in Brüssel.
Ein Bremer Kaufmann hat sich hier ein Haus und Garten für 16 000
Francs in der Vorstadt gekauft, und das Haus, sagte er mir, enthielte
vierzehn Zimmer, In-Brüssel kostet eine Wohnung jährlich 1000 Frances

Miete, Leben Sie wohl!
<d3
Ihr Arnold Ruge.