163 kräfte nicht mehr so überschätzen dürfen, wie es früher ge- schehen ist. Denn die alte Lehre, die besonders durch Inama- Sternegg und Lamprecht noch vertreten wurde, ja wie wir früher gesehen haben), heute noch von hervorragenden Wirt- schaftshistorikern doch geteilt wird (H. Pirenne), nahm Ja an, daß es früher keinen nennenswerten Handel und auch keine Städte gegeben habe. Sie sieht im ganzen beide als eine Neu- bildung, bzw. Renaissance, eben dieser Zeit vom 10. bis 12. Jahr- hundert an. Waren aber schon in der Karolingerzeit Städte und ein be- trächtlicher Handel vorhanden, wie oben dargelegt worden ist®*), so können auch die Wirkungen dieser Faktoren nicht als so grundsätzlich und umwälzend angesehen werden, wie dies bisher geschehen ist. Gewiß hat das Städtewesen in Deutschland zuge- nommen und diese Zeit zahlreiche Neugründungen zu verzeichnen. Wie das Deutsche Reich in seiner politischen Entwicklung sich nach Osten hin, nach Norden und Süden ausdehnte, so hat auch der Handel immer mehr sich entfaltet und ebenso wie auch die militärischen Anlagen (Burgen) zur Entstehung neuer Städte und Märkte Anlaß geboten. Dadurch ist ohne Zweifel auch die Geld- wirtschaft ausgebreitet worden und hat ganz andere Dimen- sionen gewonnen als früher. Es wäre aber m. E. grundfalsch, sich diese Städte in jener Periode (ıo. bis 12. Jahrhundert) allesamt als Zentren einer ausgesprochenen Geldwirtschaft vor- zustellen. Wir müssen vielmehr gerade die Neugründungen sehr nachdrücklich von den älteren Städten unterscheiden, welche schon in der Karolingerzeit vorhanden waren und damals einen beträchtlichen Handel aufwiesen. Ebendort hat sich das „Kaufleuterecht“ entwickelt, das im 10. Jahrhundert schon einen bestimmten Inhalt hatte, derart, daß der König dasselbe auch an neuere Städte verleihen und sie damit bewidmen konnte Selbst in diesen großen und alten Städten waren verschiedene Grundherren begütert, geistlich wie weltlich. und hatten abhängige %) Vgl. oben S. 145. 4) Vgl. oben S. 122 £. %) Vgl. Waitz VG. 5% 395 sowie 399 und dazu meine Bemerkungen in Wirtschaftsentwicklung d. Karolingerzeit 2%. 132 ff.