(86) 1843 Okt. 25

berufenen Gegner Schellings. Ihr Kampf mit ihm ist der Kampf
der Imagination von der Philosophie mit der Philosophie selbst. .
Ganz der Ihrige

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Dr. Marx.

86. Ludwig Feuerbach an Marx in Kreuznach;
Bruckberg 1843 Oktober 25
Das Konzept gedruckt bei K. Grün, Ludwig Feuerbach in seinem Briefwechsel und Nach-
Jaß, I, p. 401—403
Original: Archiv der Sozialdemokratischen Partei, Berlin
[Das Konzept]

„.. Sie haben alles angewandt, was einen so schwer vom Innern
zum Äußern übergehenden Schriftsteller, wie ich, animieren kann. Aber
dessenungeachtet kann ich wenigstens für die nächste Zeit, so aufrichtig
leid es mir auch tut, Ihrer Aufforderung nicht entsprechen. Seit dem im

April 1. J. plötzlich erfolgten Tode meines Bruders war ich im Depar-
tement der auswärtigen Angelegenheiten. Jetzt, wo ich wieder in die
Kammer des Innern gekommen bin, ist mir eine ernste, immanente Tätig-
keit unerläßliches Bedürfnis, und folglich psychologisch unmöglich, auf
aine so wesenlose, eitle, transitorische Erscheinung wie Schelling

» meinen inhaltsbedürftigen Geist zu richten. Wo nicht die äußere Not-
wendigkeit mit der innern zusammenfällt, da kann ich nichts tun, nichts
leisten. Wo ich keinen Gegenstand vor mir habe, da kann ich auch keinen
Gegensatz bilden.

Aber zu einer Charakteristik Schellings ist auch keine Notwendigkeit

» vorhanden. Schelling verdankt seinen Ruhm lediglich seiner Jugend.
Was andere erst im Mannesalter erreichen mit Kampf und Mühe, das hatte
er schon in der Jugend erreicht, aber eben deswegen auch seine Mannes-
kraft erschöpft. Wenn andere am Schluß ihres tatenreichen Lebens sagen
konnten: was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle,

» so kann der Herr v. Schelling umgekehrt sagen: Was ich im Alter wünsche,
das hatte ich in der Jugend in Fülle — Ehre, und was mehr ist als Ehre,
Namen, das Vertrauen anderer zu mir und meinem Talente.

Schelling ist nicht nur von ander gerichtet, er hat sich selbst ge-
richtet, sich selbst prostituiert. Das nicht zu Erklärende ist, wie er zu
diesem Ruhm gelangte, dem Ruhm eines Genies, einer Originalität und
Produktivität, da er doch nur die Gedanken anderer wiedergegeben hat. Er
ist mehr geworden durch andere als durch sich, wie er heute noch ist
durch andere. Sein letztes Los entscheidet über sein früheres. Erkennen
wir den Grund, wie er jetzt noch im ponieren kann, so haben wir

+ auch den Grund gefunden, wie er einst imponieren und seinen früheren
Leistungen eine Bedeutung beimessen konnte, die weit über die Grenzen
der Wahrheit geht. Denn er hat auch damals nur den Idealismus des
Gedankens in den Idealismus der Imagination verwandelt, den
Dingen ebensowenig Realität eingeräumt als dem Ich, nur daß es einen