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es mir möglich, auch eine philosophische Eitelkeit gehörig ad coram zu
nehmen.

Ad coram? wie respektwidrig! Ganz richtig, aber ich habe auch
nicht den geringsten Respekt vor dem Herrn v. Schelling.
L. F.

[Der Brief]
Bruckberg 25. Okt. 43.
Hochzuverehrender Herr!

Sie haben mir die Notwendigkeit einer neuen Charakteristik Schellings

‚o und zwar angesichts der Franzosen auf eine so geistreiche und eindring-
liche Weise vorgestellt, daß es mir herzlich leid tut, Ihnen erwidern zu
müssen: Ich kann sie jetzt wenigstens nicht liefern. Sie schließen aus einer
Anmerkung in der Vorrede zum Christent [um] : ich beschäftigte mich mit
einer Schrift über Sch[elling]. Allein ich meinte die Schrift Kapps, den
5 ich nur deswegen nicht nannte, weil ich nicht wußte, ob er sich selbst als
Verfasser nennen würde. Seit dem April d. Js., da ich diese Vorrede ge-
schrieben und ein plötzlicher Tod einen alten Bruder dahin gerafft hat,
habe ich nicht den Schriftsteller, nicht den Philosophen, sondern den
Stellvertreter des Verstorbenen, den Juristen — eine bisher mir ganz unge-

zo wohnte Rolle — spielen müssen. Eben war ich wieder zu mir selbst zurück-
gekehrt und im Begriffe, mich auf eine ernste schriftstellerische Arbeit vor-
zubereiten, als ich Ihr verehrtes Schreiben erhielt. Es machte auf mich
einen solchen Eindruck, daß ich trotz meines Verlangens nach einer meinem
innersten Berufe entsprechenden Tätigkeit willens war, Ihrer Aufforde-
% rung zu folgen und den Philosophen der Eitelkeit ad coram zu nehmen.
Wirklich nahm ich auch in diesem Willen die von Paulus edierten und
glossierten Berliner Vorlesungen, die längst unangesehen auf meinem
Lesetische lagen, zur Hand und brachte es über mich, dieses Non plus ultra
absurder Theosophistik von Anfang bis zu Ende durchzugehen. Aber als

;o ich nun die Feder ergriff, da scheiterte der gute Wille an dem Mangel
innerer Nötigung, und ich mag machen was ich will, was sich mir nicht
aus innerster Notwendigkeit aufdrängt, das kann ich zu keinem Gegen-
stand schriftst [ellerischer] Tätigkeit machen. Sch[elling] zu charakteri-
sieren d. h. zu entlarven, ist nach dem, was in neuester Zeit von Kapp und

5 andern geleistet wurde — nichts zu erwähnen von mir, der ich schon in
der Rezension von Stahl seine letzte apokalyptische Posse ins gehörige
Licht gesetzt habe — keine wissenschaftliche, sondern nur noch eine poli-
tische Notwendigkeit. Sie selbst sagen trefflich: Die apokalypt[ische]
Posse ist die preuß [ische] Politik sub specie philosophiae, und nennen

go den theosophistischen Gaukler das 38ste Bundesmitglied und belegen dies
mit einer höchst ergötzlichen Tatsache. Wir haben es also hier mit einem
Philosophen zu tun, der uns statt der Macht der Philosophie die Macht der
Polizei, statt der Macht der Wahrheit die Macht der Lüge und Täuschung
vergegenwärtigt. Aber ein solches widerspruchsvolles, widerwärtiges Sub-

15 jekt fordert zu seiner adäquaten Behandlung auch eine adäquate Geistes-
stimmung. Das überhaupt, was man für absolut richtig erkannt und als
solches bereits direkt und indirekt erwiesen hat, das also, was einem gar