<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Naturalwirtschaft und Geldwirtschaft in der Weltgeschichte</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Alfons</forname>
            <surname>Dopsch</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1824546017</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>22 
Verfallserscheinungen des Römerreiches zu sprechen, sondern auch 
das Auftreten der germanischen „Barbaren“; diesen viehzüchtenden 
Halbnomaden der Völkerwanderungszeit war eben das Geld noch 
fremd. Nicht wenige Nationalökonomen und auch Historiker 
wollten dann diesen Rückfall in die Naturalwirtschaft gar durch 
viele Jahrhunderte, bis auf Karl d. Gr., fortdauern lassen**), ja 
man spricht ziemlich allgemein von dem Frühmittelalter als einer 
Zeit reiner Naturalwirtschaft. 
Aber auch für die sog. Neuzeit, welche man im ganzen als eine 
Periode der Geldwirtschaft zu charakterisieren pflegt, hat Karl 
Lamprecht eine allgemeine naturalwirtschaftliche Reaktion in der 
2.Hälfte des 16. Jahrhunderts angenommen, die ganz Mitteleuropa 
betraf und von außen her vor allem durch die Verschiebung 
des internationalen Handels an die europäischen Westküsten 
bedingt ward®?). Auch da ein Zusammenbruch der Geldwirtschaft 
und als Folge ihres Überwucherns der Rückfall in die Natural- 
wirtschaft. 
Lamprecht sieht in diesem Wiederauftreten der Naturalwirt- 
schaft ein nationales Unglück und meint, in diesem „unglückseligen 
Zustand“ geradezu den Grund zu erkennen, welcher „unsere 
Fürsten auf viele Menschenalter hin den Tributzahlungen der 
westlichen Geldmächte, Frankreichs, Hollands, Englands, nur zu 
geneigt gemacht hat“. 
Als Ursache fürıdiese Herabdrückung „auf das Niveau einer 
spätmittelalterlichen Naturalwirtschaft“ betrachtet er den Verlust 
der Weltmachtstellung Deutschlands im Handel. Die Beherrschung 
seiner Küsten, ja seiner wichtigsten Flußgebiete kommerziell durch 
Holland, handelspolitisch durch Schweden. Der Fall des aus- 
wärtigen Handels zog den des Binnenhandels nach sich, die Kauf- 
mannschaft liegt darnieder, die Landstraßen veröden. 
Die Besoldungen konnten jetzt wiederum fast nur noch in 
Naturalien, in einzelnen Territorien auch in Bergwaren (Salz, 
Metallen, Hüttenprodukten) gewährt werden; in Brandenburg hat 
noch unter dem großen Kurfürsten jede mehr geldwirtschaftliche 
Gehaltszahlung gestockt. Und auch die Fürsten selbst sehen wir in 
81) So Max Weber a. a. O.. ebenso W. Sombart, Der moderne Kapita- 
lismus 1%, 94: 
82) Deutsche Geschichte 5°, 5, Einleitung (1921).</div>
    </body>
  </text>
</TEI>
