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        <title>Die drei Nationalökonomien</title>
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            <forname>Werner</forname>
            <surname>Sombart</surname>
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        INS
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        SOMBART
DIE DREI NATIONALOÖKONOMIEN
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        WERNER SOMBART

DIE
DREI NATIONALÖKONOMIEN

Geschichte und System der Lehre von der Wirtschaft

Qui bene distinguit, bene docet

A
‚Ve

MÜNCHEN UND LEIPZIG 4950
VERLAG VON DUNCKER &amp; HUMBLOT
        <pb n="7" />
        Copyright by Duncker &amp; Humblot
Verlaysbuchhandlung, München 41929

A 19302,
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FO
N

Pierersche Hofbuchnruckerei Stephan Geibel &amp; Co.. Altenburg, Thür,
        <pb n="8" />
        INHALTSVERZEICHNIS

ERSTER TEIL:
Seite
Der heutige Zustand der Nationalökonomie

Erstes Kapitel: Die Unbestimmtheit des Gegenstandes. . ......-
Zwei Begriffe: Wirtschaft 8.1. Wirtschaft in formaler BestimmtheitS. 2;
rationalistischer oder sensualistischer Prägung S. 3. Wirtschaft in
materialem Sinne S.5. Andere Abgrenzungen des Begriffes Wirtschaft S. 6.
R. Stammler S. 6. O0. Spann S. 7.

Zweites Kapitel: Die Unbestimmtheit der Erkenntnisweise. .....
Verschiedene „Richtungen“ der Nationalökonomie S. 8. Undisziplinierte
Gliederung des Stoffes S. 9. Bestimmungen der Richtungen unter außer-
wissenschaftlichen Gesichtspunkten S. 9. Dogmengeschichten derNational-
ökonomie S. 9.
Drittes Kapitel: Die Unbestimmtheit der Namengebung . ....
Verschiedene Bedeutungen des Wortes Economie S. 14; des Wortes
Economy 8. 14; des Wortes Wirtschaft 8. 15. Schwankende Bezeichnung
der Wissenschaft von der Wirtschaft S. 17. Das Wort Nationalökono-
mie 8. 18. — Plan des Buches 8. 19.

ZWEITER TEIL:
Die drei Nationalökonomien
Erster Abschnitt:
Die richtende Nationalökonomie
Viertes Kapitel: Die Erkenntnisziele der richtenden Nationalökonomie 21
Die Nationalökonomie als Normwissenschaft S, 21. Unterscheidung
yon ..praktischer“NationalökonomieS.21 und teleologischerBetrachtungs-
weise 8.21. Inhalt der Gesamterkenntnis: die „richtige Wirtschaft“ 5,22,
Warum „richtende“ Nationalökonomie? S. 23. Die drei Systeme dieser

N ationalökenomie S. 283.

Fünftes Kapitel: Die Vertreter der richtenden Nationalökonomie und
ihre Lehre . ......00 00000000 0 0 WR HK en
NE

a) Aristoteles .
Gesamteinstellung des Aristoteles zur Wirtschaft S. 24. Unter-
scheidung zweier wirtschaftlicher Tätigkeiten und Lehren davon 8. 25,

D4

24
24
        <pb n="9" />
        b) Die Hochblüte der Scholastik ...... ‚25
Die Lehre von der Wirtschaft ist theonom S. 25. Das Naturrecht
3. 26. Die richtige Wirtschaft S. 26. Idee des Universalismus 8.27.
Die Berufsidee 8,27, Die Bestandteile der richtigen Wirtschaft 5.27.
Die Humanisten und die Reformatoren 8. 29.
co) Die Scholastik im 19. Jahrhundert. ..........
Die Romantiker, insbesondere Adam Müller S. 29. Vte Alban de
Villeneuve-Bargemont S. 31. Wiedererweckung der Scholastik
8.32. Matteo Liberatore 8. 32. Charles Henry Xavier Pärin 8, 35.
Georg Ratzinger S. 35. Othmar Spann S. 36.

2.Die Harmonisten...... 42
Was heißt: sozialer Harmonismus? S. 38. Die Metaphysik der Auf-
klärung 8.89. Die Lehre von der natürlichen Ordnung (ordre naturel)
S. 40. Die Physiokraten S. 40. Rechtfertigung der liberalen Wirt-
schaft 8. 41. Adam Smith S, 42. Frederic Bastiat S. 42. Die hedo-
nistische Schule S. 43. Rechtfertigung der sozialistischen Wirtschaft
8.43. Eugen Dühring S. 44. Franz Oppenheimer 8. 44.

3.Die Rationalisten. ..... 0
Begriff des sozialen Rationalismus 8.45. Seine Begründung durch die
deutsche Philosophie S. 46. Kant 8. 46. J. G. Fichte 8. 47. Hegel
3. 49. H. Ahrens S. 50. Einfluß des sozialen Rationalismus auf die
Vertreter der nationalökonomischen Fachwissenschaft S. 52. Schüz
S, 53. Julius Kautz 8. 53. Heinrich v. Thünen S. 55. Andere Vertreter
dieses Standpunkts S. 56. Der deutsche Kathedersozialismus S. 56.
Sechstes Kapitel: Die Erkenntniswege der richtenden Nationalökonomie 57

1L.Die Begründung der richtenden Nationalökonomie
durch ihre Vertreter ....0.....0.0.0..0.0.1.... 57
Vier Beweise: der logische 8.58; der erkenntnistheoretische 8.59: der
ontologische S. 60; der pragmatistische S, 63.

2.Kritik...... LEERE NM € ww ns www
Widerlegung des logischen Beweises S. 64. Wieistrichtende National-
5konomie möglich? 8. 64. Erkenntnis, die Zwecke und Werte zum
Gegenstande hat S. 65. Verdeutlicht am wirtschaftlichen Handeln
S. 66. Verschiedene Möglichkeit einer „richtigen“ Wirtschaft 8. 67.
Alle Systeme der gesollten Wirtschaft haben ein gesellschaftliches
Idealzur Voraussetzung 8.69. Unzulänglichkeit desErfahrungswissens
S. 69; des Evidenzwissens S. 70, Die Beweisführung Spanns 8. 72,
v. Gottls 8, 73 ist nicht stichhaltig. Ebensowenig Kants erkenntnis-
theoretischer Beweis 8. 74.
3, Wie ist richtende Nationalökonomie möglich? ....
Pluralismus der Erkenntnisweisen 8. 78. Begriff der Metaphysik S. 78.
Die philosophische Erkenntnis ist persongebunden S. 80; wird durch
Lehre übertragen 8. 80; ist relativistisch S. 81. Die Metaphysik ist
der Erkenntnisweg der richtenden Nationalökonomie S. 82. Wert-
urteile 3. 83.

Tr
        <pb n="10" />
        Zweiter Abschnitt:
Die ordnende Nationalökonomie
Seite
Siebentes Kapitel: Die Entstehung der modernen Wissenschaft... . 85
2 85

1.Die Zersetzung der europäischen Kultur. ...-.
Die Verweltlichung des Lebensstils S. 85. Die Umgestaltung der
Lebensformen S. 86. Das Auseinanderbrechen der alten Einheits-
kultur S. 86. Erwachen des Interesses an den Dingen dieser Welt 8.88.
2 Das Wesen der modernen Wissenschaft. .......

l. Die Verweltlichung des Wissens: äußert sich in der
Begründung des Wissens 8, 88; in der Zwecksetzung des Wissens
8.89; Auffassung Bacons und Descartes’ S. 89; in der Abgrenzung des
Gegenstands der Erkenntnis S, 91. Aufkommen der Statistik S. 91.
Das Reich der „idealen Geltungen“ S, 91, Die Fiktionen 8. 92. Zu-
sammenhang der Wendung zum Nominalismus mit der Auflösung der
alten Gebundenheiten S. 93.
2. Die Differenzierung des Wissens 5. 4. Entstehen von
Teilwissenschaften S. 94, Entpersönlichung = Versachlichung des
Wissens 8. 94, parallel mit der Zerschlagung der komplexen Hand-
werkerarbeit in die Teilverrichtungen der modernen Industrie 8. 95.
3. Die Demokratisierung des Wissens 8. 95. Die moderne
Wissenschaft erstrebt Allgemeingültigkeit ihrer Erkenntnisse S. 95,
Damit gegeben das Erfordernis der Allgemeinübertragbarkeit S. 96.
Die Wissenschaft bleibt im Bereiche des Erfahrungs- und Evidenz-
wissens 8.97, Namengebung 8. 97.

3 Die Entstehung einer selbständigen National-
ökonomi8. ...0.0. +0... NK sn
Gründe ihrer Entstehung 8.97. Die merkantilistischen Schriften 8.98.
Ablenkung der nationalökonomischen Forschung in eine andere
Richtung durch Aufkommen einer neuen Methode. S. 99.

44

37

Achtes Kanitel: Das Wesen der Naturwissenschaft . .

39

1.Die Eigenart des naturwissenschaftlichen Denkens
und. die Methode der exakten Naturwissenschaften
insbesondere. . ... “hm ME
Oberstes Ziel des naturwissenschaftlichen Erkennens: Allgemein-
gültigkeit seiner Ergebnisse S. 99. Darum: Entzauberung 8. 100, Ent-
gottung S. 101, Entwesung 3. 102 der Natur. Statt dessen : Elementari-
sierung S. 104; Quantifizierung S. 105; Mathematisierung 8. 106. Die
Ordnungsprinzipien der Naturwissenschaften: die Allgemeinbegriffe
8. 107; der Strukturbegriff S. 107; der Gesetzesbegriff S. 108.
2,Die Ausdehnung des naturwissens chaftlichen Denkens
auf Seeleund Geist. ..0.0.00.0000 0010000444. 110
Die Assoziationspsychologie S. 110. Die EthologieS. 110. Begründung
einer Geschichtslehre mit Hilfe dieser Gedanken durch W. Wundt
S. 111.
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        Seite
3.Der Erkenntniswert des naturwissenschaftlichen
Denkens U
Verzicht auf Wesenserkenntnis S. 112, Begriff Wesen S. 113. Natur-
gesetze entbehren der Notwendigkeit S. 114. Ansichten der Logiker
S. 114; der Naturforscher S. 115. Das Wesen der Natur ist für die
Wissenschaft unerkennbar S, 116. Was sie erreicht, ist die Einsicht in
die Regelmäßigkeit identisch wiederkehrender FälleS. 118, Bedeutung
dieser Einsicht 8. 118.

Neuntes Kapitel: Die Anwendung des naturwissenschaftlichen Denkens
auf die Nationalökonomie .............. ‚7. 119
L.Die wissenschaftliche Einstellung der ordnenden
Nationalökonomi® . 000 N]
Vertreter der ordnenden Nationalökonomie 8. 120. Sie treiben Wissen-
schaft S. 121; sind erkenntnistheoretische Monisten S. 121; erblicken
in den exakten Naturwissenschaften das Ideal aller Wissenschaften
S. 122, Ihr Endziel: Auffindung von „Gesetzen“ im Sinne der Natur-
vesetze S. 124.
2,.Die Methode der ordnenden Nationalökonomie. ...
Auffindung einfacher, berechenbarer und meßbarer Tatsachen S. 125.
Subjektivisten S. 127. Objektivisten S. 128. Relationisten S. 128.
Ordnungsprinzipien: der Substanz = „Wert“begriff S. 123; das
„System“ S, 180; der Gesetzesbegriff S. 130. Die „Wirtschaftsgesetze“
W. Wundts 8. 131. Der Gesetzesbegriff bei Mill S. 130, 133; bei Menger
S. 133. Kausalgesetze S. 135, Funktionsgesetze S. 135. Die Methode
der Ecole de la Science sociale S. 136. Ergebnis S. 136.

3.Der Erkenntniswert der ordnenden Nationalökonomie 137
Die Erkenntnisbreite S. 137. Die Erkenntnistiefe S. 138, Leerlauf
dieser Forschungsweise S. 139.

Dritter Abschnitt:
Die verstehende Nationalökonomie
Zehntes Kapitel: Die Vorgeschichte der geistwissenschaftlichen
Nationalökonomie. . .. 21 140
l.Die heterodoxe Nationalökonomie. ..........
Die Gegner der „klassischen“ Nationalökonomie 8. 140. Die Stärke
ihrer willensmäßig-weltanschaulichen Gründe S. 141; die Schwäche
ihrer wissenschaftlichen Stellung S. 141. R. Schüller S, 141. Unberech-
tigte Vorwürfe gegen die „Klassiker“: 1. Vorwurf des Materialismus,
des Chrematismus, der Rechenhaftigkeit S. 148. 2, Vorwurf des
Atomismus und Individualismus S. 144, Verschwommene Begriffe der
Ganzheit und des Individualismus S. 146. 3. Vorwurf des Absolutismus
der Lösungen S. 147, 4. Vorwurf der Isolierung der wirtschaftlichen
Erscheinungen $. 149, 5. Vorwurf der statischen Betrachtungsweise

140

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        Seite
S, 150. 6. Vorwurf der Unzulänglichkeit des Erfahrungsstoffes S. 151.
Auch die Gegner, insbesondere die Vertreter der „historischen Schule“,
denken naturwissenschaftlich S. 151. Sieg Mengers im „Methoden-
streit“ S. 154. Das Urteil Diltheys und des Grafen York. S. 155.
2. Hilfe aus fremden Lagern. ........ 2...
Vater der modernen Geistwissenschaften: J. B. Vico S. 156. Seine
Stimme bleibt ungehört S. 157. Herausbildung einer geistwissen-
schaftlichen Methode: Geschichte des „Verstehens“ S, 157. Die naive
Periode 8. 157. Die kritische Periode S. 158. Die aufbauende Periode
S. 160.

Z.Abwege.........
Drei irrtümliche Betrachtungsweisen hindern den Aufbau der Geist-
wissenschaften: 1. der Psychologismus 8, 162; seine Widerlegung
8.166; 2, der Historismus S, 167. Die falsche Antithese: idiographische
und nomothetische Betrachtungsweise S. 168, Ihre Gefahren S. 170;
3. der Teleologismus 8. 171. Mißverständlichkeit der Stammlerschen
Auffassung 8.171.

Elftes Kapitel: Die Stellung der Nationalökonomie im Kreise der

Wissenschaften ...., .- % 4 WM RE KM OR MW Mm
Die Nationalökonomie ist: 1, Erfahrungswissenschaft S. 174, 2, Kultur-
wissenschaft S. 174, also Geistwissenschaft 8. 175, Sie steht nicht „mitten-
inne“ zwischen verschiedenen Wissenschaften S. 175; 3. Sozialwissenschaft
8. 176, Die Unterscheidung zwischen „natürlichen“ und „sozialen“ Kate-
gorien S. 177, zwischen „ökonomischen“ und „soziologischen“ Richtungen
8.177. Die Nationalökonomie ist Soziologie S. 177.

155

161

173

Zwölftes Kapitel: Das System ..... 44 178
Bedeutung des Systems für die Wissenschaft S- 178; der Idee für das
System 8. 178. Begriff der systembildenden Ideen S, 179. Wahl der system-
bildenden Ideen S. 180.
1.DieGrundidee. 0.0...0.010.0000000 00000444 180
Die Idee der Wirtschaft. S. 181. Ihre Bestandteile S. 181. Wirtschaft
und Technik S, 182.

2.Die Gestaltidee .,... 1.004... 182
Aufgabe der Gestaltidee für den Aufbau einer Geistwissenschaft
8, 182. Die Idee des Wirtschaftssystems S. 184. Ihre Bestandteile
S. 184. Ihre Bedeutung für die Wirtschaftswissenschaft S, 185.
3.Die Arbeitsideen .......

Begriff der Arbeitsideen S. 185. Ideen zur Erfassung der Zuständigkeit
des Wirtschaftslebens; Ideen der Statik und Dynamik S. 186; Ideen der
Aktualität und Potenzialität S. 187; Idee der Entwicklung S. 188. Ideen
zur Erfassung der ökonomischen Verbundenheit: Ideen des Organismus
und Mechanismus 8. 188; Ideen der Gemeinschaft und Gesellschaft
8. 189; Ideen der Tauschgesellschaft und der Volkswirtschaft S. 189,
Die Wertideen S. 190.

„2... 185

X
        <pb n="13" />
        Dreizehntes Kapitel: Das Verstehen . .....-. +...
Vorbemerkung S. 191. Literatur S. 192.
1.Der Begriff des Verstehens .

Seite
‚ 191

198
Unterschied zwischen Erkenntnis der Natur und der Kultur S. 193,
Verstehen = Sinnerfassen S. 195. Verstehen = Wesenserkenntnis
S. 196. Überlegenheit dieser Erkenntnisart S. 196. Ihre Immanenz
8.197, Transzendenz und Immanenz des Erkennens $. 197. Wir er-
kennen nur das, was wir auch machen können 8. 199. Gleiches kann
nur durch Gleiches erkannt werden 8. 200. Behaviorismus S. 201.
Intuition S. 201. Metaphysik S, 204.

&gt; Die Arten des Verstehens .......0.00.0.0.0.0... + 206
a) Das Sinnverstehen. .
Begriff S, 206, Aufgaben: Das Verständnis der Ideen S. 206; das Ver-
ständnis der möglichen Bestandteile des Wirtschaftssystems 8, 206;
welches diese sind S. 206; das Verständnis der allgemeinen Kategorien
der Wirtschaft S. 208: welches diese sind S. 208.
b) Das Sachverstehen. . .....-- .... 216
Begriff S. 210. Alles Sachverstehen ist historisches Verstehen S. 210.
Sinnzusammenhänge sind: 1. Zweckzusammenhänge 8.211, 2. Stil-
zusammenhänge S. 211, 3, Beziehungszusammenhänge S. 214. Welcher

Art ist der Sinnzusammenhang: Volkswirtschaft? S. 214. Aufgaben

des Sachverstehens 8. 217. Wie Nationalökonomie entsteht S. 219.
co) Das Seelverstehen.. ....

Begriff S. 219. Unentbehrlichkeit der kausal- genetischen Be-
trachtungsweise auch für die Kulturwissenschaft S. 220. Die ab-
weichende Meinung O0. Spanns S, 220. Ihre Widerlegung 8.222. Ur-
sachen im Kulturgeschehen sind Motive menschlichen Handelns und
nur diese S. 223, Willensfreiheit — ein Apriori der Geistwissenschaften
S. 224. Begriff und Arten des Motivs S. 225. Problem des Fremdver-
stehens S. 226, Verstehen der Seele durch Geist S, 226 Begriff der
Wirtschaftsepoche 8. 228. Motivationstypen 8. 229.

— 918

3.Die Grenzen des Verstehens ......
Heterogonie der Zwecke S. 2380. Subjektive Unfähigkeit des Ver-
stehens S. 231. Die wirklichen Grenzen des Verstehens sind solche,
die dem Verstehen nach unten: 8.232 oder nach oben: S. 233 Schranken
setzen.

Vierzehntes Kanitel: Die Bereriffe ......

. 994

.Die Eigenart der kulturwissenschaftlichen Begriffs-
bildung 000000040004 0 0 WA a akku DM
Eine geistwissenschaftliche Logik fehlt S. 234, Die Begriffsbildung
in den Kulturwissenschaften erfolgt nicht durch Abstraktion, sondern
AÄureh Position 8. 236. Ihre Begriffe sind Wesensbegriffe S, 237,
        <pb n="14" />
        Erster Teil
Der heutige Zustand der Nationalökonomie
Erstes Kapitel
Die Unbestimmtheit des Gegenstandes

In der Wissenschaft, die der deutsche Volksmund seit jeher und
immerdar als Nationalökonomie bezeichnet hat, ist alles, was bestimmt
sein sollte, unbestimmt: sogar der Gegenstand, mit dem sie sich. be-
schäftigt. Und das ist wohl eine Eigenart, die sie mit keiner anderen
„Wissenschaft“ teilt und die nur die Philosophie mit ihr gemeinsam
hat: daß sie nicht weiß, wo sie sich auf dem Globus intellectualis be-
findet. Denn, soweit ich sehe, wissen das alle anderen Wissenschaften,
;o lebhaft umstritten auch sonst sie sein mögen. Gewiß bestehen
weitestgehende Meinungsverschiedenheiten in bezug auf Fragestellung,
Methode, Erkenntnisart etwa der Logik oder der Psychologie oder
der Geographie, um einige der strittigsten Wissenschaften zu nennen,
Aber es hat doch wohl noch niemand daran gezweifelt, daß die Logik
das menschliche Denken und nicht das menschliche Handeln, die
Psychologie das menschliche Seelenleben und nicht den menschlichen
Körperbau, die Geographie die Erde und nicht den Mond zum Unter-
suchungsgegenstand haben. Während in der Nationalökonomie in der
Tat eine solche Abgrenzung nicht besteht, man nicht weiß, ob sich
die Untersuchungen auf die Erde oder den Mond beziehen.

Diese schwarzseherische Auffassung scheint unberechtigt zu sein
angesichts der unzweifelhaft richtigen. Tatsache, daß jedermann die
Nationalökonomie doch als die Wissenschaft von der „Wirtschaft“
bezeichnet. Gewiß. Aber darum bleibt mein Urteil doch zu Recht be-
stehen, daß die Nationalökonomie keinen fest bestimmten Gegen-
stand hat, weil nämlich dieser durch den Begriff „Wirtschaft“ nicht
gegeben ist. Das Wort „Wirtschaft“ (ebenso wie &amp;conomie, economy,
economia) hat vielmehr sehr verschiedene Bedeutungen, unter denen
Sdomhart Die drei Nationalökonomien
        <pb n="15" />
        sich zwei vor allem unterscheiden lassen, die in der Tat nicht mehr
miteinander gemein haben als der große Bär im zoologischen Garten
und der Große Bär am Himmel oder das Schloß am Meer und das
Schloß an der Tür. Man vergegenwärtige sich etwa den Sinn, den das
Wort Wirtschaft in den Wendungen hat: „Wirtschaft, Horatio, Wirt-
schaft!‘ oder: „Verdammte Wirtschaft‘ oder: „Wirtschaft der Hand-
lung“ (in einem Drama) und stelle sie gegenüber dem Sinn des
Wortes in den Sätzen: „Die Wirtschaft des deutschen Volkes ist
krank“ oder: „Die Wirtschaft während des europäischen Mittelalters
war ständisch gegliedert‘, und man wird die völlige Verschiedenheit
der beiden Sinngebungen ohne weiteres einsehen. Wollen wir diese
bezeichnen, so werden wir etwa von einer formalen und von einer
materialen Bedeutung des Wortes Wirtschaft sprechen können.

In formaler Bestimmtheit drückt das Wort Wirtschaft ein be-
stimmtes menschliches Verhalten, eine bestimmte Art des mensch-
lichen Handelns, ein „„Wirtschaften‘‘, und davon abgeleitet: den dieser
bestimmten Art menschlichen Verhaltens entsprechenden Zustand aus.
Und zwar mit positivem oder negativem Wertvorzeichen. In der
Wendung „Wirtschaft, Horatio, Wirtschaft!“ soll eine „gute“ Wirt-
schaft, ein lobenswertes Verhalten, in dem Fluche: „Verdammte Wirt-
schaft!‘‘, „Lodderwirtschaft!‘‘ eine „schlechte‘“ Wirtschaft, ein
tadelnswertes Verhalten bezeichnet werden. „Es ist ...offenbar, daß
‘in diesem Verstande) das Ökonomische eine Beziehung des Subjektes
zum Objekte seines Wollens bedeute. Daraus folgt, heißt es.an dieser
Stelle in der dicksten Methodologie, die wir von unserer Wissenschaft
besitzen, dem Werke von H. v. Gans-Ludassy, weiter, daß wir eine
ökonomische Erscheinung als solche anzusehen haben, welche ihre
Eigenart der Beziehung des Subjektes zu den Objekten seines Willens
verdankt1.‘““ Die Wirtschaftslehre hat es „nicht mit Objekten, sondern
mit psychischen Erwägungen zu tun‘, meint Liefmann®. Dieses Ver-
halten, das „Wirtschaften“, kann nun wiederum unter einem doppelten
Gesichtspunkte bestimmt werden, was zu zwei verschiedenen Arten,
Nationalökonomie zu treiben, Anlaß geboten hat.
1 H. v. Gans-Ludassy, Die wirtschaftliche Energie. I, System der öko-
mischen Methodologie. 1893. S. 95.
? Robert Liefmann, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre. Band I. 1918.
        <pb n="16" />
        Entweder nämlich kann man an das menschliche Handeln den
Maßstab einer Maxime anlegen, das heißt es rationalistisch be-
urteilen und etwa sagen: Wirtschaften bedeutet Handeln nach dem
„ökonomischen Prinzip“, d. h. nach dem Grundsatz: erziele einen
Erfolg mit dem geringsten Aufwande, und kann dann etwa noch von
Wirtschaft sprechen, um einen Zustand zu bezeichnen, der diesem
Prinzip gemäß gestaltet ist, so etwa wenn man die Wendung ge-
braucht: „die Wirtschaft der Natur‘, wo das Wort Wirtschaft doch
offenbar zum Ausdruck bringen soll, daß die Anordnung oder die
Vorgänge in der Natur dem „ökonomischen Prinzip‘ gerecht werden.
Wirtschaft oder Wirtschaften bedeutet hier also ‚richtige‘“ Mittel-
wahl bei gegebenem Zweck.

Oder man kann unter Wirtschaften das einem bestimmten Inter-
esse dienende, nämlich das auf den höchsten Nutzeffekt ausgerichtete
Handeln verstehen, wobei man den „Nutzen“ meist dem Genusse oder
gar dem „Glücke“ gleichsetzt. Das Wort Wirtschaft bekommt hier
also eine psychologistische oder genauer: sensualistische
Prägung, „Das Einheitliche, was den wirtschaftlichen Handlungen
und Beziehungen der‘ Menschen und den Einrichtungen und Ver-
anstaltungen, die sie dafür geschaffen haben, zugrunde liegt, also das
[dentitätsprinzip der ökonomischen Wissenschaft (liegt) nicht in der
Sachgüterbeschaffung, sondern (beruht) in einer besonderen Art von
Erwägungen, die auf einem Gegenüberstellen und Vergleichen von
Nutzen und Kosten, rein psychisch aufgefaßt, mit dem Ziel eines
möglichst großen Nutzenüberschusses, Genusses beruhen?.‘ Es han-
delt sich hier also um Zweckwahl bei gegebenen Mitteln.

Beide Spielarten der formalistischen Auffassung von der Wirt-
schaft, sowohl die rationalistische als die sensualistische, haben An-
hänger gefunden, ohne daß alle sich der Tragweite ihrer Ansichten
bewußt geworden wären. Wir müssen uns nämlich klar darüber sein,
daß beide genannte Auffassungen mit Notwendigkeit dazu führen,
Jie Nationalökonomie zu einer Universalwissenschaft zu machen, weil
beide Grundsätze: „Handle nach dem ‚ökonomischen‘ Prinzip‘ und:
„Folge dem Nutzprinzipe“ ganz allgemeine menschliche Verhaltungs-
3 Robert Liefmann, a. a. O0. 5. 115.
        <pb n="17" />
        weisen ausdrücken. Nach dem „ökonomischen‘“ Prinzip handeln
(oder sollen nach der Meinung mancher Beurteiler handeln):
Maler oder Zeichner (Busch, Gulbranson), Dichter (Carl Stern-
heim, Georg Kaiser), „Philosophen“ (Avenarius, Ostwald), handeln
aber letzthin alle „vernünftigen“ Menschen in jedem Augenblicke,
wenn sie etwa auf dem kürzesten Wege in die Vorlesung oder in die
Kneipe gehen. Immer schwebt ihnen der Grundsatz vor: mache keinen
größeren Aufwand als nötig ist, um den gewollten Zweck zu verwirk-
lichen.

Während nun meines Wissens noch keiner der zahlreichen
Nationalökonomen, die ihren Lesern oder Hörern die seltsame Mär
verkünden: die Nationalökonomie sei die Lehre vom „ökonomischen“
Prinzip, auf den Gedanken verfallen ist, nun auch Ausführungen
zu machen über die „wirtschaftliche“ Art zu zeichnen, zu dichten
oder zu philosophieren oder seine Tagesarbeit zu verrichten oder
Kinder zu unterrichten und dergleichen, haben manche Vertreter des
„Nutzprinzips“ Ernst mit ihrer Auffassung gemacht, indem sie die
Folgerung gezogen haben, daß die Nationalökonomie zu einer all-
gemeinen „Genußlehre‘“ auszubauen sei. Der erste, der diesen Ge-
danken gefaßt hat, ist wohl der geniale Idiot Gossen gewesen, dessen
Werk über „Die Gesetze des menschlichen Verkehrs“ die Veran-
lassung zu allem möglichen Unfug geworden ist. Der Zweck seiner
Lehre, die auch als Diätetik der Seele oder allgemeine Hedonistik
bezeichnet werden kann, sollte sein: „den Menschen zur größten
Summe des Lebensgenusses zu verhelfen‘‘*, Und wahrhaftig: Gossen
hat Nachfolger gefunden, und es gibt eine ganze Reihe von „‚National-
ökonomen‘‘, die solcherweise das Forschungsgebiet ihrer Wissen-
schaft umschreiben. So bezeichnet Otto Neurath, ein Autor, der
auch ganz vernünftige Sachen geschrieben hat, als „Gegenstand der
Nationalökonomie den Reichtum“ und lädt uns ganz freimütig ein,
unter Reichtum zu verstehen „den Inbegriff von Lust und Unlust...,
den wir bei Individuen und Individuengruppen antreffen‘“. Schlank-
weg „Lust und Unlust“. Ein Bild z. B. ist ein „Reichtumserreger‘‘.
Und Gegenstand der Nationalökonomie ist: festzustellen, ob z. B. in
4 H. H. Gossen, Entwicklung der Gesetze des menschlichen Verkehrs. 1854.
Neudruck 1889. S. 34.
        <pb n="18" />
        einer Gruppe von Menschen „ein höherer Reichiumsgrad‘ erzielt
wird, wenn die einzelnen Mitglieder mit Blondinen oder Brünetten
spazierengehen®. ;
Und der Verfasser der dicksten Methodologie, den ich schon er-
wähnte, ist der Meinung®, daß „die Ökonomik das Wohl der Men-
schen behandelt und dieses zu ihrem Gegenstande hat‘, daß sie „die
Wissenschaft vom Glücke, vom menschlichen Glücke, vom relativen
menschlichen Glücke‘‘ sei, daß sie eine „moderne Eudämonologie‘“
werden und an die Stelle der Philosophie treten müsse, die selbst nur
‚eine mißlungene Ökonomik‘“ gewesen sel.

Man sollte diese ganze dormalistisch eingestellte ‚National-
5konomie‘“ nehmen für das, was sie ist: ein Quid pro quo, ein Miß-
verständnis. Man ist einfach dem Doppelsinn des Wortes „Wirt-
schaft‘ zum Opfer gefallen, das einmal Wirtschaft als einen Sach-
bereich richtig ausdrückt und daneben etwas völlig anderes, nämlich
Wirtschaftlichkeit bedeutet. Es ist das Verhängnis jener Männer’ ge-
worden, deren Ansichten wir eben kennenlernten, daß sie gerade die
falsche Bedeutung des Wortes Wirtschaft aufgegriffen haben. Daß
der Begriff „Wirtschaftlichkeit“ unmöglich dazu verwendet werden
kann, um irgend etwas wie eine Wissenschaft damit abzugrenzen,
sollte einleuchten. Auf alle Fälle aber bliebe die Notwendigkeit be-
stehen, neben jener Lehre von der Wirtschaftlichkeit nun auch eine
Wissenschaft von der Wirtschaft zu pflegen, das heißt von. jenem
Sachverhalt, an den wir denken, wenn wir von der „Wirtschaft des
deutschen Volkes‘ oder vom „Wirtschafisleben im Zeitalter des Hoch-
kapitalismus“ reden. Die Wirtschaft erscheint uns hier in materi-
alem Sinne, als ein inhaltlich bestimmter Umkreis menschlicher Tätig-
keiten und Einrichtungen. Nur in dieser materialen Auffassung
kommt die Wirtschaft als Gegenstand einer besonderen Wissenschaft
ernstlich in Frage.

Die Aufgabe des Theoretikers ist dann zunächst die: den Sach-
bereich, auf den sich die Untersuchungen des Nationalökonomen er-
5 Otto Neurath, Nationalökonomie und Wertlehre. Eine systematische Unter-
suchung, in der „Zeitschrift für Volkswirtschaft usw.“ Bd. 20, S. 53, 80, 95;
derselbe, Das Problem des Lustmaximums (Vortrag), im „Jahrbuch der Philo-
sophischen Gesellschaft an der Universität zu Wien“, 1912.

$ H. v. Gans-Ludassy, a. a. O. S, 975, 79, 91-
        <pb n="19" />
        (A
m

strecken sollen, richtig abzugrenzen. Das geschieht, wie ich glaube,
am besten in der Weise, in der es meistens geschieht. Die gemeine
Meinung kann auch einmal die richtige sein. Die übliche Bestimmung
des Gegenstandes der Nationalökonomie erfolgt aber bekanntlich im
Hinblick auf die Spannung, die notwendig zwischen dem Bedarf des
Menschen an äußeren Dingen der Natur und. deren relativer Sprödig-
keit obwaltet. Man faßt dann Wirtschaft als menschliche Unterhalts-
fürsorge, das heißt als die auf Besorgung (Erzeugung, Bewegung,
Verwendung) von Sachgütern gerichtete menschliche Tätigkeit auf.

Während wir in anderem Zusammenhange die systembildende
Kraft der „Idee der Wirtschaft“ noch genau kennenlernen werden,
will ich an dieser Stelle zweier beachtenswerter Versuche gedenken,
den Gegenstand der Nationalökonomie in anderer Weise abzugrenzen,
als es hier geschieht. Ich meine die Lehren von Rudolf Stammler
und Othmar Spann. Stammler hat vorgeschlagen, soziales Leben
und Wirtschaftsleben gleichzusetzen. „Will Nationalökonomie eine
selbständige Wissenschaft sein, so ist das nur möglich, wenn sie als
Übjekt ihrer Forschung das äußerlich geregelte Zusammenwirken
annimmt‘. „Nicht der Mensch oder die Bedürfnisse oder die Wirt-
schaft in abstracto haben Anfang und grundlegenden Begriff der
Volkswirtschaftslehre abzugeben, sondern das soziale Leben der
Menschen, dessen besondere Ausführung und konkrete Verwirk-
lichung von der politischen Ökonomie in eigner Aufgabe zu er-
Forschen ist“. Ich glaube nicht, daß es zweckmäßig ist, den Gegen-
stand der Nationalökonomie so allgemein zu bestimmen. Wir müssen
dazu wohl innerhalb dieses „äußerlich geregelten Zusammenwirkens“
noch besondere Kreise abgrenzen, um nicht einer und derselben
Wissenschaft die Aufgabe zu stellen, die Vorgänge in den Kirchen
und auf den Kasernenhöfen, in den Gerichtsstuben und in den Kegel-
klubs, in den Börsenhallen und in den Fabriken zu untersuchen.
Jedenfalls kämen wir bei dieser Weite des Gesichtsfeldes nicht zu
irgendeiner Spezialwissenschaft, die doch die Nationalökonomie sein
soll, sondern allenfalls zu einer allgemeinen Soziologie.

An demselben Fehler, den Begriff Wirtschaft zu unbestimmt zu
fassen, krankt der Versuch Othmar Spanns, das Untersuchungs-

7 Rudolf Stammler, Wirtschaft und Recht. Zuerst 1896. S. 192, 209.
        <pb n="20" />
        gebiet unserer Wissenschaft anders abzugrenzen, als es gewöhnlich
geschieht. Spann® definiert Wirtschaft als einen „Inbegriff von
Mitteln für Ziele“ (lies „Zwecke‘“). Er ist an der Hand dieser
Begriffsbestimmung dann genötigt, die entlegensten Gebiete in den
Bereich der nationalökonomischen Untersuchungen einzubeziehen;
denn was kann nicht alles gelegentlich „Mittel“ werden? Aber auch
das, was seiner Natur nach nur Mittel sein kann (Spann nennt es das
„reine‘“ Mittel), ist so heterogener Natur, daß es unmöglich von einer
Wissenschaft umfaßt werden kann. So würde z. B. alle Politik, alle
Erziehung zum Untersuchungsgebiet der Nationalökonomie gehören.
Annehmbar ist die Begriffsbestimmung Spanns nur, wenn wir den
Begriff des „Mittels“ auf Sachgüter einschränken. Aber dann ist ihr
die Spitze abgebrochen.

Zudem enthält der Begriff „reines Mittel“ eine unberechtigte, meta-
physische Bedeutung. Warum ist Wirtschaft nur Mittel und
nicht auch Kulturzweck? „Im Schweiße deines Angesichts sollst
du dein Brot essen“! Warum ist nur Wirtschaft Mittel, nicht etwa
auch der Staat, wie viele vermeinen?

Übrigens ist Spanns liebenswürdige Auffassung in einer anderen
Hinsicht typisch für diejenige zahlreicher Theoretiker durch das
ihnen selber nicht zum Bewußtsein kommende Schwanken zwischen
einer Bestimmung des Begriffes „Wirtschaft“ nach materialen und
nach formalen Merkmalen. Während unser Autor nämlich mit aller
nur wünschbaren Entschiedenheit im Anfang einen objektivistischen
Standpunkt vertritt („alle Wirtschaft meint Gesellschaft; alle Wir-
schaftsbetrachtung führt zu gesellschaftlichen Voraussetzungen‘“‘),
wandelt sich im Verlauf der Darstellung der Begriff ‚Wirtschaft‘
ganz unmerklich in den Begriff „Wirtschaftlichkeit‘, und plötzlich
erfahren wir, daß der Gegensatz von Wirtschaft — Unwirtschaft-
Kchkeit sei. „Wirtschaft ist der Unwirtschaft (= Unwirtschaftlich-
keit) gegenüber ein Gattungsbegriff‘‘. Was aber, so fragen wir
erstaunt, hat der Begriff „Unwirtschaftlichkeit‘“ und sonach sein
Gegensatz „Wirtschaftlichkeit“, also ‚Wirtschaft‘, in diesem Sinne
noch mit „Gesellschaft“ zu tun?
8 Othmar Spann, Fundamente der Volkswirtschaftslehre. xgr8. 4. Aufl.
929. 9 Othmar Spann, a. a. 0..5. 3 und 56,
        <pb n="21" />
        f
.

Zweites Kapitel
Die Unbestimmtheit der Erkenntnisweise

Es gibt so viele Unterschiede in den „Standpunkten‘“‘, „Richtungen“.
‚Auffassungen‘, daß fast jeder Nationalökonom seine eigene Mei-
nung über die Behandlung der Wirtschaftswissenschaft haben kann.
Um die Buntheit und Unausgeglichenheit, die in der National-
ökonomie herrschen, zu veranschaulichen, will ich einige der Gegen-
sätze, in die sie auseinandergeht, hier nennen, ohne einstweilen auf
deren Sinn und Berechtigung näher eingehen zu können. Das wird erst
im Verlauf unserer Untersuchungen möglich sein und soll je an
seinem Orte erfolgen.

Zunächst lassen sich eine Reihe von Entgegenstellungen vor-
nehmen, die auf wissenschaftlichen oder doch wissenschaftlich ge-
meinten Erkenntnisgrundsätzen fußen. Da ergeben sich folgende
Möglichkeiten, die alle in dieser oder jener „Richtung“ oder „Auf-
Fassung‘ ihre Verwirklichung gefunden haben:

ı. Metaphysik;
Positive Wissenschaft;
Normative Wissenschaft;
Explikative Wissenschaft;
Theoretische Wissenschafi;
Historische Wissenschaft: die beliebteste und trotzdem dümm-
ste Entgegenstellung ;
4. Deduktive Wissenschaft;
Induktive Wissenschaft; damit verwandt
5. Exakte Wissenschaft;
Realistische Wissenschaft;
Universalistische Wissenschaft;
Individualistische Wissenschaft;
Anschauliche Wissenschaft (Theorie);
Rationale Wissenschaft (Theorie);
Ökonomik;
Soziologie;
Naturwissenschaftliche Nationalökonomie;
Geist- oder Kulturwissenschaftliche Nationalökonomie.
        <pb n="22" />
        Dazu kommt eine völlig undisziplinierte Gliederung des Stoffes,
die oft zu den gewagtesten Einteilungen führt; man unterscheidet:
Theoretische und Praktische Nationalökonomie, was sich ungefähr
mit der Einteilung der westlichen Nationen in Science und Art deckt;
daneben aber Allgemeine und Spezielle Nationalökonomie in willkür-
licher Verknüpfung mit dem erstgenannten Gegensatzpaare. Endlich
teilt man den Wissensstoff in Reine und Angewandte oder Reine und
Politische Sozialökonomie, Reine Sozialwirtschaftslehre und An-
yewandte Sozialwirtschaftslehre ein, was die fremden Sprachen als
Pure und Applique (applied) ausdrücken.

Endlich ist es ein besonderes Kennzeichen unserer Wissenschaft,
daß die verschiedenen Richtungen nach der sozialen Herkunft oder
den Weltanschauungen oder den politischen Standpunkten ihrer Ver-
treter bezeichnet werden. So haben wir eine christliche, insonderheit
katholische, eine liberale und eine sozialistische Nationalökonomie.
Wir unterscheiden daneben eine bürgerliche und eine proletarische
Nationalökonomie. Wir sondern die nationalökonomischen Systeme
Janach, ob sie schutzzöllnerisch oder freihändlerisch sind. Wir
sprechen von Klassikern, von Epigonen, von Romantikern und ihren
Lehren.

Der chaotische Zustand wird num aber erst dadurch herbeigeführt,
daß alle diese Unterschiede und Gegensätze wirr durcheinandergehen
md sich vielfach überschneiden. Meist weiß der Autor gar nicht,
welche Auffassung er eigentlich hat, welchen Standpunkt er eigent-
lich vertritt. Häufig vertragen sich die verschiedenen Ansichten über-
haupt nicht miteinander usw.

Wenn man nun den Versuch macht, die verschiedenen Lehren
unter - irgendwelchen innerlich begründeten Gesichtspunkten zu
ordnen, wie es etwa in einer Dogmengeschichte notwendig wird, so
ergibt sich die Unmöglichkeit dieses Unternehmens, und der wver-
zweifelte Zustand unserer Wissenschaft wird mit einem Male offen-
bar. Überblickt man die Gliederung des Stoffes, wie sie unsere besten
Dogmengeschichten vornehmen, so kommt man aus dem Staunen
nicht heraus über die Unbefangenheit, mit der sonst klare Denker
eine völlig unmögliche Anordnung vornehmen, die im Grunde eine
Unordnung ist, bei der jedes vernünftige principium divisionis fehlt,
        <pb n="23" />
        10

bei der ein beständiger Wechsel aus einem Einteilungsprinzip in das
andere stattfindet und schließlich ein Allerhandgemälde, das heißt ein
Quodlibet herauskommt. Offenbar liegt die Schuld an dieser Chaotik
nicht bei den Verfassern, sondern ist in der Natur des Stoffes be-
begründet.

Es möge deshalb nicht als eine Kritik der gewiß vortrefflichen Ver-
fahrengeschichten und ihrer sehr respektablen Verfasser angesehen
werden, wenn ich hier die Inhaltsverzeichnisse der bekanntesten dieser
Versuche mitteile. Vielmehr geschieht es nur, um daran die verfahrene
Lage unserer Wissenschaft zu veranschaulichen. Eine Erläuterung
erübrigt sich. Die Werke sprechen für sich selbst, wenn sich der
Leser die Mühe nimmt, auf folgende Punkte zu achten:

z{. die Merkmale, um „Richtungen“ zusammenzufassen, sind viel-
fach äußerliche: Merkantilismus = Kommerzsystem; Physio-
kraten = Agrikultursystem; Adam Smith = Industriesystem,
oder gar nicht wissenschaftliche: Freihändler — Sozialisten
— Interventionisten;
die Merkmale liegen in verschiedenen Ebenen: Theorie und
Praktik; staatspolitische, sozialphilosophische, ökonomische
Ansichten; Lehrmeinungen, Nationalität, Zeitpunkt;
die Merkmale sind oft falsch bestimmt und deshalb auch dort,
wo sie gleicher Art sind, ungeeignet, richtige Unterschei-
dungen herbeizuführen, was erst später ersichtlich wird.

Hier sind einzelne Inhaltsverzeichnisse:

[. Gide und Rist, Histoire des doctrines Economiques, deutsch

unter dem Titel Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehr-
meinungen. 2. Aufl. 1921.

4,

cz. Les Fondateurs;

2. Les Adversaires: Sozialisten, List, Proudhon;

3. Le Liberalisme;

4. Les Dissidents: Historische Schule, Staatssozialisten,
Marxisten, Christlicher Sozialismus:

5. Les doctrines recentes: Hedonisten, Neue Rententheorie, So-
lidaristen, Anarchisten.
        <pb n="24" />
        IL Luigi Cossa, Histoire des doctrines 6conomiques. 1899.
Baut zunächst ein sehr schönes System auf, indem er aufeinander-
folgen läßt:
cz. die Epoque fragmentaire;
2. die Monographien und die Systömes empiriques;
3. die Päriode des systömes scientifiques;
fällt dann aber in eine völlige Systemlosigkeit bei der Durchführung
und endigt in einer rein geographisch-chronologischen Ordnung, in-
dem er die ganze Nationalökonomie des 19. Jahrhunderts darstellt
nach Ländern und innerhalb der Länder nach Jahren. Wenn ein so
außergewöhnlich klarer und systematischer Kopf wie Cossa so ver-
fährt, so muß die Schuld an dem Chaos wirklich beim Stoffe liegen.
III. W. Roscher, Geschichte der Nationalökonomik in Deutsch-
land. Zuerst 1874. Einteilung der neueren Nationalökonomie:
ı. Freihändler;
2. Sozialisten;
3. Reaktionäre;
4. Realistische oder historische Schule;
5. Schriftstellernde, volkswirtschaftliche Staatsbeamte.
[V. Othmar Spann, Die Haupttheorien der Volkswirtschafts-
lehre. 16. Aufl. 1926.
ı. Von der vormerkantilistischen Zeit;
2. Der Merkantilismus;
3. Der Übergang zum physiokratischen System;
4. Das physiokratische Lehrgebäude;
5, Die durchgebildeten individualistischen oder klassischen
Lehrgebäude;
Die deutsche Volkswirtschafislehre :
a) Die Romantiker;
b) H. v. Thünen;
c) F. List;
Der Optimismus Careys und seine europäischen Ent-
sprechungen;
        <pb n="25" />
        2

8. Kurzer Bescheid über die Entwicklung des Sozialismus;

9. Die geschichtliche Schule, die Sozialpolitik, die Grenz-
nutzenlehre;

co. Die gegenwärtige Volkswirtschaftslehre.
V. J. Schumpeter, Epochen der Dogmen- und Methoden-
geschichte im Grundriß der Sozialökonomik, Band I. 2. Aufl.
e924.
t. Die Entwicklung der Sozialökonomik zur Wissenschaft;
2. Die Entdeckung des wirtschaftlichen Kreislaufs;

3. Das klassische System und seine Ausläufer;

A. Die historische Schule und (!) die Grenznutzentheorie.
VI. Edgar Salin, Geschichte der Volkswirtschaftslehre. 2. Aufl.
1929.
Vorgeschichte:
I. Athen;
II. Rom;
III. Das katholische Europa (Mittelalter).
Geschichte:
I. Die merkantilistische Ökonomik: politische Wissen-
schaft;
IL Physiokraten und Klassiker: systematische Wissen-
schaft;

(IT. Sozialismus und Historismus: evolutionistische Wissen-
schaft;
a) Der Sozialismus,
b) Der Historismus.
3. Nachfahren und Vorläufer.
Die Salinsche Einteilung ist die verhältnismäßig beste, obwohl
auch sie von den oben vermerkien Fehlern nicht frei ist: politisch-
systematisch, sozialistisch-historistisch sind Merkmale, die je in ver-
schiedenen Ebenen liegen.
        <pb n="26" />
        3
Drittes Kapitel
Die Unbestimmtheit der Namengebung
Die Unbestimmtheit des Gegenstandes und die Unbestimmtheit der
Erkenntnisweisen, die, wie wir sahen, unsere Wissenschaft kenn-
zeichnen, finden, wie sich nicht anders erwarten läßt, ihren Nieder-
schlag in der Unbestimmitheit der Namengebung. Diese betrifft
sowohl den Namen für die Sache (den Gegenstand), als auch den
Namen für die Wissenschaft. Über die Bezeichnung der Sache sprach
ich schon, als ich die Unbestimmtheit des Gegenstandes erörterte,
Hier äußert sich die Zweideutigkeit darin, daß cin Wort mehrere
Begriffe deckt. Dieses Wort ist, wie wir sahen, das Wort „‚Wirt-
schaft‘, Economie, economia, economy. Was ich hier noch nach-
holen möchte, ist der Versuch einer Erklärung dieser Doppeldeutig-
keit, die das Wort offenbar aus sich selbst herausgetrieben hat. Wir
müssen unseren Ausgangspunkt für die Ableitung des Wortes in
den romanischen und angelsächsischen Sprachen von ‚dem Worte
ocxovopıa nehmen, das die Verwaltung des Hauses bedeutet und im
Griechischen offenbar eine vox media geblieben ist. Das lateinische
Wort oeconomia heißt aber „die gehörige Einteilung der einzelnen
Teile einer Rede, eines Theaterstücks, so daß sie ein harmonisches
Ganzes ausmachen“, „die Ökonomie‘‘. Diese völlig neue Bedeutung hat
sich offenbar auf dem Wege über das Beiwort eingeschlichen. O1xovo-
uıxoc heißt zwar im wesentlichen „die Verwaltung des Hauses be-
treffend‘“, aber doch auch schon „sie verstehend‘“, denn % 01x0vojt-
xn (Ttexwn) ließ leicht — namentlich bei Platon — diesen Wandel
zu (nach Pape). „Oeconomicus‘“ hat dann schon zwei ausgesprochen
verschiedene Bedeutungen: ı. die Wirtschaft betreffend, Hauptwort
Oeconomicus = der Haushalter; so Cicero; 2. die gehörige Ein-
ijeilung der Redekunst (!); so Quintilian (nach Georges).

Aus dem Lateinischen ist dann das Wort in die romanischen
Sprachen und von da ins Englische übergegangen und behält hier in
Jen Ausdrücken economia, 6conomie, economy seine Doppeldeutig-
keit bei, und zwar vor allem im Beiwort, das die Verwirrung offenbar
angerichtet hat.
        <pb n="27" />
        Im Französischen bedeutet „Economie“ (nach Sachs-Villatte):
Haushaltung, Wirtschaft, meist mit einem Zusatz, so: &amp;, cha-
ritable = Armenpflege; 6. rurale = Landwirtschaft: 6. do-
mestique, priv6e = Hauswirtschaft; 6. nationale, publique =
Nationalökonomie (!); siehe die späteren Bemerkungen;
Anordnung, zweckmäßige‘ Einrichtung, Übereinstimmung,
Harmonie aller Teile mit dem Ganzen; so: 6. animale = tie-
rischer Bau; &amp;. vögötale = Pflanzenbau; 1’6&amp;. prösente = die
jetzige Weltordnung;

Sparsamkeit, Wirtschaftlichkeit; so: vivre avec 6., faire des €.

Im Beiwort „Cconomique‘“ ist im wesentlichen nur die zweite und
dritte Bedeutung geblieben. Der Ausdruck: 6crivain Economique ==
Sconomiste ist veraltet, wo also Sconomique „die Haushaltung be-
treffend“ bedeutete. Gebräuchlich ist das Beiwort vielmehr im Sinne
von sparsam, „ökonomisch“. So spricht man von einem fourneau €.
= Sparofen; fourneaux €&amp;.s = Volksküchen; SOUpe &amp;conomique ==
Armensuppe usw.

Dagegen bedeutet das Hauptwort „L’Economique‘“ wieder soviel
wie Haushaltungskunst, Staatswirtschaftslehre. „Economiser“ heißt
sparsam mit etwas umgehen, z. B. 6conomiser une heure = eine
Stunde erübrigen.

Das englische Wort „Economy“ hat folgende Bedeutungen (nach
Muret-Sanders):

z. Haushaltung, „Wirtschaft“ (II);

2. Ersparnis, Ausnutzung (der Zeit z. B.);

3. Sparsamkeit;

4. Anordnung, Organisation, System; z. B. in den Wendungen:

E. of Heaven; E. of nature; E. of salvation (= Heilsordnung).

Die gleichen Bedeutungen finden sich im Beiwort economic. Neben
lem romanischen Wort economy hat die englische Sprache noch das
germanische Wort „thrift‘‘. Dieses bedeutet eine nur gute Wirt-
schaft, Wirtschaftlichkeit, Sparsamkeit und niemals Wirtschaft im
Sinne von Unterhaltsfürsorge. Es war also nicht ganz glücklich, als
Schlegel: „thrift, Horatio, thrift!“ mit „Wirtschaft, Horatio, Wirt-
schaft!‘ übersetzte. Mindestens war es irreführend.

3
        <pb n="28" />
        15

Im Deutschen sind die Dinge gar erst verwickelt, und wir stehen
vor ungelösten Sprachrätseln. Das Seltsame ist, daß in unserer
Sprache sich ein Bedeutungswandel der Worte: Wirt, Wirtschaft,
Wirtschaftlichkeit von Grund aus vollzogen hat. Im Alt- und Mittel-
hochdeutschen bedeuten die Ausdrücke etwas völlig anderes als heute:
Wirt heißt ahd. und mhd. der Hausherr, Eheherr, Schutzherr, der
einen gastlich aufnimmt, der Bewirter, hospes; im Mhd. außerdem
noch Landesherr, Ritter, der andere Gesellen bei sich hat, Inhaber
eines Wirtshauses (Gastwirt). Wirtscaft (ahd.), Wirtschaft (mhd.)
bedeuten: ı. Bewirtung, alles, was zur Bewirtung gehört; 2. festliche
Bewirtung, Fest, insbesondere Gastmahl, Gasterei, Schmaus; 3. über-
tragen: a) das hl. Abendmahl, b) die himmlische Freude, die ewige
Seligkeit (!); 4. mhd. noch Eigenschaft, Tätigkeit als Wirt. Wirt-
scaftsjan, wirtskaften (ahd.), wirtschaften (mhd.) bedeutet: ein
Gastmahl ausrichten oder abhalten, schmausen, epulari. (Nach
Schade, Altdeutsches Wörterbuch, und Wilh. Müller und Fried-
rich Zarncke, Mittelhochdeutsches Wörterbuch.)

Ich möchte diesen Sinn der Worte als den seigneurialen be-
zeichnen: er bezieht sich nur auf die Verausgabung von Gütern und
nimmt weder Rücksicht auf deren Beschaffung, noch auch auf ihre
„sparsame“ Verwendung. Diese Bedeutungen, die das Wort später
bekommt, tragen ein ausgesprochen bürgerliches Gepräge.

Die Worterklärungen, die unsere Wörterbücher, unter denen
Sanders am ausführlichsten ist (Grimms Wörterbuch reicht im
Buchstaben Wz. Z. erst bis Windschaften) von der heutigen Be-
deutung der Worte Wirt, Wirtschaft, Wirtschaften, Wirtschaftlich,
Wirtschaftlichkeit geben, befriedigen durchaus nicht. Sie sind weder
vollständig, noch treffen sie die wesentlichen Unterschiede, noch. ver-
suchen sie eine Ableitung der verschiedenen Begriffe. Die Aufzählung,
die Sanders von den Bedeutungen des Wortes Wirtschaft macht,
ist folgende:

Era

„die Kunst, als Wirt zu walten und (!) die praktische Aus-
ibung (der Betrieb) derselben, wie auch (1) das Bereich
;olcher Ausübung und (!) die ganze Einrichtung des in dies
Bereich Gehörenden, zunächst (1) in bezug auf Haus- und
Landwirte. dann auch verallgemeint‘‘:
        <pb n="29" />
        156

2. „das in sich abgeschlossene Bereich, worin jemand als Wirt
waltet, mit allem Zubehör‘ [war ja in der Bedeutung ı.
schon enthalten. W. S.];

43, eine Art von Hofmaskerade;

4. ein vielgeschäftiges Treiben, namentlich ein wildes, durch-
einander lärmendes, tobendes Treiben, oft mit dem Neben-
begriff des Unfugs.

(In diesem Sinne braucht das Wort der junge Goethe mit Vorliebe
in den jetzt veröffentlichten Briefen: siehe in der Ausgabe von
Philipp Stein (o. J.) Nr. 163, 165, 189, 238, 253, 254 u. 0.)

Danach soll dann das Wort „Wirtschaftlich“ bedeuten: x. „zur
Wirtschaft gehörig, darauf bezüglich“; 2. „der guten Wirtschaft
(Ökonomie) gemäß“. (Hier sind die beiden Hauptbedeutungen richtig
wiedergegeben.) Und Wirtschaften heißt (ebenfalls nach Sanders):
ı. Wirtschaft (welche? W. S.) treiben; 2. Schankwirtschaft treiben;
3. ein wildes Treiben vollführen: „toll, wild, bunt, furchtbar“ wirt-
schaften.
Man sieht: die Ausführungen der Fachmänner machen uns nicht
klüger. Vielleicht gibt es auch gar keine Möglichkeit, Sinn in den
Wirrwarr zu bringen, und wir, die wir’ die schwierige Aufgabe lösen
sollen, eine Wissenschaft von der „Wirtschaft“ aufzubauen, müssen
uns mit der Tatsache abfinden, daß wir es mit einem Worte zu tun
haben, das in tausend Farben schillert. Da können wir uns nur da-
durch helfen, daß wir mit diktatorischer Willkür erklären: das
wollen wir unter Wirtschaft verstehen, wie ich es oben versucht habe.

Um die Vieldeutigkeit des deutschen Wortes Wirtschaft zur An-
schauung zu bringen, gebe ich noch eine — leicht zu erweiternde —
Übersicht über die verschiedenen Verbindungen, in denen das Wort
Wirtschaft gebraucht wird: der Leser wird unschwer die zwei Grund-
bedeutungen, die ich herauszuarbeiten versucht habe, immer wieder
finden, und wir können vielleicht eine dritte Bedeutung noch dazu
nehmen, in der das Wort soviel heißt wie ein Betrieb (z. B. eine
Schankwirtschaft). Verbindungen, die das Wort Wirtschaft eingeht,
sind (ebenfalls nach Sanders):
        <pb n="30" />
        Feld-
Finanz-
Folter-
Forst-
(hier wird es _ Fraktions-
falsch verwandt)
Boden- Fuhrmanns-
Banditen- Gast-
Bauern- Geld-
Behel£- Groß-
Bettel- Günstlings-
Bienen- Guts-

(wie oben) Haus-
Bier- Heiden-
Buden- Hof-
Dreifelder- Hütten-
Fastnachts- Janıtscharen-

Junggesellen-
Kaffee-
Keller-

Kneip-
Knuten-
Konstitutions-
Koppel-

Kuh-

Land-
Maitressen-
Milch-

Miß-

Neben-
Natural-
Papier-
Paolizei-

Privilegien-
Sau-
‘Schweine-)
Schand-
Schein-
Speise-
Staats-
Theater-
Vieh-
Volks-
Wald-
Wasser-
Wüstlings-
Zelt-
Zunf£t-

Wird die Unbestimmtheit der Namengebung bei der Benennung
der Sache dadurch hervorgerufen, daß verschiedene Begriffe mit
einem Worte bezeichnet werden, so bei der Bezeichnung der
Wissenschaft von der Wirtschaft dadurch, daß für eine Sache
mehrere Ausdrücke verwendet werden: für eine Sache, das heißt die
Wirtschaft, die gerade jeder meint. Auf den Gedanken, die zwei
Wissenschaften von den zwei Wirtschaften durch je einen besonderen
Namen zu unterscheiden, ist dagegen seltsamerweise noch niemand
gekommen. Unterschieden werden allerdings die Lehre von den
privaten oder einzelnen Wirtschaften und die Lehre von der gesell-
schaftlichen Wirtschaft; innerhalb dieser beiden Gebiete herrscht
aber in der Namengebung vollständige Willkür.

Die Ausdrücke, die die Lehre von der gesellschaftlichen Wirt-
schaft bezeichnen sollen, sind zahlreich.

Im Deutschen sind die wichtigsten folgende: Nationalökonomie,
Nationalökonomik, Politische Ökonomie, Sozialökonomie, Sozialöko-
aomik, Sozialwirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre, Staatswirt-
schaftslehre, Nationalwirtschaftslehre;
Sombart. Die drei Nationalökonomien
        <pb n="31" />
        77

im Französischen: Economie politique (zuerst Montchrötier
1615), Economie sociale, Economie industrielle (so wurde der Lehr-
auftrag des Lehrstuhls genannt, den man 1819 für J. B. Say errich-
tete), Science &amp;conomique (Cherbuliez), Chrysologie ou plouto-
nomie (Rob. Gujard), Ploutologie ou ergonomie (Courcelle-
Seneuil);
im /talienischen: Economia politica, Economia nazionale (Ortes),
Economia sociale, Economia civile, Economia publica;

im Englischen: Political Economy, Public Economy, Economic
Science, Economics, Cattalactic (Whateley).

Sehr viele Ausdrücke in allen Sprachen kranken an dem Fehler,
laß sie die Wissenschaft mit dem Ausdruck benennen, der eigentlich
lie Sache, den Gegenstand der Wissenschaft, nämlich die Wirtschaft,
bezeichnet: Politische Ökonomie, Economie politique, Economia po-
ütica, Political Economy — die gebräuchlichsten Ausdrücke — be-
deuten doch in wörtlicher Übersetzung „politische Wirtschaft“, nicht
die Wissenschaft von der politischen Wirtschaft. Man verfährt hier
also so — wiederum ein Zeichen der Zerfahrenheit, die in unserer
Wissenschaft herrscht —, als wenn man statt J urisprudenz Recht, statt
Theologie Gott, statt Mineralogie Steinreich sagen würde, um die
Wissenschaft von Recht, Gott und Steinreich zu bezeichnen. In dem
Worte „Nationalökonomie“ stecken gleich zwei Fehler: es handelt
sich weder um „Ökonomie“ noch um „National‘‘. Das Wort ist also
völlig sinnlos. Darum wähle ich es, weil es in seiner Sinnlosigkeit am
wenigsten mit methodologischen Ansprüchen belastet ist, wie etwa die
verfahrenen, wissenschaftlich ganz unzulässigen Bezeichnungen Po-
litische Ökonomie und Volkswirtschaftslehre. Es kommt dazu, daß
las Wort Nationalökonomie sich im Deutschen doch eingebürgert hat
als der Ausdruck, der die Lehre von der Gesellschaftswirtschaft und
namentlich das Studium dieses „Faches“ bezeichnet. Der Student, der
gefragt wird, was er studiert, wird in 99 von 100 Fällen antworten:
Nationalökonomie, und nicht: Politische Ökonomie oder Volkswirt-
schaftslehre oder Sozialökonomik usw. Also mag es bei diesem volks-
tümlich gewordenen Worte sein Bewenden haben. Daß ein unsinniges
        <pb n="32" />
        1G

Wort sich eingebürgert hat und dann einen ganz bestimmten Er-
kenntniszweig bezeichnet, ist nichts Neues. Das Schicksal des er-
lauchten Wortes „Metaphysik“ beweist es.

Wenn ich es auf den folgenden Blättern unternehme, ein wenig
Ordnung in dieses Chaos, das die vorstehende Skizze aufgedeckt hat,
zu bringen, so bediene ich mich dabei eines Verfahrens, von dem man
sich nur wundern muß, daß es in unserer Wissenschaft nicht längst
zur Anwendung gebracht worden ist. Ich versuche, die verschiedenen
Auffassungen, die bisher in der Nationalökonomie zutage getreten
sind, auf ihre letzten Erkenntnisgrundlagen zurückzuführen.
Dadurch erfassen wir nicht nur ihre Wesenheit, aus der sich alle
weiteren Einzelheiten der nationalökonomischen Lehren von’ selbst
ergeben, sondern wir gewinnen auch die Möglichkeit, die vielen Mei-
nungen und Ansichten gleichsam auf eine Ebene zu projizieren und sie
dadurch miteinander vergleichbar zu machen. Grundeinstellungen zu
unserem Gegenstande — der menschlichen Wirtschaft — gibt es aber,
wie zu allen übrigen Bestandteilen der Kultur, drei und nur drei: die
metaphysische, die naturwissenschaftliche und die geistwissenschaft-
liche, die zu drei verschiedenen Gestaltungen der Nationalökonomie
geführt haben und immer wieder führen: der richtenden, der ordnen-
Jen und der verstehenden Nationalökonomie, wie ich sie nennen will.
Wie der Leser aus dem Inhaltsverzeichnisse ersieht, versuche ich in
dem folgenden zweiten (Haupt-)Teile des Buches, das Wesen dieser
drei Richtungen nach sachlichen Gesichtspunkten und in ihren wich-
tigsten Vertretern zur Darstellung zu bringen. Dazu muß ich vorauf-
schicken, daß sich die drei Gestalten des nationalökonomischen
Denkens fast nie rein in den einzelnen .Systemen ausgeprägt finden.
Reine Systeme, das heißt also solche, die nur ‘der richtenden oder der
ordnenden oder der verstehenden Nationalökonomie angehören, zählen
zu den Ausnahmen. Ein reines System der richtenden National-
ökonomie, deren es verhältnismäßig am meisten gibt, ist etwa das
des H. Thomas, der ordnenden Nationalökonomie das Paretos,
Jer verstehenden das meinige. Die Regel hingegen ist eine Mischung
verschiedener Grundhaltungen: der richtenden und ordnenden Na-

Gm
        <pb n="33" />
        20

tionalökonomie etwa bei den Physiokraten und manchen „Klas-
sikern‘, der ordnenden und der verstehenden Nationalökonomie etwa
in den Systemen vieler deutscher Vertreter der sogenannten histori-
schen Schule, der richtenden, ordnenden und verstehenden National-
ökonomie etwa in dem Systeme von Karl Marx. Aber das ist für
meine Art der Betrachtung und für die Erfüllung der Aufgabe, die
sich dieses Buch stellt, unwesentlich. Denn ich will keine Dogmen-
geschichte schreiben, wenn auch. die vorliegende Schrift alle bisher
geäußerten belangvollen Ansichten über unseren Gegenstand in Rück-
sicht zieht. Aber das geschieht nicht aus geschichtlichem Interesse,
sondern in rein verfahrenswissenschaftlicher Absicht: die Ansichten
vergangener Forscher werden ausschließlich zu dem Zweck angeführt,
um an ihnen die Eigenart der gewählten Grundeinstellung und der
befolgten Methode zu veranschaulichen.

Daß ich ausführlicher bei der verstehenden Nationalökonomie ver-
weile und für sie ein vollständiges Schema des Systems zu entwerfen
versuche, rechtfertigt sich nicht nur durch die persönliche Anteil-
nahme, die ich dieser Art der Forschung entgegenbringe, sondern
auch durch die Tatsache, daß die verstehende Nationalökonomie als
Ganzes bisher überhaupt noch nicht zum Gegenstand erkenntnis-
theoretischer und verfahrenswissenschaftlicher Erörterungen gemacht
worden ist. Es handelt sich hier also um einen ersten Versuch, der
mir naturgemäß Pflichten auferlegt.

In einem dritten Teile unterfange ich mich dann, die Frage zu be-
antworten, ob es außer den und neben oder über den im vorher-
gehenden Teile abgehandelten drei Nationalökonomien noch so etwas
wie ein Ganzes der Lehre von der Wirtschaft gibt, was darunter etwa
zu verstehen und wie es etwa zu gliedern sel.
        <pb n="34" />
        Zweiter Teil
Die drei Nationalökonomien
Frster Abschnitt
Die richtende Nationalökonomie
Viertes Kapitel

Die Erkenntnisziele der richtenden Nationalökonomie

Die richtende Nationalökonomie will lehren nicht sowohl das, was
m Wirklichkeit{ unter der hier immer soviel wie Verwirklichung in
Raum und Zeit, wo es sich um Kulturerscheinungen handelt, also
soviel wie Geschichte verstanden wird) ist, als vielmehr das, was
sein soll. Ihre Verireter fassen also die Nationalökonomie als eine
Normwissenschaft auf.

Diese „normative‘“ Nationalökonomie (ein Ausdruck, der jetzt oft
in sehr salopper Weise gebraucht wird und seiner Vieldeutigkeit
wegen lieber vermieden werden sollte) hat als Gegensatz die „explika-
tive‘ Nationalökonomie, die die Zusammenhänge der Wirklichkeit er-
kennen will. Sie ist nicht etwa gleichzusetzen dem, was man üblicher-
und sehr verschwommenerweise als „praktische‘“ Nationalökonomie
bezeichnet. Diese ist, wenn man dem Worte überhaupt einen ver-
aünftigen Sinn unterlegen will, wie wir noch genauer sehen werden,
3ine Lehre, die es sich zur Aufgabe macht, Mittel für gesetzte Zwecke
aufzufinden, das heißt also (in der Kantschen Sprechweise) hypo-
thetische Imperative, „Imperative der Geschicklichkeit‘“ aufzustellen,
and die sich dadurch als Kunstlehre zu erkennen gibt: siehe darüber
das 117. Kapitel.

Noch viel weniger hat die richtende Nationalökonomie zu tun mit
der „teleologischen‘‘ oder Zweck-Mittel-Betrachtungsweise, die nichts
anderes als die Anwendung einer bestimmten Arbeitsidee bedeutet
        <pb n="35" />
        A)
(wie später ebenfalls noch zu zeigen sein wird: siehe das ı2. Ka-
pitel), bei der wir die Erscheinungen unter dem Gesichtspunkte des
Zweckes ordnen: ein in jeder Kulturwissenschaft aus naheliegenden
Gründen sehr beliebtes Verfahren. Die meisten nationalökonomischen
Begriffe sind Zweckbegriffe wie: Kapitalistische Unternehmung,
Kapital, Ertrag, Produktion und ihre Verwendung schließt schon
die „teleologische“‘ Betrachtungsweise ein, die nichts anderes als die
„umgekehrt kausale‘‘ Betrachtungsweise ist und offenbar keine Be-
ziehung zu jener Auffassung hat, die der Wissenschaft zur Aufgabe
stellt, selbst Zwecke zu bestimmen, das heißt aber (für die Wirt-
schaft) „kategorische‘“ Imperative zu formen, wie es die richtende
Nationalökonomie sich anheischig macht.

Diese Imperative, dieses Sollen, diese Normen, diese Richtsätze
für praktisches Verhalten sind nun aber für die Vertreter dieser
Nationalökonomie — das ist der Springpunkt — Aufgabe des
Erkennens, sofern das Sollen in der Weltordnung angelegt ist
und aus ihr herausgelesen werden kann; Es gilt die ewigen Gesetze
zu erforschen, die die sittliche Welt beherrschen und auch dem wirt-
schaftenden Menschen sein Tun vorschreiben.{ Über die geistigen Zu-
sammenhänge, die diese Annahme begründen, spreche ich ausführ-
licher im 6. Kapitel.

Der Inhalt der Gesamterkenntnis ist die „richtige Wirtschaft‘,
das heißt die dem Sinn der Welt, den Aufgaben der Menschheit, den
Lebensbedingungen der Gesellschaft angemessene, „ädaquate‘‘ Wirt-
schaft. Die Erforschung dieser „richtigen Wirtschaft‘ ist daher das
Hauptziel der richtenden Nationalökonomen. Die Kategorien, mit
deren Hilfe sie ihre Wissenschaft aufbauen, sind sämtlich von der
Zentralidee der „richtigen Wirtschaft“ her bestimmt. Es sind sozio-
logische Begriffe wie Beruf, ‚Berufsidee, Stand oder Richtbegriffe
wie der gerechte Preis, der gerechte Arbeitslohn, die gerechte
Verteilung oder Wertbegriffe wie Ausbeutung usw. Die Gestaltung
der Wirtschaft ist richtig oder falsch, je nachdem sie den Grund-
sätzen der „richtigen“ Wirtschaft entspricht oder nicht. Das „Rich-
tige‘ ist das Wertvolle, der oberste Wert ist die richtige Wirtschaft,
von der alle Einzelwerte abgeleitet werden. Die Werte sind der Er-
kenntnis zugänglich. Diese hat aber eine doppelte Aufgabe: sie muß
        <pb n="36" />
        23
die absoluten Werte und die ihnen entsprechende Gestaltung der
Wirtschaft auffinden und muß ‚dann die Wirklichkeit an diesem
erkannten Richtig-Wertvollen ausrichten und die Abweichungen der
Wirklichkeit vom Ideal feststellen. Wegen dieser wichtigsten Auf-
gabe, die sich diese Nationalökonomie stellt, habe ich sie, wie ich
glaube mit Recht, als „richtende‘‘ bezeichnet. Das alles wird noch
greifbarere Gestalt annehmen, wenn wir im 6. Kapitel den Erkenntnis-
gehalt der richtenden Nationalökonomie einer Kritik unterziehen. Hier
sollten nur ihre Erkenntnisziele möglichst scharf umrissen werden,
damit wir die. richtige Einstellung haben, wenn ich nunmehr die
Lehren dieser Nationalökonomie in einem Überblick dem Leser vor
Augen führe.
Eine gesonderte Darstellung dieser richtenden Nationalökonomie
und eine Heraushebung aller Bestandteile dieser Art aus den Syste-
men, die nicht ausschließlich dieser Richtung angehören, erachte
ich als eine meiner wichtigsten Aufgaben. Die Erkenntnis, daß hier
eine ganz eigentümliche Art, die Dinge anzusehen, vorliegt und worin
diese besondere Art besteht, ist die notwendige Voraussetzung für
alles Verständnis der nationalökonomischen Problematik.

Wenn ich es im folgenden Kapitel unternehme, einen Über-
blick über einige der ausgeprägtesten Lehrmeinungen dieser rich-
tenden Nationalökonomie zu geben, so bieten sich wie von selbst drei
Gruppen von Systemen dar, die je durch die eigenartige meta-
physische Grundlage gekennzeichnet werden, auf der sie ruhen. Wir
können auch sagen: durch das besondere Naturrecht, auf das ihre
Lehren ausgerichtet sind. Und können des weiteren feststellen, daß
den drei verschiedenen philosophischen Grundhaltungen drei ver-
schiedene religiöse Glaubenssysteme entsprechen. Die drei Gruppen
richtender Nationalökonomie, die ich solcherweise unterscheide,
sind: die Scholastiker, die Harmonisten und die Rationalisten, denen
eine theistische, eine deistische und eine pantheistische (atheistische)
Einstellung ungefähr entspricht.
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        Fünftes Kapitel
Die Vertreter der richtenden Nationalökonomie
und ihre Lehren
1. Die Scholastiker
a) Aristoteles

Wir können auch der scholastischen Nationalökonomie wie aller
scholastischen Philosophie nicht gerecht werden, wenn wir uns nicht
vorher mit den Lehren des Aristoteles bekannt gemacht haben.

Aristoteles ist ja derjenige Denker, der am tiefsten auch die
Probleme des Wirtschaftslebens erfaßt hat und der mit seiner Art
der Betrachtung auch für die Lehre von der Wirtschaft zweitausend
Jahre hindurch die Richtlinien vorgezeichnet hat.

Entscheidend für die Auffassung des Aristoteles ist der Ort,
wo er die wirtschaftlichen Dinge abhandelt. Das geschieht natürlich
im Rahmen seines philosophischen Systems, und zwar im „prak-
tischen‘ Teil, der die auf das Handeln bezüglichen und dieses nor-
mierenden Erkenntnisse enthält, und zwar im ersten Buche der „Po-
litik“. Auch inhaltlich ‘ist seine Wirtschaftslehre in das gesamte
ethisch-politische System eingegliedert, die ökonomischen Theorien
sind mit der allgemein-philosophischen Weltanschauung auf das
innigste verbunden. Darum gilt es zunächst der Wirtschaft einen
Platz auf der Stufenleiter der Werte anzuweisen. Daß diese eine
denkbar tiefe war, entsprach der Gesamteinstellung der Angehörigen
der griechischen Herrenschicht. Man hat zutreffend gesagt, daß die
alten Philosophen ihre Schüler den Reichtum vielmehr verachten,
als hervorbringen gelehrt haben. Sich mit wirtschaftlichen Dingen
befassen, galt als verächtlich. Unmöglich kann, meint Aristoteles,
wer das Leben ‚eines Handwerkers oder Lohnarbeiters führt, die
Werke der Tugend ausüben. Jedenfalls soll die Wirtschaft immer
nur Mittel sein. „Der Reichtum ist nützlich und ist um eines anderen
(eines Zweckes, der außer ihm liegt) willen da.“ Aristoteles ver-
gleicht ihn mit einer Flöte. Worauf es ihm vor allem ankommt, ist
die richtige Verwendung der Güter zu lehren. Deshalb unterscheidet
ar — und diese Unterscheidung bildet den Kernpunkt seiner Lehre
        <pb n="38" />
        5:

von der Wirtschaft — zwei grundverschiedene wirtschaftliche Tätig-
keiten und Lehren davon: die 0tx0vopıXn = XTNTIAN KATA QUGLY, das
ist die „richtige‘“ Wirtschaft, nämlich diejenige, die der Befriedigung
vernünftiger Bedürfnisse dient, und im 0oıxoc mit angegliedertem
einfachem Tauschverkehr sich abspielt und die ypnuwartıorLKEM, das
ist die unnatürliche, unerlaubte Art zu wirtschaften, nämlich die
auf die Erzielung von Gewinn eingestellte Wirtschaft, die verwerflich
ist vor allem in der Gestalt der Geldleihe, des Zinsdarlehns: es ist
unnatürlich, daß Geld „Junge‘“ kriegt (Spiel mit dem Doppelsinn
des Wortes toxoc).

Während nun Aristoteles über die „richtige“ Wirtschaft sehr
viele noch heute beachtenswerte Bemerkungen gemacht hat, auf die
ich natürlich in diesem Zusammenhange nicht einzugehen brauche,
erledigt er die Erwerbswirtschaft mit einigen verächtlichen Bemer-
kungen. Er hält sie, wie’es Salin treffend ausdrückt, der Analyse
nicht für wert, sondern wirft sie aus der Polis heraus: richtende
Nationalökonomie!

b) Die Hochblüte der Scholastik

Zu ihrer höchsten Ausbildung gelangt dann die scholastische Natio-
nalökonomie wie bekannt in den Schriften der mittelalterlichen Theo-
logen, vor allem bei Thomas von Aquino im 13. Jahrhundert und
bei den Spätscholastikern Antoninus von Florenz und Bernhard
von Siena im 15. Jahrhundert.

Wie bei Aristoteles einen Teil seines philosophischen Systems,
so bildet die Lehre von der Wirtschaft bei den mittelalterlichen Scho-
lastikern einen Zweig innerhalb ihres theologischen Systems. Sie ist
jetzt theonom. Das einigende Band ist nicht mehr die Polis, sondern
das Christentum. Als Aufgabe der Erkenntnis erscheint nicht sowohl
die Ergründung des ausführlichen Zusammenhanges der Kinzel-
erscheinungen als ihrer ideellen Bedeutung, das heißt ihrer Stellung
im Kosmos, ihrer Bedeutung im Hinblick auf den göttlichen Welten-
plan. Wobei es dem Menschen vorbehalten bleibt, in seiner Freiheit,
den richtigen oder einen falschen Platz einzunehmen. Ihn auf den
richtigen Weg zu führen, ist die vornehmste Aufgabe der Erkenntnis.
Dieser richtige Weg ist vorgezeichnet in dem ewigen Gesetz. Dieses
        <pb n="39" />
        26

wirkt in aller Kreatur und alle Gesetzmäßigkeit ist Anteilnahme an
diesem obersten Gesetze, ist lex aeterna. Der Mensch nimmt Anteil
mittels seiner Vernunft: „talis participatio legis aeternae in rationali
creatura lex naturalis dicitur‘‘1, Die menschliche Vernunft erscheint
also, kraft ihres Vermögens ‚dieser Teilnahme an dem göttlichen
Gesetz, als „Stimme und Dolmetsch“‘ der ewigen Vernunft des Welt-
schöpfers selbst. Was als Naturgesetz das individuelle Leben
regelt, wird als Naturrecht zum Fundament für das Leben der Ge-
sellschaft?.
Das mittelalterliche Naturrecht ist entstanden durch eine Zu-
sammenschweißung der biblischen Lehren des Alten wie des Neuen
Testaments, vor allem des Dekalogs, mit der aristotelischen und der
stoischen. Philosophie, in der ebenso wie in der Offenbarung das
ewige Gesetz erkannt worden ist.

In den göttlichen Weltenplan, den uns das ewige Gesetz kund-
gibt, ist nun auch die menschliche Gesellschaft und innerhalb dieser
die menschliche Wirtschaft eingeordnet. Die Aufgabe der Erkenntnis
ist es, die dem ewigen Gesetz gemäße Art zu wirtschaften, das heißt
aber die richtige Wirtschaft zu bestimmen.

Die „richtige“, das heißt also die dem ewigen Gesetz gemäße
Gesellschaftsordnung hat als Vorbild das Corpus mysticum der
Kirche, das nach dem bekannten paulinischen Gleichnisse seine ver-
schiedenen Stände und Berufe in sich ergänzender Arbeitsteilung
darstellt. Es ist hier, wie es Tröltsch richtig ausdrückt, die orga-
nische Anschauung eines in seinen Gliedern arbeitsteiligen Ganzen
auf die Gesellschaftslehre übertragen. Das ständische soziale System
und das scholastische Denken bedingen und entsprechen einander.

1 5. Thom. Summa theol. Iallae, qu. 91, a. 2 und 3.

® W. Scherer, Leo XII. 1923. S. 23. Vgl. von Neueren Joh. Haeßle, Das
Arbeitsethos der Kirche nach Thomas von Aquin und Leo XIII. 1923; und Otto
Schilling, Christliche Gesellschaftslehre, x926. Aus der umfangreichen Lehr-
buchliteratur nenne ich die sich ergänzenden Werke von Victor Cathrein S. J.,
Moralphilosophie, 6, Aufl, 1924, und Josef Mausbach, Katholische Moraltheologie.
5. und 6. Aufl. 3 Bände. 1926ff. Die ausführlichste Darstellung des katholischen
Naturrechts von nicht-katholischer Seite enthält E. Tröltsch, Die Soziallehren
der christlichen Kirchen und Gruppen. 3. Aufl. 1923.
        <pb n="40" />
        7

Man könnte sagen, daß beiden die Idee des Universalismus zu-
grunde liegt. In beiden Fällen sind die einzelnen Glieder nicht jedes
für sich auf die letzten Werte und Prinzipien bezogen, wie es dem
modernen Individualismus entspricht, „der jedem auf eigene Weise
unmittelbaren Anteil am Sinne des Ganzen geben will“, also ohne
Vermittlung eines Standes oder eines Amtes. Vielmehr bedarf es der
„Vermittlung eines Ganzen, in dera die einzelnen Glieder äußerlich
architektonisch verbunden sind und an dem sie nur in sehr abge-
stufter, quantitativer Weise teilhaben‘“3. Der Grundgedanke eines
Totum perfectionale, Gott, das durch „Ausgliederung“ ein Teilganzes
aus dem anderen entläßt und dadurch die Welt schafft, führt also
in soziologischer Betrachtung mit Notwendigkeit zu der ständischen
Gliederung und damit auch zu der ständisch gegliederten Wirtschaft
als der „richtigen“ Wirtschaft.

Die verschiedenen Berufe, in denen die dem einzelnen angemessene,
wirtschaftliche Tätigkeit ausgeübt wird, stehen in einer verschiedenen
Entfernung zu Gott: sie bauen sich in Gestalt einer Pyramide auf,
worin die ständische Verfassung zutage tritt. Die Achsendrehung, die
Luther vornahm, bestand darin, daß er die Berufsidee demokrati-
sierte, indem er die Notwendigkeit einer ständischen Schichtung leug-
nete und jeden Beruf gleich nahe zu Gott erklärte. Hatte Thomas die
Gesellschaft im Bilde einer Pyramide gesehen, so sah sie Luther in
Gestalt einer Kugel, während dann Kalvin die Berufsidee völlig
über Bord warf und jede Arbeit des einzelnen als Gott wohlgefällig
anerkannte, sofern sie nur erfolgreich war. Das Bild, in dem er die
Gesellschaft sah, 1äßt sich etwa in der Gestalt von Linien vorstellen,
die von jedem einzelnen unmittelbar auf Gott zulaufen.

Die „richtige‘“ Wirtschaft, wie sie die Scholastiker sahen, ruht als
auf ihrer festesten Grundlage, auf dem Privateigentume, das wie
folgt naturrechtlich begründet wird: „Manifestum est quod homo
indiget, ad suam vitam aliis animalibus et plantis. Sed natura neque
dimittit aliqguid imperfectum, neque facıt aliquid frustra. Ergo mani-
festum est quod natura fecit animalia et plantas propter hominem.
Sed quando aliquis acquirit id quod natura propter ipsum fecit, est

3 E. Tröltsch, a. a. O. S. 279. Vgl. auch S. 2976£,
        <pb n="41" />
        8

naturalis acquisitio. Ergo possessiva, qua hulusmodi acquiruntur, quae
pertinent ad necessitatem vitae, est naturalis.‘“ 4

Dem Eigentumsrecht des einzelnen entspringt eine Wohltätig-
keitspflicht: im Besitze besteht Privateigentum an den Gütern, im
Gebrauch Gemeineigentum. „Aliud quod competit homini circa res
exteriores, est usus ipsarum. Et quantum ad hoc non debet homo
habere res exteriores ut proprias sed ut communes: ut scilicet de facili
aliquis eas communicet in necessitates aliorum.‘“5

„Bona temporalia, quae homini divinitus conferuntur, eius quidem
zunt quantum ad proprietatem: sed quantum ad usum, non solum
debent esse eius, sed etiam aliorum, qui ex eis sustentari possunt
ax eo quod ei superfluit. ‘8

„Res quas aliqui superabundanter (was „relativ“ gedacht ist)
aabent, ex naturali jure debentur pauperum sustentationi.‘‘ 7

Den wirtschaftlichen Prozeß haben die Scholastiker, gemäß den
Anforderungen ihrer Zeit, vornehmlich nach drei Richtungen hin
untersucht: in bezug auf das Geldwesen, in bezug auf die Preis-
bildung und in bezug auf die Kreditwirtschaft.

Sie haben demgemäß eine Lehre vom „richtigen“ Gelde aufge-
stellt, und was Oresmius in seiner Predigt dargelegt hat®, ist nichts
anderes, als was die Summae längst enthielten. Sie haben ferner eine
Lehre vom „richtigen‘ oder „gerechten“ Preise, dem justum pre-
tum entwickelt und haben ebenso Regeln gegeben für eine richtige
Kreditgewährung, indem sie den Zins teilweise verboten (für
Konsumtivkredit), teilweise erlaubten und sogar begünstigten (für
Produktivkredit). Für die scholastische Zinslehre sind vornehmlich
die obengenannten Spätscholastiker zu Rate zu ziehen, bei denen sich
sine weitausgebaute Kapital- und Zinstheorie findet?®.

* S. Thomas, In Lib I Politicorum (sc. Aristotelis) lect. VI. An einer anderen
Stelle findet sich eine durchaus utilitaristische Begründung des Eigentums durch
len H. Thomas, nämlich in der Summa th. 22 28€ qu. LXVI a 2.

5 8. Thom. Summa theol. 22 2ae qu. LXVI a 2.

3 S. Thom. Summa theol. 2a 2ae qu. XXXII a 5.

7 S. Thom, Summa theol. 2a 282€ qu. LXVI a 7.

3 Oresmius (Oresme) (1320—1382), Tractatus de origine, natura, jure et
nutationibus monetae. Geschrieben vor 1364.

9 Siehe meinen „Bourgeois‘ im 19. Kapitel.
        <pb n="42" />
        20

Die Einstellung bleibt dabei immer dieselbe: zu erkennen ist,
quod Deo placere potest, das ist aber das, was der Lex aeterna gemäß
ist. Dabei wird die Wirtschaft wie in der Antike immer nur als
Mittel betrachtet, das in einen allgemeinen Kosmos der Werte an
einem bescheidenen Platze einzuordnen ist.

Diese Ansichten von der Wirtschaft dauern ein bis zwei Jahr-
hunderte über das Mittelalter hinaus. Das Reformationszeitalter be-
deutet eher eine weitere Abkehr von den weltlichen Dingen (wenn
wir seine Ansichten etwa mit denen der Spätscholastik vergleichen).

Luthers abschätziges Urteil über den Reichtum ist bekannt:

„Reichtum ist die allerkleinste Gabe, die Gott einem Menschen
geben kann. Was ist’s gegen Gottes Wort? Ja, was ist’s noch gegen
die leiblichen Gaben, als Schönheit, Gesundheit und gegen die Gaben
des Gemüts, Verstand, Kunst, Weisheit? Darum gibt unser Herr-
gott gemeiniglich Reichtum den groben Eseln, denen er
sonst nichts gönnet.‘“1

Die wirtschaftstheoretischen Ausführungen der Humanisten und
Reformatoren bringen, was das Verfahren betrifft, grundsätzlich nichts
Neues. Ihre Einstellung ist die der richtenden Nationalökonomie, ihre
Bewertung der Wirtschaft die der Antike und des Mittelalters.

Eine Zeitlang, namentlich während des 18. Jahrhunderts, hat sich
dann die Nationalökonomie um die scholastische Philosophie wenig
gekümmert. Es kamen andere Götter auf, zu denen man betete: die
naturalistische Metaphysik gelangte zur Herrschaft, wie wir das im
nächsten Unterabschnitte verfolgen werden. Erst das 19. Jahrhundert
brachte eine Wiedergeburt der Scholastik und damit auch der
scholastischen Nationalökonomie. die heute mehr denn je in Blüte
steht.
c) Die Scholastik im 19. Jahrhu ndert
Die ersten, die zwar nicht ausdrücklich die Scholastik, aber doch
die katholische Philosophie und Theologie im weiteren Verstande für
eine Grundlegung der Nationalökonomie wieder in Anspruch
nehmen, sind die Romantiker, ist vor allem Adam Müller (1779
bis 1820) in eigener Person, jener Ungefährdenker, der heute wieder
10 M Tuthers Tischreden. WW. 57, 3541.
        <pb n="43" />
        30
von einer mächtigen, wissenschaftlichen Partei als der Bahnbrecher
der Nationalökonomie gefeiert wird. Hier kommt es mir selbstver-
ständlich nicht darauf an, seine Lehren zur Darstellung zu bringen
oder zu würdigen. Vielmehr genügt es mir festzustellen, daß Adam
Müller Vertreter einer richtenden Nationalökonomie auf scholasti-
scher Grundlage ist. Die „Ökonomik“ nennt er „die Wissenschaft
von Heil und Unheil, von Segen und Fluch“. Sein Erkenntnisziel ist
die Einsicht in das Wesen der „richtigen“ Wirtschaft, und den Weg
zu diesem Ziele weist ihn die göttliche Offenbarung in der Heiligen
Schrift. Diesen Standpunkt hat er vertreten vor allem in zwei kleinen
Schriften verfahrenswissenschaftlichen Inhalts, deren Titel allein ge-
nügt, um die Grundeinstellung ihres Verfassers zu kennzeichnen. Es
sind die Schriften: „Von der Notwendigkeit einer theologischen
Grundlage der gesamten Staatswissenschaften und der Staatswirt-
schaft insbesondere“ (1819), und: „Die innere Staatshaushaltung
systematisch dargestellt auf theologischer Grundlage“ (1820).

Es heißt darin: „Jeden irdischen Gegenstand scheint die reine und
unbedingte Idee seiner Wesenheit, es scheint ihn sein Urbild zu be-
gleiten. Möchten wir erkennen, daß alle jene Urbilder nicht durch
Abstraktion, nicht durch eine beliebige Reinigung des Wissens von
seinen irdischen Bedingungen entstehen oder gemacht werden, daß
sie nicht in der abgeschlossenen Sphäre unserer Wissenschaft, son-
dern daß sie sämtlich der Welt des Glaubens angehören, welche der
Welt des Wissens voranging und diese letztere überall stützet und
trägt; kurz, daß sie von oben gegeben und geoffenbaret, nicht aber
unser Machwerk sind, und daß der Abglanz der Majestät, der auf
ihnen ruht, eben daher komme, daß sie ohne uns vorhanden sind.“ 11

Und dann weiter: „Die Ökonomik oder allgemeine Staatswirt-
schaft... hat es mit der positiven Einrichtung Gottes, des Hausvaters,
zu tun, über die wir in den Schriften des alten und neuen Bundes, in
der mosaischen und christlichen Verfassung und überhaupt in der
positiven Geschichte der Natur und aller Länder und Völker der Erde
so vielfältige Auskunft finden. In der bloßen Natur, ohne deren ge-
offenbarten, göttlichen Kommentar. in der bloßen Vernunft, ohne
1 Adam Müller, Gesammelte Schriften. 1839. 5. 8£.
        <pb n="44" />
        31

deren Erfüllung durch die göttlichen Offenbarungen, finden wir nie-
mals das Geheimnis der Haushaltung und die wahre Erkenntnis
dessen, was nützlich und schädlich ist.‘“1?

Und endlich: „Sobald an der Hand der göttlichen Offenbarungen
sich die bessere Erkenntnis von der Bestimmung des Geschlechtes
einstellt, ebensobald leuchtet auch die wahre Bestimmung des Ein-
zelnen und was zur Förderung der Bildung desselben gehöre, ein...
Inwiefern die lebendige Haushaltung der Staaten... als ein Ideal der
Vernunft oder als eine Aufgabe, welche eben diese Vernunft aus
eigener Machtvollkommenheit zu lösen habe, aufgestellt wird, ist
und bleibt sie... ein Traum, der außer aller praktischen Beziehung
mit dem in Elend und Sünde befangenen Geschlechte steht... Ganz
anders aber ist es, wenn die lebendige Haushaltung der Staaten als
das Werk Gottes in demütiger Unterwerfung und unter der strengen
Zucht der positiven göttlichen Offenbarungen dargestellt wird.‘ 13

Aufgabe der Wissenschaft ist „treue Erforschung der positiven
göttlichen Eröffnungen und. Einrichtungen auf Erden: und es wird
sich ein sichtbares Reich der höheren politischen Ordnung vor unseren
Blicken auftun“‘.
Ähnlichen Gedanken begegnen wir in jener Zeit an verschiedenen
Stellen. Sie werden ausgelöst und gefestigt durch die mannigfachen
sozialen Probleme, die der Kapitalismus zumal als Industrialismus
mit sich bringt. Wir finden daher diese katholischen und katholi-
sierenden Auffassungen mit Vorliebe angewandt auf die „Arbeiter-
frage‘, die damals ihre ersten Schatten über die so „harmonische“
Wirtschaftsverfassung zu werfen begann. Ein typischer Vertreter
dieser katholischen Nationalökonomie des frühen 19. Jahrhunderts
ist Vte Alban de Villeneuve-Bargemont, dessen bekanntes Werk:
Economie politique chretienne ou recherches sur la nature et les causes
du pauperisme in drei Bänden 1834 erschien. Der Grundgedanke
dieses Werkes ist dieser: Die Erbsünde ist die Wurzel alles Übels auf
der Erde und letztlich auch der wirtschaftlichen Nöte. Erträglich
kann dieses Dasein nur gestaltet werden, wenn wir die Gebote Gottes

12 Adam Müller, ebenda S. 38.
13 Adam Müller, ebenda S. 293£.
        <pb n="45" />
        2

befolgen, unsere Bedürfnisse einschränken und unserem Nächsten
helfen. Die neue Zeit hat diese Grundsätze verlassen, den Lehren der
verweltlichten Nationalökonomie folgend. Wir müssen umkehren.
Unser Wegweiser zum rechten Ziel ist die christliche Lehre: „Quelle
philosophie humaine pourrait ainsi A la fois expliquer le mal et le
guerirP‘ 14

„La philosophie spiritualiste et chretienne, rapporte tout ä la
destinge religieuse de l’homme. Elle apercoit dans ses besoins, une
preuve de sa d6gradation primitive; dans ses souffrances, un moyen
d’expiation par la vertu; dans le travail, un moyen de satisfaire les
besoins, en möme temps qu’une punition et une epreuve. L’6conomie
politique qui en derive(!), recommande donc et honore le travail,
non seulement comme producteur du bien-&amp;tre, mais. encore comme
V’accomplissement des lois de la Providence dans l’ordre social et
dans l’ordre religieux. La civilisation, qu’elle veut exciter et produire,
se fonde sur le travail honnete et sur le d&amp;veloppement de Yintelli-
gence, de la morale, de la religion et de la charite. Elle apprend sur-
out ä reduire et &amp; moderer les besoins.‘‘15

Schriften dieser Art, deren es viele um jene Zeit gibt, entbehrten
noch der sicheren Grundlage eines durchgebildeten, philosophischen
Systems. Denn die scholastische Philosophie war in Vergessenheit
geraten. Das änderte sich nun in dem Augenblick, als diese Philo-
sophie neu belebt wurde und von da ab in den Kreisen der katholi-
schen Denker mit Bewußtsein wieder zur Grundlage aller Erörte-
rungen gemacht wurde. Von da an gibt es eine neuscholastische
Richtung nicht zuletzt auch in der Nationalökonomie.

Derjenige Mann, den wir als den Wiedererwecker der Scholastik,
insonderheit des Thomismus, zu betrachten haben und der, wie wir
sehen werden, im hohen Alter selbst noch ein Lehrbuch der National-
5konomie verfaßt hat, ist der italienische Jesuitenpater Matteo
Liberatore (1810—1892; 1836 Philosophieprofessor in Neapel).
Dieser gab 1840/42 in zwei Bänden die „Institutiones logicae et
metaphysicae‘ heraus, das erste neuzeitliche Lehrbuch im Sinne des
14 Vte Alban de Villeneuve-Bargemont, Economie politique chretienne
ste. 3 Vol. 1834. x, 1x7.
15 Villeneuve-Bargemont, 1. c. pag. 144.
        <pb n="46" />
        33
Thomismus. Im Jahre 1850 wurde er Mitbegründer der noch heute
bestehenden, bekannten Jesuitenzeitschrift „Civilta Cattolica‘. Der
Thomismus ist dann in einer Reihe von Systemen den gesellschaft-
lichen Verhältnissen der Gegenwart gemäß neu aufgebaut worden,
und die Kurie selbst hat in einer Reihe bedeutsamer Kundgebungen,
den Enzykliken namentlich Leos XIIL., Stellung zu den Problemen
des sozialen Lebens, insbesondere des Wirtschaftslebens, genommen.
Was uns hier angeht, ist die Tatsache, daß auf dieser neuscholasti-
schen Grundlage eine große Anzahl von Systemen der richtenden
Nationalökonomie in unserer Zeit entstanden sind, von denen ich
wenigstens einige kurz erwähnen will, um an ihnen den Geist dieser
Richtung kenntlich zu machen.

Ich beginne meine Übersicht mit den 188g erschienenen. Principi
d’economia politica jenes Matteo Liberatore, den wir als den
Wiedererwecker des Thomismus kennenlernten. . Leider habe ich nur
die deutsche Übersetzung aus dem Jahre 18971 einsehen können.

Liberatore definiert die Nationalökonomie als „die Wissenschaft
‚des,öffentlichen Reichtums in bezug auf seine ehrliche Anordnung
als Mittel des gemeinsamen Wohlstandes‘“1%. Das Schema, das er in
seinem Buche bei der Darstellung der verschiedenen Einrichtungen
usw. anwendet, ist dasjenige, das uns namentlich in den Schriften der
„ethischen‘‘ Nationalökonomie in Deutschland häufig begegnet und
das wohl auf Proudhons „Systeme des Contradictions 6conomiques‘“
(2 Vol. 1846) zurückgeht. Es werden a) die Vorzüge, b) die Übel-
stände, c) die Heilmittel, z. B. der Maschinen, der freien Konkurrenz,
der Banken aufgezählt. Liberatore weiß, was gut und böse ist.
Dazu hat ihm die Kenntnis des Naturrechts verholfen. Dieses hat
zunächst die „richtige‘‘ Wirtschaftsverfassung festgelegt. In dieser
herrschen Privateigentum, Erbrecht, Pflicht zur Wohltätigkeit (keine
staatliche Armenpflege! keine Beseitigung der frommen Stiftungen !).
Das Naturrecht lehrt uns aber ebenso die „richtige“, das heißt die
„gerechte‘“ Verteilung. Zu der Grundrententheorie Ricardos bemerkt
unser Autor folgendes: ‚Diese Theorie könnte wohl erklären, wie

16 Matteo Liberatore, Principi d’economia politica. 1889. Deutsch 1891.
S. a9,
Sombart, Die drei Nationalökonomien
        <pb n="47" />
        34
lie Rente geworden ist, nicht aber, mit welchem Rechte sie ent-
stand; das heißt so viel, daß sie den historischen Ursprung, nicht
aber den rechtlichen erklären würde... Der rechtliche Ursprung
Jer Rente (und dieser ist es gerade, der für die Wissenschaft
wichtig ist) kann in nichts anderem liegen als in dem Eigentums-
recht, von welchem die Rente die Folge ist...‘ Daraus ergibt sich,
„daß die so sehr gepriesene Definition Ricardos zu verwerfen und
durch folgende oder eine ähnliche zu ersetzen ist: die Grundrente ist
jener Reichtum oder Reichtumsanteil, welcher, dem Wirken der dem
Boden innewohnenden Naturkräfte entsprechend, dem Eigentümer
zukommt‘ 17, Er fährt dann fort: „Wenn es gerecht ist, daß der
‘Grund-)Eigentümer für die gelieferten‘ natürlichen Kräfte eine
Rente erhält, so ist es nicht weniger gerecht, daß der Kapitalist
für die von ihm beigesteuerten Mittel einen Gewinn erhält.‘ 1 Und
endlich: Der (Arbeits-)Lohn ist „der Anteil, welcher dem Arbeiter
von den Früchten der Produktion zukommt, an deren Hervor-
bringung er selbst durch seine Arbeit als Ursache teilgenommen hat‘
Aber der Verfasser weiß nicht nur, daß der Arbeitslohn „gerecht‘
ist: er kennt auch die Höhe des „gerechten“ Arbeitslohnes, die er
in einer Auseinandersetzung mit Ricardo wie folgt fesisetzt: „Wir
können feststellen, daß der natürliche Preis der Arbeit jener ist, der
für den Mann unter Berücksichtigung der geringen Beisteuer der
Frau (welche fast gänzlich von der Sorge für das’ Hauswesen in An-
spruch genommen ist [!]) berechnet, für den Unterhalt beider sowie
zweier oder dreier Kinder genügt. Das ist die Zahl, die man durch-
schnittlich voraussetzen kann, weil die Erfahrung (!) lehrt, daß un-
zefähr die Hälfte der zur Welt gebrachten Kinder im zarten Alter
stirbt. Nach dieser Erfordernis muß sich der gebräuchliche Lohn
-ichten... Wenn er ohne Schuld des Arbeiters dieses Maß nicht er-
reicht, so entspricht der Lohn nicht den Absichten der Natur, und
lie Gleichheit, welche die Gerechtigkeit fordert, wird nicht beob-
achtet...‘ 19

7 M. Liberatore, a. a. O, S. 257.
is M. Liberatore, a. a. O. S. 261
ı9 M. Liberatore, a. a. O0. S. 267—270.
        <pb n="48" />
        35

Eine anerkannte Glaubwürdigkeit in katholischen Kreisen hat jahr-
‚chntelang der französische Nationalökonom Charles Henry Xavier
Pürin genossen, der zwei grundlegende Werke der richtenden
Nationalökonomie vom scholastischen Standpunkte aus geschrieben
hat: De la richesse dans les societes chretiennes (2 Vol. 1881) und
Les Lois de la societe chretienne (2 Vol. 1875), und der außerdem
uns die Freude gemacht hat, seinen Standpunkt methodologisch. zu
begründen in der Schrift: Les doctrines de l’&amp;conomie politique de-
puis un siecle. Deutsch 1882. Hier heißt es: „Jeder Tag bringt eine
bessere Belehrung darüber, daß, wenn es eine falsche National-
ökonomie gibt, es auch eine wahre gibt.‘“2 Der Nationalökonomie
wird vorgeworfen, daß sie „die Erhebung des Menschen in dessen
Befreiung von aller Unterwerfung unter das Sittengesetz zu finden
rühme‘‘, — „Gerade durch das Studium dieser Gesetze hat die echte,
die spiritualistische Nationalökonomie die Widersprüche und un-
sinnigen Träumereien aufzudecken, von denen die Systeme unserer
neuerungssüchtigen Ökonomen erfüllt sind: sie hat zu zeigen, wie
diese Systeme, anstatt zu einem unbegrenzten Wohlstand zu führen,
den unvermeidlichen Ruin herbeiführen... Es ist nicht genug, daß
die Nationalökonomie nicht das ihr durch die Natur ihres Gegen-
standes selbst vorgeschriebene Gesetz überschreite: sie muß auch die
Überlegenheit, die Herrschaft der Prinzipien der sittlichen Ordnung
über die materiellen Interessen mit allen ihren Folgerungen an-
nehmen“?! usw.

Von Pörin stark beeinflußt ist der deutsche Nationalökonom
Georg Ratzinger (1844-—1899) in seinem Buche: Die Volks-
wirtschaft in ihren sittlichen Grundlagen. 1881. 2. Aufl. 1895. Den
Zweck, dem sein Buch dienen soll, umschreibt unser Autor wie folgt:
„Es werden die Prinzipien des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Lebens untersucht und auf Grund der Tatsachen, an der Hand der
Geschichte auf ihre Wahrheit geprüft werden. Es wird sich zeigen,
daß in den einfachen und erhabenen Lehren des Christentums die
Grundlage für das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben ge-
20 Ch. H. X. Perin, Die Lehren der Nationalökonomie seit einem Jahrhundert.
882, S. XIV.
321 Perin, a. a. O0. S. 19—14.
        <pb n="49" />
        36
geben ist und daß es für die Völker verderblich ist, wenn sie eine
andere Grundlage wählen wollen, als diejenige ist, welche Jesus
Christus selbst gelegt hat.“ „Wie entsteht der Reichtum, der allge-
meine Wohlstand der Völker? Diese Frage führt von selbst wieder
zu den höchsten metaphysischen Ideen über des Menschen Ursprung
und Ziel zurück. Der Mensch darf in seiner Tätigkeit sich nicht vom
beschränkten Gesichtspunkte und von den zerstörenden Interessen
des Egoismus leiten lassen, sondern die Liebe zu Gott muß der be-
rechtigten Selbstliebe die ideale Richtung verleihen, die Liebe zum
Nächsten muß sie ‚in die nötigen, sittlichen Schranken zurück-
weisen . . .‘‘%22
Aus dem Ideenkreis der scholastischen Philosophie ist auch das
bedeutende Werk des P. Heinrich Pesch hervorgewachsen®.

Es erübrigt sich, noch weitere Zeugnisse dafür beizubringen, daß
heute die scholastische oder sagen wir allgemeiner die katholische
Nationalökonomie, neben der es so gut wie gar keine evangelische
Nationalökonomie gibt (aus naheliegenden Gründen: weil den evan-
gelischen Christen das sichere Fundament einer lex aeterna, eines
kanonisch festgelegten Naturrechts mangelt), eine weit verbreitete
Richtung der Nationalökonomie darstellt. Es sei mir nur noch ge-
stattet, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, daß auch die Lehren
des heute einflußreichsten deutschen Nationalökonomen: diejenigen
Othmar Spanns in dem Mutterboden der Scholastik wurzeln. Spann
selbst hält sich für einen Hegelianer. Mir scheint aber, daß wesent-
liche Bestandteile seines Systems sich nur mit den Grundansichten
der scholastischen Philosophie in Einklang bringen lassen.

Seine weit verbreiteten Schriften, soweit sie hier in Betracht
kommen, sind folgende:

Gesellschaftslehre. 2. Aufl. 1923.

Fundament der Volkswirtschaftslehre. 3. Aufl. 1923. 5. Aufl.
1929.

Der wahre Staat. 2. Aufl. 10923.
22 Georg Ratzinger, Die Volkswirtschaft in ihren sittlichen Grundlagen.
z. Aufl, 1875, S. 29 und 52.

23 Heinrich Pesch S. J., Lehrbuch der Nationalökonomie. 5 Bände. 1905
bis 1923.
        <pb n="50" />
        37

Tote und lebendige Wissenschaft. 2. Aufl. 1925. 3. Aufl. 1929.
Die Hauptlehren der Volkswirtschaftslehre. 16. Aufl. 1926.
Für Spanns Gesamteinstellung zu unseren Problemen ist kenn-
zeichnend der Sinnspruch, den er einem seiner Bücher voranstellt: es
sind die Worte Meister Eckehards: „Bemühe dich nicht um kleine
Dinge, denn du bist zu kleinem nicht berufen.“

Daß Spann eine „richtende‘* Nationalökonomie in der Bedeutung,
die ich dem Worte hier beimesse, vertritt, wird nicht geleugnet
werden können. Er erklärt ausdrücklich, daß die Wissenschaft nicht
nur zu erforschen habe, was ist, sondern auch was sein soll. Er will
(vor allem) die Frage beantworten „nach der wesensgemäßen, das
heißt (1) der besten Wirtschaftsgestalt‘“24, will sagen: der „richtigen“
Wirtschaft. „Der Begriff des gerechten Preises, den die indivi-
dualistische Schule verspottete, muß wieder zu Ehren kommen. Er
wurzelt im Begriff des richtigen Gliederbaus jeder wirtschaftlichen
Ganzheit, zuletzt im Begriff der richtigen Wirtschaft, und ist da-
durch subjektiver Willkür entzogen.‘ 2

Der Weg aber, auf dem er zu diesem Erkenntnisziele gelangt, ist
der von der scholastischen Philosophie gewiesene; er ist in dem
Zentralbegriffe der Spannschen Lehre (wie der Scholastik): dem
Universalismus vorgezeichnet.

Spann selbst bezeichnet seine Lehre als die „Lehre von der Ganz-
heit“ und sagt, daß sie geboren sei „aus dem romantischen Drange
nach dem Ganzen“. Sein Ganzheitsbegriff ist nun aber durchaus der
scholastische, für ihn bedeutet, entgegen allen Lehrmeinungen der
neuzeitlichen Logik, das totum universale die Gattung gegenüber
ihren Arten. Seine Lehre von der „Ausgliederung“ der Teilganzen
trägt ebenso das Gepräge scholastischen Denkens. Vor allem ent-
sprechen die soziologischen Schlußfolgerungen, die er aus seiner
Ganzheitslehre zieht, ganz und gar denen der scholastischen Sozio-
logen und Nationalökonomen. Für Spann ist die „wesensmäßige‘‘,
„die einzig wahrhaft wirkliche (!) Wirtschaftsform“ „die ständisch
gebundene Wirtschaft‘. Von den vier Wirtschaftsformen, die er auf-
2 Othmar Spann, Tote und lebendige Wissenschaft, 2, Aufl. 1925, S. 3.
25 Othmar Spann, a, &amp;. O0. 5. 4a3£,
        <pb n="51" />
        8

zählt: ı. die reine Verkehrswirtschaft, 2. die reine kommunistische
Wirtschaft, 3. die körperschaftlich und ständisch gebundene Wirt-
schaft, 4. die frei geregelte Wirtschaft (eine Art von gemäßigtem
Kapitalismus), sind seiner Meinung nach die erste und zweite Wirt-
schaftsform utopisch; die dritte und vierte sind „in der Wirklichkeit
möglich‘, aber nur die dritte ist „dauernd und wahrhaft (!) mög-
lich‘ 28,

Hier weht doch wohl, wie mir scheint, scholastischer und ganz
gewiß nicht hegelischer Geist.

Ich habe oben bereits betont, daß die meisten nationalökonowischen
Systeme, zumal der neuen Zeit, nicht rein eine bestimmte Richtung
der Nationalökonomie vertreten. Das gilt gewiß auch und gerade von
Spanns Systeme, in dem in sehr verdienstvoller Weise der ver-
stehenden Nationalökonomie vorgearbeitet worden ist, wie das am
gehörigen Orte noch gewürdigt werden wird. Hier galt es nur, den
Kern des Spannschen Systems herauszuschälen, und der ist richtende
Nationalökonomie neuscholastischer Prägung.

Daß bei der Einordnung einer geistigen Schöpfung in ein
Kategoriensystem, wie es hier geschieht, immer das Beste, der Duft:
die persönliche Note verloren geht, versteht sich von selbst. Man kann
auch nur die getrockneten Blumen in ein Herbarium kleben.
2, Die Harmonisten
Ich nenne sozialen Harmonismus diejenige Gesellschafts- und
Wirtschaftsphilosophie, die seit dem 18. Jahrhundert neben der
Scholastik die Grundlage einer richtenden Nationalökonomie wird.
Wir können diesen sozialen Harmonismus am besten verstehen, wenn
wir ihn als das Gegenspiel gegen die überkommene katholische
Sozialphilosophie betrachten.

Das Zentrum der Weltansicht ist verschoben?*a: nicht mehr Gott
steht im Mittelpunkte, sondern der Mensch. Der Sinn der Schöpfung
wird nicht mehr darin erkannt, daß die Werke des Himmlischen
Ehre rühmen, sondern darin, daß der Mensch sich in ihr wohlfühle.
Auch waltet der Allmächtige nicht mehr in steter Bereitschaft seines
26 Othmar Spann, a. a. O0. 5. 5.
26a Vgl. dazu des siebenten Kapitels ersten Abschnitt und das fünfzehnte Kapitel.
        <pb n="52" />
        29
Amtes als der Herrscher der Welt, er ist vielmehr, nachdem er die
Welt geschaffen, bescheiden hinter sein Werk zurückgetreten, das
nun wie ein gut gearbeitetes Uhrwerk auch ohne sein Zutun abläuft.
Die „Gesetze‘* der: Weltordnung sind nicht mehr die von Gott dem
Herrn erlassenen Gebote, „Gesetze“ durchwalten vielmehr die Natur
als Zwangsläufigkeiten des Geschehens. Das Wort „Gesetz‘“ hat eine
Wandlung ‚erfahren: ‚es bedeutet nicht mehr Satzung, nicht mehr
rechtliche oder sittliche Norm, sondern Regel des Naturgeschehens.
Die Befolgung der „ewigen Gesetze‘ geschieht darum auch nicht
mehr zur höheren Ehre Gottes und weil es Gottes Wille so von
uns fordert, sondern sie geschieht um des Menschen und seines
Wohlergehens willen. Denn dieses ist das eigentliche Geheimnis der
Ordnung dieser Welt, in der sich die unendliche Güte des Schöpfers
offenbart: daß sie dem „Glücke‘“ der Menschen dient, wenn diese
sich den in ihr, das heißt „in der Natur‘ waltenden „Gesetzen“ fügen.
Die Befolgung der „Naturgesetze‘“, die also dem Menschen das
Höchstmaß von „Glück‘‘ (das immer in einem hedonistischen Sinne
verstanden wird) verbürgt, erheischt nun aber nicht mehr, wie die
Befolgung der göttlichen Gebote, eine sittliche Aufraffung gegen die
Triebwelt, sondern — gerade im Gegenteil — eine möglichst un-
gehemmte Entfaltung des Trieblebens jedes einzelnen. Kein sündiger
Mensch braucht überwunden zu werden, vielmehr muß der ursprüng-
liche Mensch nur zur Geltung gebracht werden: dieser triebhaft
handelnde Mensch ist „gut“; die Erbsünde ist ein Wahn. Nur die
verkehrten gesellschaftlichen Einrichtungen haben das Urbild des
gütigen Menschen, das im „bon sauvage‘““ noch hindurchschimmert,
entstellt. Wird dieses Urbild wieder hergestellt, läßt man seinen
natürlichen Trieben freien Lauf, so wird in der menschlichen Gesell-
schaft eine vollendete Harmonie herrschen, die der „Harmonie der
Sphären“‘ entspricht. Anthropozentrismus, Optimismus, Monismus —
alles verklärt durch einen sanften Deismus: das sind die Grundzüge
dieser Metaphysik, die das Zeitalter der Aufklärung beherrscht hat.
Descartes, Newton und Rousseau haben Anteil an ihrem Auf-
bau -— den größten aber gewiß Newton, der — wohl un-
wissentlich — den Grundriß für den Gesellschaftsbau geliefert. hat.
Denn die „natürliche Ordnung‘‘, der „ordre naturel‘, nach dem die
        <pb n="53" />
        ic
nachfolgenden Generationen die soziale Welt gestalten wollten, hat
sein Vorbild in dem natürlichen Systeme, das Newton für die
Himmelskörper aufgestellt hatte. -

Die Lehre von der „natürlichen Ordnung“‘‘, vom „ordre naturel“
tritt an die Stelle des alten Naturrechts, mit dem es nichts gemein hat
als das Wort „Natur‘‘, das hier seinen zweiten Bedeutungswandel
erfährt, nachdem es schon einmal in dem griechischen Worte „Puoig‘“
in sein Gegenteil verkehrt war. Im „Naturrecht‘“ der alten wie der
neuen Welt bedeutet die „natürliche Ordnung“ das der „Natur“ ent-
gegengesetzte Reich der Zwecke, das auf Freiheit gründet; in der
Lehre vom „ordre naturel‘“ meint man mit der „natürlichen Ord-
nung“ das Reich der Naturgesetzmäßigkeit. Man spricht auch jetzt
noch von einem (subjektiven) „droit naturel“ und bezeichnet damit
den Anspruch, den der einzelne auf Lebensgenuß hat: „Le droit
naturel de l’homme peut-&amp;tre defini vaguement le droit que l’homme
a aux choses propres ä sa jouissance.‘“?? Die Menschen üben ihr
„Naturrecht‘“ aus, indem sie sich den Anforderungen der „Natur“
anpassen: „les hommes ne peuvent faire usage de leur droit na-
turel qu’en se conformant ä Vordre naturel“ 28.

Die Idee des „ordre naturel‘‘ hat nun auch die Grundlage ab-
gegeben, auf denen zahlreiche Systeme der richtenden Nationalöko-
nomie aufgebaut worden sind. Die ersten, die sich ihrer bemächtigten,
waren, wie bekannt, die Physiokraten. Unter diesen ist es ihr Meister,
Francois Quesnay, der zuerst mit aller ihm eigenen Denkinten-
sität den Gedanken aufgriff, Mercier de la Riviere, der — selbst
ein unphilosophischer Kopf, wie sein Werk beweist — durch den
Titel seines 1767 erschienenen Buches „Ordre naturel et essentiel des
societ6s politiques‘“ zur Verfestigung der Idee beitrug und Dupont de
Nemours, der durch die zahlreichen Erläuterungen zu den Werken
anderer Physiokraten die ausführlichste Darstellung des Systems ge-
geben hat. Von seinen Äußerungen seien die folgenden hier mitgeteilt:

„Il y a une soci6t6 naturelle, anterieure &amp; toute convention entre

27 Francois Quesnay, Art. Droit naturel in der Encyclopedie,
3 Dupont de Nemours in den Physiocrates, 6d. Daire, ı (1846), 22.
        <pb n="54" />
        les hommes, fondee sur leur constitution, sur leurs besoins physiques,
sur leur interet evidemment commun.“ 29

„L’ordre naturel est la constitution physique que Dieu meme a
donne &amp; l’univers et par la quelle tout s’opere dans la nature... Quand
on envisage cet ordre supreme relativement ä l’espece humaine, on
voit qu'il doit renfermer, qu’il renferme en effet, dans le plus grand
detail, tous les biens physiques auxquels nous pouvons pretendre, et
l’institution sociale qui nous est propre. . .“

„Les lois naturelles considerees en general sont les conditions essen-
tielles selon lesquelles tout s’ex&amp;cute dans l’ordre institue par ]l’auteur
de Ja nature. Die den Menschen bekannten Gesetze sont les conditions
essentielles, auxquelles les hommes sont assujettis pour s’assurer
tous les avantages que lF’ordre naturel peut leur procurer. Elles döter-
minent irre&amp;vocablement, d’apres notre essence meme et celle des autres
ötres, quel usage nous devons n6cessairement faire de nos facultes
pour parvenir ä&amp; satisfaire mos besoins et nos dösirs, pour jouir,
dans tous les cas, de toute l’etendue de notre droit naturel; pour
Atre, dans toutes les circonstances. aussi heureux qu’il nous ‚est pos-
able.‘‘so
Das Studium dieses „ordre naturel‘“ mußte also auch die „richtige‘“
Wirtschaft aufdecken. Die Aufgabe der Nationalökonomie war es,
diese zu finden und danach Richtlinien für das wirtschafiliche Ver-
halten aufzustellen. Nur freilich: die Meinungen, welche Wirt-
schaft dem „ordre naturel‘“ entspräche, welches im natürlichen
Sinne die „richtige‘‘ Wirtschaft sei, gingen mit der Zeit auseinander.

Zunächst wurde mit Hilfe des „ordre naturel‘“ die „liberale Wirt-
schaft“, genauer die freie Verkehrs-Wirtschaft entdeckt und als die
„richtige“ Wirtschaft bezeichnet: alles Laissez-faire, alles Manchester-
tum gründet in dieser Auffassung von der „richtigen“ Wirtschaft.
So lehrten die Physiokraten, so viele der englischen „Klassiker“, vor
allem Adam Smith. Es ist heute, nach den Forschungen vor allem
Hasbachs, Bonars, Briefs, Suränyi-Ungers und Jastrowss®1

2 Dupont de Nemours, Origines et progres d’une science nouvelle in Phy-
siocratie ı, 341.

3 Dupont de Nemours, Physiocrates, 6d. Daire, I, 21.

4 Wilh. Hasbach, Die allgemeinen philosophischen Grundlagen der von
Francois Ouesnayv und Adam Smith begründeten politischen Ökonomie, r8090;
        <pb n="55" />
        }

nicht mehr zweifelhaft, daß gerade dem System des großen Schotten
die Idee einer prästabilierten Harmonie zugrunde liegt, die in seinen
‚Moral Sentiments‘‘ (1759) am klarsten zutage tritt, aber auch seinen»
„Wealth of Nations‘“ (1776) durchzieht. Auch die Befolgung des
Eigennutzes, dessen Wirken er ja in seinem nationalökonomischen
Hauptwerke untersucht, führt zu einer (dem einzelnen unbewußten)
Harmonie der gesellschaftlichen Beziehungen: „in der Verfolgung
seines Nutzens wird (der Mensch) von einer unsichtbaren Hand ge-
leitet, daß er den Zweck befördern muß, den er sich in keiner Weise
vorgesetzt hat‘. Die „unsichtbare Hand‘ hatte schon in den „Moral
Sentiments‘“ ihr Wesen getrieben. „They (the riches) are led by an
invisible hand to make nearly the samedistribution of the necessaries
of life which would have been made, had the earth been divided into
equal portions among all its inhabitants and thus without intend-
ing it, without‘nowing it, advance the interest of the society.“ ®
(Unterstreichung von mir.)

Und in den Nachfolgern wirkt derselbe Gedanke weiter: das vulgäre
Manchestertum bekommt erst einigen Sinn, wenn wir ihm diese An-
lehnung an den physiokratischen „ordre naturel“ zubilligen.

Ich denke hier an einen Schriftsteller, wie Frederic Bastiat,
und sein Hauptwerk, dessen Titel allein die Wesensart seines Denkens
erkennen läßt. Die Überschrift des ersten Kapitels seiner „Harmo-
nies &amp;conomiques‘“, das im Januarheft 1848 des „Journal des Econo-
mistes‘“ erschien, trägt die programmatische Überschrift: „Orga-
nisation naturelle et organisations artificielles‘. Darin heißt es u. a.:
„Il y a loin d’une organisation sociale fondee sur les lois generales
de l’humanite ä une organisation artificielle, imaginge, inventee, qui
ne tient aucun compte de ces lois. les nie ou les dedaigne. telle
derselbe, Untersuchungen über Adam Smith und die Entwicklung der politischen
Ökonomie, 1891; James Bonar, Philosophy and Political Economy in some
of their historical Relations, 1893, 3. ed. 1922; Götz Briefs, Untersuchungen
zur klassischen Nationalökonomie, 1915; Th. Suränyi-Unger, Philosophie in
der Volkswirtschaftslehre, 2 Bände, 1923 und 1925; J. Jastrow, Naturrecht und
Volkswirtschaft in den „Jahrbüchern für Nationalökonomie‘‘, III. Folge. Band 71,
1927. .

3 Adam Smith, W. of N., Book IV, ch. 2; derselbe, Moral Sentiments.
i. ed. pag. 351.
        <pb n="56" />
        49

enfin que semblent vouloir l’imposer plusieurs Gcoles modernes. —
En ‚vOrit6, tout cela a-t-il pu se faire, des phenomenes aussi extra
ordinaires, ont-ils pu s’accomplir, sans qu il y eüt dans la soci6te,
une naturelle et savante organisation, qui agil pour ainsi
dire ä notre insu?“ (Unterstreichung von mir.)

Eine Abart dieses Manchestertums ist die von Gossen begründete
hedonistische Schule. Auch in dieser steckt ein gut Teil jenes
Glaubens an die „natürliche Ordnung“. Oder wie sonst sollen wir
Worte wie diese verstehen: „Die unermeßliche Güte Gottes hat die
Welt so wunderbar geordnet, daß die Menschen zum höchsten Ge-
nusse gelangen, ja geradezu wie im Schlaraffenlande leben können,
wenn sie nur seine Gesetze erkennen und befolgen.‘ % Nämlich: dem
Gesetze des Grenznutzens gemäß leben. Und auch in den Systemen
der jüngeren Vertreter dieser Schule, z. B. in dem Friedrich von
Wiesers, kehren ähnliche Gedankengänge wieder, wenn auch die
Ausdrucksweise nicht so herausfordernd ist.

Nun ist es aber, wie ich schon andeutete, die Eigenart eines solchen
„ordre naturel‘‘, daß er verschiedene Auslegungen zuläßt. Und so
kam es, daß mehrere neuzeitliche Schulen der Nationalökonomie,
jene „plusieurs 6coles modernes‘, von denen Bastiat spricht, sich
ebenfalls auf ihn beriefen und von ihm aus Richtlinien für das wirt-
schaftliche Verhalten aufstellten, die Todfeinde der liberalen Natio-
nalökonomie waren: die Sozialisten. Sie sind teils bewußte, teils
unbewußte Vertreter der Idee einer „natürlichen“ Ordnung, deren
Verwirklichung Harmonie und Glück verbürge, gewesen. So Mo-
relly%, so Fourier, wenn er ausruft: „Pourquoi desesperer de
la sagesse de Dieu, avant d’avoir 6tudie ses vues? Pretendre que tel
degr&amp; de perfection n’est pas fait pour les hommes, c’est accuser
Dieu de möchancet6...‘“ Bekannt ist, daß Fourier sich für den
Vollender Newtons hielt, indem er die „Th6orie des quatre mouve-
ments“ zu der von Newton bereits entdeckten: „Theorie du mouve-
ment materiel‘“ hinzu entdeckt habe und daß er sein Gesamtwerk das
„Systeme generale de la Nature‘ nannte. So dachte Robert Owen:

N
3 Gossen, a. a. O.
34 Morellv, Code la Nature. 1755.
        <pb n="57" />
        A

„The rational state of mans existence based on the unerring and un-
changing laws of nature‘. So Weitling: „Die Basis des ganzen
Systems sind die auf die Gesellschaft und die Individuen bezüglichen
Naturgesetze...‘° So aber in besonders ausgesprochener Weise auch
Karl Marx und alles, was ihm folgt, wie ich an anderer Stelle nach-
zuweisen versucht habe.

Daß alle diese Denker auch Systeme der (richtenden) National-
ökonomie entworfen haben, ist bekannt, bekannt ist aber auch, daß
die „richtige“ Wirtschaft, die sie erkannt zu haben glaubten, von
der freien Verkehrswirtschaft, die Physiokraten, Klassiker und Grenz-
nutzler als solche verkündeten, in recht wesentlichen Punkten abwich,
vor allem das Recht aller Rechte, das Privateigentum, nicht mehr
anerkannte.

Die harmonistische Metaphysik liefert aber auch für national-
ökonomische Systeme jüngeren Ursprungs, wie mir scheint, die
Grundlage.

Ich rechne hierhin Eugen Dührings System, Dieses gehört zweifel-
los in wesentlichen Teilen der richtenden Nationalökonomie an. Denn
Dühring will ebenso das Sollen wie das Sein erkennen. Er spricht
von einer „Gattung von Erkenntnissen, deren Wesen es ist, auf
Satzungen hinauszulaufen‘“%, Die Entscheidung über das „Richtige“
aber kommt zustande — und in dieser Auffassung tritt seine har-
monistische Metaphysik deutlich zutage — „durch die Gravitation der
gesellschaftlichen Klassenkämpfe‘“37,

Aber auch Franz Oppenheimers „Reine Wirtschaft‘ ist doch
im Grunde nichts anderes als die „richtige‘‘ Wirtschaft, die er als An-
hänger des medizinischen ordre naturel*, sich seinen beiden großen
Fachgenossen, den Ärzten Petty und Quesnay, als dritter hinzu-
zesellend, auch als die „normale“ oder „gesunde“ Form der Wirt-
schaft bezeichnet. „Die reine Sozialökonomik wird uns das Bild der
35 Siehe in meinem „Proletarischen Sozialismus (Marxismus)“, 2 Bände, 1924,
las 14. und 15. Kapitel, wo die Lehre vom ordre naturel ausführlicher dar-
zestellt ist. “

% Eugen Dühring, Kritische Grundlegung der Volkswirtschaftslehre. 1866.
5. 481.

3” Eugen Dühring, a. a. 0, S. 485.

3 Siehe meinen „Proletarischen Sozialismus‘, I, 192.
        <pb n="58" />
        Normalität‘ liefern, wie Dühring es genannt hat, oder, um in
ınserer Terminologie zu bleiben, die ‚spezielle‘ Physiologie des
sozialen Körpers, die Tauschwirtschaft. Wenn wir dieses Bild mit
dem Bilde vergleichen, das uns die politische Sozialökonomik von
dem gleichen Objekte der Wirklichkeit liefert, so erhalten wir die
Gewißheit, daß der soziale Körper der Tauschwirtschaft von einer
schweren Krankheit befallen ist.‘“8 Von den naturwissenschaft-
lichen Bestandteilen, die das Oppenheimersche System außer dieser
Metaphysik enthält, wird am geeigneten Orte weiter unten noch die
Rede sein. N
3. Die Rationalisten

Unter sozialem Rationalismus will ich diejenige Gesellschafts-
and insonderheit Wirtschaftsphilosophie verstehen, die die Richt-
jinien für das praktische Verhalten aus den Postulaten der mensch-
lichen Vernunft ableitet, indem sie diese nicht nur als Erkenntnis-
mittel, sondern auch als Quelle der Soll-Sätze betrachtet. Diese Soll-
Sätze sind wieder in einem echten Naturrechte enthalten, das, wie
das stoische, dualistisch ist und auf der Anerkenninis einer höheren,
der kreatürlichen Welt gegenübergestellten Ordnung, eines transzen-
denten Vernunftreichs, eines Reiches der Freiheit beruht. Die „rich-
tige‘ Wirtschaft ist gemäß dieser Auffassung also die vernünftige
Wirtschaft.

Unnötig zu sagen, daß dieser Rationalismus zurückgeht auf jene
Geisteshaltung, die wir uns gewöhnt haben, als „Aufklärung“ zu
bezeichnen. Es ist das „siecle des lumieres‘“, auf das die bekannten
Verse von Marie Joseph Chenier, eines Nachkömmlings des Zeit-
alters Voltaires, zielen:

„C'est le bon sens, la raison, qui fait tout:
„Vertu, genie, esprit, talent et goüt;
‚Q’est-ce vertu? raison mise en pratique;
„Talent? raison produit avec 6clat;
„Esprit? raison, qui finement . s’exprime.
„Le goüt n’est rien qu’un bon sens delicat;
„Et le gönie est la raison sublime.“
39 Franz Oppenheimer, Theorie der reinen und politischen Ökonomie,
2. Aufl. 19171. S. 84.
        <pb n="59" />
        16

Aber im westlichen Denken vermischt sich der Rationalismus allzu-
häufig mit dem monistischen Naturalismus, so daß er nur in seltenen
Vällen ein echtes, das heißt eben dualistisches Naturrecht erzeugt.
Dieses wird erst ausgebildet durch die deutsche Philosophie des
ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts, so daß wir
für unsere Zwecke nur die Systeme der deutschen Denker in Betracht
zu ziehen brauchen. Was auch sie zu echten Kindern der „Auf-
klärung‘“ macht, ist der siegesbewußte Glaube an die Macht des
Wissens, das — dank dem Einflusse Kants — mit Wissenschaft
gleichgesetzt wurde. Die ‚Wissenschaft‘, heißt es in einem Buche,
das bezeichnend ist für den Schwung und die Begeisterung, womit
man alle intellektualistische Erkenntnis förderte®, „ist das göttliche
Licht, welches bei allen anderen menschlichen Werken vorleuchtet
und über sie ein eigentümliches, geistiges Kolorit verbreitet‘.

Es mag genügen, wenn ich kurz die Systeme des Naturrechts bei
Kant und Fichte, Hegel und Ahrens in ihren Grundzügen skiz-
ziere.. Die Gedanken Kants, die er vor allem in seiner „Grund-
legung zur Metaphysik der Sitten‘ und in seinen „Metaphysischen
Anfangsgründen der Rechtslehre“ niedergelegt hat, sind folgende:
Wir müssen dem „Gesetz“ gemäß handeln, das heißt aus Pflicht. Das
Gesetz besagt aber: „daß ich auch wollen könne, meine Maxime
solle ein allgemeines Gesetz werden können‘. Dieses Gesetz stellt
die Vernunft auf: da „die Vernunft für sich selbst und unabhängig
von allen Erscheinungen gebietet, was geschehen soll“. „Pflicht als
Pflicht (Kegt) vor aller Erfahrung, in der Idee einer den Willen
durch Gründe a priori bestimmenden Vernunft“. Es handelt sich um
„reine von allem Empirischen abgesonderte Vernunfterkenntnis“.
um Gesetze, die „aus dem allgemeinen Begriffe eines vernünftigen
Wesens überhaupt abgeleitet werden‘, um „Grundsätze, die die Ver-
nunft diktiert und die durchaus nötig a priori ihren Quell und hiermit
zugleich ihr gebietendes Ansehen haben müssen: nichts von der
Neigung des Menschen, sondern alles von der Obergewalt des Ge-
zetzes und der schuldigen Achtung für dasselbe zu erwarten. oder

4 Karl Christian Friedrich Krause, Das Urbild der Menschheit, 1808
3, Aufl. 189%. S. 33,
        <pb n="60" />
        den Menschen widrigenfalls zur Selbstverachtung und innerem Ab-
scheu zu verurteilen‘ 4.

„Die Rechtslehre ist das, wovon ein aus der Vernunft hervorgehen-
des System verlangt wird‘; „die Vernunft gebietet, wie gehandelt
werden soll, wenngleich auch kein Beispiel davon angetroffen
wurde‘ 42,
Diesem Vernunftrecht entspricht es, daß in einer Gesellschaft
herrschen:
ı. Privateigentum,
2. Vertragsfreiheit (aber keine Sklaverei),
3. Erbrecht.
Die „richtige“ Wirtschaft aber weist folgende Bestandteile auf:
t. Geld- und Handelsverkehr,
2, Kreditverkehr mit Zinsen, Pfand, Bürgschaft usw.,
3 das Lohnverhältnis.
{n seinem „Öffentlichen Recht“ unterscheidet Kant: „aktive“ und
„passive‘“ Staatsbürger. Zu diesen rechnet er: Gesellen, Dienstboten,
Unmündige, „alles Frauenzimmer‘‘; „und überhaupt jedermann, der
aicht nach eigenem Betriebe, sondern nach der Verfügung anderer
erhalten, entbehrt der bürgerlichen Persönlichkeit‘ (heute also die
Mehrheit eines Volkes. W. S.). Aber auch der Holzhacker auf meinem
Hofe, der ambulante Schmied in Indien, der Hauslehrer sind bloß
„Handlanger des gemeinen Wesens, weil sie von anderen Individuen
befehligt und beschützt werden müssen, mithin keine bürgerliche
Selbständigkeit besitzen‘. Die Staatsform der ‚wahren Republik“
ist das „repräsentative System“ #.

J. G. Fichte entwirft in seinem „Naturrecht‘“ (1796/97) und
später im „Geschlossenen Handelsstaate‘‘, den er als „Anhang zur
Rechtslehre‘““ bezeichnet (x800), ein vollständiges System der
„richtigen“ Wirtschaft, das er von der „Politik‘“ unterscheidet und
ebenso wie Kant auf den a-priori-Vernunfterkenntnissen begründet.

41 I, Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. ı. und 2. Abschnitt.
42 I. Kant, Metaphysik der Sitten. Erster Teil. Vorrede und Einleitung.
43 T Kant, Rechtslehre $8 4A6£.
        <pb n="61" />
        A
3

Die „richtige‘“ Wirtschaft enthält aber nach Fichtes Meinung fol-
gende Bestandteile:
1. das Privateigentum, das — a priori — wie folgt begründet
wird: „Die Person hat das Recht zu fordern, daß in dem
ganzen Bereich der ihr bekannten Welt alles bleibe, wie sie
dasselbe erkannt hat, weil sie sich in ihrer Wirksamkeit nach
ihrer Erkenntnis richtet, und sogleich desorientiert und in dem
Laufe ihrer Kausalität aufgehalten oder sie anders an dem Re-
sultat, als die beabsichtigte, erfolgen sieht, sobald eine Ver-
änderung darin vorfällt.‘‘ „Das Eigentum eines bestimmten
Gegenstandes... gilt... nur für diejenigen, die dieses Eigen-
tumsrecht unter sich anerkannt haben ...‘“44;

2. das staatliche Regal der Bergwerke und Forsten;

3. eine „gebundene‘“ Wirtschaft, wir würden sagen: eine Plan-
wirtschaft auf wesentlich handwerklicher Grundlage; in dieser
Planwirtschaft sind vorgesehen:

a) eine Zunftordnung: „Der Regent... muß berechnen, wie-
viel Personen von jeder Hantierung leben können, aber
auch wie viele nötig sind, um die Bedürfnisse des Publi-
kums zu befriedigen. Können nicht alle leben, so hat sich
der Staat verrechnet: er muß ersetzen oder den einzelnen
andere Nahrungszweige verweisen.‘ „Das Recht, Kauf-
mannschaft zu treiben, wird einer bestimmten Anzahl von
Bürgern, die der Staat zu berechnen hat, ausschließend als
ihr Eigentum im Staate zugestanden‘‘;

b) Bestimmungen über Höchstpreise;

c) tunlichste Abschließung von auswärtigen Staaten und das
staatliche Handelsmonopol #6.

Dieses Programm wird im „Geschlossenen Handelsstaat‘“ weiter
ausgeführt.

Der Fall Hegel ist verwickelter. Eine so reinliche Scheidung
zwischen der Sein- und Sollsphäre wie die beiden „Aufklärer‘‘ nimmt

4 J. G. Fichte, Naturrecht. 1796/97. $$ ır III, x2 VII 2.
45 J, Fichte, a. a. O0. $ 19 B. D. E.
        <pb n="62" />
        19

der „Romantiker‘“ nicht vor. Es ist alles nebelhaft bei ihm. Aber
durch den Nebel hindurch leuchtet doch eine Auffassung, die mit der
Kants und Fichtes in wesentlichen Punkten übereinstimmt und
sehr wohl einer „richtenden‘ Nationalökonomie Vorschub leisten
konnte (wie ja denn ein hervorragender Vertreter dieser Art von
Nationalökonomie, Othmar Spann, „für sich“ Hegelianer ist, wenn
auch nicht, wie ich schon nachzuweisen versucht habe, „an sich“).

Hegels Standpunkt gegenüber unseren Problemen ist dieser: Ab-
gelehnt wird in dem berühmten Satze: „Alles, was vernünftig ist,
das ist wirklich; alles was wirklich ist, das ist vernünftig‘“ die Gegen-
überstellung des Reiches des Seins und des Reiches des Sollens und
damit auch der Idee eines „Vernunftrechtes‘“ im Gegensatz zu dem
positiven Rechte, in unserem Falle einer „richtigen“ Wirtschaft im
Gegensatz zu der wirklichen Wirtschaft. Aber diese Ablehnung ist
doch nur eine scheinbare. Sie kommt zustande durch den willkür-
lichen Gebrauch des Wortes „wirklich“. „Wirklich‘“ bedeutet ja meist
bei Hegel nicht etwa soviel wie verwirklicht (in Raum und Zeit), em-
pirisch, sondern das Gegenteil davon, nämlich „vernünftig“. Oder in
Hegelscher Sprechweise: „Nichts (ist) wirklicher... als die Idee,“
Der berühmte, oben angeführte Satz enthält also eine Tautologie. Die
„vernünftige“ = „wirkliche“ Gestaltung bleibt aber immer unter-
schieden von der „wirklichen“ Gestaltung im empirischen Sinne. Auch
Hegel kann also a priori feststellen, was „vernünftig ist zum Unter-
schiede von dem, was in Raum und Zeit verwirklicht (in unserem Sinne
„wirklich‘“) ist. Daher er denn als seine eigentliche Aufgabe auch
erachtet: „in dem Scheine des Zeitlichen und Vorübergehenden die
Substanz, die immanent und das Ewige, das gegenwärtig ist, zu er-
kennen“.
Was wir auf spekulativem Wege erhalten, „ist eine Reihe von
Gedanken und eine Reihe der seienden Gestalten, bei denen es sich
fügen kann, daß die Ordnung: der Zeit in der wirklichen Erscheinung
(hier: „wirklich“ = empirisch! W. 5.) zum Teil anders ist als die
Ordnung des Begriffs‘ #

46 Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staats-
wissenschaft im Grundrisse. Herausgegeben von Eduard Gans. 1833. Vorrede.
S. 19. 47 Hegel, a. a. O. $ 32.

Sombart. Die drei Nationalökonomien
        <pb n="63" />
        0

Damit ist aber der „wertende‘‘, „richtende‘“ Standpunkt gegeben
ınd jeder praktischen Stellungnahme zum Leben eine „Aufgabe“
aufgegeben: das (dem Begriffe nach) jeweils „Vernünftige‘“ gegen-
über den „daseienden‘“ Gestalten durchzusetzen.

So entwirft Hegel denn in dem Kapitel, das von der „bürgerlichen
Gesellschaft‘, die im wesentlichen die Wirtschaftsgesellschaft ist,
handelt, ein getreues Bild von derjenigen Gesellschaft, die er (in der
Gegenwart) für die „vernünftige“ hält. Dieses Bild ist aber aus ganz
verschiedenen Bestandteilen zusammengesetzt. Es weist auf:

.. Züge der frühkapitalistischen, „daseienden‘“ Gesellschaft, in
der Hegel lebt;
Züge eines Idealbildes, das Hegel als „vernünftig‘” vor-
schwebt;
wirklich „notwendige‘‘ Bestandteile aller (arbeitsteiligen)
Wirtschaft mit Privateigentum, Gliederung in drei „Stände‘
und freier Konkurrenz.

2
),

Der „Staatsökonomie‘ weist er die Aufgabe zu, „das Notwendige“
n dem Bereiche der empirischen Wirtschaft aufzufinden, wobei der
Begriff „notwendig“ wiederum in einem doppelten Sinne gebraucht
wird. Notwendig bedeutet nämlich: ı. das, was nicht anders sein
zann, 2. das, was sein würde, wenn die Gesellschaft (Wirtschaft)
„‚vernünftig‘“ gestaltet wäre. Das ist doch aber, nur mit besonderen
Worten gesagt, nichts anderes, als was die „Dualisten‘“ in dem Gegen-
satze dessen, was ist und dessen, was sein sollte (nämlich: gemäß der
Vernunft) ausgedrückt hatten.

Ich will den drei Großen noch einen Naturrechtler minderen
Ranges anreihen, der aber deshalb Beachtung verdient, weil sich seine
anmittelbare Wirkung auf hervorragende Nationalökonomen des
ı9. Jahrhunderts nachweisen läßt: den Philosophen, der beispiels-
weise auf Adolph Wagner, der ihn fast ausschließlich zitiert, be-
stimmenden Einfluß ausgeübt hat: H. Ahrens, dessen Buch: Das
Naturrecht oder die Rechtsphilosophie in deutscher Sprache zuerst
1846 erschienen ist. Sein Verdienst, wenn man von einem solchen
reden will, besteht darin, daß er die Lehren der großen Philosophen
len Nationalökonomen gleichsam mundgerecht gemacht, ihren Ge-
        <pb n="64" />
        51

dankengängen angepaßt hat. Originell ist er nicht. Seine Lehre
ist folgende: „Die Wissenschaft. des Naturrechts (hat) die letzten,
in der Natur des Menschen (ein Begriff, gegen den Kant mit
Recht die lebhaftesten Bedenken äußert) beruhenden und von der
Vernunft begriffenen Gründe des Rechts‘ darzulegen. Es gilt zu er-
forschen: „die Art und Weise, wie die Gesellschaft in bester Über-
einstimmung mit den Bedürfnissen der menschlichen Natur zu
organisieren sei ... Noch fühlbarer trat das Bedürfnis ‚eines halt-
und unwandelbaren Prinzips der Einheit hervor, das als eine feste
Richtschnur, als ein Kriterium dienen möchte, wonach die Verrich-
tungen und Verhältnisse der gesellschaftlichen Ordnung zu würdigen
wären. Auf diesem Wege hat die Idee der Gerechtigkeit (!) sich
als gesellschaftliches Prinzip entwickelt.‘“*s ‚Diese Ideen sind in dem
Sinne angeboren, daß sie ursprünglich in jedem Geiste vorhanden
sind, dessen Vernunficharakter sie dokumentieren.‘ *® Die Grundzüge
der „richtigen“ Gesellschaftsordnung sind folgende: „Gleichheit,
Freiheit und Geselligkeit (zeigen sich) als die drei Grundwesenheiten
der menschlichen Persönlichkeit, und auf sie gründen sich die ent-
sprechenden Rechte der Freiheit, Gleichheit und Assoziation. Die
Gleichheit charakterisiert den Menschen als Glied einer und derselben
menschlichen Familie. Sie ist die Folge der Grundeinheit im Wesen
aller Menschen. Die Freiheit bestimmt für den Menschen eine per-
sönliche Sphäre der Tätigkeit, sie charakterisiert ihn als selbständiges
und für sich handelndes Individuum. Die Geselligkeit endlich stiftet
von neuem einen Bund unter allen Individuen, welche, wenn die
individuelle Freiheit das einzige Prinzip der Tätigkeit würde, ge-
trennt blieben.‘ 50
Die „richtige“ Gesellschaft erkennt ferner an:
ı. das Eigentum: „Das. Eigentum hat denselben letzten Grund
wie das Recht, es folgt aus den. Bedürfnissen des Menschen.

48 H. Ahrens, Das Naturrecht oder die Rechtsphilosophie, Deutsch 1846.
5, 3f, Das Buch wurde oft aufgelegt. Die 6. (letzte) Auflage stammt aus dem
Jahre 1870/71.

149 H, Ahrens, a. a. O0. S. 55.

59 H, Ahrens, a. a. O0. S. 228.
        <pb n="65" />
        32

wie sie sich aus den verschiedenen, vernünftigen Zwecken,
welche er vermöge seiner Fortbildung verfolgt, ergeben.‘ 5
Andere begründen das Eigentum auf Okkupation, Arbeit, Ver-
trag oder Gesetz (man erkennt hier die mühseligen Erörte-
rungen Adolph Wagners zur „Begründung“ des Eigentums
unschwer wieder);

2. das Erbrecht: als „die nötige Bedingung für die Kundgebung
und Bewahrung (der) Familienneigungen‘“52;

3. die Vertragsfreiheit: sie „steht ganz und gar unter der Herr-
schaft des Prinzips der individuellen Freiheit“.

Dieser soziale Rationalismus, das Erbstück der Aufklärung, hat
nun ersichtlich auf die Vertreter der nationalökonomischen
Fachwissenschaft einen großen Einfluß ausgeübt und hat es
bewirkt, daß die richtende Nationalökonomie in allen Ländern, am
meisten wohl in Deutschland, auch in denjenigen Kreisen nicht aus-
gestorben ist, die weder Anhänger des katholischen Naturrechts noch
der harmonistischen Metaphysik des 18. Jahrhunderts waren. Was so
viele Nationalökonomen nach den Rettungsringen der Vernunftideen
greifen ließ, war die Notlage, in die sich um die Mitte des 19. Jahr-
hunderts die Wirtschaftswissenschaftler versetzt sahen. Von allen
Seiten drängten die sozialen Probleme heran. Die „Arbeiterfrage‘‘
begann, sich zu entrollen. Die Schäden der kapitalistischen Wirtschaft
traten immer deutlicher zutage. Die „klassische‘“ Nationalökonomie
hatte nur ungenügende Antworten auf die tausend Fragen des Alltags.
Die sozialistische Kritik wollte man nicht gelten lassen. Daß etwas ge-
schehen müsse, sah man ein. „Reformen“ waren notwendig. So kam
man auf den seltsamen Gedanken, der nur aus Aufklärungsgeist ge-
boren werden konnte: die Wissenschaft auf die Schanze zu rufen,
damit sie die bedrohte Kultur gegen die andrängenden Feinde schütze.
Von der Stimmung, die um jene Zeit in nationalökonomischen Kreisen
herrschte, gibt ein getreues Bild das in mancher Beziehung stell-
vertretende Buch von J. Kautz: Die Nationalökonomie" als Wissen-

51 H. Ahrens, a. a. 0. S. 244
52 H. Ahrens, a. a. O0. S. 322
53 H. Ahrens. a. a. O0. SS. 3492.
        <pb n="66" />
        53
schaft, das 1857 erschien. Hier heißt es: „Wir wollen... einerseits
die Beantwortung jener großen Probleme, welche die Gegenwart in
ihrem tiefsten Innern bewegen und größtenteils als ökonomische
bezeichnet werden dürfen, nicht anderen minder kompetenten
Wissenszweigen überlassen, und andererseits die Behauptung, daß die
Menschheit bereits an das Ende ihrer Laufbahn angelangt, somit
keine Zukunft... mehr habe, ferner die Kraft und die Berechtigung
des praktischen Menschengeistes zur Hervorbringung neuer, noch
nicht vorhandener sozialökonomischer Gestaltungen nicht in Zweifel
ziehen; wollen wir keinen bloß äußerlichen, daguerreotypartigen (!)
Abdruck des Seienden und Gewordenen liefern (Bezug auf Lotzes
Mikrokosmos!) oder aber dem starren, tatenlosen Prinzipe eines
gnostisch-beschaulichen Quietismus gedankenlos huldigen: so werden,
ja müssen wir auch die Aufgabe unserer Wissenschaft (!) auf ein
breiteres, ausgedehnteres Gebiet stellen.‘“5* Mit einem Wort: die
Nationalökonomie muß auch das Seinsollende lehren; sie muß
richtende Nationalökonomie sein, und zwar auf der Grundlage eines
sozialen Rationalismus.

Derjenige Nationalökonom. der diesen Gedankengängen zuerst die
programmatische Spitze gegeben hatte und dessen Auslassungen als
„bahnbrechend‘“ von den Zeitgenossen empfunden wurden, war
Schüz gewesen mit seinem Aufsatze über „Das sittliche Moment
in der Volkswirtschaft‘“ im ersten Jahrgange der Tübinger Zeitschrift
(1844). Schüz führt hier aus, daß auch dem spekulativen Elemente
eine Stelle in der Nationalökonomie gebühre, daß die Wissenschaft
Resultat zweier Faktoren: der Erfahrung und der menschlichen Ver-
nunft, sei und daß es in ihrem Aufgabenkreis liege, die Überein-
stimmung der tatsächlichen Verhältnisse mit den Geboten und den
Forderungen der sittlich-praktischen Menschenvernunft anzubahnen.
An einer anderen Stelle desselben Bandes bezeichnet er als eine der
Aufgaben der Nationalökonomie „das natur- und vernunftgemäße
Ideal der Wirtschaft der Völker usw. zu untersuchen“,

Im Anschluß an Schüz hat dann vor allem der schon genannte
Julius Kautz versucht, ein System der „ethischen“ National-
54 Julius Kautz, Die Nationalökonomik als Wissenschaft. 1857. 5. 397.
55 Julius Kautz, a. a. O0. 8. 397.
        <pb n="67" />
        ökonomie, wie von‘ nun an diese Richtung genannt wurde, auszu-
bauen.

„Die Nationalökonomie verfolgt... auch‘, schreibt er, „einen
anderen ethisch höheren Zweck... Sie erkennt es als ihren Be-
ruf..., auch die zur Vervollkommnung und Weiterentwicklung des
Bestehenden und Vorhandenen dienlichen Mittel und Bedingungen
vorzuführen, die Verwirklichung in einer allseitig befriedigenderen.,
den Forderungen der Vernunft und Gerechtigkeit entsprechenderen
Güterverteilung anzubahnen... sowie auch die unabweisliche Not-
wendigkeit der steten Beachtung der ewigen Gebote der Humani-
tät und Menschenwürde, der Gerechtigkeit und der Moral,
der sozialen und politischen Ethik klarzulegen und festzustellen‘“
(vom Verfasser gesperrt) ... Sie ist bestrebt, neben die Logik des
Reichtums... eine Logik der Gerechtigkeit, der Moral und
der Humanität zu setzen (wie oben). Sie stellt sich dar „nicht als
ein bloß empirischer, das Gegebene und Vorhandene ausschließlich
beobachtender und geistig reproduzierender Wissenszweig... Son-
dern sie wird zu einer... hochwertigen Disziplin, das heißt zu
einer ethisch-philosophischen Erfahrungswissenschaft‘‘ (!).

Diese Ideen griffen in allen Ländern rasch um sich. Kautz selbst
stellt eine Liste der „ethischen‘‘ Nationalökonomen seiner Zeit und
der letzten Vergangenheit zusammen, die hier Platz finden möge:

Ttaliener: Fr. Fuoco, Gioja, Scialoja, Trinchera, Bianchini,
Boccardo, Rusconi, Romagnosi, Genovesi, Savarese;

Deutsche: Soden, Ad. Müller, Schmitthenner, Baumstark,
Schüz, Hildebrand, Roscher, Uhde, Mischler, Rau, List.
Schön, Knies, Roßbach, Mohl, Schulze:

Engländer: Mc Culloch (!), Scrope, Chalmers, Whateley, I. St.
Mill, Warren, Whewell (1854);

Franzosen: Droz, Blanqui, Dunoyer, Chevalier, Villeneuve,
Ott, Demetznoblet, Garnier, Aubry (1851), Destutt de Tracy.

Diese Liste ist sicher falsch. Es finden sich eine Masse von
Nationalökonomen darauf, die bestimmt nicht der von Kautz ver-
tretenen Richtung angehörten. Aber es fehlen auch Männer, die

56 Julius Kautz, a. a. O. S. 2897.

57 Julius Kauiz, a. a. O0. S. 329€.
        <pb n="68" />
        AR

‚soziale Rationalisten in einem hervorragenden Maße waren, ja gerade
diejenigen, die wir als die Klassiker des sozialen Rationalismus
zu betrachten haben. Zu diesen rechne ich in erster Linie: Johann
Heinrich von Thünen (1783—1850); Dieser tiefe Denker hat
in dem ersten Teile seines „Isolierten Staates‘, der schon 1826 er-
schien und bekanntlich die Standortslehre enthält, einen mächtigen
Beitrag zum Aufbau der verstehenden Nationalökonomie geliefert.
Dagegen stellt er sich im zweiten Teile des genannten Werkes, der
vom „Naturgemäßen Arbeitslohn“ handelt, in schroffer Abkehr von
seiner früheren Forschungsmethode, entschlossen auf den Stand-
punkt einer richtenden Nationalökonomie, und er begründet diesen
Standpunkt in vorbildlich klarer Weise mit den Beweisgründen des
sozialen Rationalismus in folgenden Worten: „Statt der Berufung
auf die Erfahrung muß ein auf Vernunftgründen beruhen-
des Gesetz nachgewiesen werden.“ (Von mir gesperrt.) „Die
hohe und hehre Aufgabe der Wissenschaft ist es, nicht bloß durch
die Erfahrung, durch den Verlauf der Geschichte, sondern durch
die Vernunft selbst die Wahrheit und das Ziel, wonach wir
streben, zu erforschen und zur Erkenntnis zu bringen.‘ 5 „Großes
Unrecht haben die Nationalökonomen dadurch begangen, daß sie
den, aus den beiden von ihnen in Betracht gezogenen Faktoren
sich bildenden Arbeitslohn für den naturgemäßen genommen und
daraus den Schluß gezogen haben, daß von der Vorsehung selbst
den Arbeitern nichts anderes bestimmt sei, als was zur Fristung
ihres Lebens notwendig ist. Höher fassen die Sozialisten die Aufgabe
auf, denn diese verlangen (!) für den Arbeiter nicht bloß Unterhalt,
sondern auch Lebensgenuß und Bildung. . .‘“ Nichts hindert aber die
Nationalökonomie, „daß sie das Grundprinzip des Sozialismus in sich
aufnimmt und. zu dem ihrigen macht (1). Ja, ich habe gefunden,...
daß das tiefere Eindringen in die Frage: ‚Welches ist der natur-
gemäße Arbeitslohn?“ in den letzten Stadien unmittelbar zu der
Frage über die Bestimmung des Menschen führt“ (Unter-

58 Joh. Heinrich v. Thünen, Der isolierte Staat in Beziehung auf Land-
wirtschaft und Nationalökonomie. 1. Teil 1826; 2. Teil ı. Abt. 1850: 2. und
3. Abt. 1863. 3. Aufl. 1875. II, ı 5. 41—43.

59 Joh. Heinr, v. Thünen. a. a. O0, S. 192/93.
        <pb n="69" />
        10

streichung von mir). Über diese „Bestimmung des Menschen‘
äußert sich Thünen dann in einer im wesentlichen den Ideen der
Aufklärung entsprechenden Weise an einer anderen Stelle seines
Werkes®. Was er für den „gerechten“ („richtigen“) Arbeitslohn
hält, hat er dann in seiner bekannten Formel yap ausgedrückt, wo
a den Bedarf, p das Erzeugnis einer vierköpfigen Arbeiterfamilie
bezeichnet.

In der Liste, die Kautz aufgestellt hat, fehlen aber noch andere
hervorragende Vertreter der richtenden Nationalökonomie auf sozial-
rationalistischer Grundlage, obwohl ihre Werke im Jahre 1857 be-
reits erschienen waren. Es sind. um nur die bedeutendsten zu nennen:
P. J. Proudhon (1809—1865), von dem vor allem das
„Systeme des contradictions €conomiques‘“ (2 Vol. 1846) in
Frage kommt;

Karl Rodbertus (1805—1875) mit seinen Schriften: Zur Er-
kenntnis unserer sozialen Zustände (1842), Soziale Briefe an
v. Kirchmann (1850—1851), Der Normalarbeitstag (1871).

Andere Klassiker dieser Richtung, die Kautz nicht berücksichtigen
konnte, weil ihre Werke noch nicht erschienen waren, sind:

M. Minghetti, Dell’ economia pubblica e delle sue affinenze colla

morale e col diritto. 1859. 2° ed. 1868.

H. Baudrillart, Des rapports de la morale et de l’&amp;6conomie
politique. 1860. 2° ed. sous le titre: Philosophie de l’&amp;co-
nomie politique. 1883.
Was später noch geschrieben wurde, sind Epigonenwerke. So
alles, was wir unter dem Rubrum des (deutschen) Kathedersozia-
lismus verzeichnen. Typisch für diese Art von Literatur ist das Werk
von Gustav Cohn, Grundlegung der Nationalökonomie (1885),
mit dessen saloppen Beweisführungen ich mich alsobald zu befassen
haben werde.

Überreste des sozialen Rationalismus finden wir übrigens in zahl-
reichen, zeitgenössischen Werken verstreut. Meist ohne daß der Autor
eine Ahnung hat von der Tragweite und der geistigen Herkunft
60 Joh. Heinr, v. Thünen, a. a. 0. IL, 2. 8. 98.
        <pb n="70" />
        7

seiner Gedanken. Überall, wo „Werturteile‘“ in nationalökonomischen
Werken gefällt werden, haben wir solche Überreste und Spuren vor
uns, wie das später noch zu begründen sein wird. Aber auch, wo wir
den Versuchen einer „Zurechnung‘“ bestimmter Einkommensbeträge
zu bestimmten Produktionsleistungen begegnen, stehen wir vor Rudi-
menten des sozialen Rationalismus. Was es nun mit diesem wie mit
aller richtenden Nationalökonomie erkenntnistheoretisch eigentlich
auf sich hat, soll im folgenden Kapitel untersucht werden.

Sechstes Kapitel
Die Erkenntniswege der richtenden Nationalökonomie
1. Die Begründung der richtenden Nationalökonomie durch
ihre Vertreter
Als das der richtenden Nationalökonomie eigentümliche Erkennt-
nisziel hatten wir die Erkenntnis des Seinsollenden aufgefunden.
„Sein‘‘ und „Sollen“ sind nach dieser Auffassung gleicherweise
Gegenstände der Erkenntnis, darauf kommt es an. Es handelt sich
nicht darum, Postulate für praktisches Verhalten aufzustellen — das
mögen temperamentvolle Vertreter dieser Richtung nebenbei tun —,
sondern darum, zu erkennen, was gut und böse, ja sogar: was
„richtig“ und „falsch‘“ in der Wirtschaft ist. Die wenigsten National-
ökonomen; die dieses schwindelnd hohe Ziel erstrebten, sind sich
überhaupt der Kühnheit ihres Unterfangens bewußt geworden. Nur
wenige haben es unternommen, es zu rechtfertigen. Meist haben es für
sie ihre Philosophen getan, denen sie gefolgt sind und an die wir
uns nun vornehmlich halten müssen, wenn wir nach einem Nachweise
der Notwendigkeit oder auch nur Zulässigkeit der sonderbaren Ziel-
setzung Ausschau halten. Denn sonderbar muß dem unbefangenen
Verstande der Gedanke anmuten: es könne auf dem Wege der
„Wissenschaft“ als richtig oder falsch festgestellt werden, was jemand
tun soll. Aber natürlich ist der „unbefangene Verstand‘, den wir auch
als „gesunden Menschenverstand“ zu bezeichnen pflegen, kein höchster
Richter in verwickelten wissenschaftlichen Fragen. Wir müssen des-
halb ohne alle Voreingenommenheit an die Untersuchung des Pro-
blems herantreten.
        <pb n="71" />
        5-

Soviel ich sehe, sind für die Berechtigung oder sogar Notwendig-
keit der Hereinziehung der Soll-Sphäre in den Bereich der Erkennt-
nis — was, wie noch zu zeigen sein wird, gleichbedeutend ist mit
dem Anspruch des Theoretikers, Werturteile zu fällen — vier Be-
weise aufgestellt worden, die wir als den logischen, den erkenntnis-
theoretischen, den ontologischen und den pragmatistischen bezeich-
nen können.
Der logische Beweis ist dieser: Die Wirtschaft ist ein Gebiet des
menschlichen Handelns. Alles Handeln untersteht Normen, gründet
auf Werturteilen. Also hat die Lehre von der Wirtschaft diese
Normen und Werturteile in den Bereich ihrer Betrachtung zu ziehen.
Kein Nagel, hat Schmoller einmal gesagt, wird ohne Ethik in die
Wand geschlagen. Und wir sollten ethische Erwägungen aus unserer
Wissenschaft ausschließen? Die Nationalökonomie ist eine „ethische
Wissenschaft‘, weil die ‚„Naturgesetze‘“ der Ökonomie den Impera-
tiven üuhd Normen der Ethik unterliegen. Ökonomie und Sittlichkeit
bedingen und stützen sich gegenseitig so stark, daß es „keine ökono-
mische Handlung gibt, die, wenn sie wirklich unsittlich, nicht auf die
Dauer auch ökonomischen Schaden stiftete“, Ähnlich führt den
Beweis Gustav Cohn: „Wenn die Ethik nichts anderes ist als die
Darstellung der handelnden Vernunft, so muß von vornherein die
Ausscheidung irgend eines einzelnen Stückes menschlichen Handelns
aus der Ethik nur vermöge eines Denkfehlers möglich sein, welcher
den Teil dem Ganzen. entgegensetzt... Gehört das ökonomische
Handeln in das Gebiet des vernünftigen Handelns, das heißt in die
Ethik hinein, so kann es notwendigerweise nichts anderes sein als
ein Teil der Ethik (!).‘“% Alles Seiende war einmal ein Sein-Sollendes.
Wenn ich also vom Seienden handle, handle ich auch von einem Sein-
Sollenden, nur einem vergangenen: warum soll ich den Strom des
Sein-Sollenden an einer Stelle (in dem Augenblicke, in dem ich ur-
teile) unterbrechen und die Erörterung, was in der Zukunft sein
soll, ausschließen?

% Gustav Schmoller über die Arbeiterfrage in den „Preußischen Jahr-
üchern‘“ XIV (1864), 418, 536.
6 Gustay Cohn, Grundlegung der Nationalökonomie ı (1885), S. 738.
        <pb n="72" />
        30

Diese höchst seltsamen Gedankengänge erstrecken sich — man
sollte es nicht für möglich halten — bis in die Gegenwart hinein.
Las ich doch unlängst bei einem jüngeren deutschen National-
ökonomen folgende, denkwürdige Zeilen: „Es geht nicht an, ein-
fach objektive Nationalökonomie treiben zu wollen, indem man
‚die Werturteile ausschaltet‘. Die wirtschaftliche Wirklichkeit, das
wirtschaftliche ‚Leben‘ ist ja eine Synthese von Tatsachen, die wir
als kausal erfaßbar, als ursächlich begründbar bezeichnen und von
Bewegungen, Strömungen, Wertungen, welche diese Tatsachen zu-
einander in die verschiedensten (aber subjektiven und relativis tischen)
Beziehungen setzen... Der Versuch, die Werturteile aus der National-
ökonomie auszumerzen, muß als gescheitert angesehen werden ... Die
Nationalökonomie ist damit der ‚Wirklichkeit‘ nicht näher gekommen,
denn auch die Zielsetzungen und subjektiven Forderungen gehören
zum ‚wirtschaftlichen Leben‘, in diesem Sinne sogar zur wirtschaft-
lichen ‚Wirklichkeit‘ ®.

In einer sehr vertieften Weise ist auch in dem hedeutenden Werke
Rudolf Stammlers über „Wirtschaft und Recht‘ (zuerst 1896)
der Gedanke vertreten worden, daß die Struktur der Gesellschaft mit
logischer Notwendigkeit eine teleologische Betrachtungsweise er-
heische, somit also auch die richtende Nationalökonomie die einzig
mögliche Form dieses Wissenszweiges sei.

Der erkenntnistheoretische Beweis für die Erkennbarkeit des Sein-
sollenden mit Hilfe verstandesmäßiger Kategorien geht vornehmlich
auf Kant zurück und gipfelt, wie bekannt, darin, daß dieser Philo-
soph für den Bereich der praktischen Vernunft dieselbe Zurück-
führung auf evidente Aprioris glaubt vornehmen zu können wie für
den Bereich der theoretischen. Hierher gehört die Literatur, die an
das genannte Werk von R. Stammler, anknüpft.

Unter Benutzung der Kanischen Beweisführung ist auch in der
neuesten Zeit wieder in einem beachtenswerten Werke“ die Soll-
sphäre als Untersuchungsgebiet der Nationalökonomie in Anspruch
genommen worden. Es wird hier sogar der Beweis zu führen ver-
sucht, daß eine „normative‘“ (richtende) Gestaltung unserer Wissen-

6 Hermann Levy, Nationalökonomie und Wirklichkeit. 1928, S. gaf.

5% Friasda Wunderlich, Produktivität. 1926.
        <pb n="73" />
        60

schaft notwendig sei, weil keine andere Betrachtungsweise die Mög-
lichkeit an die Hand gäbe, das Wissen um die Wirtschaft zu einem
Systeme zusammenzufassen.

Der ontologische Beweis beruht auf der Gleichsetzung von Sein
und Sollen, die angeblich beide auf derselben Ebene liegen, beide
nur Formen eines und desselben Seins sind, deshalb auch mit den-
selben Mitteln der Erkenntnis und auf denselben Wegen der Er-
kenntnis erfaßt werden können.

Dieser Beweis ist der der Scholastiker, die dabei — wie mir scheint
nicht ganz mit Recht — Aristoteles als Gewährsmann herbeirufen.
Danach wird in jeder Seinsregion ein wesentliches Sosein und ein zu-
fälliges Dasein unterschieden. Das wesentliche Sein ist das vollendete
Sein, die Perfectio ; dieses wesentliche Sein enthält aber den Wert
des Gegenstandes: „ExxoTtov yAp To BEXTIGTOV Ey TR 0bola uÄhLoTa.“ 6
Dieses vollkommene Sein ist das gesollte Sein, das gesollte Sein ist
das Bonum, weil appetibel, das Verum, weil erkennbar. Bonum und
Verum sind nur zwei Aspekte desselben Sachverhalts, beide sind „Sein“,
sie sind daher auswechselbar: „Ens et bonum se invicem includunt.““
„Ens et bonum convertuntur.‘“ „Verum et bonum subjecto quidem
convertuntur: quia omne verum est bonum et omne bonum verum est.
Verum secundum rationem propriam, qua est perfectio intellectus,
est quoddam particulare bonum, in quantum est appetibile quoddam.
Et similiter bonum, secundum propriam rationem, prout est finis ap-
petitus, est quoddam verum, in quantum est quoddam intelligibile.‘“66

Das Wahre und das Gute sind, weil beide Sein, also beide erkennbar,
Gegenstand der ‚Wissenschaft‘, Auf diese Weise ist auch die rich-
tende Nationalökonomie als Wissenschaft von der Wirtschaft gerecht-
fertigt: „Intellectus enim practicus veritatem cognoscit, sicut spe-
culativus, sed veritatem cognitam ordinat ad opus.“ Gemäß diesen
Worten des H. Thomas, begründet der Wiedererwecker der scholasti-
schen Philosophie im 19. Jahrhundert die Aufgabe der National-
ökonomie als einer richtenden Wissenschaft, und ihm sind alle An-
hänger dieser Richtung bis heute gefolgt. Neuerdings werden die
Gründe, mit denen man uns Antiwertiker bekämpft, mit Vorliebe aus

55 Aristoteles, Topica VI. ı2.

6 5, Thom., Summa theol. IIa IIae qu. 109 a. 2. Vgl. qu. 79a 11.
        <pb n="74" />
        1

diesem Arsenal der scholastischen Ontologie und Logik geholt, und
es muß zugegeben werden, daß von diesem Standpunkt aus am ehesten
die „Werturteile“ in unserer Wissenschaft begründet werden können.
Daß auch die Beweisführung der Scholastik nicht stichhaltig ist, will
ich alsobald nachzuweisen versuchen. Ich möchte aber zur Belebung
des Bildes noch einige Nationalökonomien, die wir als Vertreter der
scholastischen Ontologie anzusprechen haben, mit ihren eigenen
Worten sprechen lassen.

In besonders eindrucksvoller Weise hat neuerdings Johannes
Haeßle den Standpunkt der scholastischen Nationalökonomie zur Gel-
tung gebracht. Sein vortreffliches Buch‘ beginnt mit den kraftvollen
Worten: „Wie jede Wissenschaft, so hat auch die Ethik ihre eigene
Methode; diese ergibt sich aus dem Seinscharakter des ihr zugeord-
neten Objekts. Das Objekt aller Ethik aber ist das „A006“, das ist die
‚Urhaltung‘, die ‚Urgewohnheit‘, die jedem Wesen von Natur aus
innewohnt. Diese seinsmäßige Urhaltung ist der Zugang zur willens-
mäßigen Urnorm. ‚Ethos‘ bedeutet daher einmal die im Sein fundierte
Urhaltung, die in dieser mitgegebene Norm, endlich die mit der
Norm verknüpfte soziale Schätzung. Im Ethos der Wesen, in ihrem
intentionalen Ursein steckt entitativ ihr Ursollen. Im Ursollen ruht
als dessen adäquate Erfüllung oder zum ‚Vollen kommende‘ Entfaltung
das Ziel oder die Vollkommenheit jeder Seinswirklichkeit. Nie hat
ein Wesen ein Ziel, das ihm nicht als Sein innewohnt. Überall be-
stimmt die Seinsanlage die Seinsrichtung, die Seinshaltung, das
Seinsziel. Dieselbe axiomatische Relation gilt auch für das ‚Ethos‘
des Menschen. Die Urhaltung seiner Natur ist die Grundnorm des
Verhaltens seines Willens. Jede Vervollkommnung des Menschen, be-
stehe sie nun in der Erziehung anderer oder seiner selbst, kann nur
darin bestehen, aus dem Menschen herauszubilden, wozu die Natur
das keimhafte Vorbild oder urhafte ‚Ethos‘ seinsmäßig eingebildet
hat. Diese Beziehung besteht für alle Sphären menschlicher Willens-
betätigung, für die Individual- wie Sozialethik, für die Ethik des Ge-
meinschaftslebens, des Rechts, der Politik, der Volkswirtschaft. Die
Methode aller ethischen Wissenschaft besteht daher darin, durch das
6? Joh. Haeßle, Das Arbeitsethos der Kirche nach Thomas von Aquin und
Leo XIII. Untersuchungen über den Wirtschaftsgeist des Katholizismus. 1923.
        <pb n="75" />
        62

Sein die Pforte zu öffnen zum Sollen.“ Und weiter heißt est: „Die
ethische Norm ist nichts anderes als der ‚Ausdruck‘ des Seins. Die
Ethik ist somit die einfache Interpretation des Seins, dessen Auslegung
und sachgehaltige Ausdeutung. Die stilhafte Struktur der Sachverhalte
ergibt die Struktur der Sollensverhalte. Die Ethik gehört.so materiell
zum logischen Selbstgehalt der Dinge. Die Seinsbereiche enthalten
eine intentionale Verweisung auf die Norm, Die Ethik ist daher ein-
fache Metalogik; sie ist ständig geführt vom Sein, die Norm die
getreue Nachfolgerin der gegenständlichen Sache; die Ethik wandelt
unentwegt in den Pfaden und Spuren, welche die Ontologie gebahnt
hat... Die Ethik ist mithin einfach die Hermeneutik des Seins.“
Und noch einmal in der scholastischen Sprachweise ausdrücklich ®:
„Das Wesen der Gutheit besteht in der ‚perfectio‘. Jedes Seiende,
insoweit es seiend ist, trägt... soviel appetible Werte in sich, als
es intelligible Entitäten in sich birgt. Daher richtet sich nach dem
qualitätiven Seinsgehalt der Dinge die Welt der Werte; Wirklichkeit
und Wert ... korrespondieren wie Korrelate.“

In diesen Zusammenhang gehört aber auch die Beweisführung
Othmar Spanns. Sie läuft doch — trotz seiner Umkehrung des
thomistischen Satzes: Sein ist vor Sollen —, auf dasselbe hinaus.
nämlich auf die Behauptung einer Identität von Sein und Sollen. Diese
wird ebenfalls wie bei den Scholastikern durch den Begriff der „Per-
fectio‘, der Vollkommenheit hergestellt. „Ganzheitliches Sein, heißt
es bei Spann”, ist seinem Begriffe nach kein leeres Sein, sonderr stets
nur sinnerfülltes Sein. Gibt es aber kein Sein schlechthin, kein leeres
Sein, sondern nur erfülltes, und zwar mit dem sinnvollen Inhalte
der jeweiligen Ganzheit erfülltes Sein; dann kann es auch nur auf
Grund von Vollkommenheit Sein und dessen Weisen geben.‘ Nach
diesem Gedankengange „ist Vollkommenheit vor Sein; und weit ent-
fernt, daß die Verwirklichung des Gesollten ein Widersinn wäre, wie
Cohen und seine Schule behaupten, gilt: daß jedes Sein die Ver-
wirklichung von Gesolltem ist... Für die Verfahrensfrage ist nun
maßgebend, daß das Vollkommene. aus dem sich Sollen, Gelten. Wert
®% Joh. Haeßle, a. a. 0.8. IX.
% Joh. Haeßle, a. a. 0. S. 15.
7 Othm. Spann, Kategorienlehre., 1924. S. 332£.
        <pb n="76" />
        63
ableiten, nach dem objektiven Maßstabe des Sachgehalts der
Ganzheit sich ergibt, also ein von der Sache selbst gefordertes, nicht
ein subjektives, willkürliches Sollen“ (ist)... „Entscheidend (bleibt).
daß vor dem Suchen, Wollen und Erkennen die gegenständlich ge-
gebene Vollkommenheit, anders gesagt, die aus dem Gegenstand selbst
erfließende Vollkommenheitsforderung (!) steht. ‚Vollkommenheit‘.
‚Sollen‘, ‚objektives Ideal‘ fließt darum zuletzt nicht aus zufälligem
Wollen, sondern hat den objektiven Maßstab des Sachgehaltes der
Ganzheit ... Es gibt nur gesolltes Sein.”

Pragmatistisch endlich nenne ich denjenigen Beweis einer Erkenn-
barkeit des Seinsollenden, der dessen Inhalt aus der Gestaltung der
lebendigen Wirklichkeit abzuleiten sich anheischig macht, dafern im
empirischen Sein das Seinsollen bereits vorgezeichnet und also in
der Erkenntnis des „Seins‘‘ die Erkenntnis des Seinsollenden gleich-
sam schon miterfaßt sei. So hat man versucht, aus den „Tendenzen“,
die das Wirtschaftsleben aufweist, die Richtlinien für das Seinsollen
abzuleiten?! oder man hat das „Herkommen‘‘ als die Quelle bezeich-
net, aus der man das Seinsollende, also das „Richtige“ erkennen
könne. Diesen Weg hat z. B. Friedrich v. Gottl beschritten, um
zu, einer Einsicht in die „richtige“ Wirtschaft zu gelangen. Auch
nach ihm gibt es eine „seinsrichtige“ Wirtschaft, das heißt eine
solche, «die „vernunftmäßig‘“ betrieben wird??, gibt es eine „ver-
nunftmäßige Führung der Wirtschaft“. Über „Zweifel der vernunft-
mäßigen Erwägung‘ hilft aber die Wirklichkeit selber hinüber.
„Nirgends so wie hier (bei der Leistung des einzelnen .im ‘Betriebe)
gibt das Herkommen den Ausschlag. Just der Umfang betriebsmäßig
dauernder Leistung legt sich schier eisern fest im Rahmen der
sogenannten ‚Arbeitssitten‘. Es gibt eine ‚sittegemäße Tagesarbeit‘
in Stunden oder Spannweite bemessen, auch in der Art, wie sich die
Folgen der ‚Arbeitstage‘ durch ‚Feiertage‘ aufgelockert zeigt.‘ 7

2. Kritik
Wenn ich nun im folgenden es unternehme, die im vorstehenden
gekennzeichneten Ansichten über das Verhältnis der Erkenntnis des
1 ZB. Ludo Hartmann in den „Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik“
1913.
Ye Friedrich v. Gottl, Bedarf und Deckung. 1928. S. 98.
73 Rriedrich v. Gottl. a. a. O0. S. 33ı.
        <pb n="77" />
        64
Seins und des Sollens zueinander, über die Befugnis oder Nötigung
des theoretischen Betrachters zur Aufstellung von Zielen und Abgabe
von Werturteilen, über Sinn und Bedeutung also einer Normwissen-
schaft und einer richtenden Nationalökonomie insbesondere auf ihre
Berechtigung hin einer Prüfung zu unterziehen, so handelt es sich
offenbar um die Fragen, die zu stellen und zu beantworten sind:
Müssen wir, sollen wir, können wir richtende Nationalökonomie
{mit all den damit verknüpften Folgen) treiben? Von diesen drei
Fragen will ich die beiden ersten hier ausschalten, die Fragen also
nach der Notwendigkeit und nach der Zweckmäßigkeit einer rich-
tenden Nationalökonomie: sie gehören an eine andere Stelle und
können erst später in einem größeren Zusammenhange ihre sach-
gemäße Beantwortung finden: siehe das 16. Kapitel.

Nur im Vorbeigehen will ich schon hier bemerken, daß die in dem
„logischen‘“ Beweise versuchte Begründung einer Notwendigkeit,
Werturteile zu fällen, ganz sicher nicht beweiskräftig ist. Der auf-
merksame Leser wird schon bei meiner Wiedergabe jener Ansichten
gemerkt haben, daß hier ein Quidproquo vorliegt, daß die Beweis-
führung auf einer Verwechslung beruht zwischen den eigenen Wert-
urteilen des Theoretikers und Urteilen über Werturteile (anderer):
Wenn das Wirtschaftsleben nach Zwecken ausgerichtet ist und die
wirtschaftenden Menschen in jedem Augenblicke Werturteile fällen
(was natürlich der Fall ist) und wenn der Betrachter und Theoretiker
in jedem von ihm festgestellten Tatbestande diese Werturteile der
Wirtschaftssubjekte zu berücksichtigen hat (was er selbstverständ-
lich tun muß), so folgt daraus doch nicht im mindesten, daß er
selbst Werturteile über wirtschaftliche Zustände und Vorgänge fällen
muß. Und nur diese Werturteile des betrachtenden Nationalöko-
nomen stehen doch in Frage. Es ist tief traurig, daß man solche
Richtigstellungen erst vorzunehmen genötigt ist.

Es bleibt also zur Beantwortung übrig die dritte Frage: ist rich-
tende Nationalökonomie möglich oder — da ihr Vorhandensein ja
die „Möglichkeit‘“ schon erweist — genauer: wie ist richtende Na-
tionalökonomie möglich, womit wir glücklich bei der alten Schul-
frage angelangt wären. Auf diese Frage ist, soviel ich sehe, noch keine
befriedigende Antwort erteilt worden. Das, was alle Versuche einer
        <pb n="78" />
        65
Begründung vermissen lassen, ist die Herausarbeitung der ganz be-
sonderen Art von Erkenntnis, die in Frage kommt, wenn wir Ziele
aufstellen oder Werturteile fällen. Die Lücke auszufüllen, ist die Auf-
gabe der folgenden Darlegungen. Dazu bedarf es aber der genauen
Feststellung des Sachverhaltes, auf den sich die Betrachtung bezieht,
die in Zielsetzungen oder Werturteilen ausläuft. Ich versuche, diesen
Tatbestand, rein „phänomenologisch‘‘, wie man das heute nennt, zu
erfassen.

Alles Handeln erfolgt nach Zwecken: Aufstellung von „Richt-
linien‘“ für das Handeln bedeutet ein Urteil über praktisches Ver-
halten. Jedes Urteil über „richtiges‘‘ Handeln ist ein Urteil über
„richtige‘“ Zwecksetzung oder „richtige“ Mittelwahl. Diese kommt
für uns, die wir nach den Erkenntnisgrundlagen einer „Norm‘‘-
Wissenschaft (richtenden Wissenschaft) und nicht nach denen einer
Kunstlehre Ausschau halten, nicht in Frage.

Das Urteil über „richtiges“ Handeln enthält also einen Entscheid
in der Auswahl von Zwecken. Jeder solcher‘ Entscheid gründet auf
einem „„Werturteil‘, das heißt einem Vorzugsurteile.

Jeder Entscheid in der Auswahl von Zwecken setzt zu seiner Be-
gründung voraus ein System von Zwecken, das notwendig in einem
höchsten Zwecke gipfelt. Oder — was dasselbe ist —: jedes Wert-
urteil bekommt seinen Sinn nur in einem System von Werten, das
in einem tiefsten Werte gründet. Der höchste Zweck ebenso wie der
tiefste Wert sind aber — denknotwendig — transzendent. Das be-
deutet aber— und dieses ist der Springpunkt—, daß jeder Entscheid
über Zwecke, auch der harmlosesten (wenn ich mich entscheide,
eine Zigarre zu rauchen, um mich zu erfrischen), und daß jedes
Werturteil, auch das unscheinbarste (wenn ich die Zigarre für ein
Gut erkläre) mit zwingender Notwendigkeit bei dem Versuch
einer Begründung in das Reich des Absoluten ausmündet.

In dieser Hinsicht hat die scholastische Philosophie das „Richtige“
erkannt: „‚Principium totius ordinis in moralibus est finis ulti-
mus...‘“74 ,firmiter nihil constat per rationem practicam nisi per

7 S. Thom., Summa theol. Iae Ifa qu. 72.3 5 6.
Sombart, Die drei Nationalökonomien
        <pb n="79" />
        56
ordinationem ad ultimum fidem.‘“?% Dabei bleibt es sich völlig
gleich, welchen Seinscharakter das Wertesystem trägt.

Wir machen uns diesen Sachverhalt am besten klar mit Bezug
auf. das wirtschaftliche Handeln, um das es uns ja zu tun ist. Es
handele sich um eine Lohnforderung der Arbeiter. Wie entscheiden
wir, ob sie berechtigt ist? Indem wir einerseits feststellen, ob die
[ndustrie sie „tragen‘“‘ kann. Mit dieser Frage entscheiden wir uns
schon für die Notwendigkeit der betreffenden Industrie. Diese mögen
wir begründen mit der Unentbehrlichkeit des Erzeugnisses, es handle
sich z. B. um ein kosmetisches Mittel. Wenn wir dessen Unent-
behrlichkeit behaupten, nehmen wir Partei für eine bestimmte Art
der Lebensgestaltung, womit wir schon im Transzendenten angelangt
sind. Oder wir können die Berechtigung der Lohnforderung ab-
lehnen mit dem Hinweis darauf, daß der erhöhte Lohn die Kapital-
bildung. unmöglich mache, also auch den Kapitalismus. Also halten
wir diesen für erwünscht. Warum? Weil er etwa — im Gegensatze
zum Kommunismus — die persönliche Freiheit besser wahrt. Einen
Wert? Ja — wenn wir bestimmte Anforderungen an die Geltung des
Individuums in der Wirtschaft stellen. Geltung des Individuums in
der Wirtschaft? Entscheid über den Sinn unseres Lebens — trans-
zendent. Wir können aber die Lohnforderung auch bewerten im
Hinblick auf die Bedürfnisse des Arbeiters. Sie etwa als „berechtigt“
ansprechen, weil die Lage des Arbeiters schlecht ist: er hat kein
Auskommen, wenn er vier Kinder hat. Warum hat er nicht bloß
deren zwei? Dann käme er aus. Er soll vier haben, weil die Be-
völkerung sich nicht vermindern oder nicht stabil bleiben soll. Warum
nicht? Weil dann die Machtstellung Deutschlands eine Minderung
arführe. Eine „Gefahr“? Ja — wenn wir bestimmte Ansichten über

15 S, Thom., S. th. Iae IIa qu.go a2 und 3. Vgl. Jos. Mausbach, Katho-
lische Moraltheologie. Bd. I. 5. u. 6. Aufl. 1927. $ 7. — Die Polemik des ge-
schätzten Kollegen gegen mich in seinem Werke: Die katholische Moral und ihre
Gegner (5. Aufl. 1921. Seite 448) ist also, was diesen Punkt betrifft, gegenstandslos.
Man soll mir nicht immer noch meine Auffassung vorhalten, die ich in meinem
Aufsatze über die „Ideale der Sozialpolitik‘ im Jahre 1897 (1) vertreten und in
wesentlichen Punkten geändert habe. Dabei bin ich noch heute der Meinung, daß
lamals meine Ausführungen, die ein erster Angriff auf das Bollwerk der „ethischen“
Vationalökonomie waren. einen „Fortschritt“ für unsern Wissenschaft bedeuteten
        <pb n="80" />
        67

die Bedeutung der Geltung einzelner Völker oder unseres Volkes
haben — tiranszendent. Und ohne Rücksicht auf die Kinderzahl:
warum soll der Arbeiter „menschenwürdig‘“ leben können? Hat man
an das Wohlbefinden des Sklaven gedacht? Warum ist Entbehren
nicht wertvoller als sich satt essen? Warum sollen keine zu großen
Unterschiede im Einkommen ‚bestehen? Warum soll der eine nicht
hungern, während der andere praßt? Jede dieser Fragen führt also-
bald zu den „letzten“ F ragen.

Wenn wir diese Erwägungen in allgemeinen Sätzen ausdrücken,
so ergibt sich folgendes: jedes Werturteil über eine wirtschaftliche
Erscheinung hat zur Voraussetzung die Vorstellung einer „richtigen“
Gesamtgestaltung des Wirtschaftslebens; diese aber ist das, was wir
die „richtige“ Wirtschaft nennen. Diese „richtige‘‘ Wirtschaft kann
nur bestimmt werden durch. Ausrichtung auf einen „höchsten‘‘
Zweck. .
Dieser „höchste“ Zweck ist nun aber nicht etwa, wie man denken
könnte und wie man zuweilen annimmt, ein innerwirtschaftlicher.
Mit anderen Worten: es gibt keinen selbständigen, obersten Zweck
der Wirtschaft, keinen absoluten Wert der Wirtschaft. Alles, was
man als solchen bestimmen zu können geglaubt hat, wie volkswirt-
schaftliche Produktivität, Nachhaltigkeitserfolg, Volkswohlfahrt oder
dergleichen, gründet, wie tieferes Nachdenken erweist, in‘ einem
höheren Wert, der immer ein außerwirtschaftlicher ist. Man
braucht sich nur die Frage vorzulegen: Warum höchste Produk-
tivität? warum Nachhaltigkeitserfolg? warum Volkswohlfahrt?, um
das einzusehen. (Wollte man aber der Wirtschaft einen höchsten
Zweck setzen, ohne ihn weiter zu begründen, so würde man die
ganze Problematik von Grund aus ändern: man würde aus der Ebene
der richtenden Nationalökonomie als einer „Normwissenschaft‘“ in die-
jenige einer Kunstlehre wechseln, für die allein sich derartige fiktive,
„Als-ob‘“-Zwecke schicken.) Machen wir uns also klar, daß der Ent-
scheid darüber, wie gewirtschaftet werden soll (oder kann), letzten
Endes immer bestimmt wird durch irgendwelche außerwirtschaft-
lichen Entscheide. Deren gibt es aber eine bunte Menge, aus der ich
nur einige der wichtigsten Möglichkeiten herausheben will. Die
        <pb n="81" />
        AS

„richtige‘““. Wirtschaft gestaltet sich verschieden, je nachdem der Ent-
scheid getroffen wird:

daß viele oder wenige Menschen auf einer Bodenfläche leben
(oder leben sollen): Deutschland mit 40 und Deutschland mit
60 Millionen hat zwei ganz verschiedene Arten zu wirtschaften
nötig; ;

daß eine Beschränkung der Bevölkerung angestrebt wird (oder
werden soll);

laß ein Lebensrecht des einzelnen anerkannt wird (oder werden
soll): die Antwort jenes französischen Ministers auf die
Worte der Arbeiterdeputation: „Mais enfin, il faut que nous
vivions‘: „Je n’en vois pas la necessite‘“ deutet auf eine Auf-
fassung von der „richtigen‘“‘ Wirtschaft, die grundverschieden
ist. von derjenigen, die die Arbeitslosenunterstützung zu einem
„Grundrechte“ erklärt;

Jaß die Menschen in Wohlhabenheit oder in Dürftigkeit leben
(oder leben sollen): wenn wir unser Einkommen auf die
Hälfte herabsetzten, könnten wir eine viel anständigere Wirt-
schaft haben, als wir sie heute besitzen;

daß die Menschen in großen. Verbänden (Staaten, Reichen) leben
(oder leben sollen): ein Volk, das keinen Anspruch auf Macht-
geltung erhebt, kann ganz anders wirtschaften als ein solches,
das „imperialistische‘“ Ziele verfolgt;

laß die Menschen in. Freiheit leben (leben sollen): auf der
Grundlage der Sklaverei baut sich eine andere Wirtschaft auf
als auf Grundlage der persönlichen Freiheit aller;

daß die Menschen in Gleichheit leben (leben sollen), sei es die
Gleichheit eines Volkes, sei es verschiedener Völker unter-
sinander: welches andere Gesicht bekommt die „Kolonial-
wirtschaft‘‘, je nachdem man die farbigen Völker als gleich
behandelt oder nicht!
Natürlich flattern die Entscheide in diesen und anderen Einzel-
fällen, die sich beliebig vermehren ließen, nicht nebeneinander
herum wie aufgescheuchte Vögel in einem Käfig. Vielmehr ist der
eine durch den anderen gegeben, und alle finden sich — wenigstens
        <pb n="82" />
        AQ

in einem durchgebildeten und seinen Grundsätzen getreuen Men-
schen — zu einer inneren Einheit zusammen, einem Gesamtwerte-
system, das wir mit dem häßlichen Worte „Weltanschauung“ zu be-
nennen gewohnt sind. Wobei es wiederum dahingestellt bleiben kann,
ob das Wertesystem eine außersubjektive Realität ist oder nicht. Das
Entscheidende in der Weltanschauung bleibt im Rahmen unserer Be-
trachtung vor allem die Auffassung über die Bestimmung des Men-
schen auf. dieser Erde. Es gibt für uns so viele Typen von Welt-
anschauungen ernster und beachtlicher Natur, als es ernste und be-
achtliche Auffassungen über die Bestimmung des Menschen auf der
Erde gibt. Wir werden vor allem immer den Typen der diesseitigen
und der jenseitigen, der lebenabgewandten (geistigen) und der leben-
zugewandten (vitalen) Überzeugungen begegnen.

Zusammenfassend läßt sich also sagen: alle Systeme der gesollten
Wirtschaft laufen auf ein gesellschaftliches Ideal hinaus, das
heißt auf ein weltanschaulich — transzendent — begründetes System
gesollter Zwecke. Solcher Ideale (Systeme) gibt es mehrere, weil es
verschiedene Möglichkeiten der Annahme oberster Zwecke, (abso-
luter) Werte gibt: das ist der phänomenologische Befund, alle ab-
weichenden Meinungen, wie die christliche bedürfen einer besonderen
Begründung, wie wir sogleich sehen werden. Die möglichen «Gestal-
tungen der Wirtschaft werden aber noch dadurch vermehrt; daß es
meist auch mehrere Mittelsysteme gibt, um einen und denselben Zweck
zu verwirklichen.

Welche Erkenntnisweisen stehen uns nun, so lautet jetzt für uns
die Frage, zur Verfügung, um inmitten dieser unzweifelhaft zahl-
reichen Möglichkeiten, das Wirtschaftsleben zu gestalten, die „richtige“
Wirtschaft herauszufinden.

Da bietet sich uns zunächst das Erfahrungswissen an, das denn
auch in der Tat von manchen Anhängern der richtenden National-
ökonomie, wie wir sahen, in Anspruch genommen worden ist, um mit
seiner Hilfe Werturteile zu begründen. Ich sehe aber nicht ein, wie
das möglich sein kann. Die Tatsache, daß etwas ist, das heißt empi-
risch ist, in Raum und Zeit verwirklicht, Geschichte ist, kann doch
nie und nimmer ein Grund sein dafür, daß es sein solle. Was küm-
mert mich die „Tendenz‘‘, was kümmert mich das „Herkommen“,
        <pb n="83" />
        70

wenn ich darangehe, meine Ideale aufzustellen und zu verwirklichen?
Wollte man aber geltend machen, daß in „Tendenz“ oder „Her-
kommen‘“ die Notwendigkeiten zulage treten, die mein freies Han-
deln beschränken, so wäre darauf zu erwidern, daß mit diesem Hin-
weis der Boden des Erfahrungswissens verlassen und der des Evidenz-
wissens betreten sei, über dessen Verwendbarkeit für unsere Zwecke
alsobald: gesprochen werden wird.

Auch die Versuche, die ebenfalls hierher gehören: aus der „Natur“
oder dem „Wesen‘‘ des Menschen oberste Zwecke empirisch ableiten
zu wollen, müssen scheitern. Denn offenbar werden ja die „Natur“
oder das „Wesen“ des Menschen ihrerseits erst erkannt aus dem
obersten Zwecke, der dem Menschen gesetzt ist, das heißt aus der
Bestimmung des Menschen.

Deshalb lehnt, von ihrem Standpunkt aus wie mir scheint durchaus
mit Recht, die herrschende katholische Moralphilosophie die Versuche
einiger Moralphilosophen jesuitischer Observanz, wie des alten Suarez
und des modernen Cathrein u. a. ab, die als das Wesen der Sittlich-
keit die Übereinstimmung mit der vernünftigen Menschennatur be-
zeichnen 78,

Mit diesen Erwägungen scheint mir der pragmatistische Beweis
srledigt zu sein. ;

Wenn das Erfahrungswissen versagt, so hilft uns vielleicht das
Evidenzwissen weiter. Unter Evidenzwissen will ich die Einsicht
in die Notwendigkeit eines Sachverhaltes verstehen. Und zwar in das
notwendige Sein eines Sachverhaltes. Der Begriff „notwendig“ wird,
wie das so üblich ist, in einem doppelten Sinne gebraucht (dieser
doppelte Sinn vertritt hier wie so häufig bei den „philosophischen“
Eskamotagen, die ja so sehr beliebt sind, den doppelten Boden bei den
Taschenspielerkunststücken im Variete), einmal nämlich im Sinne
eines notwendigen Seins, das andere Mal im Sinne eines notwendigen
Sollens. . Notwendiges Sein bedeutet, daß etwas nicht anders sein
kann,.notwendiges Sollen, daß etwas nicht anders sein soll. Für das
Evidenzwissen: „2Xx2=4“, „der Teil ist kleiner als das Ganze“
kommt ersichtlich die Seinsnotwendigkeit in Frage.

AR A NE

76 Siehe die dagegensprechenden Gründe bei J. Mausbach, a. 4.0. S. 3245.
        <pb n="84" />
        Die „richtige“ Wirtschaft mit Hilfe des Evidenzwissens fesistellen
würde also auf den Nachweis hinauslaufen, daß eine bestimmte Wirt-
schaft „notwendig“ sei, das heißt, daß keine andere sein kann. Wie
steht es damit? Sind die Versuche, die „richtige‘“ Wirtschaft evident
zu machen, deren es mehrere gibt, geglückt? Prüfen wir! Prüfen
wir vor allem die einzelnen Fälle. mit denen die Evidenz erwiesen
werden soll.

Offenbar sind die Anhänger des ontologischen Beweises sämtlich
des Glaubens, daß sie ihre Beweisführung auf evidentes Wissen
stützen. Denn sie wollen uns ja überzeugen, daß das „Gute“, das
„Ideal“, sich aus dem Gegenstande selbst „mit Notwendigkeit“ er-
kennen lasse, und daß damit das „Gesollte‘“ eindeutig bestimmt werden
könne. Darin irren sie aber. Die Gründe, die gegen diese Auffassung
sprechen, sind folgende:

ı. selbst das Ideal des KEinzelgegenstandes ist keineswegs
immer nur eines, wenigstens nicht im Bereiche der Kultur,
sondern hat mehrfache Möglichkeiten: Kunst! Staat! Wirt-
schaft!
angenommen, es sei eindeutig bestimmbar, so bleibt zweifel-
haft, ob es überhaupt sein soll oder nicht, was für praktisches
Handeln doch entscheidend ist: auch wenn ich den „König“
eindeutig bestimmen kann, fragt es sich immer noch: ob ein
König sein soll oder nicht; sicher hat auch das Sklaven-
verhältnis sein „Ideal“, und doch kann ich die Sklaverei ver-
dammen; wenn Aristoteles, auf den sich die Scholastiker
zuweilen in diesem Punkte berufen (ich sagte oben: zu Un-
recht), meint, daß man die Gegenstände nicht schlechthin.
sondern nach ihrem guten und vollendeten Zustande definiere,
z. B. einen Dieb als denjenigen, der heimliche Wege zu nehmen
weiß, daß sich also die Begriffsbestimmung des Diebes auf
den geschickten Dieb beziehe‘, so ist damit doch noch
nichts darüber ausgesagt, daß der Dieb ein „Wert‘“ sei, also
sein solle; man mache sich doch klar, daß man mit der Ab-
leitung der Werte aus dem Sein (oder Wesen) allenfalls zum
17 Aristoteles, Topica VI. 12 fin. Zitiert bei Spann, Kategorienlehre. S. 331.
        <pb n="85" />
        72

„Sollen“ des Gegenstandes, aber nicht zu meinem Sollen ge-
langt, und daß das auf die Einsicht in das „Wesen“ begründete
Werturteil eine Plattheit enthält, nämlich: daß ein vollkom-
menes Ding „wertvoller“ als ein unvollkommenes ist;

Ideale können in Widerspruch zueinander geraten: etwa die
heroische und die idyllische Wirtschaft, wie ich die beiden
Grundtypen nenne. Was dann? Welches ist die „richtige“
Wirtschaft?

z

Also: bei aller Wertbestimmung aus dem Wesen einer Sache bleibt
die Tatsache bestehen, daß es verschiedene Möglichkeiten der
Gestaltung gibt, die uns vor die Notwendigkeit der Wahl stellen.
Damit ist aber die Evidenz ausgeschlossen, denn diese läßt nur eine
Möglichkeit zu. Diese Schwäche des ontologischen Beweises tritt mit
besonderer Deutlichkeit bei der Beweisführung Spanns zutage.

Spann macht daher die Widerlegung seiner Beweisführung,
die sich ganz im Rahmen des Evidenzwissens bewegt, leicht: er nimmt
sie selber vor. Wir sahen, daß er als die Aufgabe der National-
5konomie bezeichnete: die Frage zu beantworten „nach der wesens-
gemäßen, das heißt der besten Wirtschaftsgestalt“, die er an einer
anderen Stelle als die „wahrhaft mögliche‘“ der scHechthin „Mög-
lichen“ gegenüberstellt. Darunter kann ich mir nichts Rechtes vor-
stellen: etwas ist entweder möglich oder es ist nicht möglich. „‚Wahr-
haft“ möglich kann also nur ein Vorzugsurteil enthalten, wie es in
dem anderen Beiwort „beste‘‘ deutlichst zum Ausdruck gebracht wird.
Nun ist es aber „evident‘“, daß eine Sache entweder mit Hilfe eines
Vorzugsurteils als eine unter mehreren, das heißt als die „bessere“,
oder aber mit Hilfe des Evidenzurteils als die einzig mögliche, das
heißt die „richtige“, bestimmt wird. Entweder etwas ist „besser“
oder es ist „richtig“. Aber es kann nicht zugleich richtig und besser
sein: 2X 2 = 4 ist richtig, aber nicht besser, Dem „richtig‘“ entspricht
denknotwendig ein Gegenstand, dem „besser“ entsprechen ebenso
denknotwendig mehrere Gegenstände. Ich hoffe, mein liebenswürdiger
and geschätzter Kollege verübelt es mir nicht, wenn ich zur Kenn-
zeichnung seiner Beweisführung ein Scherzwort heranziehe, das den
Sachverhalt (Vermischung zweier Arten von Urteilen) in epieram-
matischer Zuspitzung ausdrückt:
        <pb n="86" />
        73
„Bin ich auch wirklich das einzige Mädchen, das du je geküßt
hast?“
„Ja, mein Schatz. Und dazu noch das hübscheste!“

Sollten die scholastischen Ontologen nun aber geltend machen, daß
die Eindeutigkeit der Zwecke ja durch die Ausrichtung sämtlicher
Einzelzwecke auf den finis ultimus gewährleistet sei, so wäre darauf
zu erwidern, daß mit dieser Hereinziehung des obersten Zwecks dert
Boden des Evidenzwissens verlassen ist. Denn dieser als ein transzen-
denter und inhaltlich bestimmter ist eben nicht evident, weil nicht
denknotwendig nur ein einziger. Was für den Gläubigen „evident“
ist, ist es noch nicht für den Verständigen, und nur auf diesen ist unser
Evidenzbegriff eingestellt. Die lex aeterna der Scholastik ist im ganzen
und im einzelnen nichts anderes als das aus Offenbarung und Tradition
gewobene System des christlichen Glaubens, den zu. einer Angelegen-
heit der logischen Denknotwendigkeit zu machen, mir als Blasphemie
erscheinen will.

v..Gottl bedient sich ehenfalls neben dem. Erfahrungswissen des
Evidenzwissens, um die „richtige“ Wirtschaft zu erkennen. Seine
„seinsrichtigen Werturteile‘‘, die er, wie wir sahen, beibehält, be-
treffen die „Volkswirtschaftlichkeit‘“ eines Gebarens, einer Maß-
regel, eines Vorgangs. Und er glaubt, Volkswirtschaftlichkeit ein-
deutig bestimmen zu können als „einfach das. was im Einklang
damit steht, daß sich in der Gestalt der Volkswirtschaft die Wirt-
schaft selber als Leben erfüllt, ihre Idee verwirklicht‘, was sie nach
folgender Formel tut: „lebensförderlichstes (!) Zusammenspiel aller
Erfüllungen im Gebilde, unter erschöpfender Auswertung alles Ver-
fügbaren“ '8, Ist damit wirklich eine bestimmte Wirtschaft eindeutig
bestimmt? Ich glaube nicht. Denn welche tausendfache Möglich-
keiten enthält allein das Wort „lebensförderlichst‘“ nach der quanti-
*ativen wie nach der qualitativen Seite hin. Das kann bedeuten: 40
und 60 Millionen Deutsche, reichliche und knappe Lebenshaltung,
Machtstellung und Abhängigkeit, Kommunismus und Kapitalismus,
Sklaverei und freies Arbeitsverhältnis, demokratische und aristo-

7 Friedrich v. Gottl, Volkseinkommen und Volksvermögen im ‚Weltwirt-
‚schaftlichen Archiv“ Band 26 (1927), S. 92/98.
        <pb n="87" />
        74

Kratische Wirtschaftsverfassung, freie und gebundene Wirtschaft,
Gegenwartswirtschaft und Zukunftswirtschaft und vieles, vieles
andere noch. Selbst ein Satz, den v. Gotil als Muster eines „evi-
denten‘“ Satzes der Volkswirtschaftslehre anführt: „Man soll die
Henne nicht schlachten, die die goldenen Eier legt‘, ist nichts
weniger als „evident‘“, „einleuchtend‘. Es sei denn, man bezeichne
es als notwendig (soll-notwendig), daß goldene Eier gelegt werden.
Aber dann ist es ein identischer Satz. Der Entscheid aber, ob „goldene
Eier“ gelegt werden sollen, hängt von der (beliebigen) Zweck-
setzung ab, die man vornimmt. Warum kann ein Volk sich nicht
vornehmen, den Boden auszurauben, die Bergwerke abzubauen, die
Produktionsmittel abzunutzen in der einzigen Absicht, für eine Ge-
neration mehr Güter zu erzeugen nach dem schon oft verkündeten
Grundsatze: „Nach uns die Sintflut?‘ Wenn z. B. der Glaube sich
verbreitet, daß in einem bestimmten, nahe bevorstehenden Zeit-
punkt „die Welt untergehen wird‘. Ein solcher Standpunkt mag
sehr verwerflich sein, möglich ist er gewiß, und es ist sogar der
Standpunkt gewesen, auf dem ganze Generationen gestanden haben.

Der Standpunkt wird uns noch näher gebracht, wenn wir etwa
das Verhältnis verschiedener Volkswirtschaften zueinander in Be-
tracht ziehen. Während des ganzen merkantilistischen Zeitalters
haben die europäischen Völker die Henne geschlachtet, die die gol-
denen Eier legte, als sie die Kolonialländer und Völker ausraubten
und aussaugten. Und Frankreich hat nach dem Kriege lange Zeit
geschwankt, ob es Deutschland als Legehuhn oder als Suppenhuhn
verwenden sollte. Wo also bleibt da die eindeutige Bestimmung
der „richtigen“ Wirtschaft?!

Bleibt die kunstvoll ausgebaute, stark betonierte Stellung Kants,
hinter der sich viele verschanzen, die den Evidenzbeweis für die
„richtige‘““ Wirtschaft zu führen unternehmen: es ist die Position aller
derer, die die Werturteile in der Nationalökonomie mit Hilfe. des
erkenntnistheoretischen Beweises zu rechtfertigen versuchen. Daß
Kants Beweisführung unwiderlegbar ist, solange sie sich streng formal
verhält, kann nicht in Zweifel gezogen werden. Aber sie überschreitet
diese Grenzen sehr häufig, und dann erweist sie sich nicht als stich-
        <pb n="88" />
        75

haltig. Auch der leiseste Versuch, das „Moralgesetz‘“ inhaltlich zu
bestimmen, ist zum Scheitern verdammt.

Alle Evidenz, diese Einsicht hat Kant selber mit unwiderleglichen
Gründen als richtig nachgewiesen, setzt apriorisches Wissen voraus.
Die Frage wird also, wenn wir die Evidenz einer Behauptung erweisen
wollen, die sein: ob der behauptete Satz a priori feststeht. Nun lautet
die wichtige Stelle, an der Kant die Gesellschaftslehre begründet,
wie folgt: „Nun sage ich: der Mensch und überhaupt jedes ver-
nünftige Wesen, existiert als Zweck an sich selbst, nicht bloß als
Mittel zum beliebigen Gebrauche für diesen oder jenen Willen, son-
dern muß in allen seinen, sowohl auf sich selbst als auch auf andere
vernünftige Wesen gerichteten Handlungen jederzeit zugleich als
Zweck betrachtet werden.‘ 79

Dieser Satz ist einwandfrei, wenn wir ihn rein formal fassen, das
heißt in die Bestimmung des „vernünftigen‘“ Wesens die Anforde-
rungen aufnehmen, die in ihm enthalten sind.

Er ist ebenso „unwiderlegbar“ (weil gar nicht im Bereiche der
Widerlegbarkeit befindlich) als sittliche Forderung. Er ist völlig hin-
fällig, wenn er eine inhaltlich bestimmte a-priori-Behauptung ent-
halten soll. Denn dann müßte die gemachte Feststellung „eindeutig“
sein, das heißt: sein Inhalt dürfte keine andere Möglichkeit zulassen.

Warum der Mensch „nicht bloß als Mittel zum beliebigen Ge-
brauche für diesen oder jenen Willen‘ dienen soll (darf? kann?),
ist nicht einzusehen. Der gläubige Christ wird sogleich anderer Mei-
nung sein, denn er betrachtet den Menschen als Werkzeug des gött-
lichen Willens. Und Aristoteles, der doch schließlich auch jemand
war, war ebenfalls anderer Meinung, wenn er die Sklaverei „a priori““
begründete (natürlich ebenso falsch). Noch in neuer Zeit sind er-
leuchtete Geister für die Wiedereinführung der Sklaverei eingetreten,
Ich erinnere an Linguet, an Granier de Cassagnac. Das mag
„empörend‘“ sein, aber „falsch‘“ ist es gewiß nicht.

Ebensowenig a priori, das heißt evident, ist das jenem Grundsatz
entsprechende „oberste Gesetz‘, das Kant für das menschliche Ver-
halten in der Gesellschaft aufstellt: „daß ich auch wollen könne,

AT
79 Kant, Metaphysik der Sitten. 2. Abschnitt.
        <pb n="89" />
        76

meine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden können.“ Es ist
oft und mit Recht demgegenüber geltend gemacht worden, daß
ebensogut zum Gesetz erhoben werden könnte: „daß jedermann
seinem Wesen gemäß (nach dem „Gesetz nach dem du angetreten‘)
handeln solle.“

Aber ‚selbst die Richtigkeit des von Kant aufgestellten „obersten
Gesetzes‘ zugegeben, so läßt ‘sich daraus keine einzige inhaltlich
bestimmte „Pflicht“ oder „Maxime‘‘ ableiten. Man prüfe doch die
vier Fälle von angeblich a priori begründeten „Pflichten“, die Kant
selber aufzählt, und man‘ wird leicht einsehen, daß kein einziger
den erhobenen Anforderungen entspricht: 1. Pflicht zur Erhaltung
des Lebens. Dagegen: Pflicht zum Opfertode; 2. Pflicht, Geld zurück-
zugeben. Dagegen: Liebe, Kommunismus. Denn die Pflicht ist selbst-
verständlich nicht ein allgemeines a priori (worauf doch die Beweis-
führung abzielt), wenn sie sich etwa als „evident‘‘ (notwendig) im
Rahmen eines bestimmten Wirtschaftssystems erweisen ließe;
sie wäre dann höchstens ein historisches a priori; 3. Pflicht, einen
nützlichen (!) Beruf auszuüben: Was heißt „nützlich“? Übt der
Bettelmönch einen „nützlichen“ Beruf aus? Oder der reiche Samm-
ler? Oder die „Dame“? Oder die Dirne? Unmöglich, die „Nützlich-
keit“ a priori zu bestimmen, also „evident‘ zu machen; 4. Pflicht
zur Wohltätigkeit. Wie steht es mit den Warnungen, die heute die
öffentlichen Stellen erlassen, keinem Bettler etwas zu geben? Wie
mit der Forderung der Sozialisten, die private Wohltätigkeit durch
die staatliche Fürsorge überflüssig zu machen?

Bei seiner Aufzählung der Bestandteile des Naturrechts macht
Kant sich selbst den Einwurf, daß das alles keine a-priori-Begriffe
seien, sondern „ganz empirisch zu sein scheinen“ und sucht den Ein-
wand durch eine Geldtheorie — deren a-priori (!)-Substarniz Gold-
und Silberwährung sind — ganz ergebnislos zu entkräften, indem er
eine Erklärung des Geldes (nach Adam Smith!) gibt, die „nur auf
die Form der wechselseitigen Leistungen im belästigten Vertrage
sieht (und von diesem als Materie abstrahiert) und so auf den Rechts-
begriff in der Umsetzung des Mein und Dein überhaupt“, ohne zu
bedenken, daß dies alles schon nicht mehr a priori ist. Noch viel
weniger ist Kants öffentliches Recht sachlich a priori begründet,
        <pb n="90" />
        77

sondern stellt nichts anderes als eine Spiegelung der zufälligen histo-
rischen Gesellschaft dar, in der er lebte, an der er nur einige seinem
persönlichen Ideal entsprechende Korrekturen vornimmt.

Wenn es aber selbst dem gewaltigen Geiste Kants nicht gelungen
ist, eine „richtige‘ Wirtschaft (und Gesellschaft überhaupt) „evi-
dent‘ zu machen, das heißt also, wie wir nun hoffentlich begriffen
haben, eindeutig zu ‚bestimmen, so wird die Unausführbarkeit
dieses Unterfangens wohl in der Sache selbst begründet sein. In der
Tat ist dem so. Nicht als ob es keine a prioris der Wirtschaft gäbe. Ich
werde ihrer selbst eine Menge namhaft machen. Aber sie betreffen
immer nur die Form oder wenn man will: einzelne Bestandteile
der Wirtschaft: in aller Wirtschaft ist Wirtschaftsgesinnung, Ordnung,
Technik; in aller Wirtschaft sind Sachgüter; es gibt nur zwei „Pro-
duktionsfaktoren‘‘; ‚alle Wirtschaft erfolgt in Betrieben usw. Das
sind echte a prioris. Aber sie beziehen sich nie auf das Ganze eines
Wirtschaftssystems. Diesem haftet stets empirischer Stoff an.

Das bisherige Ergebnis unserer Untersuchung ist also dieses: die
„richtige‘“‘ Wirtschaft ist weder zu finden mit Hilfe des Erfahrungs-
wissens, noch mit Hilfe des Evidenzwissens. Führt darum aber über-
haupt kein Erkenntnisweg zu ihr? Doch.

3. Wie ist richtende Nationalökonomie möglich?

Ist die „richtige‘‘ Wirtschaft überhaupt zu finden mit Hilfe irgend-
einer Erkenntnis? Ist sie überhaupt ein „Erkenntnis“problem? Um
diese‘ Fragen zu beantworten, müssen wir uns noch cinmal zu
völliger Klarheit bringen, daß das Problem der „richtigen“ Wirt-
schaft und somit der Aufgabenkreis der richtenden Nationalökonomie
aus drei Bestandteilen besteht, sofern es sich handelt:
ı. um die Einsicht in die letzten Werte;
2. um die Erkenntnis der richtigen Mittel zur Verwirklichung
der Zwecke;
3. um den Appell an den Willen, das Richtige zu tun.
Der 3. Punkt enthält überhaupt kein Erkenntnisproblem und
scheidet aus; der 2. Punkt ist zwar ein Erkenntnisproblem, gehört
aber in die Kunstlehre (Technologie) und scheidet ebenfalls aus;
        <pb n="91" />
        78
der $. Punkt aber ist derjenige, der hier allein in Frage kommt:
er betrifft dasjenige Erkenntnisproblem, mit dem wir es hier zu tun
haben. Und unsere Aufgabe ist nun — scharf umrissen — die: fest-
zustellen, ob es eine Erkenntnisart gibt, die die Einsicht in letzte
Werte vermittelt, Daß diese weder das Erfahrungswissen noch das
Evidenzwissen, die beide zusammen, wie wir hier schon feststellen
wollen, diejenige Erkenntnisart ausmachen, die wir die wissen-
schaftliche nennen, sein kann, glaube ich nachgewiesen zu haben.
Aber es gibt neben der wissenschaftlichen Erkenntnis noch andere
Erkenntnisweisen, und eine unter diesen ist vielleicht diejenige, die wir
suchen.

Wir wissen jetzt wieder, dank nicht zuletzt der Lebensarbeit Max
Schelers, daß das Erkennen viele „Regionen“ hat, daß jede Art des
Lebens zugleich Erkenntnis einer seiner Eigenart entsprechenden
Wahrheitsregion ist. Neben dem Verstandeserkennen müssen wir ein
Gefühls- und. Willenserkennen gelten lassen. Wir müssen einsehen,
daß der Zugang zum Sein ebenso durch die ästhetische, soziale, re-
ligiöse Funktion unserer Seele möglich ist wie durch die logische.
Unter diesen zahlreichen Funktionen ist nun eine die philosophische.
Und die ihr entsprechende Erkenntnisart ist die Metaphysik.
Freilich müssen wir den Begriff der Metaphysik anders fassen als
es die heutige Logik tut. Heute ist die Metaphysik in den Eisregionen
des „wissenschaftlichen‘“ Denkens eingefroren, und sie muß gleich-
sam wieder aufgetaut werden, indem wir sie aus dieser FKiswüste
entfernen und in wärmere Zonen überführen.

Den äußersten Grad der Starre und Blutleere erreicht die Meta-
physik in der Auffassung der Positivisten, wie sie bei uns etwa Wil-
helm Wundt vertrat, der der Metaphysik den Beruf zuwies: „die
durch die Einzelwissenschaften vermittelten Erkenntnisse zu einem
widerspruchslosen System zu vereinigen‘“s.

Aus dieser Totenstarre erweckten diese Erkenntnisart schon die-
jenigen Denker, wie Sigwart und Heinrich Maier, die ihr als
Aufgabe doch wenigstens stellten „die transzendental-genetische Er-
klärung der kategorischen und systematischen Wirklichkeitsformen“‘,

50 W. Wundt, Einleitung in die Philosophie. S. 19.
        <pb n="92" />
        79

die Herausarbeitung der „formalen Struktur der Weltwirklichkeit‘‘.%
Aber freilich auch diese Männer wollten und wollen von dem wissen-
schaftlichen Charakter der Metaphysik nicht lassen, wobei sie von
Wissenschaft ungefähr denselben Begriff haben, wie er dieser Dar-
stellung zugrunde liegt. „Auch die erkenntnistheoretische-metaphy-
sische. Wirklichkeitsphilosophie ist am Ende Wirklichkeitswissen-
schaft... Unser Wissenschaftswille lehnt alles ab, was vor dem
strengen Geltungsmaßstab der Wissenschaft nicht standhält.“ s?

Wegen dieses Postulates der Wissenschaftlichkeit hält sich folge-
richtig diese Richtung streng an die Feststellung der formalen Struk-
tur der Weltwirklichkeit, wohl wissend, daß alle inhaltlichen Aus-
sagen über transzendente Dinge die Grenze des Erfahrungs- und
Existenzwissens überschreiten. Alle Philosophie, die auch den Inhalt,
den Sinn der Welt erfassen will, lehnen sie als „Begriffsroman‘‘, als
„Weltdichtungen, die auf wissenschaftlichen Wert keinen Anspruch
machen können‘, ab.

Und gerade diese „Weltdichtung‘“‘ ist die der Metaphysik eigenste
Aufgabe, wenn man dieser Erkenntnisweise eine Bedeutung neben
der Wissenschaft beimessen will. Alle echte Philosophie ist, weil ihr
Gegenstand erfahrungstranszendent ist, selbst wissenschaftstranszen-
dent. Ihre Eigenart wird bestimmt durch die Ziele, die sie sich
steckt: die Erkenntnis des Absoluten und Unbedingten, die Er-
schließung des Sinnes aller Sinngehalte, des Sinnes der Welt. In
wundervoller Weise hat Max Scheler die Philosophie bezeichnet ss
als den liebesbestimmten Aktus der Teilnahme des Kerns einer end-
lichen Menschenperson am Wesenhaften aller möglichen Dinge.
Aus dieser Wesenheit der Philosophie, die immer gleichbedeutend ist
mit Metaphysik, ergibt sich die erkenntnistheoretische Eigenart, die
diese Erkenntnisweise aufweist und die wir etwa wie folgt um-
schreiben können.

Auf Glaube, Liebe und Ehrfurcht ist alles philosophische Wissen
aufgebaut. Auf dem Glauben vor allem. daß es außer dieser Welt des
81 H. Maier, Wahrheit und Wirklichkeit. 1926. S. 564£.

82 H. Maier, a. a. O0.

88 Siehe den schönen Aufsatz von Max Scheler, Vom Wesen der Philosophie
in der Zeitschrift „„Summa‘“, 2. Viertel 1917.
        <pb n="93" />
        80

Scheins, in der wir leben, eine andere Wesenswelt gibt, deren Er-
forschung die Philosophie sich zur Aufgabe stellt. Alle echte Philo-
sophie setzt die Realität einer transzendenten Welt als selbstverständ-
lich voraus. Alle echte Philosophie ruht aber des ferneren auf dem
Glauben ‚an die Erkennbarkeit dieser übersinnlichen Welt und daß
ihre Erkenntnis logifiziert, unter Verstandeskategorien gebracht
werden kann: dieser doppelte Glaube ist das Apriori jeder Meta-
physik.

Die Besonderheiten der philosophischen Erkenntnis sind aber diese:

I. sie ist, wie man es ausdrücken kann, persongebunden. Nur
dem Auserwählten, dem Begnadeten erschließt sich die Einsicht in
die Welt des Absoluten. Wahrheit ist ebensowenig wie Schönheit
jedem Beliebigen erreichbar. Philosophisches Wissen ruht auf Offen-
barung und die Philosophie erweist sich damit der Religion ver-
wandt. Auch die Art ihres Wissens gleicht dem religiösen: es ist mehr
ein Schauen, ein Ahnen als eim Wissen im szientifischen Sinne. Sie
unterscheidet sich von der Religion dadurch, daß sie ihr Wissen, statt
in Symbolen, in Verstandeskategorien faßt. Aber diese Fassung bleibt
anvollkommen: den Verstandeskategorien, in denen das philoso-
phische Wissen sich darstellt, haftet immer noch etwas Symbo-
lisches an. Das philosophische Wissen ist nur in beschränktem Um-
fange objektivierbar, das heißt loslösbar von der Person des Philo-
sophen. In der Philosophie ist ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger,
wer etwas sagt, als was gesagt wird. Daraus ergibt sich:

2. die dem philosophischen Wissen eigentümliche Form der Über-
tragung. Sie ist die der Lehre. Lehre ist aber die Übertragung eines
Wissensstoffes von Person zu Person, wie sie geübt wird in aller
Religion, in aller Kunst und handwerkerlichen Kunstfertigkeit: dem
Meister steht: der Jünger, der Schüler, der Lehrling gegenüber.
Lehren heißt: zeigen, wie ich es mache, sagen, wie ich es sehe. Ihr
entspricht die Aufforderung: „tut Ihr desgleichen‘“; macht es ebenso,
schaut es ebenso wie ich; „folgt mir nach‘. Alles Überzeugen ist
sehenmachen. Das philosophische Wissen ist. darum nur aufweisbar,
nicht beweisbar. Deshalb kann es,auch nur dem Gleichgesinnten,
Gleichgestimmten, Gleichgerichteten übertragen werden. Wie ich die
        <pb n="94" />
        R1
Farbe nicht dem Blinden, den Ton nicht dem Tauben, Gott nicht
dem Gottlosen aufweisen kann, so auch die philosophische Weisheit
nicht dem Unweisen. Alles Philosophieren, so haben es die Griechen
schon treffend ausgedrückt, ist ein Mitphilosophieren, ein GULPLÄO-
so@sıy. Deshalb wendet sich der Philosoph auch nicht an die unbe-
kannte Masse, „an alle‘; sondern nur an den engeren Kreis der
Jünger, „Sagt es niemand, nur dem Weisen!“ Ihren soziologischen
Ausdruck findet dieser Sachverhalt in der „Philosophenschule‘“‘, der
„Akademie“, wie das für die platonische Akademie in meisterhafter
Weise Paul Landsberg aufgewiesen hat%.

Die philosophische Erkenntnis ist

3. relativistisch, das heißt: sie ist bewußtes „Standpunkt““-
Wissen, das bestimmte Teilausschnitte aus der Welt des Absoluten
erkennt, Die Philosophie sucht das Absolute zu erfassen, aber dieses
Absolute erscheint in dem Gedankenbilde des Philosophen in ganz
bestimmter Auswahl, Stellung, Färburfg, Prägung, Jeder große Phi-
losoph erblickt nur einen Teil des unendlichen Absoluten und gibt
deshalb in seiner Lehre nur eine Seite des objektiven Seins wieder:
daß er einen Typus der Auffassung, nicht einen beliebigen Quidam
darstellt, macht ihn zum Philosophen. Aber seine Philosophie bleibt
notwendig einseitig. „Diese Einseitigkeit der einzelnen Philosophien
liegt in ihrem tiefsten Wesen begründet; denn als dieses Wesen hat
sich doch offenbart, daß das Allgemeinste sich in der Form einer
typischen Individualität darstelle‘ (Simmel). Wie zwei Astronomen
an verschiedenen Punkten der Erde verschiedene Sternbilder wahr-
nehmen, während doch der Sternenhimmel derselbe eine ist, so geben
uns verschiedene Philosophen verschiedene Ausschnitte aus der Welt
des Absoluten je nach der typischen Art ihrıs Wesens. Leibniz hat
denselben Gedanken in einem anderen Bilde ausgedrückt, wenn er
schreibts5-
„Wie eine und dieselbe Stadt, von verschiedenen Seiten angesehen,
immer als eine andere und gleichsam vervielfältigt erscheint, so kann

% Paul Landsberg, Wesen und Bedeutung der Platonischen Akademie. Eine
erkenntnissoziologische Untersuchung. 1923.

85 Leibniz, Monadologie, Satz 57
Sombart, Die drei Nationalökenomien
        <pb n="95" />
        50)

es geschehen, daß wegen der unendlichen Menge der einfachen Sub-
stanzen (Monaden) es ebenso verschiedene Welten zu geben scheint,
die genauer besehen, nichts anderes sind, als die verschiedenen An-
sichten der einzigen, von den verschiedenen Standpunkten der Mo-
naden. angesehenen Welt.“

Dieser Relativismus des philosophischen Wissens steht in not-
wendiger Wechselbeziehung zu der Absolutheit des Erkenntinisgegen-
standes. Eine oberflächliche Betrachtung verwechselt häufig die hier
aufgezeigte Relativierung der Erkenntnis mit der Relativierung der
Welt. Diese beiden Begriffe sind nicht nur nicht dieselben: sie
schließen einander vielmehr aus. Kein echter Philosoph, sahen wir,
zweifelt an der Objektivität der transzendenten Welt und ihrer In-
halte. Und gerade darum ist er sich der Relativität seiner Erkennt-
nisse bewußt und weiß, daß er nur Teilausschnitte erfaßt, die erst
in‘ ihrer Gesamtheit am Ende der Tage die Gesamterkenntnis des
Absoluten ergeben werden. Es ist ein sehr großer Irrtum, wenn man,
wie Dilthey es tut, der Philosophie wesensmäßig den Anspruch auf
Allgemeingültigkeit erachtet. Der einzelne Philosoph mag sie erheben,
Aber dann irrt auch er. Im Wesen der Philosophie liegt dieser An-
spruch ganz und gar nicht, kann er nicht liegen, dank der Person-
gebundenheit ihrer Erkenntnis, die, wie wir sahen, ihr das Gepräge
gibt.

Hier, in der Metaphysik, sind wir nun aber offenbar auf den Er-
kenninisweg gestoßen, auf dem die Vertreter der richtenden National-
ökonomie wandeln, während sie selbst glauben, ganz woanders zu
sein: sie wähnten, Wissenschaft zu treiben und trieben Metaphysik.
Sie suchten die „richtige“ Wirtschaft, während sie die „beste‘“ fanden.
Sie fanden sie, indem sie einen Bezirk des Absoluten erschlossen:
letzte Werte. Daß diese selbst objektiv gültig und von keiner Sub-
jektivität in ihrem Bestande bedroht seien, wollen wir als fest-
stehend annehmen. Werte, so hat-es der Cusaner in einem demütigen
Bilde ausgedrückt®®, sind Goldmünzen, die Gott als „Münzmeister‘“
ausprägt und die unser‘ Verstand’ nur betrachtet, gegeneinander um-
setzt und abwägt. Von diesen Werten gibt es aber keine Wissen-

88 Zitiert bei E, Cassirer, Das Erkenntnisproblem 1? (191%), S. 58,
        <pb n="96" />
        83
schaft, es gibt nur eine Philosophie der Werte, weil diese im Tran-
szendenten gründen. „Der eigentliche Sitz aller Wert-aprioris ist die
im Fühlen, Vorziehen, in letzter Linie in Lieben und Hassen sich auf-
bauende Werteerkenntnis resp. Werteerscheinung, Diese Erkenntnis
erfolgt in spezifischen Funktionen und Akten, die von allem Wahr-
nehmen und Denken toto coelo verschieden sind und den einzig mög-
lichen Zugang zur Welt der Werte bilden.‘*s? Werte sind „„Urphäno-
mene‘‘, und solche sind, soweit ihr Dasein noch erklärlich ist, nur
metaphysisch erklärbar, das heißt mit Heranziehung desjenigen real
Seienden und seiner Ordnung, das in keiner direkten oder indirekten
Verknüpfung mehr mit unserer realen psychophysischen Organisation
steht88.
Für alle „Werturteile‘“ gilt also, was wir an der philosophischen
Erkenntnis überhaupt als das Wesentliche feststellen konnten: sie
enthalten persongebundene, „relativ“ wahre Erkenntnis, die man
niemals: dem anderen : verstandesmäßig aufzwingen kann. Werte
werden geschaut von begnadeten Menschen und werden geglaubt von
denen, die gleichen‘ Sinnes sind. Werte werden — völlig irrational —
von Mensch zu Mensch übertragen, kraft der unerforschlichen Macht
der Persönlichkeit. An die Stelle des Beweises tritt die Liebe, aus
der Liebe aber erwächst die Nachfolge. Für Werte lebt man, für
Werte stirbt man, wenn: es notwendig ist. Werte aber heweist man
aicht. Welchen: Sinn hätte es, für etwas, das man als „richtig“ „be-
weisen‘ kann, zu sterben? Es ist nichts anderes als ein altes Vorurteil
der rationalistischen Scholastik- und der Aufklärung, . das unsere
„wertenden“ : Nationalökonomen noch immer mitschleppen. Die
„Richtigkeit“ der Werte beweisen, das heißt sie in den engen Umkreis
der Verstandeserkenntnis herabziehen, heißt, Werturteile verwissen-
schaftlichen wollen. Werte gründen aber. in einer viel größeren Tiefe,
als der, in die das Senkblei der Wissenschaft hinabreicht.

Ich habe mich in meinen Ausführungen auf den Nachweis des
außerwissenschaftlichen Charakters aller Werturteile beschränkt, so-
weit sie metaphvsisch begründet werden. In gesteigertem Maße gilt

37 M. Scheler, Ethik (1916), S. 64.
8 M. Scheler, Sympathiegefühle. 2. Aufl, 1923. S. 64.
        <pb n="97" />
        84
das Gesagte natürlich für diejenigen Werturteile, die in historisch
geoffenbarten Religionen, also im Bereiche der katholischen Religion
in der lex divina positiva, ihre Wurzeln haben. Die „Wahrheit“ gött-
licher Offenbarungen mit Verstandskategorien beweisen wollen, ist
Vermessenheit. Die Dogmatik, zu deren Bereich die Erörterung der
religiösen Wahrheiten und somit auch der religiös verankerten Werte
gehört, ist ebenso wissenschafts-transzendent. wie die Metaphysik.

In der meist sehr oberflächlich geführten Erörterung über „Wert-
urteile” in der Nationalökonomie, deren Berechtigung, ich wieder-
hole es, ich einstweilen gar nicht prüfen will, sollte nun wenig-
stens diese Einsicht nicht länger unbeachtet bleiben: daß Werte und
damit auch Urteile über Werte außerhalb des Bereichs des
Erfahrungswissens und des Evidenzwissens liegen, viel-
mehr der Sphäre philosophischer (oder religiöser) Erkennt-
nis angehören, .

Damit ist aber auch der Artcharakter der richtenden National-
ökonomie bestimmt: es handelt sich bei ihr nicht um Wissenschaft,
sondern um Metaphysik (die eigene des Autors oder eine erborgte),
wenn nicht gar um Religion. Worauf es mir in diesem ganzen Ab-
schnitt ankam, ist die scharfe Herausstellung dieser Eigenart der
richtenden Nationalökonomie. Im Interesse gedanklicher Sauberkeit
müssen wir endlich diese „untreue Vermischung“ zweier völlig von-
einander verschiedenen Erkenninisweisen aufgeben. Was jetzt noch
so häufig in unseren nationalökonomischen Lehrbüchern und so-
genannten Systemen geboten wird, ist eine unerträgliche Durchein-
andermanschung artverschiedener Dinge, ist eine unleidliche Stil-
mischung, wie wir sie in dem Salon eines Parvenus anzutreffen ge-
wohnt sind.

Um wie verschiedene Dinge es sich bei Metaphysik und Wissen-
schaft handelt, werden wir erst ganz einzusehen vermögen, wenn wir
nun im folgenden die Denkweise der wissenschaftlichen National-
ökonomie kennenlernen.
        <pb n="98" />
        Zweiter Abschnitt
Die ordnende Nationalökonomie
Siebentes Kapitel
Die Entstehung der modernen Wissenschaft

Die ordnende Nationalökonomie ist die erste Erscheinungsform
der wissenschaftlichen Nationalökonomie im Gegensatz zur richten-
den Nationalökonomie, die, wie wir festgestellt haben, Metaphysik
ist. Es gilt nun zunächst, uns von dem Wesen der Wissenschaft ein
ebenso klares Bild zu machen, wie wir es (hoffentlich!) von der Meta-
physik gewonnen haben. Da moderne Wissenschaft, die wir immer
als Wissenschaft schlechthin bezeichnen wollen, eine ganz besondere,
einzigartige, geschichtliche Erscheinung ist, die nirgends da ist außer
in Westeuropa und auch hier erst seit dem Beginn der neuen Zeit,
so werden wir, dünkt mich, uns das Wesen dieser eigentümlichen
Geisteshaltung am besten klarmachen, wenn wir sie als das Erzeug-
nis einer ganz bestimmten Kulturentwicklung zu verstehen suchen,
Ich gebe also einen gedrängten Überblick über die Wandlungen der
europäischen Gesellschaft und des europäischen Geistes, in deren
Verfolg die’moderne Wissenschaft erschienen ist. Daß dieser für den
Kundigen nichts Neues enthält, bedarf im Grunde keiner besonderen
Hervorkehrung.
1. Die Zersetzung der europäischen Kultur

Die allgemeinste und entscheidende Tatsache im Kulturleben des
heutigen Europas ist die Verweltlichung des Lebensstils, die
bereits im Mittelalter einsetzt. Ich meine damit’ jene Verschiebung
des Blickfeldes von den ewigen Werten zu den Dingen dieser Welt,
die Säkularisation des Willens und der Werte.

Die ersten Anzeichen dieser Verweltlichung deuten sich an in der
erstmaligen Erschütterung des Vertrauens in die von Gott gesetzten
Ordnungen: Regnum und Sacerdotium. Sie machen sich bereits im
        <pb n="99" />
        R6
13. Jahrhundert bemerkbar, in diesem für die Entwicklung des euro-
päischen Geistes in vieler Hinsicht entscheidenden und in gewissem
Sinne ersten „modernen“ Jahrhundert. Von dieser Zeit an beginnt
die Umgestaltung der Lebensformen, teils als Wirkung, teils
wieder als Ursache des kritischen, weltlichen Geistes.

Die Umgestaltung betrifft zunächst die Beziehungen zu fremden
Völkern: diese Beziehungen setzen ein mit der Besiedelung der Le-
vante und den Kreuzzügen, werden vervielfacht durch die koloniale
Ausdehnung der europäischen Großstaaten und verallgemeinern sich
in dem Maße, wie die Verkehrstechnik fortschreitet.

Die Umgestaltung der Lebensweise tritt ferner zutage in dem zu-
nehmenden Wohlstande der europäischen : Völker, der teils durch die
Entwicklung der Technik, teils — und zwar zum größten Teil —
durch die Ausplünderung der außereuropäischen Menschheit hervor-
gerufen wurde.

Die Umgestaltung ergreift aber endlich. auch alle äußeren Lebens-
ordnungen der europäischen Welt. Der wichtigste Umstand ist hier,
daß sich eine Verstadtlichung vollzieht, damit also das auftritt, was
wir städtische Kultur nennen: eine Kultur, die getragen ist von Men-
schen, die nicht im Boden wurzeln und doch „Freie‘“ sind — dieses
Problem: grundbesitzlos und doch frei zu sein wird gelöst durch
das Aufkommen der berufsmäßigen gewerblichen Produzenten und
Händler —, eine Kultur, in der der Verstand die Führung über-
nimmt. Damit im engsten Zusammenhange steht die Entfaltung aller
Lebensformen in ihrer Eigengesetzlichkeit: sie werden der Ausrich-
tung auf ein jenseitiges Ziel entzogen. Der Mensch ist sich wieder
selbst genug: „Die Menschen können von sich aus alles, sobald sie
nur wollen‘ (L. B. Alberti). Alles menschliche Tun soll seinen Sinn
in sich selbst haben (also, wie man gesagt hat, im Grunde überhaupt
keinen Sinn mehr). Der Mensch wird wieder das Maß aller Dinge.

Diese Verweltlichung aller Lebensbetätigungen bedeutete aber das
Auseinanderbrechen der alten Einheitskultur,‘ die in dem
einen objektiven Geiste gewurzelt, die ihren Zusammenhang ge-
funden hatte in der Beziehung aller Menschen und Dinge auf den
einen Gott, der wie eine Sonne überallhin Licht und Wärme ge-
strahlt hatte.
        <pb n="100" />
        87

Dieses Auseinanderbrechen läßt sich verfolgen im Geistigen ebenso
wie im Politischen und Gesellschaftlichen.

Im Geistigen bedeutet es die Verselbständigung der einzelnen Ge-
biete der Kultur: Staat, Wirtschaft, Kunst usw. In der bildenden
Kunst beispielsweise beginnt — sehr langsam, eigentlich erst nach
Michelangelo — das l’art-pour-l’art-Prinzip sich durchzusetzen, wäh-
rend doch vorher alle Kunst selbstverständlich nur Dienst am Ideal
gewesen war. Und damit fängt das Formelle an, den Inhalt zu über-
wuchern: es kommt nur noch darauf an, wie gemalt, nicht was
gemalt wird. Diese Tendenz aber wird die allgemeine auf allen Ge-
bieten der Kultur. Es beginnt, wie man es nennen kann, die all-
gemeine Technifizierung der Welt: das Zeitalter der Mittel, dessen
Höhepunkt wir heute erst erleben, bricht an, der Mittel, die ohne Sinn
verwandt werden und deren reiche und kunstvolle Verwendung
schließlich unmerklich zum Zwecke wird.

Im Politischen lockert sich das feste Gefüge der politischen Stände,
das der Feudalismus dargestellt hatte: mit Gott als dem obersten
Lehnsherrn an der Spitze. Es entwickelt sich die städtische Demo-
kratie mit ihrem Interessenstandpunkt, ihren Parteiführern, und als
Gegenstück dazu die traditionslose Tyrannis: der „rationale“ Staat
beginnt sein Dasein.

Auch im Gesellschaftlichen schwindet die hierarchische Standes-
gliederung: der Interessenverband tritt an die Stelle der Berufs-
gemeinschaft. Das Fürsichleben der einzelnen Berufsstände mit ihren
einzelnen Standessitten, ihrer Standesehre hört auf. In Italien fängt
schon im Spätmittelalter die „Gleichheit“ der einzelnen vor Tyrannis
und Demokratie an, sich durchzusetzen: eine „allgemeine Gesell-
schaft‘“ entsteht, begünstigt durch das Zusammenleben von Adel und
Bürgertum in den Städten. Der einzelne, vor allem der starke ein-
zelne als solcher bekommt Wert. Der „moderne Ruhm“ entsteht
(Jak. Burckhardt), der sich an den Einzelnamen als solchen
knüpft, während ehedem der einzelne nur als Vertreter einer Ge-
meinschaft: Geschlecht, Beruf, Kirche, Kloster, gegolten hatte: man
wurde geehrt, weil man der „Sache“ (Idee!) gedient hatte: Anonymi-
tät der mittelalterlichen Künstler! Nun will der einzelne nicht mehr
durch Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, sondern für sich be-
        <pb n="101" />
        88

wertet sein: „Quasi animos a gignentibus habeamus!‘‘ (Boccaccio).
Man mag hier von „Individualismus“ sprechen, sollte aber dieses
abgegriffene, vieldeutige Wort so selten als möglich gebrauchen.

Wichtig für unser Problem ist das mit dieser Verweltlichung und
Vereinzelung verbundene Erwachen eines vielseitigen Interesses an
den besonderen Dingen dieser bunten Welt.

Es erwacht, wie das vor allem Burckhardt nachgewiesen hat,
im Zeitalter der Renaissance das Interesse am Individuellen: am
Porträt, an der Biographik, an der Psychologie: „Entwicklung des
Menschen!“ Es erwacht das Interesse an der Andersartigkeit, Viel-
artigkeit, Eigenart der Erscheinungen: an fremden Völkern und
deren Kulturen, an vergangenen Zeiten, an den Vorgängen der
Gegenwart (Zeitung!), an der Örtlichkeit, an der Tier- und Pflanzen-
welt ebenso wie an dem Kunstwerk (Sammlungen!).

Dieses Erwachen- des Interesses an den KEinzeldingen.. steht nun
aber wiederum im engsten Zusammenhange mit der Veränderung;
die die Stellung des erkennenden Subjekts zur Wirklichkeit er-
fährt. Denn wie alles sich wandelt, so auch diese. Die erkennenden
Subjekte selbst werden nach ihrer sozialen Herkunft andere: an
Stelle der Kleriker treten Literaten, Schriftsteller, Professoren, Staats-
männer, Geschäftsleute, Laien aller Art, und die Art, wie sie die
Welt betrachten, wird ebenfalls eine andere: es entsteht die mo-
derne „Wissenschaft“, der wir uns nunmehr zuwenden,

2, Das Wesen der modernen Wissenschaft

Auch die neue Form der Erkenntnis erhält, wie es nicht anders
sein kann, ihr Gepräge durch

ı. die Verweltlichung des Wissens. Diese Säkularisation
äußert sich in der Begründung des Wissens, in der Zwecksetzung des
Wissens und im Gegenstande des Wissens (und der Art seiner Er-
fassung).

Die Begründung des Wissens wird insofern verweltlicht, als
das Wissen von der Offenbarung auf Vernunft und „Erfahrung“
gestellt wird. „Das Band zwischen den religiösen Ideen als Mitteln
der Konstruktion und der Wirklichkeit wird zerrissen“ (Dilthey).
Damit entsteht ein neuer selbständiger Kulturbereich neben Religion.
        <pb n="102" />
        RO
Philosophie, Kunst usw.: die Wissenschaft. Aber die Vernunft er-
kennt auch keine weltliche „Autorität“ außer sich an: Aristoteles
fällt. Man hat mit Recht den Anbruch der neuen Zeit an das Wort
des Campanellla angeknüpft: „Alles, was Aristoteles sagt, ist
falsch.“
Und verweltlicht wird der Zweck des Wissens. Dieser war in
aller frommen Zeit kein anderer gewesen als der: Gott zu dienen,
Gottes Größe und Güte in der Ordnung der Dinge zu erkennen.
Nun wollte man erkennen um irdischer Werte willen. Diese Werte
sind zweifacher Art: theoretische und praktische. Das theoretische
Interesse des Wissenschaftlers begründet seine Freude an der Wirk-
lichkeit, an der bunten Mannigfaltigkeit der Welt als solcher. Es
führt zu dem Wissen, das Scheler Bildungswissen genannt hat, und
das gewiß einen wesentlichen Bestandteil der modernen Wissenschaft
ausmacht. Daneben aber — manche sagen übertreibend: ausschließ-
lich — ist diese unzweifelhaft entwickelt worden aus einem prak-
tischen Interesse, aus dem Wunsche heraus, zu herrschen, wie
Nietzsche es ausdrückt: aus dem Willen zur Macht, den er auch
und gerade in der Wissenschaft lebendig sieht, weshalb er (zeit-
weilig!) dieser seine leidenschaftliche Liebe zugewandt hat, Das
Wissen soll dazu dienen, Herrschaft auszuüben: sei es über die Natur,
sei es über die Handlungen der Menschen, über die Gesellschaft.
Dieses Wissen, das einem praktischen Ziele zugewandt ist, können wir
mit Scheler das Arbeits- oder Leistungswissen nennen.

Kennzeichnend für diese neue szientifische Geisteshaltung ist die
Auffassung der beiden ersten, neuzeitlichen „Philosophen“ Bacon
und Descartes. Der pragmatistische Zug tritt besonders deutlich
bei dem nüchternen Bacon hervor, der „die Weisheit der Griechen‘
„eine Professorenweisheit“ nennt und ihr zum Vorwurf macht,
daß aus ihr „aus einem Zeitraum von so vielen Jahren kaum
ein Versuch beigebracht werden (könne), der sich auf die Erleichte-
rung und Verbesserung des Zustandes der Menschen bezieht‘“1. Aber
auch der weniger banausische Descartes verachtet doch wie Bacon
die alte „spekulative Philosophie‘, auch er will doch mit seiner
1 Fr. Bacon, Neues Organon. Buch I. Art. 7ıf£1.
        <pb n="103" />
        90

„Philosophie“ vor allem den Menschen „nützen“ — „procurer...
le bien general de tous les hommes‘ — und hofft das mit Hilfe seiner
neuen Methode zu können, weil sie die. Menschen befähige, der Natur-
gewalten Herr zu werden und diese sich dienstbar zu machen. „Il
est possible‘, meint er?, mittels seiner Denkweise, „de parvenir ä des
connaissances fort utiles ä la vie et qu'au lieu de cette philosophie
speculative, qu’on enseigne dans les 6coles, on en peut trouver une
pratique, par laquelle connaissant la force et les actions du feu, de
Veau,. de Vl’air, des astres, des cieux et de tous les autres corps que
nous environnent, aussi distinctement, que nous connaissons les
divers metiers de nos artisans, nous les pourrions employer en meme
facon ä tous les usages aux quels ils sont propres et ainsi mous
rendre comme maitres et possesseurs de la nature.“

Das Interesse, das der Wissenschaftler an der Welt nimmt, er-
wächst nicht, wie beim Philosophen, aus der Liebe zur Welt, sondern
gestattet der Welt gegenüber eine gewisse Distanz. Dem wissenschaft-
lichen Gelehrten eignet eine gewisse Kühle gegenüber dem Ge-
schehen der Welt. Nietzsche spricht von dem „kalten Dämon der
Erkenntnis‘, von einer „Personalindifferenz des wissenschaftlichen
Menschen‘ und hat gewiß recht, wenn er sagt: „Die Methodik, die
Forschung ist erst erreicht, wenn alle moralischen Vorurteile über-
wunden sind: sie stellt einen Sieg über die Moral dar.‘““ Deshalb liegt
dem wissenschaftlichen Menschen als solchem nichts ferner als Wert-
urteile zu. fällen. Non ridere, non lugere, sed intellegere ist der Leit-
spruch des Forschers. Kühl steht der Forscher seinem Stoff gegen-
über, so heiß durchglüht sein Forschen selber sein mag, kühl und
kritisch. „Kritizismus‘“ ist echter wissenschafilicher Geist, so tod-
Feind er aller Philosophie ist. Wie diese aus Liebe, Glauben und Ehr-
furcht aufgebaut ist, so die Wissenschaft aus Kühle, Kritik und Miß-
trauen. Mißtrauen ist die oberste Tugend im Reiche der Wissenschaft
‘wie in aller Demokratie).
Die Verweltlichung des Wissens, wie sie in der Wissenschaft er-
folgt, äußert sich aber endlich noch in der Abgrenzung des Gegen-

mE
? R. Descartes, Discours de In methode. VIe partie. Edition 5. Gilson.
(9256. pag. 67/62.
        <pb n="104" />
        N
standes ihrer Erkenninis. Diesen bilden. die Dinge in ihrer
Mannigfaltigkeit und : Eigengesetzlichkeit, gelöst aus dem großen
metaphysischen Zusammenhange, in den man ehedem die Erschei-
nungswelt eingeordnet hatte. Es ist das „Bathos der Erfahrung“,
in dem die Wissenschaft recht eigentlich zu Hause ist. Es ist die
Einzelerscheinung, unter Umständen die Häufigkeit der Einzel-
erscheinung, die Regelmäßigkeit in dem Auftreten der Einzelerschei-
nungen, die die Teilnahme des Forschers erweckt.

Es ist daran zu erinnern, daß erst mit der neuen Zeit das theo-
retische Interesse an. der statistischen Methode, diesem Mittel
zur Summierung von Einzelwahrnehmungen, erwacht, für deren Wert:
ein Denker des klassischen Altertums oder des Mittelalters nicht das
leiseste Verständnis haben konnte. „Nichts scheint ja dem bloßen
Begriff gegenüber, in welchem für Aristoteles die Erkenntnis liegt,
äußerlicher und gleichgültiger zu sein, als diese bloß tatsächlichen
Zahlenverhältnisse; die Erkenntnis, des Begriffs kann nichts gewinnen,
wenn wir wissen, wie oft er realisiert ist und die zufällige
Zahl der Individuen kann in keinem inneren Verhältnis zu ihren
qualitativen Unterschieden stehen. Erst die Einsicht, daß es vor allem
unsere Aufgabe ist, das Gegebene in seinem faktischen Bestande voll
und genau zu erfassen und dann die Notwendigkeit dieses faktischen
Bestandes einzusehen, verleiht auch der Zahl wissenschaftlichen
Wert.“ (Sigwart.)

Es gibt nun zwischen den beiden Reichen des Seins, die die Philo-
sophie und die Wissenschaft unter sich aufgeteilt haben: dem Reich
des Übersinnlichen und des Sinnlichen, gleichsam ein Zwischenreich,
dessen Entdeckung wir dem Scharfsinn deutscher Forscher der letzten
Menschenalter verdanken, ein „drittes“ Reich, in das der menschliche
Geist: erkennend vordringen will, das weder sinnlich noch übersinn-
lich ist, und deshalb in glücklicher Terminologie (durch Lask) als
Reich des Unsinnlichen bezeichnet worden ist: das Reich der

„idealen Geltungen“: gehört es zum Herrschaftsgebiet der Wissen-
schaft oder der Philosophie? Beide erheben Anspruch darauf, und
dieser zwiefache Anspruch erscheint berechtigt, denn das Geltungs-
mäßige scheint in der Tat sowohl der philosophischen als der wissen-
sehaftlichen Betrachtung zugänglich zu sein, weil es ein „gemischt-
        <pb n="105" />
        32
geistiges‘ Gebiet ist: es ist aus axiologischen und metaphysischen
Bestandteilen zusammengesetzt und drängt mit jenen zur Wissen-
‚schaft, mit diesen zur Philosophie.

Denn auch dann, wenn man die Wissenschaft vor allem Über-
greifen in das Metaphysische bewahren will, ist es sehr gut möglich,
ihr im Bereiche des Geltungsmäßigen ein Forschungsgebiet zu er-
öffnen. Es bedarf dazu nur der Annahme, daß das, was uns in den
„Idealen Geltungen‘“ gegeben ist, Fiktionen des Geistes ‚seien, die
dieser sich geschaffen hat zum Zweck besseren Verständnisses der Er-
fahrungswelt, um die Beschäftigung der Wissenschaft mit dem Gel-
tungsmäßigen vollauf zu rechtfertigen. Handelt es sich doch alsdann
bei allen Geltungskategorien um nichts anderes als um eine besondere
Technik des Geistes, deren Erforschung ganz und gar nichts mit
philosophischer, das heißt metaphysischer Erkenntnis zu iun hat.
Man braucht nicht in die Niederungen des Pragmatismus nieder-
zusteigen, um solcherart die Geltungskategorien — im wesentlichen
handelt es sich freilich, wie wir gleich sehen werden, um die
Kategorien. der Logik — für die „streng wissenschaftliche“ (im
Sinne von „erfahrungswissenschaftliche‘‘) Erörterung zu rekla-
mieren: es ist die konsequent durchgeführte und sehr gut begründ-
bare Ansicht Drieschs z. B., daß es sich für die „Ordnungslehre“,
wie er die „wissenschaftliche‘“, früher so genannte Erkenntnistheorie
und Logik bezeichnet, überhaupt nicht um „Erkenninis‘“ handelt,
die er vielmehr ganz der Metaphysik überantwortet, weil es für jene
gar kein Reich des „Seins“ und damit der „Wahrheit“, sondern
nur ein „Scheinreich der Richtigkeit“ gibt®. Das Zauberwort aber,
mit dem der wissenschaftliche Forscher die Geltungssphäre gleich-
sam entzaubert, mit dem er allem Unsinnlichen jeglichen Anspruch
auf Realität, jegliche Verwandtschaft mit dem Übersinnlichen ein
für alle Male aberkennt, ist die Formel des „Als ob“. Das Als ob
(das allem philosophischen Wesen im tiefsten zuwider ist, so daß
eine „Philosophie des Als ob‘ einen Widerspruch im Terminus be-
deutet) ist zu einem — übrigens weit über den Bereich des Geltungs-
mäßigen hinaus — unentbehrlichen Zubehör der wissenschaftlichen
3 H. Driesch, Ordnungslehre (1912), S. 167 u. 5.
        <pb n="106" />
        93
Forschung geworden, mit dessen Hilfe diese ihre Methoden in einer
ganz außergewöhnlichen Weise verfeinert und vervollkommnet hat.
Die Als-ob-Betrachtung ist im Grunde nichts anderes als die äußerste
Konsequenz des Nominalismus. Und nominalistisch ist die Wissen-
schaft ihrer innersten Natur nach: „real“ ist für sie nur das zu-
fällige einzelne, was „dahinter“ steckt, ist imaginär, flatus vocis. Wie
alle echte Philosophie realistisch, so ist alle echte Wissenschaft
nominalistisch eingestellt,

Es ist ein glücklicher Gedanke. der wiederum dazu beiträgt, unser
Verständnis für die ganz besondere Eigenart modern-wissenschaft-
licher Einstellung zu vertiefen: die entscheidende Wendung, die der
europäische Geist während des Mittelalters zum Nominalismus
nimmt, in Zusammenhang zu bringen mit der schon erwähnten Auf-
lösung der alten Gebundenheiten und der Zerstäubung der Mensch-
heit, dann aber dieser nominalistischen Auffassung einen wesent-
lichen Anteil an dem Aufschwunge der Wissenschaften zuzu-
schreiben‘, Während des Altertums und lange während des Mittel-
alters bleibt das Individuum umschlossen von und verbunden mit
großen Verbänden, zuletzt mit der Gemeinsamkeit der kosmischen
Natur: daher ist das Interesse nicht auf die Erforschung der Einzel-
tatsachen, sondern des Ganzen gerichtet. „Solange der einzelne nicht
sich selbst als das Maß des übrigen fühlt, solange die eigene Person
ihm nur so weit von positiver Erheblichkeit zu sein scheint, als sie
eingestellt ist in das seinen Wert auf sie ausstrahlende Ganze, so
lange dünkt ihm auch das gegebene Reale in seiner Einzelheit nicht
als ein würdiger Gegenstand seines Erklärungsbestrebens, wird es
ihm nicht zum wissenschaftlichen Problem.“

4 Siehe z. B. Dilthey, WW. Bd. I; Karl Pfibram, Die Entstehung der
individualistischen Sozialphilosophie (z912), S. 43f.; P. Hofmann, Die anti-
‘hetische Struktur des Bewußtseins (1914), S. 346. Die Ausführungen II.,s sind
sehr beachtenswert: Seltsamerweise aber macht H. den Schnitt zwischen Altertum
und Neuzeit schon bei Augustinus, während doch in der Substantialität ihres Denkens
Antike und Christentum ganz gewiß zusammengehören und der gemeinschaftliche
Gegensatz zu dem funktionalistisch-nominalistischen Denken die Neuzeit bildet.
Vgl. auch P. Honigsheim, Zur Soziologie der mittelalterlichen Schaolastik in der
Erinnerungsgabe für Max Weber. 1923. Band II.
        <pb n="107" />
        J4
Aber die Anwendung des Als-ob-Prinzips hat ihre Grenzen. Und
diese liegen da, wo die Geltungen irgendwie „begründet“ werden
sollen. Dann stoßen wir auf „Werte“, die den Geltungen das Leben
geben, und Werte lassen sich nicht „fingieren‘‘. Ein Als-ob der Werte
ist ein Unding. Die Werte lassen sich entweder gar nicht oder über-
sinnlich deuten, wie ich das oben Seite 82 f. auszuführen versucht habe.

Dieser neuen Gesamteinstellung des Erkennenden entspricht nun

2. die Differenzierung des Wissens. Wie die gesamte Kultur
bricht auch die Einheit und Einheitlichkeit des Wissens auseinander:
die verschiedenen Teile der Welt werden gesondert betrachtet: es
entstehen die Naturwissenschaft, bald danach die Naturwissen-
schaften und die Kulturwissenschaften: man verinselt (in Ge-
danken) auch die einzelnen Kulturgebiete: es entstehen die Wissen-
schaften vom Staat, vom Recht, von der Kunst, von der Wirtschaft,
ja sogar von der Religion. Aber die Neigung zur Vereinzelung der
Wissensgebiete schafft immer neue Wissenschaften, „Fachwissen-
schaften‘, wie man sie mit dem wenig anmutenden Bilde eines Akten-
schrankes bezeichnet. Es entstehen: Archäologie, Topographie, Geo-
graphie, Geschichtschreibung im modernen Sinne, das heißt Dar-
stellung einzelner Perioden, Völker, Kulturgebiete usw.

Und die immer wachsende Neigung zur Differenzierung führt
schließlich zur Entstehung von Teilwissenschaften: an demselben
Gegenstande werden einzelne Probleme behandelt. Diese Los-
lösung von Teilen der konkreten Gegenstände und Erklärung dieser
Teile zum Gegenstand besonderer Wissenschaften führen zu dem, was
wir „exakte“ (Natur-) Wissenschaften nennen, wie Physik ‚und
Chemie, die nicht mehr Konkreta, sondern Abstrakta, wie Bewegung,
Verbindung usw. zum Gegenstand haben. Dieser Auflösungsvorgang
ist in mustergültiger Weise von Edith Landmann dargestellt
worden 4a,

Vom Standpunkt des Wissenden aus gesehen, bedeutet diese Ent-
wicklung eine Entpersönlichung des Wissens, was mit dessen Ver-
sachlichung gleichbedeutend ist. Ein griechischer Philosoph war eine
Universität für sich, deshalb hatten die Griechen keine Universitäten.
Die modernen Akademien und Universitäten sind der Ausdruck des
48 Ed. Landmann, Die Transzendenz des Erkennens. 1928.
        <pb n="108" />
        )

m

Zerfalls des einheitlichen Wissens: Die Wissenschaften und Künste,
die einst der Philosoph zusammenhielt, fallen auseinander und werden
jede einzeln zu sachlich geregelten Disziplinen, im denen der leben-
dige Mensch mit dem Fortschreiten der Wissenstechnik an Bedeutung
immer mehr zurücktritt. Diesen Vorgang können wir auch als die all-
mähliche Entseelung und Vergeistung des Wissens bezeichnen.

In die Augen springt der Gleichlauf zwischen dieser Auflösung
eines ursprünglich mehrgliedrigen Ganzen des Wissens in zerstreute
Einzelbestandteile mit der gleichzeitig sich vollziehenden Zer-
schlagung der komplexen Handwerkerarbeit in die Teilverrichtungen
der modernen Industrie, die ich in meinem „Modernen Kapitalis-
mus‘ ausführlich dargestellt habe. Auch in der Sachgüterwelt läßt
sich diese Entseelung und gleichzeitige Vergeistung der Betriebe be-
obachten. *

Aber der wichtigsten Neuerung, die mit dem Eindringen des wissen-
schaftlichen Geistes in das Reich der Erkenntnis gebracht wird.
haben wir nun erst. zu gedenken, es ist

3. die Demokratisierung des Wissens. Wiederum tritt uns
der grundsätzliche Gegensatz zwischen Philosophie und Wissenschaft
entgegen. Es gibt ein einziges Reich der Philosophie, in dessen ver-
schiedenen Provinzen die. einzelnen Philosophen als Vizekönige mit
monarchischer Gewalt herrschen. Aber es gibt kein Reich der Wissen-
schaft. Es gibt nur Bezirke des Wissens, das sind ‚die einzelnen
Wissenschaften und deren Verfassungsform ist die demokratische
Republik. . Unbildlich gesprochen: während die Philosophie sich an
den Kreis der Gleichgesinnten, der Jünger wandte, wendet sich die
Wissenschaft „an alle“, an die ungegliederte Masse der. Vernunft-
wesen. Sie erstrebt — und das ist ihr wichtigstes Kennzeichen —
im Gegensatz zur ‚Philosophie Allgemeingültigkeit ihrer Er-
gebnisse. Sie erstrebt universelle. (zum Unterschiede von genereller)
Allgemeingültigkeit im Sinne von subjektiver Allgemeinheit, das
heißt: von Finsichtigkeit . für jedermann. Die Wissenschaft will

5 Der erste wohl, der diesen Vorgang gesehen hat, ist J. Bı Vico. Siehe dessen
äußerst lehrreichen Aufsatz: De nostri temporis studiorum ratione (1708),
in dem er :auch als erster dem Monismus der wissenschaftlichen Erkenntnisweisen
entregentritt und besondere Verfahren für die Geistwissenschaften fordert.
        <pb n="109" />
        956

Erkenntnisse gewinnen, die für jeden normalen Menschen oder
weniger biologisch ausgedrückt: für jedes Vernunftwesen Gültigkeit
haben. Inmitten der Buntheit von Glauben und Maximen, von
Werten und Streben will sie einen Bezirk abgrenzen, auf dem
sich alle „finden“ können. Die wissenschaftliche „Wahrheit‘“ soll
ebenso für den Christen wie für den Buddhisten, ebenso {für
den Konservativen wie für den Revolutionär, ebenso für den Mann
wie für die Frau „gelten“. Die Wissenschaft wendet sich an das
— verhältnismäßig kleine — Seelenvermögen, das in allen gesunden
Individuen, in allen Völkern, in allen Rassen dasselbe ist. Um dieses
Ziel zu erreichen, nimmt das wissenschaftliche Erkennen eine Re-
duktion an Sein und Gehalt der Umwelt vor. „Das Seiende. ... (ist) in
eben derselben Seins-Relativität auf das Leben überhaupt so zu er-
kennen und zu denken, daß es in größtmöglicher Vollständigkeit und
Ausscheidung aller prinzipiellen Seins-Relativität auf Individuum,
Rasse, Volk nur mehr auf die menschliche Organisation überhaupt oder
auf das Identische in jedem Menschen seinsrelativ ist.“ (Scheler.)

Mit dem Postulat der Allgemeingültigkeit gegeben ist das Er-
fordernis der Allgemeinübertragbarkeit. Das heißt: die Ergeb-
aisse der wissenschaftlichen Erkenntnisse müssen völlig objektivier-
bar, loslösbar von der Person des Erkennenden, sein und müssen
„beweisbar‘“, aufzwingbar sein. Die Ausbreitung der wissenschaft-
lichen Erkenntnisse erfolgt also nicht wie bei der Philosophie durch
die Macht der Persönlichkeit, sondern durch die Beweiskraft ihrer
Argumente. Was sich nicht nachprüfen läßt, darf als wissenschaft-
liche Erkenntnis nicht gelten.

Man kann diesen Gedanken — mit Wertbetonung — auch so
fassen: „Aus ihrer Not, ihrem Mangel an Glaubenskraft machte die
neue Zeit ihre Tugend: daß sie nurnoch an Beweisbares und Veri-
fizierbares glaubte und ein nachträgliches Kriterium der Wahrheit
an Stelle des spontanen Fürwahrhaltens setzte.“ (Ed. Landmann.)

Die Allgemeingültigkeit und Allgemeinübertragbarkeit ihrer
Forschungsergebnisse liegt der Wissenschaft so sehr am Herzen, daß
sie darum bereit ist, wie wir noch sehen werden, wenn es nötig ist,
auf den Wahrheitsgehalt ihrer Erkenntnisse zu verzichten. Sie muß
sich aber, will sie ihr Ziel erreichen, streng innerhalb der Grenzen
        <pb n="110" />
        97

zweier Erkenninisweisen halten: des Erfahrungswissens, dessen Merk-
mal bestimmt ist, und des Evidenzwissens in dem Sinne, den ich dem
Worte oben gegeben habe. Wie sie verfährt, um diese Grenzen inne-
zuhalten, werden wir im nächsten Kapitel einzusehen Gelegenheit
haben.

Daß übrigens Allgemeingültigkeit nicht mit Allgemeinverständlich-
keit zu verwechseln ist, versteht sich. Einsteins Theorie ist gewiß
nicht allgemeinverständlich, aber sie beansprucht doch Allgemein-
gültigkeit: sie wendet sich „an alle“.

‘Ein Wort mag noch der Namengebung dieser neuen Geistes-
haltung, der wissenschaftlichen, gewidmet werden. Daß man von
Fachwissenschaften mit Recht spricht, stellte ich schon fest. Zu Un-
recht dagegen bezeichnet man die Wissenschaft als „positive“. zum
Unterschiede dann von der Philosophie. Wir müssen aber Wissenschaft
schlechthin ohne Beiwort in Gegensatz zur Philosophie stellen, die eben
keine Wissenschaft ist. Positive Wissenschaft‘ ist ein Pleonasmus:
jede Wissenschaft ist positiv, die Positivität gehört zum Wesen der
Wissenschaft. Jede Wissenschaft ist positiv, wie sie rational, apolli-
nisch, klassisch ist. Eine irrationale, dionysische, romantische Wissen-
schaft ist ein Widerspruch im Beiwort. Unterscheiden kann man nur
Formal- und Real- oder Erfahrungswissenschaften. Wie diese, die uns
hier allein angehen, sich weiter gliedern, werden wir noch sehen.
3. Die Entstehung einer selbständigen Nationalökonomie
Unter den „Fachwissenschaften‘“, die mit der neuen Zeit an die
Oberfläche kamen, befand sich nun auch, wie wir schon feststellen
konnten, die Wissenschaft vom Wirtschaftsleben. die Nationalöko-
nOomle.
Die Gründe ihrer Entstehung liegen zutage. Sie sind zunächst
zegeben durch die allgemeine, geistige Lage, die wir soeben kennen-
gelernt, haben. Der große Verweltlichungsprozeß, den die europäische
Menschheit durchmacht, mußte auch in entschiedener Weise die
Stellung zum Wirtschaftsleben ändern: die materiellen Dinge wurden
immer höher gewertet und damit wuchs natürlich das Interesse an
den Fragen der Reichtumsbeschaffung. .

Dazu kam nun eine Reihe von Gründen, die in der Zeitlage selbst
Sombart Die drei Nationalökonomien
        <pb n="111" />
        38

lagen. Es sind die Jahrhunderte, in denen der moderne Kapitalismus
sich zu entfalten und zu erstarken beginnt. Und das bloße Erscheinen
dieses Wirtschaftssystems brachte schon eine Reihe von Problemen
mit sich, die gebieterisch eine Lösung heischten. Durch das Heraus-
treten aus den alten Gemeinschaften wurden künstliche und kunst-
volle Beziehungen in neuer Form geschaffen. Die zunehmende Ent-
persönlichung und Entkonkretisierung, das heißt die fortschreitende
Versachlichung oder Vergeistung aller Lebensformen, die Verflüchti-
gung aller wirtschaftlichen Vorgänge gestalteten das Leben ver-
wickelter, unübersichtlicher, schwieriger. Dazu machte sich bald das
Problem der Arbeit und der Arbeiter bemerkbar: zuerst dadurch, daß
man keine Objekte für die kapitalistische Wirtschaftsform in ge-
nügender Menge und Beschaffenheit fand, später durch das Para-
doxon, daß Menschen, die Sklavenarbeit verrichten, beanspruchten als
Menschen wie andere angesehen und im Staate behandelt zu werden.

Die revolutionäre Technik aber sorgte dafür, daß die Verhältnisse
in jedem Augenblicke neu gestaltet wurden und die Lösung eines
Problems morgen schon veraltet war.

Dazu fanden sich zum Überfluß zahlreiche Probleme besonderer
Art täglich neu ein: die Einfuhr der Edelmetalle aus Amerika er-
zeugte eine unerträgliche Teuerung; Kriege und Revolutionen er-
schöpften die Hilfsquellen des Reichtums, leerten die Staatskassen,
die trotzdem immer von neuem gefüllt werden mußten; die Entwick-
lung der modernen Staaten schuf Schwierigkeiten eigener Art: es
galt den Geldstrom in das eigene Land zu leiten. Und was dergleichen
Sorgen mehr waren.

Die ersten Versuche der neuen selbständigen Wissenschaft vom
Wirtschaftsleben, auf alle diese Fragen Antwort zu geben, liegen in
den merkantilistischen Schriften vor. Diese stellen ein buntes
Gemisch von Erkenntnismethoden dar. Sie enthalten:

1. noch ein gut Teil richtende Nationalökonomie; daneben
im weitesten Umfange eine Kunstlehre: die Betrachtung der
wirtschaftlichen Vorgänge unter dem Gesichtspunkte, be-
stimmte Staatsaufgaben zu erfüllen; im Rahmen dieser beiden
Betrachtungsweisen

3. Keime einer verstehenden Nationalökonomie.
        <pb n="112" />
        99

Diese Keime wurden nun aber zerstört, und damit die ganze Ent-
wicklung der neuen Wissenschaft jäh unterbrochen, als gegen die
Mitte des 18. Jahrhunderts mit einem Male eine ganz neue Methode
der Nationalökonomie sich bemächtigte, eine Methode, die sie von
den aufblühenden Naturwissenschaften, insbesondere den sogenannten
exakten Naturwissenschaften, entlehnte. Durch Übernahme dieser
neuen Methode wurde das Schicksal der Nationalökonomie für länger
als ein Jahrhundert besiegelt: es beginnt das „klassische“ Zeitalter
dieser Wissenschaft, das heißt das naturwissenschaftliche Zeitalter,
das Zeitalter der ordnenden Nationalökonomie, wie ich diese Richtung
zu nennen vorschlage. Warum ich ihr diesen Namen gebe und was
die ganze Entwicklung bedeutete, können wir erst ermessen, wenn
wir zuvor die Denkweise der exakten Naturwissenschaften, die sich
die Wirtschaftswissenschaft zu eigen machte, uns gründlich klar-
machen. Das folgende Kapitel stellt sich als Aufgabe, dem Leser
diese Einsicht zu verschaffen.

Achtes Kapitel
Das Wesen der Naturwissenschaft
1. Die Eigenart des naturwissenschaftlichen Denkens und die
Methode der exakten Naturwissenschaften insbesondere

Die ersten „Wissenschaften‘“, die in der neueren Zeit zur Aus-
bildung gelangten, waren die Naturwissenschaften, unter ihnen
wiederum zuerst die Wissenschaften von der anorganischen (leblosen)
Natur und unter diesen die physikalischen Wissenschaften.

Das oberste (formale) Ziel dieses naturwissenschaftlichen (weil
‚wissenschaftlichen‘“) Erkennens war, wie wir gesehen haben, die
Allgemeingültigkeit seiner Ergebnisse. Um dieses: Ziel zu er-
reichen, mußten zunächst — das war die große zerstörende Aufgabe
der neuen Erkenntnisart — alle Denkweisen ausgemerzt werden, die
Allgemeingültigkeit ausschließen, das aber waren die magische, die
theologische und die metaphysische Betrachtungsweise, die bis dahin
geherrscht hatten. Sie wurden nacheinander beseitigt durch die Ent-
zauberung, die Entgottung und die Entwesung der Natur, wie ich

ne
        <pb n="113" />
        100
drei bekannte Vornahmen bezeichnen will, die ich im folgenden kurz
beschreibe.
ı. Die magische Ansicht der Natur, die wir auch die natürliche
oder urwüchsige nennen können, besteht darin, daß man die Nalur
wie ein All-Lebendiges ansieht, daß man sie beseelt. Diese Ansicht
hatten auch die europäischen Völker in ihrer Frühzeit geteilt.
„Diese Höhen füllten Oreaden,

Eine Dryas wohnt in jedem Baum,

Aus den Urnen lieblicher Najaden

Sprang der Ströme Silberschaum. ;
Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle ...“
Aber nicht nur das Volk und mit ihm die Dichter hatten so ge-
dacht: die ernsten Naturforscher waren keiner anderen Meinung.
Für Aristoteles ist das physikalische Gesetz, kraft dessen der Stein
fällt, der Ausdruck dafür, daß der Stein den „natürlichen Ort“ aller
Steine, das heißt die Erde, wiedergewinnt. In seinen Augen ist der
Stein nicht völlig Stein, solange er nicht an seiner normalen Stelle
sich befindet; im Zurückfallen an diesen Ort strebt er, wie ein Lebe-
wesen, das wächst, nach seiner Vervollständigung, nach voller Ver-
wirklichung des Wesens der Gattung Steine®. Und noch im 16. Jahr-
hundert denken sich Theophrastus Paracelsus und Joh. Bapt.
van Helmont die ganze Natur von Geistern und Dämonen bevölkert,
die auch in Steinen und Metallen hausen. Jeder Körper hat seinen
Spiritus; der Geist ist nach Paracelsus „das Leben und der Balsam
aller korporalischen Dinge‘; Luft und Wasser, Erde und Feuer
werden von Elementargeistern, von Sylphen, Undinen, Pygmäen und
Salamandern belebt. Von diesem Aberglauben der Alchimisten unter-
scheidet sich der phantastische Hylozoismus des Cardanus, des
Giordano Bruno und anderer Italiener des 16. Jahrhunderts nur
dem Grade nach: mystische Sympathien und Antipathien treiben die
Gestirne durch den Raum und halten die Körper im Gange.
Descartes vertreibt alle Spukgeister aus der Natur; er entzaubert
lie Welt; er kennt im Raume nur noch einen Substantia corporea et
$ Vgl. Bergson, Schöpferische Entwicklung (1912), S. 23a.
        <pb n="114" />
        101

extensa. Im kartesianischen Weltraum gibt es keine Schlupfwinkel
mehr für magische Gespenster. Keine scholastischen qualitates
occultae, keine mystischen Sympathien und Antipathien, keine
peripatetischen Astralgeister, Planetenseelen und Spiritus rectores
Enden hier noch Platz”.
„Fühllos selbst für ihres Schöpfers Ehre,
Gleich dem toten Schlag der Pendeluhr
Folgt sie knechtisch dem Gesetz der Schwere
Die entzauberte Natur...“
„Entzaubert‘“ war einstweilen die Natur, noch nicht „entgöttert“,
Descartes hatte zwar die Natur in einen Mechanismus verwandelt,
aber ihn und seine Gesetze in einen unmittelbaren Zusammenhang
mit Gott gebracht. „C’est par la connaissance de Dieu que jai täche
de commencer mes &amp;tudes, et je vous dirai que je n’eusse jamais su
trouver Jes fondements de la physique, si je ne les eusse cherch6s
par cette voie.‘“ Gott hat in die Natur Gesetze hineingelegt, die seinem
Wesen entsprechen. In dieser Auffassung treten die letzten Ausläufer
einer Ansicht von der Natur uns entgegen, die neben der magischen
lange Zeit bestanden hatte, und die ich

2. die theologische Ansicht genannt habe. Sie beruht in dem
Glauben an eine göttliche Weltordnung, den Glauben, daß der Welt
ein göttlicher Plan zugrunde liege, den Glauben, daß unser Leben,
wie die uns umgebende Natur als Teile der Welt, wie diese selbst aus
Goties Hand hervorgegangen seien. Alles menschliche und natürliche
„Gesetz“ entnimmt seine Kraft aus dem götilichen: lex ivina und
lex naturalis ist dasselbe, Der Inhalt dieser göttlichen Wellordnung
wird uns durch Offenbarung kund, sei es, daß diese aus den Gewitter-
wolken des Sinai hervorbricht, sei es, daß sie uns im stillen Walten
des göttlichen Geistes geheimnisvoll zuteil wird. So hatte es das
rein spiritualistisch-eihische jüdische Gesetz ausgesprochen; so das
„Naturrecht‘“ der Griechen: die Welt untersteht einer vernünftigen
Ordnung (vowoc), der sich alle Einzelwesen zu fügen haben: der
Aoyoc bekommt hier „normatives‘““ Gepräge: dieses alles bestimmende
7 Siehe die hübsche Zusammenfassung dieser bekannten Denkwandlungen bei
Otto Liebmann, Gedanken und Tatsachen. 1882—1899. 1, 149£.
        <pb n="115" />
        102

Gesetz ist aber zugleich die alles bezwingende Macht, die Ayayım,
das Geschick: Schicksal und Vorsehung sind eins. Dieselben Gedanken
hatte die Scholastik aufgenommen, wenn sie.lehrte: „lex naturac
nihil aliud est nisi lumen intellectus insitum nobis a Deo, per quod
cognoscimus quid agendum et quid vitandum“ (S. Thomas). So
denken aber auch noch die großen Denker des 16., 17. und 18. Jahr-
hunderts, Naturgesetz und Sittengesetz sind beide nur zwei Bestand-
teile des einen göttlichen Gesetzes: quae naturalis et moralis, eadem
et divina lex appellari solet (Hobbes).

Auch diese Annahme eines göttlichen Sinns, einer göttlichen Ord-
nung der Welt, die naturgemäß die Neigung zu teleologischer Be-
trachtung der Natur begünstigt hatte, mußte fallen: die Natur wurde
antgottet.

Aber die Natur war immer noch nicht reif für eine „wissenschaft-
liche“ Betrachtung. Es war noch

3. die metaphysische Ansicht zu beseitigen, das heißt jedwede
über den Rahmen der Erfahrung und Evidenz hinausgehende Deu-
tung der Natur, jedes „substantielle‘“ Denken der Natur mußte ver-
schwinden. Man konnte nichts anfangen mit der metaphysischen
Entität Platos oder der Scholastik, aber auch nichts mit Schel-
lings oder Hegels Ansicht, daß die Natur Geist oder Bewußtsein
sei. Die Fragestellung dieser Forscher war eben verkehrt gewesen:
„Wie muß die Natur beschaffen sein, wenn der Mensch ein Glied in
ihr sein und sie vom Menschen verstanden werden soll?“ (Schel-
ling). Unmöglich konnte man etwas anfangen mit dem „Urphänomen“
Goethes und dessen Meinung: „Alles kommt in der Wissenschaft
auf das an, was man ein Apercu nennt, auf ein Gewahrwerden dessen,
was eigentlich (!) den Erscheinungen zugrunde liegt.“ Und ebenso
unannehmbar war die Zurückführung der Naturvorgänge auf „En-
telechien‘““, das heißt auf in der Natur immanent wirkende und ge-
staltende Lebensenergien.

Aber man ging immer weiter in der Reinigung des Naturdenkens
von metaphysischen Bestandteilen: auch die Verwendung von schein-
bar harmlosen Denkmitteln, die aber doch einen metaphysischen
Kern haben oder leicht metaphysisch gedeutet werden können, wurde
abgelehnt. Die neueste und allerneueste Naturwissenschaft hat solcher-
        <pb n="116" />
        103 ;

weise auch mit den Begriffen: Ursache, Kraft, Substanz aufgeräumt.
Dieses Reinigungswerk läßt sich am besten verfolgen an dem Schick-
sal, das der Substanzbegriff erfahren hat. „Substanz“ sollte dasjenige
heißen, „was mit sich identisch bleibt, während es zugleich Ver-
änderungen durchmacht“. Es war das erste Werkzeug, das sich der
Erkenntniswille zum Zwecke der Naturerklärung schuf, nachdem
die Natur schon entzaubert und entgottet war. Nachdem man als
das in den Körpern Verharrende nicht mehr Seele, nicht mehr Goit,
den guten oder bösen Geist erkannte, setzte man an die Stelle ein
großes X und nannte es Substanz, nannte es auch wohl Atom,
Energie, neuerdings Elektrizität. Und es gibt noch Forscher, die in
der Elektrizität „den von den Forschern durch Jahrtausende ge-
suchten Urstoff erblicken, aus dem alle sinnlich wahrnehmbaren
Dinge gestaltet sind“ (Haas). Schließlich hat man aber auch dieses
letzte, reichlich dunkle Etwas verflüchtigt in das „elektromagnetische
Feld“. Es gibt nun keinen mit sich identischen Stoff mehr. „Wir
finden an jedem Orte nur wechselnde Zustände, nirgends einen sub-
stantiellen Träger, an dem sie haften, der sie mit sich forttragen
könnte. Die ‚Zustände‘ oder ‚Vorgänge‘ in der Natur sind eben etwas
Selbständiges, nicht Zustände von etwas oder Vorgänge: an etwas.
Die moderne Physik ist nicht Physik des Stoffes, sondern eine Physik
des ‚Feldes‘. Dieses aber ist nur ein Inbegriff aller im Raum vor-
handenen Zustände, nicht ein substantieller Äther, dessen Zustände
sie wären. Die Materie wird gänzlich auf Zustände zurückgeführt, sie
ist nichts als ein Komplex von solchen.‘ 8

Daß gleichzeitig mit dem Substanzbegriff auch der Ursach- und
der Kraftbegriff fallen mußten, an denen z. B. Helmholtz noch
strenge festhielt, ist einleuchtend.

Ich nenne diesen Vorgang der Entmetaphysizierung des natur-
wissenschaftlichen Denkens Entwesung.

Hat man auf die geschilderte Weise „den Geist herausgetrieben‘‘;
und hat man num „die Teile in seiner Hand“, so ist jetzt die auf-
bauende Aufgabe zu lösen: die toten Erscheinungen sind äußer-

a
8 Moritz Schlick, Naturphilosophie in: Max Dessoir, Lehrbuch der Philo-
sophie 2 (1925), S. 426.
        <pb n="117" />
        104
lich zu ordnen. Diese Lösung geschieht durch Anwendung fol-
gender Kunstgriffe: zunächst mittels der Zurückführung der Er-
scheinungsmasse auf eintragbare und vor allem berechenbare
Tatsachen. Hierbei tritt die bewußte Einseitigkeit der Betrachtung!
zutage: nicht das Ganze der Natur, nicht die Ganzen der Natur,
sondern nur Bruchstücke, Teile der Wirklichkeit sollen erkannt
werden. ;

Man erreicht das vorgesteckte Ziel auf folgenden Wegen:

z. durch Elementarisierung, das heißt durch die Auffindung
einfacher Tatsachen. Als solche boten dem Astronomen die durch
ihre große Entfernung nur noch als Punkte oder Körper zu betrach-
'lenden Gestirne sich dar; der Erforscher irdischer Zustände fand sie
in den kleinsten Teilchen seiner Untersuchungsgegenstände. „Der
Physiker hat... die Elementarerscheinungen untersucht, indem er
sich die Körper in unendlich kleine Teile zerlegt denkt.‘““? Wie schon
Descartes es anempfohlen hatte mit den Worten: „Um alle Eigen-
schaften des Feuers zu erklären, muß man die Bewegung seiner Teile
annehmen; diese Bewegung aber genügt schon allein, um alle seine
Erscheinungen einschließlich der Wärme und des Lichtes zu be-
greifen.“ Ein Schulbeispiel für die Anwendung dieses Verfahrens
ist schon die Newtonsche Lichttheorie. Die anderen Naturwissen-
schaften suchten dem Beispiele der Physik nach Möglichkeit zu
folgen: der Chemiker kam zum Begriff des Elements, der Biologe zu
lem der Zelle usw.

Welche Wandlungen in der neuesten Zeit auch die Physik durchge-
macht hat, die an die Namen Röntgen, Rutherford, Niels Bohr,
Soddy, Planck u. a. anknüpfen: oberster Leitgedanke blieb — ja
wurde immer mehr — das „atomistische Prinzip“. „Die kinetische
Wärmetheorie und die Elektronentheorie hatten das atomistische
Prinzip auf die Gegenstände des physikalischen Geschehens an-
gewendet; die Quantentheorie überträgt das atomistische Prinzip auf
die physikalischen Prozesse selbst... Wie schon früher die Physik
ihren Betrachtungen ein Elementarquantum der Masse und eins der
Elektrizität zugrunde gelegt hatte, so elementarisiert die Quanten-

A FE
9 H. Poincar6, Wissenschaft und Methode. 1914. S. 9.
        <pb n="118" />
        105

ıheorie eine physikalische Größe, die in gewissem Sinne die physikali-
schen Prozesse als solche mißt; es ist die sogenannte Wirkung eines
Prozesses, die durch Multiplikation von Energiebeträgen mit Zeit-
beträgen erhalten wird.‘ 19

Der Vorgang der Elementarisierung wird auf seinen erkenntnis-
theoretischen Inhalt richtig wie folgt gekennzeichnet: Einen Gegen-
stand erkennen, das heißt ihn „erklären‘, bedeutet in der Natur-
wissenschaft seine „Rückführung‘“ auf etwas anderes: „Dies geschieht
stets so, daß in der fraglichen Naturerscheinung die gleichen
Eigenschaften oder Merkmale entdeckt werden, die man auch an
anderen Erscheinungen wiederfindet; beide erscheinen jetzt nicht
mehr als etwas Verschiedenes, sondern die eine darf als besonderer
Fall der anderen aufgefaßt werden und wird,eben hierdurch
auf diese zurückgeführt“. Beispiele sind: die Zurückführung des
Lichtes auf elektrische Wellen, der chemischen Vorgänge auf elek-
trische Vorgänge, des Schalls auf elektrische Schwingungen usf. „Zu
jeder Erkenntnis bedarf es also durchaus der Kenntnis ciner all-
gemeinen (höheren, oberen, umfassenderen) Klasse, die als ‚Er-
klärungsprinzip‘ dient. Es folgt hieraus, daß es in jedem Stadium der
Erkenntnis, soweit sie auch dringen mag, stets letzte Prinzipien gibt,
die selbst nicht mehr erklärt werden können, sondern aller
Erkenntnis zugrunde liegen.‘ 1

Die Elementarisierung der Erscheinungen ist nicht Selbstzweck,
sondern nur Mittel zum Zweck einer anderen Vornahme, nämlich

2. der Quantifizierung. Diese ist ein heiß ersehntes Ziel aller
Naturerkenntnis, deren Grundsatz — im Gegensatz zu aller echten
Philosophie von Aristoteles an — es geworden ist, „daß ein Er-
kenntniszusammenhang in der wirklichen Welt nur gefunden werden
kann, soweit qualitative Bestimmungen auf quantitative zurück-
geführt werden“ 12.
Auf Quantifizierung ist die Naturwissenschaft ausgegangen, seit sie
besteht. Schon Demokrit strebt ihr zu. Kepler meint, daß das

10 A, E. Haas, Das Naturbild der modernen Physik. 2. Aufl. 1924. S. 52.

u M. Schlick, a. a. 0. S. 400f£:

12 Herm. Weyl, Philosophie der Mathematik und Naturwissenschaften im
Handbuch der Philosophie 2 (1927); A, 100.
        <pb n="119" />
        106
Maß unserer Erkenntnis in ihrer Annäherung an die „nudae quanti-
tates‘ liege und daß der Mensch im Grunde nur zur Erfassung von
Quantitäten geschaffen sei: „ut oculus ad colores, auris ad sonos, ita
mens hominis non ad quaevis sed ad quanta intelligenda condita est“
(Kepler). Galileis Grundsatz war es: „Alles messen, was meßbar
ist, und versuchen meßbar zu machen, was es noch nicht ist.“

Auf die seltsame Übereinstimmung dieser Entwicklung des natur-
wissenschaftlichen Denkens zur Quantifizierung mit der Entwicklung
der kapitalistischen Buchführung habe ich schon in .der ersten Auf-
lage meines „Modernen Kapitalismus‘ (1902) aufmerksam gemacht.
Ich habe dort die gemeinsame Neigung zweier so sehr verschiedener
Betätigungen des menschlichen Geistes auch schon auf die gemein-
same Ursache zurückgeführt, nämlich den Wunsch zur Berechenbar-
machung der Erscheinungen. Man will aber rechnen können, um
messen zu können. Meßbarkeit bedeutet aber eindeutige Zuordnung
zu Zahlenreihen, demzufolge rechnerische Erfaßbarkeit. Zum
Rechnen und Messen kann man aber nur qualitätslose „Größen‘‘
gebrauchen: dort das Geld, hier Ausdehnung, Gewicht, Spannung
USW.
Die Krönung des Gebäudes der naturwissenschaftlichen Erkennt-
nis in ihrem ersten Teile bildet
3. die Mathematisierung. Sie ist möglich, sobald die Er-
scheinungen in nur noch quantitativer Bestimmtheit vorliegen. Und
sie ist vorgenommen worden, seit man naturwissenschafilich zu
denken anfing. Es war eine der folgenreichsten Taten der Renaissance,
daß sie die Mathematik sofort aus dem Altertum herübernahm. Die
Mathematisierung nimmt dann rasch an Bedeutung zu, seit etwa um
1600 die von Vieta begründete „symbolische Analysis“ zur An-
wendung gelangt. Sie wird von Descartes, der eine mathesis uni-
versalis träumt, auf die gesamte Geometrie ausgedehnt und mit Hilfe
der von Newton und Leibniz begründeten Infinitesimalrechnung
zur analytischen Mechanik und theoretischen Physik weitergebildet.
Man lernte allmählich für alle Gebiete der Naturbetrachtung Gesetze
in symbolisch-analytischer Form aufzustellen. „Heute hat man solche
        <pb n="120" />
        107
l’ormelgruppen, aus denen man für die meisten der physikalischen
Gebiete beherrschende Gleichungssysteme ableiten kann.“ 13

Die Mathematisierung verfolgt ein doppeltes Ziel: sie soll dazu
dienen, die rechnerischen Feststellungen genauer zu machen; „exakt“
heißt: in mathematischen Formeln darstellbar; und sie soll die oberste
Forderung der naturwissenschaftlichen Erkenninis. erfüllen helfen:
sie soll diese allgemeingültig machen. Wer nach Allgemeingültigkeit
strebt, strebt vor allem nach Mathematik. Siehe Kant!

Die solcherweise gewonnenen, meßbar und berechenbar gemachten
„einfachen“ Tatsachen müssen nun geordnet werden. Das ge-
schieht durch Anwendung einer Reihe rationaler, rein formaler Ord-
aungsprinzipien. Solche Ordnungsprinzipien sind:

x. die Allgemeinbegriffe im Sinne von Zusammenfassungen
der konstanten Merkmale eines Dings und durch Abstraktion ge-
wonnen. Diese naturwissenschaftlichen Allgemeinbegriffe tragen
streng nominalistisches Gepräge. Besondere Arten von Allgemein-
begriffen sind

2. der Strukturbegriff, mit dessen Hilfe die Erscheinungen
räumlich zu bestimmten „Gestalten“ angeordnet werden bzw. als
Gestalten erscheinen. Mit diesem Strukturbegriff arbeitet die Minera-
logie seit jeher, die Chemie seit der Aufstellung der Strukturformeln
durch Kekule, während er in die Physik durch die neuen Unter-
suchungen von Köhler, Wertheimer u. a. einzudringen beginnt.

Man muß sich davor hüten, diese „Gestalten“ mit „Ganzheiten“‘
zu verwechseln. Ganzheiten sind sie natülich nicht, da sie auch nun
die quantitative Seite der Erscheinungen in Rücksicht ziehen. Köhler
aennt seine Formeln „Beziehungen zwischen physischen Größen‘,

13 H. Dingler, Zusammenbruch der Wissenschaft. 1926. S. 47£. Vgl. auch
{esselben Verfassers mathematische Spezialschriften. Über den beherrschenden Ein-
luß der Mathematik auf das Denken des 17. und 18. Jahrhunderts unterrichten:
Alfr. Heubaum, Geschichte des deutschen Bildungswesens 1 (1905), ı93£.;
Vaihinger in seinem Kant-Kommentar 1, 5. 240ff,; P. Menzer, Kants Lehre
‚on der Entwicklung, 1911, 5. 214ff.; E. Cassirer, a. a. O. s. h. v.; Th. Su-
ränyi-Unger, a. a. O. 1, 253; 2, 243f., 252ff. Vgl. auch noch die lehrreiche
\bhandlung von Ewald Schams, Zur Geschichte und Beurteilung der exakten
Denkformen in den Sozialwissenschaften in der „Zeitschrift für die gesamten Staats-
wissenschaften‘. Band 85. 1928. Heft 3 und die dort angeführte neuere Literatur.
        <pb n="121" />
        108
Die Gestalten sind infolgedessen auch mathematisierbar. Ja, die Ver-
treter der „Gestalttheorie‘“ legen besonders‘ Wert darauf, zu betonen,
daß ihre Betrachtungsweise die Mathematisierbarkeit der Natur-
erscheinungen sogar steigere. „Gestalten‘‘ sind nach der Meinung
Köhlers überall dort (und nur dorl?), wo „in der Physik die
theoretischen Aufgaben auf partielle Differentialgleichungen, auf
Integralgleichungen und auf Systeme simultaner algebraischer Glei-
chungen führen“ 14,

Während der Strukturbegriff als Ordnungsprinzip in den Natur-
wissenschaften erst seit einem Menschenalter allgemeinere Gellung
sich zu verschaffen beginnt, ist ein anderer Allgemeinbegriff von jeher
in Übung gewesen und kann als das wichtigste Ordnungsprinzip der
modernen Naturwissenschaften angesehen werden, das ist

3. der Gesetzesbegriff. Mit seiner Hilfe will der Forscher die
Erscheinungen in der Natur in der Zeit ordnen, indem er Formeln
aufstellt für die im Ablauf der Naturprozesse beobachteten Regel-
mäßigkeiten. Es handelt sich bei den Gesetzen also immer nur um
Regelmäßigkeiten der Sukzession, nicht der Koexistenz; denn — nach
Meinung des modernen Naturforschers — sind „letzte Elemenle des
Universums nicht Dinge, sondern Vorgänge“, Da es sich bei den
beobachteten Erscheinungen nur noch um Größen handelt, so sind
alle Naturvorgänge Bewegungen: so hatte es Galilei verkündet, der
zuerst die Bewegung zum Gegenstande der Untersuchung machte und
nicht die Dinge, und dabei ist es bis heute geblieben. Das Nalurgeselz
ist eine „Regel zeitlicher Aufeinanderfolge von Bewegungen als Aus-
druck der Metamorphose eines seinem Wesen nach ewig Gleichen“.
Der Bereich, innerhalb dessen man diese Regelmäßigkeiten der Be-
wegung feststellt, heißt das „Krafifeld“.

Die Ordnung erfolgt nun in der Weise, daß man die beobachteten
Tatsachen innerhalb eines Krafifeldes „funktionalisiert“, das heißt
in Beziehung setzt [v=f(z,y,z...)] und in den Bewegungen dieser
Veränderlichen die Konstanz gewisser Kombinationen während eines
Naturvorganges feststellt, die sich beobachten läßt, obwohl die
Größen selber im Laufe des Vorgangs sich ändern. Da man die
Beziehungen in unendlich kleinen räumlichen und zeitlichen Ab-

4% W, Köhler, Die physikalischen Gestalten. 1924. S. 117.
        <pb n="122" />
        100

ständen annimmt, und da es sich nur um Größen handelt, so kann
jede solche konstante Beziehung in einer Differentialgleichung aus-
zedrückt werden. Das ist der Sinn, wenn H. Poincare das Natur-
gesetz als Differentialgleichung bezeichnet. Diese Differential-
gleichungen, die also die Veränderung der Kraftgrößen und der
Krafirichtung beim Durchwandern des Raums und ihr gleich-
bleibendes Verhältnis zueinander darstellen, beschreiben, wie man
es nennt, das Kraftfeld: sie drücken die gleichbleibende Beziehung
zwischen der Erscheinung von heute und der von morgen aus und
ersetzen das Erkenntnismittel der Substanzialität oder Identität des
Dinges mit sich. Man bezeichnet sie als „Mikrogesetze‘“, die dann
integriert werden, um Gesetze festzustellen, „welche die Abhängig-
keit der Naturprozesse voneinander über größere, wahrnehmbare und
daher direkter Messung zugängliche Erstreckungen wiedergeben“
(Schlick), die sogenannten „Makrogesetze“, die also Äußerungen der
Mikrogesetze sind, etwa wie das Newtonsche Gesetz.

Das ist, wie ich es verstehe, das Verfahren der exakten Natur-
wissenschaft, insbesondere der Physik, deren oberstes Ziel es danach
ist, „Gesetze“ zu formen, Formeln zu prägen, in denen für die Be-
wegungen, als die einzigen Vorgänge in der Natur, denen man sein
Augenmerk noch zuwendet, bestimmte Regelmäßigkeiten festgestellt
werden.
Grundsätzlich verfahren die anderen Naturwissenschaften
ebenso, indem sie äußerlich erfaßte Naturerscheinungen ordnen.
{hr Ideal bleibt dabei die „Exaktheit‘“ der physikalischen Wissen-
schaften. Ihre Ordnungsprinzipien sind zum Teil dieselben, zum Teil
andere. So die Klassifikation in der Botanik und Zoologie, soweit
diese Wissenschaften nicht mit den Methoden der Physik und Chemie
betrieben werden; Anpassung, Auslese, Ausmerzung in der Biologie
und Zoologie; „regulative Ideen‘, wie die Idee des „Organismus“
als Fiktion u. a.

Durchaus als Reaktion gegen diese heute in den Naturwissen-
schaften herrschende Denkweise ist die Bewegung des Neo-Vitalismus
zu betrachten, die aber doch nur die Auflehnung des Philosophen
gegen den Naturwissenschaftler ist, dieselbe, die schon Aristoteles
gegen Democrit ins Werk setzte.
        <pb n="123" />
        110
2, Die Ausdehnung des naturwissenschaftlichen Denkens auf
Seele und Geist »

Diese Ausdehnung erfolgt durch die Vermitilung der sogenannten
\ssoziationspsychologie, die die theoretische Grundlage für die
‚Experimentalpsychologie““ (älteren Stils). abgibt. Die Assoziations-
psychologie ist im Vaterlande Newtons, dessen Lehren auch sie ihre
Entstehung verdankt, zur Entwicklung gelangt: sie wurde von Hume
und Hartley begründet, erstmalig von James Mill umfassend dar-
gestellt und von John Stuart Mill (dem Sohn) zum Systeme aus-
gebaut. In dessen „Logik“ hat sie ihre klassische Prägung erfahren.

Diese „erklärende‘“ Psychologie, wie sie Dilthey nennt, geht

— und das ist das, was ihr Verfahren als naturwissenschaftliches
kennzeichnet — ebenfalls auf „letzte Elemente‘‘, die sich auch in
der Seele finden ‘sollen, zurück, das sind die „Empfindungen“, die
also den Elektronen in der Physik, den Elementen in der Chemie,
den Zellen in der Physiologie entsprechen, beobachtet deren Be-
wegungen und ordnet diese in Formeln, den sogenannten „Gesetzen“.
Die Bewegung dieser letzten Elemente bringt die „Ideen“ hervor, das
sind „sekundäre‘“ Geisteszustände: „die Ideen . . . werden durch unsere
Eindrücke oder durch andere Ideen nach gewissen Gesetzen, welche
Gesetze der Ideenassoziation heißen, erregt‘“15, Die Vorgänge bei der
Bildung der Ideen entspricht, mehr den chemischen als den physi-
kalischen Vorgängen, weshalb Mill auch von einer „psychischen
Chemie‘ spricht.. „Wenn einfache Ideen oder Gefühle sich zu-
zammensetzen, so können sie einen Zustand erzeugen, welcher für
die innere Wahrnehmung einfach und zugleich qualitativ ganz ver-
schieden ist von den Faktoren, die ihn hervorgebracht haben.“ Die
Assoziationspsychologie erklärt also das Seelenleben, nach Analogie
der übrigen Naturvorgänge, aus einer Art mechanistischer Denk-
bewegung.
Diese Elementarpsychologie wird dann ergänzt durch die SOge-
nannte „„Ethologie‘‘, eine Wissenschaft, die die Charakterbildung
zu erfassen hat. „Die Gesetze der Charakterbildung sind derivative,
aus den allgemeinen Gesetzen des Geistes hervorgehende Gesetze und

15 3. Si. Mill, Logik; deutsch von J. Schiel. 3. Aufl. 1868. 2, S. 459.
        <pb n="124" />
        111

können durch Deduktion aus diesen allgemeinen Gesetzen erhalten
werden, indem man eine gegebene Reihe von Umständen voraus-
setzt und dann sieht, was den Gesetzen des Geistes zufolge der Ein-
Auß dieser Umstände auf die Charakterbildung sein wird.‘16

Das Verhältnis dieser beiden Wissenschaften zueinander umschreibt
Mill wie folgt: „Die eine bestimmt die einfachen Gesetze des Geistes
im allgemeinen, die andere weist deren Wirkungen in verwickelten
Kombinationen von Umständen nach. Die Ethologie steht zu der
Psychologie in einem ähnlichen Verhältnis wie die verschiedenen
Zweige der Physik zur Mechanik. Die Prinzipien der Ethologie sind
sigentlich die mittleren Prinzipien, die axiomala media (Bacon) der
Geisteswissenschaften; auf der einen Seite unterscheiden sie sich von
den aus einfachen Beobachtungen hervorgegangenen empirischen Ge-
zetzen, auf der andern Seite von den höchsten Generalisationen.“ 17

Die Ethologie ist also eine Art von Milieutheorie; sie schließt (nach
Mill) in dem weitesten Sinne des Worts sowohl die Bildung des
nationalen und kollektiven als auch die des individuellen Charakters
ein. Sie bildet, wie Mill selber betont, die Brücke zu den Geistes-
wissenschaften und begründet insbesondere diejenige Gesellschafts-
und Geschichtslehre, die bemüht ist, das Kulturgeschehen nach natur-
wissenschaftlicher Methode auf letzte Gesetze des Seelenlebens zurück-
zuführen: „alle eine praktische Kenntnis der Menschheit konstituie-
renden Wahrheiten der gewöhnlichen Erfahrung müssen, soweit sie
Wahrheiten sind, Resultate oder Folgen der allgemeinen, psycho-
logischen Gesetze sein.“ 18

Derjenige Philosoph, der vor allem mit Hilfe dieser Gedanken eine
Geschichtslehre zu begründen unternommen hat, ist Wilhelm
Wundt. Er hat sich in seiner „Völkerpsychologie“ anheischig gemacht,
ine „psychologische Entwicklungsgeschichte der Menschheit“ zu
schreiben. Diese hat „die herrschenden Motive des geschichtlichen
Lebens und seiner Wandlungen’ aufzufinden und aus den allgemein-
zültigen Gesetzen des geistigen Lebens zu begreifen‘ 19. Diese „all-

16 J. St. Mill, a. a. O. 5. 478.

2 3. St. Mill, a. a. 0. S. 479-

8 J, St. Mill, a. a. O0, S. 468.

9 W. Wundt, Elemente der Völkerpsychologie. 1912. S. 515.
        <pb n="125" />
        u2

gemeingültigen Gesetze des geistigen Lebens‘, die also aus den psy-
chologischen Elementargesetzen, die den „Prinzipien der Mechanik“
entsprechen, abgeleitet sind, sind aber durchaus nach Art der Natur-
gesetze gebildete Formeln, in denen menschliches Verhalten rein
äußerlich geordnet wird. Es sind, wie bekannt, ı. das Gesetz der
sozialen Resultanten; 2. das Gesetz der sozialen Relationen; 3. das
Gesetz der sozialen Kontraste: das erste „Gesetz‘“ entspricht den che-
mischen, das zweite und das dritte entsprechen den. mechanischen
Gesetzen 2.
Da Wundt mit Vorliebe die Beispiele für seine „Gesetze‘* aus dem
Gebiete der Nationalökonomie nimmt, so werden wir deren natur-
wissenschaftliches Gepräge noch kennenlernen, wenn wir im folgen-
den Kapitel die Anwendung der naturwissenschaftlichen Denkweise
auf unsere Wissenschaft untersuchen werden. Einstweilen müssen
wir uns erst Rechenschaft geben über den Erkenntniswert, den denn
nun diese naturwissenschaftliche Art, die Welt zu betrachten, besitzt.
3. Der Erkenntniswert des naturwissenschaftlichen Denkens

Die Erkenntnis, wie sie die moderne Naturwissenschaft betreibt,
ist ein äußerliches „Begreifen‘“ der Dinge, ist Erkenntnis „von
außen‘, ist „„Teilerkenntnis‘“, wie man es auch genannt hat, das heißt:
sie bedeutet eine Beschränkung auf das eine Merkmal: Größe. Indem
die Naturwissenschaft eine Messung, eine Zahl für Eigenschaften
der Erscheinungen ausgibt, hat sie eine formale, einseilige Beziehung
an die Stelle des mannigfaltigen Ganzen gesetzt.

Wir können auch sagen: die Naturwissenschaft verzichtet
auf Wesenserkenntnis, müssen dabei aber einen richtigen Begriff
vom „Wesen“ eines Dinges haben. Es geht nicht an, wie es Köhler
tut?, das „Strukturgesetz‘“ ein „Wesensgesetz‘“ zu nennen, wenn man
gleichzeitig das Strukturgesetz als „Beziehungen zwischen physischen
Größen“, also einem Äußeren, einem Teil bezeichnet. Es geht eben-
sowenig an, zu sagen, „daß es das Wesen des materiellen Dinges sei,
res extensa zu sein‘, wie wir es bei Husser] lesen??, da ja auch die

2 W. Wundt, Logik JI13, S. 430f., 650. Vgl. unten S, 131ff.
2. W. Köhler, a. a. O0. S. 86£,
2 E. Husserl, Ideen zu einer reinen Phänomenologie usw. $ 9.
        <pb n="126" />
        113

Eigenschaft der Ausdehnung eine von vielen und also nur der "Teil
sines Dinges ist. (Höchstens könnte man sagen: Ausdehnung gehöre
zum Wesen des materiellen Dinges.) Wir werden vielmehr unter dem
Wesen eines Dinges immer seine Totalität verstehen müssen und
Qualität, Grund, Zweck nicht aus dem Begriffe ausschließen dürfen.
Vor allem aber werden wir die Wesenheit immer mit dem Anspruch
der Notwendigkeit ausstatten müssen. Und können das Wesen vielleicht
mit Sigwart bestimmen als „die Einheit eines Dinges, sofern sie
für sich die Notwendigkeit gewisser Eigenschaften enthält‘, als „den
beharrlich zeitlosen Grund der jeweiligen zeitlichen Wirklichkeit
eines Dinges‘“2, Diese Begriffsbestimmung ist der Hegelschen nach-
gebildet, der zufolge „Wesen... das vorhergegangene, aber zeitlose
Sein‘ ist (bekanntlich bringt Hegel „Wesen‘“ und „gewesen“ in
ainen inneren Zusammenhang).

Ohne metaphysischen Zusatz läßt sich der Sachverhalt wie folgt
umschreiben: Die Bestimmung des Wesens eines Dinges muß voll-
ständig und eindeutig sein. Wesen ist notwendiges So-Sein.
Es wird begründet durch den .Zusammenhang, den das Ding bildet,
und durch den Zusammenhang, in dem es steht. Wir können jenen
einen Strukturzusammenhang, diesen einen Beziehungszusammen-
hang mennen; jener gibt Antwort auf die Fragen: was? und wie?,
dieser auf die Fragen: woher? wohin? warum? wozu? Der Struktur-
zusammenhang bedeutet die Zurückführung der einzelnen Bestand-
teil? (Merkmale) eines Gegenstandes auf einen einheitlichen geistigen
Mittelpunkt (Kern), der Beziehungszusammenhang die Eingliederung
des Gegenstandes in ein größeres ‚Ganze‘.

Fassen wir so den Begriff des Wesens, so wird es bei der obigen
Feststellung: daß die Naturwissenschaft auf Wesenserkenninis ver-
zichtet, sein Bewenden haben können. Sie will nicht erkennen die
mannigfachen Eigenschaften der Dinge, nicht den Grund ihres Da-
seins und Soseins, nicht ihre Bestimmung, und ihre Erkenntnisse
erheben nicht den Anspruch der Notwendigkeit. Dieser Verzicht auf
Notwendigkeit und das Sichbegnügen mit einer mehr oder weniger
großen Wahrscheinlichkeit ihrer Forschungsergebnisse ist ein be-

nn
2 Sigwart, Logik. 1%, S. 26gf.
Sombart, Die drei Nationalökonomien
        <pb n="127" />
        114
sonderes Kennzeichen naturwissenschaftlichen Wissens.. Auch die
„strengsten‘‘ .Naturgesetze (die „Mikro“-Gesetze) entbehren der Not-
wendigkeit.

Diese Einsicht ist dem Logiker seit Aristoteles, der schon den
„streng“ wissenschaftlichen Charakter‘ der Induktion geleugnet hat,
nie verborgen gewesen: daß die Naturgesetze auch als allgemeinste
Gesetze „,induktiv gewonnene Hypothesen (bleiben) und alles deduk-
tiv von ihnen Abgeleitete . .. an ihrem hypothetischen Charakter teil-
nimmt‘ 24, „Notwendigkeit kann aus der Erfahrung nicht ab-
genommen werden...‘ Die Erfahrung lehrt mich zwar, „was da sei
and wie es da sei, niemals aber, daß es notwendigerweise so und
nicht anders‘ sein müsse“... „Die Erfahrung kann uns nur zeigen,
daß oft und, wenn es hoch kommt, gemeiniglich auf einen Zustand
ein anderer folge, und kann also weder strenge Allgemeinheit noch
Notwendigkeit verschaffen.‘ 25 „,J ede empirische, bloß durch Induk-
tion gewonnene Erkenntnis (hat) immer nur approximative, folglich
prekäre, nie unbedingte Gewißheit.““ „Sogar das allgemeinste und
ausnahmsloseste aller... Naturgesetze, das der Gravitation, ist schon
empirischen Ursprungs, daher ohne Garantie für seine Allgemein-
heit.‘ 2 „Weil etwas berechenbar ist, ist es deshalb schon not-
wendig?‘“2 Naturgesetze sind „ungefähre Allgemeinheiten der Ko-
existenz und Sukzession, auf Tatsächlichkeiten bezüglich, die in einem
Falle so, im anderen anders sein können“... „Durchschnittsallge-
meinheiten, von denen es heißt: ‚Keine Regel ohne Ausnahme*‘.‘“ „Die
Induktion begründet... nicht die Geltung des Gesetzes, sondern nur
die mehr oder minder hohe Wahrscheinlichkeit dieser Geltung; ein-
sichtig gerechtfertigt ist die Wahrscheinlichkeit, nicht das Gesetz.“
„Ihre Allgemeinheit ist also keine ‚reine‘ oder ‚unbedingte‘, und
ebenso ist die Notwendigkeit alles ihnen untergeordneten, dinglichen
Geschehens mit ‚Zufälligkeit‘ behaftet. Die Natur mit allen ihren
physikalischen Gesetzen ist eben ein Faktum, das auch anders sein

2 E, v. Hartmann, Die Weltanschauung der modernen Physik, 2. Aufl.
'999- S. 211,

2 I. Kant, Prolegomena. $$ 2, 14, 33.

% Schopenhauer, Vierfache Wurzel: usw. $ 20.

27 F. Nietzsche, Werke (Großoktavausgabe) 15, S. 314.
        <pb n="128" />
        15

könnte.‘‘ „Naturgesetze, Gesetze im Sinne der empirischen Wissen-
schaften sind keine Wesensgesetze. (Idealgesetze, apriorische Gesetze),
empirische Notwendigkeit ist keine Wesensnotwendigkeit.‘‘ 28

Ein Logiker, der unter den Neueren mit am frühesten sich gegen
den Aberglauben der „Naturgesetzlichkeit‘““ aufgelehnt und die ganze
„Statistische Gesetzmäßigkeit‘“, die jetzt die Naturforscher entdeckt
haben, vorweggenommen. hat, indem er alle „Gewißheit‘“ auf Wahr-
scheinlichkeit zurückführte und dafür ein breitangelegtes System
geschaffen hat, ist der in Deutschland wenig bekannte W. St. Jevons,
der schon 1874 :schrieb?: „My strong conviction is.that before a
rigourous logical scouting the Reign of Law will prove to be an un-
verified hypothesis, the uniformity of Nature an ambiguous ex-
pression, the certainty of one scieniific inferences to a great exient
a delusion.“

Jetzt sind nun auch die Naturforscher selbst zu dieser selbstverständ-
lichen Einsicht in den beschränkten Geltungswert ihrer „Gesetze“
gelangt. Ein Naturgesetz besagt nach H. Poincare: „Wenn diese
Bedingungen erfüllt sind, ist es wahrscheinlich, daß dieses Ereignis
ungefähr eintritt.‘‘%® Nach F. Exner sind Naturgesetze „nichts
anderes als der Ausdruck für das wahrscheinlichste, durchschnittliche
Resultat zahlreicher mikrokosmischer Vorgänge‘“%. Nernst® spricht
von einer „logischen Überbeanspruchung der Naturgesetze‘“ und
meint, „daß alle unsere Naturgesetze wesentlich statistischen Cha-
rakters‘“ sind und „nur befriedigend genaue statistische Mittelwerte
liefern‘. Hans Reichenbach erklärts: „Es ist nicht so, daß wir
strenge Gesetze unmittelbar in der Natur finden; vielmehr ist jede
einzelne Naturaussage nur mit einer beschränkten Genauigkeit, also
nur mit einem Wahrscheinlichkeitsanspruch zu machen...; der ap-
proximative Charakter aller Naturerkenntnis wird also ın den Vorder-

EEE EN
28 E, Husserl, Logische Untersuchungen. 12%, S. 62, ı48L., 240, 290.

%® W. St. Jevons, The Principles of Science. Ed. 1900. pag. XL.

30 H, Poincar6, Der Wert der Wissenschaft. 3. Aufl. 192%. S. 189.

4 FF, Exner, Vorlesungen über die physikalischen Grundlagen der Natur-
vissenschaften. 1919. S. 691.

3 W, Nernst, Gültigkeitsbereich der Naturgesetze. 1921.

3 Hans Reichenbach, Das Kausalproblem in der gegenwärtigen Physik in
ler „Zeitschrift für angewandte Chemie‘. Bd. 42. 1929.
        <pb n="129" />
        16

grund gestellt...“ Durch Boltzmann und Planck* ist dann der
etwas mißverständliche Ausdruck der „statistischen Gesetzmäßigkeit“
dufgekommen, neben der Planck merkwürdigerweise aber noch eine
„echte“ Gesetzmäßigkeit, also doch wohl eine mit dem Anspruch
auf Notwendigkeit ausgestattete Gesetzmäßigkeit in den sogenannten
„dynamischen“ Gesetzen gelten lassen will, offenbar ein rudimentäres
Glied aus einer metaphysischen Vergangenheit.

Der richtige Gegensatz ist nicht: statistische und dynamische
Gesetzmäßigkeit (da die sogenannte statistische Gesetzmäßigkeit gar
keine Gesetzmäßigkeit im eigentlichen Sinne ist [siehe das ı5. Ka-
pitel]), übrigens auch nicht kausales und statistisches Weltbild (da
das Problem der Kausalität bei den hier erörterten Fragen gar nicht
berührt wird), sondern: Gesetzmäßigkeit = Notwendigkeit und Wahr-
scheinlichkeit (für deren Grad man einen statistischen Ausdruck
findet).

Es bleibt also dabei: das Wesen der Natur ist für die Wissen-
schaft unerkennbar. Fast kindlich mutet der Glaube an, daß wir
durch die unerhörten Entdeckungen der letzten Jahrzehnte diesem
Wesen auch nur einen Schritt nähergekommen seien. Man weiß jetzt
‘bis auf weiteres), daß in einem‘ Atom negativ geladene Elek-
tronen kreisen, daß das Licht elektrische Wellen sind, daß die
Aussendung von Strahlen diskontinuierlich und nicht kontinuierlich
erfolgt. Aber jede neue Entdeckung bedeutet doch die Erschließung
neuer Wunder: hinter dem sichtbaren Spektrum fand man die Ultra-
strahlen, dahinter die Röntgenstrahlen, dahinter die y-Strahlen. Und
was „weiß“ man von ihnen? Daß jede Art um einige „Oktaven‘‘
höher liegt, das heißt rascher schwingt als die vorhergehende. Das
heißt: man weiß gar nichts mehr, aber man kann einen immer grö-
ßeren Teil der Natur berechnen. Auflösung der Natur in Zahlen:
das ist der „Sinn‘“ der modernen Naturwissenschaft. Und nur auf
Grund einer pythagoreischen Metaphysik könnte man zu der An-
nahme kommen, daß man damit den „Sinn“ der Welt erschlossen
habe. Einstweilen „mißt‘“ man im Unendlich-Kleinen wie im Unend-
lich-Großen. Man mißt.den Umfang der Himmelskörper, man mißt
ihre Schwere, man mißt ihr Alter, man mißt ihre Strahlungen, man
34 M. Planck, Dynamische und statistische Gesetzmäßigkeit. 1014.
        <pb n="130" />
        117
mißt schließlich die Zahl der Sterne und die Zahl der Elektronen und
stellt fest, daß das Weltall 107 Elektronen faßt und der Welt-
umfang 100 Millionen Lichtjahre groß ist und stellt die Proportion
auf: Atom: Stein == Stein zur Erde = Erde zum Weltall. Und ‚das
Ergebnis?
„Geheimnisvoll am lichten Tag,

Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben, © -
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag, ;
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.“
Diese Einsicht, die den Faust zur Verzweiflung brachte: „daß
wir nichts erkennen können“, ist heute bei allen maßgebenden Natur-
Forschern verbreitet, die alle das Erbe der Newtonschen Weisheit
angetreten haben. Newton hat den richtigen Standpunkt des Natur-
forschers ein für allemal festgelegt in den klassischen Worten%:
„Hactenus phaenomena coelorum ... per vim gravitatis exposul, sed
causam gravitatis nondum exposui. Oritur utique haec vis a causa
aliqua... Rationem vero harum gravitatis proprietatum ex phaeno-
menis nondum potui deducere et hypotheses non fingo. Satis est,
quod gravitas revera existat et agat secundum leges a nobis ex-
positas . . . Attamen gravitatem corporibus essentialem esse minimo
affirmo.‘ ‚Caveat lector, ne... cogitet, me speciem vel modum
actionis causamve aut rationem physicam alicubi definire vel centris
(quae sunt puncta mathematica) vires vere et physice tribuere, si
[orte aut centra trahere aut vires centrorum esse dixero.“

Drei Stimmen einiger hervorragender Naturforscher der neueren
Zeit, die dasselbe ausdrücken, seien noch mitgeteilt:

Robert Mayer’: „Was Wärme, was Elektrizität usw. dem
inneren Wesen nach sei, weiß ich nicht, so wenig als ich das innere
Wesen der Materie oder irgendeines Dinges überhaupt kenne; das
weiß ich aber, daß ich den Zusammenhang vieler Erscheinungen viel
klarer sehe, als man bisher gesehen hat.“
35 J. Newton, Scholium generale am Schlusse der Principia; in der Ausgabe:
Philosophiae naturalis principia mathematica; ed. tertia 1726, pag. 380 und 389,
Vgl. auch def, VII.

36 Rob. Maver, Kleinere Schriften und Briefe. 1803. S. 180, 181.
        <pb n="131" />
        (18

Kirchhoff®: „Aus diesem Grunde stelle ich es als die Aufgabe
hin, die in .der Natur. vor sich ‚gehenden Bewegungen zu be-
schreiben.“ ;

Hans Reichenbach®s: „Darum bedeutet Wahrheit für die Natur-
wissenschaft nicht Übereinstimmung mit dem Ding — das wäre
eine unmögliche Forderung —, sondern innere Widerspruchslosigkeil
dieses Begriffssystems.‘“

Besonders leidenschaftliche Vertreter dieses strengen. Nominalismus
in den Naturwissenschaften sind die neueren französischen Natur-
forscher, die wohl alle durch Boutroux und Bergson beeinflußt
sind, .

Für diesen Verzicht auf Wesenserkenntnis hat nun aber die Natur-
wissenschaft einen wertvollen Vorteil eingetauscht: sie hat die Ein-
sicht in die Regelmäßigkeit der identisch wiederkehrenden
Fälle gewonnen. Die Einsicht aber enthält:

r'. die Berechenbarkeit: „die Berechenbarkeit liegt nicht darin,
daß eine Regel befolgt würde oder einer Notwendigkeit ge-
horcht würde oder ein Gesetz von Kausalität von uns in jedes
Geschehen projiziert würde, sondern liegt in der Wiederkehr
identischer Fälle‘ #0;

z. die Vorausbestimmbarkeit durch Subsumtion:

3. die Allgemeingültigkeit. Und diese war ja das Ziel ge-
wesen, das die Naturwissenschaft ihrem innersten Wesen
nach hatte erreichen wollen und das sie eben mit dem Opfer
37 P, Kirchhoff, Vorlesungen über Mechanik. 1876,

3 Hans Reichenbach, Der gegenwärtige Stand der Relativitits-Diskussion
im Logos. Bd. X. 1922. S. 348.

32 Siehe namentlich außer E. Boutroux, De la contingence des lois de la
nature, 1874. und L’idee de la loi naturelle dans la science et la philosophie con-
temporaine. Deutsch 1907: H. Poincar&amp;, Science et Hypolhöse. 1902; idem.
Valeur de la Science 1905. Science et Methode 1912. Sämtlich deutsch erschienen.
Meine Zitate sind den deutschen Übersetzungen entnommen. Vgl. Pierre Duham,
La th6orie physique 1906; idem, Le systeme du monde (unvollständig). 5 Vol,
1913; ferner die verschiedenen Aufsätze von Le Roy und die Übersicht bei
Jourdan, Französischer Brief in „Probleme der Weltanschauung“. 1927. S. 479;
491.

40 FF. Nietzsche, WW. (Großoktavausgabe) ı5, 320.
        <pb n="132" />
        119
der Wesenserkenntnis erreicht hat. Denn das vor allem gilt
es einzuschen und sich einzuprägen: alle Wesenserkennt-
nis der Natur ist Metaphysik, das heißt: überschreitet die
Erfahrung und ist nicht evident.

Nichts anderes hat uns ja im Grunde Kant beweisen wollen, dessen
Standpunkt für alle Naturwissenschaft — aber auch nur für
diese — der allein richtige ist. Und in klassischer Form hat dieser
Auffassung Schopenhauer Ausdruck verliehen, wenn er sagt: „Jede
echte, also wirklich ursprüngliche Naturkraft..., wozu auch jede
chemische Grundeigenschaft gehört, ist wesentlich qualitas occulta,
das heißt keiner physischen Erklärung weiter fähig, sondern nur
noch einer metaphysischen, das heißt über die Erscheinung hinaus-
gehenden.‘ 41 Und: „Die Ätiologie lehrt uns, daß nach dem Gesetz
von Ursache und Wirkung dieser bestimmte Zustand der Materie
jenen anderen herbeiführt, und damit hat sie ihn erklärt und das
ihrige getan... Über das innere Wesen irgendeiner jener Erschei-
nungen erhalten wir aber dadurch nicht den geringsten Aufschluß:
dieses wird Naturkraft genannt und liegt außerhalb des Gebiets der
ätiologischen Erklärung... Die Kraft selbst, die sich äußert, das
innere Wesen der mit jenen Gesetzen eintretenden Erscheinungen
bleibt ihr ewig ein Geheimnis, ein ganz Fremdes und Unbekanntes,
sowohl bei der einfachsten, wie bei der kompliziertesten Erschei-
nung...‘“42 „Es ist. uns ebenso unerklärlich, daß ein Stein zur Erde
fällt. als daß ein Tier sich bewegt.‘ #8

Neuntes Kapitel
Die Anwendung der naturwissenschaftlichen Denkweise
auf die Nationalökonomie
4. Die wissenschaftliche Einstellung der ordnenden
Nationalökonomie
Die Anwendung der naturwissenschaftlichen Denkweise auf die
Wirtschaltswissenschaft führt zu derienigen Richtung der National-
41 A, Schopenhauer, Von der vierfachen Wurzel usw. $ 20. 2. Aufl. S. 45.
4 A, Schopenhauer, ebenda S. 148.
42 A, Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstelunz. 5. Aufl. 2, 116.
        <pb n="133" />
        120
ökonomie, die ich die ordnen de Nationalökonomie nennen wollte.
Zu ihren Vertretern gehört die bei weitem größte Zahl aller soge-
nannten „theoretischen‘“ Nationalökonomen. Keineswegs sind sie sich
alle der Eigenart ihres Standpunktes bewußt, noch weniger lehren sie
eine reine ordnende Nationalökonomie — die meisten vermischen sie
mit Bestandteilen der richtenden oder der verstehenden National-
ökonomie oder beider —, ganz wenige führen die Gedanken in voller,
methodischer Klarheit durch. Wir halten uns an die klarsten und
verhältnismäßig reinsten Systeme, fragen aber auch die Schriften
über die Methode um Rat, deren die naturwissenschaftliche National-
ökonomie — und zwar sie allein — eine ganze Reihe von hohem
Range besitzt. Unter diesen ragen die Arbeiten dreier Forscher
wiederum hervor: von John Stuart Mill, dem klassischen Theore-
tiker und Bearbeiter dieser Nationalökonomie, von J. E. Cairnes
und von Carl Menger. Die Schriften, die in Betracht kommen, sind:
J. St. Mill, Essays on some unsettled questions. 3844. 2. ed.
1874 (die entscheidenden Abschnitte darin sind schon 1830
geschrieben); idem, Logik, vor allem das sechste Buch.

J. E. Cairnes, The Character and logical method of Political
Economy. 1856. 3. Aufl. 1888.

Carl Menger, Untersuchungen über die Methode der Sozial-
wissenschaften und der politischen Ökonomie insbesondere.
883.
Es lassen sich unter den vorwiegend naturwissenschaftlich einge-
stellten Nationalökonomen drei große Gruppen unterscheiden:

ı. die Objektivisten, die die wirtschaftlichen Vorgänge aus den
Bewegungen objektiver Größen — Geldmengen, Gütermengen, Ar-
beitsmengen — erklären. Zu ihnen gehören (soweit sie Wissenschaft
treiben) die Physiokraten, die englischen Klassiker und der große
Troß der Nachzügler, die „Epigonen‘“, aber auch die großen sozia-
listischen Theoretiker, vor allem Karl Rodbertus und Karl Marx;

2. die Sub jektivisten, die das wirtschaftliche Geschehen auf ein-
fache psychische Tatbestände. zurückführen. Es sind vor allem die
Anhänger der Grenznutzenlehre, unter denen besonders zu nennen
        <pb n="134" />
        *

sind: W. St. Jevons, Carl Menger, F. v. Wieser, Alfred Mar-
shall, John Bates Clark;

3. die Relationisten, die auf eine substantiale Erfassung der
Vorgänge des Wirtschaftslebens verzichten und an die Stelle einer
kausal-genetischen Betrachtungsweise eine .„‚Beziehungs‘“- oder Gleich-
zewichtslehre setzen wollen. Sie sind — wegen der Ausdrucksweise,
deren sie sich bedienen — unter dem Namen der mafhematischen
Schule bekannt, die von A. A. Cournot mit seiner Schrift Recherches
zur les principes mathematiques de la theorie des richesses (1838)
begründet worden ist und deren hervorragende Vertreter Walras,
Pareto, Edgeworth, Schumpeter und Barone sind.

Was die besondere Eigenart jeder dieser drei Gruppen ausmacht,

werden wir später einsehen. Zunächst möchte ich diejenigen Grund-
anschauungen hervorheben, die allen Vertretern der ordnenden
Nationalökonomie — trotz mannigfacher Abweichungen im einzel-
nen — doch‘ gemeinsam sind. Es’sind vornehmlich folgende:
.z. Die ordnenden Nationalökonomen treiben „Wissenschaft“: sie
wollen erkennen das, was ist und erstreben Allgemeingültigkeit ihrer
Forschungsergebnisse am. Sie streifen deshalb alle metaphysischen
Bestandteile ab und sind daher auch — wenigstens in ihren folge-
richtigsten Vertretern — Gegner der subjektiven Werturteile. Die
englisch-französischen Autoren nennen ihre Lehre mit Bewußtsein
eine „Science“.

2. Nach der Meinung unserer Nationalökonomen haben die Geistes-
wissenschaften, zu denen sie meist die Nationalökonomie zählen, und
die Naturwissenschaften dieselben Erkenntnisgrundlagen, dieselben
Erkenntnisziele und dieselben Erkenntnisverfahren. Genauer: sie sind
der Ansicht, daß die in der Erkenntnis der Natur erprobten Methoden
ohne weiteres auf die gesellschaftlich-kulturellen, insonderheit wirt-
schaftlichen Erscheinungen angewandt werden können und sollen.

Mills „Logik“ enthält zwar ein sechstes Buch; in dem „die Logik
der Geisteswissenschaften‘“ abgehandelt wird. Es wird aber doch nur
als „Anhang“ betrachtet, und es heißt dort“: „Was in einem Werke

EEE EEE EEE
4“ J, St. Mill, Logik. 2, 457.
        <pb n="135" />
        122

wie diesem für die Logik des Geistes geschehen kann, ist dem Wesen
nach in den fünf vorangehenden Büchern geschehen. Das vorliegende
Buch kann nur als eine Art Supplement oder ‘als ein Anhang zu
diesen Büchern betrachtet werden.‘ Menger äußert sich über diesen
Punkt wie folgtt5: „Der Gegensatz zwischen den theoretischen Natur-
wissenschaften und den theoretischen Sozialwissenschaften ist ledig-
lich ein solcher der Erscheinungen, keineswegs aber ein Gegensatz
der Methode, indem auf beiden Gebieten der Erscheinungswelt sowohl
die realistische als die exakte Richtung der theoretischen Forschüng
zulässig ist.“
3. Die Naturwissenschaften sind die vollkommeneren Wissen-
schaften, unter ihnen die vollkommensten sind die „exakten“ Natur-
wissenschaften. Diese sind das wissenschaftliche Ideal aller Wissen-
schaften, auch der Nationalökonomie, jedenfalls desjenigen Teiles
dieser Wissenschaft, der auf die Ehrenbezeichnung der ‘,,Theorie‘‘
oder der „reinen“ Theorie Anspruch erheben will. Ich führe einige
Aussprüche hervorragender Vertreter der ordnenden Nationalökonomie
an, aus denen diese für die Gesamtauffassung unserer Wissenschaft
entscheidend wichtige Ansicht erkennbar ist.

Die Physiokraten*‘: „Depuis l’ingenieuse invention de la formule
du Tableau &amp;conomique,; cette m&amp;me science (l’&amp;economie politique)
est devenue une science exacte, dont tous les points sont susceptibles
de demonstrations aussi s6veres et aussi incontestables que celle de
la geometrie et de l’algebre.“ (Du Pont.) „Le Tableau &amp;conomique
est la premiere rögle d’Arıthmetique que l’on ait inventee pour reduire
au calcul exacte, precis, la science elementaire et l’execution perpe-
tuelle de ce decret de l’Eternel: vous mangerez votre pain ä la sueur
de votre front.‘ (Mirabeau.) „La science 6conomique s’exercant
sur des objets mesurables est susceptible d’&amp;tre une science exacte et
d’etre soumise au calcul.‘““ (Le Trosne.)

Mill#?: „Die Gesellschaftswissenschaft (zu der die National-
ökonomie gehört) ist eine deduktive Wissenschaft... nach dem Vor-

‘5 Carl Menger, Untersuchungen usw. S. 39.

46 Siehe die Stellenbelege bei Ewald Schams, a. a, 0, S, 507.

7 J. St, Mill, Logik 2. 512.
        <pb n="136" />
        123
bilde der verwickelten, physikalischen Wissenschaften; ihre Methode
ist die konkrete, deduktive Methode, wovon die Astronomie das voll-
kommenste, die Physik ein etwas weniger (!) vollkommenes Beispiel
darbietet und deren Anwendung bei der von dem Gegenstande er-
heischten Vorsicht und Anpassung die Physiologie umzugestalten
beginnt.“

Cairnes%: „Die Nationalökonomie ist eine positive Wissenschaft,
sofern sie auf der äußeren Erfahrung beruht, eine hypothetische
Wissenschaft, sofern sie aus allgemeinen Sätzen deduziert. Sie gehört
demnach zu der Klasse der Wissenschaften wie die Mechanik, die
Astronomie, die Elektrizitätswissenschaft und im allgemeinen alle
Wissenschaften, die die deduktive Phase erreicht haben.“

Mc Leod®: Die Political Economy ist „a great demonstrative
science of the same rank as mechanics or ontics or any other physical
science“.

Cournot®: „Il est bien curieux que le developpement progressif
des societ&amp;s humaines aboutisse ä les replacer, en grande partie
au moins, sous l’empire de lois mathematiques ou physiques, fort
semblables ä celles qui gouvernent les phenomöenes les plus generaux
et ä certains 6gards les plus grossiers du monde: physique...‘; „il
y a une sorte de cinematique des valeurs, qui offre la plus frequente
analogie avec la cine&amp;matique proprement dite, celle qui traite du
mouvement, abstraction faite des forces qui le produisent.“

Pareto®: „dösire arriver autant que possible ä des conclusions
ayant avec les faits des rapports semblables ä ceux que nous voyons
dans les sciences physiques.‘“ „Toutes les sciences naturelles ache-
minent plus ou moins leurs 6tudes vers le type logico-experimental;
et nous devons declarer icı que notre intention est d’&amp;tudier la socio-
logie de cette maniere, c’est ä dire en nous efforcant de la ramener ä
ce type.“

48 J. E. Cairnes, The Character and logical method of Political Economy
Ed, 1888. pag. 47.

# McLeod, The Principles of econom. philosophy. 2. ed. 1872, pag. ı22l.

50 A, A. Cournot, Traite de l’enchainement des idees fondamentales dans les
sciences et dans V’histoire. 1861. Nouvelle Edition, 1923. 55 485££.

51 V, Pareto, Traite de Sociologie. 2. Vol. 1917. S$ 486, 08. Vgl. $ 87,
Naote.
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        124
Schumpeter®: „Eine Lücke klafft im wissenschaftlichen Welt-
bilde dort, wo der Mensch steht. Die bloße Tatsache der Anwendhbar-
keit exakter Methoden ist daher hier sehr wichtig, auch wenn die
Resultate derselben nur unbedeutend wären... Darin scheint uns das
höchste Interesse der reinen Ökonomie zu liegen, daß sie ‚eine Er-
weiterung des Gebietes exakten Denkens darstellt.‘ Schumpeter ist
der Meinung, „daß die Ökonomie mehr den exakten Naturwissen-
schaften als den anderen Wissensgebieten verwandt sei“. „Man
könnte... sagen, daß alle exakten Disziplinen, die unsere einge-
schlossen, nicht nur wesensgleich, sondern ein und dasselbe sind.“

Dieser Grundauffassung gemäß gilt als das oberste Erkenntnis-
ziel für die naturwissenschaftlichen Nationalökonomen die Auf-
findung von „Gesetzen“, damit die Einzelerscheinung als „Fall“
unter sie geordnet werden könne. Das nennen sie dann „Theorie‘‘
oder „theoretische“ Erkenntnis. „Wir gewinnen das theoretische Ver-
ständnis einer konkreten Tatsache, wenn wir sie als einen Sonderfall
von einer gewissen Regelmäßigkeit (Gesetz) der Aufeinanderfolge
oder Koexistenz der Tatsachen betrachten, oder mit anderen Worten:
wir gelangen zum Verständnis des Daseinszwecks (!), der Existenz
und Natur einer Tatsache, indem wir lernen, in ihr im wesentlichen
den Beweis eines Tatsachengesetzes zu sehen.“

Der erste, der diesen naturwissenschaftlichen Gesetzbegriff, über
dessen Verwendung in unserer Wissenschaft ich weiter unten noch zu
sprechen haben werde, in die Nationalökonomie eingeführt (und da-
mit den den Physiokraten geläufigen metaphysischen Gesetzbegriff
abgelöst oder ergänzt) hat, ist, soviel ich sehe, Jean Baptiste Say.
Wir lesen bei ihm: „Les faits generaux sont, Aa la verite, fondes
sur l’observation des faits particuliers, mais on a pu choisir les faits
particuliers Tes mieux observ6s, les mieux constates, ceux dont on a
6 soi-meme le temoin et lorsque les r6sultats en ont &amp;t6 constam-
ment les m&amp;ines et qu'un raisonnement solide montre pourquoi ils
ont 6t&amp; les mö&amp;mes... on est fonde ä donner ces r6sultats comme
52 J, Schump eter, Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen National-
;konomie, 1908, S. 563, 613. 533.

5 C. Menger, Untersuchungen usw. S. 17.

4 J. B. Say, Traite d’&amp;conomie politique. 6e ed. 1841, pagı 7.
        <pb n="138" />
        125
des lois generales.‘“ Also: allgemeine „Gesetze‘“ sind „allgemeine
Tatsachen‘, das heißt regelmäßig wiederkehrende Tatsachen, die man
aus der Erfahrung abzieht, richtige „Naturgesetze‘*.

Seitdem hat jeder „Theoretiker‘“ der Nationalökonomie, der etwas
auf sich hält, ebenso wie jeder „Methodologe‘“ des Faches die Gesetz-
bildung als,die vornehmste Aufgabe und die abschließende Leistung
unserer Wissenschaft bezeichnet. Bei Mill, Cairnes, Jevons, Marx,
Keynes sen., Menger, Pareto, Barone, Oppenheimer e tutti
quanti finden wir übereinstimmende Äußerungen in diesem Sinne.

Dem Ziel ist der Weg angepaßt, das heißt:
2, Die Methode der naturwissenschaftlichen Nationalökonomie

Diese Methode zu verstehen wird ums leicht fallen, nachdem wir
die Methode der (exakten) Naturwissenschaft in Erfahrung gebracht
haben. Denn sie ist eine ziemlich getreue Nachbildung dieser.

Als die erste Aufgabe erscheint auch hier die Gewinnung ein-
facher, wenn möglich berechenbarer und meßbarer Tat-
sachen, das sind aber qualitätslose Größen. Zahlreiche National-
ökonomen haben dies als die unabweisbare Aufgabe ihrer Wissen-
schaft ausdrücklich anerkannt. Ich erinnere an die Begriffsbestim-
mung, die Hermann® von der Wirtschaftswissenschaft gibt, die
er zum Unterschiede von der Technik als die Lehre von den Quan-
titäten bezeichnet. Oppenheimer% stellt als „das letzte, höchste
Ziel“ der Nationalökonomie auf: „die menschlichen Kollektivhand-
lungen geradeso quantitativ gesetzmäßig erklären zu können wie
die Bahn eines Geschosses oder die Bildung einer chemischen Ver-
bindung“. Pareto läßt sich über diesen Punkt wie folgt aus#: „Plus
la representation qu’on s’en fait (des choses) approche de la r&amp;a-
Lit6 (1?), plus elle tend &amp; devenir quantitative. On exprime souvent
ce fait, en disant, qu’en se perfectionnant, les sciences tendent ä de-
venir quantitatives ... Longtemps, l’&amp;conomie politique fut presque
antierement qualitative (?!); puis avec l’&amp;conomie pure. elle devint
55 F. B. von Hermann, Staatswissenschaftliche Untersuchungen. 1832,

56 F. Oppenheimer. Theorie der reinen und politischen Ökonomie, 1912.
S. 63/64.

57 V. Pareto, Traite de Soeciologie. $ 144.
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        126

quantitative“. Ganz ähnlich äußert sich schon Jevons, den wir als
den Quantitätstheoretiker schlechthin bezeichnen können: „There can
be little doubt, that every science as it progresses will. become more
and more quantitative.“ Und mit Bezug auf die Nationalökonomie
insbesondere heißt es: „It is clear that Economics if it is to be a
science at all, must be a mathematical science ... our science must
be mathematical, simply because it deals. with quantities‘ (158,
Und noch in der Gegenwart lesen wir bei einem jüngeren Vertreter
der naturwissenschaftlichen Nationalökonomie®: „Nicht mit Gütern
und Leistungen hat es die Wirtschaftstheorie zu tun, sondern mit
reinen Quantitäten.‘“

Nun bietet die moderne Verkehrswirtschaft selbst in wachsendem
Umfange solche „Größen“ oder „reine Quantitäten‘‘ dar, vornehmlich
in den Geldausdrücken. Und in‘ der wissenschaftlichen Buchführung
hat das Leben selber ein System lückenloser Quantifizierung ge-
schaffen. Aber der Ehrgeiz der „theoretischen‘‘ Nationalökonomie
war auf höhere Ziele gerichtet als die bloße Verarbeitung der von der
Praxis dargebotenen „Größen‘‘. Man war bestrebt, hinter diese sicht-
baren Erscheinungen zurückzugehen und noch „einfachere“, „ele-
mentarere‘“ Tatsachen aufzufinden, aus denen die Preise, aber auch
alle nicht mengenmäßigen Erscheinungen des Wirtschaftslebens ab-
geleitet werden könnten. Das Bemühen ging dahin, alle wirtschaft-
lichen Vorgänge aus letzten (kleinsten) Größen zu erklären, oder
anders ausgedrückt: letzte, höchste Allgemeinheiten zu finden, alle
wirtschaftlichen Erscheinungen gleichsam auf einen Generalnenner
zu bringen. Man wollte seit den Physiokraten „exakte“ Forschung
ireiben, und „exakt“ nennt Menger diejenige Forschung, die auf
‚etzte Elemente zurückführt. „Ihr (der wirtschaftlichen Erscheinun-
zen) theoretisches Verständnis ... vermag in exakter Weise nur ...
°rzielt zu werden ....durch die Zurückführung auf individuelle Fak-
;oren. ihrer Verursachung und durch die Erforschung der Ge-
setze, nach welchen die hier in Rede stehenden komplizierten Phä-

58 Das erste Zitat ist aus W. St. Jevons, The Principles of Science, Ed. 1900
9ag., 273; das zweite aus desselben The Theory of Political Economy. 4. ed.
&lt;Q1x. pag. 3.

5 Ernst Schuster, Das Einkommen. 1926.
        <pb n="140" />
        27

nomene der menschlichen Wirtschaft sich aus diesen ihren Elementen
aufbauen.‘ 6

Man dachte also just. wie die „exakten“ Naturforscher: Weg vom
Molekel, vom chemischen „Element“ zum Atom und Elektron! Solche
„elementaren‘‘ Tatsachen hat man nun auf verschiedenen Wegen zu
finden geglaubt, und je nach den Wegen, die sie ging, unterscheidet
sich die Gruppe. der „Subjektivisten‘“ von der der „ÖObjektivisten“‘,

Die „Subjektivisten‘“ haben sich im wesentlichen die Lehren
der Assoziationspsychologie zunutze gemacht. Für sie hat Mill die
Begründung ihres Standpunktes gegeben. Er nennt selbst die Natio-
nalökonomie „a moral and psychological science‘‘ #1 und meint damit,
daß sie auf den „allgemeinen“ Gesetzen des menschlichen Seelen-
lebens aufgebaut werden müsse. Ich habe diese Gedankengänge bereits
dargelegt. (siehe Seite ı10ff.) und komme in anderem Zusammen-
hange noch einmal darauf zurück, Ebenso lehrte, wie wir ebenfalls
schon feststellen konnten, Wundt, der als den „letzten Grund“ für
die Geltung aller sozialen „Gesetze‘“ bezeichnet „die so oft übersehene
Tatsache, daß alle diese fundamentalen Wirtschaftsgesetze in den all-
gemeingültigen, psychischen Eigenschaften der menschlichen Natur
ihre Quelle haben, was eben darin zum Ausdruck kommt, daß sie
lediglich Anwendung allgemeinster psychologischer Prinzi-
pien sind.‘ 6

Auf was diese Elementarpsychologen und die ihnen (meist unbe-
wußt) folgenden Nationalökonomen stießen, wenn sie in der mensch-
lichen Seele nach „einfachen Tatsachen‘ Umschau hielten, waren
„Empfindungen‘‘, „Triebe“ verschiedener Art. Am frühesten (und
am dauerhaftesten) hat der „Eigennutz‘‘, in seiner ökonomischen Aus-
prägung des „Strebens nach Reichtum“ (desire of wealth) die Rolle
der „einfachen Tatsache‘ gespielt. Für die sogenannte klassische
Nationalökonomie hat dann auch der von Malthus entdeckte „Fort-
pflanzungswille“‘ eine nicht unerhebliche Bedeutung gewonnen, Eigen-
nutz und Fortpflanzungswille sind lange Zeit hindurch die beiden
Grundkräfte, die gegeneinander wirken und — die Wirksamkeit
60 C. Menger, Untersuchungen usW. S. 182.
61 J. St. Mill, Unsettled questions of Political Economy. pag. 133.
6 W, Wundt, Logik IMI3, 656 u. 5.
        <pb n="141" />
        (28

beider auf den Markt projiziert — den Gesamtmechanismus des
Wirtschaftslebens bilden. Im letzten Menschenalter hat man dann eine
andere elementare Tatsache des Seelenlebens zu den bis dahin im
Schwange befindlichen hinzu entdeckt, in Gestalt der Lust- und Un-
lustempfindung oder der „Nutzkomputation‘‘. Man weiß, daß es die
Eigenart der Grenznutzenschule ist, die wirtschaftlichen Vorgänge
auf die Wirksamkeit dieser „einfachen Tatsache‘ zurückzuführen:
‚the whole of our actions in industry and trade certainly depend upon
;omparing quantities of advantage and disadvantage.‘“

Unterdessen hatten die „Objektivisten‘“ es sich angelegen sein
lassen, außerhalb der menschlichen Seele in den Vorgängen des Wirt-
schaftslebens Tatbestände elementarer Art ausfindig zu machen, deren
Vorhandensein oder deren Bewegung man das wirtschaftliche Ge-
schehen zurechnen könnte. Als solche hatte man zunächst die Geld-
größe aufgegriffen (Tableau 6conomique!), später glaubte man vor
allem die in den, Gütern verkörperte menschliche Arbeit als solche be-
'rachten zu dürfen. Es ist bekannt, daß dieser Arbeitsaufwand es ist,
der in den Systemen von Ricardo, Rodbertus, Marx u. a. die wirt-
schaftliche Welt gestaltet und regelt.

Die Mitte zwischen Subjektivismus und Objektivismus hält die Auf-
fassung mancher Relationisten, vor allem des Bedeutendsten unter
ihnen: V. Pareto, der zwar vom Psychologismus losstrebt, dem die
Befreiung aber doch nie völlig gelingt. Der von ihm eingeführte
Begriff der Ofelimita (ophelimite) schwankt zwischen einer „ein-
fachen‘“ Tatsache subjektivistischer und einer solchen objektivi-
stischer. Prägung.

Wie in den Naturwissenschaften, so galt es nun auch in der Natio-
nalökonomie die solcherart gefundenen einfachen Tatsachen zu ord-
nen. Auch dies geschah im wesentlichen mit Hilfe derselben Ord-
nungsprinzipien, deren sich die Mutterwissenschaft bedient hatte.
Unter den Allgemeinbegriffen, die auch hier vornehmlich als Ord-
aungsprinzipien dienten, begegnen uns einige von besonderer Be-
deutung.
Das ist vor allem der Substanzbegriff, der in der naturwissen-
schaftlichen Nationalökonomie die seltsame Bezeichnung „Wert“
6 W. St. Jevons, Theory cit. pag. 10
        <pb n="142" />
        129
trägt. Daß man nie recht einsehen konnte, was es eigentlich mit
diesem Wertbegriff auf sich habe, den jeder „Theoretiker‘ von
seinem Vorgänger übernahm wie einen in einer geheimnisvollen
Truhe verborgenen Schatz, ist bekannt, bis man eines schönen Tages
die Truhe öffnete und sie leer fand und begriff: dieser mysteriöse
Wert sei nichts anderes gewesen als das große X, das die Natur-
Forscher dort gemacht hatten, wo sie das Bedürfnis empfanden, im
Wechsel der Erscheinungen etwas Verharrendes anzunehmen und das
sie mit dem pompösen Worte „Substanz‘‘, das bessere Zeiten gesehen
hatte, belegten, bis mutige Leute kamen und erklärten: da ist ja gar
nichts drin: der Kaiser hat ja gar nichts an. Diese mutigen Leute
sind unter den Naturforschern, wie wir feststellen konnten, seit langem
aufgetreten. Unter den ordnenden Nationalökonomen erschienen sie
in Gestalt der Relationisten. Pareto vor allem ist es gewesen, der
nicht Spott genug hat aufbringen können, um die „Farce des Wert-
begriffs“ als solche zu verhöhnen. „So wie man heute die Mechanik
der Himmelskörper nicht mehr studieren kann in den Werken des
Ptolemäus oder Keplers, so kann man die Nationalökonomie nicht
mehr studieren mit Hilfe des verschwommenen Wertbegriffs.‘“ *% Daß
Pareto mit dieser Abstreifung des Wertdogmas nichts anderes tat;
als die naturwissenschaftliche Methode der Nationalökonomie zu Ende
denken, wie wir noch genauer sehen werden, ist dasjenige, was uns
an diesem Familienzwist im Schoße der ordnenden Nationalökonomie
vor allem interessiert.

$4 V, Pareto, Trait@ de Sociologie. $ 104. Vgl. idem, Manuel .d’Economie
politique. III, 29, 30, 35, 36, Daß die Literatur über den „Wertbegriff‘,
mit dem sich jetzt auch die Philosophie abquält, ins Uferlose angeschwollen ist,
wußte man bereits. Erst jetzt aber, nachdem eine fleißige Zusammenstellung der
°inschlägigen Schriften angefertigt ist, überblickt man mit wahrem Schrecken die
riesenhafte Ausdehnung des Überschwemmungsgebietes. Wir erfahren von 66ı
Schriften über den Wertbegriff allein in der deutschen Literatur. Siehe Joh. Erich
Heyde, Gesamtbibliographie des Wertbegriffs, I. Teil. Deutsche Literatur; in den
von Arthur Hoffmann-Erfurt herausgegebenen Literarischen Berichten aus
lem Gebiete der Philosophie. Heft 15/16, 17/18. 1928. Die Übersicht ist keines-
wegs vollständig, da sie im wesentlichen nur Schriften enthält, die ausdrücklich
vom Wert handeln. Unter denjenigen Schriften, die den nationalökonomischen
Wert betreffen, kenne ich nur drei von Wert; es sind diejenigen, die nach dem
Wert des Wertes gefragt haben.
Sombart. Die drei Nationalökonomien
        <pb n="143" />
        130
Ein anderes Ordnungsprinzip, das in der Mechanik sehr beliebt ist,
und dessen sich die ordnende Nationalökonomie ebenfalls gern bedient,
ist das des „Systems“. Als „System“ kann eine Gruppe von Per-
sonen betrachtet werden, die untereinander in Beziehung stehen und
auf deren Entschlüsse bestimmte Kräfte wirken. Die Wirkungen
dieser Kräfte ergeben bestimmte Veränderungen, Verschiebungen, und
diese lassen sich in einer Formel ausdrücken. „Nous pourrons donc,
par analogie (sc. d’un terme de la mecanique), appeler cette collec-
tivite un systöme . .. 6&amp;conomique et dire que certaines forces agissent
sur Iui, qui determinent les positions des points du systöme, compa-
tibles avec les liens.‘‘s5 Dieser „System““-Begriff ist wohl derselbe,
den Schumpeter als Integdependenz bezeichnet. Hierher gehören
ferner die Begriffe Gleichgewicht (Pareto!), Kreislauf (Ta-
bleau &amp;conomique!), Strömung (Oppenheimer!) u. a., die sämtlich
die Aufgabe von Ordnungsprinzipien erfüllen, und die alle, wie man
sieht, nach Analogie mechanisch-physikalischer oder auch physiolo-
zischer Begriffe gebildet worden sind.

Aber das oberste und wichtigste Ordnungsprinzip der ordnenden
Vationalökonomie wie aller Naturwissenschaften ist doch der Gesetz-
begriff, über den freilich bei nur sehr wenigen Vertretern dieser
Richtung unserer Wissenschaft — man kann eigentlich sagen: nur
bei den Relationisten — völlige Klarheit herrscht. Etwa folgendes
läßt sich über ihn aussagen: die meisten Theoretiker unterscheiden
zwei Arten von Gesetzen (nach dem Vorgange Mills): empirische und
wissenschaftliche oder „exakte‘“ Gesetze. Empirische Gesetze sind
aus der Erfahrung gewonnene Regeln der Aufeinanderfolge von
Erscheinungen. Zu ihnen gelangt die „Induktion“ (Mill), die „rea-
listische‘“ Forschung (Menger). Diese empirischen Gesetze sind nur
„vorläufige“ Anordnungen, bis man die wissenschaftlichen oder Ge-
setze im echten Sinne, die „Naturgesetze‘ findet. Zu diesen Gesetzen
"ührt die „Deduktion‘ (Mill), die „exakte“ Theorie (Menger), das
heißt die eigentliche, wissenschaftliche Nationalökonomie.

Für die subjektivistische Auffassung sind die „Naturgesetze“,
auf die alle emmnirischen Gesetze zurückgeführt werden müssen, die Ge-

65 V, Pareio, Trait&amp; $ 128.
        <pb n="144" />
        131
setze der menschlichen Seele. „Die Zustände des menschlichen Geistes
und der menschlichen Gesellschaft können nicht ein ihnen eigenes
unabhängiges Gesetz haben, sondern dasselbe muß. von den psycho-
logischen und ethologischen Gesetzen abhängen, welche die Wirkung
von Umständen auf die Menschen und von den Menschen auf die Um-
stände beherrschen.‘“ Es kann „nicht der letzte Zweck der Wissen-
schaft sein, ein empirisches Gesetz zu entdecken. Ehe dieses Gesetz
nicht mit den psychologischen und ethologischen Gesetzen, von denen
es abhängig sein muß, in Verbindung gebracht und durch die Über-
einstimmung der apriorischen (!) Deduktion und des geschichtlichen
Beweises aus einem empirischen Gesetz in ein wissenschaftliches Ge-
setz umgewandelt werden kann, ist es für die Voraussage künftiger
Vorgänge (!) unzuverlässig.‘ %

„Mit demselben Rechte (wie. der Naturforscher von Kräften spricht)
können wir jene psychischen Regungen als die elementaren Erschei-
aungen der Ökonomie bezeichnen und von Gesetzen ihrer Wirksam-
keit sprechen. In dem einen wie in dem andern Falle wird das gene-
relle Wesen der Erscheinungen erfaßt und wird der generelle Zu-
sammenhang zwischen denselben nachgewiesen.“ 6 .

Soviel ich weiß, hat kein Nationalökonom es unternommen, mit
Hilfe dieses Schemas irgendeines unserer „Wirtschaftsgesetze‘“ zu
erklären. Das hat seltsamerweise vielmehr ein Philosoph getan: Wil-
helm Wundt. Es lohnt sich, seinen Versuch einer Prüfung zu unter-
ziehen. Wundt unterscheidet ® drei Gruppen von Wirtschafts- (oder
allgemeiner: sozialen) Gesetzen, die seinen drei „psychologischen
Prinzipien‘ entsprechen, nämlich 1. dem Prinzip der schöpferischen
Synthese, 2. dem Prinzip der beziehenden Analyse, 3. dem Prinzip
der Kontrastverstärkung. Danach ergeben sich” Gesetze der sozialen
Resultanten, Gesetze der sozialen Relationen und Gesetze der sozialen
Kontraste.
Nach dem Gesetz der sozialen Resultanten ist ein gegebener Zu-
stand im allgemeinen (!) stets auf gleichzeitig vorhandene Kompo-

66 J. St. Mill, Logik. 2, 258.

5 Emil Sax, Die neuesten Fortschritte der nationalökonomischen Theorie,
‚889. $S. 10. .

Ss W. Wundt, Lorik IT? 430ff., 650. Val. oben S. 112,
        <pb n="145" />
        132
nenten zurückzuführen, die sich in ihm zu einer einheitlichen Ge-
samtwirkung verbinden. „Ein Beispiel eines solchen Gesetzes ist das
sogenannte Malthussche Bevölkerungsgesetz.“ (!)

„Das Gesetz der sozialen Relationen bezieht sich auf die Erfah-
rung (1), daß jede wichtigere soziale Erscheinung mit anderen gleich-
zeitigen Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens in einer
Wechselbeziehung steht, vermöge deren sie mit diesen zusammen ein
Ganzes bildet, in welchem sich der Gesamtcharakter des allgemeinen
sozialen Zustandes mehr oder minder deutlich ausprägt.““ Als Bei-
spiel eines solchen Gesetzes führt Wundt das Marxsche Gesetz des
Mehrwerts (!) an.

Dem Gesetz der sozialen Kontrastwirkung lassen sich alle die-
jenigen Vorgänge des sozialen Lebens unterordnen, bei denen be-
stimmte Erscheinungen durch ihren Gegensatz zu anderen voran-
gegangenen oder gleichzeitigen Erscheinungen gesteigert werden. Die
Anlässe sind äußerlich. Die Erklärung des Gegensatzes selbst führt
aber auf die allgemeinste Eigenschaft des Gefühlslebens zurück. Ein
charakteristisches „Kontrast‘“-Gesetz ist das Gesetz der ökonomischen
Krisen (1).
Alle diese „Gesetze‘‘, das muß noch bemerkt werden, wirken „sinn-
los‘‘ wie Naturgesetze, das heißt ohne jeden Bezug auf einen öko-
aomischen Sinnzusammenhang.

Es ist hier nicht (und nirgends in diesem Buche) der Ort, diese
Darlegungen im einzelnen kritisch .zu würdigen. Sie sind nur in
Bausch und Bogen als die bedauernswerte Verirrung eines hedeuten-
den Geistes abzulehnen und finden ihre summarische Erledigung in
dem aufbauenden Teile dieser Abhandlung. Worauf es mir an-
kommt, ist nur, sie auf den behaupteten Erkenntnisgehalt hin zu
prüfen. Und da ist denn nun zu bemerken, daß die ganze Gegenüber-
stellung von empirischen und wissenschaftlichen Gesetzen, auf die
ja slillschweigend auch die Wundtsche Gesetzeslehre hinausläuft,
durchaus abwegig ist. Jedes Naturgesetz ist „empirisch“, jedes
Naturgesetz beruht letzten Endes auf „Induktion“, auf „realistischer
Forschung“, also auch jene „allgemeinsten Gesetze‘““ des ımensch-
lichen Seelenlebens.
        <pb n="146" />
        133
Das ist auch die Ansicht der Begründer dieser naturwissenschaft-
lichen Gesetzeslehre in der Nationalökonomie, wenn wir sie, ohne
Rücksicht auf ihre oft schwankende und teilweise geradezu falsche
Terminologie, auf ihren innersten Gehalt hin untersuchen. Mill
spricht zwar von apriorischer Begründung seiner Gesetze, wie wir
ehen feststellen konnten. In Wirklichkeit aber gewinnt er kein
einziges seiner Assoziationsgesetze auf apriorischem Wege, ebenso-
wenig wie Wundt, der ihre Herkunft aus der Erfahrung selber
ausdrücklich zugibt. Für Mill bedeutet die Unterscheidung der
exakten (angeblich deduktiven) und der realistischen (anerkannt in-
duktiven) Methode auch nur eine Unterscheidung des Grades: er
will jene auf „einfache‘‘“, diese auf „komplizierte“ Verhältnisse an-
wenden. Menger aber erkennt den empirischen Charakter auch
seiner „exakten‘‘ Methode ausdrücklich an. Er meint sogar, sie sei
mehr empirisch als die der exakten Naturwissenschaften, die mit
den „unempirischen‘“ Begriffen „Atome und Kräfte‘ arbeiten. (Der
Gegensatz ist hier, wie bemerkt werden mag, auch nicht apriorisch:
Atome und Kräfte sind höchstens „Fiktionen‘“, deren sich der immer
empirisch eingestellte Naturforscher bedient.) „Anders‘“, fährt dann
Menger fort®, „in den exakten Sozialwissenschaften. Hier sind die
Individuen und ihre Bestrebungen, die letzten Elemente unserer
Analyse, empirischer Natur.“ Emil Sax”, den wir in gewissem
Sinne als einen Glossator Mengers ansehen dürfen, bemerkt dazu:
„Indem wir bei derselben (sc. der „exakten“ Methode in den Sozial-
wissenschaften) in einer tiefgreifenden. Analyse die ‚einfachsten Ele-
mente‘ der Erscheinungen aufspüren und auseinanderlegen und je
nur eines von ihnen isoliert in seinen kausalen Verhältnissen beob-
achten, gelangen wir zu Grundgesetzen der Erscheinungen, welche
schlechtweg ausnahmslos (!) gelten, wie das Kausalitälsgesetz selbst.
Der Weg, auf dem sie gefunden werden, ist die Induktion.
Auch sie beruhen also auf Empirie, sind empirisch... Es
müßte ein solches exaktes Gesetz als unrichtig aufgegeben werden,
wenn es mit den Erscheinungen nicht im Einklang stünde,, “

8 C. Menger, Untersuchungen usw. S. 1597. .
70 Emil Sax, Das Wesen und die Aufgabe der Nationalökonomie. 1884.
5, 35£., 37/38,
        <pb n="147" />
        134

Irreführend ist auch der namentlich von den englischen Logikern,
wie Mill, Cairnes u. a., so sehr beliebte Gegensatz von „deduk-
tivem‘“ und „induktivem‘“ Verfahren. In Wirklichkeit besteht dieser
Gegensatz grundsätzlich nicht. Was jene Männer das „deduktive‘‘
Verfahren nennen und was sie auf die Nationalökonomie angewandt
wissen wollen, ist genau genommen das Verfahren der Subsumtion
einzelner Fälle unter die auf induktivem Wege gewonnenen „Gesetze‘‘
oder allenfalls die Ableitung spezieller Gesetze aus allgemeinen und
allgemeinsten Gesetzen. Immer bleibt das Verfahren, mittels dessen
man zu jenen allgemeinen Gesetzen gelangt, das der Induktion.

Die Unterscheidung von „exakten“ und „nichtexakten‘“ Gesetzen
hat also bei Menger gar keinen rechten Sinn. Diesen erhält sie nur,
wenn man „exakt“ diejenigen nennt, die die Ableitung eines Ge-
setzes aus reinen Quantitäten vornimmt, so daß also das Gesetz in
einer mathematischen Formel ausgedrückt werden kann. Was Menger
unter „exakt‘“ versteht, wird diesem Begriffe keineswegs gerecht.
Und in dem Punkte hat Schmoller in seiner Polemik mit Menger
das Richtige getroffen, wenn er meinte: der Leiter eines physikali-
schen oder chemischen Laboratoriums würde einen Studenten hinaus-
werfen, der mit dem Mengerschen Begriff von „Exaktheit‘“ arbeiten
wollte.
Mengers Theorie von der Gesetzesbildung gehört überhaupt zu
den schwächsten Teilen seines Buches. Er macht sich eines ständigen
Schwankens zwischen zwei Gesetzesbegriffen schuldig: dem Begriff
des Naturgesetzes, das Erscheinungen der Erfahrung ordnen soll, und
dem Begriff eines „Gesetzes“ (das aber kein Gesetz in irgendwelchem
vernünftigen Sinne ist) des wirtschaftlichen Verhaltens. Diese Ge-
setze nennt er „Gesetze der Wirtschaftlichkeit‘. Damit gleitet er
natürlich auf eine völlig andere Ebene ab, als die ist, auf der sich
im allgemeinen seine Untersuchungen bewegen.

Ich habe den nationalökonomischen Gesetzesbegriff naturwissen-
schaftlicher Prägung nur an der subjektivistischen Richtung ver-
deutlicht. Im Grunde derselbe ist er bei allen Spielarten der ordnen-
den Nationalökonomie. Gesetze — richtig verstanden im Sinne dieser
Forschungsmethode — sind in höchster Vollendung Formeln, in
denen die Regelmäßigkeiten im Zeitablauf der Erscheinungen em-
        <pb n="148" />
        135
pirisch derart festgestellt werden, daß die Konstanz des Verhältnisses
letzter elementarer Größen bei wechselndem Volumen erfaßt wird.

Ein wesentlicher Unterschied ergibt sich nur aus der Verschieden-
heit der Entwicklungsreife, die das naturwissenschaftliche Denken
bei den einzelnen Forschern erreicht hat. Die große Mehrzahl von
ihnen ist auf einer Stufe verharrt, auf der auch die exakten Natur-
wissenschaften einmal gestanden haben, die aber diese. — in folge-
richtiger Weiterführung des Gedankenganges — längst. aufgegeben
haben. Diese Forscher stellen noch Kausalgesetze auf, das heißt
solche Gesetze, in denen bestimmte Erscheinungen bestimmten
wirkenden „Kräften“ zugerechnet werden. Hierhin gehören — als all-
gemeine Gesetze — das Arbeitskostengesetz, das Grenznutzengesetz,
das Oppenheimersche Gesetz der Strömung. Aus diesen allgemeinen
Gesetzen werden dann besondere (Spezial-)Gesetze — z. B. Arbeits-
\ohngesetz, Grundrentengesetz, Kapitalzinsgesetz — abgeleitet. Jene
entsprechen etwa den Gesetzen der Mechanik, diese denen der Physik.

Dieser Standpunkt der Kausalgesetze wird nun aber heute auch
von den konsequenten Nationalökonomen als veraltet angesehen. Es
vollzieht sich — genau im Gleichlauf mit den exakten Natur-
wissenschaften — die Entwicklung vom Kausalgesetz zum reinen
Funktionsgesetz. Auf diesem fortgeschrittenen Standpunkt stehen
die Relationisten, die Anhänger der sogenannten mathematischen
Schule. „Gesetze“ sind für sie nichts anderes als für die Naturwissen-
schaftler: Differentialgleichungen, Formeln, in denen. bestimmte
funktionale Beziehungen von Größen zueinander ausgedrückt werden
sollen.
„Gräce ä l’usage des mathematiques, toute cette theorie ne repose
plus que sur un fait d’experience, c’est-ä-dire sur la determination
des quantit&amp;s de biens qui constituent des combinaisons indifferentes
pour Vindividu. La th6orie de la science Economique acquiert ainsi
la rigueur de la mecanique rationelle; elle deduit ses r6sultats de
l’experience, sans faire intervenir aucune entite metaphysique . . .‘“ Das
heißt: „sans avoir recours &amp; l’ophelimite‘“ — Substanz und Ursache,
Auch die Abkehr vom Psychologismus ist hier vollzogen: „‚L’in-
dividu peut disparaitre.‘“ 7
71V, Pareto, Manuel d’Economic politique. ML, 36, 57.
        <pb n="149" />
        136

Denselben Gedanken begegnen wir bei Schumpeter wieder: „Die
Erklärung, die unsere Theorie leistet, ist... eine Beschreibung von
funktionalen Beziehungen zwischen... den Elementen unseres Sy-
stems mittels möglichst kurzer und möglichst allgemeingültiger
Formeln. Diese Formeln nennen wir Gesetze.‘ 72

Es lohnt nicht, bei noch anderen Versuchen als den beschriebenen,
die Methode der Naturwissenschaften auf die Nationalökonomie an-
zuwenden, länger zu verweilen. Als Kuriosum will ich nur noch kurz
dieMethode der Ecole de laScience sociale in Frankreich erwähnen,
die,nach den von Le Play und Tourville aufgestellten Schematen
ihre Forschungen anstellt. Es werden hier 25 verschiedene Klassen
sozialer Phänomene, die in 326 Elemente aufgeteilt sind, untersucht,
das heißt äußerlich festgestellt, „begriffen‘“ und ihre gegenseitige
Reaktion aufeinander ermittelt: „les reactions reciproques des faits
zoclaux‘‘, „repercussions‘“ genannt. Man bekennt sich mit Stolz zur
naturwissenschaftlichen Methode: „la science sociale est une science
d’observation au meme titre que les sciences naturelles... Dans
toutes les science, la methode generale est la meme.“ 13

Etwas ähnliches stellt wohl die Schule des Behaviourism in den
Vereinigten Staaten dar.

Das Ergebnis unserer Untersuchungen steht fest. Es war mir
darum zu tun, die großen Linien aufzuweisen, in denen diese bedeu-
tende Richtung der ordnenden Nationalökonomie verläuft, deren
Hauptvertreter nach dem Vorbilde vor allem der exakten Naturwissen-
schaften zu forschen sich bemüht haben. Dabei konnten wir -beob-
achten, daß der größte Teil mit unklaren und unfertigen Vor-
stellungen von dem Wesen der naturwissenschaftlichen Methode ihre
Arbeit verrichtete. Nur die Relationisten oder Funktionalisten, das
heißt die Anhänger der „mathematischen“ Schule haben die Probleme
durchgedacht und sind zu einer folgerichtigen, klaren Lehre gelangt.
Jeder Freund eines sauberen Denkens muß deshalb diesen National-

% J. Schumpeter, Wesen und Hauptinhalt. 1908. S. 43.

73 Jacques Valdour, Les methodes en science sociale. 1927. pag. 267£.
Valdour gibt eine genaue Darstellung dieser Methode, die durch Paul Descamps
in mehreren Aufsätzen in „La Seience sociale‘, Nov. 1912, Nov. 10913, Dez,
'g14 entwickelt worden ist.
        <pb n="150" />
        137
ökonomen seine Sympathie entgegenbringen. Sie allein verdienen auch
den Ehrennamen „exakter“ Forscher, den so viele andere Vertreter
der naturwissenschaftlichen Nationalökonomie sehr zu Unrecht sich
angemaßt haben.

Es erübrigt jetzt nur noch, die Frage zu beantworten, welches
3. Der Erkenntniswert der ordnenden Nationalökonomie
ist. Ich kann mich hier kurz fassen, denn das meiste habe ich schon
im vorigen Kapitel gesagt, wo ich den Erkenntniswert der Natur-
wissenschaften geprüft habe.

Wir können einen extensiven und einen intensiven Erkenntniswert
unterscheiden, oder zu deutsch: die Erkenntnisbreite und die Er-
kenntnistiefe.

Die Erkenntnisbreite der naturwissenschaftlichen National-
ökonomie erstreckt sich offenbar, wenigstens soweit eine „exakte“
Theorie erstrebt wird, nur soweit, als es Quantitäten oder quanti-
fizierbare Erscheinungen im Wirtschaftsleben gibt. Das haben auch
alle klarsichtigen Vertreter dieser Wissenschaft: von Mill bis Mar-
shall** und Jevons anerkannt. Offenbar hat man aber diesen Be-
reich zu weit erstreckt, wenn man auch seelische Vorgänge zu den
quantifizierbaren Erscheinungen gerechnet hat. Es ist ein schlechter-
dings unausführbarer Vorsatz, den „Nutzen‘“ als Größe erfassen und
ihn messen zu wollen: „die Mechanik des Nutzens und des Selbst-
interesses‘“, „the mecanics of utility and selfishness‘‘ haben nur einen
Sinn, wenn man, wie Jevons, der Gescheiteste unter den Grecz-
nutzlern, letzten Endes zum Geldausdruck seine Zuflucht nimmt.
Sonst muß man, wie es Pareto und seine Schüler getan haben, den
„Nutzen“ aus der Rechnung ganz ausschalten. Am sichersten ver-
fährt man bei dem Aufbau einer ordnenden Nationalökonomie, wenn
man sich auf die Lehre von den Güterpreisen und Gütermengen
beschränkt und zu der Einsicht gelangt, daß „das Grundproblem der
theoretischen Ökonomie. ., die Erklärung der Preisbildung“‘ (ist) 15,
Etwas Ähnliches schwebt wohl Alfr. Amonn vor. wenn er als den

74 A. Marshall, Principles of Economics. ı, 73.
75 G. Cassel, Die Produktionskostentheorie Ricardos in der Zeitschrift für
die ges. Staatswissenschaft 5», 68.
        <pb n="151" />
        138
Gegenstand. der theoretischen Nationalökonomie die „Principles“
Ricardos bezeichnet. Mit anderen Worten: die ordnende National-
5konomie kann allenfalls zu einer Marktanalyse gelangen.

Was die Erkenntnistiefe dieser Art von Nationalökonomie anbe-
trifft, so kann ich mich auf das beziehen, was ich im vorigen Kapitel
ausgeführt habe: sie muß — wie jede Naturwissenschaft —. auf
Wesenserkenntnis verzichten. Sie kann keine Antwort auf die
Fragen: woher? wodurch? wozu? erteilen, und sie kann für keines
ihrer Ergebnisse die Dignität der Notwendigkeitserkenntnis bean-
spruchen. Das gilt auch und gerade für das eigenste Gebiet der
„exakten‘‘ Nationalökonomie.

Kein Wunder, daß die meisten Nationalökonomen in Unkenntnis
über den beschränkten Geltungswert ihrer Forschungsergebnisse ge-
lebt haben, wenn es selbst hervorragenden Naturforschern, wie wir
sahen, ebenso ergangen ist. Nur wiederum den Relationisten ist es
gelungen, zu dieser tieferen Überzeugung vorzudringen, daß sie nichts
Wesentliches zu erkennen vermögen und sich damit hegnügen
müssen, die Erscheinungen zu ordnen und zu beschreiben. Hören wir
wieder den überlegenen Meister V. Pareto:

„Nous tächons toujours de nous €loigner Ice moins possible (des)
faits. Nous ignorons ce quest l’essence des choses, et n’en avons
pas cure, parce qu'une telle &amp;tude sort de notre domaine. Nous
recherchons les uniformites presentees par les faits et leur donnons
aussi le nom de lois; mais ces faits ne sont pas soumis A ces derniers:
au contraire. Les lois ne sont pas necessaires; ce sont des hypo-
thöses qui servent a resumer un nombre plus ou moins grand de
faits, et durent tant qu’on ne leur en substitue pas de meilleurs.‘‘ 17

„Celui qui raisonne sur les essences peut, en certains cas, sub-
stituer la certitude &amp; une tres grande probabilite; quant ä nous,
ignorant les essences, nous perdons la certitude.‘“ 8 Die Unter-
streichungen finden sich in der Urschrift: sie beziehen sich genau
auf die Worte, die ich selbst hervorgehoben haben würde. Die Aus-

7 Alfr. Amonn, Objekt und Grundbegriffe der theoretischen National-
ökonomie. 1911. 2. Aufl. 1927. Vgl. dazu meine Abhandlung unter demselben
Titel im „Archiv für Soz. Wiss.‘ usw. 1912.

77 V. Pareto, Traite de Sociologie $ 69. 4°. 78 V, Pareto, 1. c. $ 97.
        <pb n="152" />
        130
führungen Paretos sind von einer wunderbaren, nicht zu über-
treffenden Klarheit.

Aber auch die Erklärungen Schumpeters, der die equilibristische
Schule in Deutschland ruhmvoll vertritt, lassen an Deutlichkeit nichts
zu wünschen übrig: die Aufgabe, die er sich stellt, ist „die Beschrei-
bung der Abhängigkeitsverhältnisse der Elemente unseres Systems
zum Zwecke der Zurückführung verschiedener Zustände desselben
aufeinander... Unter einer wissenschaftlichen Erklärung der Er-
scheinungen ist nichts anderes zu verstehen als eben diese Beschrei-
bung. Danach sind die Ausdrücke „Erklärung“ und „Beschreibung“
für uns überhaupt synonym‘ 7.

In markiger Form hat den Leerlauf dieser Forschungsweise
Proudhon gekennzeichnet, wenn er einmal schreibt#: „Les &amp;cono-
mistes ont classe, tant bien qu'ils ont pu, ces observations; ils ont
döcrit les ph&amp;nomöenes, constate leurs accidents et leurs rapports;
ils ont remarque, en plusieurs circonstances, un caractere de n6cessite
qui les leur a fait appele „lois‘; et cet ensemble de connaissances,
saisis sur les manifestations pour ainsi dire les plus naives de la
societe, constitue l’Economie politique .. .‘“ auch der nächsten beiden
Menschenalter, können wir hinzufügen.

Zum Schlusse aber dieses Abschnitts möchte ich noch die Worte
anführen, mit denen ein sehr begabter jüngerer Vertreter der natur-
wissenschaftlichen Nationalökonomie und Ileidenschaftlicher Ver-
ehrer Paretos, dem er auch eine eigene Studie gewidmet hat,
sein Buch über die Methodenlehre unserer Wissenschaft, das zu den
bei weitem besten Erscheinungen dieser Schriftgattung gehört, ab-
schließt: „Cette science si vivante et si reelle avec tous ses triomphes
et tous ses espoirs: qu'est-elle? Rien.‘“#
79 J. Schumpeter, Wesen und Hauptinhalt usw. S. 37,
30 P J. Proudhon. Svstöme des Contradictions 6conomiques. 2 Vol. 3. ed.
L, 3M.

6. H. Boukquet, Precis de Sociologie d’aprös Vilfredo Pareto. 1925.
Die Schrift ist 1926 sogar deutsch erschienen.

82 G. H. Bousquet, Essai sur l’&amp;volution de la pens6e 6conomique. 1927. —
Welche Bedeutung die Schemata der ordnenden Nationalökonomie für die
Wesenserkenntnis der wirtschaftlichen Erscheinungen als Hilfsmittel einer sinn-
volleren Betrachtungsweise der verstehenden Nationalökonomie haben, steht hier
nicht in Frage und wird erst später von uns in Betracht gezogen werden.
        <pb n="153" />
        Dritter Abschnitt
Die verstehende Nationalökonomie
Zehntes Kapitel
Die Vorgeschichte der geistwissenschaftlichen National-
ökonomie
1. Die heterodoxe Nationalökonomie

Der ordnenden oder naturwissenschaftlichen Nationalökonomie, die
sich die Welt der Geister im Fluge erobert, tritt gegenüber eine andere
Nationalökonomie, die auch den Anspruch erhebt, eine „Wissen-
schaft‘ in dem von mir dem Worte beigelegten Sinne, das heißt nicht
Metaphysik zu sein, die aber ihre Forschungsweise nicht dem Be-
reiche des naturwissenschaftlichen Denkens entnehmen, sondern eine
Ihrem Gegenstande angemessene, eigene F orschungsweise anwenden
will. Das ist diejenige Nationalökonomie, die als geistwissenschaft-
liche oder kulturwissenschaftliche oder verstehende Nationalökonomie
von mir bezeichnet wird. Sie hat eine Vorgeschichte, mit der wir
uns jetzt vertraut machen wollen.

Seit der Entstehung der physiokratischen und „klassischen‘“ Lehren
hat es Nationalökonomen gegeben, die sich gegen diese Lehren auf-
gelehnt haben. Nennen wir sie zusammenfassend die Heterodoxen
oder Oppositionellen. Diese Gegenströmung, diese Anti-Klassik, diese
Heterodoxie hat aber die längste Zeit ihr Dasein nicht einer wissen-
schaftlich anderen Grundeinstellung, überhaupt nicht wissenschaft-
Kchen, nicht Erkenntniszwecken ihr Dasein zu verdanken, sondern
Willensgründen, praktischen Forderungen: sie trägt durchaus
emotionales Gepräge, Was man an der „orthodoxen“ Lehre ver-
mißte, ‚war vornehmlich dreierlei: ı. die nationale, 2. die sozial-
politische, 3. die ethische Einstellung. Von diesen drei Gegenposi-
tionen: der nationalen, der sozialpolitischen und der ethischen aus
griff man die Klassiker (und später in abgeschwächtem Maße die
        <pb n="154" />
        141
„Grenznutzler‘) an. Man warf diesen also vor, daß sie durch ihre
„freihändlerischen‘“ Auffassungen einen Internationalismus pflegten,
der die nationalen „Belange‘“ rückständiger Nationen schädigte; man
warf ihnen vor, daß sie der „Arbeiterfrage‘“ gegenüber mit ihrem
„Manchestertum“ völlig versagten; man warf ihnen vor, daß sie
gegenüber den verheerenden Einflüssen des Kapitalismus auf Kultur
und Seelenleben keine Heilmittel anzugeben wüßten. Auf diese Vor-
würfe läuft die Kritik der Romantik, samt Friedrich List, läuft
die Kritik der Sozialisten aller Spielarten bis hinab zu den Katheder-
sozialisten, läuft die Kritik der katholischen und katholisierenden
Schriftsteller des 19. Jahrhunderts doch im wesentlichen hinaus,

Kein Zweifel: in dieser willensmäßig-weltanschaulichen Begrün-
dung der heterodoxen Bewegung lag ihre stärkste Kraft, lag eine
große Kraft und die starke Wirkung, die die Kritik der orthodoxen
Nationalökonomie ersichtlich ausgeübt hat, erklärt sich aus diesem
entschlossenen Wollen, mit dem sie den großen Fragen des Tages
gerecht zu werden versuchte. Diesem edlen Wollen verdankte ja, wie
wir im ersten Abschnitte feststellen konnten, die richtende National-
ökonomie des 19. Jahrhunderts zum guten Teil ihre Entstehung und
ihre Erfolge: in der Not der Zeit warf man sich aus Verzweiflung
der Metaphysik oder Religion in die Arme.

Das alles hatte nun aber mit Wissenschaft nicht das allermindeste
zu tun. Und die herrschende Nationalökonomie stellte doch eine wohl-
gefügte Wissenschaft dar. Ihr konnte man mit Metaphysik und Politik
nicht beikommen. Wie aber stand es mit dem wissenschaftlichen Rüst-
zeug, wie stand es vor allem mit der erkenntnistheoretisch-methodolo-
gischen Begründung der oppositionellen Lehre? Diese erwiesen sich
bei näherem Hinsehen als unzureichend, um den Kampf gegen den
mächtigen Gegner aufzunehmen. Das zeigte sich in dem Augenblicke,
in dem die Opposition versuchte, den Lehren der Klassiker mit wissen-
schaftlichen Beweisgründen beizukommen, das heißt: ihre „Richtig-
keit“ zu widerlegen.

Vor einem Menschenalter (1895) ist aus der Feder des erzgeschei-
ten Richard Schüller, der jetzt als diplomatischer Unterhändler
seinem österreichischen Staate die wichtigsten Dienste leistet, ein sehr
lustiges Büchlein erschienen, das sich betitelt: „Die klassische National-
        <pb n="155" />
        142
ökonomie und ihre Gegner.‘ Es ist noch heute ebenso lesenswert. wie
zur‘ Zeit seines Erscheinens. Denn die Richtigstellungen, die es an
herrschenden Meinungen vornimmt, sind heute noch ebenso am Platze
wie damals. Der Inhalt der kleinen Schrift ist dieser: Schüller
sucht den Nachweis zu führen, daß die Ansichten, die über die
„klassische“ Nationalökonomie verbreitet sind, im wesentlichen sich
als falsch erweisen. Man wirft dieser teils Lehrmeinungen vor, die sie
nie vertreten hat, teils hat man die Absichten jener Nationalökonomie
gründlich mißverstanden. In der Tat laufen die Versuche der hetero-
doxen Nationalökonomie, die Lehre der Klassiker wissenschaftlich
zu widerlegen auf diese beiden Irrtümer hinaus: man schiebt diesen
siwas unter, was sie gar nicht gemeint haben oder (bezugsweise: und)
mißversteht, was sie behauptet haben. Die Stelle, wo die Orthodoxie
angreifbar ist, hat man dagegen nicht gefunden,

Wenn ich im folgenden, in Anlehnung an die Schüllersche Schrift,
deren Inhalt ich durch eigene Zutaten nicht unwesentlich ausgeweitet
habe, den Versuch mache, den Windmühlenkampf zu schildern, den
lie heterodoxe Nationalökonomie gegen die klassische, sogenannte
„abstrakte“ Lehre geführt hat, so leiten mich dabei nicht sowohl
lehrgeschichtliche als vielmehr methodologische Interessen. Die Auf-
zählung der Fehlurteile in dieser mißlungenen Kritik ist für die rich-
ige Auffassung vom Wesen der Nationalökonomie, der wir uns nun all-
mählich nähern, von grundlegender Wichtigkeit. Ich stelle die sechs
schwerstwiegenden Vorwürfe zusammen, die man gegen die orthodoxe
Schule erhoben hat, und versuche nachzuweisen, daß alle sechs un-
berechtigt waren. Die Kritik, deren Berechtigung ich nachprüfe, geht
schon von den deutschen Romantikern und allen katholisierenden
Schriftstellern aus (jetzt auch wieder von „Neu-Romantikern“, wie
aamentlich Othmar Spann), vor allem aber von den Vertretern der
sogenannten „historischen Schule“, deren Geburtsland ja Deutschland
ist, die sich dann aber auch über andere Länder verbreitet hat.

ı. Vorwurf des Materialismus, des Chrematismus, der
Rechenhaftigkeit. Ihn erhebt schon Adam Müller, wenn er
schreibt1: „Aber ‚diejenigen Wesen, deren Vereinigung zu einem har-
monischen Ganzen wir soeben beschrieben haben, sind aus dem Stand-
1 Adam Müller, Gesammelte Schriften. 1839. S. 52ff. und 66.
        <pb n="156" />
        143

punkt der heutigen Theorien (!), gerade weil diese unempfindlich sind
für den belebenden Hauch von oben, der dem Erdenkloß Leben ein-
geatmet, nichts als Sachen, tote mechanische und chemische Kräfte,
Ziffern, aus denen das Rechenexempel besteht, welches sie Haushalt
nennen. Nach ihnen sind die Bestandteile der Wirtschaft sämtlich
Sachen; die persönlichen und die menschlichen Eigenschaften der
Personen und Dinge taugen in diesen Kram nicht; sie haben es nur
mit der ewigen Sache, nicht mit dem Gesinde und dem Vieh,
sondern mit dessen berechenbarer Arbeitskraft; nicht mit dem hei-
ligen Boden, mit dem himmlischen Segen zu tun, der sich dort mit
der Asche der vorangegangenen Geschlechter und des früheren Lebens
geheimnisvoll mischt, sondern mit der Erzeugungskraft des Humus
und des Düngers... Aus allen diesen rohen, von dem eigentlichen
Leben tot abstrahierten Kräften und Zahlen, bilden sie ein mecha-
nisches Problem, das nach Art der Rechenexempel gelöst wird...
Der Zweck der Wirtschaft nach diesen Theorien (!) ist — aus-
schließlich — der sogenannte reine Ertrag, der Überschuß von ver-
käuflichen Sachen, welchen das Treiben der Maschine zurückläßt,
also von verkauften Sachen, also von der Sache par excellence, also
vom Geld, wonach. denn ‚das ganze fromme und ehrenvolle Amt
des Landhaues zu einem gemeinen und verächtlichen Gewerbe herab-
sinkt.“

„Es ist augenscheinlich, daß aller wahre Wohlstand in dem: Maße
entweichen müsse, als man sich in der Schätzung der Güter aus-
schließlich durch den baren Ertrag und Geldwert bestimmen läßt
und hierdurch zu erkennen gibt, daß man diese Güter nicht für sich,
sondern für den Käufer und sein Geld besitze. Das aber ist das
Wesen der heutigen Wissenschaften (!), der Staatswirtschaft, des
Ackerbaus und der Gewerbe; alle sind, als auf ihren eingestandenen
wesentlichen Zweck, auf verkäufliches Produkt und reinen Ertrag
gerichtet; nach ihnen (!) ist die Bestimmung des Lebens — der
Geldfang, das Streben nach dem Maximum erreichbarer Willkür und
eitlen Genusses,‘“

Das sind sehr schöne und sehr beherzigenswerte Worte, die auf
schwere Schäden der Zeit hinweisen und — gesprochen beim Beginn
der hochkapitalistischen Epoche, 30 Jahre vor dem „kommunisti-
        <pb n="157" />
        144
schen Manifest‘, an das sie erinnern — dem Weitblick ihres
Sprechers alle Ehre machen. Nur — sie sind an die falsche Adresse
gerichtet. Sie werfen der ökonomischen Theorie vor, was der öko-
nomischen Wirklichkeit, nämlich dem Kapitalismus, vorzuwerfen
gewesen wäre. Offenbar ist er es doch gewesen, der das Leben in ein
Rechenexempel aufgelöst hat, nicht die Theorie, die das lediglich fest-
stellt oder für ihre Konstruktionen sich zunutze macht. Den national-
ökonomischen Theoretikern die Schäden schuld geben, die der Kapi-
talismus im Gefolge gehabt hat, heißt doch nichts anderes als den
Bakteriologen dafür verantwortlich machen, daß er in einem Prä-
parate Pestbazillen entdeckt.

Des Materialismus und Chrematismus, der „Krämerhaftigkeit“
zeiht „die Schule“ auch Friedrich List, der es ihr verübelt, daß
sie einen falschen Produktivitätsbegriff habe: produktiv sei nach
Adam Smith nur, wer Schweine aufzieht, unproduktiv dagegen,
wer Menschen aufzieht, das sei empörend, so zu denken. Nein, es
ist nur sehr klug. Daß es sich dabei um zwei Produktivitätsbegriffe
handelt, die beide kein „Werturteil‘““ enthalten, und daß man frei
darüber entscheiden kann, welchen man für die Zwecke der ökono-
mischen Wissenschaft geeigneter-erachtet, habe ich an anderer Stelle
ausgeführt?. Adam Smith würde List ohne weiteres zugegeben
haben, daß Menschenerziehung etwas „Höheres‘“ sei als Schweine-
zucht treiben. Er glaube nur, mit seinem Produktivitätsbegriff in der
Nationalökonomie weiter zu kommen als mit dem anderen, und darum
entscheide er sich für ihn, Also auch hier beruht der Vorwurf des
„Materjalismus“ auf einem Mißverständnis.

2. Vorwurf des Atomismus, des Individualismus. Versteht
man darunter die Ansicht, die nur Individuen und kein Ganzes der
Gesellschaft kennt, oder auch nur: der gemäß sich die wirtschaftliche
Welt aus den Handlungen der einzelnen aufbaut, oder der gemäß
der Teil (das Individuum) früher als das Ganze (die Gesellschaft) sei,
so trifft er vielleicht die Grenznutzler, sicher nicht die Objektivisten,
also nicht die Physiokraten, die englischen Klassiker und die So-
zialisten.
? Siehe meinen Aufsatz über Produktivität im Weltwirtschaftlichen Archiv.
1928,
        <pb n="158" />
        145

Wer kann den Verfasser des Tableau &amp;conomique des Atomismus
oder Individualismus beschuldigen? Wo ist da das „Individuum“? Es
gibt doch nichts als das Ganze des wirtschaftlichen Prozesses. Es wäre
auch ganz undenkbar gewesen, daß in der geistigen Luft des 18. Jahr-
hunderts ein „individualistisches‘‘ System entstanden wäre, Alle Welt
stand ja damals im Banne des Newtonismus, der doch ganz gewiß
aus Ganzheitsdenken (im Sinne der Eingliederung der einzelnen
Erscheinung in ein Gefüge oder Gebilde) erwachsen ist. Der
Gedanke der Gesellschaftlichkeit, der sociabilite, sociability, be-
herrschte die Geister. „Plus on avance dans V&amp;tude de Vordre,
que la Sagesse supreme a donne &amp; YVumivers, et plus on est
force d’admirer la r6ciprocite des rapports qui unissent les diver-
ses parties de cet assemblage immense“, lesen wir bei Du Pont.
Einer der besten Kenner der Physiokraten, Schelle, faßt in
folgenden Worten deren Gedankengänge zusammen: „„l’homme
est pousse par deux ressorts antagonistes en apparence: la socia-
bilit&amp; et linteret personnel, et ... la combinaison de ces deux
ressorts produit des effets harmoniques‘“s, „Man is, by nature,
the membre of a community; and when considered in this capacity,
the individual appears to be no longer made for himself ...
He is only part of a whole.‘ So urteilt ein Mann, der den stärksten
Einfluß auf Adam Smith gehabt hat‘. Und dieser selbst! Die Lehre
von der Arbeitsteilung: Atomismus, Individualismus?! Man erinnere
sich aber auch etwa der Bienenfabel von Mandeville oder der
mysteriösen Volonte generale in Rousseaus „Contrat social‘! Das
ist alles echtester „Universalismus‘“. Der „Individualismus‘“, der das
18. Jahrhundert als Denkkategorie beherrscht haben soll, ist eine
jener überlieferten Fabeln, die durch die Hartnäckigkeit, mit der sie
geglaubt und immer wiederholt wird, nichts an Wahrheitsgehalt ge-
wıinnt.

3 Angeführt bei Jos. Rambaud, ‚Histoire des doctrines €conomiques, 3, &amp;l.
"999. pag. 98.

* Adam Ferguson, On civil Society. Book TI, Sect. IX. Vgl. für die grund-
sätzlich „soziale“ Einstellung des Schrifttums jener Zeit das sehr lehrreiche Buch
von Herm, Huth, Soziale und individualistische Auffassungen im 18, Jahr-
hundert. 1907.

Sombart. Die drei Nationalökonomien
        <pb n="159" />
        146
Ein Theoreliker, der das Verfahren der „orthodoxen‘‘ Rich-
tung sich zu eigen machte und dem man — z. B. Spann
tut es — ebenfalls. gern seinen „Individualismus‘“ vorwirft, ist
Karl Marx. Aber der Grundgedanke seines Systems ist doch der,
daß die Gesellschaft nicht aus einer Summe von Individuen bestehe,
sondern ein Ganzes sei. Seine Grundauffassung ist die: kein sozialer
Vorgang könne anders als durch sein Verhältnis zum Ganzen erklärt
werden. Alle seine Begriffe sind „Funktionsbegriffe‘“ (im Sinne
Spanns). Ein so gründlicher Kenner von Marx, wie G. Lukacz,
rückt denn auch mit Recht den Totalitätsgedanken von Marx in den
Mittelpunkt des Marxschen Denkens: „Nicht die Vorherrschaft der
ökonomischen Motive in der Geschichtserklärung unterscheidet ent-
scheidend den Marxismus von der bürgerlichen Wissenschaft, sondern
der Gesichtspunkt der. Totalität.‘“® Es ist gewiß nicht falsch, wenn
mnan Marx als Integralisten bezeichnet®.

Und die, Funktionalisten oder Relationisten: sind es nicht wahre
Muster von „Ganzheits‘“-Theoretikern?! Es ist keineswegs erstaun-
lich, wenn die Verireter dieser Richtung die „Ganzheitsbetrachtung“
geradezu als das Kennzeichen ihrer Lehre ansehen: „Nul ne peut nier
que seule (!) V’economie mathematique, celle de Pareto surtout,
a’ait considere systematiquement la societe 6conomique
:zomme un ensemble maintenu pas les liens de mutuelle depen-
dance.‘ 7
Die Verwirrung haben hier offenbar der verschwommene Begriff
ler Ganzheit und der noch verschwommenere Begriff des Indi-
‚idualismus angerichtet. Ganzheit bedeutet hier zweierlei: x. Totalität
= soziale Verbundenheit, Einbezogenheit (Gegensatz: Vereinzeltheit,
„Atomismus‘“); 2. Universalität = Vollständigkeit (Gegensatz: Teil-
heit, Unvollständigkeit). Jenen Ganzheitsbegriff, dessen Mangel die
Kritik also zu Unrecht rügte, hatten viele der Orthodoxen, diesen
hatten viele, dank ihrer naturwissenschaftlichen Einstellung, nicht.
„Individualismus“ steht in gar keinem Gegensatz zur Ganzheit 2 =-
Universalität, dagegen steht er einmal im Gegensatz zu Totalismus,
das andere Mal zu Universalismus im üblichen Sinne. Das eine Mal
5.6. Lukaez, Geschichte und Klassenbewegung. 1923. 5. 39.

5 P. Andrei, Das Problem der Methode in der Soziologie. 1927. 5. 9.

76. H. Bousquet, Essai eit. pag. 1590 (Unterstreichungen von mir).
        <pb n="160" />
        147

bedeutet das Wort soviel wie -Einzeltum (dem das Ganztum gegen-
übersteht), das andere Mal soviel wie Nominalismus (dem als Gegen“
satz der Realismus entspricht). Natürlich waren alle „orthodoxen“
Nationalökonomen Nominalisten, Marx eingeschlossen, darum haben
sie aber doch „Ganzheits‘-Systeme (Ganzheit 1) geschaffen.

3. Vorwurf des Absolutismus der Lösungen: die orthodoxe
Nationalökonomie sei „unhistorisch‘“ gewesen, in dem Sinne, daß sie
die Verschiedenheit der Wirtschaftsverfassungen und Entwicklungs-
stufen der Wirtschaft nicht genügend berücksichtigt und infolge-
dessen die historische Beschränktheit der Gültigkeit ihrer Lehren ver-
kannt habe. Dieser „unhistorische‘“ Sinn war es vor allem, den man an
der herrschenden Nationalökonomie auszusetzen hatte, und weil um die
Mitte des x9. Jahrhunderts einige deutsche Professoren behaupteten,
alle bisherige Nationalökonomie sei „unhistorisch‘“ gewesen, sie aber
würden diesen Übelstand beheben und würden das nötige historische
Salz an die Wirtschaftswissenschaft herantun, so nannte man sie die
„historische Schule“ und glaubte an sie.

Wenn wir die Unwahrheit dieser Legende nachweisen wollen, so
müssen wir uns zunächst ins Bewußtsein bringen, daß es „historische“
Vationalökonomen lange vor dem Erscheinen des bekannten Drei-
gestirns gegeben hat. Ich denke an Deutsche wie Justus Möser,
Storch, List, G., F. Krause, dessen 1830 in zwei Bänden er-
schienener „Versuch eines Systems der Staats-Ökonomie aus dem
Gange der Völkerkultur entwickelt“ durchaus nach „geschichtlicher
Methode‘ gearbeitet ist u. a.; ich denke an Sismondi und seine
Etudes d’&amp;conomie politique; ich denke an die Franzosen Buret, Vil-
lerm6, L. Blanc u. a.; ich denke nicht zuletzt an Italiener wie
Franc, Fuoco, Agazzini, Cibrario. Aber diese lehrgeschichtliche
Frage: ob schon vor 1842 „nach historischer Methode‘ National-
5konomie getrieben ist, interessiert mich nicht übermäßig. Es handelt
sich ja dabei höchstens darum, ob Roscher mit Recht als der Be-
gründer einer „neuen Schule‘ angesehen wird oder nicht, und das
ist doch ziemlich gleichgültig. Viel wichtiger ist die andere grund-
sätzliche Frage, ob diese Vertreter der „historischen Schule‘ —— gleich-
gültig wann sie aufgetreten sind — ein neues Forschungsprinzip
verkünden und eine methodisch falsche Auffassung hei der herr-

1Nn*
        <pb n="161" />
        148
schenden Nationalökonomie richtiggestellt haben. Diese Frage ist
aber zu verneinen. Gerade die bedeutendsten orthodoxen Nationalöko-
nomen haben grundsätzlich die historische Betrachtung nicht ab-
gelehnt, wenn sie sie vielleicht auch nicht selbst angewendet haben.
Aber ist denn der „Wealth of Nation‘ nicht ein durch und durch
historisches Werk? Was verlangt man noch mehr an geschichtlichem
Material als es sich bei Malthus findet? Und haben die führenden
Methodologen der orthodoxen Nationalökonomie die Relativität der
Forschungsergebnisse, ihre Gebundenheit an bestimmte geschichtliche
Zustände der Wirtschaft nicht ausdrücklich anerkannt? So lesen wir
bei Mills: „Die deduktive Gesellschaftswissenschaft wird keinen Lehr-
satz aufstellen, der die Wirkung einer Ursache in einer universalen
Weise behauptet, aber (but ist hier besser mit‘ ‚sondern‘‘, statt mit
„aber“ zu übersetzen. W. S.) sie wird uns lehren, den geeigneten Lehr-
satz für die Umstände eines gegebenen Falles herzustellen. Sie wird
nicht die Gesetze der Gesellschaft im allgemeinen, sondern die Mittel
(an die Hand) geben, um die Erscheinungen einer gegebenen Ge-
sellschaft aus den besonderen Elementen der Daten dieser
Gesellschaft zu bestimmen‘. Ja — selbst die Grenznutzler trifft
der Vorwurf, unhistorisch zu sein, nicht. Menger widmet in seinen
„Untersuchungen“ das ganze zweite Buch dem Thema: „Über den
historischen Gesichtspunkt der Forschung in der Politischen Öko-
nomie‘. Er erkennt ausdrücklich an, daß jedenfalls für die reali-
stische Forschung, die „empirische Gesetze‘ suche, die Entwicklung
der wirtschaftlichen Erscheinungen einen „unleugbaren Einfluß“
habe: es ist klar, „daß empirische Gesetze, welche für bestimmte
Stadien der Existenz der bezüglichen Phänomene festgestellt wurden,
nicht notwendig für alle Phasen der Entwicklung ihre Geltung be-
haupten‘“®., Dafür werden Belege aus den — Naturwissensschaften
beigebracht. „Historische“ Betrachtungsweise und naturwissenschaft-
liches Denken schließen sich eben keineswegs aus. Aber selbst für
die „exakte“ Forschung soll der historische Wandel nicht ohne Be-
lang sein: „Die exakten Wissenschaften ignorieren . . . ebensowenig die
Tatsache der Entwicklung der Phänomene als das Postulat einer
8 J. St. Mill, Logik. Book VI. Ch. 9.
9 C. Menger, Untersuchungen usw. S. 107.
        <pb n="162" />
        149
jeden Theorie, dem Wechsel der Erscheinungen, welche sie uns zum
Verständnis bringen soll, in allen Phasen zu folgen. Jede neue Er-
scheinung, welche das Leben hervorbringt, jede‘ neue Entwicklungs-
phase der Phänomene bietet ein neues Problem der exakten Richtung
der theoretischen Forschung... Die Tatsache der Entwicklung...
läßt den formalen Charakter der Ergebnisse der exakten Forschung
unberührt, sie modifiziert und erweitert indessen den Kreis der Ob-
jekte.‘ 10

Daß die klassischen Nationalökonomen, ebensowenig wie es die
Grenznutzler waren, der Problematik der geschichtlichen Natur des
Wirtschaftslebens nicht gewachsen gewesen sind, wissen wir heute
sehr gut, wir wissen auch, warum sie es nicht sein konnten. Die Ver-
treter der „historischen Schule“ wußten weder das eine noch das
andere und waren der Problematik des Historismus selbst nicht ge-
wachsen. Deshalb hatten sie aber auch kein Recht, ihre Gegner des
Mangels an historischem Sinn zu zeihen und ihnen „Absolutheit“
ihrer Lösungen vorzuwerfen.

Die übrigen drei Vorwürfe, die man gegen die orthodoxe National-
ökonomie erhob (und zuweilen noch erhebt) sind untergeordneter und
mehr methodischer Natur. Es sind:

A. Vorwurf der Isolierung der wirtschaftlichen Erschei-
nungen. Namentlich werden wiederum die Begründer der histo-
rischen Schule nicht müde, diesen Vorwurf zu erheben und dagegen
die enge Verbundenheit aller Vorgänge der menschlichen Gesellschaft
mit der Wirtschaft zu betonen. Man soll nie vergessen, meint
Roscher, daß in dem Begriff der Nationalökonomie nicht bloß ein
wirtschaftliches Element sich befindet, sondern ebensowohl die Ele-
mente Volk, Staat usw. „Wir müssen den Leser daran gewöhnen, daß
er bei der geringsten einzelnen Handlung der Volkswirtschaftspflege
immer das Ganze, nicht bloß der Volkswirtschaft, sondern des Volks-
lebens vor Augen habe...‘“11 Diesen Punkt betont mit besonderem
Nachdruck unter Berufung auf Knies, Schüz, Roscher u, a.
immerfort J. Kautz, seinerzeit einer der Herolde der neuen Schule:
1 CC, Menger, a. a. O0. 8. 116/117. |

u W. Roscher, System der Nationalökonomik. r, 45. Vgl. desselben Ab-
handlung „Über die Wissenschaft der Nationalökonomie und die notwendige Reform
derselben‘ in der Deutschen Vierteljahrsschrift 1849, Heft ı.
        <pb n="163" />
        150
Es darf die wirtschaftliche Erscheinung nicht in ihrer V ereinzelung
erfaßt, sondern sie muß stets im Zusammenhange mit dem gesamten
Volksleben betrachtet werden. Die Nationalökonomie darf sich der
Wahrheit nicht verschließen, daß es sich „nicht um eiwas durchaus
Isoliertes, in sich Abgeschlossenes, sondern stets und überall um ein
und dasselbe Ganze, um ein und dieselbe innerlich zusammen-
hängende, einheitliche Lebenstotalität des Volkes, seine Bedürf-
nisse, Strebungen und Erfolge handelt.“ 12

Ich frage nur: welcher zurechnungsfähige Klassiker oder selbst
Grenznutzler hat an der Richtigkeit dieser Sätze je gezweifelt? Es
handelt sich um Gemeinplätze, die mit einem großen Pathos als
tiefe Wahrheiten verkündet werden. Zum Überflusse führe ich noch
einen Satz von Mill an, in dem er sich ausdrücklich zu der obigen
Weisheit bekennt!:: „Bei den Details der politischen Ökonomie sind
allgemeine Ansichten in betreff der bürgerlichen Gesellschaft und
der Politik nicht am Platze; aber bei mehr umfassenden Unter-
suchungen ist es unmöglich, dieselben auszuschließen, weil die ver-
schiedenen wichtigen Gebiete des menschlichen Lebens sich nicht
jedes für sich besonders entwickeln, sondern ein jedes von allen
übrigen abhängig ist oder durch diese durchgreifend modifiziert
wird. Um über die materielle Lage der Arbeiterklassen... einiges
Licht zu verbreiten, müssen wir dieselbe nicht getrennt, sondern in
Verbindung mit anderen Seiten ihrer Lage in Betracht ziehen.“

Eine andere Frage ist es, wie weit man aus methodischen Gründen
die wirtschaftlichen Erscheinungen bei wissenschaftlichen Unter-
suchungen isolieren soll, um dem Versinken in einen Brei Soge-
nannter All-Beziehungen vorzubeugen. Daß die orthodoxe National-
Ökonomie hier im großen ganzen richtiger verfahren ist als die
meisten Vertreter der „historischen Schule“, ist für mich nicht
zweifelhaft. Im übrigen verweise ich den Leser auf die folgenden
Kapitel.

5. Vorwurf der statischen Betrachtungsweise, Diesen Vor-
wurf erhebt z. B. F. List mit großem Nachdruck gegen die Schule“.
era
1? J. J. Kautz, Die Nationalökonomik als Wissenschaft. 1857. S. 320,
18 J. St. Mill, Grundsätze der politischen Ökonomie; deutsch von Ad.
S5oetbeer, 2, 230f.
        <pb n="164" />
        151
Vor allem tadelt. er an ihr, daß sie einen falschen Reichtumsbegriff
zum Mittelpunkt ihrer Erörterungen mache und die „Theorie der
produktiven Kräfte‘‘ vernachlässigt habe. Der Vorwurf trifft im
wesentlichen zu. Es handelt sich aber bei dem Streit ganz und gar
nicht um irgendeine grundsätzliche Unterschiedlichkeit der beiden
Forschungsmethoden, sondern ausschließlich um die Frage der An-
wendung der richtigen „Arbeitsideen‘. In Wahrheit sind beide Be-
trachtungsweisen völlig gleich berechtigt: nicht entweder statisch oder
dynamisch, sondern sowohl statisch als auch dynamisch sollen wir
das Wirtschaftsleben ansehen. Mill selber hat ja ausdrücklich die
statische und die dynamische Fragestellung nebeneinander zur An-
wendung empfohlen.

6. Vorwurf der Unzulänglichkeit des Erfahrungsstoffes,
aus dem die Regeln und Gesetze abzuleiten seien. Das war nach der
Meinung Schmollers der wundeste Punkt in der orthodoxen
Nationalökonomie, auf den er deshalb mit Vorliebe den Finger legte.
Er hat seinen Gegnern immer wieder voreilige Verallgemeinerungen
vorgeworfen. Gewiß — ihr Vorsatz: Gesetze zu finden, sei gut. Aber
noch sei nicht Zeit, diese Gesetze zu formen. Noch müsse Material
herbeigeschafft werden. Menger fragte nicht ganz mit Unrecht: wann
denn die historische Schule, die sich mittlerweile zur „neuen“ histo-
rischen Schule weiterentwickelt hatte, mit dieser Materialsammlung
fertig zu werden hoffe. Ob die Erforschung der Schuhmacherzunft
in Dinkelsbühl auch unbedingt nötig sei? Und die der Schneider-
zunft ebenda? Und auch die der beiden Zünfte in Bomst usw.

Aber gerade in der Erhebung dieses Einwandes enthüllt sich die
erkenntnistheoretische Schwäche der gesamten oppositionellen
Nationalökonomie. Diese läßt nämlich damit erkennen, daß sie gar
nicht weiß, worin die angegriffene Lehre grundsätzlich irrte, und
worin sie wirklich einer urgründlichen Umgestaltung bedürftig war:
das war nämlich ihre naturwissenschaftliche Gesamteinstellung. Und
diese teilten ja alle oppositionellen Nationalökonomen,
teilten wenigstens alle namhaften Vertreter der historischen Schule:
von Roscher bis Schmoller. Sie alle sind darin einig, daß es die
Aufgabe der Nationalökonomie sei, durch die Beobachtung eines
möglichst reichen Erfahrungsstoffes zur Aufstellung von Gesetzen zu
        <pb n="165" />
        152
gelangen. Meinungsverschiedenheiten bestanden nur bezüglich der Art
der Forschung, die zu den Gesetzen führte, bezüglich des Umfanges
des nötigen Materials, der Quellen seiner Beschaffung usw. Aber
Einigkeit herrschte auf der ganzen Linie über den Sinn der For-
schung.

So kennzeichnet Roscher das Wesen seiner „geschichtlichen Me-
thode‘“ dahin!t, daß er bestrebt sein werde, „das Gleichartige in den
verschiedenen Volksentwicklungen als Entwicklungsgesetz zusammen-
zustellen‘, „aus der großen Masse der Erscheinungen das Wesent-
liche, das Gesetzmäßige herauszufinden, zu welchem Zwecke alle
Völker, deren man wird habhaft werden können, in wirtschaftlicher
Hinsicht miteinander zu vergleichen seien.‘“ Es ist die besondere Note
Roschers, daß sich bei ihm mit dem Begriff einer naturwissen-
schaftlichen Gesetzlichkeit der einer metaphysischen Gesetzmäßig-
keit mischt, die er für den wirtschaftlichen Gesamtprozeß in An-
spruch nimmt: das „Gesetz der großen Zahl“ läßt seiner Meinung
nach erkennen, wie die scheinbare Willkür der konkreten Einzelfälle
sich, sobaldı man auf das Ganze des ‘Zusammenhangs sehe, in
‚wunderbarer Harmonie‘ ausgleiche1.

So macht sich J. Kautz, der sich vor allem auf K. Knies stützt,
das Wort Alexander von Humboldts zu eigen: „Das letzte Ziel
menschlicher Forschung in den Erfahrungswissenschaften ist die
Auffindung von Gesetzen.‘ Und derselbe „historische‘‘ National-
5konom zitiert mit lebhafter Zustimmung die Äußerung eines „der
geistvollsten und gründlichsten Forscher unserer Gegenwart“
‘J. Bunsen): „Wenn den Astronomen die Beobachtung eines Teiles
der Planetenbahn in den Stand setzt, die ganze Krümmung seines
Kreislaufes zu zeichnen: sollten nicht so viel Jahrtausende der
geistigen Entwicklung mit ihren großen, urkundlich erkennbaren. Er-
scheinungen, mit ihrem nachweisbar-ursächlichen Zusammenhange
ıns befähigen, die Gesetze der Menschenbahn zu erkennen?“ 16 (1)
nk &gt; ————
MM W, Roscher, Grundriß zu Vorlesungen über die Staatswirtschaft nach ge-
schichtlicher Methode. 1843. Seite IV, nn

15 Vgl. Max Weber, Roscher und Knies usw. in Schmollers Jahrbuch.
Band 27, S. 1188£., 1162. . .

1 J. Kautz, Die Nationalökonomik als Wissenschaft. 1857. S. 309.
        <pb n="166" />
        153
(Hier verunreinigen wieder metaphysische Zutaten den reinen Natur-
zesetzbegriff.)

Auf naturwissenschaftlichem Standpunkt ist aber auch Gustav
Schmoller sein ganzes Leben hindurch verharrt. Nach ihm ist das
Merkmal der wissenschaftlichen Vollendung und Exaktheit die Be-
schreibung der Erscheinungen „nach allen wesentlichen Merkmalen,
Veränderungen, Ursachen und Folgen: Die vollendete Beschreibung
setzt aber eine vollendete Klassifikation der Erscheinungen, cine voll-
endete Begriffsbildung, eine richtige Einreihung des einzelnen unter
die beobachteten Typen, eine völlige Übersicht über die möglichen
Ursachen voraus‘1?, Und: „Die Wissenschaft hat das Bedürfnis, von
der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen zurückzugehen auf immer
Einfacheres, sie will zuletzt absolut einfache Ausgangspunkte, und
hätte sie diese als wirkliche Erkenntnis, so könnte sie von hier aus
das ganze Dasein wissenschaftlich ableiten (!}) Aber so weit sind
wir noch nicht‘ 1 (von mir gesperrt). Deutlicher und schöner kann
die Forschungsweise der ordnenden Nationalökonomie nicht dargelegt
werden, als es in diesen Sätzen geschieht. Wir dürfen auch nicht
vergessen, daß Schmoller von Herbart herkam, und daß Herbert
Spencer sein bevorzugter Philosoph und Soziologe war.

Also es bleibt dabei: oberster Zweck der Nationalökonomie ist die
Auffindung von Gesetzen, das heißt die Feststellung von Regelmäßig-
keiten des Ablaufs in möglichst allgemeiner Form. Es änderte nichts
grundsätzlich an diesem Gesetzesbegriff, wenn man jetzt mit Vorliebe
„Entwicklungsgesetze‘“ suchte, das heißt „Gesetze der Entwicklung
und Bewegung und nicht Gesetze, welche stationäre Zustände zu ihrer
notwendigen Voraussetzung haben‘“1°: die angegriffene National-
ökonomie hatte unzählige solcher Entwicklungsgesetze aufgestellt:
für die Bevölkerungsbewegung, für das Sinken des Zinsfußes, für
die Verschlechterung der Währung bei unterwertiger Ausprägung
eines Metalls u. a. Es änderte auch nichts, wenn man die „relative“
Gültigkeit der Gesetze betonte und nicht „allgemeingültige, absolute
27 G. Schmoller, Zur Literaturgeschichte der Staats- und Sozialwissenschaften.
888. S. 278.

18 G, Schmoller, a. a. 0. 5. 38.

8 J, Kautz. a. a. OO. S. 370/380.
        <pb n="167" />
        154
und konstante Naturgesetze‘“ aufstellen wollte, sondern Gesetze, „die
als Ergebnis auch freier geistiger Elemente und als Wirkung
auch konkreter geschichtlicher und nationaler Konjunkturen, als
Funktion abhängig auch von einem vielfach veränderlichen, immer
und überall auch in besonderer Gestaltung hervortretenden Faktor
des Menschen ‚betrachtet werden müssen‘“2: diese Unterscheidung
zwischen sozialen (ökonomischen) und Naturgesetzen hatten — in
weniger schwülstiger Form — die feindlichen Brüder im anderen
Lager längst auch schon gemacht: Mill vor allem oder, um einen
sehr kompromittierten Manchestermann noch anzuführen: Mc Cul-
loch, wenn er sagte: „Es gibt einen wesentlichen Unterschied
zwischen den physischen und den moralisch-politischen Wissen-
schaften. Die Sätze der ersteren sind auf jeden Fall anwendbar,
indessen die letzteren nur auf die Mehrheit der Fälle in Anwendung
gebracht werden können.‘“21

Die Nationalökonomen stellten also bis zum Ende des 19. Jahr-
hunderts eine einheitliche, naturwissenschaftliche Front dar: Von
Quesnay bis Roscher, von Ricardo bis Schmoller. Es war das-
selbe Garn, das sie spannen, nur in verschiedenen Nummern. Als
nun ein „Methodenstreit‘“ ausbrach oder richtiger: der jahrzehnte-
lang geführte Streit zwischen den beiden Heerlagern in einen Zwei-
kampf zwischen den Anführern endigte, konnte es nicht ausbleiben,
da es sich um die erkenntnistheoretisch-methodologische Begründung
desselben Standpunktes handelte, daß derjenige obsiegte, der über
die schärferen Waffen der Logik verfügte. Es kann für den rück-
blickenden, unparteiischen Beurteiler, bei aller Sympathie mit dem
unterliegenden. Teil, nicht zweifelhaft sein, daß in dem Zweikampf
Menger — Schmoller Menger der Sieger geblieben ist. Und das:
troizdem Schmoller mit seiner Ablehnung der Mengerschen Me-
ihode recht hatte. Aber er konnte es nicht beweisen. Trotzdem er für
die bessere Sache focht. Aber er wußte nicht, welche das war. Er
sah den Punkt nicht, von dem aus er die Front der Gegner hätte auf-
rollen können.

20 J. Kautz, a. a. O0.
2 Mc Culloch, Principles, deulsch von Weber. S, 12,
        <pb n="168" />
        155
Das ist auch das Urteil eines Mannes, der der „historischen“
Schule alle seine Sympathie entgegenbrachte, der in persönlicher
Freundschaft mit Schmoller verbunden. war: Wilhelm Diltheys:
Dieser äußert sich über den Ausgang des Geisteskampfes, der in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts’ entbrannt war, wie folgt??:

„Ihrem Studium und ihrer Verwertung der geschichtlichen Er-
scheinungen fehlte... eine philosophische Grundlegung... So ver-
blieb es, als nun Comte, St. Mill, Buckle von neuem das Rätsel
der geschichtlichen Welt durch‘ Übertragung naturwissenschaftlicher
Prinzipien und Methoden zu lösen versuchten, bei dem unwirksamen
Protest einer lebendigeren und tieferen Anschauung, die sich weder zu
entwickeln noch zu begründen vermochte, gegen eine dürftige und
niedere, die aber der Analyse Herr war... Und in solcher Unsicher-
heit über die Grundlagen der Geisteswissenschaft zogen sich die
Kinzelforscher bald auf bloße Deskription zurück...“

Und der noch klügere Freund schaute den Dingen noch tiefer auf
den Grund als er schrieb?:a: „Die sogenannte historische Schule halte
ich für eine bloße Nebenströmung innerhalb desselben Flußbettes
(sc. der naturwissenschaftlichen Denkweise), und nur ein Glied eines
(und desselben. W. S.) alten durchgehenden Gegensatzes repräsen-
tierend. Der Name hat etwas Täuschendes. Jene Schule war gar keine
historische, sondern eine antiquarische“ usw.
2. Hilfe aus fremden Lagern

Der Kampf um eine höhere Form unserer Wissenschaft, als sie
die ordnende Nationalökonomie darstellt, wäre verloren gewesen,
wenn nicht starke Truppenkörper aus fremden Lagern der kämpfen-
den Schar der heterodoxen Nationalökonomen zu Hilfe gekommen
wären. Unbildlich gesprochen: die geistwissenschaftliche National-
Ökonomie verdankt ihre Entstehung nicht jenen Nationalökonomen,
von “denen ich im vorigen Unterabschnitt gesprochen habe, so sehr
der von ihnen verbreitete Geist auch ihrer Entwicklung fördersam
zewesen' sein mag, sondern Männern anderer Wissenschaften.
22 W, Dilthey, Einleitung in die Geisteswissenschaften. 2. Aufl. S. XYI.
22a Graf Paul York v. Wartenberg in seinem Priefwechsel mit Dilthey
1923, S, 68/69, Vıl. auch S. 54.
        <pb n="169" />
        156
Als den Vater der modernen Geistwissenschaften und einer beson-
deren geistwissenschaftlichen Erkenntnisweise, bin ich geneigt,
Giambattista Vico anzusehen. Er ist, soweit ich blicke, der erste
in der neuen Zeit, der mit Bewußtsein die geschichtlichen Wissen-
schaften den Naturwissenschaften gegenüberstellt und für jene eine
andere als die herrschende Erkenntnisweise fordert. Das aber war die
von Descartes erstmalig begründete naturwissenschaftlich-mathe-
matische. Und gegen die Alleinherrschaft des Descartes und seiner
Methode richten sich die wissenschaftlichen Angriffe Vicos. Sie finden
sich nicht sowohl in seinem Hauptwerk als in einigen kleineren Streit-
schriften von ganz ungewöhnlichem Interesse. In Betracht kommen
namentlich folgende Arbeiten: De nostri temporis studiorum ratione,
1709; und die Riposta all’articolo del Tomo VIII del Giornale de’Let-
terati d’Italia, 11712 (eine Antikritik einer Kritik seines Werkes De
antiquissima Italorum sapientia etc., 1711). Es heißt z. B. in der
erstgenannten Schrift:

„Sed illud incommodum nostrae rationis maximum est, quod cum
naturalibus doctrinis impensissime studeamus, moralem non tanti
[acımus et eam potissimum partem, quae de humani animi ingenio,
elusque passionibus ad vitam civilem et ad eloquentiam accomodate,
de propriis virtutum ac viciorum notis, de bonis malisque artibus,
de morum characteribus pro culusque aetate, sexu, conditione, for-
tuna, gente, republica et de illa decori arte omnium difficiliora
disserit atque adeo amplissima, praestantissimaque de Republica
doctrina nobis deserta ferme et inculta jacet. Quia unus hodie stu-
diorum finis veritas: vestigamus naturam rerum quia certa videtur;
hominum naturam ‚non vestigamus, quia est ab arbitrio incertis-
ma...‘ De nostri temporis studiorum ratione. 1709. p. 45/46.

Und in der zweiten der genannten Schriften lesen wir die für jene
Zeit unerhört kühnen und ketzerischen Sätze:

„Il metodo va variando e multiplicandosi secondo la diversitä e
multiplicazioni delle materie proposte. Regna nelle cause il metodo
oratorio, nelle favole il poetico, nelle historie l’historica .. . tutte
altre materie, fuoriche noveri e misme, sono affatto incapaci di
metodo geometrico . . .‘“ Riposta etc. p. 79/81.

Aber Vico blieb ein Rufer in der Wüste. Es sollte fast zwei Tahr-
        <pb n="170" />
        157

hunderte dauern, ehe dieselben Gedanken wieder ausgesprochen
wurden. Vico fällt deshalb aus dem Rahmen der Geschichte der Geist-
wissenschaften heraus. Wenn wir von ihm absehen — und das müssen
wir —, so können wir in der Herausbildung einer geistwissenschaft-
lichen Methode, die sich dann die Nationalökonomie zunutze macht.
drei Perioden unterscheiden: die naive, die kritische und die auf-
bauende.
1. In der naiven Periode entwickeln— ohne jedes Bewußtsein eines
Methodenzwiespalts und überhaupt ohne ein erkenntnistheoretisches
Bewußtsein — Männer verschiedener Geistwissenschaften, einge-
nommen von den Problemen ihres ‚Faches‘, die geistwissen-
schaftliche Methode, die im wesentlichen, wie später zu zeigen sein
wird, auf dem Verstehen sich aufbaut. Wollen wir "also bis zu den
Quellen der geistwissenschaftlichen Betrachtungsweise ansteigen, so
müssen wir die Geschichte der Erkenntnisform des „Ver-
stehens‘“ verfolgen. Hier ist selbstverständlich nicht der Ort, derartige
historische Untersuchungen anzustellen. Und ich kann um so leich-
teren Herzens darauf verzichten, als wir jetzt, wenigstens für die
ältere Zeit, eine gründliche Darstellung des Entwicklungsganges be-
sitzen, den die Hermeneutik, das ist eben die Lehre vom Verstehen,
genommen. hat?3.

Ich erinnere nur mit ganz wenigen Worten an die wichtigsten Staf-
feln in der Entwicklung dieses Erkenntniszweiges.

Die Hermeneutik ist seit Renaissance und Reformation von der
Theologie und Jurisprudenz — ich möchte sagen als eine Technik —
gehandhabt worden. Sie erhielt dann eine vertiefte Bedeutung, als am
Ende des 18. Jahrhunderts Männer wie Herder das Verstehen-Wissen
auf die weiten Gebiete der Sagen- und Sprachenforschung auszudehnen
begannen und mit Hilfe des verstehenden Verfahrens ganze Kulturen
in ihrem Wesen zu erschließen sich unterfingen. Es waren dann be-
greiflicherweise vor allem die Altphilologen, die sich dieser Erkennt-
nisart für ihre Zwecke bemächtigten: Namen wie Friedrich Ast,
Friedr. Aug. Wolf, Wilh. Boekh sind als die Begründer dieses
23 Joach. Wach, Das Verstehen. Grundzüge einer Geschichte der hermeneuti-
schen Theorien im 19. ‘Jahrhundert. Bd. I. 1926, Dieser Band reicht bis Wilhelm
vv. Humboldt.
        <pb n="171" />
        158
neuen ‚Wissenszweiges der verstehenden Sprach- und Kulturwissen-
schaft zu nennen, die ihre erste Vollendung in den Werken von
Schleiermacher und Wilhelm von. Humboldt, diesem „Bacon
der Geisteswissenschaften‘, wie man ihn genannt hat, erleben.

Dann, im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts, gerät das Ver-
stehen-Wissen in Vergessenheit: die naturwissenschaftliche Denkweise
greift auf alle Geistwissenschaften hinüber. Schließlich versucht sie
sogar die Geschichte selbst zu umspannen und führt zu Gewalt-
ätigkeiten, wie sie etwa in Buckles Geschichte der Zivilisation sich
iußerten.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts treten wir ein in

2. die kritische Periode, in der ein bewußter Gegensatz zwischen
Natur- und Geistwissenschaften herausgearbeitet wird: Vicos Geist
lebt endlich wieder auf.

Wohl der erste, der den Kampf gegen das zur Alleinherrschaft ge-
langte naturwissenschaftliche Denken aufnahm, war ein Historiker:
J. G. Droysen. Es geschah in der Gestalt einer Warnung vor der
Vermessenheit, deren die naturwissenschaftlichen Bearbeiter kultur-
wissenschaftlicher Probleme sich schuldig zu machen anfingen. Sie
wendete sich gegen den Vermessensten: Thomas Buckle, dessen
eben erschienenes Wunderwerk Droysen in der „Historischen Zeit-
schrift‘ 1862 zur Anzeige brachte. Die hier angedeuteten Gedanken
hat der Rezensent dann in seiner „Historik“ weiter ausgeführt und
begründet. In der Besprechung Buckles heißt es schon: „Wenn
°s eine Wissenschaft der Geschichte geben soll, (muß) diese ihre
eigene Erkenntnisart, ihren eigenen Erkenntnisbereich haben...
Glücklicherweise gibt es zwischen Himmel und Erde Dinge, die sich
zur Deduktion ebenso irrational verhalten wie zur Induktion, die
mit der Induktion und dem analytischen Verfahren zugleich die
Deduktion und die Synthese fordern, um in der alternativen Be-
‘ätigung beider nicht ganz, aber mehr und mehr, nicht vollständig,
aber annähernd und in gewisser Weise erfaßt zu werden, die nicht
entwickelt, nicht erklärt, sondern verstanden werden wollen.“
„In diesem Bereiche der sittlichen Welt ist alles von der kleinsten
Liebesgeschichte bis zu den großen Staatsaktionen, von der einsamen
Geistesarbeit des Dichters oder Denkers bis zu den unermeßlichen
        <pb n="172" />
        159
Kombinationen des Welthandels oder dem prüfungsreichen Ringen
des Pauperismus unserem Verständnis zugänglich; und was da ist,
verstehen wir, indem wir es als ein Gewordenes fassen.‘ Und
an einer anderen Stelle: „Unsere Wissenschaft wird sich den sie
angehenden Kreis von Begriffen auf ihre, das heißt empirische Weise
zu suchen haben. Sie wird es versuchen dürfen, da ihre Methode
wesentlich die des Verstehens ist.‘ 2

Dann treten auf den Kampfplatz eine Reihe von Philosophen,
die selbständig den Gegensatz zwischen Naturerkennen und Kultur-
arkennen herausarbeiten, ohne, soviel ich weiß, sich zu erinnern, daß
las Problem von Schopenhauer bereits gestellt und, möchte ich
sagen, abschließend gelöst war?. Die Namen; die hier vornehmlich
zu nennen sind, sind: ‚Wilhelm Dilthey, dessen bahnbrechende
„Einleitung in die Geisteswissenschaften‘“ — ein seltsames Zu-
sammentreffen! — in demselben Jahre erschienen ist, in dem das
bedeutendste, methodologische Werk über die naturwissenschaftliche
Nationalökonomie, Carl Mengers schon oft erwähnten ‚„Unter-
suchungen‘, veröffentlicht wurde; ferner Windelband?, Heinrich
Rickert?”, Georg Simmel.

Zu diesen Philosophen gesellte sich als Wiederentdecker der
geistwissenschaftlichen Methode ein bedeutender Jurist: Rudolf
Stammler?.

Da ich in einem anderen Zusammenhange mich mit den Auf-
fassungen dieser Männer noch werde auseinanderzusetizen haben, so
unterlasse ich es, an dieser Stelle ihre Gedankengänge zu verfolgen.

Endlich — im 20. Jahrhundert — beginnt
2% J. G. Droysen, Erhebung der Geschichte zum Rang einer Wissenschaft
‘Besprechung Buckles in der „Historischen Zeitschrift‘ 1862), wieder abgedruckt
in. „Historik.‘“ x925. S. 56/57; derselbe. Natur und Geschichte. Wieder ah-
zedruckt a. a. O. 5. 66/67.

% A, Schopenhauer, Von der vierfachen Wurzel des zureichenden Grundes.
2, Aufl. 2847.

2% W. Windelband, Geschichte und Naturwissenschaft. 1894.

27 H, Rickert, Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung,
Zuerst 1902.

2 Georg Simmel, Erkenninisprobleme der Geschichtswissenschaft; der-
selbe, Grundfragen der Soziologie. 1917.

29 R. Stammler., Wirtschaft und Recht. Zuerst 1896. 5. Aufl. 1924.
        <pb n="173" />
        160

3. die aufbauende Periode der geistwissenschaftlichen Erkennt-
nisweise.

Unter den Philosophen, die sich an diesem Werke beteiligten, sind
vor allem zu nennen: Heinrich Maier®, Theodor Litt%, Hans
Freyer®, Erich Rothacker®, Max Scheler, E. Becher% und
vor allem Eduard Spranger ®%.

An dem Aufbau einer geistwissenschaftlichen Nationalökonomie
wirkte nun aber auch mit — es war höchste Zeit — eine Reihe be-
deutender Nationalökonomen, unter denen Friedrich. von Gottl®,
Othmar Spann® (soweit er nicht Metaphysik treibt) und Max
Webers hervorragen. Ich selber habe den Gegensatz zwischen
naturwissenschaftlicher und geistwissenschaftlicher Nationalökonomie
zuerst entwickelt in meiner Arbeit: „Das Lebenswerk von Karl Marx“.
1907.

Seit einiger Zeit ist das Schrifttum über die geistwissenschaftliche
Nationalökonomie in Deutschland beträchtlich angewachsen. Es ist
50H. Maier, Das geschichtliche Erkennen. 1914. Vgl. auch desselben
größere Werke: Psychologie des emotionalen Denkens. 1908; Wahrheit und Wirk-
lichkeit. Band I. 1927.

31 Th. Litt, Individuum und Gesellschaft. 2. Aufl, 1926 (mit einer methodo-
logischen Einleitung); derselbe, Erkenntnis und Leben. 1923,

3 H..Freyer, Theorie des objektiven Geistes, 1923.

3 E, Rothacker, Logik und Systematik der Geisteswissenschaften im „Hand-
buch der Philosophie‘, herausgegeben von A. Baeumler und M. Schröter
Abt. II. Auch selbständig erschienen 1927.

34 E, Becher, Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften. 1921.

3% E, Spranger, Zur Theorie des Verstehens usw, in der Festschrift J. Volkelt
dargebracht. 1918; derselbe, Referat auf dem internationalen Psychologen-
kongreß in Groningen. 1925; derselbe, Die Frage nach der Einheit der Psycho-
logie in den Sitzungsberichten der preußischen Akademie der Wissenschaften.
Band XLIV, 1926. Vgl. auch des Verfassers größere Werke: Lebensformen.
Zuerst 1914. Psychologie des Jugendalters. Zuerst 1924.

$6 Die erkenntnistheoretischen und methodologischen Schriften Fr. v. Gottls
sind jetzt vereinigt dn dem Sammelbande: Die Wirtschaft als Leben. 1927.

37 Siehe die verschiedenen, mehrfach genannten Werke O. Spanns und vgl.
seine „Gesellschaftsphilosophie‘“ in dem oben genannten Handbuch der Philosophie.
Abt. IV. Auch selbständig erschienen 1928.

% Max Webers hier vornehmlich in Betracht kommenden Schriften sind
jetzt ebenfalls gesammelt in dem Bande: Ges. Aufsätze zur Wissenschaftstheorie.
Vgl. auch desselben großes Werk: Staat und Wirtschaft im „Grundriß der
Sozialökonomik‘“. Ba. 1.
        <pb n="174" />
        161
eine große Masse Dissertationen und Habilitationsschriften zu diesem
Thema erschienen, unter denen erstaunlicherweise sogar einige gute
sınd. Ich nenne aus der schon schwer zu übersehenden Literatur die
Schriften von Back®, Volkenborn®, Pfister*, Hecht®, Jecht#,
ohne irgendwie Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

In den Vereinigten Staaten ist es eine Reihe von Soziologen, die
sich um die Herausarbeitung einer Verstehenstheorie verdient ge-
macht haben. Ich erinnere an Cooley, Faris, Ellwood, Bald-
win u. a.%, Andere Länder kümmern sich um das Kernproblem
unserer Wissenschaft. soviel ich sehe, bisher überhaupt nicht.
3. Abwege

Nicht alle die genannten Theoretiker, denen die im Entstehen be-
oriffene geistwissenschaftliche Nationalökonomie Förderung ver-
dankt, sind an das Ziel gelangt: diese Wissenschaft wie überhaupt
eine Geistwissenschaft in methodisch einwandfreier Weise zu be-
gründen. Viele sind vor der Erreichung des Zieles in die Irre ge-
gangen. Sie haben Grundsätze in ihre Lehre aufgenommen, die ge-
eignet waren, Verwirrung anzurichten und den Aufbau der Geist-
wissenschaften auf sicherer Grundlage zu vereiteln. Diese haben sich
stark erwiesen in der Kritik der unberechtigten Übergriffe des natur-
wissenschaftlichen Denkens auf das Gebiet der Kulturwissenschaft,
aber sie versagten, wo es darauf ankam, die Richtschnur für die
geistwissenschaftliche Forschung vorzuzeichnen.

Vor allem drei irrtümliche Betrachtungsweisen habe ich im
\uge, die uns bei dem Aufbau einer Geistwissenschaft, wie der Na-

39 Jos. Back, Der Streit um die nationalökonomische Wertlehre, mit besonderer
Berücksichtigung Gottls. 1926; derselbe, Nationalökonomie und phänomeno-
ogische Philosophie in den Jahrbüchern für Nationalökonomik. 1927; derselbe,
Die Entwicklung der reinen Ökonomie zur nationalökonomischen Wesenswissen-
schaft. 1929.

40 Karl Volkenborn, Die theoretische Nationalökonomie als Geisteswissen-
schaft. Berl. Diss. 1928.

4 Bernh. Pfister, Die Entwicklung zum Idealtypus. 1928.

#2 Hans Hecht, Nationalökonomie als Geisteswissenschaft. 1928.

42a Horst Jecht, Wesen und Formen der Finanzwirtschaft. 1928,

% Siehe die Beschreibung ihrer Lehren bei A, Walther, Soziologie und Sozial-
vissenschaft in Amerika. 1927. S. 31£.

Sombart. Die drei Nationalökonomien
        <pb n="175" />
        162
tionalökonomie, im Wege sind. Ich will sie als Psychologismus, als
Historismus oder Irrationalismus und als Teleologismus bezeichnen
und im folgenden kurz darstellen und ihre Irrtümlichkeit zu erweisen
versuchen. Damit räume ich einige Hindernisse aus dem Wege, die
den Zugang zu der Theorie einer geistwissenschaftlichen National-
ökonomie verbauen.

—Au-Der Psychologismus ist ein altes Erbstück der National-
5konomie. Lange Zeit hindurch hat es als eine Art von Dogma ge-
volten, an dessen Richtigkeit zu zweifeln niemand eingefallen ist:
daß die Psychologie die „Grundwissenschaft‘“ wie aller Geistwissen-
schaften, so auch der Nationalökonomie sei, daß man diese auf der
Psychologie aufbauen müsse, ja daß sie gar nichts anderes sei als
„angewandte Psychologie‘. Mit dem naturwissenschaftlichen Denken
vertrug sich diese Auffassung sehr gut. Hatte man doch die Psycho-
logie selbst zu einer Naturwissenschaft gemacht, und J. St. Mill,
der Verkünder der Assoziationspsychologie, ist wohl der geistige
Stammvater der Reihe psychologistisch eingestellter National-
ökonomien, denen wir in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
in allen Lagern begegnen: bei den Orthodoxen ebenso wie bei den
Heterodoxen.

Carl Menger nennt“ unsere Wissenschaft „einen noch nicht aus-
gebauten Zweig der Psychologie“; Pareto meint‘ (obwohl es gar
nicht in sein System paßt): „Fondamento dell’ Economia politica &amp;
evidentemente la psicologia‘“; Emil Sax, seiner Zeit ein gern ge-
hörter Wortführer der Grenznutzler, verkündet‘: „Die Erklärung
der Seelenvorgänge, welche infolge der ökonomischen Grundverhält-
nisse im Menschen sich abspielen: das ist der Inhalt der national-
ökonomischen Theorie (!). Sie ist in diesem Sinne angewandte
Psychologie.‘ F. Oppenheimer erklärt*': „Die Soziologie ist nichts
anderes als Sozialpsychologie, und so ist denn auch die soziale
Wissenschaft von der menschlichen Wirtschaft der Psychologie
untertan, von ihr empfängt sie ihre höchsten Gesetze.‘
* C. Menger, Grundsätze. S. 94.

4 V. Pareto, Manuale. pag. 35.

46 Emil Sax, Die neuesten Fortschritte der nationalökonomischen Theorie.
‚889. 5. 9. 47 F, Oppenheimer, Theorie. S. 18.
        <pb n="176" />
        163
Aber auch die Vertreter der „historischen“ Schule und was ihr
nahestand, waren derselben Meinung: Schmoller so gut wie Adolph
Wagner haben immer wieder als die „Grundwissenschaft‘“ der
Nationalökonomie die Psychologie bezeichnet.

Der Psychologismus war geradezu die Mode des Tages. Auch
andere Kulturwissenschaften verfielen ihm. Ich erinnere an die
Sprachwissenschaft, deren hervorragender Vertreter, H. Paul, mit
seinen Lehren einen großen Einfluß ausgeübt hat. „Das psycho-
logische Element‘, so meinte er, „ist der wesentliche Faktor in
aller Kulturbewegung, um den ‚sich alles dreht, und die Psychologie
ist daher die vornehmste Basis aller in einem höheren Sinne gefaßten
Kulturwissenschaft.“

Für die Begründung des psychologistischen Standpunkts sorgten
die führenden Philosophen der Zeit, Wundt an der Spitze, dessen
Ansichten wir schon kennengelernt haben. Aber auch Sigwart ver-
mochte nicht, sich dem Vorurteil der Zeit zu entziehen. In seiner Logik
lesen wir*: „Nach der Darlegung im Text ist die Psychologie die
'heoretische Grundlage der Geisteswissenschaft . . . Die Psychologie ist
zunächst als das Fundament der theoretischen Disziplinen der
Geisteswissenschaften (der Sprachpsychologie [dieser natürlich:
W, 8.], der Religions-, Kunst-, Wirtschaftstheorie usw.) zu betrach-
ten. Die Gesetzmäßigkeiten (!), zu denen die letzteren gelangen, gehen
schließlich auf psychologische Gesetze zurück.‘

In Anbetracht dieser allgemeinen Zeitstimmung darf es uns nicht
in Erstaunen setzen, wenn wir wahrnehmen, daß auch bei denjenigen
Denkern, die zur Begründung der Geistwissenschaft im letzten
Menschenalter Erhebliches beigetragen haben, ein Hang zum Psycho-
logismus besteht. Das gilt vor allem von Wilhelm Dilthey, dessen
Ansichten ich etwas ausführlicher darlegen will, nicht nur wegen der
Bedeutung seines Werkes, sondern auch deshalb, weil sie in besonders
anschaulicher und ich möchte hinzufügen: verführerischer Weise die
Denkart des Psychologismus uns vor Augen stellen. Der psycho-
4% Herm. Paul, Prinzipien der Sprachgeschichte. Zuerst 1880, Der ange-
führte Satz findet sich in der 4. Aufl. z909 auf S, 6 und ist in der Urschrift ge-
;perrt gedruckt.

% Sigwart, a. a. O. $ 99. 23.
        <pb n="177" />
        164
logistische Standpunkt Diltheys tritt mit besonderer Deutlichkeit
zutage in der grundlegenden „Einleitung“, aus deren zweiter Auflage
ich folgende Sätze anführen will: Die großen Kulturgebiete Sprache,
Kunst, Religion usw. sind „zusammengeballte Nebel, die den Blick
hindern, zum Wirklichen zu dringen und die sich doch nicht greifen
lassen‘. Sie „verschleiern die Wirklichkeit des geschichtlich-gesell-
schaftlichen Lebens, die Wechselwirkung (!) der psychophysischen
Lebensinhalte... Ich möchte diese Wirklichkeit sehen lehren... und
diese Nebel und Phantome verscheuchen.‘‘ (S. 42.) „Diese konstanten
Gebilde... entspringen (1)... aus dauernden Beziehungen der Indi-
viduen.‘““ (43.) „Die Tatsachen, welche die Systeme der Kultur
bilden, können nur (!) vermittels der Tatsachen, welche die psycho-
logische Analyse erkennt, studiert werden. Die Begriffe und Sätze,
welche die Grundlage der Erkenntnis dieser Systeme ausmachen,
stehen in einem Verhältnis von Abhängigkeit zu den Begriffen und
Sätzen, welche die Psychologie entwickelt.“ (46.) Den Wissenschaften
von den äußeren Organisationen liegen „Begriffe von psychischen und
psychophysischen Tatsachen und Sätze über sie zugrunde, welche
denen entsprechen, nach denen die Wissenschaft von den Systemen
Jer Kultur gegründet sind. Gemeingefühl, Gefühl des Fürsichseins...,
Herrschaft, Abhängigkeit, Freiheit, Zwang [wohlverstanden: alle
durchaus psychologisch gefaßt! W. S.]: das sind solche psychische
und psychophysische Tatsachen zweiter Ordnung, deren Erkenntnis
in Begriffen und Sätzen dem Studium der äußeren Organisation der
Gesellschaft zugrunde liegt.“ „Alle Verbandsverhältnisse sind,
psychologisch angesehen, aus ihnen — den psychischen Tatsachen von
Gemeinschaft usw.- — zusammengesetzt.‘ (!) (68.) „In bezug auf
die Geisteswissenschaften ... zeigte sich uns, daß psychische und
psychophysische Tatsachen die Grundlage der Theorie nicht nur vom
Individuum, sondern ebenso von den Systemen der Kultur sowie von
der äußeren Organisation der Gesellschaft bilden.‘ (!) (119.) „Die
Analyse der menschlichen Gesellschaft ist der Mensch selber als
lebendige Einheit gegeben und die Zergliederung dieser Lebens-
ainheit bildet daher ihr fundamentales Problem.“ (375.)
Dilthey erleidet in seinen späteren Jahren den Einfluß der phä-
nomenologischen Philosophie, deren vielleicht größtes Verdienst es
        <pb n="178" />
        165

ist, dem Psychologismus den Garaus gemacht zu haben (was den
Neukantianern nicht. geglückt war) und die dadurch — auf Um-
wegen — zur Begründung der geistwissenschaftlichen Forschungs-
weise beigetragen hat. Aber es ist Dilthey doch niemals ge-
lungen, seinen psychologistischen Glauben ganz zu verleugnen. So
heißt es noch in seiner 1907 geschriebenen Abhandlung über
„Das Wesen der Philosophie‘ 50: „Die Verbindungen, in welcher
Wirtschaft, Recht, Religion, Kunst und Wissenschaft untereinander
und mit der äußeren Organisation der menschlichen Gesellschaft
stehen, können doch nur (!) aus dem umfassenden, gleichförmigen
seelischen Zusammenhang verständlich gemacht werden, aus dem sie
nebeneinander entsprungen (!) sind und kraft dessen sie in jeder psy-
chischen Lebenseinheit zusammenbestehen, ohne sich gegenseilig zu
verwirren und zu zersetzen... Dieser Zusammenhang in einem solchen
System (Wirtschaft, Recht, Kunst, Religion) ist kein anderer als der
seelische Zusammenhang in den Menschen, welche in demselben zu-
sammenwirken. Sonach ist er schließlich ein psychologischer.“
“Unterstreichung von mir.)

Ich sagte vorhin: es sei nicht verwunderlich, daß die Männer, die
wie Dilthey vor 50 Jahren sich ihre Ansichten bildeten, den psycho-
logistischen Standpunkt vertreten haben. Verwunderlicher ist es schon,
daß er auch heute noch von Philosophen und Soziologen geteilt wird,
und zwar von solchen, die einen offenen Sinn für die Eigenart der
zeistwissenschaftlichen Forschungsweise oft genug bekundet haben.
Und doch ist dem’ so. C. Stumpf ist der Ansicht, „daß das Primäre
aller jener Betätigungen, auf welche die Theorie und Geschichte der
Sprache, Religion, Kunst, Staats- und Rechtsbildung sich ‘bezieht, im
psychologischen Gebiete liegt, in Wahrnehmungen, Vorstellungen,
Gemütsbewegungen, Trieben, Willensentschließungen‘“. E. Becher
nennt die Kultur ein „hochkompliziertes psychophysisches Gebilde
im sozialen Leben“ und meint: „Alle diese Disziplinen (Kulturwissen-
schaften)” haben es mit psychischen (!) Realobjekten zu tun und
können daher (!) als (realwissenschaftliche) Geisteswissenschaften

50 W,. Dilthey, Ges. Werke. 5, 157.
51 Carl Stumpf, Zur Einteilung der Wissenschaften. Abhandl. der preuß.
\kademic der Wiss. vom Jahre 1906. S. 24.
        <pb n="179" />
        166
bezeichnet werden.‘ 5? Heinrich Maier bleibt dem Psychologismus
auch in seinem letzten Werke treu, wo es heißt5: „Für die induktiv-
generalisierende Geistesforschung ... ist... die Psychologie die
Fundamentalwissenschaft ...‘ „Als die fundamentale theoretische
Geisteswissenschaft erscheint. :. die Psychologie.“

Daß die neuzeitliche Soziologie sich noch immer nicht aus den
Fesseln der Psychologie befreit hat, ist bekannt, worunter natürlich
auch die Nationalökonomie zu leiden hat. Selbst Forscher mit ausge-
sprochen geistwissenschaftlicher Haltung werden ihr Vorurteil nicht
ios. Wie etwa C. Brinkmann, wenn er schreibt5: „Soziologie ist wie
alle (1) Kulturwissenschaften ein psychophysisches Erkenntnisgebiet.“

Wir glauben heute eingesehen zu haben, daß der Psychologismus
Falsch und für eine gedeihliche Entwicklung der Geistwissenschaften
verderblich ist und glauben auch zu wissen, warum er das ist.

Der psychologistische Irrtum läßt sich als solcher sogar

a) schon empirisch erweisen. Die sozialen Erscheinungen, auf die
ich meine Ausführungen beschränken will, setzen sich offensichtlich
nicht nur aus seelischen, sondern auch aus zahlreichen anderen Be-
standteilen zusammen: rechtlicher, technischer, physikalischer, geo-
graphischer u. a. Natur, Es ist aber unmöglich, von einem Teile über
das Ganze auszusagen, also soziales Geschehen nur aus seelischen
Vorgängen ableiten zu wollen.

Der tiefere Grund der Unhaltbarkeit eines psychologistischen
Standpunktes ist

b) allgemein erkenntnistheoretischer Natur. Kultur, also
auch Wirtschaft, ist eine Sphäre, die weder körperlich noch seelisch,
sondern von besonderer Art ist. Sie besteht aus nicht-psychischen
Sinngebilden. Sie ist (teist, Geist aber aus Seele „abzuleiten“, ihr!
auf Seele „zurückzuführen‘‘, ihn aus Seele verstehen zu wollen, ist
cin eitles Bemühen, das einer schlechten Metaphysik entsprungen
ist. Die psychologische Analyse trägt zweifellos dazu bei, unsere Ein-
sicht in Erscheinungen der Wirtschaft oder überhaupt der Kultur
53 E. Becher, Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften, 1921. S. ıı4.
Akademie der Wiss. vom Jahre 1906. S. 24.

53 H. Maier, Wahrheit und Wirklichkeit. 1926. S. 10. 7.

5 Carl Brinkmann, Versuch einer Gesellschafiswissenschaft, 19109. S. 56.
        <pb n="180" />
        167

zu vertiefen. Sie setzt aber die genaue Kenntnis dieser Erscheinungen
voraus. Die heutige Psychologie würde selbst gar nicht mehr den
Anspruch erheben, eine „Grundwissenschaft‘“ für die Geisteswissen-
schaften zu sein, da sie zu der Einsicht gekommen ist, daß die Innen-
welt erst zu ordnen und zu differenzieren ist nach Maßgabe ihrer
Verknüpfung mit „gegenständlichen“ Sphären, z. B. der Kultur-
vebilde, ‚also etwa der Wirtschaft55. Daß nun gar

c) die Zurückführung kultureller Erscheinungen auf „allge-
meine‘ psychologische „Gesetze‘“ unstatthaft ist, hängt mit dem
ganzen Wesen der geistwissenschaftlichen Forschungsweise zu-
sammen. Dieses Beginnen ist eine unheilvolle Folge der falschen Über-
tragung der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise auf die Seele
und die Kultur, wie wir an anderer Stelle schon festgestellt haben.

Alle diese Gründe, die ich hier in skizzenhafter Form gegen den
Psychologismus angeführt habe, werden erst ihre volle Durch-
schlagskraft erhalten, wenn ich im weiteren Verlauf dieser Abhand-
lung die gegenteilige, wie ich glaube: richtige Auffassung vertreten
werde. .

Eine nicht geringere Gefahr als der Psychologismus bedeutet für
zine gesunde Entwicklung der Geistwissenschaften, insonderheit der
Nationalökonomie,

2. der Historismus, eine Geisteshaltung, die von der Forschung
namentlich in unserem Fache vielfach eingenommen wurde, die aber
ihre erkenntnistheoretische Begründung erst später erhalten hat. Diese
stammt, soviel ich sehe, von J. G. Droysen”, während dann die
„südwestdeutsche“ Philosophenschule im letzten Menschenalter die

55 Max Scheler, Idealismus und Realismus im Philosophischen Anzeiger.
2» (1927), 268; vgl. auch Ed. Spranger, Die Frage nach der Einheit der
Psychologie in den Abhandlungen der preuß. Akademie der Wiss. Band XXIV.
1926,
) 56 Vgl. noch für den besonderen Bezug dieser Gedanken auf die Wirtschafts-
wissenschaft Othmar Spann, Der logische Aufbau der Nationalökonomie in
der Zeitschrift für die ges. Staatswiss. 1908. Franz Eulenburg, Naturgesetze
und Sozialgesetze im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Bd. 32.
S. 52. 763. Max Weber, Objektivität usw. im genannten Archiv. Bd. 19.
S, 63; derselbe, Roscher und Knies in Schmollers Jahrbuch. Bd. 29. 5, 1362/63.

57 J. G. Droysen, Natur und Geschichte. Wieder abgedruckt in der „Historik“
(r925); siche daselbst S. 70,
        <pb n="181" />
        168

Lehre weiter ausgebaut hat%, Danach werden in Gegensatz gestellt:
„Naturwissenschaft und Geschichte‘ oder „nomothetische‘‘. = Ge-
setzeswissenschaft und „idiographische‘‘ = beschreibende Wissen-
schaft.

Diese Gegenüberstellung ist nun aber, und zwar in allem Deu-
tungen, die man ihr gegeben hat, falsch.

„Naturwissenschaft und Geschichte“ bilden überhaupt keinen sinn-
vollen Gegensatz. Es muß doch wohl immer heißen: Naturwissen-
schaft und Geschichtswissenschaft oder: wenn man die auf die Ge-
schichte anzuwendende Forschungsweise durch das Wort „Wissen-
schaft“ nicht vorher bestimmen will: Lehre von der Natur und Lehre
von der Geschichte (Kultur).

Daß diese Gegenüberstellung oder Entgegenseizung an sich einen
großen Vorteil bedeutete, habe ich bereits bemerkt. Aber der Sinn,
den man dem Gegensatze gab, war wiederum falsch. Der Gegensatz
wurde von Droysen gefaßt als der Gegensatz der Lehre vom „All-
gemeinen‘ und der Lehre vom „Individuellen‘“. Falsch. Denn
es gibt sowohl in der Naturbetrachtung wie in der Kulturbetrachtung
die beiden Möglichkeiten, das „Allgemeine‘“ wie das „Individuelle“
zu erforschen. Der Nationalökonom, der von dem Bankwesen spricht,
behandelt das Allgemeine und der Astronom, der die Protuberanzen
der Sonne beobachtet, oder der Geograph, der die Ausbrüche des
Vesuvs beschreibt, das Individuelle.

Daß wir von „Wissenschaft‘“ im strengen Sinne immer nur
sprechen sollten, wenn wir das Allgemeine zum Gegenstande unserer
Betrachtungen machen, scheint mir zweckmäßig. Denn es bleibt doch
wohl dabei, daß Aristoteles recht hat mit seinem Wort: „nulla
scientia nisi de universalibus.“

Von den „Südwestdeutschen“ ist dann der Gegensatz aufgestellt
worden von nomothetischer und idiographischer Forschungs-
weise.
Faßt man den Gegensatz so, daß die eine Forschungsweise die
der Naturwissenschaften, die andere die der Kulturwissenschaften ab-
geben soll, so ist auch diese Gegenüberstellung offensichtlich falsch.

5 Siehe die in Anm. 20 u, 27 genannten Schritten.
        <pb n="182" />
        169

Sie. läuft im wesentlichen auf die Droysensche hinaus. und erledigt
sich also mit den oben angeführten Gründen: es gibt in. der .Natur-
betrachtung nicht nur die nomothetische und in der Kulturbetrach-
tung nicht nur die idiographische Methode.

Um diesem klaren Tatbestand gerecht zu werden, hat man dann
den Gegensatz aufgelockert und hat aus dem Gegensatz zweier zwei
verschiedenen Forschungsgebieten zugehörigen Betrachtungsweisen
den Gegensatz zweier „Einstellungen‘, der nomothetischen und der
idiographischen, gemacht, die man gleicherweise den Naturerschei-
nungen wie den Kulturerscheinungen gegenüber sollte anwenden
können, so daß es dann also sowohl von der Natur wie von der Kultur
eine nomothetische und eine idiographische ‚Wissenschaft‘ geben
würde.

Mit dieser Umbiegung des Gegensatzes aus der objektiven in die
subjektive Deutung ist nun aber der eigentlich fruchtbare Gedanke
der Gegenüberstellung von Natur und Kultur als zweier Forschungs-
bereiche, die eine grundsätzlich verschiedene, wissenschaftliche Be-
handlung erheischen, aufgegeben. Für die Kulturwissenschaften muß
aber diese Auffassung, zu der sich jetzt die südwestdeutsche Schule
bekennt, geradezu verhängnisvoll werden. Die Kultur- oder Geist-
wissenschaften haben danach nämlich nur die Wahl zwischen nomo-
thetischer, das heißt naturwissenschaftlicher Betrachtung in dem
Sinne, den ich dem Worte beimesse, und idiographischer Forschung,
das heißt Beschreibung individueller Tatbestände. Wir müssen aber
dieser Auffassung gegenüber mit aller Entschiedenheit betonen, daß
es für uns Geistwissenschaftler eine dritte, und das ist gerade die
fruchtbare, Möglichkeit gibt, nämlich: eine für die Kulturwissenschaft
geeignete, besondere Forschungsweise, die die südwestdeutsche Schule
var nicht kennt, die verstehende, auf die Kulturerscheinungen anzu-
wenden. Wenn wir das tun, können wir dann, je nach der Einstellung,
die wir zu dem Untersuchungsgegenstande haben, innerhalb der
Kulturwissenschaften Theorie und Empirie unterscheiden, Diese
Unterscheidung gilt für Natur- wie Kulturwissenschaften gleicher-
weise. Sie deckt sich aber keineswegs mit der Unterscheidung in
nomothetische und idiographische Betrachtungsweise, wie im weiteren
        <pb n="183" />
        170
Verlauf unserer Untersuchungen sich ergeben wird: siehe namentlich
Jas 17. Kapitel.

Wohin die falsche Gegenüberstellung von nomothetischer und
idiographischer Forschungsweise als oberster Unterscheidungsmerk-
male der Wissenschaften führt, zeigen uns die unliebsamen Folge-
rungen, die man daraus bereits gezogen hat. Ein Forscher, der offen-
bar Droysen nicht gekannt hat und Windelband-Rickert nicht
kennen konnte, weil er lange Zeit vor dem Erscheinen ihrer Werke
ganz genau denselben Gegensatz aufgestellt hat wie sie: Carl
Menger hat nämlich gerade mit jener Einteilung der Wissenschaften
die naturwissenschaftliche (nomothetische) Betrachtungsweise in den
Kulturwissenschaften als zulässig, ja notwendig erweisen wollen. Und
das, von seinem Standpunkt aus, mit vollem Recht. Denn wenn es
nur die Wahl zwischen Nomothesis ugd Idiographie gibt und man
die Nationalökonomie, der seine Sorge galt, nicht der „Idiographie‘“
völlig ausliefern will, so bleibt keine andere Möglichkeit als die:
3e nach der nomothetischen Methode aufzubauen.

Auf der anderen Seite verführt die fragliche Antithese dazu, einem
anwissenschaftlichen Deskriptivismus, ja Irrationalismus sich: zu er-
geben. Es bleibt einem ja nichts anderes übrig, wenn man nur. die
Wahl zwischen naturwissenschaftlicher Methode und Beschreibung hat
und nun — umgekehrt — sich dagegen auflehnt, die Geistwissen-
schaft, die man betreibt, in Abhängigkeit vom naturwissenschaftlichen
Denken zu bringen. Dieser Verführung sind in der Nationalökonomie
zahlreiche Vertreter der historischen Schule erlegen. Der „historische
Sinn‘, den sie pflegen wollten und der sich in der „Liebe zum Indi-
viduellen‘‘, im „positiven Verständnis für die Welt in ihrer Mannig-
faltigkeit und Buntheit‘“ äußert, ist bei Lichte besehen unwissenschaft-
licher Sinn. Denn Wissenschaft bedeutet eben immer doch ein „Herein-
"eißen des Besonderen in die allgemeinen Kategorien‘, wie es Goethe
bezeichnet hat, und selbst Empirie, das ist Geschichtsschreibung, ist
wissenschaftlich ohne diese allgemeinen Kategorien nicht zu treiben.
Dieser unwissenschaftliche Historismus ist wohl ein Erbe der Ro-
mantik, aus deren Irrationalismus er entsprungen ist. „Der roman-
tische Irralionalismus (wird) zur feinfühligen Empirie, in der All-
        <pb n="184" />
        171

zemeines und Besonderes sich für die Anschauung und nicht den
Begriff möglichst durchdrungen zeigen.“ 5

Wir aber, die wir Geistwissenschaft treiben wollen, müssen hin-
durchzusteuern versuchen zwischen der naturwissenschaftlichen
‘nomothetischen) Denkweise, die dem Geist nicht gerecht wird und
allem Historismus, Deskriptivismus, Irrationalismus, Romantizismus,
die sämtlich unserem wissenschaftlichen Bedürfnis nicht Genüge
hun.
Welchen Kurs wir halten müssen, um Szylla und Charybdis
zleicherweise zu vermeiden, werden die folgenden Kapitel zeigen.

Leicht läßt sich

3. der Teleologismus als Abweg nachweisen, der vom Ziel einer
sinnvoll aufgebauten Geistwissenschaft abführt. Auf ihn sind manche
zeraten, die den Spuren Rudolf Stammlers gefolgt sind. Vielleicht
liegt hier nur ein Mißverständnis vor.

Der sehr richtige und sehr wichtige Grundgedanke des Stammler-
schen Buches, das ich oben schon als eines der bahnbrechenden Werke
der neuen geistwissenschaftlichen Richtung rühmend hervorgehoben
habe, ist der: daß alles menschliche Tun in der Gesellschaft auf einer
„Ordnung“ beruht, das heißt also geregeltes Tun ist. Daß cs un-
zweckmäßig ist, wie es Stammler will, allen ‚,Inhalt‘“ des Gesell-
schaftslebens als „Wirtschaft‘““ zu bezeichnen, daß es sich vielmehr
empfiehlt, die Sphäre der „Wirtschaft“ als besonderen Bereich ab-
zugrenzen, sagte ich schon. (Siehe oben S. 6.)

Aber das steht hier nicht in Frage, wo es sich vielmehr darum
handelt, die Folgerung abzulehnen, die Stammler aus seiner Grund-
these für die Wahl der Forschungsweise in den Kulturwissenschaften
zieht. Diese könne nämlich, so meint er, niemals die „kausale‘‘, son-
lern müsse die „tieleologische‘“ sein. Das heißt: der Gesellschafts-
forscher, etwa der Nationalökonom, könne die Erscheinungen niemals
ünter der Kategorie von Ursache — Wirkung, sondern immer nur
anter der von Mittel — Zweck ordnen. Er begründet seine Ansicht
eben mit dem Hinweis auf die „Geordnetheit‘“ des menschlichen
Handelns. Dieses unterstehe also stets einer bestimmten Ordnung,

59 |K Tröltsch. Ges. Schriften, 3, 293.
        <pb n="185" />
        172
jede Ordnung aber. sei auf ein Ziel gerichtet, dieses wieder auf ein
höheres Ziel und so fort, bis wir an einem höchsten Ziel anlangen,
das nach der Meinung Stammlers „die Gesellschaft frei wollender
Menschen ist‘. Soweit es sich dabei, was die Nationalökonomie be-
trifft, um richtende, das heißt metaphysische Nationalökonomie han-
delt, habe ich mein Urteil bereits abgegeben (siehe das 6. Kapitel).
Hier jedoch muß geprüft werden, ob die Folgerung, die Stammler
aus seiner richtigen Feststellung, daß alles menschliche Handeln ge-
ordnetes ist, für jede sozialwissenschaftliche Betrachtungsweise
zieht, zulässig ist. Er ist nämlich der Meinung, daß diese immer nur
die teleologische deshalb sein könne, weil eben soziales Geschehen
unter einer Ordnung stehe, folglich auf ein Ziel gerichtet sei, folglich
nur als ein zielgerichtetes betrachtet, folglich nur mittels der Kate-
gorie Mittel — Zweck erfaßt werden könne. Ein Jäger, so führt er
als Beispiel an, kaufe sich ein Gewehr, um einen Hasen zu töten.
Seine Handlung müsse also ‘als eine zweckgerichtete betrachtet
werden, nicht als eine bewirkte. Es sei offenbarer Unsinn, den Tod des
Hasen als die Ursache für den Kauf des Gewehres zu betrachten.

Wie steht es nun damit?

Daß es eine große -Verarmung unserer Wissenschaften vom
menschlichen Zusammenleben bedeuten würde, wenn wir auf die
kausale Betrachtungsweise verzichten müßten, steht außer Zweifel.
Und wir würden deshalb sehr betrübt sein, wenn die Beweisführung
Stammlers schlüssig wäre. Aber ist sie es? Ich glaube nicht.

Einigen wir uns zunächst darüber, daß es zwei verschiedene Arten
von Kausalität gibt: die mechanische, „a tergo‘“ wirkende, die wir
auf die Betrachtung der Natur anwenden, und die Motivkausalität,
lie für uns allein in Frage kommt. Es ist die „Kausalverbindung nach
»inem Vernunftbegriff (nach Zwecken)‘, die doch dem geschulten
Kantianer Stammler sicher ebenso bekannt ist wie mir. Ich muß
Tiesen schon auf den 8 64 der „Urteilskraft‘““ verweisen, wo uns diese
Art von Kausalität demonstriert wird als eine Reihe, die sowohl auf-
wärts als abwärts Abhängigkeit „bei sich führt‘, in der das Ding,
welches einmal als Wirkung bezeichnet ist, danach aufwärts den
Namen einer Ursache desjenigen Dings verdient, wovon es die Wir-
kung ist. Als Beispiel führt Kant bekanntlich an: das Haus ist die
        <pb n="186" />
        173
Ursache des Geldeinnehmens, die Vorstellung von diesem die
Ursache der Erbauung des Hauses. Kant hätte ebensogut das Hasen-
beispiel Stammlers wählen können: der Schuß aus dem Gewehr
ist die Ursache des Todes des Hasen, die Vorstellung von diesem
Tode die Ursache des Gewehrkaufs. Unnütz zu sagen, daß wir es in
beiden Fällen mit einem Nexus finalis zu tun haben, der aber ganz
ebenso wie der Nexus effectivus die Ursache — Wirkung Kategorie
sinschließt.

Hat Stammler mit seinen Ausführungen nichts anderes bezweckt,
als die grundverschiedene Bedeutung der Kausalität im Bereiche der
Natur und in dem der Kultur hervorzuheben, so ist alles in Ordnung.
Nur kann man ihm den Vorwurf nicht ersparen, daß, seine Dar-
stellung zu Mißverständnissen Anlaß bietet: die Verwendung, die
seine Schüler mit seinen Gedanken gemacht haben, beweist es%®),

Und nun beginnen wir den Aufbau einer verstehenden National-
ökonomie.

Elftes Kapitel
Die Stellung der Nationalökonomie‘ im Kreise der
Wissenschaften
‚ Welches das Gebiet ist, auf dem die Nationalökonomie, wenn sie
nicht von allen guten Geistern verlassen ist, ihre Untersuchungen
anzustellen hat, wissen wir: siehe das erste Kapitel! Wir haben es
dort wenigstens ungefähr abgegrenzt als das Gebiet der Wirtschaft
im Sachsinne, das heißt der Unterhaltsfürsorge: die auf die Be-
sorgung von Sachgütern gerichtete menschliche Tätigkeit. Damit
aber haben wir auch schon die Möglichkeit gewonnen, den Ort zu
bestimmen, wo auf dem Globus intellectualis die Wirtschaftswissen-
schaft zu suchen ist. In fortschreitender Verengung des Spielraums
60 ‚Eine Widerlegung des Stammlerschen Standpunkts unternahmen bereits
mit guten Gründen: Max Adler, Kausalität und Teleologie im Kampf um die
Wissenschaft. 1904. Max Weber, Rudolf Stammlers „Überwindung“ der
aterialistischen Geschichtsauffassung im Archiv für Soz.-Wiss. usw. Bd. 24.
Jetzt wieder abgedruckt in dem genannten Sammelbande. Otto Janssen, Das
Wesen der Gesetzesbildung. 1910. S. 258.

* Wenn ich von jetzt an Von Nationalökonomie ohne Zusatz spreche,
so meine ich immer die „verstehende‘‘ Nationalökonomie. Auch gebrauche
ich das Wort gleichbedentend mit Wirtschafts wissenschaft,
        <pb n="187" />
        174

pt
iA Os

ihres Standortes ist sie ı. Erfahrungswissenschaft, 2. Kulturwissen-
schaft, 3. Sozialwissenschaft.

ı. Erfahrungswissenschaft ist die Nationalökonomie, weil ihr
Untersuchungsgebiet der raum-zeitlichen Wirklichkeit angehört. Sie
ist damit als Wissenschaft bestimmt und in Gegensatz zur Philo-
sophie oder Metaphysik gesetzt und als Sach- Wissenschaft unter-
schieden von den Form-Wissenschaften. Was diese Eigenschaft der
Nationalökonomie, Erfahrungswissenschaft zu sein, für wichtige
Folgen in bezug auf Forschungsziel und Forschungsmethode hat,
haben wir bereits festzustellen Gelegenheit gehabt: siehe das sechste
Kapitel! Ich werde noch öfters auf diesen Punkt zurückkommen.

Da das Wirklichkeitsgebiet, das die Nationalökonomie untersucht,
die Wirtschaft, der „Kultur“ angehört — Kultur hier in dem weiteren
Sinne von allem Menschenwerk im Gegensatz zur Natur gefaßt —,
so ist sie... a
„3. Kulturwissenschaft. Diese Bezeichnung bietet sich‘ so von
selbst an, daß es zu verwundern ist, wenn der Ausdruck auf so viel
Widerstand stößt. Es mag das seinen Grund haben in der nicht sehr
glücklichen Deutung, die die südwestdeutsche Schule dem Worte ge-
geben hat. Aber wenn man, wie es hier geschieht, den Begriff in der
Weise bestimmt, daß man darunter alle Wissenschaften faßt, die
zum Gegenstande irgendwelche Bestandteile des menschlichen Kultur-
bereichs haben, und die dann also den Gegensatz zu den Naturwissen-
schaften bilden, so sehe ich eigentlich nicht ein, warum man das
Wort nicht verwenden soll. Im Mitbewerb steht das Wort „Geist-
wissenschaft‘, und ich habe selbst lange geschwankt, ob es nicht vor-
zuziehen sei. Zweifellos steht die Geistwissenschaft ebenso im Gegen-
satz zu der Naturwissenschaft, als die Wissenschaft vom Geist, und
zwar vom menschlichen Geist. Und zweifellos ist alle Kulturwissen-
schaft Geistwissenschaft, also ist auch die Nationalökonomie ebenso-
wohl Geist- wie Kulturwissenschaft. Aber nicht alle Geistwissen-
schaften sind Kulturwissenschaften. Unter diesen Begriff fallen weder
die Form-Wissenschaften, noch fällt darunter die Geist-Psycho-
logie. Kulturwissenschaft ist also der engere Begriff, der nur die-
jenigen Geistwissenschaften umfaßt, die vom objektiven Geiste oder
genauer — wenn man nämlich den Gegenstand der Formalwissen-
        <pb n="188" />
        175
schaften: Mathematik und Gedankenwelt auch zum „objektiven‘“ Geiste
rechnen will — von dem in irgendwelchen Symbolen objektivierten
Geiste handeln.

Daß alle Kulturwissenschaften, also auch die Nationalökonomie,
Geistwissenschaften und nichts anderes sind, und daß es falsch
ist, wie man gelegentlich äußern hört, die Kultur- und Geistwissenschaft
in einen Gegensatz zueinander, zu stellen, möchte ich noch mit aller
Entschiedenheit betonen. ‘Und das zwar angesichts der Tatsache, deren
Bedeutung ich mich keineswegs verschließe, daß die Wirtschaft, wie
alle Kultur, nicht nur aus Geist besteht, sondern ebenso aus Seele
und Körper: jeder Entschluß zu wirtschaftlichem Handeln wie jede
Arbeitsleistung zur Ausführung dieses Entschlusses ist Seele und jeder
Baumwollballen wie jeder Ochse ist Körper. Trotzdem „Geist“ wissen-
schaften, da Seele und Körper nur im Geistigen ihren Sinn finden,
nur durch die Sphäre des Geistigen hindurch „verstanden“ werden,
äberhaupt Objekte der Erkenntnis nur im Zusammenhange des
Geistigen werden: weder das Motiv des Unternehmers, noch der
Ochse gehen uns etwas an, sofern sie nicht in den Geist- oder Sinn-
zusammenhang „Betrieb‘“ eingebettet sind. Worüber an anderer Stelle
noch sehr viel mehr zu sagen ist: siehe das dreizehnte Kapitel!

Die Nationalökonomie ist also keine Naturwissenschaft, obwohl
sie mit Naturdingen, keine Seelwissenschaft, obwohl sie mit Seelen-
zuständen zu tun hat. Sie ist aber auch keine angewandte Psycho-
logie aus Gründen, die ich schon dargelegt habe, noch gar eine an-
gewandte Naturwissenschaft, etwa der Biologie, wie man uns nahe-
gelegt hat, anzunehmen ®. Welches Verhältnis die verstehende Na-
tionalökonomie zu den seelischen und natürlichen Erscheinungen
hat, die sie selbstverständlich in den Bereich ihrer Untersuchungen
ainbeziehen muß, werde ich ebenfalls am geeigneten Orte darlegen:
siehe wiederum das dreizehnte Kapitel!

Die Nationalökonomie steht aber auch nicht „mitteninne‘ zwi-
schen verschiedenen Wissenschaften, sie nimmt keine „intermediate

8 Ludwig Woltmann, Politische Anthropologie. 1903. S. 131. Siehe die
Widerlegung schon bei FF. Eulenburg, Gesellschaft und Natur. 1905. Archiv
Sür Soz.-Wiss. usw. 21, 551f., und F. Tönnies, Zur naturwissenschaftlichen
Gesellschaftelehre in Schmollers Jahrbuch. Bd. 24. 1905.
        <pb n="189" />
        176
position‘ ein, wie man gelegentlich wohl gesagt hat %. Gegen eine solche
Annahme sprechen gewichtige Gründe der Wissenschaftslogik. Ich
glaube, es ist überhaupt unmöglich, daß eine Wissenschaft „mitten-
inne“ zwischen Wissenschaften grundsätzlich verschiedener geistiger
Struktur stehe. Wo das der Fall und auch am Platze zu sein scheint,
wie etwa bei der Geographie oder der Psychologie, handelt es sich
immer um zwei ganz verschiedene Wissenschaften. In den meisteh
anderen Fällen liegen nur Stilmischungen vor. Eine Wissenschaft
muß wie der charaktervolle Mensch immer einen festen Standpunkt
haben, von dem aus sie dann fremdartige Bestandteile ihres Wissens-
stoffes meinetwegen auch mit den ihrer eigenen Denkweise fremder
Forschungsmethoden behandeln mag. Das ändert aber nichts an der
Tatsache, daß sie immer eine eindeutig bestimmte Wissenschaft
bleibt.

Die Nationalökonomie ist endlich

3. Sozialwissenschaft, weil ihr Gegenstand: die Wirtschaft,
3inen Teil der menschlichen Gesellschaft bildet. Und zwar ihrem
Wesen nach, so daß das Soziale ein a priori ist, wenn wir Wirtschaft
denken. Robinson ist der unwirkliche Grenzfall. Übrigens kann auch
er sein Leben als einzelner nur fristen, weil er wenigstens aus einer
Gesellschaftswirtschaft herkommt. Er hat zwar sonst nichts, aber
loch das Hauptbuch auf seine einsame Insel gerettet, hat Marx ein-
mal witzig und treffend bemerkt.

Die Notwendigkeit des sozialen Charakters menschlicher Wirtschaft
ist ebensowohl in äußerlichen wie innerlichen Bedingungen der Wirt-
schaft begründet: äußerlich betrachtet kann die menschliche Unter-
haltsfürsorge nicht anders als im gesellschaftlichen Verbande er-
folgen, weil die Aufzucht des Menschen das Zusammenwirken
mehrerer, mindestens zweier erheischt; innerlich betrachtet deshalb
nicht, weil es keine wirtschaftliche Handlung gibt, die nicht Teil am
sozialen Geiste hätte: erst muß das Gemeinsame, Verbindende, Ein-
heitliche da sein, ehe die soziale Tätigkeit des einzelnen möglich ist.

% J. E. Cairnes, 1. c. Lect, Il. Dilthey, Einleitung. S. 17. Schmoller,
Art. Volkswirtschaftslehre im Handwörterbuch der Staatswissenschaften (bis zur
3. Aufl).
        <pb n="190" />
        177
Erst wenn eine gemeinsame Idee der Produktion und Verteilung
selbst in noch so primitiver. Form vorhanden ist, kann der einzelne
daran teilnehmen; erst wenn ein gemeinsames Werten in einem Gute
(dem Gelde) stattfindet, kann der einzelne eine Tauschhandlung vor-
nehmen und gleichsam eintreten in diesen von der Gesellschaft, ge-
bildeten Kreis. Daher die Unmöglichkeit des wirtschaftlichen Ver-
kehrs zwischen Menschen, die sich nicht verstehen, die nichts Gemein-
sames verbindet. Max Adler*% spricht sogar von einer besonderen
Form des Bewußtseins, vermöge dessen jedes Einzelich sich unmittel-
bar in allen seinen geistigen Betätigungen nur als Exemplar einer
Gattung erlebt, also unmittelbar ausgerichtet ist auf artgleiches
Bewußtsein der Nebenmenschen.

Aus der sozialen Natur der Nationalökonomie folgt, daß die oft
gemachte Unterscheidung zwischen „natürlichen“ und „sozialen“
Kategorien in unserer Wissenschaft falsch ist. Darum hat es ‚vor
Jahren einmal einen erbitterten Streit gegeben, der heute aber wohl
— ich hoffe es wenigstens — dahin entschieden ist, daß jede Kate-
gorie der Nationalökonomie eine sozialwissenschaftliche ist, auch wenn
es manchmal nicht den Anschein hat.

Aus der sozialen Natur der Nationalökonomie folgt aber ferner,
daß es ebenfalls falsch ist, diese in einen Gegensatz zur Soziologie
zu stellen oder von „ökonomischen“ und „soziologischen‘“ Richtungen
oder Einstellungen in der Nationalökonomie zu reden. National-
ökcnomie ist vielmehr Soziologie, das heißt eine Wissenschaft vom
menschlichen Zusammenleben. Es gibt in unserer Wissenschaft auch
nicht einmal ein Sachgebiet des „Ökonomischen‘‘, das man ohne Be-
ziehung auf das Gesellschaftliche behandeln könnte, wie etwa das
Sachgebiet der Religion, der Kunst, der Wissenschaft. Diese Ideen
können ohne Verwirklichung in der Gesellschaft wenigstens gedacht

6% Max Adler, Marxistische Probleme. 1913. S. 315. Vgl. desselben Kau-
salität und. Teleologie. S. 373 u. ö., und A. Labriola, I valore dell’ economia
politica. 1912. Cap. Hl.

65 Siehe z. B. die Polemik zwischen H. Dietzel und R. Stolzmann.
H. Dietzel, Theoretische Sozialökonomik. 1895; derselbe, Art. Selbstinteresse
und Methodenstreit im Handwörterbuch der Staatswiss. 3. Aufl. R. Stolzmann,
Die soziale Kategorie in der Volkswirtschaft. 1896; derselhe, Der Zweck in der
Volkswirtschaft. 1907.

Sombart, Die drei Nationalökonomien
        <pb n="191" />
        178

werden, sind also höchstens empirisch immer sozial bestimmt, die
Wirtschaft ist es aber, wie wir sahen, notwendig, das heißt a priori.
Eine nicht in der Gesellschaft verwirklichte Wirtschaft gibt es nicht,
eine „reine‘“ Ökonomie, die nicht mit soziologischen Kategorien ge-
dacht würde, ist ein Unbegriff, Die Wirtschaft gehört eben zu den-
jenigen Kulturbereichen, die Gesellschaft sind, zum Unterschiede
von denen, die Gesellschaft haben. Diese beiden Gruppen sind im
wesentlichen die von Schleiermacher unterschiedenen Bereiche des
organisierenden und symbolisierenden Handelns. Die Wirtschäft ge-
hört mit Recht und Staat zum Bereiche des organisierenden Handelns
und ist deshalb Gesellschaft.
Zwölftes Kapitel
Das System
Was uns nunmehr zu tun obliegt, ist: die Mittel und Wege aus-
ündig zu machen, die imstande sind, die Nationalökonomie zu einer
selbständigen geistigen Einheit zu gestalten, die wir „Wissenschaft“
nennen. Ein Wissensaggregat wird zu einer Wissenschaft bekanntlich
dadurch, daß die einzelnen Bestandteile zu einem System zusammen-
gefügt werden. Kant, der in diesen (wissenschaftlichen) Dingen alles
gesagt hat, was gesagt werden kann, spricht von der Architektonik,
als der Kunst systematischer Vereinheitlichung der Erkenntnis. „Ich
verstehe unter einer Architektonik die Kunst der Systeme. Weil die
systematische Einheit dasjenige ist, was gemeine Erkenntnis aller-
erst zur Wissenschaft, das ist aus einem bloßen Aggregat derselben
ein System macht, so ist Architektonik die Lehre des Szientifischen
in unserer Erkenntnis überhaupt.‘ %

Wissenschaft wird also in dem schönen Bilde eines Gebäudes ge-
sehen, das aus einzelnen Bestandteilen aufgeführt wird, aber nach
einem einheitlichen Plane, der schon die Einheit des Ganzen in sich
enthält: dieser Bauplan ist das System. Zur Entwerfung des Bauplans
bedarf es nun aber einer Idee, die die mannigfaltige Erkenntnis zu
einem System zusammenfassen kann, einer Idee im Kantischen, also
nicht im ontologischen, sondern im logischen Sinne, wo Idee nicht
65 Kant, Kritik der reinen Vernunft, ed. Kirchmann, S, 640/41.
        <pb n="192" />
        N 2
© Hofhek n

so viel wie „Urbild‘“ bedeutet, sondern so viel wie ein Gedankenbild, SS
das als Denkmittel verwandt wird. Ideen sind also eine Art von Box Kinl« N
griffen, „Vernunftbegriffe‘, die nicht auf Gegenstände abzielen, die“
vielmehr theoretische Sinneinheiten erfassen, so Voraussetzungen der
Wissenschaft sind, die somit die Bedingungen wissenschaftlicher Er-
kenntnis schaffen, a prioris der Wissenschaft sind.

Es ist die „Vernunft‘‘, die das Systematische der Erkenntnis zu-
stande bringt, das heißt den Zusammenhang aus einem Prinzip.
„Diese Vernunfteinheit setzt jederzeit eine Idee voraus, nämlich die
von der Form eines Ganzen der Erkenntnis, welches vor der be-
stimmten Erkenntnis der Teile vorhergeht, und die Bedingungen
enthält, jedem Teile seine Stelle und sein Verhältnis zu den übrigen
Teilen a priori zu bestimmen. Diese Idee postuliert demnach voll-
ständige Einheit der Verstandeserkenntnis, wodurch diese nicht bloß
ein zufälliges Aggregat, sondern ein nach notwendigen Gesetzen zu-
sammenhängendes System wird. Man kann eigentlich nicht, sagen,
daß diese Idee ein Begriff vom Objekte sei, sondern von der durch-
gängigen Einheit dieser Begriffe, sofern dieselbe dem Verstande als
Regel dient.“

Die Funktion der Idee ist „da, wo der Verstand allein nicht zu
Regeln hinlangt, ihm durch Ideen fortzuhelfen, und zugleich der Ver-
schiedenheit seiner Regeln Einhelligkeit unter einem Prinzip (syste-
matische) und dadurch Zusammenhang zu verschaffen, soweit als
es sich tun läßt“. „Die Vernunft setzt die Verstandeserkenntnisse
voraus, die zunächst auf Erfahrung angewandt werden, und sucht
ihre Einheit nach Ideen, die viel weiter geht als Erfahrung reichen
kann.‘ 7

Es könnte übel angebracht erscheinen, so elementare und heute
so selbstverständliche Dinge mit schulmeisterlicher Breite hier vor-
zutragen. Bedenkt man aber, daß meines Wissens vor mir nur ein
sinziger Nationalökonom — Lorenz von Stein — das Bedürfnis
gefühlt hat, das Problem der Systembildung in unserer Wissenschaft
überhaupt aufzuwerfen, so scheint es mir doch nicht ganz über-
Nüssig zu sein, auch diese elementaren Bedingungen eines einwand-
freien Wissenschaftsbetriebes in Erinnerung zu bringen.
8 Kant, a. a. O. S. 5raf. 514. Sal.
        <pb n="193" />
        180

Der Punkt, worin wir heute von Kant abweichen, betrifft die Wahl
der systembildenden Ideen. Diese Wahl wurde nach Kant aus-
schließlich durch die formalen Bedürfnisse der Erkenntnisse be-
stimmt. „Dergleichen Vernunftbegriffe werden nicht aus der. Natur
geschöpft; vielmehr befragen ‚wir die Natur nach diesen Ideen
(d. h. mit Hilfe dieser Ideen; W. S.) und halten unsere Er-
kenntnis für mangelhaft, solange sie denselben nicht adäquat ist.‘
Kants Standpunkt wird dadurch begründet, daß er als Gegen-
stand der Erkenntnis nur die (äußere) Natur kennt. Für diese mag
das Gesagte zutreffen. Für die Erkenntnis der Kulturzusammen-
hänge gilt es nicht. Hier steht uns die Wahl der systembilden-
den Ideen keineswegs frei, sind diese vielmehr durch die Eigen-
art der Sache gegeben. Hier gilt das, was der obengenannte Lorenz
von Stein, der sich viel Mühe gegeben hat, ein System der National-
ökonomie zu finden, über das Problem ausführt®: „Es ist in aller
Wissenschaft die große Funktion dessen, was wir im Unterschiede
von einer willkürlichen oder weniger zweckmäßigen Anordnung des
Stoffes ein System nennen, gerade diesen Zusammenhang (aller Er-
scheinungen) als einen organischen und eben darum auch für jeden
Menschen täglich gegenwärtigen und wirksamtätigen darzulegen. Ein
System kann daher niemand erfinden. Es ist in seinen Elementen,
bereits auf dem Punkte gegeben, auf welchem es beginnt. Es ent-
wickelt sich daher durch sich selber.‘ Daß es diesem genialen Manne
doch nicht gelungen ist, ein lebendiges und lebensfähiges System für
unsere Wissenschaft zu schaffen: daran ist wohl seine allzutiefe Ver-
strickung in Hegelsche Gedankengänge schuld gewesen.

Halten wir Umschau nach „Ideen‘, mit deren Hilfe wir die Na-
tonalökonomie als Wissenschaft aufbauen können, so werden wir
drei Arten solcher Ideen unterscheiden müssen. Ich will sie be-
zeichnen als: ı. Grundidee, 2. Gestaltidee, 3. Arbeitsideen.
1. Die Grundidee
ı. Die Grundidee jeder Kulturwissenschaft kann nur eine jener
Ideen sein, durch die Kultur ins Leben gerufen wird und die die
%® Kant, a. a. O0. S. 512f.
6 Lorenz v. Stein, Lehrbuch der Nationalökonomie. 3. Aufl. 5. goß.
        <pb n="194" />
        181
besonderen Sphären der Kultur bestimmen und abgrenzen: Recht,
Staat, Sprache, Kunst usw. Jene Ideen, die ein Urphänomen erfassen
und den Geist in einem seiner Wesenszüge widerspiegeln. Für die
Nationalökonomie ist diese inhaltbestimmende,  abgrenzende Idee die
Idee der Wirtschaft in dem bereits umschriebenen Sinne. Ich will
ihren Inhalt nun noch etwas genauer dahin bestimmen, daß Wirtschaft
jene Aufgabe des Menschen bezeichnet, die ihm bei der Vertreibung
aus dem Paradiese auferlegt wurde: im Schweiße seines Angesichts
sein Brot zu essen, das heißt in beständigem Ringen mit den Natur-
gewalten, in beständiger Spannung zwischen Bedürftigkeit und Be-
friedigtheit, zwischen „Bedarf und Deckung‘“ den wesentlichsten Teil
seines Lebens zu verbringen. Wenn wir diesen Inhalt der Wirtschaft
voll ausschöpfen, so finden wir, daß stets drei Bestandteile darin ent-
halten sind:

a) Die Wirtschaftsgesinnung oder der subjektive Geist; das
heißt: der Inbegriff der die wirtschaftenden Menschen bestimmenden
Zwecksetzungen, Beweggründe und Verhaltungsregeln.

b) Geordnetheit: Alles wirtschaftliche Handeln ist „wirksames“
Handeln und somit, da der Mensch — seinem Wesen nach, wie wir
sahen — in Gesellschaft lebt, ein Handeln zwischen mehreren Men-
schen. Sobald aber ein vernünftiges Handeln unter mehreren erfolgt,
bedarf der (subjektive) Plan, der ihm zugrunde liegt, einer Objekti-
vierung, wodurch allein er richtungweisend für die mehreren wird.
Einen objektivierten Plan nennen wir aber eine Ordnung. Geordnet-
heit ist daher der zweite Bestandteil, den das Wirtschaften enthält.
Wir können ihn gleichsam als die Form des Wirtschaftslebens be-
zeichnen.

c) Technik: Da es sich bei der Wirtschaft um Sachgüterbeschaf-
fung handelt, so muß der Mensch Mittel anwenden, Dinge der
äußeren Natur seinem Bedarfe gemäß zu gestalten. Diese Mittel oder
dieses Verfahren nennen wir Technik. Sie bildet gleichsam den
Stoff des wirtschaftlichen Prozesses.

Baumwollspinnen beispielsweise ist ein Vorgang des Wirtschafts-
lebens. Zu ihm gehört: die Zwecksetzung des Wirtschaftssubjektes,
gehören die Maximen, die dessen Verhalten bestimmen: ob Geld-
erwerb. ob Bedarfsbefriediegung das Ziel ist, ob der Betrieb rationa-
        <pb n="195" />
        182
listisch oder traditionalistisch gestaltet ist usw. Zu ihm gehört ferner
der. Verkehr mit den Arbeitern und der Kundschaft, der sich nach
Regeln abspielt, die aus einer dem Wirtschaftssubjekte gesetzten
Ordnung folgen (Vertragsabschlüsse usw.). Zu ihm gehört aber auch
der ganze Prozeß des Baumwollspinnens selbst: Herrichtung des Roh-
stoffes, Bearbeitung des Rohstoffes mittels einer Maschinerie oder
mittels Werkzeugen, Verpackung und Versendung des Rohstoffes oder
des fertigen Erzeugnisses usw.

Es ist ersichtlich, daß bei dieser Auffassung die Gegenüberstellung
von Wirtschaft und Technik keinen Sinn hat. Wirtschaft und Tech-
nik liegen auf zwei verschiedenen Ebenen. Wirtschaft ist ein Kultur-
bereich, Technik eine Verfahrensweise. Es gibt keinen mundus tech-
nicus neben einem mundus oeconomicus. Wer von Wirtschaft und
Technik als einem Gegensatzpaar spricht, gebraucht das Wort Wirt-
schaft in einem anderen Sinn, als es hier geschieht. Nämlich im Sinne
eines bestimmten Verhaltens. In dieser Bedeutung kann man in der
Tat den Begriff Wirtschaft dem Begriff Technik gegenüberstellen:
es gibt ein spezifisch „wirtschaftliches“ und ein spezifisch „techni-
sches‘ Verhalten, die man (nach der treffenden Formulierung von
Andreas Voigt) als einerseits Zweckwahl bei gegebenen Mitteln,
andererseits Mittelwahl bei gegebenem Zweck bezeichnen kann. Nur
muß man sich bewußt sein, daß diese verschiedene Einstellung auf
jedem Gebiete menschlichen Handelns möglich ist. Der zum Tode
Verurteilte in Dostojewskis Roman, der sich überlegt, wie er am
zweckmäßigsten die letzten ihm noch ‘verbleibenden fünf Minuten
seines Lebens ausfüllen soll, denkt und handelt ‚„wirtschaftlich‘‘.
Die Lebensgeschichte Casanovas hingegen ist in ihren wesentlichen
Bestandteilen ein Traktat der (Liebes-)Technik: vgl. das im ersten
Kapitel Gesagte.

Aber diese Grundidee reicht noch nicht hin, um eine Kultur-
wissenschaft zu begründen, das heißt aber, wie wir festgestellt
haben: ihr ein System zu geben. Dazu bedarf es dessen, was ich

3, Die Gestaltidee
nenne, deren Wesen und Aufgabe wir uns durch folgende Erwä-
gungen klarmachen können.
        <pb n="196" />
        183
Die Idee der Wirtschaft ist ein raum- und zeitloser Vernunfit-
begriff: sie erfaßt ungestalteten, objektiven Geist. Nun ist aber „,Wiri-
schaft‘ im Sinne von Wirtschaftsleben ein räumlich und zeitlich
yvebundener Tatsachenkomplex. Alle Kultur, somit auch alle Wirt-
schaft, wenn sie wirklich ist, ist Geschichte. Die Idee der Wirt-
schaft konkretisiert sich also immer in bestimmten, historischen Er-
scheinungen: die Wirtschaft in der Geschichte nimmt stets Gestalt
an; ist gestalteter, objektiver Geist. Wie es keine Religion, keine
Kunst, keine Sprache, keinen Staat „in abstracto‘“ (außer in der Idee)
gibt, sondern immer nur eine bestimmte Religion, eine bestimmte
Kunst, eine bestimmte Sprache, einen bestimmten Staat, so gibt es
auch keine Wirtschaft in abstracto, sondern immer nur eine ganz
bestimmt geartete, historisch besondere Wirtschaft.

Aufgabe aller Kulturwissenschaften ist es nun, Mittel und Wege zu
finden, die von ihnen bearbeiteten Kulturerscheinungen in ihrer ge-
schichtlichen Besonderheit zu erfassen. Es gilt, ein bestimmtes
Kulturgebiet dadurch gleichsam wissenschaftsreif zu machen, daß
man lernt, durch Heraushebung seiner historischen Konkretheit seine
Stellung in der Geschichte zu bestimmen und es in seiner Eigenart
von anderen Verwirklichungen derselben Kulturidee zu unterscheiden.
Das erreicht man abermals mit Hilfe einer an den Tatbestand heran-
getragenen Idee, die aber in diesem Falle keine abgrenzende, sondern
eine gestaltende Funktion "auszuüben berufen ist.

So bedienen sich beispielsweise die Sprachwissenschaft der Idee
der inneren Sprachform, die Religionswissenschaft der Idee des Dog-
mas, die Kunstwissenschaft der Idee des Stils, um die jeweilige histo-
rische Eigenart eines von ihnen untersuchten Kulturgebietes zu. be-
stimmen.
Einer solchen gestaltenden Idee, mittels deren sie ihren Stoff zu
Systemen zu ordnen vermag, bedarf nun die Wirtschaftswissenschaft
ebenfalls. Eine solche Idee ist berufen, das Wirtschaftsleben einer
bestimmten Zeit in seiner grundsätzlichen Eigenart zu erfassen,
es zu unterscheiden von der Gestaltung der Wirtschaft in anderen
Wirtschaftsepochen und damit große historische Perioden der
menschlichen Wirtschaft abzugrenzen.
        <pb n="197" />
        184
Ich habe. an anderer Stelle” die (meist unbewußt) bisher ange-
stellten Versuche geschildert, die gemacht worden sind, eine solche
Gestaltidee für die Wirtschaftswissenschaft ausfindig zu machen und
habe dort auch nachzuweisen versucht, weshalb alle diese Versuche
fehlgeschlagen sind.

Eine Idee, die imstande sein soll, die wirtschaftlichen Erschei-
nungen zu einem System zu gestalten, muß sich unmittelbar aus der
Idee der Wirtschaft selber ableiten. Sie muß alle der Wirtschaft
wesentlichen Züge einschließen und muß diese einzelnen Züge zu
einer Einheit zusammenfassen. Nun aber nicht in ihrer abstrakten
gedanklichen Form, sondern in ihrer konkreten. historischen Be-
stimmtheit.

Diesen Anforderungen genügt die Idee des Wirtschafts-
systemes.

Unter einem Wirtschaftssysteme verstehe ich eine als sinnvolle
Einheit erscheinende Wirtschaftsweise, bei welcher die Grundbestand-
leile der Wirtschaft je eine bestimmte Gestaltung aufweisen.

Wir erinnern uns, welches die den Begriff der Wirtschaft bildenden
Grundbestandteile sind:

1. die Wirtschaftsgesinnung;
2. die Ordnung;
3. die Technik.
Danach können wir den Begriff des Wirtschaftssystems genauer
bestimmen: es ist die als geistige Einheit erfaßte Wirtschaftsweise,
die 1. von einer bestimmten Wirtschaftsgesinnung beherrscht; 2. eine
bestimmte Ordnung und Organisation hat und 3. eine bestimmte
Technik anwendet. ,

Dieser Begriff des Wirtschaftssystems erfüllt in der Tat alle An-
lorderungen, die wir an eine oberste, systembildende Idee stellen
müssen. Er ist umfassend genug, um alle Seiten des Wirtschafts-
lebens in sich aufzunehmen, und leistet damit fruchtbarere Arbeit
als die Einzelmerkmale, die in den früheren Versuchen der Syste-

70 Siehe meine Schrift: Die Ordnung des Wirtschaftslebens. 2. Aufl. 1927.
Dortselbst ist das Problem des „Wirtschaftssystems‘ als der GGestaltidee der
Nationalökonomie ausführlich behandelt.
        <pb n="198" />
        185
matisierung die Rolle einer systembildenden Idee spielen sollten und
naturgemäß immer nur einzelne Seiten des Wirtschaftslebens zu
kennzeichnen in der Lage waren. Er ist auf der anderen Seite be-
stimmt genug, um die historische Konkretheit des Wirtschaftslebens
zu erfassen und erweist sich dadurch den rein formalen Ideen, wie
der der Volkswirtschaft oder der Tauschgesellschaft in seiner system-
bildenden Kraft überlegen. Er ist endlich allgemein genug, um auf
alle erdenklichen Wirtschaftsverfassungen von den primitivsten bis
zu den höchstentwickelten angewandt zu werden.

Es gibt so viele Wirtschaftssysteme, als es sinnvolle Möglichkeiten
der Gestaltung des Wirtschaftslebens gibt. Diese Möglichkeiten sind
beschränkt durch die Beschränktheit der Möglichkeiten der Gestal-
lung jedes Grundbestandteils der Wirtschaft und abermals beschränkt
durch die Beschränktheit der Möglichkeiten sinnvoller Vereinigung
jener Gestaltungsmöglichkeiten.

Wie das zu denken ist, führe ich im 13. Kapitel noch näher aus:
siehe Seite 206£f.

Hier will ich nur noch einmal mit aller Entschiedenheit betonen,
daß mit der Idee des Wirtschaftssystems die Nationalökonomie als
Wissenschaft steht und fällt. Ohne Gestaltidee ist sie überhaupt keine
Wissenschaft, und eine andere, gleichverwertbare Gestaltidee als die
des Wirtschaftssystems gibt es nicht. Diese Idee und sie allein wird
eben den in der „Sache‘““ selbst gelegenen Anforderungen gerecht.
Ich sagte oben schon: die Kulturwissenschaft ist nicht frei in der
Wahl ihrer Ideen, wenigstens nicht in der Wahl der Grundideen und
der Gestaltideen.
Etwas anders ist unsere Stellung mit Bezug auf
3. Die Arbeitsideen

Unter Arbeitsideen verstehe ich solche Vernunftbegriffe, die uns
dazu dienen sollen, innerhalb des von Grund- und Gestaltidee
geschaffenen Rahmens den nationalökonomischen Erkenntnisstoff
zu gliedern. Es sind also bestimmte Betrachtungsweisen, ‚„Einstel-
lungen“, Fragestellungen, „Leitfaden für die Beobachtung“ (Kant),
heuristische Prinzipien der Forschung, die sich von den gewöhnlichen
Arheitshypothesen nur durch ihre umfassende Geltung und ihre
        <pb n="199" />
        186
ständige Verwendung unterscheiden. Es sind in der heute üblichen
Sprechweise „Fiktionen‘‘, Als-ob-Konstruktionen.

Solche Arbeitsideen bieten sich uns in größerer Menge dar und
sie gestatten eine gewisse subjektive Willkür in der Auswahl. Sie
stehen zueinander in verschiedenem Verhältnisse: teilweise ergänzen
sie sich, teilweise schließen sie sich aus.

Ich gebe im folgenden einen kurzen Überblick über die wichtigsten
Arbeitsideen. Dabei wird der Leser alsobald feststellen können, daß
die einzelnen Begriffe, die ich ihm vorführen werde, ihm durchaus
geläufig sind, und daß er sich nur gewöhnen muß, sie als Arbeits-
ideen zu erkennen und gelten zu lassen. Die neue Verwendung dieser
Denkkategorien wird ihm anfangs vielleicht einige Schwierigkeiten
bereiten.

Ich unterscheide folgende Arten von Arbeitsideen:

a) Ideen zur Erfassung der Zuständigkeit des Wirtschafts-
lebens, man könnte vielleicht auch sagen: zur zweckmäßigen An-
ordnung der Phänomene in der Zeit.

Seit J. Stuart Mill ist ein sehr beliebtes Schema, in das man den
nationalökonomischen Stoff einordnet, die Unterscheidung von
Statik und Dynamik des Wirtschaftslebens. Vor allem die amerika-
nischen Nationalökonomen, wie J. B. Clark", arbeiten mit Vorliebe
mit ihnen, und was den Amerikanern in Europa Gefolgschaft leistet,
wie z. B. Jos. Schumpeter/Es ist zweifellos das dürftigste Schema,
da es nur die ziemlich nichtssagenden Kategorien: „so sein‘ und
„anders werden‘ zum Inhalte hat [be seine Verwendung ist statt-
haft, vorausgesetzt, daß sie in methodisch einwandfreier Weise ge-
schieht, was leider keineswegs immer der Fall ist. Allzuhäufig nämlich
werden die Arbeitsideen: statischer und dynamischer Zustand ver-
mengt mit den Realbegriffen Beharrung und Veränderung, und der
Autor spricht von der Statik und meint Traditionalismus, von Dyna-
mik und meint Progressismus. Wenn ich das Schema als solches,
d. h. als Arbeitsidee verwenden will, muß ich mir stets bewußt
bleiben, daß ihm keinerlei Erfahrungstatsache entspricht,
daß ich vielmehr einen Zustand — mag er einem traditionalistischen
AB. Clark, The distribution of wealth. 1899; idem, Essentials of Econo-
mics. Beide Bücher sind öfters aufgelegt.
        <pb n="200" />
        187
Wirtschaftsleben angehören oder einem progressistischen — be-
trachte „als ob‘ er statisch oder „als ob“ er dynamisch sei. Durchaus
einwandfrei ist die Art, wie Mill sich dieses Schemas. bedient.

Der zweite Umstand, der beachtet werden muß, wenn man
sich mit Vorteil des Schemas: statisch — dynamisch bedienen will, ist
lieser: daß die Begriffe Statik und Dynamik nur dann Sinn haben,
wenn sie mit Bezug auf ein bestimmtes Wirtschaftssystem,
also im Rahmen unserer Gestaltidee, verwendet werden. Es ist ein
gründlicher Irrtum, den die heutigen sogenannten „Theoretiker‘“ der
Nationalökonomie sehr oft begehen — auch bei dem klugen Clark
findet er sich —, daß sie meinen: zu inhaltlicher Bestimmung eines
Wirtschaftszustandes genüge es, ihn als „statisch‘“ oder „dynamisch“
zu bezeichnen. Es spielt hier die oben gerügte Verwechslung von
Vernunftbegriff und Erfahrungsbegriff hinein. Jene Autoren sollten
sich doch darüber klar sein, daß „eine dynamische Wirtschaftsgesell-
schaft“ („a dynamical economic society“ bei Clark), das heißt eine
„Wirtschaftsgesellschaft‘“ mit: zunehmender Bevölkerung, zunehmen-
dem Kapital, technischem Fortschritt, Neuorganisation, Neugestaltung
des Bedarfs ganz und gar nicht wesentlich gekennzeichnet ist. Diese
Merkmale kann ebensogut eine „kapitalistische‘“‘ wie eine „sozialisti-
sche‘ Gesellschaft aufweisen, und offenbar trägt sie im einen und im
anderen Falle ein grundverschiedenes Gepräge. Erst wenn ich weiß,
um was für ein Wirtschaftssystem es sich handelt, fasse ich
Probleme einer ganz bestimmten Prägung, wenn ich dieses Wirt-
schaftssystem je im Zustand der Ruhe oder der Veränderung be-
trachte.
Verwandt mit den eben besprochenen — aber sehr viel tiefer —
sind die Ideen der Aktualität und Potenzialität, wie man die
beiden Auffassungen nennen könnte, nach denen das Wirtschafts-
leben entweder als eine Summe schon gezeitigter Ergebnisse oder als
ein Inbegriff von Möglichkeiten betrachtet wird: der „Reichtum“
in actu als Gütermenge oder in potentia als produktive Kräfte. Ich
habe an einer anderen Stelle‘? dargetan, daß sich durch diese ver-
schiedene Einstellung die Nationalökonomie der Klassiker und der

7 Siehe meinen „Modernen Kapitalismus‘. Bd. IL. S. 913,
        <pb n="201" />
        188
Merkantilisten in einem sehr wichtigen Punkte voneinander unter-

scheidet.

Eine fruchtbare Arbeitsidee zur Ordnung der Phänomene in der
Zeit ist endlich die Idee der Entwicklung. ‘Unter Entwicklung,
wenn wir dem Worte einen vernünftigen Sinn geben wollen, haben
wir immer zu verstehen die Annäherung eines Zustandes an eine Idee,
oder: die zunehmende Verwirklichung einer Idee in der Geschichte.
Ich darf darauf hinweisen, daß diese Arbeitsidee der Entwicklung
meine gesamte Darstellung im „„Modernen Kapitalismus“ beherrscht.

Die zweite Gruppe‘ von Arbeitsideen, deren sich die Nationalöko-
aomie bedient (oder bedienen soll), sind

b) Ideen zur Erfassung der ökonomischen Verbundenheit,
gleichsam also: zur Anordnung der Erscheinungen im Raum. Diese
Ideen verfolgen den Zweck, uns die Art und Weise zu verdeutlichen,
wie die wirtschaftenden Menschen zueinander in Verbindung treten,
in welchem Verhältnis von Über- und Untercrdnung die einzelnen
wirtschaftlichen Phänomene zueinander stehen. Sie gehen alle zurück
auf das Ideenpaar Organismus — Mechanismus. Man stellt sich
das Wirtschaftsleben vor: entweder als einen Organismus, das heißt
als ein mit Eigenleben erfülltes, selbständig wachsendes, aus lebendi-
gen Gliedern bestehendes, natürliches Gebilde ; oder als Mechanismus,
das heißt als ein aus leblosen Körpern zusammengesetztes, in seinem
Bestande unveränderliches Kunstgebilde. Die Verwendung dieser
Arbeitsideen ist zulässig. Aber man soll sich (wie der Arzt, der dem
Kranken Gift zu Heilzwecken verordnet) bewußt bleiben, daß ihr
Gebrauch nicht ungefährlich ist, weil unkritische Köpfe bei ihnen

besonders leicht vergessen, daß sie es mit Fiktionen zu tun haben.
Natürlich ist das Wirtschaftsleben weder ein Organismus noch ein
Mechanismus, sondern ein Gebilde eigener Art, dessen Bestandteile
lebendige Menschen sind und das wir nur betrachten, „als ob“ es ein
Organismus oder ein Mechanismus wäre.

Zweckmäßiger ist es, besondere auf die Wirtschaft als Kultur-
tatsache bezogene Begriffe aus dem genannten Gegensatzpaar abzu-
leiten, Das geschieht beispielsweise bei den im Gebiete der allgemeinen
Soziologie viel verwandten Arbeitsideen, die an den Namen Tönnies
        <pb n="202" />
        189

anknüpfen: Gemeinschaft und Gesellschaft, deren sich aber
auch die Nationalökonomie mit Nutzen bedienen kann.

Es geschieht aber auch bei zwei in unserem Jahrhundert heraus-
gebildeten Leitideen, die mit ganz besonderer Vorliebe in unserer
Wissenschaft Verwendung finden: der Idee der Tauschgesell-
schaft und der der Volkswirtschaft. Jene veranlaßt uns, uns die
menschliche Wirtschaft vorzustellen ’als eine amorphe, nur durch
Vertragschließung auf dem Markte zusammengehaltene Summe von
Individuen, als nur äußere Einheit; diese dagegen, die Idee der Volks-
wirtschaft, läßt eine als lebendige Einheit gedachte wirtschaftende
Volksgemeinschaft vor unserem geistigen Auge erstehen, lehrt uns
alle Teilvorgänge des Wirtschaftslebens immer nur als Äußerungen
eines gleichsam lebendigen Körpers, der von einem Gesamtgeiste er-
füllt ist, ansehen, fordert uns auf, alle Einzelerscheinungen stets auf
das Ganze auszurichten, von dem allein sie ihre Bedeutung und ihren
Sinn empfangen.

Ich habe oben bereits kurz darauf hingewiesen ”?, daß diese beiden
Ideen sich als gestaltende Ideen der Nationalökonomie nicht eignen,
daß sie diese vielmehr voraussetzen. Dessen wollen wir an dieser
Stelle noch einmal recht lebendig inne werden. Die Idee der Tausch-
gesellschaft ist von vornherein auf ganz bestimmte Wirtschafts-
systeme — die Systeme mit Verkehrswirtschaft, deren es mehrere
gibt — zugeschnitten: die Idee des Wirtschaftssystems schwingt also
bei der Benutzung dieser Arbeitsidee von selbst immer mit. Nicht
dasselbe ist der Fall bei der Idee der Volkswirtschaft: hier müssen
wir uns vielmehr immer erst durch einen bewußten Aktus den Cha-
rakter des Wirtschaftssystems hinzudenken, das wir unter dem Ge-
sichtspunkt der Volkswirtschaft betrachten wollen. Offenbar gibt es
eine kapitalistische und eine sozialistische Volkswirtschaft. Erst wenn
wir wissen, welche wir meinen, können wir sachgemäß irgendwelche
Probleme behandeln. Man nehme etwa das Problem der produktiven
Kräfte, das ein spezifisch „volkswirtschaftliches‘‘ ist: es gewinnt ganz
einen anderen Sinn, ob ich die produktiven Kräfte innerhalb dieses

m

7? Ausführlich in meiner „Ordnung des Wirtschaftslebens‘. S, 6.
        <pb n="203" />
        190
oder jenes Wirtschaftssystems in Betracht ziche, z. B. praktisch zu
entwickeln mir angelegen sein lasse.

Die mit diesem Vorbehalt (ihrer Einordnung in den Rahmen eines
Wirtschaftssystems) sehr vorteilhaft verwendbaren Ideen der Tausch-
gesellschaft und der Volkswirtschaft sind für die Nationalökonomie
von großer Bedeutung. Sie schließen einander nicht aus, sondern er-
gänzen recht eigentlich einander. Wir müssen uns immer mehr zum
Bewußtsein bringen, daß wir sie beide gebrauchen, um der Probleme
unserer Wissenschaft Herr zu werden. Diese lassen sich teils mit jener,
teils mit dieser Idee vorteilhafter lösen. Es gibt spezifisch tauschgesell-
schaftliche und spezifisch volkswirtschaftliche Probleme. Zu jenen ge-
hören alle Marktprobleme: Geld, Tausch, Kredit, Konjunktur; aber
auch alle spezifisch kapitalistischen Probleme wie Kapital, Unterneh-
mung, Profit, Arbeitslohn usw.; zu diesen: das schon genannte Pro-
blem der produktiven Kräfte, das Verhältnis der Produktions-Stufen
and -Zweige, Zahlungs- und Handels-Bilanz, Standort usw.

Verwunderung wird es erregen, wenn ich an diese Stelle des
Systems

c) die Wertideen verweise. Und doch haben sie, wenn überhaupt
irgendwo, so hier unter den Arbeitsideen der Nationalökonomie ihren
Platz, da der Substanzbegriff, den sie in der naturwissenschaftlichen
Nationalökonomie vertreten, wie wir oben gesehen haben (S. 128f.),
in einem System der verstehenden Nationalökonomie keine Stätte hat.
Der unerträgliche Zustand der Verwirrung, in den unsere „Wert-
theorien‘“ geraten sind, hat darin seinen Grund, daß man nicht all-
gemein zu der Einsicht durchzudringen vermag, daß das, was wir
den wirtschaftlichen „Wert‘“ nennen, keineswegs eine psychologische
oder sonstwie reale Tatsache, sondern ein theoretisches Apriori des
nationalökonomischen Denkens ist, ein von dem Forscher an ‘die
Erscheinungen herangebrachter Gesichtspunkt. Das gilt für die „sub-
jektivistischen‘“‘ Werttheorien nicht minder als für die „objektivisti-
schen‘. Sollen jene irgendwelchen Sinn haben, so bedeuten sie, daß
wir die wirtschaftenden Menschen betrachten, „als ob‘“ sie sich bei
ihren Handlungen vom „Grenznutzen‘‘ leiten ließen, während der
Sinn der objektivistischen Werttheorien der wäre, daß wir die Wirt-
schaftsgesellschaft betrachten, „als ob“ sie lediglich durch die in den
        <pb n="204" />
        91
Gütern enthaltene „absirakt menschliche Arbeit‘ verbunden wäre und
in ihrer Struktur bestimmt würdet.

Auch die beiden Wertideen, die Nutz-Wert- und die Arbeits-Wert-
Idee, schließen sich nicht aus, sondern ergänzen einander: es gibt
wiederum Probleme, die wir besser mit Hilfe jener lösen: wie alle
Tauschprobleme, das Problem des Arbeitsplans (Zweckwahl); wäh-
rend andere nur mit Hilfe der Arbeitsidee gelöst werden können,
wie alle eigentlichen Produktionsvorgänge, die Probleme des Volks-
reichtums, die Ertragsgesetze, Probleme des Nahrungsspielräums
usw. Ob wir den abgegriffenen und so sehr kompromittierten
Ausdruck „Wert“ für diese Arbeitsideen beibehalten sollen, ist mir
allerdings schr zweifelhaft.
Dreizehntes Kapitel
Das Verstehen
Vorbemerkung
Das in diesem Kapitel abgehandelte Problem, das gleichsam im Mittelpunkt
der gesamten in diesem Buche angestellten Erörterungen steht, habe ich bereits
zum Gegenstand eines Vortrages auf der sechsten Tagung der Deutschen Gesell-
schaft für Soziologie im September 1928 in Zürich gemacht, an den sich dann
eine Aussprache ‘angeschlossen hat. Vortrag und Diskussion sind stenographiert
worden, und das Stenogramm liegt jetzt gedruckt vor in dem 6. Band der Schriften
der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. 1929. Der Inhalt dieses Kapitels ist
jedoch unabhängig, das heißt ohne Rücksichtnahme auf den gehaltenen Vortrag
aus meinen Aufzeichnungen niedergeschrieben. Er bringt keine wesentlichen Ver-
inderungen in der Gedankenführung, insbesondere hat mich die Aussprache über
meinen Vortrag in Zürich, soviel Bemerkensweries sie bot, zu keiner Änderung
veranlaßt. Dagegen sind in der vorliegenden Fassung verschiedene Gedankenkeime
weiter entwickelt, einige neue Punkte sind berücksichtigt, und das Ganze ist auf
den Problemkreis der Wirts”haftssoziologie (Nationalökonomie) eingeschränkt
worden, während meine Zürich: Ausführung ja die gesamte Soziologie betraf.

Angesichts der Wichtigkeit und der Unausgetragenheit des Prohlems führe ich
noch einige

74 Für die Marxsche „Wert‘theorie habe ich schon vor cinem Menschen-
alter nachgewiesen, daß sie nur als „Fiktion“ (ein Kunstausdruck, den es damals
aoch nicht gab) aufrechterhalten werden, als solche aber nützliche Dienste leisten
könne. Siehe meinen Aufsatz „Zur Kritik des ökonomischen Systems von Karl
Marx‘ im Archiv für Sozialwissenschaft usw. Bd. VII. 1894, und vgl. dazu die
Berliner In.-Diss. von A. Sommer, Die Maßfunktion der Arbeit. unter be-
sonderer Berücksichtigung des Arbeitsgeldes, 1929.
        <pb n="205" />
        192
Literatur
an.

Zunächst kommen alle in den Anmerkungen 21—42 aufgeführten Schriften
in Betracht, denen die folgende Auswahl als Ergänzung dient: F. Tönnies,
Philosophische Terminologie, 1906. H. Swoboda, Verstehen und Begreifen in
der Vierteljahrsschrift für wiss. Phil. Band 27 (die Terminologie des Verf. weicht
von der üblichen ab). M. Frischeisen-Köhler, Das Realitätsproblem (1912),
S. 5off., 85ft. B. Erdmann, Erkennen und Verstehen. 1913. M. Weber, Über
einige Kategorien der verstehenden Soziologie im „Logos“, Band IV. H. L. Stol-
tenberg, Sozippsychologie (1914), S. 27£. W. Köhler, Geist und Freiheit.
1914. Max Scheller, Ethik (1916), S. 438, 496£., 550; derselbe, Zur
Phänomenologie der Sympathiegefühle (71913), S. 5. und Anhang; 2. Aufl. unter
dem Titel Wesen und Formen der Sympathie. 1923. G. Simmel, Vom Wesen
des historischen Verstehens. 1918. Br. Bauch, Logos und Psyche im „Logos“,
Band XV, S. 173ff. (Anseinandersetzung mit Rich. Kroner). M. Wirth, Zur
Kritik einer verstehenden Psycholugie der Weltanschauung im Archiv für Psycho-
logie, Band 43. Verhandlungen des Internationalen Psychologenkongresses in
Groningen: 1925 (Thema: Erklären und Verstehen). Gaston Roffenstein,
Das Problem des psychologischen Verstehens. 1926. A. Stein, Der Begriff des
Verstehens bei Dilthey. 1926, Mart. Heidegger, Sein und Zeit, I. 7g26. Das
Buch verdient auch in einer Übersicht über die Literatur zum Verstehens-
problem genannt zu werden, da es in seiner Gänze geradezu als ein Traktat des
Verstehens angesehen werden kann. H. hat als erster es unternommen, eine „ver-
stehende“ Ontologie (mit allen ihren Vorzügen, aber auch mit ihren Grenzen) zu
schreiben, wobei wir freilich den Begriff des Verstehens über den ihm hier unter-
legten Sinn hinaus erweitern müssen zu dem, was H. „ein fundamentales Kxistenz-
ziel“ nennt (S, 336). H,. definiert „Verstehen“ als „die genuine Zueignung des
Seienden‘ (S. 170), als „das sich entfernende Sein zum eigensten Seinkönnen“
(S. 19x), als „„Erschlossenheit‘“ des Daseins (S..230). In Vulgärdeutsch könnte
man elwa sagen: Verstehen heißt das Sich-in-der-Welt-Zurechtfinden des Daseins,
zu dem ein theoretisches und ein praktisches Verhalten gehört: das praktische
bedeutet ein Können (verstehen == etwas verstehen == „sich auf etwas verstehen‘),
das theoretische ein Wissen in dem Sinne, in dem wir hier das Wort verwenden. —
R. Müller-Freienfels, Zur Psychologie des Verstehens in der Zeitschrift für
angewandte Psychologie, herausgegeben von W. Stern und O0, Lipmann. Band 31
(x928), S. 410—470; eine ausgezeichnete Zusammenfassung der mit dem Ver-
stehen verbundenen psychologischen Probleme, die für uns peripher liegen.
W. Switalski, Deuten und Erkennen. 1928; die klare Auseinandersetzung des
Aristotelikers und Thomisten mit unserem Problem. Leopold v. Wiese, Das
Verstehen (Bemerkungen zu Werner Sombarts Vortrag auf dem sechsten
Soziologentag) in den Kölner Vierteljahrsheften für Soziologie. 8. Jahrgang.

1929.
        <pb n="206" />
        193
1. Der Begriff des Verstehens

Von der Eigenart der Erkenntnisweise, die wir ‚Verstehen‘ nennen,
hat die ganze Richtung der Nationalökonomie, um deren Klarstellung
es mir in diesem Abschnitte zu tun ist, den Namen „verstehende‘‘
Nationalökonomie erhalten. Es ist darum von ganz hervorragender
Wichtigkeit, daß wir uns mit dem Begriffe des Verstehens gut und
vollständig auseinandersetzen, das heißt also uns die Eigentümlich-
keiten der verstehenden Erkenntnis klar zum Bewußtsein bringen
als derjenigen wissenschaftlichen Erkenntnisart, die den Kultur-
erscheinungen gegenüber ebenso am Platze ist wie das „Be-greifen“.
das heißt das äußerliche Ordnen gegenüber den Naturerscheinungen.
Worin der grundsätzliche und tiefe Unterschied zwischen Natur-
erkennen und Kulturerkennen besteht, werden wir am besten einzu-
sehen vermögen, wenn wir zunächst einmal eine Reihe von Erkenntnis-
problemen der Natur und der Kultur (die ich hier nur in ihrer
sozialen Gestalt in Rücksicht ziehen will) ähnlichen Inhalts gegen-
überstellen und auf ihren Gehalt hin prüfen.
Es seien die Aufgaben gestellt: zu erkennen auf dem Gebiete der
Natur: Kultur (Gesellschaft):

t. das Durcheinanderspringen von: ıa das Durcheinanderspringen

Kätzchen auf dem Boden; von Fußballspielern auf der
Sportwiese;

2. die Umdrehung der Erde um 2a das Kreisen des Tänzers um
die Sonne; die Tänzerin:

3. das Durcheinanderschwatzenin 3a das Durcheinanderschwatzen
einer Versammlung von Staren in einer Ansammlung von
vor ihrem Abzug; Menschen;

4.das Durcheinanderlaufen der 4a das Durcheinanderlaufen der
einzelnen Ameisen in einem Menschen in der Straße einer
Ameisenhaüfen; Großstadt;

5..die Bildung einer „Phalanx‘‘ 5a die Bildung einer Phalanx im
fliegender Wildgänse; Hoplitenheere;

5. die Entstehung eines neuen Ba die. Entstehung eines neuen
chemischen Körpers durch Ver- Unternehmens durch Fusion
einigung zweier Elemente. zweier alter Unternehmungen.

Sombart, Die drei Nationalökonomien 13
        <pb n="207" />
        194
Wie erkenne ich in der ersten Reihe der Fälle, wie in der zweiten?
Was „weiß“ ich auf Grund meiner „Erkenntnis“ dort? Was weiß
ich hier?
Der Unterschied ist doch wohl dieser:

Bei allen Naturerscheinungen stehe ich einem „Rätsel‘ gegen-
über, das mit Bestimmtheit zu lösen mir versagt ist; alle Natur-
erscheinungen bleiben für mich ein „Wunder“, in dessen Tiefe mein
Verstand nicht einzudringen vermag. Das habe ich bereits darzutun
versucht. Gehen wir die Probleme ı bis 6 der Reihe nach in Ge-
danken durch!

Auf die wichtigste Frage: Warum geschieht das alles in der
Natur?, vermag uns kein Weiser zu antworten. Und wenn wir wirk-
lich eine Antwort zu geben versuchen, auf die ja die „exakten“
Naturwissenschaften (Fall 2 und 6) längst verzichtet haben, wie wir
ebenfalls bereits feststellen konnten, so bleiben das „Vermutungen“,
die keinen anderen Sinn haben.als den: die beobachteten Erschei-
nungen in unserem Verstande zu „ordnen“, wenn wir etwa annehmen,
daß die Ameisen sich das Material zu ihrem Bau heranschleppen
oder daß die Wildgänse im Dreieck fliegen, um den Luftdruck zu
verringern, Der Zusammenhang kann auch ein völlig anderer sein.
Jedes Jahr tritt eine neue Hypothese auf, wie dieser oder jener Vor-
gang in der Natur zu „erklären“ sei. ;

Demgegenüber befinde ich mich in allen Fragen der Kulturerkennt-
nis in einer grundsätzlich anderen Lage: hier weiß ich in allen
Fällen, warum es geschieht, warum es gerade jetzt geschieht, warum
es so geschieht, wie es geschieht. Eine Prüfung der sechs aufgeführten
Fälle za bis 6a erweist es mit aller nur wünschbaren Deutlichkeit:

ra ich kenne die Regeln des Fußballspiels: es soll ein Ball durch
ein Tor getrieben werden, also werden alle Anstrengungen
von der einen Partei gemacht, den Durchtrieb zu bewirken,
von der anderen, ihn zu verhindern: deshalb springen sie
durcheinander. Ich weiß auch, was die Spielenden veranlaßt,
sich jetzt zu betätigen: vielleicht üben sie für einen Wett-
bewerb oder dergleichen;
        <pb n="208" />
        195
2a ich kenne die Tanzregeln;

3a ich weiß, daß die Menschen sich unterhalten wollen oder ihre
Meinung zur Geltung bringen, oder die Versammlung stören
wollen usw.;

4a ich weiß, daß jeder Mensch zu Fuß oder zu Wagen einem be-
stimmten Ziele zustrebt: er sagt es mir auch, wenn ich ihn
frage;

5a die wohldurchdachte Heeresordnung schrieb die Aufstellung
der Hopliten in Phalanxstellung vor: diese Heeresordnung
kenne ich;

6a zahlreiche Gründe haben die Vertreter zweier Firmen ver-
anlaßt, ihre Unternehmungen zu verschmelzen, nun kommen
sie zusammen und setzen in langer Beratung den Vereinigungs-
vertrag auf, kraft dessen die Fusion stattfindet.

Diese Art von Erkenntnis nennen wir ‚Verstehen‘, und es ob-
liegt uns nun nur noch, die Besonderheit dieser Erkenntnisweise
merkmalmäßig zu bestimmen. Was heißt das: „ich verstehe‘“ eine
Erscheinung?

Wenn wir den Erkenntnisweg in Betracht ziehen, den wir beim
Verstehen durchmessen — und darauf kommt es ja wohl vor allem
an —, so können wir Verstehen Sinnerfassen nennen. Wir machen
uns eine Erscheinung dadurch verständlich, daß wir ihren „Sinn“ zu
ergründen suchen, das aber bedeutet wieder: daß wir sie in einen uns
bekannten Zusammenhang einbeziehen. Wir kennen die Regeln
eines Spiels und wissen, welche Handlungen vorzunehmen sind, wenn
man in diesem Spiele gewinnen will. Nehmen wir Handlungen. wahr,
die sich aus' den Zwecken des Spiels deuten lassen, so verstehen wir
sie als solche Spielhandlungen. Natürlich können wir uns „irren“:
vielleicht spielten die Leute auf der Wiese gar nicht Fußball, sondern
Rugby oder sie „rauften‘“ sich nur, dann haben wir ihre Handlungs-
weise eben nicht „verstanden‘, oder richtiger: „mißverstanden“.
Eine Erscheinung, ein Vorgang kann gleichzeitig an mehreren Sinn-
zusammenhängen teilhaben, dann „verstehen“ wir sie in ihrer mehr-
fachen Sinnbezogenheit: in Fall 3a sind die Zusammenhänge die
Sprache, der Zweck des Sprechenden, der Zweck der Versammlung,
in dem das Durcheinanderschwatzen stattfindet usw.
LO *
        <pb n="209" />
        196

Man kann dies Verfahren, das ich Sinnerfassen nenne, auch be-
zeichnen als Ableitung aus dem Grunde, bei dem der Grund selbst
bekannt ist.

Blicken wir hingegen auf das Ergebnis des Verstehens, so können
wir dieses als Wesenserkenntnis bezeichnen. Denn wenn wir uns
der Merkmale erinnern, die diese aufweist, so finden wir sie bei dem
Wissen, das wir durch Verstehen gewinnen, sämtlich wieder. Das
heißt: wir erfassen eine Erscheinung, die wir „verstehen“, in ihrer
Gänze (soweit sie zu dem Sinnzusammenhang Beziehung hat), wir
sehen ein, warum sie so und nicht anders sein muß und begreifen,
warum sie immer so sein muß, solange sie an dem Sinne teil-
nimmt, aus dem heraus wir sie „verstanden“ haben.

Das Verstehen stillt also vollständig Fausts Sehnen:

„Daß ich erkenne, was die Welt

Im Innersten zusammenhält,

Schau alle Wirkenskraft und Samen

Und tu’ nicht mehr in Worten kramen . . .““

„Die Welt“, das ist freilich nur die Welt des Menschen, ‚,die kleine
Narrenwelt“, die sich „gewöhnlich für ein Ganzes hält“. Und wollen
wir nicht „in unserer Gottähnlichkeit bange‘“ werden, angesichts der
Tiefe unserer Erkenntnis, die wir auf dem Wege des Verstehens ge-
winnen, so brauchen wir uns nur darauf zu besinnen, daß ja hinter
den „Erscheinungen“, die wir „verstehen“, — nichts ist, daß bei aller
unserer Einsicht in Menschenschöpfungen „nichts dahinter ist‘. Hinter
dem Duft einer Rose, hinter dem Gleitflug eines Vogels, hinter der
Bildung eines Kristalls liegt eine Welt von Wundern, die unserem
erkennenden Verstande ein ewiges Geheimnis bleibt; hinter einer
Flasche Parfüm, hinter einem Luftschiffe, hinter einem Industrie-
konzern steckt tatsächlich — nichts.

Die letzten Betrachtungen haben uns schon an eine Frage heran-
geführt, die sich uns aufdrängt, wenn wir die Wirkung des Ver-
stehens uns vor Augen führen, an die Frage: Wie erklärt sich die
unermeßliche Überlegenheit dieser Erkenntnisart gegenüber
allem Naturerkennen? Würde ich nicht fürchten, des Zynismus ge-
ziehen zu werden, so würde ich auf diese Frage antworten: die
scheinbar so tief dringende Erkenntnis durch Verstehen beruht auf
        <pb n="210" />
        197

einem truc: wir erkennen nämlich, indem wir etwas verstehen, nur
das, was wir — vorher schon wußten. Ich will mich also lieber der
Amtssprache bedienen. In wissenschaftlicher Ausdrucksweise lautet
die Erklärung wie folgt: die Überlegenheit des Verstehens beruht in
der „Immanenz‘“ dieser Erkenntnisart, die sich darin äußert, daß
Erkenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt, der Erkennende und sein
Gegenstand, selbig („identisch‘“) sind. Indem der Erkennende also
gleichsam in seinem Gegenstande drin steckt, erkennt er „von innen‘‘,
wir stehen „gleichsam hinter den Kulissen“, wie es Schopenhauer
in einem treffenden Bilde ausgedrückt hat!4a, ;

Von einem Debatteschreiber in Zürich ist dieser Ausdruck „Imma-
nenz‘“ bemängelt worden. Er meint’&amp;: „Unter immanent wird in dem
uns allein hier angehenden Zusammenhang zweifellos diejenige Er-
kenntnis verstanden, welche innerhalb der Grenzen möglicher Er-
fahrung bleibt. Als transzendent dagegen wird diejenige bezeichnet,
welche die Grenzen möglicher Erfahrung überschreitet.‘ Hier liegt
ein Mißverständnis vor, das übrigens angesichts der Armseligkeit
unserer Ausdrucksmittel entschuldbar ist: es handelt sich nicht um
die ontologischen Begriffe Immanenz und Transzendenz, sondern um
die erkenntnistheoretischen Begriffe gleicher Bezeichnung, die wir
auf die Art.des Erkennens anwenden.

Da könnte gegen meine Sprechweise nur insofern ein Einwand
erhoben werden, als man behauptete: alle Erkenntnis sei „tran-
szendent‘‘, insofern sie das Bewußtsein des Erkennenden ‚„tran-
szendiert‘“. Dieses ist der Sinn des Wortes „Transzendenz‘“ in dem
oft erwähnten Buche Edith Landmanns und auch in meiner oben
aufgestellten Behauptung von der Immanenz des Erkennens beim
Verstehen. Die Annahme, daß alle Erkenntnis transzendent‘ sei,
scheint nun in der Tat sehr einleuchtend, wenn sie etwa wie folgt
begründet wird!?s: „Die Gegenstände, auf die sich die Gedanken be-
74a A. Schopenhauer, Über die vierfache Wurzel usw. $ 43.

% Robert Wilbrandt in den Schriften der Deutschen Gesellschaft für Sozio-
logie. 6 (1929), 324.

76 °A, Pfänder, „Logik“ im Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische
Forschung. Bd. IV. S.. 145. Husserl dagegen kennt die „immanente‘“ Erkenntnis,
beschränkt sie aber m. E. unberechtigterweise auf das Erkennen des (eigenen)
„Erlebnissfroms‘. Siehe Ideen zu einer reinen Phänomenologie. $$ 38. 44. 46.
        <pb n="211" />
        198

ziehen, legen... immer jenseits der Gedanken, sind ihnen immer
transzendent. Auch da, wo irgendwelche dem Bewußtsein immanente
Gegenstände, wo also etwa das eigene Denken und die eigenen Ge-
danken zu Gegenständen neuer, anderer Gedanken werden, bilden
diese Gegenstände doch nicht Bestandteile dieser auf sie gerichteten
Gedanken, sondern liegen immer. jenseits ihrer. Man kann daher
sagen, es liegt im Wesen der Gedanken, ihnen selbst jenseitige und
in diesem Sinne transzendente Gegenstände zu geben.“ Das ist natür-
lich richtig mit Bezug auf den einzelnen Gedanken: es ist selbst-
verständlich, daß selbst jeder andere Gedanke meinem jetzt gedachten
Gedanken „transzendent‘“ ist. Aber trifft es auch zu mit Bezug auf
die Gesamtheit der Gedanken, auf die „Welt der Gedanken“? Be-
findet sich mein einzelner Gedanke diesen gegenüber nicht in einem
grundsätzlich anderen Verhältnis als gegenüber dem Baum? Gehört
mein Gedanke nicht demselben Bereich an, wie alle übrigen Ge-
danken, während der Baum einem völlig fremden Bereich angehört?
Sind nicht alle Gedanken ein und dasselbe Wesen, nämlich Geist, und
bewege ich mich mit meinen Gedanken nicht innerhalb desselben
Bereichs, wenn ich Gedanken denke, ist mein Denken dann nicht
„‚immanent‘“, während es „transzendiert‘“ in einen anderen Bereich,
wenn es den Baum denkt? In diesem und nur in diesem Sinne spreche
ich von einer Immanenz der Erkenntnis, die man also als Bereichs-
immanenz bezeichnen könnte. Und in diesem Sinne hleibt auch
mein oben aufgestellter Satz zu Recht bestehen, daß nämlich alles
Verstehen immanente Erkenntnis ist deshalb, weil der Erkennende
und sein Gegenstand demselben „Bereich‘‘, derselben „Sphäre“ an-
gehören, und das ist auch hier die Sphäre des Geistigen. Die Kultur
ist „objektiver“ Geist, der erkennende Mensch ist „subjektiver“ Geist,
weil in seiner Seele eine Ideen denkende, Ziele steckende, Normen
setzende Fähigkeit ruht, die ihn von allen Lebewesen unterscheidet
Auch Heidegger bestimmt die Eigenart der Erkenntnisart des ‚Verstehens‘‘
seiner ganzen Grundauffassung gemäß mit Hilfe des Immanenzbegriffes, ‚obwohl
er des Ausdrucks sich nicht bedient, wenn er etwa sagt: Das Reale „ist wesenhaft
nur als innerweltliches Seiendes zugänglich. Aller Zugang zu solchem Seienden
ist ontologisch fundiert in der Grundverfassung des Daseins, dem In-der-Welt-Sein.
Dieses hat die ursprüngliche Seinsverfassung der Sorge‘ usw. Sein und Zeit.
9. Aufl. S. 202 und öfters.
        <pb n="212" />
        199

und die ihn allein befähigt, Kultur zu schaffen, das heißt sein Wesen
in äußeren Einrichtungen und Symbolen zu objektivieren.

Von dieser Selbigkeit, die nach Wesen und Art zwischen objek-
tivem und subjektivem Geist besteht, werden wir aber nicht etwa
überzeugt durch einen Erkenntnisakt, sondern allein durch unser
Wirken: daß in der Welt des objektiven Geistes dieselben Gesetze
walten wie in unserem subjektiven Geiste, beweist uns unser Schaffen:
alles was in der Kultur ist, war einmal im Menschen. Wir und
wir allein sind die „Schöpfer“ der Kultur und bewegen uns in dieser
kleinen Welt wie Gott in der großen Welt. In dieser, unserer Welt,
sind wir tatsächlich allwissender und allmächtiger Gott.

Die Erkenntnistheorie des Verstehens ist in zwei tiefen Einsichten
fest begründet: daß wir im Grunde und durchaus nur das erkennen,
was wir auch machen können und daß nur Gleiches durch Gleiches
in seinem Wesen erkannt werden kann.

Die erste Einsicht finde ich am frühesten ausgesprochen zur Be-
gründung einer „verstehenden‘“ Soziologie bei Giambattista Vico,
wenn er sagt": „Che questo mondo civile certamente egli &amp; stato
fatto dagli huomini: onde se ne possono perche se ne debbono,
ritrovare i Principj dentro le modificazioni della nostra
medesima mente umana. Lo che a chiunque vi rifletta sopra, dee
vecare una somma maraviglia, come tutti 1 Filosofi seriosamente
si studiarono di poter conseguire la Scienza di questo Mondo naturale,
del quale, perche@ Dio egli il fece, esso solo ne ha la Scienza;
6 traccurarano di meditare su questo Mondo delle Nazioni, 0 sia
Mondo civile, del quale, perche l’avevano fatto gli uomini, ne
potevano conseguire la Scienza gli huomini. . .“

Später haben dann viele kluge Männer denselben Gedanken ge-
äußert. Ich denke etwa an die Worte Kants: „Nur soviel sieht man
vollständig ein, als man nach Begriffen selbst machen und zustande
bringen kann.“ Oder an den Ausspruch von Novalis’: „Wir wissen
etwas nur. sofern wir es ausdrücken; das ist machen können: je fer-
77 Cinque Libri di Giambattista Vico d’ una Scienza nuova d’intorno alla
comune natura delle Nazioni. Seconda imnpressinne. 1730. pag. 169. (Die erste
Auflage erschien 1725.)

78 Novalis Schriften. Herausgegeben von L. Tieck und Fr. Schlegel.
3. Aufl. 1875. Bd. U. S. 126.
        <pb n="213" />
        200

iger und mannigfalliger wir etwas produzieren, ausführen können,
desto besser wissen wir es. Wir wissen es vollkommen, wenn wir
es überall, und auf alle Art, mitteilen, erregen können...“

Die ebenso tiefe Einsicht aber, daß Gleiches nur durch Gleiches
— Geist durch Geist — erkannt werden kann, soll Empedokles
zuerst ausgesprochen haben, von dem sie Goethe aufnahm”. Es ist
die Weisheit, die auch Paulus verkündet, wenn. er an die Korinther
im ersten Buche, Kapitel 2, Vers 11 schreibt: „zic y&amp;p ol8ey dvOpe-
TOV TA TOD AvOpaTOU El UN TO mvEÜLA TOD dvOpOTOU TO Ev AUTO;
oUtwg xal td ToU 0200 0USeig Eyvaxev el uh TO myveDpa T00 Beod;“
was freilich in höhere Sphären weist, in die wir nicht zu streben
wagen; aber es gilt doch in gleichem Sinne auch für die Niederungen
der menschlichen Kultur, die Geist von unserem Geist ist und darum
von uns verstanden werden kann. Daß auf dieser Einsicht die Lehre
vom Verstehen ruht, das dadurch gleichzeitig in seinem Geltungs-
bereiche abgegrenzt wird, hat man eingesehen, als man in der neueren
Zeit diese Erkenntnisart zu entwickeln begann. So heißt es schon
bei Ast: „Alles Verstehen gründet in der inneren Beziehung, in
der Verwandtschaft, in der alles Geistige steht, und nur, was aus
dem Geiste ist, verstehen ‚wir, wie wir ja im ‘Geiste verstehen.‘
Wilhelm von Humboldt und Schleiermacher haben dann diesen
Gedanken zum Leitgedanken gemacht. Es ist kein anderer als der
„Humanitätsgedanke‘, den ja schon Herder in den Mittelpunkt
seiner Geschichtsbetrachtung gestellt hatte; der Gedanke: „daß in
allem, was menschlich ist und vom Menschen getan und geschaffen
wurde, die gleiche überdies bildsame Anlage sich auswirke‘“ (W.
von Humboldt), und daß „wo keine Gemeinschaft (in dem wei-
teren Sinne von menschlicher Gemeinschaft überhaupt) vorhanden
st, ... es auch keinen Anknüpfungspunkt für das Verstehen geben‘‘
könne (Schleiermacher)®.

Wissenschaftliche Wahrheiten werden zwar nicht erwiesen durch
persönliche Zeugnisse der Zustimmung. Aber es ist immer erfreu-

79 Goethe, Materialien zur Geschichte der Farbenlehre. ı. Abt. Griechen und
Römer,
88 Vgl. Joach. Wach, a. a. O0: Te
        <pb n="214" />
        CM

lich und tröstlich, zu sehen, daß die Besten aller Zeiten das Richtige
erkannt haben.

Ehe ich dazu übergehe, die verschiedenen Arten des Verstehens
zu beschreiben, will ich noch einiger anderer Erkenntnisweisen ge-
denken, die häufig mit der des Verstehens verwechselt werden. Die
scharfe Absonderung dieser scheinbar verwandten Erkenntnisarten
wird dazu beitragen, die Besonderheit des Verstehens noch deutlicher
sichtbar zu machen.

Da ist

ı. der Behaviorismus*, ein amerikanisches Gewächs der jüng-
sten Vergangenheit, den man der Methode des Verstehens zur Seite
stellt, Sehr mit Unrecht. Er ist cher das Gegenteil. Der Behaviorismus
besteht bekanntlich darin, daß man das „Verhalten‘“ von Personen
in Gesten, „Handlungsmustern“ (Patterns), Attitüden, Symbolen
a. del. feststellt, nun aber nicht, um aus diesen Feststellungen auf
„Geistiges“ zu schließen, das heißt: mit ihrer Hilfe zu „verstehen“,
sondern ausschließlich, um diese festgestellten Tatsachen zu „ord-
nen“, womöglich um danach „Gesetze“ aufzufinden. Es ist also
las uns wohlbekannte, typisch naturwissenschaftliche Verfahren, das
den Behaviorismus ausmacht. Mit dem Verstehen hat er nichts zu tun.

Es gibt ernsthafte Forscher, die der Erkenntnisart des Verstehens
Mißtrauen entgegenbringen, weil sie sie mit .

2. Intuition gleichsetzen. In einer neuen Schrift®? sind in urteils-
voller Weise die Bedenken zusammengestellt, die man gegen die ver-
stehende Erkenntnis geltend zu machen hat. „Von einer Erkenntnis
ist bei diesem intuitiven ‚Verstehen‘ nicht die Rede, nicht nur weil
dieser Vergegenwärtigung die Form der Allgemeingültigkeit fehlt,
sondern mehr noch, weil ihr die Einsicht in die sachlichen Grund-
lagen ihrer Befriedigung abgeht...‘

Das Verstehen, das übrigens unser Autor nur in der Form des
psychologischen oder Seel-Verstehens kennt (siehe darüber den fol-
venden Unterabschnitt) leiste zwar „praktisch als Menschenerkennt-

81 Das „klassische‘‘ Werk des Behaviorism ist J. B. Watson, Behavior: An
(ntroduction to Comparative Psychology. 1914. Einen guten Überblick über diese
Richtung gibt A, Walther, Soziologie und Sozialwissenschaften in Amerika. 1927:

8 W; Switalski, Deuten und Erkennen. 1928. Siehe daselbst S. ar. 27.
        <pb n="215" />
        202
nis‘ gute Dienste, bleibe aber theoretisch deshalb „bedenklich“, „weil
es sich nicht in allgemeingültigen Formen fassen läßt und weil
diesem einfühlenden Sich-Hinein-Versetzen die Einsicht in die Not-
wendigkeit des erahnten(!) Zusammenhanges fehlt, die... allein eine
wissenschaftlich ernst zu nehmende Rechenschaftsablage ermöglichen
würde‘,

Hier liegt doch eine unzweifelhafte Verkennung des Wesens unserer
Erkenntnisart zugrunde, die für eine Art „unio mystica‘“ gehalten
zu werden scheint. Bei der Vieldeutigkeit, die auch das Wort „An-
schauung‘‘ und gar der Ausdruck „Intuition“ hat, will ich kurz die
Beziehungen angeben, die das Verstehen zu diesen beiden Begriffen
hat.

Da gilt es nun vor allem festzustellen, daß dieses mit „Anschauung“‘‘
und „Intuition“ nicht mehr und nicht weniger als jede wissenschaft-
liche Erkeuntnisart, also auch das naturwissenschaftliche Denken, zu
tun hat. Ich halte deshalb auch die Gegenüberstellung, wie sie Salin®
vornimmt, von „anschaulichem“ und „rationalem“ Denken, nicht für
glücklich. Jedes fruchtbare Denken ist „anschaulich‘‘ und jedes klare
Denken ist „rational“, mag es sich auf Gegenstände der Natur oder
solche des Geistes beziehen.

Daß jedes fruchtbare Denken nur auf dem Hintergrunde einer
lebendigen Anschauung des Konkreten, Individuellen, Ganzen statt-
finden könne, sollte nicht zweifelhaft sein. In seiner herrlichen, „an-
schaulichen‘“‘ Art hat das doch Schopenhauer ein für allemal
wie folgt ausgesprochen: „Das mit Hilfe anschaulicher Vorstellun-
gen operierende Denken ist der eigentliche Kern aller Erkenntnis,
indem es zurückgeht auf die Grundlage aller Begriffe. Daher ist es der
Erzeuger aller wahrhaft originellen Gedanken.... Jede wahre und
ursprüngliche Erkenntnis muß zu ihrem innersten Kern oder ihrer
Wurzel irgendeine anschauliche Auffassung haben. Diese, obgleich
ein Momentanes und Einheitliches, teilt nachmals der ganzen Aus-
einandersetzung, sei sie auch noch so ausführlich, Geist und Leben

85 E. Salin, Hochkapitalismus. Eine Studie über Werner Sombart, die deutsche
Volkswirtschaftslehre und das Wirtschaftssystem der Gegenwart im Weltwirtschaft-
lichen Archiv. Bd. 25. Heft 2. 1927.

* A, Schopenhauer, Von der vierfachen Wurzel usw. $ 28 am Ende. Vgl.
jetzt auch N. Hartmann, Metaphysik der Erkenntnis. 1921, und Max Scheler,
Idealismus und Realismus im Philosoph. Anzeiger. 2, 27h.
        <pb n="216" />
        203

mit. Hat die Auseinandersetzung einen solchen Kern, so gleicht sie
der Note einer Bank, die Kontanten in Kasse hat: jede andere, aus
bloßen Begriffskombinationen entsprungene hingegen ist wie die Note
einer Bank, die zur Sicherheit wieder nur andere, verpflichtende Pa-
piere hinterlegt hat.“ (Dieses wundervolle Bild könnte vielleicht auf
die ganze nationalökonomische Schriftstellerei übertragen werden, und
man könrte hier alle „anschaulichen‘‘ Denker als die „Metallisten“
und alle „abstrakten‘“ [so besser als „rationale‘“] Denker als die
„Chartalisten‘“ im übertragenen Sinne kennzeichnen. Ich glaube in
der Tat, daß hier ein tieferer Einteilungsgrund für das nationalöko-
nomische Schrifttum gefunden wäre, als irgendeine „Geschichte der
nationalökonomischen Literatur‘ ihn enthält.)

Das Gesagte, ich wiederhole es, trifft für Natur- wie Geistwissen-
schaft gleichermaßen zu: aus den Lebensbeschreibungen Newtons,
Galileis und anderer großer Naturforscher wissen wir, daß ihnen
zunächst immer das „Ganze‘“ der Erkenntnis vor Augen gestanden
hat, ehe sie an die analytische Behandlung und Verarbeitung des
Stoffes gingen. Wenn jetzt die Husserl-Schule mit der Methode
ihres „ideirenden‘ Heraushebens des wandellos Geltenden in den
Dingen die „Intuition“ wieder stärker betont, so bedeutet das auch
nichts anderes als die Wiedereinsetzung eines durch die übertriebene
Abstraktheit, namentlich des Marburger Denkens, vernachlässigten, ich
möchte sagen: selbstverständlichen Verfahrens in sein Recht,

Und trotzdem ist der Zorn Max Webers, mit dem er den Mode-
Anschauungs-Denkern sein berühmtes Wort entgegenschleuderte:
„Wer Anschauung will, soll ins Kino gehen‘ durchaus berechtigt.
Es richtet sich gegen ‚diejenigen, die mit dem Begriffe „Anschau-
ung‘ Mißbrauch getrieben haben, die insonderheit das Erkennen
als „Nur-Anschauung‘“ aufgefaßt haben. Davon kann und darf
natürlich keine Rede sein. Wir müssen uns vielmehr immer bewußt
bleiben, daß wissenschaftliche Erkenntnis außer der Anschauung
immer auch der „Ratio‘“ bedarf, die ihr die kategoriale Fassung des
„Geschauten‘“ bereitstellt, ohne die es kein aufweisbares und vor
allem kein durch die Sprache übertragbares Wissen gibt. Und diese
kategoriale Fassung, diese Einspannung in ein Begriffssystem, gehört
natürlich zu dem ‚Verstehen‘ genau so notwendig, wie zu jeder
        <pb n="217" />
        204

anderen Form der wissenschaftlichen Erkenntnis. Wenn also der oben
angeführte Kritiker der „verstehenden‘“ Methode (W. Switalski) die
Ansicht äußert, daß „erst durch die rationale Durchdringung des in-
tuitiv uns Dargebotenen ... es zu unserem geistigen Eigentum in ein-
sichtig geformter Vergegenwärtigung seines Bedeutungsgehaltes‘“
wird, so ist seiner Ansicht durchaus beizupflichten. Nur ist zu be-
merken, daß die verstehende Methode der aufgestellten Forderung
einer durchgehenden „Rationalisierung“ ihres Erkenntnisstoffes in
keiner Hinsicht sich widersetzt, wie das im folgenden noch deutlicher
hervortreten wird.

Vielleicht ist es «angebracht, daß ich hier in einer schematischen
Übersicht die verschiedenen Möglichkeiten und Formen der „An-
schauung‘‘ oder „Intuition“ und ihrer Verwertung und Verarbeitung
zur Erkenntnis, wie sie mir vorschwebt, zusammenstelle und darin den
Ort bestimme, an dem die verstehende (wie jede wissenschaftliche)
Methode mit der Anschauung zusammentrifft.

Anschauung ist Aufnahme des Gegenstandes in seiner ungeteilten
Ganzheit. Diese Aufnahme findet statt:

mittels des äußeren Sinnes: Anschauung im engeren Sinne;

mittels des inneren Sinnes in gefühlsmäßiger. Form: unio
mystica;

mittels des inneren Sinnes in gestaltmäßiger Form.

Die Darstellung (und somit Übertragung) des Geschauten erfolgt:
entweder mittels des Symbols: in aller Religion und Kunst;
oder mittels der Sprache, das heißt aber mittels des Begriffs

auf dem Wege des diskursiven Denkens.

Für die Wissenschaft kommen von den Formen der Anschauung
die sinnliche und die gestaltmäßige, von den Darstellungsarten kommt
aur die begriffsmäßige in Betracht.

Endlich sei noch kurz die Stellung des Verstehens zu der

3. Metaphysik umschrieben.

Wir haben bei einer früheren Betrachtung feststellen können, daß
alle Naturerkenntnis, die das Wesen oder den Sinn der Erscheinungen
zu erkennen sich vermißt, Metaphysik ist, und daß die moderne Natur-
forschung auf Wesenserkenntnis ‚verzichtet, um dafür Allgemein-
gültigkeit ihrer Forschungsergebnisse einzutauschen. das heißt:
        <pb n="218" />
        205

Wissenschaft zu sein. Nun führt aber, wie wir sahen, das Verstehen
zur Wesenserkenntnis: ist also verstehendes Wissen nicht metaphy-
sisches Wissen?

Nein. Denn der Grund, weshalb die Wesenserkenntnis im Bereiche
der Natur Metaphysik ist, fällt beim Verstehen weg. Dieser Grund war
die Transzendenz der Naturerscheinungen für das erkennende Ich.
„Wenn man (aber) Transzendenz in jeder und vor allem in jeder Er-
kenntnis eines Ganzen findet, gibt man jeder empirischen Erkenntnis
metaphysischen Sinn.‘ Aber das ist es ja nun gerade, was das
Kulturerkennen von dem Naturerkennen grundsätzlich unterscheidet,
daß jenes immanentes, dieses transzendentes Erkennen ist. Deshalb
kann das Verstehen auch den Sinn erfassen, kann es Gesamtheits-
und Ganzheitswissen vermitteln, kann es zur Wesenserkenntnis
Führen, ohne Metaphysik zu sein.

In der Tat ist Verstehen keine Metaphysik, solange es sich im
Bereiche des subjektiven und objektiven Geistes bewegt, die uns
beide in der Erfahrung — nachprüfbar — gegeben sind, und soweit €s
sich begnügt, die in diesem Bereiche gelegenen Sinnzusammenhänge
zu ermitteln. Das Verstehen „transzendiert‘“, sobald es aus dem Be-
reiche des subjektiven und objektiven Geistes heraus in den des
„absoluten‘“ Geistes übertritt, das heißt nicht den immanenten Sinn
der Kultur in ihrer empirischen Gegebenheit, sondern den transzen-
denten Sinn der Kultur, den „Sinn“ der Menschheit oder der Welt
zu erfassen strebt: dann überschreitet es seine „Grenzen“, von denen
ich weiter unten noch im Zusammenhange sprechen werde,

„Verstehende‘“ Nationalökonomie bleibt also Wissenschaft: diese
Eigenschaft hat sie mit der „ordnenden“ Nationalökonomie gemein-
sam, von der sie die Erkenntnisweise trennt; sie unterscheidet sich als
Wissenschaft von der richtenden Nationalökonomie, die, wie wir fest-
gestellt haben, Metaphysik ist.

Nunmehr ist es aber an der Zeit, nachdem wir ‘die Eigenart des
Verstehens im allgemeinen kennengelernt haben, die verschiedenen
Formen oder Arten des Verstehens, die es gibt, uns vor Augen zu
führen. Ich will drei Arten des Verstehens unterscheiden und sie
a) Sinnverstehen, b) Sachverstehen, c) Seelverstehen nennen.
85 Ed, Landmann, a. a. O0. S. 259.
        <pb n="219" />
        206
2. Die Arten des Verstehens
a) Das Sinnverstehen

Genauer müßte ich diese Art des Verstehens als reines Sinnver-
stehen bezeichnen, da alles Verstehen auch Sinnverstehen ist. Ge-
meint ist derjenige Erkenntnisakt, mittels dessen wir das Zeitlose an
den geschichtlichen (kulturellen) Erscheinungen erfassen.

Hierhin rechne ich im Bereiche unserer Wissenschaft

ı. das Verständnis der „Ideen“, mit deren Hilfe wir das System
der Nationalökonomie aufbauen: siehe das vorhergehende Kapitel.
Diese sind in ihrer begrifflichen Reinheit, in ihrer gesetzmäßigen
Gestalt und in ihrer funktionellen Bedeutung zu erfassen. Es handelt
sich also um die Zergliederung der Ideen der Wirtschaft, des Wirt-
schaftssystems und der Arbeitsideen. Wie dieses zu geschehen habe,
habe ich bereits dargetan, so daß ich mich auf das im vorigen Kapitel
Gesagte beziehen kann.

Eine weitere Aufgabe, die das Sinnverstehen zu erfüllen hat, ist

2. das Verständnis der möglichen (potentiellen) Bestandteile
des Wirtschaftssystems zu wecken. Diese sind in durchgängiger
Allgemeinheit und Abstraktheit darzulegen. Die Aufgabe zerfällt in
zwei Teile: einen analytischen und einen synthetischen Teil. In dem
analytischen Teile sind die in jedem Bestandteile des Wirtschafts-
systems (siehe oben S. 184f.) enthaltenen Möglichkeiten festzustellen
und auf ihre eigene Sinnhaftigkeit hin zu untersuchen, also die Mög-
lichkeiten der Wirtschaftsgesinnung (des subjektiven Geistes), der
Wirtschaftsordnung (Organisation) und der Wirtschaftstechnik (Ver-
fahren). Wie das zu geschehen habe, habe ich in meiner oben ange-
führten „Ordnung des Wirtschaftslebens‘“ zu zeigen versucht. Das
Ergebnis ist das folgende Schema:
Die verschiedenen Möglichkeiten der Gestaltung, denen
das Wirtschaftsleben ausgesetzt sein kann:
A. Geist (Wirtschaftsgesinnung) :
I. Bedarfsdeckungsprinzip — Erwerbsprinzip;
IL. Traditionalismus — Rationalismus:
IL Solidarismus — Individualismus.
        <pb n="220" />
        207
B. Form (Regelung und Organisation):
I. Gebundenheit — Freiheit;
IL _Privatwirtschaft — Gemeinwirtschaft;
[II. Demokratie — Aristokratie;
IV. Geschlossenheit — Aufgelöstheit;
Vi Bedarfsdeckungswirtschaft — Verkehrswirtschaft;
VI. Individualbetriebe — gesellschaftliche Betriebe;
C. Technik (Verfahren): -
I. Empirisch — wissenschaftlich;
II. Stationär — revolutionär;
[II. Organisch — nichtorganisch (mechanisch — anor-
ganisch).

In dem synthetischen Teile erfolgt die Zusammenstellung dieser
inzelnen Möglichkeiten zu sinnvollen Wirtschaftssystemen. Ob diese
bereits in der Geschichte mehr oder weniger rein verwirklicht worden
sind, kommt hier nicht in Frage.

Die vornehmlich in Betracht zu ziehenden Wirtschaftssysteme,
Jeren „Sinn‘“ es zu verstehen gilt, sind aber:

1. die vorkapitalistischen Wirtschaftssysteme (wobei es
sich nicht um ein geschichtliches, sondern um ein logisches
Vorhergehen handelt; man kann deshalb auch von einfachen
(primitiven] Bedarfsdeckungssystemen sprechen); das sind:
a) die Wirtschaft in urwüchsigen Geschlechtsverbänden
b) die Dorfwirtschaft;

c) die Oikenwirtschaft (Groß-Sklavenwirtschaft) ;
d) die Fronhofwirtschaft (Groß-Hörigenwirtschaft) ;
e) das Handwerk;

2. das kapitalistische Wirtschaftssystem;

3. die nachkapitalistischen Wirtschaftssysteme (wie oben, man
mag deshalb von sozialistischen Wirtschaftssystemen reden).

Diese wiederum weisen folgende Spielarten auf:

1. zentralistische und dezentralistische; je nachdem der Schwer-
punkt der Leitung in eine Zentralinstanz oder in Selbstver-
waltungskörper (Gilden usw.) verlegt ist;
        <pb n="221" />
        208
2. geldwirtschaftliche und naturalwirtschaftliche, je nachdem
man sich zur „Verrechnung“ des Geldes bedienen will oder
nicht;
entgeltende und kommunistische, je nachdem der Anteil, den
der einzelne am Gesamtprodukt erhält, nach seinen Leistungen
oder nach seinen Bedürfnissen festgestellt wird. In jenem
Falle enthalten die sozialistischen Systeme eine Konstituierung
des „Wertes‘‘.

X
3

Das Nähere möge man in meiner „Ordnung des Wirtschafts-
lebens‘“ nachlesen.

Die dritte Aufgabe, die dem Sinnverstehen erwächst, ist die
Sorge für

3. das Verständnis der allgemeinen Kategorien der Wirt-
schaft. In aller Wirtschaft gibt es bestimmte Erscheinungen: Vor-
kommnisse, Vorgänge oder Zustände, die es in ihrer zeitlosen Sinn-
bedeutung zu erfassen gilt. Ich behandele die Lehre dieser Möglich-
keiten der Wirtschaft seit vielen Jahren in meiner „Allgemeinen
Nationalökonomie“, von der bis jetzt nur der oben (S. 144) genannte
Aufsatz über Produktivität veröffentlicht ist. v. Gottl bemüht sich
gleichfalls, etwas Ähnliches zu lehren und nennt es „Die ewige Wirt-
schaft‘“, von der bisher unter dem Titel „Bedarf und Deckung‘ ein
„Vorgriff in Theorie der Wirtschaft als Leben‘ (gegen welche Be-
zeichnung ich erhebliche Bedenken geltend zu machen habe, sofern es
sich gerade nicht um die Wirtschaft als Leben, sondern um die Wirt-
schaft als reinen Geist handelt) im Jahre 1928 erschienen ist.

Um anzudeuten, wie ich diese dritte Aufgabe des Sinnverstehens
auffasse, und da ich an dieser Stelle auf die Sache selbst nicht näher
eingehen kann, will ich wenigstens den wichtigsten Teil des Grund-
risses meiner Vorlesung über „Allgemeine Nationalökonomie‘‘ hier
abdrucken, aus dem sich der Leser mit eluiger Phantasie doch wohl
ein Bild wird machen können. Dieser Teil behandelt:

Die allgemeinen Kategorien der Wirtschaft
I. Der Güterbedarf
1. Der Begriff des Güterbedarfs
2, Die Sachgüter
        <pb n="222" />
        2009
3. Der wirtschaftliche Güterwert

4. Die Arten des Güterbedarfs

5. Die Entstehung des Güterbedarfs

6. Ein rationales Schema der Bedarfsgestaltung (die Grenz-
nutzenlehre)
II. Die Gütererzeugung
1. Der Hergang
ı. Die Produktion im allgemeinen
2. Die Elemente der Produktion
3. Die Gliederung der Produktion
4. Die Produktionsfaktoren im allgemeinen
5. Der persönliche Produktionsfaktor
6. Der sachliche Produktionsfaktor
2, Leistung und Erfolg
ı. Rohertrag und Kosten
2. Reinertrag und Einkommen
3. Die Intensität
4. Die Produktivität
5. Die Ökonomität
6. Die Ertragsgesetze
3. Der Standort
III. Der Gütertransport
IV. Die Güterverteilung
V. Der Gesamtprozeß
ı. Die gegenseitige Bedingtheit der wirtschaftlichen Teilvor-
gänge
2. Der Wirtschaftsplan (die Form der Gesamtwirtschaft)
3. Der gesellschaftliche Reichtum
Alle Feststellungen, die das Sinnverstehen macht, das
möchte ich nun noch mit aller Entschiedenheit ausdrücklich be-
merken, obwohl es sich aus meiner Darlegung von selbst ergibt,
sind apriorischer Natur, das heißt also: es geht in sie keinerlei
Erfahrung ein.
Sombart, Die drei Nationalökonomien
        <pb n="223" />
        210
b) Das Sachverstehen

Von Sachverstehen rede ich dort, wo es sich um das Verständnis
wirklicher Wirtschaft, der Wirtschaft in Raum und Zeit, das heißt
in der Geschichte, also um das Verständnis objektivierten,
niedergeschlagenen Geistes handelt. Der Geist schlägt sich in
Sinnzusammenhängen nieder: Einheiten innerlich zusammen-
gehöriger Einzelheiten. Ich wähle zur Bezeichnung dieser Sinn-
einheiten den farblosen Ausdruck „Zusammenhang“ und werde erst
später die verschiedenen Arten des Zusammenhangs genauer be-
stimmen. Die jetzt aufgekommenen Bezeichnungen „Gebilde‘“ und
„Ganzes‘‘ vermag ich leider in meine Sprache nicht zu übernehmen.
Das Wort „Gebilde‘‘ ist zu stark mit allerhand anderen. Bedeutungen
belastet®e, während der Ausdruck „Ganzes‘‘ irreführt: teilweise
handelt es sich, wo wir von Sinnzusammenhängen sprechen, über-
haupt nicht um „Ganze“ in der Prägung, die wir in unserer heutigen
Logik dem Worte geben; wo aber wirkliche ‚Ganze‘ vorliegen, kommt
es für unsere Zwecke gar nicht auf die Hervorhebung des Ganzheits-
charakters an, der gleichgültig ist, als vielmehr auf die Heraus-
arbeitung der geistigen Einheit, die eine Anzahl von wirtschaftlichen
Erscheinungen bildet.

Daß diese nur in ihrer Zugehörigkeit zu irgendwelchen Sinn-
zusammenhängen zu „verstehen“ sind, ist die grundlegende Einsicht,
die wir festzustellen haben und die allzu häufig übersehen wird. Was
ein Suppenwürfel „ist‘‘, vermag ich nur einzusehen, wenn ich ihn in
den Sinnzusammenhang „Suppe“ stelle, und daß ein Metallstück mit
eingeprägten Zeichen ein „Geld“stück sei, und welche „Geltung“ es
habe, wird mir nur einsichtig auf Grund der Kenntnis des Geld-
systems, von dem es einen Bestandteil bildet.

Da es sich um die Einordnung einzelner Erscheinungen in einen
verwirklichten Sinnzusammenhang handelt, also um einen Sinn-
zusammenhang in der Geschichte, so ist alles Sachverstehen histo-
risches Verstehen. Wiederum eine wichtige Einsicht: daß die

85 Siehe die Zusammenstellung der verschiedenen Bedeutungen, die das Wort
„Gebilde“ im Lauf der Zeiten gehabt hat und heute noch hat, bei B. Harms,
Der Begriff der Weltwirtschaft. Erster Teil. Weltwirtschaftliches Archiv. 23. Band
(1926 D).
        <pb n="224" />
        M1

historische Betrachtungsweise ein Apriori jeder national-
ökonomischen Theorie ist, sofern sie das Sachverstehen zu ihrem
Inhalte hat. Der Begriff „Tausch“ etwa besagt gar nichts. Er be-
kommt seinen „Sinn“ erst durch die Beziehung auf den geschicht-
lichen Zusammenhang, in dem der Tausch stattfindet. „Tausch“ in
der primitiven Wirtschaft (stummer Tauschhandel!), in der hand-
werksmäßigen Wirtschaft und in der kapitalistischen Wirtschaft sind
himmelweit voneinander verschiedene Dinge.

Alle nationalökonomische Sacherkenntnis also ist historische Er-
kenntnis, darum aber doch noch keine Wirtschaftsgeschichte. „Ge-
schichte‘, wenn wir darunter ganz allgemein den Ablauf der Ereignisse
verstehen, ist Wirkungszusammenhang, ist Leben. Wir hingegen be-
finden uns einstweilen noch in dem Bereiche des Geistes, in dem es
wohl Sinnzusammenhänge, aber keine Wirkungszusammenhänge gibt.

Worauf es nun vor allem ankommt,.ist: uns eine klare Vorstellung
von dem zu machen, was wir einen „„,Sinnzusammenhang“ nennen.
Wir werden das am leichtesten erreichen, wenn wir uns zum Bewußt-
sein bringen, daß es verschiedene Arten von Sinnzusammenhängen
gibt, weil der Zusammenschluß einzelner Tatbestände zu einer
geistigen Einheit in mehrfacher Weise geschehen kann. Es gibt, wie
ich zeigen werde: Zweck-, Stil- und Beziehungszusammenhänge.

1. Der Zweckzusammenhang läßt sich bei weitem am leichtesten
bestimmen. Hier wird die Einheit durch den einheitlichen Zweck ge-
bildet. Alle einzelnen Erscheinungen sind realiter (an sich selbst)
zweckbezogen; alle Handlungen ebenso zweckorientiert.

Beispiele von Zweckzusammenhängen sind: Betrieb, Unter-
nehmung, Konzern, Kartell, Gewerkschaft, Streik (Aussperrung), das
Geldwesen, die Handelspolitik, die „innere Kolonisation‘“ eines
Landes, die Staatswirtschaft.

Erheblich schwieriger zu bestimmen ist:

2. der Stilzusammenhang. Als solchen bezeichne ich
— schlecht! aber ich finde keinen besseren Ausdruck — einen. Zu-
sammenhang, bei dem alle einzelnen Tatbestände zwar nicht zweck-
bezogen, weil kein einheitlicher, gesetzter Zweck vorhanden ist,
aber doch — und zwar auch realiter (an sich selbst) — sinn-
bezogen, die Handlungen also sinnorientiert sind, weil der „Sinn“

14*
        <pb n="225" />
        212
des Ganzen den Sinn jeder Einzelerscheinung bestimmt. Wir haben
uns hier eine überindividuelle geistige Realität vorzustellen, die aus
Sinnbezügen besteht; einen Bereich des objektiven Geistes, der aber
nicht in einem einzelnen Zweckzusammenhang fest umschrieben ist,
sondern der sich über zahlreiche solcher Zweckzusammenhänge er-
streckt, die sämtlich ihr Dasein doch jenem obersten Sinn verdanken,
in dem sie gründen. Die einzelnen Zweckzusammenhänge erscheinen
also gleichsam als die Ausprägungen eines einheitlichen Sinnes, sie
erhalten das Gesetz ihres inneren Maßes, die ‚Vernunft‘ ihrer Ge-
stalt und Gestaltung durch. jenen übergeordneten Geist, in den sie
eingebettet sind. Ebenso erfolgt jede Handlung — unbewußt — in
Übereinstimmung mit dem überindividuellen Sinnzusammenhange. So
gibt es — um das Gesagte an einem Beispiele aus einem anderen
Kulturgebiet zu verdeutlichen — einen „Geist“ der Gotik, in dem alle
einzelnen Kunstschöpfungen dieser Zeit, alle Zwecksetzungen der
einzelnen Künstler wie jedes ihrer Werke ihre Einheit finden??.

Das Muster eines solchen Stilzusammenhangs in unserem Kultur-
bereich ist nun das Wirtschaftssystem. In letzter Zeit ist — im
Anschluß an meine größeren Arbeiten — wieder mit großer Leb-
haftigkeit die Frage erörtert ‚worden: „was‘“ denn eigentlich der
„Kapitalismus‘‘, ob er eine „Realität‘““ und von welcher Art diese
„Realität‘‘ sei. Ich antworte darauf: er ist eine Realität in dem
Sinne eines Stilzusammenhangs, wie ich ihn eben zu kennzeichnen
versucht habe. Das erkennen wir daran, daß die einzelnen Er-
scheinungen des Wirtschaftslebens „sinnbezogen‘“ auf eine über-
individuelle geistige Einheit, um nicht das so sehr mißbrauchte Wort
„Idee‘“ zu verwenden, sind, so daß sie selber einen realen Zusammen-
hang bilden: die einzelne Unternehmung, der einzelne Lohnvertrag,
die einzelne Buchung findet ihren „Sinn“ im Sinn des kapitalistischen
Wirtschaftssystems; jeder Unternehmer, jeder Arbeiter handelt
„orientiert“ am „Geiste‘“ des Kapitalismus.

Es ist nun einmal so: hier steckt etwas hinter der Einzelerschei-
aung, das kein Nominalismus der Welt wegdeuten kann. Es ist außer-
ordentlich schwierig, es zu bestimmen; aber da ist es. Ich bin auch
87 Vgl. Heinr. Wölfflin, Der Stil in der bildenden Kunst in den Abhand-
lungen der preuß. Akademie der Wissenschaften. 1912.
        <pb n="226" />
        213

von keiner der zahlreichen, nominalistischen Theorien des Kapita-
lismus befriedigt. worden. Auch die geistvollste, die aus der Feder
Peter von Struves stammt®, erscheint mir unbegründet. Denn
wenn dieser kluge Schriftsteller die Realität des Kapitalismus (und
Sozialismus) dadurch wegbeweisen zu können meint, daß er sagt:
diese „angeblich realen Wesen‘ „sind doch nur verschiedene Ge-
staltungen des einen lebendigen Ganzen, der Gesellschaft‘, so muß
man doch fragen: was denn diese „lebendige Gesellschaft“ sei, wenn
wir Kapitalismus oder Sozialismus aus ihr wegdenken. In Wirklich-
keit sind ja Kapitalismus und Sozialismus Formen der „Gesellschaft‘‘,
hinter denen gar nichts steckt. Ohne sie „ist‘“ die Gesellschaft gar
nicht und gewiß nicht „real“.

Zur Verdeutlichung des Gesagten will ich, außer dem Wirtschafts-
system, noch einige andere Beispiele von Stilzusammenhängen
anführen: das Berliner. Verkehrswesen; die Lebensmittelversorgung
einer Großstadt; eine Expansionskonjunktur der Eisenindustrie; ein
„Schwarzer‘‘ Tag.an der Börse; der Goldhandel der Erde; das Ar-
bitragegeschäft; die Arbeitslosigkeit in Deutschland; die Kriegswirt-
schaft.
Man kann an jeder Einzelerscheinung leicht feststellen, ob sie
einem Stilzusammenhange angehört oder nicht. Sie tut es, wenn einer-
seits kein Zweck sich nachweisen läßt, der die Einheit des Zusammen-
hangs bildet, andererseits aber die Erscheinung selber sich als zu-
gehörig zu einem Sinnzusammenhang bestimmen läßt, das heißt,wenn
man es der Einzeltatsache ansieht, in welchen Zusammenhang sie zu
rechnen ist. Man sehe sich einen Lohnvertrag an, und man wird
sogar das Stadium des Kapitalismus feststellen können, in dem er
abgeschlossen ist. Gleichfalls ein Beweis für die Zugehörigkeit einer
Tatsache zu einem Stilzusammenhang, falls sie nicht etwa einem
Zweckzusammenhang zugehört, ist die Notwendigkeit ihres Soseins,
die durch den Sinnzusammenhang begründet wird: es liegen hier
bestimmte Strukturgesetzmäßigkeiten vor, wie ich im fünfzehnten
Kapitel noch näher ausführen werde,

8 Poter von Struve, Die Marxsche Theorie der sozialen Entwicklung im
Archiv für Sozialwissenschaft usw. Bd. XIV.
        <pb n="227" />
        4

Wiederum einfach zu bestimmen ist das Wesen desjenigen Siun-
zusammenhanges, den ich als

3. Beziehungszusammenhang bezeichnen wollte. Ich verstehe
darunter eine als Einheit gedachte Masse von Erscheinungen oder
— was dasselbe ist — einen Inbegriff von Erscheinungen, zwischen
denen bestimmte Beziehungen (Abhängigkeiten) obwalten, ohne daß
ein Stilzusammenhang oder gar ein Zweckzusammenhang besteht.
Die Einheit („Ganzheit‘“) ist also nicht real, sondern ideal, sie besteht
nur in unserem Denken. Hierhin gehören z. B. alle weltwirtschaft-
lichen Beziehungen. Zweifellos bringen sie Abhängigkeiten, Be-
stimmungen eines Tatbestandes durch einen anderen hervor: einer
schlechten Ernte in den Vereinigten Staaten entspricht ein vermehrter
Weizenanbau in Argentinien; die Industrialisierung der Bodenländer
legt die Industrie Westeuropas still; mit der Vermehrung der Geld-
produktion ist (zuweilen) eine allgemeine Preissteigerung verbunden
usw. Aber — es liegt kein einheitlicher Zweck der Beziehungen zu-
grunde und die einzelnen Erscheinungen erhalten auch nicht ihren
„Sinn“ von dem (rein fiktiven) Ganzen: man sieht keiner weltwirt-
schaftlichen Beziehung an, daß es eine solche ist. ;

Wie die „Weltwirtschaft“ als Ganzes ein bloßes Beziehungsgebilde
ist, so auch beliebig viele Unter-Einheiten, die in ihr enthalten sind:
eine Weltindustrie, der Markt eines Welthandelsgutes usw. Und eben-
so viele Beziehungszusammenhänge lassen sich im Innern der Volks-
wirtschaften bilden: die Baumwollindustrie Englands, . der milttel-
deutsche Kohlenhandel, die ostpreußische Landwirtschaft usw. Alles
dies sind Sinnzusammenhänge, aber Sinnzusammenhänge letzten
Grades sozusagen: Beziehungszusammenhänge.

Eine bis heute unausgetragene Frage ist die nach der Natur der
Volkswirtschaft. Daß sie einen Sinnzusammenhang bildet, dürfte
nicht zweifelhaft sein; aber welchen Grades? Ein Zweckzusammen-
hang ist sie nur als kommunistische Volkswirtschaft. Aber ist die
verkehrswirtschaftlich organisierte Volkswirtschaft ein Stilzusammen-
hang oder ein bloßer Beziehungszusammenhang, ist sie eine Realität
ander eine Fiktion?

Die Meinungen sind geteilt. Um nur einige der bekannten
Nationalökonomen anzuführen. 80 entscheiden sich Ad. Warner,
        <pb n="228" />
        215

G. Schmoller, E. v. Philippovich, C. Menger, v. Gottl für die
Realität; A. Schäffle, B. Harms für die Fiktionalität.

Adolph Wagner®: „Diese Disziplin (die politische Ökonomie)
verfolgt die wirtschaftlichen Erscheinungen bzw. Tätigkeiten der Men-
schen, wie sich dieselben im und aus dem Zusammenhang der Wirt-
schaften zueinander ergeben und ein auf Arbeitsteilung und Güter-
übertragung (Verkehr) zwischen den einzelnen Wirtschaften be-
vruhendes ‚Ganzes‘ oder ein bezügliches (?) System bilden. Dieses
‚Ganze‘, dieses ‚System‘ als solches ist das, was wir ‚Volkswirt-
schaft‘ nennen.“

Gustav Schmoller will in seinem Grundriß® „die allgemein-
wissenschaftliche Lehre von der Volkswirtschaft“ darstellen. Diese ist
ihm ein „reales Ganzes, d. h. eine verbundene Gesamtheit, in welcher
die Teile in lebendiger Wechselwirkung stehen und in welchem das
Ganze als solches nachweisbare Wirkungen hat; eine Gesamtheit,
welche trotz ewigen Wechsels in den Teilen, in ihrer Wesenheit, in
ihren individuellen Grundzügen für Jahre und Jahrzehnte dieselbe
bleibt, welche, so weit sie sich ändert, sich uns als ein sich entwickeln-
der Körper darstellt. Niemals werden Tausende von Einzelwirt-
schaften, die verschiedenen Staaten angehören, als eine Volkswirt-
schaft vorgestellt und zusammengefaßt. Nur wo Menschen derselben
Rasse und derselben Sprache, verbunden durch einheitliche Gefühle
und Ideen, Sitten und Rechtsregeln, zugleich einheitliche nationale
Wirtschaftsinstitutionen haben und durch ein einheitliches Verkehrs-
system und einen lebendigen Tauschverkehr verknüpft sind, sprechen
wir von einer Volkswirtschaft.“

Philippovich®. Die von ihm behandelte Wissenschaft ist eine
„Wissenschaft von der Volkswirtschaft‘. Diese bestimmt er begriff-
lich wie folgt: „In vielfachen Beziehungen werden die Wirtschafts-
einheiten untereinander verknüpft, und das wirtschaftliche Verhalten
der einzelnen Menschen wird daher nicht nur durch die Bedingungen
bestimmt, die in seiner eigenen Wirtschaft entstehen. Es vollziehen

89 Ad. Wagner, Grundlegung der politischen Ökonomie. $ 100.

% Gustav Schmoller, Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre.
8 3. 3.

% E. von Philippovich, Grundriß der politischen Ökonomte. -$$ ı3. 16.
        <pb n="229" />
        216
sich vielmehr fortigesetzte Wechselwirkungen zwischen den Tatsachen
seiner Wirtschaft und jenen aller übrigen mit ihm mittelbar oder un-
mittelbar verbundenen Wirtschaften... Diese zeitlich und räumlich
andauernde Verbindung der Wirtschaftseinheiten ... geht aus den
Tatsachen und aus den Interessen der Menschen von selbst, unbewußt.
hervor. Sie wird daher auch nicht als Organisation, sondern als
Organismus bezeichnet. In der Regel ist der der Betrachtung zu-
grunde gelegte Organismus der eines ganzen Volkes, das staatlich
organisiert ist und durch Überlieferung, Geschichte und Kulturent-
wicklung auch das Bewußtsein der Einheit besitzt. Das in Zeit und
Raum zusammenhängende, wirtschaftliche Leben der Glieder eines
Volkes bezeichnen wir dann, wenn wir es als selbständige Einheit,
d. h. in dem erwähnten Sinne als Organismus der durch den Verkehr
miteinander verknüpften Wirtschaftseinheiten des Volkes betrachten,
als Volkswirtschaft.“

C. Menger bezeichnet die Volkswirtschaft als ein „Kollektivphä-
nomen‘‘, v. Gottl als „Umgebilde‘“, beide halten sie also doch wohl
für ein reales „Ganze“.

A. Schäffle dagegen bestimmt die Volkswirtschaft als ein ab-
gegrenzt gegen andere gleichartige Ganze gedachtes „gesellschaft-
liches System menschlicher Wirtschaft“ und B. Harms?®? definiert
wie folgt:

„Volkswirtschaft ist der gesamte Inbegriff der durch Ver-
kehrsfreiheit und die technischen Verkehrsverhältnisse ermöglichten,
sowie durch einheitliche Rechtssetzung geregelten und durch wirt-
schaftspolitische Maßnahmen geförderten Beziehungen und deren
Wechselwirkungen zwischen den Einzelwirtschaften eines staatlich
verbundenen Volkes.“

Wie sollen wir uns entscheiden? Ist die „Volkswirtschaft‘, das
heißt doch also wohl die in den Grenzen eines Staates sich abspielende
Wirtschaft ein Stil- oder nur ein Beziehungszusammenhang?

Um ein Stilzusammenhang, also eine Realität zu sein, müßte sie
eine die einzelnen Wirtschaften bestimmende Einheit sein. Das ist
sie nun in mannigfacher Hinsicht in der Tat. Dank der Wirksamkeit
® B. Harms, Volkswirtschaft und Weltwirtschaft (1912). S. 100.
        <pb n="230" />
        M7

des Staates und wohlgemerkt: nur dank dieser, Der Staat schafft
eine einheitliche Wirtschaftsordnung, der Staat regelt durch seine
Geld- oder Handelspolitik die wirtschaftlichen Vorgänge, der Staat
beeinflußt die Wirtschaft in einer ganz bestimmten Richtung durch
seine Finanzen usw. Wenn ich gleichwohl Bedenken trage, die Volks-
wirtschaft für einen Stilzusammenhang zu halten, so tue ich es des-
halb, weil ich das entscheidende Merkmal dieses Zusammenhangs ver-
misse: die Sinnbezogenheit aller einzelnen Tatbestände und Vorgänge
auf eine Einheit. Die wirtschaftlichen Einrichtungen und Handlungen
innerhalb einer Volkswirtschaft bekommen ihren Sinn nicht von
dieser aus dem einfachen Grunde, weil die Volkswirtschaft selbst
gar keinen einheitlich bestimmten Sinn hat. Zwar bestehen tausend-
fache Beziehungen zwischen den einzelnen Wirtschaften, aber
diese bestehen ebenso zwischen den Wirtschaften, die verschie-
denen Volkswirtschaften angehören. Man sieht einer wirtschaft-
lichen Vornahme nicht an, daß sie in einer bestimmten Volks-
wirtschaft sich abspielt, wie man es ihr ansieht, daß sie in einem
bestimmten Wirtschaftssysteme erfolgt. Das Arbitragegeschäft ist
zwar streng sinnbezogen auf das kapitalistische Wirtschaftssystem,
aber nicht sinnbezogen auf eine bestimmte Volkswirtschaft: man sieht
ihm nicht an, ob es an der Berliner oder an der Londoner Börse ab-
reschlossen ist.
Der Unterschied stammt daher, daß zwar das Wirtschaftssystom
sachbestimmt ist, die Volkswirtschaft aber, wie ich an anderer Stelle
schon dargetan habe, nicht: die Volkswirtschaft ist ein völlig leerer,
rein formaler Begriff.

Ich neige mich also der Auffassung zu, die in der Volkswirtschaft
keinen Stilzusammenhang, sondern nur einen Beziehungszusammen-
hang erblickt: einen Inbegriff, der, wie wir an anderer Stelle (S. 189)
sahen, sich nur als Arbeitsidee eignet. aber nicht imstande ist, einen
„Stil“ zu bestimmen.

Haben wir nunmehr die verschiedenen Arten von Sinnzusammen-
hängen kennengelernt, so ergeben sich die Aufgaben, die dem Na-
tionalökonomen aus dem Sachverstehen erwachsen, von
selbst.
        <pb n="231" />
        28
Seine erste Vornahme wird darin zu bestehen haben, daß er die
Einzelerscheinungen, denen er auf seinem Wege begegnet, in die
zu ihnen nächstzugehörigen Sinnzusammenhänge einordnet.

Wie ich dieses Zusammenhangsverstehen mir denke, will ich in
zoncreto an einem Beispiel klarmachen. Es handle sich um die Beob-
achtung eines mit Kohlen beladenen Waggons, den ich vor mir
vorbeirollen sehe und den ich in folgende Sinnzusammenhänge ein-
zliedern kann:

I.

Sinnzusammenhang: Der Waggon ist Teil eines Eisenbahn-
zugs, der von einer Lokomotive bewegt wird: Dampfmaschine,
Eisenbahnschiene, Eisenbahn; er gehört also in diesen tech-
nologischen, wenn man will, Ganzheitsbegriff: Eisenbahn.
Sinnzusammenhang: Die Organisation der Kisenbahn —
Staatsbahn, Direktorium, Fahrplan, Bahnhof, Güterexpe-
dition.

Sinnzusammenhang: Das Tarifsystem: Tarifierung der Kohle,
Tarifklassen, Tarifpolitik.

Sinnzusammenhang: Die Kohle wird befördert von der Grube.
Hier die Grubenförderung: Bergmann, Schacht, Stollen, Ein-
richtung zur Gewinnung von Steinkohlen usw.
Sinnzusammenhang: Die Bergwerksgesellschaft, der die Grube
gehört: Aktiengesellschaft, Gründung, Aufsichtsrat, Vorstand,
Aktionär, Zweck: Dividendenerzielung usw.
Sinnzusammenhang: Kohlensyndikat, dessen Mitglied die
Bergwerksgesellschaft ist: Vertrag, Kontingentierung, Ver-
kauf, Preisstelle, Preispolitik usw.

Sinnzusammenhang: Das Ziel, wo der Waggon hinstrebt —
terminus ad quem —: die Kohle soll verbraucht werden.
Zusammenhang: Dampf — Technik, Nutzung der Kohle zur
Erzeugung von Wasserdampf.

Sinnzusammenhang: Wenn der Betrieb, wo sie verwendet
wird, etwa eine Baumwollspinnerei ist, als Fabrikorganisation:
Nutzung der Dampfkraft zur Bewegung der Spinnereima-
schinen, Baumwolle, Verarbeitung; Anstellung von Menschen,
Fabrikordnung.

3

3.

F
1.

3,

A
3)

;

RL
        <pb n="232" />
        M9
9. Sinnzusammenhang:: Baumwollspinnerei wiederum als Unter-
nehmen.

zo. Sinnzusammenhang: Baumwoilspinnerei als Kartell.

Diese primären Zusammenhänge, in die die Einzelerscheinung ein-
gegliedert wird, sind in dem gewählten Beispiel überwiegend Zweck-
zusammenhänge. Das liegt in der Natur der Sache und wird in den
meisten Fällen zutreffen. Erst die sekundären und tertiären Zu-
sammenhänge sind Stil- und Beziehungszusammenhänge. .

Die Einordnung in diese ist nun die weitere Aufgabe, die dem
sachverstehenden Nationalökonomen erwächst. Bei der Lösung dieser
Aufgabe wird er aber darauf bedacht sein müssen, diese Eingliederung
sinnvoll vorzunehmen. Das kann er aber nur, wenn er sie im Rahmen
eines Systems vornimmt. Dieses System ist ihm gegeben: siehe das
vorige Kapitel! Es wird gebildet vor allem durch die Gestaltidee des
Wirtschaftssystems, deren Funktion uns jetzt in voller Klarheit ent-
gegentritt. Alle Sinnzusammenhänge niederen Grades sind
in solche höheren Grades und schließlich in den obersten
Sinnzusammenhang des Wirtschaftssystems einzugliedern.
So entsteht Nationalökonomie.

Nebenher gehen muß natürlich eine gründliche Analyse der ein-
zelnen Sinnzusammenhänge, der funktionalen Bedeutung ihrer ein-
zelnen Bestandteile, namentlich auch die Feststellung der dem einzel-
nen Sinnzusammenhange entsprechenden, seelisch-geistigen Struktur
des beteiligten Menschen, wenn auch noch nicht in seiner empirischen
Gestalt, sondern als „geistiger Person‘ usw. Das versteht sich alles
von selbst.

c) Das Seelverstehen

Seelverstehen heißt Einblick: gewinnen in die Seele lebendiger
Menschen. Von denen haben wir bisher überhaupt noch nichts er-
fahren. Bisher haben wir uns im Bereiche des Geistes, des „„Sinnes“
bewegt, und da ist nichts Lebendiges zu Hause. Aber werden wir
diesen Bereich nicht überschreiten müssen, wenn wir Wirtschaft als

eine Kulturtatsache von Grund aus erkennen, das heißt verstehen
wollen?

„Schon Faust wirft bei seinem Übersetzungswerk die ‘berechtigte
Frage auf: „Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?“ Wir wissen,
        <pb n="233" />
        220
daß er die Frage verneint und daß er als den Quell des „Wirkens
und Schaffens“ „die Tat‘ erkennt. Das war nun freilich ein Pis-
aller des Enricus Faust. Logos durfte er nie und nimmer mit „Tat“
übersetzen. Logos ist und bleibt: Wort, Sinn, Geist. Aber dem
Grübler schwebte schon etwas Richtiges vor. Er hätte seinem Bedenken
nur dahin Ausdruck geben müssen, daß er die Alleinherrschaft des
Logos bekämpfte: neben ihm waltet mit gleicher Machtvollkommenheit
der Eros. Neben Apollo — Dionysos, neben dem Geist die Seele. Ob
in der „Welt“, mag jeder mit sich ausmachen: es bildet das letzte
Problem der Metaphysik. Daß aber die menschliche Kultur ebenso-
sehr vom Eros wie vom Logos durchwaltet wird, das wissen wir,.denn
wir erleben es. Die Kulturzusammenhänge, also auch die wirtschaft-
lichen Zusammenhänge, sind ebensosehr Wirkungs- wie Sinnzu-
sammenhänge. Denn aus Geist und Seele mit Hilfe körperlicher
Dinge baut die Kultur sich auf: in der Vitalsphäre spielt sie sich ab
und lebendige Menschen hat sie als ihre Träger, .

Aus lebendigen Menschenseelen und nur aus ihnen sind alle
Bedeutungsgehalte und Wertgehalte erwachsen und in lebendige
Menschenseelen tauchen sie immer wieder hinein, um hier ihre Kraft
wiederzufinden, wie Antäus durch die Berührung mit dem Mutter-
boden der Erde. Wollen wir also Kultur, wollen wir Wirtschaft in
ihrer ganzen Tiefe erkennen, wollen wir sie von Grund aus „VEr-
stehen‘, so werden wir ebenso wie in die Sinnzusammenhänge auch
in die Wirkungszusammenhänge eindringen müssen. Wir wollen doch
nicht nur wissen, wie etwas ist, sondern gerade auch: warum es ist.
Warum steigen die Preise? warum entvölkert sich das Land?
warum bilden sich Konzerne? Das heißt mit anderen Worten: wir
können der kausal-genetischen Betrachtungsweise nicht entbehren,
wenn wir Kulturwissenschaft gründlich treiben wollen. Denn Wir-
kungszusammenhangsbetrachtung ist nichts anderes als kausal-gene-
tische, das heißt Ursachenforschung.

Dieser Sachverhalt ist so einleuchtend, daß man sich wundern muß,
wenn wir ernsthafte Forscher seine Richtigkeit bestreiten sehen. Das
tun aber seltsamerweise z. B. Spann und seine Schüler. Spann lehnt
die Kategorie der „Ursächlichkeit“ völlig ab. „Im Leben wie in der
Wirtschaft Jäuft nichts als ‚Agens‘, als Materielles, Wirkendes ab —
        <pb n="234" />
        IM

wie überhaupt in keiner Ganzheit‘“%®; an Stelle der Kausalität soll
„Umschichtung“, Umgliederung der Mittel treten. So richtig das für
die Sphäre des Geistes gedacht ist, so falsch ist es für die Sphäre des
Lebens, in der sich alle Kultur und somit auch alle Wirtschaft be-
wegt. Für diese gilt aber gerade die Kategorie der Kausalität, Wir
wissen heute doch wohl, daß diese aus dem Urerlebnis des Wirkens
überhaupt erst entstanden ist, das dann erst auf die Vorgänge in
der Natur übertragen wurde. Ich will hier Scheler sprechen lassen,
der in einer seiner letzten und tiefsten Schriften diesen Sachverhalt
mit mustergültiger Klarheit dargelegt hat?: „Auch der Kausalbegriff
hat seinen Ursprung in der Auswirkung des Vitalzentrums eines
Lebewesens auf die Umwelt. Daß ich ein Projekt als durch mich
und mein Tun nach einiger Zeit verwirklicht vorfinde, darin habe
ich das Urphänomen, an dem der Kern der Kausalkategorie, das
‚Wirken‘ reflexiv erfaßbar ist... Die Evidenz, ‚dies Sosein ist real
geworden durch mich‘, ist völlig unabhängig von der Erkenntnis,
wie solches stattfinde und erfolge; sie ist ebenso sonnenklar als
das Wie dunkel ist. Auch liegt diese Urerfahrung viel früher als
alle Scheidung, die ich an mir selbst zwischen Leib, Seele, Körper
u. dgl. vornehme. Sie ist auch unabhängig von allem Ichbewußt-
sein und Icherleben. Auch in der ekstatischen Triebhandlung, bei
der der Triebimpuls ohne vorhergehende Ichbeziehung in Verwirk-
lichung sich umsetzt, ist ein ‚Beispiel‘ für dieses ‚Wirken‘ gegeben.

Ist das Urerlebnis der Kausalität an solchem Beispiel gegeben und
wird in Reflexion auf das Erlebnis die Kausalkategorie erfaßt, so
wird eben diese Kategorie auch auf das Verhalten der Umweltdinge
untereinander übertragen.“

Dieser letzte Schritt führt in die Metaphysik hinüber, denn die
Annahme eines ursächlichen Zusammenhangs in den Naturdingen
deutet etwas in die Natur hinein, enthält eine Behauptung, die nicht

% Othm. Spann, Kategorienlehre. 1924. S, 6ff. Vgl. die Auseinandersetzung
Spanns mit Max Adler auf dem 5. Deutschen Soziologentag in Wien 1926 und
seinen Nachtrag in den Kölner Vierteljahrsheften für Soziologie 1927.

% Max Scheler, Idealismus und Realismus im Philosophischen Anzeiger
2, 319/20. Vgl. auch die schönen Schriften von Julius Schultz, Psychologie
der Axiome, 1899, und Die Bilder der Materie, 1905, und jetzt wieder
M. Heidegger, Sein und Zeit. 2. Aufl. 1926.
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        222

„bewiesen“ werden kann. Dagegen ist im Kulturgeschehen die
Kausalität evidente Realität, die ich an jedem Menschenwerk nach-
prüfen kann.

Da diese Ansicht Spanns von der Unzulässigkeit der Kausalitäts-
kategorie in den Geistwissenschaften, wie alle Lehren dieses Schrift-
stellers, weite Verbreitung, namentlich in der Jugend, gefunden hat,
30 will ich mit einigen Worten sagen, auf welche Gründe sie mir
zurückzugehen scheint.

Zunächst wird man bei Spann, der sich ja gern einen „Romantiker‘‘
aennen hört, jene instinktive Abneigung gegen jede kausal-genetische
Betrachtungsweise vermuten dürfen, die der Romantik immer eigen
zewesen ist. Diese eigentümliche Geisteshaltung hat mit der bei ihm
gewohnten Schärfe Carl Schmitt herausgearbeitet, wenn er
schreibt®: „Wenn etwas die Romantik total definiert, so ist es der
Mangel jeglicher Beziehung zu einer causa. Sie wehrt sich nicht
nur gegen die absolute Kausalität, das heißt gegen ein absolut be-
vechenbares Verhältnis von. Ursache und Wirkung, wie es die wissen-
schaftliche Mechanik voraussetzen muß: auch die in den Wissen-
schaften vom organischen Leben obwaltende Beziehung von Reiz und
Wirkung bleibt immer noch in einem gewissen Rahmen berechen-
bar und adäquat. In der Bedeutung von ‚Sache‘ hat das Wort causa
auch noch den Sinn einer teleologischen oder normativen Bindung
and eines geistigen oder moralischen Zwanges, der eine adäquate Be-
ziehung kennt. Ein absolut inadäquates Verhältnis besteht dagegen
zwischen occasio und Wirkung; es ist — da jede konkrete Einzelheit
5ccasıo eines unberechenbaren Effekts sein kann, etwa der Anblick
ner Apfelsine für Mozart der Anlaß, das Duett ‚la ci darem la
mano‘ zu komponieren — völlig inkonımensurabel, jeder Sachlich-
keit sich entziehend, a-rational, die Relation des Phantastischen . . .“

Aber auch wenn man die besondere romantische Geisteshaltung
Spanns nicht in Rechnung ziehen will, lassen sich genügende Gründe
aufweisen, die ihn zu seinem Irrtum geführt haben,

Da scheint mir vor allem der Umstand bedeutsam, daß Spann
Kausalität mit mechanischer (äußerer) Kausalität yleichsetzt. Wenn
m  ——————
855 Carl Schmitt, Politische Romantik. 2. Aufl, 1025. S. 190/21.
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        223
man nur eine Wirkung a tergo annimmt, dann ist allerdings die
Zurückweisung der Kausalitätskategorie durch ‚einen Geistwissen-
schaftler durchaus berechtigt. Aber es kann sich doch für uns selbst-
verständlich nur um die sogenannte „psychische“ Kausalität, um
den nexus finalis, nicht um den nexus effectivus handeln, wie so-
gleich zu zeigen sein wird.

Sodann kann ich dem verehrten Kollegen den Vorwurf nicht 'er-
sparen, daß er einen — sagen wir einmal: ungewöhnlichen — Gebrauch
von den Begriffen Sachgrund und Erkenntnisgrund macht, der, so-
viel ich sehe, einen wesentlichen Teil der Schuld an seiner irrtüm-
lichen Auffassung trägt. Wir lesen hier über die Bedeutung der
Schlacht von Waterloo als „Ursache‘‘ des Zusammenbruchs der napo-
leonischen Herrschaft folgendes?®: ‚,,Ursache‘ heißt hier in Wahr-
heit nur: Grund für ein sinnvoll zusammenhängendes staatliches
usw.) Handeln, also (!) Begriffsgrund, nicht Kausal- oder Realgrund,
z. B. logischer Grund für die Handlungen Napoleons etwa für die
Niederlage der Krone nach der Schlacht; oder: logischer Grund für
die Umgliederung im Staatensystem Europas.‘ Die Sache liegt aber
doch wohl so: die Schlacht von Waterloo ist einerseits zweifellos der
„Erkenntnisgrund‘“ für die beschriebenen Ereignisse; andererseits
aber der Anlaß für den Entschluß Napoleons, die Kaiserkrone nieder-
zulegen. Dieser Entschluß ist aber der Sachgrund, das heißt die
Ursache für die tatsächlich erfolgte Niederlegung der Krone, Wie
sollte denn diese Niederlegung sonst zustande kommen, wenn nicht
vermittels eines sehr realen Handelns, das ‚moliviert ist?!

Die letzten Gedankengänge haben uns schon an die Frage nach
der Art der Verursachung im Bereiche des Kulturgeschehens heran-
geführt. Bei der Wichtigkeit des Problems will ich noch etwas aus-
führlicher die richtige Auffassung begründen.

Ursachen, das heißt treibende, wirkende Kräfte sind für uns die
Motive menschlichen Handelns und nur diese. Niemals dürfen
wir uns dazu verführen lassen, die Kausalreihe hinter diese Motive
zurückzuverfolgen. Diese Zurückverfolgung. ist bei. vielen Kultur-
forschern. insonderheit. Nationalökonomen, sehr beliebt und gilt

38 Othm. Spann, Kategorienlehre. S. 13,
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        224
geradezu als ein Zeichen tiefgründiger Forschung. Einer besonderen
Vorliebe für dieses Verfahren begegnen wir bei den meisten
Marxisten, die sich dabei mit Recht auf ihre Meister berufen
können. So läßt sich Friedrich Engels über diesen Punkt einmal
wie folgt aus®': Die Beweggründe der handelnden Personen sind nur
von geringer Bedeutung. Es fragt sich vielmehr, „welche treibenden
Kräfte wieder hinter diesen Beweggründen stehen, welche geschicht-
lichen Ursachen (!) es sind, die sich in den Köpfen der Handelnden
zu solchen Beweggründen umformen‘. Diese Frage habe sich der
alte Materialismus nie vorgelegt, „weil er die dort (in der Geschichte)
wirksamen ideellen Triebkräfte als letzte Ursachen hinnimmt, statt
zu untersuchen, was denn hinter ihnen steht, was die Triebkräfte
dieser Triebkräfte sind‘ (1). ;

Das ist ein ganz unhaltbarer Standpunkt. Gegen die von Engels vor-
getragene Ansicht läßt sich zunächst einwenden, daß sie — auch
wenn die geforderte Zurückverfolgung der „Ursachen‘“ des Ge-
schehens grundsätzlich zulässig wäre — praktisch unlösbare Aufgaben
stellen würde, Denn die Zurückführung würde ja den regressus in
infinitum bedeuten, da sich an keiner Stelle der Ursachenreihe mit
irgendwelchem Anspruch auf Richtigkeit erweisen ließe, daß es sich
nun um „Jletzte‘‘ Ursachen handele. Aber das Zurückgehen hinter
menschliche Motive ist grundsätzlich unstatthaft. Wir würden
damit auf verstehende. Erkenntnis überhaupt verzichten. Diese steht
und fällt mit dem Grundsatz: daß „letzte“ Ursachen in allem Kultur-
geschehen menschliche Motive sind. Dieser Grundsatz, können wir
also auch sagen, ist ein Apriori jeder Kulturwissenschaft. Und
zwar — wie ich hinzufügen. will — sind die Motive Motive aus
Freiheit.

Die Annahme der Willensfreiheit bedeutet in diesem Zusammen-
hange kein ontologisches (metaphysisches), sondern ein logisches
(„transzendentales‘‘) Urteil. Sie allein macht Kulturwissenschaft mög-
lich (und es bleibt dem einzelnen überlassen, ob er sie als Fiktion
oder als Realität auffassen will). Ohne diese Annahme verfallen wir
der Metaphysik: der guten, wenn wir etwa im menschlichen Willen

” Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach. 2. Aufl. 3894. S. Ah.
        <pb n="238" />
        225
eine göttliche Fügung wirksam denken, der schlechten, wenn wir
uns dem naturhaften Determinismus verschreiben. Aber wir wollen
doch Wissenschaft, wenn auch Kulturwissenschaft treiben, und da
müssen wir uns schon dazu bequemen, die eben von mir entwickelten
Ansichten für richtig zu halten: Ursachen, auf die‘ wir Kultür-
geschehen zurückführen, sind ausschließlich menschliche Motive.
Alles andere, vor allem alle Naturtatsachen, können nur als Anlaß
oder Bedingung in Rücksicht gezogen werden. Wie man trotz dieser
Annahme der Willensfreiheit auch im Bereiche der menschlichen
Kultur gewisse Regelmäßigkeiten feststellen kann, werde ich im
fünfzehnten Kapitel zu zeigen versuchen.

Unter einem Motiv wollen wir verstehen: den Inbegriff alles See-
lisch-Geistigen, das menschliches Handeln bewirkt. Damit ist :ge-
sagt, daß bei der Aktkausalität, wie man die seelische Kausalität
auch nennen kann, „Geistiges“ als notwendiger Bestandteil in den
Kausalzusammenhang eingeht: derjenige Umstand, der diese Art der
Kausalität von der mechanischen äußeren oder Stoßkausalität am
deutlichsten unterscheidet. Menschliches Handeln ist also immer aus-
gerichtet auf Sinnzusammenhänge, die dem Handelnden selbst oder
dem Beobachter als sinnhafter „Grund“ erscheinen.

Motive können sehr mannigfacher Art sein. Es lassen sich folgende
Gegensatzpaare des Handelns unterscheiden:
:. autonomes — heteronomes Handeln; heteronom ist. alles Han-
deln unter fremdem Willen: etwa des Arbeiters in einer kapi-
talistischen Unternehmung;

2. traditionales — rationales Handeln:

3. wertrationales — zweckrationales Handeln; das zweckrationale
Handeln wiederum kann Zwecken niederen oder höheren
Grades dienen: der Unternehmer kann produzieren: um Sach-
züter herzustellen, um dadurch Geld zu verdienen, um durch
das verdiente Geld diesen oder jenen Zweck zu erreichen.
Kausalgenetisch einen Kulturvorgang erklären. heißt: ihn einem
bestimmten Motiv als seinem zureichenden Grunde zuordnen.

Diese Feststellungen mußten gemacht werden, um die Frage, die
uns am Herzen liegt, zu beantworten: Können wir auch Seelen-
Sombart, Die drei Nationälökonomien 35
        <pb n="239" />
        226

vorgänge „verstehen‘‘? Das heißt also in meiner Sprechweise: ist
auch die Erkenntnis der menschlichen Seele „immanente‘‘ Erkennt-
nis? Wir sind damit an das im letzten Menschenalter von Philo-
sophen und Psychologen vielerörterte Problem des Fremdver-
stehens herangekommen.

Es kann nicht meine Aufgabe sein, nun auch meinerseits an diesen
Erörterungen in langen Ausführungen teilzunehmen. Ich will nur kurz
meinen Standpunkt darlegen.

Von den aufgestellten Theorien erscheinen mir drei als unhaltbar:

ct. die Analogieschlußtheorie, die von Schleiermacher mit
seinem Begriff des kombinatorischen Verstehens begründet,
von Dilthey, Erdmann, Simmel u. a. ausgebaut worden ist;

2. die Einfühlungstheorie, die wohl von Lipps begründet, von
H. Werner u. a. heute vertreten wird;

3. die Identitätstheorie, die als eine sehr geistvolle All-Seelen-
theorie in fast Fechnerscher Prägung bei Max Scheler in
seinen „Sympathiegefühlen‘‘“ auftaucht, als Gestalttheorie von
Koffka gelehrt wird.
Diese Theorien sind teilweise (1. und 2.) empirisch widerlegbar,
teils sind sie metaphysischer Natur, wie namentlich die Schelersche
A1l-Seelentheorie.

Richtig dagegen erscheint mir diejenige Theorie zu sein, die zu
ihren Vertretern Max Weber, Spranger, Binswanger, Grau-
mann, übrigens auch den Scheler der „Ethik“ u. a. zählt, wonach
wir Seele durch Geist, im gleichen Geist, an dem alle Seelen teil-
haben, verstehen. Wir verstehen seelische Vorgänge, vor allem also
Motive, aus dem geistigen Zentrum eines anderen heraus als „inten-
tional‘“ auf etwas gerichtet, an eiwas orientiert, das wir kennen.
Fremdverstehen ist also immer Fremdsinnverstehen, wobei der Sinn
uns vertraut ist. Wie es Schleiermacher schon ausgedrückt hat:
wir verstehen immer nur durch das Allgemeine, das Geistige hin-
durch, „in dem als einem Gemeinsamen sich die inselhaft getrennten
Individuen begegnen können“.

Gemäß dieser Auffassung hat sich, namentlich in Deutschland,
eine neue ‚„verstehende‘‘ Psychologie. eine ‚‚Geist‘psychologie ent-
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        227

wickelt, an derem Aufbau übrigens auch die Anhänger anderer „Ver-
stehens‘‘theorien beteiligt sind, nicht zuletzt Dilıh ey, die von dem
Grundgedanken ausgeht, daß die Seele, wie man es ausdrücken kann,
selbst ein Sinnzusammenhang, ein Strukturzusammenhang, ein ge-
gliedertes „Ganze“ sei, das dank seiner eigenen Gliederung ein ge-
eignetes Organ ist, Sinnzusammenhänge in der Umwelt aufzufassen.
Die für unsere Zwecke wichtigen Ergebnisse dieser neuen Einsichten
sind vornehmlich folgende:

1. Da alles Handeln geistbezogen ist, so ist jedes Motiv in einen
Sinnzusammenhang, in ein besonderes geistiges Beziehungs-
system einzuordnen. Es bekommt seine Prägung erst durch diesen
Sinnzusammenhang, in dem es wirkt. Dessen Kenntnis ist also die
Voraussetzung für sein Verständnis, nicht umgekehrt kann etwa der
Sinnzusammenhang aus dem (seelischen) Motiv abgeleitet oder be-
gründet werden. Kapitalismus muß erst da sein, ehe es kapitalistische
Motive gibt. Und ich verstehe diese erst, wenn ich weiß, was Kapi-
talismus ist, wie ich die Motive der Warenhausdiebin erst verstehe,
wenn ich den Sinnzusammenhang: Warenhaus kenne. Ich habe an
anderer Stelle bereits, dort, wo ich einen falschen Psychologismus
in unserer Wissenschaft bekämpfte (siehe S. 166f.), auf diesen
wichtigen Sachverhalt hingewiesen, der es einleuchtend macht, daß
die Psychologie nie die Grundwissenschaft einer Kulturdisziplin,
wie der Nationalökonomie, sondern immer nur eine ihrer Hilfs-
wissenschaften sein kann. Aus demselben Sachverhalt ergibt sich

2. die Einsicht, daß alle psychologischen Kategorien einer Wissen-
schaft wie der Nationalökonomie historisches Gepräge tragen
müssen, daß alle Motive nur gelten für eine bestimmte, geschichtliche
Wirtschaftslage. Daraus folgt, daß die Aufstellung allgemeiner
Motivtafeln, allgemeiner „Trieb‘schemata am Anfang eines Systems,
wie sie in. unseren verbreitetsten Lehrbüchern so sehr beliebt waren,
ein durchaus überflüssiges, ja abwegiges Beginnen ist. Es gibt keine
Motive, die in allen geschichtlichen Wirtschaftsverfassungen die-
selben sind. Es gibt keine „allgemeine Wirtschaftspsychologie“‘, eben-
Sowenig wie es einen „allgemeinen Wirtschaftsmenschen“ (selbst
nicht als Fiktion) gibt. Sondern jeder besonderen Gestaltung der
Wirtschaft entspricht auch eine besondere Seelenverfassung der

15%
        <pb n="241" />
        2928

Menschen, auf denen sie ruht. In der primitiven Wirtschaft herrschen
andere Motive vor wie im Handwerk, im Kapitalismus andere wie
in einer kommunistischen Wirtschaft.

Das Beobachtungsfeld, auf dem die Nationalökonomie hier ihre
Untersuchungen anzustellen hat, ist nun nicht mehr das Wirtschafts-
system, das, wie wir gesehen haben, für alles Sachverstehen die
Einheit bildet, sondern ist das, was ich die Wirtschaftsepoche ge-
nannt habe.

Den verschiedenen Wirtschaftssystemen in der iheoretischen
Systematik entsprechen in der Geschichte die verschiedenen Wirt-
schaftsepochen (Wirtschaftsperioden).

Unter einer Wirtschaftsepoche verstehe ich eine Zeitspanne,
während welcher ein Wirtschaftssystem in der Geschichte verwirklicht
ist, oder: während welcher das Wirtschaftsleben die einem bestimmten
Wirtschaftssystem zugehörigen Züge aufweist. Jedes Wirtschafts-
system verwirklicht sich im Rahmen eines anderen, da die menschliche
Wirtschaft nicht ohne Wirtschaftssystem denkbar ist. Wenn ein Wirt-
schaftssystem sich zu entwickeln beginnt, ist immer schon ein anderes
da. (Die Frage: ob und gegebenenfalls: wie ein „erstes“ Wirt-
schafissystem entstanden ist, die gleichbedeutend ist mit der Frage:
ob und gegebenenfalls wie der Mensch Mensch geworden ist, sich
vielleicht aus dem Tiere zum Menschen „entwickelt“ hat, geht uns
vom Standpunkt einer verstehenden Geistwissenschaft aus nichts an.
Sie gehört in den Bereich der Metaphysik.)

Es ergeben sich nun Zeiträume, in denen ein einzelnes Wirtschafts-
system verhältnismäßig rein sich verkörpert. und dem gesamten
Wirtschaftsleben den Stempel aufdrückt. Das ist die Hochepoche
dieses Wirtschaftssystems. Solche Zeiten sind stilreine Epochen.
Bis das Wirtschaftssystem sich vollentwickelt — von seinem Auf-
ireten an —, durchlebt es seine Frühepoche. Diese Frühepoche ist
die Spätepoche des verschwindenden oder besser: zurücktretenden
Wirtschaftssystems. Früh- bzw. Spätepochen sind stilgemischte
Zeiten, Übergangszeiten.

Ich habe dieses Schema der Epocheneinteilung insbesondere auf
Jas kapitalistische Wirtschaftssystem angewendet und die Epochen
des Frühkapitalismus, des Hochkapitalismus und des Spätkapitalis-
        <pb n="242" />
        220
mus unterschieden. Diese Terminologie hat sich heute schon ein-
gebürgert%,

Man kann num die einzelnen Wirtschaftsbereiche, für die man
eine „Wirtschaftspsychologie‘“ herausarbeitet, auch noch weiter geo-
graphisch abgrenzen und die Eigenheit der: wirtschaftlichen
Wirkungszusammenhänge etwa in den Volkswirtschaften der einzel-
nen Länder, in einem Lande alter Kultur und in einem Kolonial-
lande, in einem kleinen und in einem großen Lande usw. aufweisen,
Das bleibt letzten Endes dem Takt des Forschers überlassen. .

3. Da es die Aufgabe einer systematischen Kulturwissenschaft wie
der Nationalökonomie ist, Massenerscheinungen zu deuten, so ist es die
Aufgabe des Seelverstehens in einer solchen Wissenschaft, die den
Wiederholungen sozialen Geschehens zugrunde liegenden Motivreihen
aufzudecken. Die Nationalökonomie wird sich also nicht damit be-
schäftigen, Einzelmotive aufzuspüren, etwa danach zu fragen: was
Herrn Hugo Stinnes zum Aufbau seines Riesenkonzerns bewogen hat,
sondern sie wird reale Durchschnittsmotivationen in typisch
wiederkehrenden Motivreihen zu ermitteln und sie in konkreten
Motivationstypen darzustellen sich angelegen sein lassen.

Diese realen Motivationstypen, über deren Bildung im folgenden
Kapitel noch einiges zu bemerken sein wird, sind nicht zu verwechseln
mit bestimmten Fiktionen, wie dem homo oeconomicus, über
dessen Rolle in unserem Spiel ich mich ebenfalls noch zu äußern
habe: siehe das fünfzehnte Kapitel! Vielmehr sind diese Molivalions-
typen, die die seelenverstehende Forschung .herauszuarbeiten hat,
Menschen von Fleisch und Blut, die uns jeden Augenblick im Leben
begegnen können. Wie ich mir die Lösung der hier gestellten Auf-
vabe denke, kann man ersehen an den Typen, die ich in meinem
„Bourgeois‘‘ und im. „Modernen Kapitalismus‘ aufgestellt habe%,
Im übrigen verweise ich noch einmal auf das folgende Kapitel.

3. Die Grenzen des Verstehens

Von Grenzen des Verstehens und somit Unanwendbarkeit des ver-
stehenden Verfahrens können wir dort noch nicht sprechen, wo
7% Näheres siehe in meiner „Ordnung des Wirtschaftslebens‘. 2, Aufl. 1925.
3, 3of,

9 Vgl. die in Anm. 108 angeführte Literatur.
        <pb n="243" />
        230
wir einen wirtschaftlichen Zustand nicht aus einer Reihe bewußter
Zwecksetzungen heraus verstehen können. So können wir aus den
Zwecksetzungen der kapitalistischen Unternehmer zwar den „ab-
soluten‘‘ Mehrwert im Marxschen Sinne, weiterhin auch die Ver-
zrößerung der Betriebe als notwendiger, gewollter Mittel verstehen;
nicht jedoch die Akkumulation des Kapitals oder den „relativen“
Mehrwert. Diese sind ungewollte Wirkungen, bleiben als solche aber
verständlich. Kein Unternehmer will zunächst ein Kartell, er will
sich nur auf dem Markte durchsetzen. Die Wirkung. dieses Strebens
ist die Überfüllung des Marktes, die Gefährdung des Unternehmens,
und diese wird Anlaß zu dem neuen Motiv des Unternehmers, sich
mit seinen Konkurrenten zu einem Kartell zusammenzuschließen.
Verstehbarer Zusammenhang. Oder: die Überfüllung des Marktes
regt den Unternehmer an, seine Produktion einzuschränken, zu bud-
getieren: abermals ein neues Motiv und ebenfalls ein verstehbarer
Zusammenhang.

Dieser Sachverhalt ist dem Logiker und Psychologen unter der
von Wundt eingeführten Bezeichnung der „Heterogonie der
Zwecke‘ bekannt. Wundt versteht darunter die Entstehung von
Zwecken aus Nebenwirkungen und Folgen von Handlungen. Das
Verhältnis der Wirkungen zu den vorgestellten Zwecken stellt sich
eben so dar, daß „in der ersteren stets noch Nebeneffekte gegeben
sind, die in den vorausgehenden Zweckvorstellungen nicht mit-
gedacht wären, die aber gleichwohl in neue Motivreihen eingehen
und auf diese Weise entweder die bisherigen Zwecke umändern oder
neue zu ihnen hinzufügen‘ 10,

Die Effekte der Willenshandlungen reichen immer über die ur-
sprünglichen Willensmotive hinaus, und so entstehen neue Motive
mit abermals neuen Effekten; auf diese Weise wachsen die Zwecke
und Zweckmäßigkeiten, ohne daß die erreichten Ziele von vorn-
herein erstrebt wurden!%. Die auf den verkehrtesten Vorstellungen

10 W, Wundt, Grundriß der Psychologie. 5. Aufl. 1902. S. h0oof. Vgl. die
inferessante Verwendung der Wundtschen Gedankengänge in der Behandlung
der Rechts- und Staatsprobleme bei G. Jellinek, Allg. Staatslehre. 3. Aufl. 1914.
S. 478.

101. W, Wundt, Ethik. 2. Aufl, 1903. S. 266. Vgl. Rudol£ Eisler, Hand-
        <pb n="244" />
        beruhenden Zwecksetzungen und Handlungen können ungeahnte
Wirkungen von unermeßlicher Bedeutung herbeiführen: sie suchen
den Stein der Weisen und finden — die moderne Chemie; sie suchen
auf Seewegen Indien und finden — Amerika.

Folgendes Gesamtschema für das Verhältnis von Ursache (Motiv)
und Wirkung läßt sich aufstellen, indem wir unterscheiden (Bei-
spiele aus dem Bereich des kapitalistischen Wirtschaftssystems):

©. die beabsichtigten Wirkungen des bewußten Wollens: im
Endzweck: unmittelbar: Obsiegen in der Konkurrenz, mittel-
bar: vielleicht Abschluß eines Kartells; in der Mittelwahl:
unmittelbar: Vergrößerung des Betriebes, Herabdrückung der
Löhne, mittelbar: vielleicht Prämiierung auf einer Aus-
stellung;

2. die unbeabsichtigten Wirkungen des bewußten Wollens:
notwendige: Erschöpfung der Erzlager; zufällige, das heißt
solche, die nicht unvermeidlich sind, weil sie in diesen Willens-
zusammenhang von außen hereinbrechen, wenn sie auch mit
ihm in einem Zusammenhange stehen: Aufstand der Arbeiter,
Erfindung eines neuen Verfahrens;

3. die (soziologisch) „zufälligen‘“ Ereignisse, die ohue jeden
Zusammenhang mit den Strebungen der Wirtschaftssubjekte
sind: ein Krieg (sofern er nicht auf „kapitalistische‘“ Ur-
sachen zurückgeht), die Entdeckung Amerikas. Hier be-
zegnen sich zwei ganz fremde Willensreihen.

Immer aber — das mag noch einmal betont werden — bleiben
wir hier im Bereiche des Verstehens und brauchen keinerlei „List
der Vernunft‘ oder sonst eine überirdische Hilfskraft zu bemühen,
um die Zusammenhänge zu durchdringen. Wieweit hier eine über
den Willen des einzelnen hinaus sich durchsetzende „Gesetzmäßig-
keit“ anzunehmen ist, werde ich im fünfzehnten Kapitel untersuchen.

Ebensowenig liegt eine Grenze für die Anwendbarkeit unseres
Verfahrens in der subjektiven Unfähigkeit, zu verstehen. Man
darf Verständlichkeit und Verstehbarkeit, sagte ich schon, nicht mit-

231

vörterbuch der Philosophie. 1913. 8. V. „Heterogonie der Zwecke“, wo auch die
Vorläufer dieser Idee aufgezählt werden,
        <pb n="245" />
        232

oinander verwechseln. Es ist möglich, daß nur wenige einen Sinn-
zusammenhang verstehen, wie die Einsteinsche Theorie oder Nicht-
Chinesen die chinesische Sprache; es ist möglich, daß einen anderen
überhaupt kein Lebender versteht, wie die Hettiter-Sprache. Darum
bleiben es doch verstehbare Zusammenhänge. Das wäre auch für unser
armes Fach schlimm, wenn die Verstehbarkeit schon da aufhörte,
wo die Unverständigkeit der Nationalökonomen anfängt!

Nun aber gibt es doch auch wirkliche Grenzen des Ver-
stehens. Wir können sie, vom Bereiche des Verstehens aus ge-
sehen, als solche bezeichnen, die diesem nach unten hin und solche,
die ihm nach oben hin Schranken setzen.

Grenzen nach unten hin liegen für das Verstehen zunächst dort,
wo der Sinn aufhört, obwohl ein Sinn dasein könnte. Weder sind
sinnlose Zeichen — unzusammenhängende Buchstaben, Worte oder
Sätze — verstehbar, noch sinnloses Verhalten von Menschen. Das
heißt num nicht etwa, daß wir nur sinnvolles Handeln oder gar
nur rationales Handeln verstehen. Wir verstehen vielmehr. auch
irrationales Verhalten, wenn es sinnbezogen oder sinnbeziehbar ist.
So etwa eine „Börsenpanik‘“ an einem „schwarzen“ Tage, Oder den
Taumel der Menschen in einer Haussezeit. Aber völlig sinnloses
Handeln, bei dem, auch gar keine Beziehung zu einem Sinnzusammen-
hang ersichtlich ist, verstehen wir nicht. Den Irren verstehen wir
nicht. Ebensowenig Idiosynkrasien oder „Komplexe‘“: der größte Teil
der Psychoanalyse (Traumdeutung!) fällt aus dem Bereich des Ver-
stehens heraus und ist Naturwissenschaft. Überall wo das „Unbe-
wußte‘ als Erklärungsgrund auftaucht, hört das Verstehen auf.

Noch weniger vermögen wir dort zu verstehen, wo kein Sinn ist,
weil kein verstehbarer Sinn da sein kann. Das ist aber überall dort
der Fall, wo Kultur an Natur stößt, wo natürliche Tatsachen das Ver-
halten der Menschen beeinflussen. Man beachte wohl: wir verstehen
die Natur nicht. Das bedeutet selbstverständlich nicht — Gott behüte
uns vor einem solchen Irrwahne! —, daß wir überzeugt wären, die
Natur habe keinen „Sinn‘“. Aber ihn zu erfassen, reichen die Erkennt-
nismittel der Wissenschaft nicht aus. Wer einen „Sinn“ der Natur
zu kennen behauptet, muß sich bewußt sein, daß ihm dieser Sinn
durch Offenbarung erschlossen ist.
        <pb n="246" />
        233
Kultur stölßst nun aber offenbar sehr häufig an Natur. Ist doch
die Kultur aus Seele, Geist und Körper aufgebaut, ist doch
alles menschliche Handeln in den Zusammenhang des natürlichen
Geschehens verkettet! Alle Kultur, und nicht zuletzt die Wirtschaft,
wird bestimmt durch Rasse, Volkscharakter, Vererbung, Klima,
Boden, Naturereignisse aller Art. Überall dort nun, wo wir diese
natürlichen Gegebenheiten nur als Anlaß oder Bedingung mensech-
licher Motive betrachten — etwa das Klima als bestimmenden Um-
stand bei der Entfaltung des Willens zur Arbeit —, mögen sie dazu
beitragen, menschliches Handeln verständlich zu machen. Aber das
Verstehen setzt auch hier Verstehen der Motive voraus. Wo dieses
Zwischenglied fehlt, nützt uns auch die zuverlässigste Statistik nichts,
um Zusammenhänge zwischen Seele oder Geist und Natur uns ver-
ständlich zu machen. „Fehlt die Sinnadäquenz, ‚dann liegt selbst bei
größter und zahlenmäßig in ihrer Wahrscheinlichkeit angebbarer
Regelmäßigkeit des Ablaufs (des äußeren sowohl wie des psychi-
schen) nur eine unverstehbare (oder nur unvollkommen versteh-
bare) statistische Wahrscheinlichkeit vor.‘“102 )

‚Wie deshalb die Häufung statistischer Angaben so lange keinen
Wert oder doch höchstens einen vorläufigen Wert hat, solange mit
Hilfe anderer Quellen die zugrunde liegenden Erscheinungen nicht
verstehbar gemacht werden, hat unlängst wieder Ferdinand Tön-
nies urteilsvoll dargelegt10s. ;

Wie wir uns als Nationalökonomen in solchen Fällen, in denen
wir auf die Einflüsse von Naturtatsachen stoßen, zu verhalten haben,
werde ich im sechzehnten Kapitel zeigen.

Auf der anderen Seite stößt das Verstehen an Grenzen nach oben
hin. Sie liegen dort, wo der Bereich der Erfahrung und des evidenten
und mitteilbaren Erlebnisses überschritten wird und der Gedanke vor-
dringt in das Reich des Absoluten, also überall dort, wo der Sinn-
zusammenhang über den immanenten Sinn der Kulturideen hinaus
auf ihren transzendenten Sinn hinweist: wir vermögen zwar zu ver-
stehen, was Wirtschaft ist, aber nicht mehr, was Wirtschaft soll.
Denn um das zu verstehen, müßten wir eines Gottes Geist haben,

192 Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. A. a. O0. S. 5/6.

"03 .Ferd, Tönnies; Statistik und Soziographie im Allgem: Statist. Archiv,
Bd. 18. 1929. S. 546£.
        <pb n="247" />
        234
dem auch der Sim der „Welt“, des Menschen, des Lebens vertraut
ist. Hier geben wir die Fäden unserer Erkenntnis ab an den Meta-
physiker, der sich anderer Forschungsweisen als der verstehenden
Methode bedient, um die Wahrheit zu ergründen.

Vierzehntes Kapitel
Die Begriffe
1. Die Eigenart der Kulturwissenschaftlichen Begriffsbildung

Die „Kritik der historischen Vernunft‘, die uns Dilthey in Aus-
sicht gestellt hatte, läßt noch immer auf sich warten. Ihr Fehlen
aber macht sich nirgends schmerzlicher fühlbar als in der Logik
und ganz besonders wiederum in der Lehre von der Begriffsbildung.
Die Lehre von der Begriffsbildung in den Geistwissenschaften hat
im letzten Menschenalter keine wesentliche Förderung crfahren:
die scharfsinnigsten „Ordnungslehren‘“, die in den letzten Jahr-
zehnten erschienen sind, wie etwa die Logiken von Driesch,
v. Kries, Pfänder, lassen den Unterschied zwischen Natur- und
Geistwissenschaften fast völlig unberücksichtigt. Die älteren Logiken,
wie die von Mill, Wundt, Sigwart, die den Geistwissenschaften
besondere Abschnitte, ja ganze Bände widmen, stehen doch zu sehr
im Banne des naturwissenschaftlichen Denkens, um für die Eigenart
der geistwissenschaftlicher Logik den freien Blick zu haben. Die
neueste „Logik der Geistwissenschaften‘“, die wir besitzen, die von
Rothacker, geht auf das Problem der Begriffsbildung fast gar nicht
ein.

Durchaus geistwissenschaftlich denkt Heidegger. Vielleicht
schenkt er uns noch die von Dilthey verheißene „Kritik der histori-
schen Vernunft‘. In dem bisher erschienenen ersten Band seines Wer-
kes läßt die ontologische Einstellung die logischen und methodologi-
schen Probleme noch nicht zur Entfaltung kommen. Aber Heidegger
ist doch, soviel ich sehe, der erste Logiker, der als den Lehrbegriff
nicht die rote Farbe und nicht den Löwen, sondern den Hammer be-
nützt. Das bedeutet einen gewaltigen Fortschritt und enthält die Aus-
sicht auf Einsichten von unermeßlicher Tiefe.

Unsere Hoffnung setzen wir Geistwissenschaftler auch auf Hein-
rich Maier. Er gehört zu den wenigen strengen Logikern, die mit
        <pb n="248" />
        235

dem Unterschiede zwischen Natur- und Geistwissenschaften Ernst
machen. In dem Plane seines großen Werkes ist die Behandlung der
beiden Reiche in zwei besonderen Bänden vorgesehen.

Einstweilen aber besitzen wir eine geistwissenschaftliche Logik
nicht. Dieses Urteil könnte unbegründet erscheinen angesichts der
eifrigen Bemühungen der südwestdeutschen Schule um die Heraus-
arbeitung einer spezifisch kulturwissenschaftlichen Begriffslehre. Die
Einseitigkeit dieser Schule, über die ich ausführlich bereits gesprochen
habe (siehe oben S. 1 68ff.), macht sich aber besonders störend fühl-
bar bei der Lehre von der Begriffsbildung. Hier wird immer nur der
Kampf gegen die „Allgemein‘“=,,Gattungs‘“begriffe geführt und die
Kulturwissenschaft (= Geschichte) als das Herrschaftsgebiet des In-
dividualbegriffs hingestellt. Als ob mit dieser Gegenüberstellung das
Wesentliche getroffen wäre!

So bleibt denn dem Laien nichts übrig, als sich auf eigene Faust
ain Begriffsgebäude zurecht zu zimmern, von dem ich im folgenden
den Grundriß mitteile..

Worauf es meines Erachtens ankommt, ist nicht die Zuweisung be-
stimmter Begriffsarten an die beiden Wissenssphären — im beiden
werden dieselben Begriffsarten verwandt! —, sondern der Nachweis
der grundsätzlich verschiedenen Begriffsbildung in Natur- und
(Gjeistwissenschaften, durch die auch der Sinn der Begriffe ein ver-
schiedener wird. In den Naturwissenschaften erfolgt die Begriffs-
bildung durch die äußerliche Zuordnung konstanter Merkmale zu
einem Gegenstande. Das gilt für die Bildung des „Individualbegriffs“,
wenn man einen solchen für die Naturwissenschaften gelten lassen
will, nicht minder als für die Bildung der Allgemeinbegriffe, bei
denen dieses Verfahren in seiner Eigenart besonders deutlich in die
Erscheinung tritt.

Daß der Allgemeinbegriff von Naturdingen auf Abstraktion beruhe,
das heißt durch Weglassen von Merkmalen entstehe, daß also der
Ausgangspunkt die konkrete Mannigfaltigkeit des Einzelgegenstandes,
der. Endpunkt der entleerte, inhaltsarme, umfangreiche Gattungs-
begriff sei, sollte nicht bestritten werden 1%,
104 Die Einwendungen Bruno Bauchs, Die Idee (1926), 132, beruhen
auf dem Fehler, daß er seinen Beweis mit mathematischen. Begriffen führt,
        <pb n="249" />
        236
Das dem Naturforscher allein Bekannte ist das Einzelding: er
kennt von vornherein nichts anderes als seinen Schimmel — vom
Pferd weiß er nichts. Zum Wissen vom „Pferd“ steigt er auf durch
die Erfassung des in anderen Individuen ähnlichen Aussehens
Gleichen, das übrig bleibt, wenn individuelle Merkmale außer acht
gelassen werden. Er bildet den Begriff Pferd, indem er nun die in
allen beobachteten Exemplaren übriggebliebenen konstanten Merk-
male zu einer Einheit verbindet. Und so fort zum Einhufer, Huftier,
Säuger, Tier, Lebewesen usw.

Offenbar ist nun das Verfahren, das wir bei der Bildung der Be-
griffe in den Kulturwissenschaften anwenden, nicht nur von dem
aben geschilderten verschieden, sondern es ist ihm geradezu entgegen-
gesetzt. Wir bilden weder den Individual- noch den Allgemeinbegriff
durch äußerliche Zuordnung der beobachteten konstanten Merk-
male, sondern durch eine Bestimmung der Merkmale aus dem geisti-
gen Zusammenhang, den der Gegenstand bildet oder in dem er
steht, heraus. Alle kulturwissenschaftliche Begriffsbildung, so kann
man es ausdrücken, erfolgt apriorisch. Den Individualbegriff bilde
ich, indem ich dem mir bekannten geistigen Kern die ihm ge-
mäßen Merkmale zuordne. Und bei der Bildung des kulturwissen-
schaftlichen Allgemeinbegriffs verfahre ich nicht anders. Nicht durch
„Abstraktion“ bilden wir den Begriff vom Kultur-Allgemeinen, son-
dern wie man es nennen mag: durch Position. Da alle geisteswissen-
schaftlichen Allgemeinbegriffe entweder Begriffe von geistigen Vor-
gängen oder Sinnzusammenhänge von Artefakten sind, so sind sie
sämtlich wert- oder sinn- oder zweckbezogen. Der Wert oder Zweck
oder Sinn aber ist ebenso allgemein wie besonders: der allgemeine
wie der besondere Zweck wurde gleichzeitig von mir erlebt und bei
der Begriffsbildung in den Begriff hineingetragen. Logisch aber,
werden wir sagen müssen, ist der allgemeine Zweck oder Sinn das
Frühere, da er das a priori für die Entstehung des Einzeldinges ist.
Grundfalsch wäre es also, hier den Allgemeinbegriff durch allmäh-
liches Aufsteigen von der konkreten Einzelheit sich bilden und ihn

also durch „Weglassen‘“ von Merkmalen entstehen zu lassen. Sein
die eine viel nähere Verwandtschaft mit geistwissenschaftlichen als mit naturwissen-
schaftlichen Begriffen haben, ja die vielleicht geistwissenschaftliche Begriffe sind.
        <pb n="250" />
        237

Inhalt ist ebenso reich oder vielmehr reicher als der des besonderen
Begriffs, da er tatsächlich das Wesen der Sache zum Ausdruck bringt.
Während also, wie man es ausdrücken könnte, alle Allgemeinbegriffe
von Naturdingen nominalistische Ordnungsbegriffe sind, sind alle All-
gemeinbegriffe von Kulturdingen realistische Wesensbegriffei%a,
die nur nachträglich als Gattungsbegriffe gleichsam verwendet werden,
sofern man ihnen engere Begriffe unterordnet. Während wir also
zu dem Begriff Pferd gelangen, indem wir von Farbe, Größe, Bau-
art usw. der einzelnen Pferde absehen, bilden wir den Begriff Hammer
weiß Gott nicht, indem wir die besonderen Merkmale des Schmiede-
hammers, Maurerhammers, Goldarbeiterhammers usw. „weglassen“,
sondern indem wir positiv das „Wesen‘“ des Hammers als eines für
bestimmte Zwecke gewählten Werkzeugs, das heißt als Schlagwerk-
zeug (verlängerter Arm und verhärtete Faust), in dem Begriffe
zum Ausdruck bringen. Ebenso schreiten wir zu dem Begriff „„Werk-
zeug‘ nicht weiter, indem wir Hammer, Spaten, Hacke usw. ihrer
Sondermerkmale entkleiden, sondern indem wir die Merkmale der
Idee Werkzeug „ponieren‘“, während wir natürlich vom Pferd zum
Huftier, zum Säugetier, zum Tier immer nur auf demselben Wege
der Entleerung der Begriffe gelangen. Jedes Sachgut, jedes Gerät
bildet auf diese Weise einen Allgemein- = Wesensbegriff, dessen In-
halt wir aus innerster Zweck- und Sinnerfahrung heraus erfüllen,
aber ebenso jede Einrichtung des Menschengeistes: Staat; Kirche,
Betrieb, Stadt, Schule, Heer, Bank, Handel usw. .

Wir stellen also fest: alle kulturwissenschaftlichen Begriffe sind
Wesensbegriffe, kein naturwissenschaftlicher Begriff ist Wesens-
begriff, denn jede Bestimmung eines Wesens an Naturdingen. ist
Metaphysik, wie wir das früher bereits in Erfahrung gebracht haben.
Der Unterschied der Begriffsbildung in den beiden Wissensbereichen
entspricht dem Unterschiede der Erkenntnisweisen: der verstehen-
den, die von innen nach außen erkennt, und der „begreifenden‘‘,
ordnenden, die am Äußeren haften bleibt.
1042 Vgl. dazu Sigwart, Logik 1% 357ff., 2% 220ff, Sigwart sieht, daß
beim „Zweckbegriff‘““ das Allgemeine früher als das Spezielle ist, zieht aber nicht
die Konsequenz, daß dieser Tatbestand für alle Kulturbegriffe zutrifft. Vielleicht
das Tiefste hat über Begriffsbildung unter den Logikern des 19. Jahrhunderts
Lotze gesagt. Siehe dessen ..Logik'‘ (18724). $$ afl.
        <pb n="251" />
        238
2, Die Arten der Begriffe

Die üblichen Unterscheidungen, von denen auch wir Gebrauch’
machen werden, betreffen:

ı. den Umfang des Begriffs. Danach unterscheiden wir: Indi-
‚idual-, Art- (Gattungs-, Klassen-) Begriffe und Typen.

Daß der Individualbegriff in jeder Kulturwissenschaft eine
zroße Rolle spielt (vielleicht nur in der Kulturwissenschaft in
voller Reinheit möglich ist?), unterliegt keinem Zweifel. Alle „histo-
rischen Individuen“ werden mit seiner Hilfe gebildet, und die all-
täglichsten Erscheinungen werden mit ihm erfaßt. Auch in der
Nationalökonomie arbeiten wir unausgesetzt mit Individualbegriffen.
Solche sind etwa: der moderne Kapitalismus. die deutsche Volkswirt-
schaft, die Reichsbank.

Dem Individualbegriff gegenüber steht der Art- oder Gattungs-
oder Klassenbegriff. Diese Ausdrücke werden in der Regel ohne
Unterschied gebraucht. Will man sie unterscheiden, so würden sie
je einen verschieden hohen Grad von Allgemeinheit bezeichnen. Mit
den naturwissenschafilichen Begriffen gleichen Namens haben sie
nichts zu tun. Der Gattungsbegriff, wie ich diese Begriffsart in Zu-
kunft bezeichnen werde, ist ein abstrakter Allgemeinbegriff nie-
deren oder höheren Grades in dem vorhin schon umschriebenen Sinne,
dem — weil er abstrakt ist — keinerlei Anschauung entspricht. Die
Nichtrealisierbarkeit bildet ein a priori dieses Abstrakt-Allgemeinen.
Ich betone das, was eigentlich selbstverständlich ist, ausdrücklich,
weil es von unserem meistgelesenen Nationalökonomen bestritten wird.
Nach Othmar Spann!® gibt es nur „Konkret-Allgemeines‘ und
„Allgemein-Konkretes‘‘, weil in jedem Allgemeinen ein Konkretes,
in jedem Konkreten ein Allgemeines „enthalten“ ist. Das ist un-
zweifelhaft richtig, nur ist es falsch, daraus den Schluß zu ziehen:
‚Alles Allgemeine ist anschaulich (konkret).“

Ich stoße .hier an eine (subjektive) „Grenze des Verstehens‘:
ich besitze einfach die Gabe nicht, „das Pferd“ oder „den Handel“
oder „das Werkzeug‘ zu „schauen“. Über den einzelnen Schimmel
öder das einzelne Handelskontor oder den einzelnen Hammer komme

165 Othm. Spann, Kategorienlehre a. a. O0.
        <pb n="252" />
        „a A N
ich nicht hinaus. Andere mögen mehr sehen. Aber es geht nicht an,
auf solchen singulären Geistesgaben, wie sie das Schauen des All... a
gemeinen offenbar voraussetzt, ein wissenschaftliches System auf-
zubauen, das doch Allgemeingültigkeit beansprucht.

Irrtümlich ist die Ansicht, daß im Bereiche der Kulturwissenschaft
der wenigstens in dem der „Geschichte“ kein Platz für abstrakte
Allgemeinbegriffe, also für Gattungsbegriffe sei.

Man verkennt vollständig, schreibt einmal Dilthey!°® sehr richtig,
das Interesse, das der denkende Mensch der geschichtlichen Welt
entgegenbringt, wenn man die Begriffsbildung in ihrem Bereich nur
als ein Hilfsmittel ansieht, das Singuläre, wie es ‘st, abzubilden und
darzustellen; über alle Abbildung und Stilisierung des Tatsächlichen
und Singulären hinaus will das Denken zur Erkenntnis des Wesent-
lichen und Notwendigen gelangen: es will den Strukturzusammen-
hang des individuellen und des gesellschaftlichen Lebens verstehen,

Dazu aber bedarf es der Allgemeinbegriffe, die es natürlich in jeder
Kulturwissenschaft ebenso gibt wie in der Naturwissenschaft. Auch
der Gattungsbegriff findet hier Verwendung, und zwar in demselben
Sinne wie in den Naturwissenschaften, nämlich um darunter Einzel-
gegenstände oder Gruppen von solchen zu „subsumieren‘. Welcher
Unterschied zwischen der Unterordnung der Begriffe Gymnasium,
Mittelschule, Volksschule unter .den Begriff Schule und derjenigen
der Begriffe Rappe, Schimmel, Fuchs unter den Begriff Pferd ob-
walten soll, ist nicht einzusehen. Ganz seltsam ist die Vorstellung,
die sich in extremen Vertretern der „kulturwissenschaftlichen‘‘ Schule
findet2, wonach „Gattungsbegriffe‘“ deshalb für Kulturerscheinungen
nicht in Frage kommen sollen, weil sie die unter sie subsumierten
Individuen „fungibel‘“ machten. Allerdings sind die Dresdener Bank
und die Deutsche Bank nicht „fungibel“, aber ist darum der Begriff
Bank kein Allgemeinbegriff? Und sind etwa Jupiter und Venus
fungibel, weil sie beide Sterne, der Popokatepetl und der Vesuv, weil
sie beide feuerspeiende Berge sind?

In der Nationalökonomie bedienen wir uns des Gattungsbegriffs
in seinen verschiedenen Abstufungen auf Schritt und Tritt. Etwa:
"106 W. Dilthey, Ges. Schriften, 5, 341/42.

107 Siehe z. B. Stephinger, Zur Methode der Volkswirtschaftslehre. 1909.

239
        <pb n="253" />
        240
Effektenhandel,
Börsenhandel,
Handel.
Wir „subsumieren‘ auch unter Begriffe höheren Grades, genau
wie es die Naturwissenschaftler tun, Begriffe niederen Grades:

Produktionsmittel, Fabrik,
Werkzeug, Gesellschaftlicher Betrieb,
Sachgut, Betrieb,

Geld:
Metallgeld, Notenbank,
Papiergeld, Kreditbank,
Gutes Geld, Wechselbank,
Schlechtes Geld, Diskontobank,
Währungsgeld, Hypothekenbank,
Scheidemünze Staatsbank

usw.

Handel:
Großhandel,
Kleinhandel,
Börsenhandel,
Ausfuhrhandel,
Baumwollhandel,
Effektenhandel
HSW.

s8W.
Sehr häufig verknüpfen wir den Individual- mit dem Gattungs-
begriff: der englische Handel,
das französische Bankwesen,
die Krise von 1857
usw.
Zwischen dem Individualbegriff und dem Gattungsbegriff steht
nun aber noch eine dritte, für uns besonders wichtige Begriffsart,
das ist der Typus. Über diesen ist im letzten Menschenalter, nament-
lich in Deutschland, viel nachgedacht und viel geschrieben 1% worden.
108 Aus der umfangreichen Literatur, die sich mit dem Begriff des Typus be-
schäftigt, sei außer den schon genannten „Logiken‘“, sowie den Schriften von
Dilthey, Freyer, Spranger, Max Weber, Heinr. Maier, Wertheimer,
Köhler, Switalski noch angeführt: William Stern, Die differentielle
Psychologie in ihren methodischen Grundlagen. rgır. 3. Aufl. 1921. Ferner
kommen hier in Betracht diejenigen Werke, die sich mit der Aufstellung und
Beschreibung „typischer‘“ Charaktere beschäftigen oder zu beschäftigen glauben.
So Ludwig Klages, Prinzipien der Charakterologie, Zuerst 1910. 3. Aufl. 1921;
Ed. Spranger, Lebensformen, 1914. 4. Aufl. 1924; derselbe, Psychologie
des Jugendalters. Zuerst 1924; dann oft aufgelegt; Rich. Müller-Freien-
tels, Persönlichkeit und Weltanschauung. 1919; Karl Jaspers, Psychologie
der Weltanschauungen. 1919; 2. Aufl. 1922; C. G. Jung, Psychologische Typen.
Q. 3. (z1921; 3. u. 4. Tausend 1925); Ernst Kretschmer, Körperbau und
Charakter. 1921, 3. Aufl. 1922; Julius Schultz, Die Philosophie am Scheide-
wege. ı922; W. Drascher, Auslanddeutsche Charakterbilder, 1929. Vgl. auch
meinen Proletarischen Sozialismus. 2 Bde. ta24. I. Bd. 5. Kap.
        <pb n="254" />
        241
Der Fehler jedoch, an dem die meisten Schriften kranken, ist der,
daß sie den Typenbegriff nur mit Bezug auf die menschliche Seele oder
allenfalls die menschliche Gestalt zu bilden versuchen. Wir brauchen
aber auch eine Bearbeitung geistiger, ja (in der Nationalökonomie)
selbst körperlicher Typen, wie wir sehen werden. Ein anderer Mangel
der bekannten Begriffsbestimmungen des Typus ist der, daß in ihnen
die Abgrenzung gegen den Gattungsbegriff nicht scharf genug ist. Das
gilt z. B. für die Definitionen, die Dilthey und Stern vom Typus
geben: Typen sind „Grundformen, die in dem Spiel der Variationen
immer wiederkehren. In einem solchen Typus sind mehrere Merk-
male, Teile oder Funktionen regelmäßig miteinander verbunden.
Diese Züge, deren Verbindung den Typus ausmacht, stehen in solcher
gegenseitigen Relation zueinander, daß die Anwesenheit des einen
Zuges auf die des anderen schließen läßt, die Variationen in einer
auf die einer anderen‘ 1, Oder: ein Typus ist „eine Struktur, welche
die möglichst reine Ausprägung eines gemeinsamen Zuges und die
möglichst geringe Beimischung störender, zufälliger, rein individueller
Züge aufweist‘““11%0, Ich frage mich, ob diese Begriffsbestimmungen
auf Begriffe wie Börse, Bank, Fabrik nicht zutreffen und finde,
daß sie es tun. Nimmermehr sind aber diese Begriffe Typen, es sind
echte „Gattungsbegriffe‘““. Wir können uns auch nicht dadurch aus der
Verlegenheit ziehen, daß wir sagen: „Typen sind nicht extrem (!) be-
griffliche,, sondern begriffsanaloge Bildungen (wie z. B. Charakter,
Wesen usw.), die nicht nur merkmalmäßig abstrahieren, sondern ge-
staltmäßig usw. (!) zusammenfassend fungieren.‘“111 Ohne scharfe
Begriffe können wir nun einmal keine Wissenschaft treiben: quod
non est in conceptu, non est in mundo scientifico!

Wenn wir den_Typus richtig bestimmen wollen, so müssen wir
uns klar sein, daß es ein Begriff ist, der, wie ich schon sagte,
zwischen Individualbegriff und Gattungsbegriff steht. Dem Gattungs-
begriff ist er verwandt dadurch, daß er stets die Merkmale meh-
rerer Individuen zu einer Einheit zusammenfaßt, daß also immer
mehrere Individuen unter ihn fallen. Dem Individualbegriff nähert
109 W, Dilthey, Ges. Schriften 4, 270.

40 W, Stern; Differentielle Psychologie. S. 280£f.

41 M. Wertheimer, Drei Abhandlungen zur Gestaltstheorie (1925). S, 115,
Sombart, Die drei Nationalökonomien 16
        <pb n="255" />
        242

er sich dadurch, daß die von ihm bezeichnete Wesenheit in gewissem
Sinne ein Konkretum ist. Wir können ihn deshalb als konkreten
Allgemeinbegriff bezeichnen, müssen uns aber klar sein, daß
diese Benennung nur dann keinen Widerspruch im Beiwort ent-
hält, wenn wir eben die Begriffe „allgemein‘“ und „konkret“ in einem
zanz bestimmt umschriebenem Sinne gebrauchen (besser wäre es,
andere Worte zu verwenden). Was ich in diesem Zusammenhange
unter „Allgemeinheit‘“ verstehe, sagte ich schon. Konkretum im
geistwissenschaftlichen Verstande, der hier allein in Betracht kommt,
will ich aber nennen: im Bereich des Geistigen ein realisierbares
Gebilde, im Bereich des Seelisch-Leiblichen einen lebensfähigen
Menschen und im Bereich des Stofflichen einen sicher bestimm-
baren Gegenstand. Ein Typus ist also ein Begriff, der eines dieser
Konkreta bezeichnet, ohne Individualbegriff zu sein. Wir können
der größeren Deutlichkeit halber auch sagen: er ist ein Allgemein-
begriff, der so viel Merkmale enthält, daß der durch sie bezeichnete
Gegenstand wirklich sein kann. Der Typus, das folgt aus dem Ge-
sagten, wird immer nahe der infima species stehen, vielleicht nur
diese umfassen. Ob es im Bereiche der Naturerkenntnis „Typen“
gibt, lasse ich dahingestellt. In der lebendigen Natur könnte ich mir
eine Typenbildung denken. Daß Tier, Säuger, Huftier, Einhufer,
Pferd nicht als Typen gefaßt werden können, leuchtet ein. Wohl
aber vielleicht ein Trakehnerhengst, eine englische Vollblutstute, ein
russisches Pferdchen. Das eigentliche Anwendungsgebiet für den
Typusbegriff sind aber die Kulturwissenschaften. Ich will ein paar
Beispiele nationalökonomischer Begriffe anführen, die wir als Typen-
begriffe ansprechen können.

Geisttypen: das märkische Rittergut, der niedersächsische Bauern-
hof, der elsässische Weinberg, das -.gemischte Montanwerk, die
Großbank, der Typenhandel in Baumwolle, eine „mittelgroße‘“ Baum-
wollspinnerei, das großstädtische Warenhaus im Westen, desgleichen
‘m Osten oder Norden einer Stadt, das großstädtische Elektrizitäts-
werk, die mittlere Hypothekenbank.

Die meisten dieser Begriffe sind jedoch nur Typen in einer mehr
oder weniger weiten zeitlichen und geographischen Beschrän-
kung: etwa muß „das gemischte Montanwerk‘‘ noch auf den rhei-
        <pb n="256" />
        243

nisch-westfälischen Bezirk und das Jahrzehnt 1900—71910 einge-
schränkt werden. Dann aber stellt es in der Tat ein realisierbares,
ja sogar schon realisiertes Gebilde dar. Ein Warenhaus in dem ele-
ganten Viertel einer Großstadt mag noch „wesentliche“ Unterschiede
aufweisen zwischen Paris, London und Berlin, ebenso zwischen
München und Leipzig, sowie in allen Fällen zwischen 1929 und
t909. In einem bestimmten Umkreise von Raum und Zeit aber wird
es „typisch“ usw.

Wo hier die Grenze zu ziehen ist, muß der Takt des Forschers
entscheiden, von dem ja so viel, so viel in unseren Wissenschaften
abhängt. Viel sicherer läßt sich bestimmen, welcher Begriff niemals
ein Typus sein kann, sondern Gattungsbegriff ist: siehe z. B. die
Aufzählung auf Seite 240.

Personentypen: der Londoner Broker, der Pariser Makler, der
bremische Überseekaufmann, der ostelbische „Junker“ (oder nur:
der märkische, pommersche, ostpreußische usw. Junker), der
mittelalterliche Schuster, Schneider usw. (nicht: Handwerker), der
großstädtische Metallarbeiter, der Baumwollspinner, der Puddler, der
herrschaftliche Chauffeur, der Sonntagnachmittagsaushilfkellner, der
Kellner in einem Luxusrestaurant, die Münchener Kellnerin (gewiß
nicht: der Kellner oder die Kellnerin, die vielmehr Gattungsbegriffe
sind, ebenso wie Proletarier oder Lohnarbeiter), der Gewerkschafts-
beamte, der Fachmann, Kaufmann, Finanzmann im Zeitalter des
Hochkapitalismus (Unternehmer: Gattungsbegriff), der Wolga-
schiffer, der Berliner Portier oder Budiker.

Auch für diese Art von Typen gilt das vorhin Gesagte: daß die
meisten einer zeitlichen oder geographischen Einschränkung be-
dürfen, um zu gelten. Bei den Personentypen gibt es ein gutes Mittel,
um zu prüfen, ob es echte Typen sind: die gemeinte Person muß
bildlich dargestellt werden können, sei es im Ernst, sei es im Spaß
(als Karikatur). Man erinnere sich so mancher vortrefflicher Bilder,
Zeichnungen oder Bildwerke, um die Richtigkeit dieser Bemerkung
bestätigt zu finden. Meister der Menschen-,,Typen“-, insonderheit
Berufs-Typen-Darstellung waren Pauquet, Daumier, Gavarni, Meu-
ailer, Menzel.
        <pb n="257" />
        244
Groß in der Herausarbeitung der menschlichen Typen sind von
jeher die Franzosen gewesen seit den Tagen Montaignes und La-
bruyöeres. Eine prachtvolle Sammlung sozialer „Typen“ enthält das
große Werk: „Les Francais peints par eux memes“, in dem die besten
Schriftsteller und Zeichner Frankreichs aus den 1830er und 1840er
Jahren Vertreter sämtlicher damaliger Berufe beschrieben und dar-
gestellt haben.

—Sachtypen: als solche kommen alle Warentypen oder Standards
in Betracht, die an den Börsen gehandelt werden. Sie werden bekannt-
lich unter dem Gesichtspunkt der mechanischen oder chemischen
Beschaffenheit des Gegenstandes gebildet und bestehen für Baum-
wolle, Wolle (zum Teil), Petroleum, Kaffee, Zucker, Getreide (zum
Teil), Öle, Hölzer, Kupfer, Eisen, Träger, Profileisen, bestimmte
Garnnummern u. 8.

Was es mit dem Typusbegriff auf sich habe, kann man an diesen
Warentypen besonders deutlich erkennen, weil hier ja der Typus
bewußt, im Hinblick auf ganz bestimmte Zwecke, geschaffen
worden ist. Der Zweck ist: Waren ganz besonderer Beschaffenheit
als solche kenntlich zu machen, damit man sie ohne Bezugnahme
auf einen individuellen Posten handeln und (wo der Terminhandel
in ihnen nicht Selbstzweck ist) für irgendwelche Zwecke verwenden
kann. Petroleum, Baumwolle, Kaffee sind ganz unbestimmte, „ab-
strakte‘“ Gattungsbegriffe. Eine Bestellung auf eine Partie Petroleum,
Baumwolle, Kaffee hat bei der großen Verschiedenheit der Quali-
täten keinen Sinn. Darum sind „Typen‘‘ gebildet: Standard white,
good middling fair, good average Santos usw., die nun für den
Händler eine fest umschriebene Qualität dieser Warenart bedeuten.

Eine Unterscheidung der verschiedenen Begriffe, die ebenfalls jede
„Logik“ enthält und die ich nur der Vollständigkeit halber ver-
zeichne, ist die Unterscheidung nach dem Inhalt der Begriffe in

2. Einzel- und Kollektivbegriffe, je nachdem sie Einzeldinge
oder „Kollektiva‘“, also Ganze, die aus Individuen bestehen, erfassen.
Die Kollektivbegriffe spielen begreiflicherweise in einer Wissenschaft
wie der Nationalökonomie eine große Rolle. Hierher gehören also
Begriffe wie Kartell, Konzern, Betrieb, Gewerkschaft, Genossenschaft,
Börse. Die Einteilung in Einzel- und Kollektivbegriffe kreuzt sich mit
        <pb n="258" />
        245

der in Individual- und Allgemeinbegriffe: der Einzelbegriff kann ein
Individualbegriff (Reichsbank) oder ein Allgemeinbegriff (Bank), der
Kollektivbegriff kann ebenso beides sein: Konzern der D-Banken -—
Bankkonzern.

Nun will ich aber noch eine dritte Unterscheidung machen, die
nicht gemacht zu werden pflegt und die mir doch sehr wichtig zu
sein scheint, das ist die Unterscheidung nach der Gattung der Be-
eriffe in

3. Ideal- und Realbegriffe. Die Unterscheidung hat natürlich
nur einen Sinn im Bereiche der Kulturwissenschaft, die Wesens-
erkenntnis gewinnt.

Idealbegriffe nenne ich diejenigen, bei denen das Wesen des
Gegenstandes in voller Reinheit zum Ausdruck gebracht wird. Sie
entstehen durch Ausscheidung aller nicht wesentlichen Merkmale und
„Steigerung‘“ aller Wesensmerkmale. Bei der Bildung solcher Ideal-
begriffe ist alle „Wertung“ auszuschalten: es handelt sich nicht um
die Erfassung des „Vollkommenen“‘‘, sondern des „Wesentlichen“,

Realbegriffe sind demgegenüber diejenigen, die die Gegenstände
in ihrer zufälligen (empirischen, historischen) Gestalt erfassen. Sie
entstehen durch Zusammenstellung der empirisch nachweisbaren
Merkmale (natürlich auf der Grundlage der Wesenserfassung, auf
der, wie wir sahen, alle kulturwissenschaftliche Begriffsbildung be-
ruht): ;

Diese Unterscheidung in Ideal- und Realbegriffe wird hoffentlich
dazu beitragen, den Begriff des „Idealtypus‘ zu klären, den Max
Weber in unsere Wissenschaft eingeführt hat und über den seitdem
eine umfangreiche Literatur erschienen ist!!?, So bedeutsam dieser
Begriff ist, so wenig geklärt ist er. Weder Max Weber selbst, noch
diejenigen, die nach ihm sich dieses Begriffes angenommen haben,
sind bemüht gewesen, ihn in logisch einwandfreier Weise zu be-
123 Aus dem Schrifttum, das die Terminologie Max Webers zum Gegenstande
hat, seien genannt: A. von Schelting, Die kulturwissenschaftliche Begriffs-
bildung bei Max Weber im Archiv für Sozialwissenschaft usw. Bd. 49. Hans
Oppenheimer, Die Logik der soziologischen Begriffsbildung mit besonderer Be-
rücksichtigung von Max Weber. 1925. Vgl. dazu Andreas Wallher in den
Göttinger Gelehrten Anzeigen. ı926, und im Jahrbuch für Soziologie. Bd. 11.
Hermann J. Gräb, Der Begriff des Rationalen in der Soziologie Max Webers.
192%. Bernhard Pfister, Die Entwicklung zum Idealtypus. 1928.
        <pb n="259" />
        246

stimmen. Sonst hätte es nicht vorkommen können, daß man den
Begriff des Idealtypus auf Erscheinungen, wie das Christentum oder
den modernen Kapitalismus, also auf historische Individuen, angewandt
hätte. Ein Individualbegriff kann doch nie und nimmer ein „Typus“
sein, und sei dieser noch so „ideal“.

Die ziemlich dunkle‘ Lage wird, wie mir scheint, durch die
schlichte Einsicht aufgehellt, daß man den Gegensatz: ideal. — real
auf alle Begriffsarten gleichmäßig anwenden kann, also auf Indivi-
Jualbegriffe, Gattungsbegriffe und Typen.

Ein Ideal-Individualbegriff ist derjenige, der die. Wesenheit
eines Individuums zum reinen Ausdruck bringt, dasjenige also, was
ein Individuum sein könnte, wenn es seinem Wesen voll entspräche,
ein Begriff, der die „Idee“ des Individuums erfaßt. Ein Real-Indi-
vidualbegriff dagegen ist derjenige, der die „zufällige“ empirische
Beschaffenheit des Individuums darstellt. Also etwa: der Begriff der
Reichsbank, wie er dem Statut und den Absichten des Gesetzgebers
entsprechen würde, und der Begriff der Reichsbank, wie diese in
ainem beliebigen Jahre tatsächlich gestaltet ist.

Nach demselben Verfahren kann man beim Gatiungsbegriff und
beim Typus die Unterscheidung in Ideal- und Realbegriff vornehmen.

Der reale Begriff wird in allen Fällen Abweichungen vom idealen
Begriff aufweisen, die wiederum „typisch“ sein müssen beim Typus,
dagegen Massenerscheinungen beim Gattungsbegriff und zeitliche Ab-
weichungen beim Individualbegriff sind.
3. Die Begriffe im System

Nach einem bekannten Ausspruch Schmollers war es dessen
Meinung (und diese Meinung darf als die herrschende angesehen
werden), daß die Wissenschaft der Nationalökonomie entstände
durch die Zusammenfassung der „nationalökonomischen Erschei-
aungen‘“ zu einem System. Diese Auffassung ist doch wohl nicht
haltbar. Danach müßte es „nationalökonomische Erscheinungen“
geben, deren wir uns nur zu bemächtigen hätten. Aber was sollte
sie erzeugen? In Wirklichkeit liegt die Sache wohl umgekehrt: erst
müssen wir ein nationalökonomisches System, d. h. eine Grundidee
haben und dann erst können wir bestimmen, was eine mational-
ökonomische Erscheinung ist. Für jeden (wissenschaftlichen) Be-
        <pb n="260" />
        247

griff gilt der Satz: daß ihm der Begriff des Systems zur Voraus-
setzung seiner Möglichkeit und Geltung und damit zur Grundlage
seines. Begriffswerts dient, da jeder Begriff Begriff nur im Sy-
stem ist!1, Aus dieser Einsicht, die grundlegend für alle wissenschaft-
liche Begriffsbildung ist, ergibt sich auch die Unstatthaftigkeit einer
Übertragung von Begriffen aus einer Wissenschaft in die andere: ein
Verfahren, das in der Nationalökonomie besonders häufig beliebt wird.

Die Nationalökonomie hat sich die längste Zeit mit Begriffen be-
hölfen, die sich wie Landstreicher zwischen den verschiedenen
Landesgrenzen herumtrieben, ohne recht zu wissen, wo sie eigentlich
heimatberechtigt waren. Aus solchem vagierenden und vagabundieren-
den Gesindel hat die Nationalökonomie mit Vorliebe die Cadres
ihrer Begriffsarmee ausgefüllt: Wert — Bedürfnis — Gut — Lust
— Unlust — Nutzen usw., und hat diesen hergelaufenen Burschen
sogar die Würde der „Grundbegriffe“ verliehen.

Ehrliche und landesgebürtige nationalökonomische Begriffe sind
nur die auf das System der Nationalökonomie bezogenen Begriffe. Da
dieses sich, wie wir im zwölften Kapitel gesehen haben, aus drei Arten
von Ideen aufbaut, so ergeben sich auch drei verschiedene Arten
nationalökonomischer Begriffe, Das sind.

rt. die allgemein-ökonomischen Hauptbegriffe, das heißt
diejenigen Begriffe, die auf die Grundidee direkt bezogen sind und
somit für alle Wirtschaft gelten. Also etwa: wirtschaftliches Gut,
Produktion, Produktionsmittel, Produktivität, Wirtschaftsbetrieb, Er-
trag, Einkommen usw. ;

2. die historisch-ökonomischen Hauptbegriffe, das heißt
diejenigen, die auf die Idee des Wirtschaftssystems bezogen sind und
somit nur für ein bestimmtes Wirtschaftssystem gelten. Also etwa:
kapitalistische Unternehmung, Kapitalzins, Grundrente, Arbeitslohn.
Börse, Expansionskonjunktur;

3. die Hilfsbegriffe, das heißt diejenigen, die im Hinblick auf
eine bestimmte Arbeitsidee gebildet werden. Also etwa: Zahlungs-
bilanz, Standort, produktive Kräfte, Interdependenz (der Marktvor-
gänge) usw.

118 Siche die guten Ausführungen (im Auschlusse an Kant) bei A. Liebert.
Wie ist kritische Philosonhie überhaupt möglich? 10618. S. 3of£.,
        <pb n="261" />
        248
Fünfzehntes Kapitel
Die Gesetze
1. Die Begriffe : Gesetz und GesetzmäßigKeit

Wir haben bereits an zwei Stellen von „Gesetzen‘“ und „Gesetz-
mäßigkeit‘“ im Wirtschaftsleben Kenntnis erhalten: bei der Erörte-
rung der richtenden und der ordnenden Nationalökonomie. In beiden
sind wir diesen Begriffen begegnet, und ich habe ihren Inhalt dog-
matisch dargestellt, ohne mich der Mühe zu unterziehen, die Be-
griffe „kritisch“ zu untersuchen.

Wenn wir uns jetzt vor die Frage gestellt sehen: ob es in der ver-
stehenden Nationalökonomie auch Gesetze und Gesetzmäßigkeit gebe,
und welchen Wesens diese etwa seien, müssen wir uns doch einen
Augenblick besinnen auf die Bedeutung, die den vielgebrauchten
Wörtern zukommt.

Das Ergebnis einer Durchmusterung des umfangreichen Schrift-
jums!14 ist dieses: daß eine einheitliche Sinngebung der Begriffe
aicht besteht und im ganzen ein ziemlicher Wirrwarr ‘unter den
Geistern herrscht!t5, Es bleibt uns also nichts übrig, als selbst den
Sinn der Worte zu bestimmen.

Wenn wir auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Gesetz“
zurückgehen, so finden wir, daß der Ausdruck aus der Rechts-
sprache stammt: Gesetz heißt soviel wie unverbrüchliche Norm
(Vorschrift), die keine Übertretung zuläßt. Gesetzmäßigkeit würde
dann der dem Gesetze entsprechende Zustand (oder das dem Ge-
setze entsprechende Verhalten) sein.

Gleichzeitig wird das Wort in den Religionen (am schroffsten
m der jüdischen) verwendet, um die von Gott gesetzte Norm oder

114 Siehe die Übersicht in Eislers Wörterbuch der Philosophie. S. v. Gesetz.

45 Die ganze Verfahrenheit des Problems „Gesetz“ ersieht man am besten aus
der zusammenfassenden Darstellung bei Rudolf Eucken, Geistige Strömungen
der Gegenwart; der Grundbegriffe der Gegenwart, 5. Aufl. 1916. S. 148ff. Das
Schrifttum über den Gesetzesbegriff ist unübersehbar. Eine Aufzählung würde
Seiten füllen; ich verzichte deshalb darauf und verweise auf die (unvollständige)
Zusammenstellung bei Eisler, Auf die wichtigsten Erscheinungen habe ich am
zeeigneten Ort aufmerksam gemacht.
        <pb n="262" />
        240

Urdnung der Welt als „Gesetz‘“ und den ihm entsprechenden Ablauf
der Welt als „„Gesetzmäßigkeit‘“ zu bezeichnen.

Aus dem Sinnbereiche des Rechts und der Religionen ist der
Ausdruck dann in die philosophische Sprache übergegangen, um
damit die verbindliche Sittennorm mit der Würde der Unverletzlich-
keit zu bekleiden: die Gebote der Sittlichkeit heißen bei Kant!1e
Gesetze, weil sie „dem Willen kein Belieben in Ansehung des Gegen-
teils frei‘ lassen.

Zu einem naturwissenschaftlichen Fachausdruck wird das
Wort „Gesetz‘“ in der Zeit, als man noch an die „Gesetzmäßigkeit“
der Natur, das heißt an einen in der Natur sich auswirkenden gött-
Lchen Plan, glaubte. Als dann dieser Glaube abhanden kam, als man
die Natur „entgötterte‘, als man auf jede Annahme einer Gesetz-
mäßigkeit in der Natur verzichtete, ist — aus alter Gewohnheit —
der Ausdruck „Gesetz‘“ weiter verwandt worden, obwohl er allen
Sinn verloren hatte: man brauchte ihn jetzt, um etwas völlig
anderes, als er früher bezeichnete, damit auszudrücken, nämlich
Formeln, in die man Erfahrungssätze faßte, also „Regeln“. Es gab
von. nun an zwei grundverschiedene Bedeutungen des Wortes „Ge-
setz‘‘: Rechts-, göttliches, Sitten-Gesetz einerseits und Naturgesetz
andererseits, die nicht mehr miteinander zu tun haben als das Schloß
am Meer und das Schloß an der Tür, die auch beide denselben Namen
tragen.

Auf die Kulturvorgänge und mit besonderer Vorliebe die Wirt-
schaft ist dann das Wort in seiner doppelten Bedeutung weiter
übertragen worden: die richtende Nationalökonomie nahm den Be-
griff des „Gesetzes‘“ auf.in seiner ursprünglichen Bedeutung, die
ordnende Nationalökonomie in seiner Bedeutung als Naturgesetz.

Die richtende Nationalökonomie hat, wie ich zu zeigen versucht
habe, eine Gesetzmäßigkeit der Wirtschaft angenommen, die sie in
ihrer Blütezeit religiös verankerte, um dann später, als mit dem
Gottesglauben der Glaube an eine göttliche Welt- (und Wirtschafts-)
ordnung gefallen war, einen planmäßigen Ablauf der Geschichte auf
sine sehr mysteriöse „Naturgesetzmäßigkeit‘“ zu begründen. In diesem

SA
416 Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. 2. Abschnitt.
        <pb n="263" />
        250
entarteten Sinne verwendeten z.B. Marx und Engels das Wort „Ge-
setz‘: „eine Gesellschaft (kann) dem Naturgesetz ihrer Bewegung
auf die Spur kommen‘ heißt es bei Marx!!’, kann ihren „ordre
naturel‘‘ entdecken, wie es bei den Physiokraten geheißen haben
würde. Auf die Annahme derselben mysteriösen „Gesetzmäßigkeit“
läuft auch der Schwindel hinaus, den man eine Zeitlang mit den
„statistischen Gesetzen“ Ad. Quetelets1s und seiner Schule ge-
irieben hat, wonach eine unsichtbare Hand, ein „geheimes Gesetz‘ die
Eheziffern und die unfrankierten Briefe in ihrem Umfang bestimmen
sollte. Man nimmt die Verirrung Quetelet selbst, der Direktor der
Sternwarte und Professor am Museum zu Brüssel war, weniger übel
als vielen Männern, die ihm gefolgt sind, obwohl sie das Studium
der Gesellschaft berufsmäßig betrieben.

Die Anhänger der ordnenden Nationalökonomie, für die es sinn-
gemäß eine Gesetzmäßigkeit des Wirtschaftslebens nicht geben kann,
sind sämtlich — folgerichtig — von dem Begriff des Naturgesetzes,
also des Pseudo,‚gesetzes‘‘ im Sinne einer Aufstellung von Formeln
für Regelmäßigkeiten, ausgegangen und haben zu diesem Be-
griff verschieden Stellung genommen.

Die einen haben ihn ohne weiteres — tale quale — übernommen.
So die konsequentesten Denker naturwissenschaftlichen Bekennt-
nisses: die Equilibristen Paretoscher Observanz: siehe S. 135f.

Andere11® lassen den „Gesetzes‘“begriff mit Einschränkungen für
die Wirtschaft gelten: es bestehe, meinen sie, zwar kein grundsätz-
licher, aber doch ein gradueller Unterschied zwischen Naturgesetzen
und sozialen Gesetzen: diese seien „spezifischer‘“, weil auf einen
angeren Umkreis von Bedingungen beschränkt, die Bedingungen seien

217 Über den Begriff der Gesetzmäßigkeit bei Marx und Engels, der bei ihnen
;inen sehr verschiedenen Inhalt hat, habe ich ausführlich gehandelt im 15, Kapitel
les ersten Bandes meines „Proletarischen Sozialismus‘. 1924.

118 Ad. Quetelet, Sur l’homme et le d&amp;veloppement de ses facultes ou (!)
2ssai de physique‘ sociale. 2 Vol. 1838; idem, Du systöme social et des lois
qui le rögissent. 1848; dasselbe deutsch: Zur Naturgeschichte der Gesellschaft.
856; idem, Physique sociale. 2 Vol. 1859; deutsch (!) von Valentine Dorn.
2 Bde. 1914/21.

49 Der bedeutendste Vertreter dieser Ansicht ist F. Eulenburg; siehe seine
mehrfach zitierten und.-noch zu zitierenden. Arbeiten. ...
        <pb n="264" />
        251
meist nur an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten erfüllt.
Aber es gäbe in der Gesellschaft ebensogut „Gesetze“ wie in der
Natur, das heißt also: man könne gesellschaftliche Erscheinungen
ebensogut auf Regeln bringen wie die Naturerscheinungen.

Diese Auffassung hält eine dritte Gruppe!?® von Forschern — ganz
unberechtigterweise, wie ich bemerken will — für falsch. Nach ihrer
Meinung gibt es in der Gesellschaft, also auch in der Wirtschaft,
überhaupt keine „Gesetze“ im Sinne der Naturgeseize. Sie begründen
ihren Standpunkt mit dem Hinweis darauf, daß die gesellschaftlichen
Erscheinungen zu „kompliziert“, daß sie nicht meßbar, nicht be-
rechenbar, nicht beständig seien, oder mit dem Hinweis auf die Frei-
heit des menschlichen Willens. Keine dieser Tatsachen bildet einen
hinreichenden Grund, um die Möglichkeit auszuschließen, Regeln für
menschliches Verhalten aufzustellen.

Die Vertreter der verstehenden Nationalökonomie können nun mit
den beiden Begriffen von Gesetz und Gesetzmäßigkeit, die ich eben
kurz besprochen habe, nichts anfangen: den Gesetzesbegriff der
richtenden Nationalökonomie müssen sie ablehnen; weil er meta-
physisch ist, den der ordnenden Nationalökonomie, weil er. dem
Grundgedanken der verstehenden Nationalökonomie widerspricht; die
eben wirtschaftliche Erscheinungen verstehen und nicht bloß: ordnen
will. Der naturwissenschaftliche ‚;Gesetzes‘“begriff käme ‚für. sie
höchstens als Hilfsmittel des Verstehens in Frage.

Aber liegt in der Richtung des Verstehens nicht doch vielleicht
die Möglichkeit, zu einer echten Gesetzmäßigkeit und zu echten Ge-
setzen zu gelangen, wie sie die richtende Nationalökonomie kannte
und kennt? Mit anderen Worten: gibt es nicht verbindliche Normen,
denen das Wirtschaftsleben untersteht, oder: aus dem Imperativischen
in das Indikative übersetzt: kennt das gesellschaftliche Zusammen-
leben der Menschen nicht doch das Verhältnis der Notwendigkeit
des Seins und Geschehens? Und hat dieser Gedanke nicht doch auch
vielleicht Platz in einer Gesellschaftswissenschaft, das heißt:
können wir ihn seines metaphysischen Gewandes entkleiden? So
stellt sich die Frage nach der Gesetzmäßigkeit (und den Gesetzen)
120 Siehe z. B. karl Diehl, "Thearetische Nationalökonomie, Band I: Einleitung
in die Nationalökonomie. 2. Aufl, rg23.
        <pb n="265" />
        252

der Wirtschaft, wenn wir sie vom Standpunkt einer verstehenden
Nationalökonomie aus erheben. Es ist die. Frage aller Kulturwissen-
schaften und aller Geschichte: ob sie, wenn man sie aus den Schlingen
der Naturwissenschaft befreit, unweigerlich zu dem Allheilmittel der
„Schöpferischen Intuition“ greifen, das heißt dem Irrationalismus
anheimfallen oder zur Metaphysik werden müssen 121,-

Zweifellos gibt es nun einen Weg, um zur Einsicht von Gesetz-

mäßigkeit und Gesetzen im Sinne notwendigen Seins und Geschehens
auch in unserem Kulturgebiet zu gelangen, der an der Metaphysik
vorbeiführt. Wir brauchen uns, um ihn zu finden, nur auf die Tat-
sache zu besinnen, daß wir auch im Bereiche der wissenschaftlichen
Erkenntnis „notwendige“ Wahrheiten besitzen. Es sind die schon
Aristoteles bekannten Verites de raison Leibnizens, das heißt
aber nichts anderes als die Einsichten a priori. Es ist eines der
Verdienste Husser]ls, daß er den Schutt weggeräumt hat, unter dem
diese Erkenntnis Leibnizens begraben gelegen hat. Er macht fol-
gende abschließende Bemerkungen zu diesem Problemi1t?: „Dem
fundamentalen objektiv-idealen Unterschied zwischen Gesetz und
Tatsache entspricht unweigerlich ein subjektiver in der Weise des
Erlebens. Hätten wir nie das Bewußtsein der Rationalität, des Apo-
diktischen erlebt in seiner charakteristischen Unterschiedenheit vom
Bewußtsein der Tatsächlichkeit, so hätten wir gar nicht den Begriff
von Gesetz, wir wären unfähig zu unterscheiden: ‚Gesetz von. Tat-
sache; generelle (ideale, gesetzliche) Allgemeinheit von universeller
(tatsächlicher, zufälliger) Allgemeinheit, notwendige (das heißt
wiederum gesetzliche, generelle) Folge von tatsächlicher (zufälliger,
universeller) Folge... Leibnizens Verit&amp;s de raison sind nichts
anderes als die Gesetze, und zwar im strengen und reinen Sinne der
idealen Wahrheiten, die ‚rein in den Begriffen gründen‘, die uns
gegeben und von uns erkannt sind in apodiktisch evidenten, reinen
Allgemeinheiten, Leibnizens Vörites de fait sind individuelle Wahr-
heiten, es ist die Sphäre der Sätze, welche über alle übrige Existenz
aussagen, mögen sie für uns auch die Form allgemeiner Sätze haben,
wie: ‚alle Südländer sind heißblütig‘.“
721 Siehe die treffenden Bemerkungen bei A. Liebert, a. a. O. S. 48£.
32 Husserl, Logische Untersuchungen 12, 135f£.
        <pb n="266" />
        253

Notwendigkeit, das heißt Gesetzmäßigkeit, das müssen wir also
festhalten, gibt es nicht im Bereich der Erfahrung, wie wir schon
wissen (siehe Seite 114ff.): es gibt sie nur im Bereich des Apriori.

Unsere Aufgabe würde also darin bestehen: nachzuforschen, ob
as verite&amp;s de raison im Bereiche der Wirtschaft gibt. Dabei werden
wir unsere Aufgabe auf die beiden Sphären des Verstehens zu er-
strecken haben: die Sinnsphäre und die Wirkenssphäre, und werden
diese beiden Sphären getrennt auf Gesetzmäßigkeit und Gesetze unter-
suchen müssen, da, wie sich zeigen wird, sie in einem sehr ver-
schiedenen Verhältnis zu diesen Begriffen stehen.
2. Die Sinngesetze:

Es gibt im Bereiche der Kultur, insonderheit der menschlichen Ge-
sellschaft, so etwas wie sinnotwendige Beziehungen. Sie machen das
aus, was wir die Sinngesetzmäßigkeit nennen, und die a priori aus
dem Sinn abgeleiteten Sätze nennen wir deren Gesetze. Alle soge-
nannten Wirtschaftsgesetze tragen diesen Charakter, obwohl sie von
ihren Vätern meist für’ etwas ganz anderes angesehen werden. In
zahlreichen Fällen wird die folgende Untersuchung auf das hinaus-
laufen, was man als Entzauberung bezeichnen könnte: die verschiede-
nen Gesetze werden aus ihrem eingebildeten in ihren wirklichen Stand
zurückversetzt. Dabei ist es zuweilen sehr lustig anzusehen, wie hinter
einer großen Aufmachung ein silbernes Nichtschen oder ein goldenes
Warteweilchen sich verborgen hat, das nun in seiner mitleiderregenden
Kümmerlichkeit uns vor «die Augen tritt und fast unseren Spott er-
regt. Das gilt vor allem von der ersten Art wirtschaftlicher Gesetze,
die ich die Größengesetze nennen will, obwohl die Bezeichnung
ebensowenig genau paßt wie die für die beiden anderen Arten, die ich
außerdem unterscheide, nämlich die Strukturgesetze und die Fiktions-
gesetze. Diese drei Arten von Gesetzen entsprechen den drei Arten
von Gesetzmäßigkeiten, die wir aufstellen können: der mathemati-
schen, der wesensmäßigen und der rationalen. Aber wenn die Aus-
drücke auch zu wünschen übrig lassen: die Sache selbst ist voll-
kommen klar, wie sich zeigen wird.

t. Die mathematische Gesetzmäßigkeit, aus der sich Größen-
gesetze ableiten lassen, betrifft die Teil-Summe-Beziehung (xy,
        <pb n="267" />
        254
compositum), das heißt: sie gründet auf der evidenten Einsicht, daß
der Teil kleiner ist als die Summe. Eine erdrückende Fülle der bekann-
testen und stolzesten Wirtschaftsgesetze spricht nichts anderes aus als
diese Wahrheit. Als Beispiele solcher Größengesetze führe ich
Folgende an:
das Lohnfondsgesetz: wenn der Fonds, aus dem der Lohn
bezahlt wird, eine gegebene Größe ist, kann der Gesamtbetrag der
Löhne nicht steigen; wenn an einer Stelle der” Lohn steigt, muß
er an einer anderen sinken;

die Marxschen Mehrwertgesetze: wenn der vom Arbeiter
produzierte Wert größer ist als der Wert seiner eigenen Arbeits-
kraft, entsteht ein Mehrwert; wenn bei gleicher Wertproduktion
der Wert der Arbeitskraft sinkt, steigt der Mehrwert; wenn bei
gleicher Höhe des Wertes der Arbeitskraft der Gesamtwert steigt,
steigt der Mehrwert ebenfalls; ;

die‘ Quantitätstheorie: wenn die Preise abhängig sind von
der Menge des umlaufenden Geldes, so steigen sie, wenn die
Warenmenge dieselbe bleibt und die Geldmenge wächst:

die Verkehrsgesetze: die Absatzfähigkeit eines Gutes wächst
im quadratischen Verhältnis zu seiner Transportfähigkeit;

die Ertragsgesetze: wenn das Optimum des Ertrages bei pro-
portionalem Verhältnis der einzelnen Produktionsfaktoren erzielt
wird, sinkt es, wenn Disproportionalität eintritt;

die..Standortsgesetze in den klassischen Darstellungen bei
Thünen und Alfred Weber: wenn ein Gut nur zu einem be-
stimmten Preise auf dem Markte verkauft werden kann, so dürfen
die - Produktionskosten einen bestimmten Betrag nicht über-
schreiten; da die Transportkosten zu den Produktionskösten ge-
hören, so können in einer bestimmten Entfernung vom Markt-
arte nur solche Erzeugnisse hergestellt werden, deren Erzeugungs-
kosten an-Ört und Stelle zuzüglich der Transportkosten nicht höher
als der Marktpreis sind; oder: wenn der Preisgewinn, den ‚eine
Produktion durch billigere Arbeitslöhne an: einem Orte erfährt,
größer ist als der Preisverlust durch erhöhte Transportkosten nach
jenem Orte, so ist der Standort der Industrie „arbeitsorientiert‘‘:
        <pb n="268" />
        255
das Marktgesetz: die Größe eines Marktes bestimmt den Grad
der Spezialisation der Produktion;

das Absatzgesetz (Loi des debouchees): wenn jede Ware zum
Ankauf einer anderen verwandt wird, kann keine Absatzstockung
eintreten; ebenso Marxens Gegenstück;

die Monopolpreisgesetze, die auf der Herausrechnung des
höchsten Gewinns aus dem Verhältnis von Absatzmenge und Preis-
höhe beruhen;

Quesnays Tableau &amp;conomique: wenn eine bestimmte Güter-
menge (produit net) anderen Wirtschaftssubjekten zugeführt wird,
die sie verzehren, ohne selbst ein neues Produkt hinzuzufügen, so
wird die Menge immer kleiner und verschwindet zuletzt ganz;

Ricardos Grundrentengesetze: wenn an’ einer Stelle ein
überdurchschnittlicher Profit erzielt wird, entsteht ein Überschuß
über den Durchschnittsprofit, der als „Rente‘“ angeeignet werden
kann;

Böhm-Bawerks Gesetz des Umwegs der. Produktion:
wenn ich Güter mit einem größeren Aufwand von Produktions-
mitteln erzeugen will, muß ich eine größere Menge Produktions-
mittel herstellen, und darüber vergeht Zeit; ;

Dietzels „Gesetz der Verteilung und Einkommensbildung‘‘ 1%,
das den Inhalt hat: „Sobald die Benutzung der Produktions-
bedingungen durch die besitzlose Arbeitskraft zur Erlangung der
ihr notwendigen Subsistenzmittel rechtlich an die Willkür der Be-
sitzer der Produktionsbedingungen geknüpft ist, kann der Anteil
des einen Produktionsfaktors, des Kapitals, nur auf Kosten des
anderen Faktors, der Arbeit steigen‘“ (gleiche Produktion und
gleiche Produktivität vorausgesetzt natürlich): siehe oben Mehr-
wertgesetze: wenn m=w-—a ist, kann es nur größer werden,
wenn a sich verringert, falls m gleich groß bleibt;

Brentanos „Gesetz der zunehmenden. Arbeitsintensität‘‘ 124, wo-
nach „die Arbeitsleistung mit zunehmendem Lohn und abnehmen-

123 H. Dietzel, Über das Verhältnis der Volkswirtschaftslehre usw. 1882.
5, 39. ;

x L. Brentano, Über das Verhältnis des Arbeitslohns und der ‚Arbeitszeit
zur Arbeitsleistung. 1893.
        <pb n="269" />
        256
der Arbeitszeit innerhalb gewisser Grenzen steigt“, besagt als „Ge-
setz‘, das heißt, wenn es nicht etwa ein faktizisches Urteil ent-
hält: wenn der Arbeiter bei steigendem Lohn und abnehmender
Arbeitszeit (wir müssen noch hinzufügen: gleicher Arbeitswillig-
keit) leistungsfähiger wird, so produziert er mehr; ;

Dührings „Gesetz der Ausrüstung oder Bewaffnung der Wirt-
schaftskräfte‘“‘, dessen „schulgerechte Formel‘ lauten soll: „die
Produktivität der wirtschaftlichen Mittel, Naturhilfsquellen und
Menschenkraft wird durch die Erfindungen und Entdeckungen ge-
steigert‘, ist ebenfalls — wenn nicht eine Tatsachenfeststellung —
ein Größengesetz des Inhalts: wenn eine Erfindung es ermöglicht,
ein Sachgut mit einem geringeren Aufwande als bisher herzu-
stellen, so steigt die Arbeitsproduktivität; derselben Natur sind des-
selben Autors „Gesetz der Arbeitsteilung‘“ und „das allgemeine
Entfernungs- und Transportgesetz‘ 125;

Marxens sogenanntes „Wertgesetz‘“12%, demgemäß „die den
verschiedenen Bedürfnismassen entsprechenden Massen von Pro-
dukten verschiedene und quantitativ bestimmte Massen der gesell-
schaftlichen Gesamtproduktion sind“, stellt den Typus der Größen-
gesetze in besonderer Reinheit dar.
Die Reihe dieser „Größengesetze‘ könnte leicht verlängert werden.
[ch denke aber, die angeführten werden genügen, um zu verdeut-
lichen, was für eine Art von „Gesetzmäßigkeit‘“ hier vorliegt. Sämt-
liche genannten Gesetze machen keine weitere Feststellung, als daß
an bestimmten Stellen des Wirtschaftslebens sich Größen und Teil-
größen feststellen lassen und daß die Summe größer ist als der Teil,
Wenn sie nicht überhaupt identische Sätze enthalten. Daß sie als
„Gesetze‘* nicht mit dem Anspruch von Tatsachenfeststellungen "auf-
treten können, versteht sich von selbst oder sollte sich doch wenig-
stens von selbst verstehen. ;
Der Erkenntniswert derartiger Feststellungen soll übrigens mit
dieser Zergliederung keineswegs in Zweifel gezogen werden. . Sie
UT |
125 E, Dühring, Kursus der Nationalökonomie. 3. Aufl. S. 68. 76.94.
126. K, Marx’ Brief an Kugelmann vom' 11. Juli 1886 in der Neuen Zeit,
Jahrg. XX, Bd. II, S. 292.
        <pb n="270" />
        257
können außerordentlich klärend wirken und haben so gewirkt: von
dem Satze an, daß das Ausmaß unseres Reichtums durch den Um-
fang der Urproduktion bestimmt wird bis zu der Erkenntnis, daß
ein Land auf die Dauer nur Tribute zahlen kann, wenn es entweder
eine aktive Zahlungsbilanz hat oder Gelder von fremden Völkern
aufnimmt. Das sind echte und wichtige Gesetze, denen die Dignität
der Notwendigkeit zukommt.

2. Die wesensmäßige Gesetzmäßigkeit, die zu Strukturge-
setzen führt, betrifft die Glied-Ganzes-Beziehung (&amp;\ov, totum).

Wir vergegenwärtigen uns folgendes:

„Ein Ganzes (ist) in vollem und eigentlichem Sinne ein durch die
niedrigsten Gattungen der ‚Teile‘ bestimmter Zusammenhang. Zu
jeder sachlichen Einheit gehört ein Gesetz. Nach den verschiedenen
Gesetzen, mit anderen Worten: nach den verschiedenen Arten von
Inhalten, die als Teile fungieren sollen, bestimmen sich verschiedene
Arten von Ganzen.‘
„Die Idee der Einheit oder des Ganzen ist auf die der Fundierung
und diese wieder auf die des reinen Gesetzes gegründet.‘ 127

Wir können. also von einer wesensmäßigen Gesetzmäßigkeit
sprechen, wenn wir die notwendige Verbundenheit bestimmter
„Glieder“ mit bestimmten ‚Ganzen‘ wahrnehmen, oder wie ich
lieber sagen will: die notwendige Zugehörigkeit einer bestimmten Er-
scheinung zu einem bestimmten Sinnzusammenhange, da „Ganze‘“ im
Bereiche des Geistes immer Sinnzusammenhänge sind. Das Glied-
Ganzes-Verhältnis können wir auch als Struktur bezeichnen und
können deshalb von Strukturgesetzen sprechen.

Hierher gehören also Feststellungen wie diese: das Gewinnstreben
ist ein notwendiger Bestandteil des kapitalistischen Wirtschafts-
systems; oder: der Kapitalismus kann sich nicht ausdehnen, ohne das
Proletariat zu vermehren; oder: in einer Expansionskonjunktur ist
die Hausse die notwendige Voraussetzung des Niedergangs; oder:
in. jeder Wirtschaft bilden Produktion — Transport — Verteilung
— Konsumtion einen notwendigen Kreislauf.

427 Husser], Logische Untersuchungen 22%, 282. Vgl. Meidegger, Sein
und Zeit. 2. Aufl. 1926. S. 244.
Xombart. Die drei Nationalökonomien
        <pb n="271" />
        258
Oder Sätze wie diese: „La loi est, que le travail coüte de la peine,
si l’on travaille soi-meme, un salaire, si l’on. achete le travail des
autres... Le cours des marchandises est variable, mais ce qui ne
change pas, c’est que le prix de vente doit ötre superieur au prix du
vevient pour que la production puisse durer,“

Oder die „Gesetze der Siedelung‘, die „gesetzmäßige natürliche
Gliederung des Verkehrs‘, „dessen Hauptströme durch die Grund-
züge der Erdoberfläche bestimmt werden‘, von denen Eulenburg
gelegentlich spricht.

Hierher sind wohl auch die verschiedenen ‚„Ausgliederungs‘“-
gesetze Spanns zu zählen.

Apriorisch sind auch die in diesen „Gesetzen‘“ verkündeten Wahr-
heiten sämtlich, weil es sich in allen Fällen um analytische Sätze
handelt: der Inhalt des Sinnzusammenhangs, die einzelnen Teile des
„Ganzen‘‘ werden aus dem Sinnzusammenhange, aus dem Ganzen
entwickelt. Wir holen aus diesem nur heraus, was drin steckt oder
gar: was wir selber vorher hineingelegt haben. Damit aber finden
wir den Übergang zur Besprechung der dritten Art von Sinngesetz-
mäßigkeit, ich meine

3. die rationale Gesetzmäßigkeit, die die Zweck-Mittelbe-
ziehung betrifft und zu Fiktionsgeseizen führt. Sie spielt in
unserer Wissenschaft eine besonders hervorragende Rolle und muß
ausführlich behandelt werden.

Es ist ein großes Verdienst, das sich Max Weber um unsere
Wissenschaft dadurch erworben hat, daß er den Sinn dieser Art
von Gesetzmäßigkeit und Gesetzen aufgedeckt hat. Seine Unter-
suchungen sind abschließende!®, Wir können nichts tun, als seine Ge-
danken nachdenken und werden uns nur versagen müssen, seine Ter-
minologie zu übernehmen. Max Weber spricht auch hier von „Ideal-
typen‘ und „idealtypischen Begriffsbildungen‘, während es sich

128 Siehe Max Weber, Objektivität usw. im Archiv für Soz.-Wiss,, Bd. XIX;
denselben, Roscher und Knies in Schmollers Jahrbuch, Bd. XXX; denselben,
Rudolf Stammlers „Überwindung‘“ der materialistischen Geschichtsauffassung im
Archiv, Bd. XXIV; denselben, Die Grenznutzenlehre und das „psychologische
Grundgesetz‘ im Archiv, Bd. XXVIIL; denselben, "Über einige Kategorien der

verstehenden Soziologie usw. im „Logos“, Bd. 4. Sämtliche Aufsätze sind wieder
ahbredruckt in den Ges. Aufs. zur Wissenschaftslehre, 1922.
        <pb n="272" />
        259

sicher nicht um „Typen“, sondern um „ideale“ .Konstruktionen ganz
anderer Natur handelt. Der Sachverhalt ist folgender:

Um des besseren Verständnisses der wirtschaftlichen Zusammen-
hänge willen bilden wir rationale Schemata, in denen oder an
denen gezeigt wird, wie sich der Ablauf wirtschaftlicher Ereignisse
vollziehen würde, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt wären und
völlig rational gehandelt würde. Sie entsprechen in logischer. Hin-
sicht den Schachaufgaben, die wir in den Zeitungen veröffentlicht
finden: „weiß zieht an und setzt in drei Zügen matt.‘ Diese Aufgaben
stellen Gestaltungen des Schachspiels auf unter der Voraussetzung,
daß die Spielregeln eingehalten und daß streng rational, das heißt so
zweckmäßig wie möglich gespielt werde. In diesen Zusammenhang
gehört auch der märchenhafte homo oeconomicus, jene Spuk- und
Schreckgestalt, gegen die Generationen „historischer‘‘ Nationalöko-
nomen ihren erbitterten Windmühlenkampf geführt haben, und der
sich im hellen Lichte des Verstandes als ein ganz harmloses Wesen
entpuppt, nämlich als das fingierte Subjekt unserer fingierten Hand-
lungen in den rationalen Schematen. Er ist der Mann, der die Schach-
aufgabe richtig löst, ein Schachautomat, „der perfekte Schachspieler
in zehn Stunden‘‘, so „der perfekte Wirtschaftsmensch‘“, der alles
weiß und alles kann und alles will, was dazu gehört, „richtig“ zu
handeln.

Man’ hat die Aufstellung der rationalen Schemata das „isolie-
vende Verfahren‘ genannt und damit zu erkennen gegeben, daß
man ihren logischen Sinn nicht erfaßt hatte. Der Ausdruck „iso-
lierendes Verfahren‘ war, der großen Mode der Zeit gemäß, der
naturwissenschaftlichen Forschung entnommen worden, die darunter
das Verfahren versteht, bestimmte Elemente experimentell zu iso-
lieren, um ihre Wirkung im Vergleich zu anderen Elementen "fest-
stellen und abschätzen zu können. Es handelt sich dabei immer um
empirische Tatsachenermittelung, die schließlich in einer Hy-
pothese ihren Ausdruck findet. Davon ist nun bei der Anfertigung
unserer rationalen. Schemata ganz und gar nicht die Rede. Diese
haben mit Wirklichkeit und Wirklichkeitsforschung nicht das ge-
tingste zu tun. Man nimmt üblicherweise gewisse Daten aus dem
Leben, kann aber cbensogut irgendwelche bloß vorgestellten oder

17%
        <pb n="273" />
        460 |

erdachten Fälle in einem Schema ‚verarbeiten: etwa wirtschaftliche
Handlungen auf ihre Rationalität hin in einem Wirtschaftssystem
untersuchen, das noch niemals verwirklicht ist. Sie beanspruchen
deshalb auch in keiner Weise, die wirklichen Zusammenhänge wider-
zuspiegeln. Im Gegensatz zu naturwissenschaftlichen Hypothesen -be-
sinträchtigt die Feststellung, daß die Schemata im konkreten Falle
eine gültige Deutung nicht erhalten, ihren Erkenntniswert ebenso-
wenig, wie z.B. die empirische Nicht-Geltung des pseudosphärischen
Raumes die „Richtigkeit“ seiner Konstruktion. Man spricht wohl von
siner Annäherung der Wirklichkeit an das Schema. Das kann nur
den Sinn haben, daß die wirtschaftlichen. Vorgänge in dem Maße,
wie sie zweckrational gestaltet werden, dem in dem Schema dar-
gestellten Vorgange ähnlicher werden. Doch bleibt der Abstand
zwischen Wirklichkeit und Schema immer noch „unendlich“ groß,
nämlich der zwischen Empirie und Theorie. „Ein sogenanntes ‚em-
pirisches‘ Gesetz ist‘ eine empirisch. geltende Regel mit ‚problema-
fischer kausaler Deutung, ein ‚teleologisches Schema rationalen
Handelns dagegen eine Deutung mit problematischer empirischer
Geltung: beide sind also polare Gegensätze.‘

Nun ist das Seltsame dies, daß man gerade diese rationalen
Schemata mit besonderer Vorliebe als „Wirtschaftsgesetze‘“ be-
zeichnet hat, und zwar hat man dabei offenbar an Naturgesetze ge-
dacht, mit denen sie, wie wir festgestellt haben, in keiner Weise in
Verbindung gebracht werden können. Wir haben ja gesehen, wie
Jas naturwissenschaftliche Denken der ordnenden Nationalökonomie
auf die Aufstellung von Gesetzen ganz nach Art der Naturgesetze
hinausläuft. Und die Gesetze, die man vor allem im Auge hatte, waren
die hier besprochenen Fiktionsgesetze. Was man aber nicht geahnt
hat, ist dieses: daß die Schemata, die zwar den Namen des „Natur-
gesetzes‘“, also des Pseudo-Gesetzes, nicht verdienen, eines Tages ge-
rade deshalb, weil es keine unechten (Natur-)Gesetze sind, als echte
Gesetze erkannt werden würden. Das nämlich sind sie. Es sind echte
Sinngesetze, ausgestattet mit der Würde der Notwendigkeit und gene-
rellen Geltung deshalb, weil es verite&amp;s de raison, apriorische Wahr-
heiten ohne jede Beziehung auf empirisches Dasein sind. Ihr Wahr-
heitswert liegt in der Rationalität ihres Inhalts.
        <pb n="274" />
        61

Zu diesen Fiktionsgesetzen zählen einige der wichtigsten Wirt-
schaftsgesetze. So alle klassischen Preisgesetze: das Gesetz von An-
gebot und Nachfrage, das Produktionskostengesetz. Sie besagen nichts
anderes als dieses: Wenn nur ökonomische Beweggründe obwalten,
wenn Käufer und Verkäufer. wissen, wo der günstigste Markt ist,
wenn Waren und Kapitalien sich völlig frei bewegen können, so
werden die Preise bei steigendem Angebot sinken usw. und um die
Produktionskosten pendeln. Es ist möglich, daß nicht ein einziger
Preis in Wirklichkeit sich diesem Schema gemäß bildet. Echte Fik-
tionsgesetze sind ebenfalls die aus diesen Preisgesetzen abgeleiteten
„Gesetze‘, wie das „Law of Indifference‘, das Jevons!?® oder das
„Law of Substitution‘, das Marshallıse aufgestellt hat. Ein echtes
Fiktionsgesetz ist das Greshamsche Gesetz.

Endlich gehören — um die beliebig zu verlängernde Reihe der Bei-
spiele abzuschließen — zu den Fiktionsgesetzen alle aus dem Grenz-
nutzenprinzip abgeleiteten Gesetze, also etwa das „Gesetz vom Grenz-
nutzenniveau‘“: daß in jeder Wirtschaft an einem bestimmten Punkte
(einer bestimmten Menge) der Erwerb der Güter einer bestimmten
Kategorie aufhört und der einer anderen anhebt, oder: daß die Grenz-
punkte des Gütererwerbs eines Individuums voneinander abhängen usw.
Es gibt ja einen ganzen Haufen solcherart gebildeter Gesetze. An
diesen Grenznutzengesetzen tritt nun der Bedeutungswandel, den das
Wort Gesetz erlebt hat, tritt seine verschiedene Verwendung im Be-
reiche der ordnenden und der verstehenden Nationalökonomie beson-
ders deutlich zutage. Die Begründer der Grenznutzenlehre, und man
kann sagen: so gut wie alle ihre Anhänger haben in den von ihnen
aufgestellten Gesetzen ganz massive Naturgesetze erblickt, Gesetze, die
sie, wie wir das oben festgestellt haben, aus elementaren Grundtat-
sachen des Seelenlebens — „Empfindungen“ — empirisch glaubten
abgeleitet zu haben. Sie haben auch nicht daran gezweifelt, daß
ihre ‚Gesetze‘ Aussagen über die Gestaltung der Wirklichkeit ent-
hielten. Die wirtschaftliche Welt erschien ihnen als ein Durchein-

129 Jevons, Theory of Economics, 211 und öfters.
130 Marshall. Principles of Economics. Book VI. Ch. I. 2. ed. pag. 554
I. A
        <pb n="275" />
        262
ander von „Empfindungen“, die sich nach dem Grenznutzenprinzip
ordneten: wohlverstanden in den Seelen der Wirtschaftssubjekte
selbst. „Wenn ich als handelndes (!) Wirtschaftssubjekt die Produktivi-
lät ‚Eiderdaunen‘ oder ‚Schlinge‘. (beim Hasenfang) feststellen will,
so denke (!) ich an die Empfindungen der Bequemlichkeit oder des
Wohlgeschmacks, die ich mir (!) erfahrungsgemäß (!) mit weichen
Kopfkissen oder Hasenbraten verschaffen kann“ (Böhm-Bawerk!).
Ein ganz Weiser hat zur Erklärung der Grenznutzenschätzung das
Weber-Fechnersche Gesetz herangezogen. Damit war der Gipfel-
punkt der Torheit’' erreicht. An diesem Punkte setzte die Kritik Max
Webers ein, und er erst hat den Grenznutzlern gezeigt, was sie
denken und lehren müssen, wenn ihre Theorie überhaupt diskutabel
sein soll. Die Grenznutzengesetze haben keinen irgend vernünftigen
Sinn, wenn man sie als Naturgesetze auffaßt, die durch psycho-
logische Analyse des Individuums empirisch abgeleitet sind. Sie be-
kommen ihren‘ Sinn nur als rationale Schemata der Bedarfsdeckung,
die aussagen, wie zwei Tauschende handeln müssen, um einen be-
stimmten Zweck zu verwirklichen. Die „Wertgesetze‘““ der Grenz-
nutzler sind, nach der Ausdrucksweise Max Webers, rationale
Zweckzusammenhänge, die unter Zugrundelegung einer bestimmten
Willensmaxime, dem Streben nach Erreichung eines Nutzenmaxi-
mums, sich in einer Reihe gesetzmäßiger, teleologischer Zusammen-
hänge auseinanderfalten, durch Einführung immer neuer, spezifizie-
render Mittelkonstellationen.

Dabei ist über die Berechtigung des Inhalts dieser Schemata
nichts ausgesagt. Diese Berechtigung wird nicht bestimmt durch die
Adäquatheit mit der Wirklichkeit, mit der sie überhaupt keine Be-
rührung haben, sondern ausschließlich durch den Erkenntniswert, den
sie enthalten. Hier ist ja aber nicht materiale Nationalökonomie zu
treiben, sondern nur das Verfahren zu beurteilen. Und dafür genügt
es, das Wesen der Fiktionsgesetze kritisch bestimmt zu haben. Welche
Funktion im System der verstehenden Nationalökonomie sie aus-
üben, habe ich schon angedeutet, werde ich aber später noch aus-
führlicher darlegen.
        <pb n="276" />
        263
3. Die Tendenzen
(jesetze im Sinne von wissenschaftlichen Urteilen über notwendiges
Sein oder Geschehen gibt es für die Wirklichkeit nicht. Ist diese nun
aber darum dem reinen Zufall ausgeliefert?

Daß das Wirtschaftsleben kein Chaos darstellt, beweist die zweifel-
lose Tatsache, daß in ihr Gleichförmigkeiten vorkommen, und sie
allein sind es ja, die unsere Teilnahme wecken, wenn wir systema-
tische Kulturwissenschaft treiben.

Es interessiert uns als Nationalökonomen nicht, ob eine Unter-
nehmung bankrott wird oder sich mit einer anderen verschmilzt oder
eingeht; ob ein Arbeiter arbeitslos wird; ob eine Ware in diesem
Laden billiger ist als im andern usw. Also gerade die lebensnächsten
Erscheinungen gehen uns nichts an, solange sie vereinzelt auftreten.
Erst als „Massenerscheinungen‘“ ziehen wir sie in den Kreis unserer
Betrachtungen.

„Massenerscheinungen‘‘ aber sind diejenigen Fälle, in denen sich
bestimmte Merkmale an den Einzelerscheinungen wiederholen, in
denen „Gleichförmigkeit‘““ auftritt.

Die Gleichförmigkeit der wirtschaftlichen Erscheinungen kann
sich auf größere oder kleinere Kreise erstrecken. Erst bei einer be-
stimmten Größe des Kreises sind wir gewohnt, die Erscheinungen
wissenschaftlich zu werten. Es kommt auf die Einstellung an, wie
wir die Grenzen der Gleichförmigkeitskreise ziehen wollen. Treiben
wir Volkswirtschaftslehre, so ist die einzelne Volkswirtschaft der
Bereich, innerhalb dessen wir nach Gleichförmigkeiten ausschauen,
die dann gegen die abweichende Gestaltung in anderen Volkswirt-
schaften abstechen. ‘Betrachten wir die Wirtschaft unter sozial-
ökonomischen Gesichtspunkten, so werden wir unser Augenmerk
richten auf diejenigen Gleichförmigkeiten, die sich innerhalb des
Geltungsbezirks eines Wirtschaftssystems beobachten lassen.

Sehr treffend hat Eulenburg!% diese Gleichförmigkeit des Ge-
schehens und die Annahme ihrer Dauer als das logische Apriori für
das Zusammenleben und Zusammenwirken der Menschen bezeichnet,

181 F, Eulenburg, Nalurgesetze und Sozialgesetze im Archiv für Sozial-
wissenschaft usw. Bd.. 32, 697. Val. auch K. Marbo, Die CGleichförmigkeit der
Welt. 19197.
        <pb n="277" />
        264
und auf diese Gleichförmigkeiten hat sich daher auch von jeher das
Hauptaugenmerk der Forscher gerichtet.

Je nach dem grundsätzlichen Standpunkt, den der Forscher ein-
nahm, hat man sich auf sehr verschiedene Weise mit diesen Gleich-
törmigkeiten des Geschehens auseinanderzusetzen versucht.

Die Metaphysiker haben sie auf den verborgenen Plan, der der
Welt zugrunde liegt, zurückgeführt: die Menschen gehen — ohne
es zu wissen — an dem „Leitfaden der Natur‘ fort (Kant), sie
werden „ohne und selbst wider ihren Willen durch eine ihnen ver-
borgene Notwendigkeit‘ geleitet (Schelling), die „List der Ver-
aunft‘ (Hegel) führt die Menschen auf ihren Wegen, die „Natur-
gesetzmäßigkeit‘” beherrscht ihr Tun und bewirkt die Gleichförmig-
keit ihres Handelns. Das heißt, vom Standpunkt wissenschaftlicher
Erkenntnis aus gesehen: den Knoten zerhauen, nicht ihn lösen.

Die Naturwissenschaftler haben das Ordnungsprinzip des Natur-
gesetzes auf das Geschehen in der menschlichen Gesellschaft an-
gewandt und haben für die mannigfachen Gleichförmigkeiten
Regeln aufzustellen versucht, sei es, daß sie einzelne Geschehens-
reihen in ihrem regelmäßigen. Verlauf zu erfassen suchten, sei es,
laß sie Nachweise. der Proportionalität bestimmter Erscheinungen
in ‘verschiedenen isolierten Reihen zu erbringen unternahmen, das
heißt „Korrelationsverhältnisse‘“ zu ermitteln trachteten. Also, daß sie
etwa die ziffernmäßige Gleichförmigkeit feststellten in den Bezie-
hungen zwischen Eigentumsvergehen und Brotpreisen, zwischen der
Höhe der Diskontsätze und Bankrotten, zwischen Selbstmordziffern
and Zahl der Geisteskranken in einem Lande, zwischen Alkohol-
‚erbrauch und Kindersterblichkeit. zwischen Alter und Lohnhöhe
SW. 132,

Weder die melaphysische Deutung noch die naturwissenschaft-
liche Ordnung des sozialen Geschehens kann uns befriedigen. Jene
iehnen wir ab als unwissenschaftlich, diese können wir annehmen,
aber sie bedeutet für uns nicht mehr als eine vorläufige Feststellung,

182 Siehe F. Eulenburg, a. a. O. Eulenburgs Urteil ist in allen diesen F ragen
lurchaus kritisch begründet, Das Beispiel einer grotesken Einseitigkeit in der Ver-
;retung des naturwissenschaftlichen Standpunkts bietet Georg v. Mayr. Siehe
jeine Theoretische Statistik (Statistik und Gesellschaftslehre. ı. Bd. 2, Aufl. r914),
        <pb n="278" />
        265

eine Vorbereitung für die Lösung der Aufgabe, die uns gestellt ist:
die Gleichförmigkeiten, die das Wirtschaftsleben aufweist, zu ver-
stehen, also die Frage zu beantworten: Warum gibt es Gleich-
förmigkeiten in der Wirtschaft?

Um die Antwort auf diese Frage zu finden, werden wir unser
Augenmerk richten müssen auf die beiden Bestandteile, aus denen
soziales Geschehen sich zusammensetzt: die Handlungen der Men-
schen, ihre Motive und Zwecksetzungen, das heißt: die ‚Trieb-
kräfte‘ einerseits, die Bedingungen, unter denen gehandelt wird,
andererseits, oder was dasselbe ist: die Causa causans und die Causae
occasionales, die Potentia und ‚die Complementa possibilitatis in
Aristotelischer Sprechweise.

Die Gleichförmigkeit des sozialen Geschehens kommt zustande
einerseits durch die Gleichförmigkeit der Motivation. Und zwar
dadurch, daß

ı. die Motivationsgrundlage dieselbe ist.

Der menschliche Wille wird von uns als frei angenommen (siehe
oben S. 224f.). „Kein Mensch muß müssen.“ Aber — ein bestimmter
Charakter muß müssen, das heißt: muß bestimmte Entschlüsse
fassen. Mit einem bestimmten Charakter sind bestimmte Handlungen
„notwendig“ verbunden: sie erfolgen „nach dem Gesetz, nach dem
du angetreten‘. Wenn sich also Gleichförmigkeiten der Charakter-
bildung nachweisen ließen, würde hier ein Grund liegen für gleich-
förmige Motive und Handlungen. Eine solche gleichartige Motiv-
grundlage wird nun geschaffen sowohl durch den Geist als durch
das Blut.

Der Geist bildet die einheitliche Motivgrundlage dadurch, daß
er so etwas wie eine gleiche, geistige Atmosphäre herstellt, aus der
heraus gehandelt wird. Sie ist das Erzeugnis der Normen und der
Werte der Menschen, die die geistige Welt schaffen, und wird
— schlecht — als Kollektivbewußtsein bezeichnet. Sie stellt sich dar
als ein bestimmtes „Ethos‘, eine einheitliche „Wertestruktur‘“, die
für die Angehörigen eines bestimmten Kreises „gilt‘‘, das heißt, die
Voraussetzung für ihr Handeln bildet.

Die räumliche Ausdehnung dieser gleichen, geistigen Atmosphäre
ist verschieden groß. Sie wird für uns vor allem gebildet durch die
        <pb n="279" />
        266

Reichweite des Wirtschaftssystenis, das mit seinem „Geist“ die Hand-
lungen der einzelnen Wirtschaftssubjekte bestimmend beeinflußt.
Aber es gibt daneben Kreise gleichen Geistes, die sich unabhängig
vom Wirtschaftssysteme bilden. Ich denke an die Religionszonen:
Christentum mit seinen verschiedenen Bekenntnissen (Puritanismus!),
Judentum, Mohammedanismus, Hinduismus, Konfuzianismus, die jede
für sich eine besondere geistige Atmosphäre schaffen. Ich denke an
die Abgrenzung der geistigen Motivationsinhalte durch die Nation,
die Klasse, den Stand, den Beruf: Einfluß der Kaufmannssitten, des
Ghetto! u. a. Alle diese Zonen eines gleichförmigen Ethos decken
sich entweder oder schneiden sich. Der in ihnen herrschende Geist
wird durch die Geschichte bestimmt und ist zeitlich veränderlich.
Immer aber bietet er einen ersten und wichtigen Grund für gleich-
förmige Charakterbildung dar.
Diese wird aber ferner gebildet durch das Blut, aus dem heraus
gehandelt wird. Hier werden wir zu unterscheiden haben zwischen
allgemeinen Grundzügen der menschlichen Natur und den Eigenarten
besonderer Gruppen von Menschen.

Es ist handgreiflich, daß ein großer Teil der Gleichförmigkeiten
des sozialen, insonderheit des wirtschaftlichen Geschehens, auf die
gleiche Menschennatur zurückgeht: Hunger, Liebe, Machttrieb sind
nun einmal das Erbteil unseres Geschlechts, und daß wir überhaupt
„wirtschaften“, das heißt immer wieder Dinge der äußeren Natur
unserem Bedarfe dienlich machen, immer wieder, bringt einen Zug
von Einförmigkeit in unser Handeln, der überragend alles sonstige
Verhalten bestimmt. Daneben wirken Sonderveranlagungen bestimm-
ter gleichgearteter Blutsgemeinschaften vereinheitlichend in engerem
Kreise und schaffen verschiedene Zonen gleichförmigen Geschehens.
Rassen und Rassenmischungen bilden wohl die Grundlage der ein-
heitlichen Charakterbildung. Und ein Blick auf die Gleichförmigkeit
bestimmter Züge der Wirtschaft etwa im Bereiche germanischer
Völker einerseits, slawischer Völker andererseits bestätigt die Richtig-
keit dieser Vermutung: Max Weber hat einmal die Eigenart der
polnischen Bauernsiedlung im Gegensatze zu der der deutschen auf
den kleineren Magen der Slawen zurückgeführt.
        <pb n="280" />
        267

Der zweite. Umstand, der eine Gleichförmigkeit der Motivation
hervorruft, ist

a. die Motivbildung, Ich verstehe darunter die Form, in der das
Motiv zutage tritt. Wir unterschieden autonome und heteronome
Motivbildung. Von diesen ist die zweite von größerer Bedeutung für
die Herbeiführung gleichförmiger Motivreihen. Eine heteronome
Willensbildung liegt im Wirtschaftsleben etwa vor bei Kartellen,
Gewerkschaften, Großbetrieben. Man ermessge, wieviel Millionen
menschlicher Willen im Rahmen solcher Organisationen in cine ganz
bestimmte Richtung gedrängt werden und also gleichförmige Ge-
schehensreihen bilden helfen!

Aber. auch dort, wo die Willensbildung autonom ist, liegen Gründe
einer gleichförmigen Motivgestaltung vor. Der „freieste‘‘ Wille ist
der rationale Wille. Man könnte meinen, daß er willkürlich sei und
daß sich von einer Gleichförmigkeit der Entschlüsse in diesem Fall
überhaupt nicht reden ließe. Das Gegenteil ist der Fall. Der rationale
Wille führt gerade auch zu gleichen Handlungen, weil die Möglich-
keiten der Rationalität in einer bestimmten Umwelt begrenzt sind.
Eine große Anzahl Unternehmer, die in völliger Freiheit „rationell“
handeln wollen, müssen mit Notwendigkeit gleiche oder ähnliche
Entschlüsse fassen.

Neben der rationalistischen Einstellung kennen wir die tradi-
tionalistische. Auch sie ist wiederum eine Quelle gleichförmigen
Handelns. Sie verbürgt die Fortsetzung gleichförmigen Geschehens
in der Zeit: der Bauer, der seinen Ochsen in derselben Weise vor
denselben Pflug spannt, wie sein Vater und dessen Vater und dessen
Vater usw., sorgt mit seinem Nachbar und dessen Nachbar für sein
Teil dafür, daß das Wirtschaftsleben gleichförmig verläuft.

Die dritte Form, in der sich Motive gruppenweise bilden, ist die
Nachahmung in ihren verschiedenen Spielarten: als Autorität,
Standesbewußtsein, Mode, Nachäfferei usw. Wenn alle Welt ein Auto
hat, muß man selbst eins haben, und die Autopest bricht aus und
verheert die Völker und Länder: tausend Gleichförmigkeiten des
Verhaltens bei Produzenten und Konsumenten kommen dadurch neu
in die Welt.
        <pb n="281" />
        268
Endlich können wir als Grund gleichförmiger Motivation

3. die Motivbeeinflussung geltend machen. Ich denke dabei
an die Tatsache, daß der menschliche Wille durch äußere Umstände
in eine bestimmte Richtung gezwungen werden kann:

Wenn bestimmte Ziele erreicht werden sollen, müssen bestimmte
Wege beschritten werden -— eine bestimmte ‚Lage‘ vorausgesetzt.
Wohl gemerkt: wir befinden uns noch im Bereich der „Potentia‘‘,
es handelt sich noch nicht um das Bestimmen der Ausführung des
Handelns durch objektive Bedingungen, sondern um die Willens-
bildung selbst und die Einflüsse der äußeren Umstände auf diese:
warum ich in bestimmter Lage einen ganz bestimmten Entschluß
fassen muß. Natürlich besteht niemals ein Zwang, daß ich ihn
fasse. Der Zwang bezieht sich nur auf den Inhalt des Motivs. „Kein
Mensch muß müssen‘ — dabei bleibt es. Nur: wenn er etwas will,
muß er unter Umständen etwas Bestimmtes wollen. Es ist sehr
wichtig, daß man sich die Relativität des „Müssens‘, die hier obwaltet,
deutlich zum Bewußtsein bringt: „Um nicht von dem erreichten
Resultat ausgeschlossen zu werden, um nicht die Früchte der Zivili-
sation einzubüßen, sind die Menschen gezwungen, in dem Moment,
da die Art ihres Verkehrs nicht mehr den erworbenen Produktiv-
kräften entspricht, alle ihre überkommenen sozialen Formen zu
ändern‘‘, schreibt einmal Marx an Annenkoff. Also: ein absoluter
Zwang besteht natürlich nicht, nur wenn die Menschen bestimmte
Werte nicht preisgeben wollen, müssen sie in einer bestimmten Weise
handeln (was übrigens auch noch ein falsches Urteil sein kann).

Immerhin: eine relative Nötigung waltet hier ob und liefert uns
abermals die Erklärung für die Gleichförmigkeit der Motivation,
denn nun liegen ja die Verhältnisse klar zutage: gleiche äußere
Umstände führen zu gleichen Entschlüssen. Solche äußeren
Umstände, die hier in Betracht kommen, gibt es nun eine große An-
zahl, und ich kann nur einige wichtige Beispiele anführen. an denen
wir das Gesagte uns verdeutlichen können.

Hier erscheint wieder in vorderster Reihe das Wirtschaftssystem
selbst als motivbestimmende Tatsache. Diesmal nicht zwar durch den
Geist, den es verbreitet, sondern durch die Struktur seines Gefüges.
Die kapitalistische Wirtschaft heischt. um ihrer selbst willen. daß
        <pb n="282" />
        269

der Unternehmer die Gewinnerzielung zum Zwecke seiner Unter-
nehmung mache, er mag persönliche Motive haben, welche er wolle:
immer muß er auch, welche Ziele er sonst auch verfolgen möge,
wollen, daß die Unternehmung rentiert, das heißt einen Gewinn ab-
wirft. Ich habe das die Objektivierung des Gewinnstrebens genannt
und. ausführlich darüber an anderem Orte gesprochen‘. Durch das
Wirtschaftssystem wird auch die Stellung bestimmt, die die einzelne
Wirtschaft zu anderen Wirtschaften einnimmt, und diese kann von
starkem Einfluß auf die Motivation des Wirtschafissubjektes werden.
Wenn etwa die freie Konkurrenz herrscht, so muß. der Produzent
seine Wirtschaft so einrichten, daß sie im Konkurrenzkampfe ob-
siegt. Er wird also seine Entschlüsse fassen müssen unter Berück-
sichtigung aller Marktverhältnisse. Überall dort, wo die einzelne
Wirtschaft den „Gesetzen des Marktes‘‘ unterworfen ist, das heißt,
wo sie im Preise durch eine andere Wirtschaft unterboten werden
oder, wenn die Konkurrenz ausgeschaltet ist, wie im Falle des Mono-
pols, doch wenigstens durch zu hohe Preise die Kundschaft verlieren
kann, ist sie genötigt, ihr Verhalten den Anforderungen der billigsten
Preisbemessung gemäß zu gestalten. Diese Markthörigkeit, wie wir
diesen Zustand der Abhängigkeit von der Preisbildung nennen
können, bedeutet nun aber die stärkste Beschränkung ihrer Willkür
und zwingt die Gleichförmigkeit des Gebarens von außen den ein-
zelnen Wirtschaften auf.

Auch der Stand der Technik übt Einfluß auf die Motivation des
Wirtschaftssubjektes: dieses wird sich ganz andere Aufgaben stellen,
wenn die Technik hochentwickelt, als wenn sie unentwickelt ist. Und
die Eigenart der Technik bestimmt die Eigenart der Zwecksetzung:
die Erfindung des Koksverfahrens löst alle Pläne aus, die sich auf
Unternehmungen zur Ausbeutung der Steinkohle beziehen, die Er-
findung des Explosionsmotors, der ‚drahtlosen Telegraphie, des
Radios, des Kinos usw. läßt mit einem Male Tausende gleichförmiger
Betriebe entstehen, die ‚diese Erfindung auszunützen bestimmt sind.
Tausende und Abertausende von Unternehmern wollen plötzlich das-
selbe, und Millionen von Arbeitern müssen dasselbe wie ihre Brot-
geber wollen.
183° Siehe meinen ‚„Modernen Kapitalismus‘, Bd. II. S, 39,
        <pb n="283" />
        270

In natürlichen Verhältnissen des Bodens oder des Klimas
können ferner Gründe für gleichförmige Willensentschlüsse liegen.
Das Klima schreibt eine bestimmte Auswahl von Gebrauchsgütern, eine
bestimmte Nahrung, Kleidung und Wohnung vor; die Produzenten
werden also wohl die Herstellung der geeigneten Gebrauchsgüter
wollen müssen. Bestimmte Böden gestatten nur eine bestimmte
Benutzungsart: etwa als Weidegründe. Alle Wirtschaftssubjekte,
die hier zu wählen haben, welche Art Wirtschaft sie treiben wollen,
werden also in eine Richtung gedrängt. Wo nur Hafer oder Sommer-
gerste gedeiht, nützt es keinem, wenn er den Entschluß faßt, Weizen
zu bauen. So haben in vielen Fällen Klima und Boden die Wirtschaft
in eine bestimmte Form gegossen, die dann durch den Traditionalis-
mus noch fester gefügt wird.

Oder es können wichtige Einzelschicksale sein, die einem Volke
eine bestimmte Art zu wirtschaften aufnötigen, das heißt aber immer:
die Motive der Wirtschaftssubjekte zwangsläufig bestimmen und da-
durch Gleichförmigkeit des Geschehens bewirken. Ich denke an die
Wirkung eines großen Krieges, einer Übervölkerung, einer Um-
schichtung der Produktionsverhältnisse,‘ einer starken Verschuldung
(Reparationslast!): usw. In allen diesen Fällen „müssen die Menschen
müssen“, um nämlich der vorhandenen Lage gemäß zu handeln.

Das Ausdehnungsgebiet der Gleichförmigkeit kann wiederum ver-
schieden groß sein; es kann sich über einen Distrikt, ein Land, einen
T,änderkomplex, den Bereich eines Wirtschaftssystems erstrecken.

In allen den bisher besprochenen Fällen rührte die Gleichförmig-
keit des Geschehens von der Gleichförmigkeit der Motivation her.
Jetzt haben wir die zweite Quelle dieser Gleichförmigkeit zu unter-
suchen, das sind die objektiven Bedingungen des Geschehens,
die Complementa possibilitatis. Auch, ja gerade durch diese erhalten
die Handlungen der wirtschaftenden Menschen ein gleichförmiges
Gepräge.

Die objektiven Bedingungen, an die die Ausführung jeglichen Ent-
schlusses gebunden ist, sind aber:

ı. logische, wie wir sie nennen können. Es sind die „in der
Natur der Sache‘ gelegenen, das heißt aber die durch die Gesetze
        <pb n="284" />
        271
des Geistes geschaffenen Bedingungen, denen gemäß unser Handeln
innerhalb eines bestimmten Sinnzusammenhangs gesetzmäßig ver-
laufen muß. Diese innere Logik der Dinge, dieses sinngemäße Han-
deln erstreckt sich auf alle drei Sphären der Sinngesetzmäßigkeit,
die wir kennengelernt haben (siehe S. 253ff.): die mathematische,
die wesensmäßige und die rationale. Zur ersten: in einem großen
Marktgebiete ist die Spezialisierung der Produklion größer als in
ainem kleinen; zur zweiten: wer in einer kapitalistischen Wirtschaft
im großen produzieren will, muß Lohnarbeiter einstellen; zur
dritten: wer eine rentable Wirtschaft führen will, muß die billigsten
Produktionsmittel benutzen.

Unnötig auszuführen, daß diese Sinngesetzmäßigkeit einen sehr
starken Einfluß auf die Gleichförmigkeit des Geschehens ausübt.

Die objektiven Bedingungen sind

2. soziale, das heißt solche, die durch das menschliche Zusammen-
leben geschaffen werden: die Größe der Staaten, die Dichtigkeit der
Bevölkerung, die Wirtschaftsordnung u. a. zwängen das wirtschaft-
liche Handeln in eine ganz bestimmte Bahn.

Die objektiven Bedingungen sind

3. mediale, wie ich alle diejenigen Bedingungen zusammenfassend
aennen will, die in der Eigenart der dem Menschen zur Ausführung
seiner Entschlüsse zur Verfügung stehenden Mittel begründet sind.

Gleichförmig gestaltet sich das Wirtschaftsleben, weil die Men-
schen bei der Verwirklichung ihrer Zwecke sich gleicher Mittel
bedienen. Auch diese Gleichheit der Mittelwahl kann wiederum in
sehr verschiedener Weise begründet sein: physikalisch, chemisch,
physiologisch, wenn es sich um die Wahl bestimmter Naturerzeug-
nisse handelt, die das Ernährungs- oder Kleidungs- oder Wohnungs-
bedürfnis befriedigen sollen. Es gibt nun einmal nur eine beschränkte
Anzahl solcher Stoffe, deren wir uns bedienen können, und deshalb
kommen die Menschen immer wieder darauf hinaus, die Erde zu
bebauen und Bäume zu pflanzen und Steine zu brechen oder Lehm
zu brennen. Die Gleichheit der Mittelwahl kann aber auch rational-
ökonomische Ursachen haben: den Käufer heranzulocken, gibt es
wiederum nur eine bestimmt begrenzte Anzahl von Möglichkeiten;
        <pb n="285" />
        272
wenn der Betrieb ergiebiger gestaltet werden soll, kann ich nur ge-
wisse Maßnahmen treffen; wenn ich die Austauschvorgänge auf dem
Markte erleichtern und beschleunigen will, ebenso usw. Endlich aber
kann eine bestimmte Produktions- oder Transporttechnik zwangs-
läufig bestimmte Mittel zur Durchführung eines Verfahrens not-
wendig machen: Ein Bahnhof hat — innerhalb eines gewissen Spiel-
raumes — bestimmte Bedingungen nach einem ganz bestimmten Vor-
bild zu erfüllen; will ich in alter Weise telegraphieren, muß ich
Drähte legen; um Stahl nach dem Bessemerverfahren herzustellen,
muß ich Birnen ganz bestimmter Anordnung bauen, darum eine ganz
bestimmte Anzahl bestimmt geschulter Arbeiter in einem Raume
nes bestimmten Grundrisses gruppieren usw.

Man sieht: die Gleichförmigkeit der objektiven Bedingungen, die
aur bestimmte Ausführung zuläßt, begegnet sich hier mit der Gleich-
[örmigkeit der Motivation, um die Gleichförmigkeit des Geschehens
hervorzurufen. Begreiflicherweise, da ja die Mittelwahl gleichzeitig
immer eine Setzung von‘ (Zwischen-) Zwecken bedeutet.

Fragen wir nach dem Geltungswert der im vorstehenden gemachten
Feststellungen, so haben wir nichts anderes vor uns als den Ent-
wurf zu einer Theorie der Gleichförmigkeiten im Wirtschafts-
leben, einer „Theorie‘‘, das heißt hier: eines Systems der Möglichkeiten,
die als Gründe für eine ’gleichförmige Gestaltung des Geschehens
in Frage kommen. Unter diesen Möglichkeiten haben wir gefunden:
zufällige und notwendige, so daß sich das wirkliche Geschehen als
ein Gewebe aus Zufall und Notwendigkeit dem verstehenden Geiste
darstellt. Daß die Menschen Entschlüsse fassen und daß sie die, unter
dem Gesichtspunkte der Zweckmäßigkeit betrachtet. richtigen Ent-
schlüsse fassen, ist dem Zufall anheimgegeben; wie sie sie fassen
and durchführen, wenn sie sie zweckmäßig durchführen, unterliegt
strengen Gesetzen. Es gilt für alles Geschehen das tiefsinnige Wort
des Mephistopheles:

„Im ersten sind wir frei, im zweiten sind wir Knechte.“

Oder, wie in der klaren Sprache des H. Thomas derselbe Gedanke
jautet13t; „Nihil est adeo contingens, quia in se aliquid necessarium
154 S, Thom. Aquin, Summa theol. ı p. qu. LXXXVI. a. 3.
        <pb n="286" />
        273

habeat; sicut hoc ipsum, quod est Socratem currere in se quidem con-
tingens est, sed habitudo cursus ad motum est necessaria; necessarium
enim est Socratem moveri, si:currit. Est autem unumquodque con-
tingens ex parte materiae, quia contingens est quod potest esse et non
esse, Potentia autem pertinet ad materiam; necessitas autem
consequitur rationem formae, quia ea quae consequuntur ad
[ormam, ea necessitate insunt.‘“ Die Forma sind die Sinnzusammen-
hänge.

Diese Theorie der Gleichförmigkeit hat nun aber nichts mit
irgendwelcher Art von „Gesetzmäßigkeit‘“ zu tun, auch nichts mit
einer sogenannten „immanenten Gesetzmäßigkeit‘, die so oft
in die Gedankengänge, denen wir hier folgen, hineingetragen wird.
Es ist an der Zeit, daß wir auch diesen Spuk, der schon so viel
Unheil angerichtet hat, mit ein paar Besinnungen bannen.

Immanente Gesetzmäßigkeit bedeutet bei den verschiedenen
Autoren, denen der Ausdruck meist nur als Verlegenheitsphrase
dient, Verschiedenes.

Einerseits soviel wie die Entwicklung eines Kulturgebiets aus den
in ihm allein wirksamen Kräften heraus. Man will mit der Bezeich-
nung ausdrücken, daß aus dem Verlauf der Ereignisse und der da-
durch veränderten Lage neue Zwecksetzungen herausgetrieben, daß
die freien Taten die Handelnden in bestimmte Bahnen drängen im
Sinne des Goetheschen „werdenden Gesetzes‘. Es ist die uns be-
kannte Heterogonie der Zwecke, die hier im Spiel ist, und der
Wiedererwecker dieses Gedankens: Wilhelm Wundt, ist auch der-
jenige, der den Begriff der immanenten Gesetzmäßigkeit in diesem
Sinne verwendet, wenn er etwa den Übergang des primären Horden-
zustandes in die fotemistische Stammesorganisation als „natürliche
Erzeugnisse der totemistischen Stammesorganisation... aus den
dieser immanenten Bedingungen‘“ oder die Gesetze (!) der binären
Stammesgliederurigen „aus dem natürlichen Wachstum und der Tei-
lung der Stämme‘ mit „Notwendigkeit‘“ hervorgehen läßt!s5, Ich
würde das, was hier beobachtet ist, um es in seiner Eigenart zu kenn-
zeichnen, etwa endogenes Geschehen nennen.
135 W, Wundt, Elemente der Völkerpsychologie. 1912. S. 143£, 158. 1653
a.
Sombart., Die drei Nationalökonomien
        <pb n="287" />
        274
In einem anderen Sinne wird der Ausdruck immanente Gesetz-
mäßigkeit von Marx gebraucht, der ihn auch besonders liebt. Er
denkt, wenn er z. B. von den immanenten Gesetzen der kapitalisti-
schen Entwicklung spricht, an einen der Idee des Kapitalismus ge-
mäßen Ablauf der Ereignisse, also von einer Gestaltung der Dinge,
wie sie sich bei völlig rationalem Verhalten der handelnden Personen
argeben würde, weshalb man in diesem Fall von einer rationalen
Entwicklung sprechen könnte.

Noch eine dritte Bedeutung hat der Ausdruck: immanente Gesetz-
mäßigkeit, wenn man dabei an die Entwicklung eines Kulturgebietes
in seinen notwendigen Bestandteilen, das heißt seinen Sinnzusammen-
hängen denkt: die Entwicklung konnte sich nur in bestimmten
Formen auswirken, welches auch immer die (zufälligen) Zweck-
setzungen sein mochten, und diese Formen lassen sich a priori in
eine bestimmte Reihe bringen. In diesem Sinne, in denen der Aus-
druck allein richtig gebraucht wird, bedienen sich seiner z. B. manche
Kunstwissenschaftler, wenn sie der Kunstgeschichte die Aufgabe
stellen: „die immanente Entwicklung des menschlichen Kunst-
wollens‘“ zu erforschen. Nur muß man sich bewußt bleiben, daß man
damit seinen Standpunkt aus der Wirkens- in die Sinnsphäre verlegt,
was damit bestätigt wird, daß der Kunsthistoriker, dem ich das obige
Zitat entnehme, die Ansicht äußert, daß „für diese Aufgabe... die
allzu enge Verbindung mit der Geschichte nicht nur unnütz, sondern
gefährlich geworden‘ ist1%.

Aber es gibt noch einen anderen Begriff, der sinnvoll mit den
Gleichförmigkeiten des sozialen, insonderheit des wirtschaftlichen Ge-
schehens in Verbindung gebracht wird und mittels dessen wir in der
zlücklichen Lage sind, diese wichtige Erscheinung in unser System
ainzuordnen, das ist der Begriff der Tendenz.

Unter Tendenz können wir verstehen: ein in die Zukunft proji-
ziertes Geschehen. Die Tendenz bezeichnet die Richtung, in der sich
das Geschehen vermutlich bewegen wird, wobei als Grundlage des
Urteils die Annahme einer vermutlichen Gestaltung der treibenden
Kräfte und einer vermutlichen Gestaltung der objektiven Bedingungen

136 Hans Tietze, Die Methode der Kunstgeschichte. 1913. S. 1716.
        <pb n="288" />
        275
dient. Daß das Urteil richtig ist, das heißt: daß die Wirklichkeit sich
im Sinne der behaupteten Tendenz bewegt, hat natürlich zur Voraus-
setzung, daß jene ‚Vermutungen‘ richtig waren. Setzt man im An-
fang des ı9. Jahrhunderts die ständige Abnahme der Produktivität
der Arbeit in die Rechnung ein, so irrt man in der Behauptung einer
„Tendenz‘“ des Kapitalismus ebensosehr, als wenn man für alle
spätere Zeit über das 19. Jahrhundert hinaus die Steigerung dieser
Produktivität annimmt. Deshalb hatte Ricardo für das 19. Jahr-
hundert die Tendenz der Entwicklung falsch, Marx sie richtig be-
stimmt, während dessen Prognose für die Gegenwart und Zukunft
falsch war.
Tendenzen können wir aufstellen für die kleinsten Ausschnitte des
Geschehens: Einzeliendenzen: etwa die Preisbildung in einem Pro-
duktionszweige; für eine große Anzahl verwandter Fälle: Häufungs-
tendenz: etwa die Konzentration der Betriebe in einem Lande; end-
lich für das gesamte Wirtschafisleben in einer bestimmten Epoche
(und im Bereiche eines bestimmten Wirtschaftssystems): wie ich
s8 etwa zuletzt versucht habe für den modernen Kapitalismus.

Eine Tendenz behaupten heißt immer eine Prognose aufstellen,
bedeutet also immer, wie ich sagte, eine Projizierung des bisherigen
Verlaufs eines Geschehens in die. Zukunft. Das muß festgehalten
werden, damit man Tendenz nicht mit dem wirklich erfolgten Ab-
lauf des Geschehens verwechselt, was häufig geschieht. Wenn man
den Ausdruck also auf bereits vollendetes Geschehen anwenden will,
so muß man es in der Weise tun, daß man in der Vergangenheit
Zeitpunkte festlegt, von denen aus (in die damalige Zukunft) der
Ablauf des Geschehens bestimmt wird. Berichtet man etwa über die
„Tendenz‘“ der Börse an einem bestimmten Tage, so muß man
hinzudenken: bei Eröffnung der Börse wies die Tendenz in die Rich-
lung der Hausse, um ein Uhr kam die Hausse zum Stillstand, und
es entstand die Tendenz zur Festigung der Kurse usw.

Mit dem Begriff der Tendenz arbeitet nicht nur die theoretische
Nationalökonomie, sondern ebenso das praktische Leben. Jede Etats-
Aufstellung, jede Berufsvorbereitung, jede Vorlesungsankündigung,
jede Gründung eines Geschäfts, jede „Budgetierung‘“ eines Unter-
nehmens, jeder Abschluß eines Versicherungsvertrages beruht auf

1Q%
        <pb n="289" />
        276

der‘ bewußten oder unbewußten Annahme einer bestimmten „Ten-
denz‘“ des Geschehens.

Der Geltungswert der Tendenz kann nicht zweifelhaft sein: sie
hat nicht die Dignität der Notwendigkeit, sondern trägt nur einen
mehr oder weniger hohen Grad von Wahrscheinlichkeit an sich:
es besteht eine größere oder geringere „Chance“, daß die Dinge sich
so gestalten werden, wie man annimmt, Der Grad der Wahrscheinlich-
keit eines der angenommenen Tendenz entsprechenden Ablaufs der Er-
eignisse hängt einerseits ab, wie ich schon sagte, von der richtigen Ein-
schätzung der wißbaren Zustände, andererseits von dem Eintritt oder
Nichteintritt „zufälliger‘““ Ereignisse: die ganze Arbeit der Versiche-
rungsgesellschaften ist zerstört, wenn ein Krieg wie der Weltkrieg und
eine Entwertung der Valuta, wie wir sie erlebt haben, dazwischen-
fährt, wie ein Komet in das Planetensystem..

Die Urteile über Tendenzen kann man fester begründen, wenn man
dort, wo sich Ziffern angeben lassen, den Apparat der Wahr-
scheinlichkeitsrechnung in seinen Dienst nimmt. Man kann
damit den Begriff der „objektiven Möglichkeit‘“ bilden und sagen,
daß der Eintritt eines Ereignisses diesen oder jenen Grad von Wahr-
scheinlichkeit habe. Daß derartige zahlenmäßige Bestimmungen einer
Tendenz nur in seltenen Fällen möglich sind, leuchtet ein.

Die Zuverlässigkeit des Tendenzurteils hängt in hohem Maße ab
von der Zeitlage. Es gibt Zeiten, in denen sich der Verlauf des Wirt-
schaftslebens leichter als in anderen voraussagen läßt. Von welchen
Umständen das abhängt, soll hier nicht erörtert werden: es führt
hinüber in den Aufgabenkreis der materialen Nationalökonomie.
Uns mag es an dieser Stelle genügen, daß wir in den „Tendenzen“
einen Begriff gefunden haben, mittels dessen wir Erscheinungen der
Wirklichkeit zur Einheit zusammenfassen können, auf die der Be-
griff des Gesetzes ihres empirischen Charakters wegen nicht an-
wendhbar ist.
        <pb n="290" />
        Dritter Teil
Die Lehre von der Wirtschaft als Ganzes

Sechzehntes Kapitel
Der Geltungsbereich der drei Nationalökonomien
1. Die Besonderung der Erkenntnisweisen

Ich habe an anderer Stelle (siehe das sechste Kapitel unter 3.)
schon auf die große Vertiefung hingewiesen, die unser Wissen da-
durch erfahren hat, daß es uns die Einsicht in die Mannigfaltigkeit
der Erkenntnisweisen erschlossen hat. Die wichtige Aufgabe einer
fruchtbaren Erkenntnistheorie besteht nun aber darin, die besonderen
Aufgaben der verschiedenen Erkenntnisarten zu bezeichnen und nach
Möglichkeit scharf voneinander abzugrenzen. Vor allem gilt es, die
drei Erkenntnisweisen, die sich der Verstandeskategorien als ihrer
Hilfsmittel bedienen: die Metaphysik, die ordnende und die ver-
stehende Wissenschaft in ihrer Eigenart und in ihrer Unterschied-
lichkeit richtig zu erfassen und ihnen ihren Anwendungsbereich
zuzuweisen. Denn darauf kommt es an: die Angemessenheit be-
stimmter Erkenntnisweisen für bestimmte Erkenntnisgebiete festzu-
stellen. Da wird es denn nun darauf hinauslaufen, daß wir die Meta-
physik als die dem Bereiche des Absoluten, die ordnende Wissen-
schaft als die dem Bereiche der Natur und die verstehende Wissen-
schaft als die dem Bereiche der Kultur angemessene (adäquate) Er-
kenntnisweise gelten lassen.

Diese Forderung nach einer ihrem Forschungsgebiet angemessenen
Erkenntnisweise erheben jetzt die Vertreter der Naturwissenschaften
mit vollem Rechte, indem sie sich damit zugleich ‚gegen die Hinein-
tragung fremder Begriffssysteme in ihre Wissenschaft mit Ent-
schiedenheit wenden. „Alles Naturgeschehen‘“, so äußert sich ein
hervorragender Erkenntnistheoretiker aus dem Bereiche der Natur-
wissenschaften, „verlangt eine naturwissenschaftliche Deutung, und
jedes Zurückgehen auf eine Begriffsbildung anderer Art würde...
        <pb n="291" />
        778
dem Verzicht auf eine Erklärung gleichkommen... Daher dürfen
nicht einmal psychologische Begriffe (wie Bewußtheit [geschweige
lenn noologische Begriffe. W. S.]) in das Naturerkennen ge-
mischt werden... Dort das Verstehen... Aber in der Biologie hat
sin Verstehen in diesem Sinne nur als Durchgangsstufe zur echten
Erklärung eine vorläufige Berechtigung [wie für uns umgekehrt die
naturwissenschaftliche Erklärung für das Verstehen. W. S.], inner-
halb eines abgeschlossenen naturwissenschaftlichen Erkenntnis-
systems haben psychologische Begriffe schlechterdings keine Stelle.“
Psychische Vorgänge und Bewegungsvorgänge liegen auf verschiede-
nen Ebenen und „können daher niemals gemeinsam als Glieder einer
und derselben Kausalreihe auftreten‘. „Naturerklärung heißt aber:
Darstellung durch dies ganz besondere naturwissenschaftliche Be-
yriffssystem. “1

Denselben Anspruch auf eine unserem Erkenntnisgebiet ange-
messene. Methode erheben wir Geistwissenschaftler nun aber auch.
Deshalb lehnen wir zunächst alle „romantische Wissenschaft“ ab. Die
„Romantiker‘‘ lösen alle geformte Wissenschaft in einen formlosen
Wissensbrei auf. „„,Den Zauberstab der Analogie zu schwingen‘, Logik
in die Geschichte, Mythologie in die Naturwissenschaft hineinzuspiegeln
und die Ebenbildlichkeit des Menschlichen mit dem Elementarischen,
das Elementarische mit dem Ätherischen zu durchschauen, ist das
Denkmittel, mit welchem romantische Wissenschaft den ‚Abyssus von
Individualität‘, der ihm die Welt ist, zu erleuchten strebt. Alle
nationalökonomischen Begriffe erfahren bei Ad. Müller diese Ro-
mantisierung, und Novalis’ Apercu, die ‚Finanzwissenschaft müsse
poetisiert werden‘, scheint hier Tatsache geworden zu sein.“ 1a
Adam Müller hat seine „Elemente der Staatskunst‘“ selber be-
zeichnet als eine aus philosophischen, nationalökonomischen und
theologischen Elementen zu einer höheren Einheit verbundene neue
Gattung..., die zu kritisieren infolgedessen weder ein Philosoph,
noch ein Nationalökonom, noch ein Theologe berufen sei... ?
ı M. Schlick, Naturphilosophie in: M. Dessoir, Lehrbuch der Philosophie.
Ba. 2. S, 474.

la H. Freyer, Die Bewertung der Wirtschaft im philosophischen Denken des
"9. Jahrhunderts. 1921. S. 48. 5

? Vgl. Carl Schmitt, Politische Romantik. 2. Aufl. ra25. S. 186.
        <pb n="292" />
        7a

Damit können wir bei unserem beschränkten Verstande nichts an-
fangen. Wir wollen ganz bescheiden Wissenschaft, ja sogar eine
Wissenschaft treiben. Alle Wissenschaft aber ist antiromantisch, ist
‚klassisch‘, wie ich schon sagte.

Es gibt gewiß eine herrliche „romantische‘“ Dichtung, eine „ro-
mantische‘“ Malerei, eine „romantische‘“ Musik, meinetwegen auch
eine „romantische“ Philosophie: eine „romantische‘‘ Wissenschaft
zibt es nicht, sie bedeutet einen Widerspruch im Beiwort.

Von den beiden Formen der realen Wissenschaften erachten wir
aber die verstehende Wissenschaft als die unserem Wissensgebiete:
dem Wirtschaftsleben als einer Erscheinungsform der Kultur an-
gemessenen Erkennitnisweise.

Diese grundsätzliche Zuordnung der einzelnen Erkenntnisweisen
zu bestimmten Erkenntnisgebieten schließt nun aber natürlich nicht
aus, daß eine Erkenntnisweise auch auf ein ihrem Wesen fremdes
Erkenntnisgebiet übertragen wird. Man kann eine autogene von einer
heterogenen Anwendung einer Methode unterscheiden, je nachdem
diese dem Gegenstande angemessen ist oder ihm aufgezwungen wird.
Man hat in diesem Falle ganz treffend von einem „Imperialismus
der Methoden“ gesprochen?. Es ist dann zu prüfen, ob eine solche
Übertragung berechtigt ist oder nicht.

Das soll im folgenden mit Bezug auf die der Nationalökonomie
wesensfremden Erkenninisweisen der Metaphysik und der Natur-
wissenschaft geschehen, wodurch dann die Berechtigung der richten-
den und der ordnenden Nationalökonomie festgestellt wird. Ich
glaube, daß wir des Problems am ehesten Herr werden, wenn wir
jedesmal die drei Fragen stellen und zu beantworten suchen, die ich
oben schon (siehe S. 64) als die notwendig sich erhebenden bezeichnet
hatte, die Fragen nämlich: können, müssen, sollen andere Er-
kenntnisweisen als die verstehende Methode in der Nationalökonomie
Verwendung finden?

3 Paul Tillich, Das System der Wissenschaften nach Gegenständen und
Meihoden. 1923. S. 3,
        <pb n="293" />
        280
2. Metaphysik und Nationalökonomie

Daß richtende Nationalökonomie, die wir als Metaphysik erkannt
hatten, möglich ist, beweist die Tatsache, daß sie da ist; wie sie
möglich ist, habe ich im sechsten Kapitel darzulegen versucht.

Wenn ich nun an dieser Stelle die Frage aufwerfe: ob sie not-
wendig, das heißt unvermeidlich ist, ob — mit anderen. Worten —
die Nationalökonomie nie anders als eine richtende, normative Er-
kenntnisweise sein kann, so bedeutet das in etwas erweiterter Form
die Frage: ob wir Nationalökonomen Metaphysik treiben müssen,
wenn wir die Wirtschaft erkennen wollen, ob Metaphysik ein wesens-
notwendiger Bestandteil unseres Erkennens ist, ob in jedem Urteil
eines Nationalökonomen metaphysische, das heißt „weltanschauliche“
Bestandteile unausbleiblich vorhanden sind, wieweit nationalökonomi-
sche Erkenntnis „weltanschaulich‘‘ verankert, gebunden, bedingt ist.
Mit dem Hinweis auf diese wesensnotwendige Bindung an eine be-
stimmte Weltanschauung wird von den gescheiteren Gegnern die
„wertefreie‘‘“, „positivistische‘“ Nationalökonomie bekämpft, und es
ist wichtig, daß wir diesen Punkt sehr gründlich erörtern, da tal-
sächlich an dieser Stelle die Schlacht entschieden wird. (Positivistisch
nannte ich eben die von mir vertretene Nationalökonomie; ich hätte statt
dessen auch sagen können: „wissenschaftlich“. Denn der Positivis-
mus gehört zum Wesen der Wissenschaft ebenso, wie er dem Wesen
aller echten Philosophie fremd ist. Jemanden, der die ‚„Wertefrei-
heit“ der Wissenschaft fordert, des „philosophischen‘‘ Positivismus
anzuklagen, ist albern.)

Die Prüfung der Sachlage ergibt nun folgendes‘:

Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir von einem „Standpunkt“
aus erkennen, das heißt: daß alles menschliche Wissen „seins-
gebunden‘ ist, aus dem sehr einleuchtenden Grunde, weil es von
endlichen Wesen in Zeit und Raum gehandhabt wird. Das gilt für

4 Erst nach Abschluß dieses Kapitels erhalte ich die Abhandlung von Eduard
Spranger, Der Sinn der Voraussetzungslosigkeit in den Geisteswissenschaf ten. (Aus
den Sitzungsberichten der Preuß. Akademie der Wiss. Phil.-Klasse 1929), die das
hier behandelte Problem ebenfalls zum Gegenstande hat. Zu meiner Freude be-
gegnen sich unsere Ansichten in weitem Umfange. Meine Ausführungen können
als Ergänzung zu den Darlegungen Sprangers dienen.
        <pb n="294" />
        IS

Kultur- und Naturwissenschaften grundsätzlich. Diese Standpunkt-
gebundenheit bedeutet eine weltanschauliche Gebundenheit — ‚auch
für alle Wissenschaft, nur in einem stärkeren Grade für die Kultur-
wissenschaft. Die weltanschauliche Gebundenheit äußert sich aber
in folgendem:
ı. in der Zielsetzung der Erkenntnis; diese kann himmlischen
oder irdischen Zwecken dienen, das heißt sie kann eine Erkenntnis
zu Gottes Ruhm sein: um die göttliche Macht, Weisheit und Güte
in allen Dingen zu erschauen, oder eine Erkenntnis zu diesseitigen
Zwecken. Diese irdische Erkenntnis kann wiederum versehiedenen
Zwecken dienen: entweder dem reinen Erkenntniszweck oder außer
ihr gelegenen Zwecken: im Bereiche der Natur kann erkannt werden,
um diese zu beherrschen: „savoir pour prevoir‘“, „calculer pour do-
miner“, im Bereiche der Kultur, um politische oder andere praktische
Forderungen zu rechtfertigen oder um die Mittel an die Hand zu
geben, mit denen man das menschliche Dasein verbessert.

Gerade der Sozialwissenschaft hat man im modernen Westeuropa
von jeher diese Aufgabe mit Vorliebe gestellt. Schon in ihren Anfängen
vernehmen wir die Stimme, des trefflichen J. J. Becher, der ihr
und ihren Vertretern nur soviel Berechtigung einräumt, als sie dazu
dient, „den Statum corruptum der Menschheit zu korrigieren“. In
der Gegenwart wird sie namentlich von ihren sozialistischen Wort-
führern gern als Helferin im sozialen Kampfe angerufen: sie habe
die „Richtigkeit“ der Endziele zu ‚beweisen‘, sonst sei sie ein
müßiges Gerede: „La scienza sorge per effetto del fine che la teoria,
se non vuol essere oziosa, ha dovuto giustificare. Il suo oggetto
® appunto questo fine...‘ „una scienza oggiettiva &amp; una contra-
dizione in termini‘“ (!). So der kluge Arturo Labriola®, so ähn-
lich aber urteilt auch der nicht minder kluge Max Adler®. Aber auch
in den Reihen der „bürgerlichen“ Nationalökonomen gibt es Männer,
die denselben „praktischen“ Sinn verraten und in einen schroffen
Gegensatz zu den „reinen Wissenschaftlern“ treten. Gegen ein Wort
Schumpeters: „der Lehre der Wissenschaft um der Wissenschaft

5 Arturo Labriola, Il valore della Scienza. 19:2. pag. 312.
6 Max Adler, Marxistische Probleme, 1913. S. 58€. -
        <pb n="295" />
        82

willen gehört mein Herz‘ wendet sich sein Kollege Werner Bruck
mit einer gewissen Entrüstung, indem er ausruft?: „Wir Ökonomen
sind dazu da, Organisationen zu schaffen, um die sozialethischen und
auch die ökonomischen Bedürfnisse der Menschen zweckmäßig zu
befriedigen. Das ist unsere Aufgabe, und nicht nur, daß die Wissen-
schaft, die eine tote Sache ist, zum Selbstzweck wird.“ Standpunkte!

Eine weltanschauliche Bindung tritt zutage

2. in.der Annahme bestimmter Axiome oder Glaubenssätze
als Grundlage der Erkenntnis. Der Forscher wird an eine göltliche
oder eine „natürliche‘‘ Weltordnung oder an gar keine „glauben“.
Er muß sogar glauben, wenn anders er Wissenschaft treiben will,
mindestens an die „Treue der Welt“, wie man deren Konstanz ge-
nannt hat, das heißt: er muß daran glauben, daß eine Katze eine
Katze bleibt und nicht plötzlich ein Vogel ist; ja er muß sogar den
viel kühneren Glauben haben, daß die Sonne morgen wieder aufgehen
wird; und er muß als Wissenschaftler vor allem den festen Glauben
an die Unerschütterlichkeit der Denkkategorien, an die Evidenz alles
a-priori- Wissens, das heißt an die „Vernünftigkeit‘“ des mensch-
lichen Geistes haben.

Die weltanschauliche Gebundenheit des Forschers äußert sich

3. in der Auswahl, sei es der Probleme, sei es der Arbeitsideen,
sei es des Beweisstoffes:

Der Probleme: natürlich hat Ricardo das Grundrentenproblem
in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen gestellt, weil ihn als glück-
lichen Effektenbesitzer das Fallen des .Zinsfußes über alles inter-
essierte;

natürlich untersucht Sismondi mit Vorliebe die Absatz- und
Krisenprobleme, weil ihn als „Kleinbürger“ die Not seiner Schweizer
Handwerker und Hausindustriellen bedrückt;

natürlich hat Marx uns die Einsicht in die Gestaltung der Groß-
betriebe und die Bedingungen der Lohnarbeiter erschlossen, weil
ihm das Wohlergehen’ der Arbeiterklasse am Herzen lag oder weil
er Unterlagen für seine Revolutionsideen sich verschaffen wollte.

7 Auf der Tagung der Generalversanmlung der sozial- und wirtschaftswissen-
schaftlichen Hochschullehrer in Zürich. 1928.
        <pb n="296" />
        283
Der Arbeitsideen: wenn die Merkantilisten oder Friedrich List
die Idee der Volkswirtschaft in den Mittelpunkt ihrer Forschung
stellten, so taten sie es zweifellos darum, weil sie durch ihre Lehren
dazu beitragen wollten, daß ihre Staaten und ihre Völker an Macht
und Ansehen gewönnen; wenn dann von den Klassikern und ihren
Nachfolgern das Interesse auf die Marktverhältnisse, das heißt die
Austauschverhältnisse, gelenkt wurde, so lag diesem Wechsel des
Blickpunktes ebenso unzweifelhaft eine größere Gleichgültigkeit
gegenüber dem Schicksal eines Landes und eine liberalistisch-
individualistisch-pazifistische Sinnesrichtung zugrunde. Alle Volks-
wirtschaftler sind „Fascisten“, alle „Sozialökonomen“ sind „Pazi-
fisten‘“, könnte man sprechen.

Wenn man gesagt hat: die Grenznutzenlehre sei eine Ausgeburt
der Angst vor dem Sozialismus: „il conservatorismo latente degli
economisti &amp; una necessitä logica del loro insegnamento‘‘8, so steckt
in diesem Urteil zweifellos ein sehr berechtigter Kern. Ebenso, wie
die Vorliebe der sozialistischen Forscher für die „dialektische‘““ Me-
thode sich aus ihrer parteipolitischen Einstellung unschwer erklären
Jäßt: es ist naturgemäß einem Bourgeoisherzen sehr sympathisch,
wenn die Ergebnisse seiner Forschung zu der Erkenntnis führen,
daß die kapitalistische Wirtschaftsordnung die beste aller Wirt-
schaftsordnungen ist, wie es dem Sozialisten Freude macht, sich
einer Forschungsmethode zu bedienen, mit deren Hilfe er nachweisen
kann, daß „alles, was entsteht, wert ist, daß es zugrunde geht“

Und daß der Beweisstoff „unwillkürlich‘“ ausgewählt wird im
Hinblick auf das, was man beweisen „möchte‘‘, ist eine durch un-
zählige Fälle bestätigte Erfahrungstatsache, die psychologisch sich
leicht begründen läßt. Begegnen wir ihr doch selbst in den Natur-
wissenschaften: Niemand wird verkennen können — beispielsmäßig —.
daß dem Gegensatz von Weißmannismus und Semonismus die po-
litisch-weltanschaulichen Gegensätze von Konservatismus und Libe-
ralismus zugrunde liegen.

Aber ich glaube nun, man sollte diese zweifellos richtige Ansicht,
daß unser Wiesen seinsgebunden“ ist und deshalb immer ein not-

8 Arturo Labriola, L €.
        <pb n="297" />
        284

wendig individuell bestimmtes Gepräge tragen müsse, nicht über-
spitzen. Schließlich treiben wir doch nicht Wissenschaft, wie wir
Schweiß treiben. Wir sollten doch erwägen, daß es eine naive und
eine kritische Art gibt, wissenschaftliche Erkenntnis zu gewinnen.
Nun sind freilich alle Forscher der früheren Zeit, einschließlich der
„Kritizisten‘“, gegenüber unserem Problem naiv eingestellt gewesen.
Aber’ in der letzten Zeit sind doch Stimmen laut geworden?®, die einer
kritischen Auffassung das Wort reden. Und wir lernen zu beurteilen:
wie weit die Bindungen des einzelnen Forschers reichen, woher sie
stammen, wie sie zu lockern sind. Und von diesem kritischen Stand-
punkt aus können wir denn auch schon unlösliche, nennen wir sie
schicksalhafte, und lösliche Bindungen voneinander unterscheiden.

Die schicksalhaften und darum unlöslichen Bindungen, in die
die Seele des Forschers verstrickt ist, stammen aus dem Blute. Sie
binden nicht sowohl unser Wollen, das heißt in unserem Falle unsere
Zielsetzungen, als vielmehr unser Können; sie bestimmen unsere Ver-
anlagung. Es gibt eben Menschen mit klarem und unklarem Denken,
mit metaphysischer und szientifischer Veranlagung, „Romantiker‘‘
und „Klassiker“, Menschen mit Anschauungsvermögen und ohne An-
schauungsvermögen, mit theoretischem und praktischem Sinn (kon-
templative und aktivistische Naturen), Menschen mit Formtalent und
ohne solches, mit sozialem Sinn und ohne solchen und so weiter in
bunter Mannigfaltigkeit. Diese Grundveranlagungen hat man einfach
hinzunehmen und kann ihnen gegenüber nichts anderes tun, als sie
zu „Typen“ zu formen und nach Typen zu ordnen.

9 Für das ganze Problem siehe außer den schon genannten Werken von
Dilthey, Rothacker, Litt, Spranger noch: Versuche zu einer Soziologie
des Wissens. Herausgegeben im Auftrage des Forschungsinstituts für Sozial-
wissenschaften in Köln von Max Scheler, mit Beiträgen von zahlreichen Autoren.
1924; Max Scheler, Die Wissensformen und die Gesellschaft. 1926, und die
verschiedenen Schriften von Karl Mannheim: Strukturanalyse der Erkenntnis-
‘heorie, „Kantstudien‘“. Ergänzungsheft Nr. 57. 1922; Das Problem der Gene-
rationen in den Kölner Vierteljahrsheften für Soziologie. Bd. VII. 1928; Referat
auf dem 6. Soziologentage in Zürich 1928 über die Konkurrenz in den Schriften
der Deutschen Ges. f, Soz. Bd. VI. 1929; Ideologie und Utopie. 192g. Vgl. auch
A. von Schelting, Zum Streit um die Wissenssoziologie und die kultursoziologi-
schen Kategorien Alfred Webers im Archiv Bd. 62. 1929.
        <pb n="298" />
        285

Die löslichen Bindungen stammen :aus der Umwelt, in der der
Forscher lebt: der engeren, wie Familie, Beruf, Klasse, und der wei-
teren, wie dem Volke und dem Kulturkreise. Hier handelt es sich um
jene geistige Atmosphäre, von der ich schon gesprochen habe und
die wir für die Gleichförmigkeiten der menschlichen Handlungen in
einer bestimmten Zeit verantwortlich machten (siehe oben S. 265ff.).
Jetzt lernen wir sie in ihrer Bedeutung für die geistige Haltung des
Forschers kennen. Daß sie eine starke Bindung darstellen, ist un-
zweifelhaft, aber ich halte sie für löslich, das heißt: ich glaube,
es sei grundsätzlich möglich, daß ein Forscher in seinen Unter-
suchungen sich unabhängig macht von den Urteilen und Vorurteilen
seiner Umgebung. Freilich ist es schwer und es wird nicht jedem
gelingen. Denn es gehören dazu, sich zu befreien, ein starker Geist
und ein starker Wille. Ein starker Geist: denn der Forscher muß
sich das volle Bewußtsein von der Eigenart der Atmosphäre ver-
schaffen, in der er lebt, er muß sie gleichsam sich gegenüberstellen
können, und dazu bedarf es, namentlich wenn es sich um den geistigen
Gehalt der Zeitepoche, um den „Zeitgeist‘“ handelt, eines weiten
Überblicks und einer philosophischen Vertiefung, über die nicht jeder-
mann verfügt. Und ein starker Wille ist dazu nötig, auf lieb-
gewordene Anschauungen Verzicht zu leisten, um der Wahrheit zu
dienen.
In diesen Zusammenhang gehört auch die viel erörterte Frage: ob
es eine besondere „bürgerliche“ und „sozialistische“ National-
ökonomie gebe. Sie wird bekanntlich in den Kreisen der marxisti-
schen Denker bejaht in Fortführung von Gedanken, die wohl zuerst
bei Marx feste Form gewonnen haben. Dieser schreibt z. B. in der
Inauguraladresse (1864): die Zehnstundenbill „war der Sieg eines
Prinzips: zum ersten Male am hellen lichten Tage unterlag die politische
Ökonomie der Boaurgeoisie der politischen Ökonomie der Arbeiter-
klasse“ (1). Es fällt uns heute einigermaßen schwer, einzusehen,
welchen irgendwie vernünftigen Sinn eine solche Behauptung haben
könnte. Wir müssen schon annehmen, daß Marx sein Urteil von
dem Standpunkt einer richtenden Nationalökonomie aus abgibt, deren
Aufgabe also die Aufstellung von Endzielen ist, und daß er weiter auf
Grund seiner Geschichtsauffassung annimmt, daß die Ideale sich
        <pb n="299" />
        186

notwendig verschieden gestalten in den Köpfen der Bourgeoisie und
des Proletariats. Beides hat nun aber doch mit Wissenschaft, die die
politische Ökonomie sein will, nichts zu tun. Die sozialen Ideale sind
natürlich in ihrer Entstehung, wie wir zur Genüge klargestellt haben,
durchaus „seinsgebunden‘‘ und deshalb sicher verschieden für Bour-
geoisie und Proletariat. Warum aber die wissenschaftliche Erkenntnis
dieser Ideale, die Erörterung der Begründung und der Folgen eines
Arbeiterschutzgesetzes, ebenso seinsgebunden und ‘darum in ihren Er-
gebnissen klassenbestimmt sein sollen, ist durchaus nicht einzusehen.
Daß der Bourgeois Marx der Begründer der „proletarischen‘““ Natio-
nalökonomie geworden ist, widerlegt ja schlagend die Irrlehre von
einer klassengebundenen Nationalökonomie. Daß der bürgerliche oder
sozialistische „Standpunkt‘“ des Forschers Richtung und Art der
Forschung beeinflussen kann, wurde oben ausdrücklich zugegeben.
Man kann also von bürgerlichen und sozialistischen Nationalöko-
nomen sprechen. Eine bürgerliche und sozialistische Nationalöko-
nomie einander gegenüberzustellen, ist Unsinn.

Wir müssen uns-nun auch. darüber klar sein, daß in vielen Fällen
der Forscher den Standpunkt, auf den ihn ohne sein Wissen und
seinen Willen die Umwelt, oder wie wir auch sagen können: die Zeit
stellt, gar nicht aufgeben will und nicht aufzugeben braucht. Das
heißt: daß wir mit einem gewissen Maße von „Seinsgebundenheit“
rechnen und rechnen können, ohne darum den gewonnenen Er-
kennninissen die Allgemeingültigkeit absprechen zu müssen. Gewiß
Irägt uns die Zeit die Probleme zu, unser „Werturteil‘‘ veranlaßt
ans, bestimmte Stoffgebiete auszuwählen, bestimmte Fragen zu
stellen: wir behandeln heute den Kapitalismus, weil er unser Schicksal
geworden ist, oder das Geldwesen, weil uns das Geldproblem auf den
Nägeln brennt. Aber das bedeutet eine Relativierung unserer Erkennt-
nis, die wir als solche kaum verspüren. Gewiß hegen nur die An-
hänger eines bestimmten Kulturkreises den Glauben an bestimmte
Axiome: nur im Bereiche der westeuropäischen Kultur ist das
kausale Denken ein selbstverständlicher Bestandteil unserer Wissen.
schaft geworden. Aber dieser Glaube ist so allgemein, daß wir
uns ebenfalls seiner Relativität gar nicht mehr bewußt werden: wir
haben ihn zu einem gleichsam selbstverständlichen Apriori alles
        <pb n="300" />
        287
wissenschaftlichen Denkens gemacht. Gewiß ist unser Wissen durch
den Beweisstoff nach Umfang und Art bestimmt, der in einer Zeit
zur Benutzung bereit liegt. Aber wir nehmen ihn als gegeben hin
und brauchen nicht zu erwägen, daß auch er es ist, der unser Wissen
relativiert: es sind auch in diesem Falle die Bedingungen für alle
Forscher dieselben, was ihren Forschungsergebnissen für diese Zeit-
spanne und diesen Kulturkreis die Allgemeingültigkeit verbürgt.
Diese scheint also nach allen Seiten hin, dank einer kritischen Ein-
stellung, die ich eben beschrieben habe, trotz der unzweifelhaft weit-
gehenden Seinsgebundenheit des Forschers gesichert zu sein, auch
ohne daß wir, wie die Naturwissenschaften, auf Wesenserkennt-
nis zu verzichten brauchen, wenn wir dabei nur folgende Regeln
beobachten : }

ı. wir müssen in Zweifelsfällen die weltanschaulichen Gegeben-
heiten ausdrücklich als solche bezeichnen und kenntlich
machen; .
wir müssen mit Sorgfalt diejenigen Fragen ausscheiden, die
weltanschaulich problematisch sind, müssen also vor allem
die‘ persönlichen‘ Werturteile vermeiden und Seinserkenntnis
erstreben: auf die Intention kommt es vor allem an. Wir
müssen so weit unseren Geist schulen, daß wir den grund-
sätzlich erkenntnistheoretischen Unterschied zwischen den
Fragen: „wie wirken Getreidezölle auf die Preise?‘ und:
„sind Getreidezölle nützlich?“ einsehen (damit wäre viel ge-
wonnen); _

3. wir müssen alle Probleme auf die Grundlage der Evidenz und
der aufweisbaren Erfahrung zurückführen.

»

Daß bei den Kulturwissenschaften ein breiterer Raum für die per-
sönliche Eigenart des Forschers bleibt als bei den Naturwissen-
schaften, soll gewiß nicht bestritten werden. Es ist auch kein Schade.
Ja, wir empfinden die Lebensnähe in unseren besten Werken mit
besonderer Dankbarkeit für den Genius. Aber darum brauchen wir
wahrhaftig micht Metaphysik zu treiben und uns mit dem Suchen
nach der richtigen Wirtschaft ‚abzumühen. Ich finde, daß verstehende
Nationalökonomie, wo sie mit einigem Geist betrieben wird, viel kurz-
        <pb n="301" />
        288

weiliger ist als die ‚richtende, trotzdem sie sich bescheiden in den
Grenzen echter Wissenschaft hält. Daß wir auch in vollendeter Weise
wissenschaftliche Systeme bilden können, ohne uns der Krücke der
Werturteile bedienen zu müssen, habe ich an anderer Stelle, wie ich
glaube, deutlich gemacht: siehe das zwölfte Kapitel.

Wenn nun also der Beweis erbracht ist, daß eine Wissenschaft
vom Wirtschaftsleben möglich ist, wenn wir mit Strenge darauf
halten, daß sich keine metaphysischen Bestandteile in unsere Er-
kenntnis einmischen, so bleibt doch noch die dritte Frage zu beant-
worten: sollen wir nicht, über das unvermeidliche Maß hinaus, also
aus freien Stücken eine metaphysische Nationalökonomie betreiben,
ist die richtende Nationalökonomie nicht doch vielleicht die höhere
Form?
Diese Frage enthält drei Fragen in sich. Die erste lautet: sollen wir
Wirtschaftsphilosophie, die etwas anderes ist als Wirtschaftswissen-
schaft, zum Gegenstande unseres Studiums machen? Diese Frage
bejahe ich, und ich werde im folgenden Kapitel selbst einiges darüber
bemerken, wie man sinnvoll eine solche Disziplin gestalten könnte.
Die zweite Frage lautet: sollen wir zugunsten der Wirtschaftsphilo-
sophie auf eine selbständige Wirtschaftswissenschaft verzichten? Diese
Frage verneine ich, weil ich in einem solchen Verzicht eine schmerz-
liche Verarmung unseres geistigen Lebens erblicken würde.

Die dritte Frage endlich lautet: sollen in die wissenschaftliche Na-
tionalökonomie metaphysische Brocken eingestreut werden, indem
man sie „ethisiert‘‘, das heißt mit Werturteilen durchsetzt, sollen in die
verstehende Nationalökonomie die Gedankengänge ‚der richtenden
Nationalökonomie verwoben werden? Diese Frage verneine ich eben-
falls mit aller Entschiedenheit: die wissenschaftliche National-
ökonomie soll „wertefrei‘ sein.

Der Streit um die „Wertefreiheit‘“ unserer Wissenschaft ist
ziemlich alt. Die neueren Historiker des Faches lassen ihn zwar meist
erst mit dem Aufsatz Max Webers aus dem Jahre 1905 beginnen.
Aber ihre Kenntnisse sind sehr unvollkommen. Der Streit hat ein
reichliches Menschenalter früher angefangen und sich namentlich in
der englischen, französischen und italienischen Literatur abgespielt.
        <pb n="302" />
        289
So äußert sich schon Luigi Cossa, um nur den schärfsten Kopf
der damaligen Nationalökonomen-Generation zu nennen, dahin: die
Feststellungen der Nationalökonomie können richtig oder falsch, aber
sie können niemals gut oder böse, nützlich oder gefährlich sein. So
ist denn auch nach seiner Meinung die berühmte Einführung ethischer
Gesichtspunkte („cette fameuse importation de l’6lement &amp;thique“),
„auf die eine zahlreiche Schule von Nationalökonomen so stolz ist‘,
„keine Entdeckung, die unsere Wissenschaft fördert, sondern eine
Absurdität, die sie zugrunde richtet‘ 10,

Ich selbst habe dann bereits in meinen ersten Marx-Studien
(1893/94) und in dem Aufsatze über die „Ideale der Sozialpolitik“
im siebenten Bande des Archivs für Sozialwissenschaften (1895) die
ethischen ‚Werturteile in unserer Wissenschaft abgelehnt.

Dann kamen, zehn Jahre später, die bedeutenden Arbeiten Max
Webers als eine willkommene Unterstützung unseres „wertefreien“‘
Standpunktes; es kam die Erörterung auf der Generalversammlung
des Vereins für Sozialpolitik in Wien im Jahre 1909, es kam die Aus-
sprache im Ausschuß desselben Vereins (auf Grund einer als Hand-
schrift gedruckten Sammlung von Gutachten) im Jahre 1913 und
es kam danach eine Menge meist belangloser Äußerungen in einem
ausgedehnten Schrifttum, in dem die Mifverständnisse häufiger sind
als die sachkundigen Urteile.

Die Gründe aber, die uns dazu veranlassen, die Werturteile aus der
wissenschaftlichen Nationalökonomie zu verbannen, sind teils theo-
retischer, teils praktischer Natur. ;

Die theoretischen Gründe sind vornehmlich folgende: die Ein-
heit des Erkenntnissystems wird gestört durch die Vermengung von
Seins-Urteilen und Wert-Urteilen, die auf zwei verschiedenen Ebenen
liegen: siehe das darüber im sechsten Kapitel Gesagte. Wir wollen in
einer wissenschaftlichen Untersuchung nicht erfahren, was Herr A.
und Herr B. für gut oder schlecht, für nützlich oder schädlich halten,
sondern wie die Wirtschaft gestaltet ist. Auch interessiert uns nicht
im mindesten, welche Wirtschaft Herr C. für die richtige hält. das
1% Luigi Cossas Guida allo studio dell’ economia politica erschien schon
18-6, Ich zitiere nach der französischen Ausgabe, die 1899 u. d. T. Histoire
des doctrines Economiques erschienen ist; siehe daselbst pag. 32.

NSomhbart Dia drai Natianalö&amp;koanamien
        <pb n="303" />
        200
wissen wir selber, Es liegt eine unerträgliche Überheblichkeit darin,
uns mit der Darlegung der für uns belanglosen subjektiven Meinungen
über das „was sein sollte‘ zu langweilen. Wenn einmal ein bedeu-
tender Forscher uns seine Ansichten darüber mitteilt, so werden wir
sie gern hören. After dinner. In wissenschaftlichen Untersuchungen
dagegen wollen wir Aufschlüsse über die Zusammenhänge der wirt-
schaftlichen Welt erhalten, und gerade diese werden uns vorenthalten,
weil der wertende Nationalökonom gar keine Zeit und Sammlung
hat, sie zu machen. Er hat es immer zu eilig, uns sein Werturteil
aufzudrängen. :Wie viele wichtige ‚wissenschaftliche Erkenntnisse
durch diese krankhafte Sucht, die Dinge zu werten, im Keime er-
stickt sind, ist gar nicht zu sagen. Es ist ja heute schon besser ge-
worden? Wenn man sich aber die Literatur ansieht, die vor allem in
Deutschland beliebt war, als wir jung waren, so ist man geradezu er-
schreckt über die Kürze. und Unfruchtbarkeit der Erkenntnisreihen,
die gerade immer da durch ein Werturteil abgebrochen wurden, wo
sie hätten anfangen sollen. Von den ästhetischen Qualen, die die
Lektüre der Schriften einer „ethischen‘“ Nationalökonomie verur-
sacht, will ich gar nicht reden: Werturteile in einem wissenschaft-
lichen Traktat wirken auf mich wie Steine im Erbsenbrei. '

Wenn ich von praktischen Gründen sprach, die uns veran-
lassen, auf Werturteile in der Wissenschaft zu verzichten, so wollte
ich damit diejenigen bezeichnen, ‘die es zweckmäßig erscheinen
lassen, Wertungen zu vermeiden, weil diese geeignet sind, außerhalb
der Wissenschaft selbst gelegene Schäden zu verursachen. Eine
„wertende‘“ ‚Wissenschaft — ein Widerspruch im Beiwort! — trägt
nämlich dazu bei, sowohl das Ansehen der Wissenschaft zu ver-
Aingern, als die Würde des Werturteils zu vernichten.

Eine wissenschaftliche Erkenntnis soll richtig sein und ihre
Richtigkeit soll bewiesen werden können. Da nun ein Werturteil nie
„richtig“ sein und noch viel weniger als „richtig“ bewiesen werden
kann, so ergibt sich ‚das Paradoxon, daß die Wissenschaft ihrem
innersten Wesen zuwider unbeweisbare Sätze als ihr Erzeugnis aus-
gibt. Das muß aber das Vertrauen in die Wissenschaft notwendig
verringern. Jemand, der hört, daß ein und dieselbe Wissenschaft den
Schutzzoll und den Freihandel. die Notwendigkeit und Verwerflich-
        <pb n="304" />
        201:

keit der Sozialpolitik glaubt „„beweisen‘“ zu können, wird sich mit
Verachtung von dieser Afterweisheit abwenden.

Daß aber die Würde des Werturteils herabgesetzt wird, wenn man
es zu einer „wissenschaftlichen‘‘ Angelegenheit macht, das heißt auf
Erfahrung aufbaut, in Verstandeskategorien einschnürt und es auf
die Ebene der „beweisbaren‘“ Tatsachen herabdrückt, habe ich an
anderer Stelle schon als meine Meinung ausgesprochen: siehe oben
Seite 83£.

3. Naturwissenschaft und Nationalökonomie

Haben wir uns als „verstehende‘“ Nationalökonomen in den vorher-
gehenden Ausführungen mit der richtenden Nationalökonomie aus-
einandergeseizt, so müssen wir nun dasselbe tun angesichts der ord-
nenden Nationalökonomie. Und zwar wollen wir uns dabei wiederum
desselben Schemas wie vorhin bedienen, wir wollen fragen: können,
müssen, ‚sollen ‚wir das naturwissenschafiliche, das heißt bloß
ardnende Verfahren in unserer Wissenschaft anwenden. ;

Daß man es anwenden kann, beweist ja wiederum das Dasein
siner naturwissenschaftlich eingestellten Nationalökonomie, die sogar,
wie wir gesehen haben, die Herrschaft ein Jahrhundert hin-
durch bis in unsere Zeit hinein gehabt hat. Das bloß ordnende Ver-
fahren kann jede Kulturwissenschaft anwenden aus dem einfachen
Grunde, weil es das äußerlichere, oberflächlichere Verfahren ist.
Ordnen kann ich ebensogut Kultur- wie Naturerscheinungen, ver-
stehen hingegen kann ich nur jene. Deshalb ist — umgekehrt —
las verstehende Verfahren auf die Natur überhaupt nicht anwendbar.

Diese Überlegung enthält auch schon die Antwort auf die zweite
Frage: ob wir das bloß ordnende Verfahren bei der Erforschung eines
Kulturgebiets wie der Wirtschaft anwenden müssen. Wir müssen
ums in der Tat dieses Verfahrens bedienen, wo wir nicht verstehen
können, das heißt: wo wir an die unteren Grenzen des Verstehens
stoßen, die ich im dreizehnten Kapitel unter 3. abzustecken versucht
habe. Das sind also folgende Fälle:
i. wo wir reine Naturerscheinungen einfach zu registrieren
haben: Ernteausfälle — Geburtenfrequenz -— Absterbeord-
ungen;
        <pb n="305" />
        292

2. wo wirtschafiliche, das heißt seelisch-geistige Erscheinungen
an die Natur angrenzen: Ermüdungserscheinungen — „Tests“
— Rasseeinflüsse;

3. wo wir den Sinn seelisch-geistiger Vorgänge noch nicht ver-
stehen: Parallelität zwischen Preisbildungen und Selbstmorden
— Konjunkturkurven.
Aber die erst recht brennende Frage ist nun die dritte: sollen
wir auch dort, wo wir nicht müssen, also dort, wo wir verstehen,
gleichwohl — aus freien Stücken — das naturwissenschaftliche Ver-
fahren in der Nationalökonomie anwenden? Die Antwort auf diese
Frage enthält dieses ganze Buch: sie lautet natürlich mit aller Ent-
schiedenheit: nein. Nicht aus irgendeiner dogmatischen Vorein-
genommenheit heraus erteile ich diese Antwort — warum sollte die
verstehende' Methode meinem Herzen näherstehen als die bloß ord-
nende? —, sondern aus der wohldurchdachten Erwägung heraus,
daß wir bei einem. Verzicht auf die, verstehende Methode unnötig
den Bereich unserer Erkenntnis einengen und diese in unerwünschter
Weise verflachen. Wir erkennen nun einmal tiefer, wir erkennen
mehr, wenn wir verstehen, als wenn wir bloß ordnen. Wie gern
würden die. Naturforscher die Vorgänge in der Natur verstehen!
Weil sie es nicht können, müssen sie sich mit der bloßen Ordnung
begnügen. Und wir sollten freiwillig auf diese tiefere Erkenntnis
verzichten? Ein höchst sonderbarer Gedanke.

Vielleicht wäre man ihm aber auch gar nicht verfallen, wenn man
schon früher den Sinn eines Verfahrens richtig erkannt hätte, dessen
Nützlichkeit für die Zwecke nationalökonomischer Wissensbildung
außer Zweifel steht und das man nur in einen naturwissenschaft-
lichen Erkenntniszusammenhang glaubte einordnen zu können, wäh-
rend es sehr wohl auch — ja gerade — im Rahmen einer verstehen-
den Nationalökonomie Verwendung finden kann; ich meine das Ver-
fahren der Bildung rationaler Schemata. Dadurch, daß man
diese Schemata, die zuweilen die äußere Form von Naturgesetzen
annehmen, für solche gehalten hat, hat man ihren Sinn in Unsinn
verkehrt und hat die ganze nationalökonomische Forschung am
falschen Ende angefaßt. Ich versuche im nächsten Kapitel, wo ich
        <pb n="306" />
        293

über das Wesen der nationalökonomischen Theorie mich zu äußern
habe, den rationalen Schematen ihren Platz im System einer ver-
stehenden Nationalökonomie anzuweisen.
Siebzehntes Kapitel
Die Gliederung der Gesamtlehre von der Wirtschaft

Es ist ein Unglück für uns, die wir die Lehre von der Wirtschaft
verkünden sollen, daß wir keinen Ausdruck haben, der diese Gesamt-
lehre bezeichnet. Das Wort „Nationalökonomie“ würde sich ja
ohne Zweifel am besten dazu eignen, sowohl seiner Sinnlosigkeit
wegen, wie ich schon sagte, als auch deshalb, weil es sich im täg-
lichen Leben eingebürgert hat: man studiert Nationalökonomie, wie
man Jurisprudenz, Medizin, Theologie usw. studiert, und beschäftigt
sich dabei mit allen Disziplinen, die die menschliche Wirtschaft zum
Gegenstande haben, so verschiedener Art sie auch sein mögen, so wie
der Jurist Rechtsphilosophie, Rechtsgeschichte, Rechtsdogmatik,
forensische Medizin und vieles andere, der Mediziner ebenso allerhand
Wissenschaften und allerhand Kunstlehren studiert.

Leider aber läßt sich der Ausdruck Nationalökonomie in diesem
umfassenden, unwissenschaftlichen Sinne nicht verwenden, weil er
schon festgelegt ist, wenn auch in schwankender Bedeutung, für einen
Teil dieser Gesamtdisziplin, nämlich die Wissenschaft von der
Gesellschaftswirtschaft. Es bleibt uns deshalb bis auf weiteres nichts
übrig, als etwas umständlich von einer „Gesamtlehre von der
Wirtschaft“ zu sprechen, von der dann also die Nationalökonomie
den wissenschaftlichen Teil bildet. Alsdann ergibt sich als natürliche
Gliederung für diese Gesamtlehre von der Wirtschaft die Ein-
teilung in:
z. Wirtschaftsphilosophie,
2, Wirtschaftswissenschaft;
3. Wirtschaftskunstlehre.

t. Die Wirtschaftsphilosophie
Ich habe oben, wo ich die Einstreuung metaphysischer Brocken
in die Nationalökonomie als unappetitlich abgelehnt habe (siehe
S. 288), ausdrücklich die Berechtigung eines Zweiges der Gesamt-
        <pb n="307" />
        294

wirtschaftslehre anerkannt, den man füglich Wirtschaftsphilosophie
nennen kann und der also die metaphysischen Beziehungen der Wirt-
schaft zum Gegenstande haben würde. Ich will hier in Kürze einen
Überblick über den Aufgabenkreis einer solchen Disziplin geben!?.
die wir bisher kaum in den Anfängen besitzen.

Eine Wirtschaftsphilosophie würde naturgemäß enthalten:

ı. die Ontologie der Wirtschaft. Diese hätte die Einordnung
der Wirtschaft in den allgemeinen Seinszusammenhang vorzu-
nehmen, hätte also zu erörtern etwa: die Selbständigkeit oder Be-
dingtheit der Wirtschaft, das Verhältnis von Wirtschaftsgesinnung,
Ordnung und Technik in der Wirtschaft zueinander, die Probleme
Jer ökonomistischen (sogenannten materialistischen) Geschichts-
auffassunng, die Frage nach der Seinsgebundenheit der Wirtschafts-
wissenschaft usw.

Eine Wirtschaftsphilosophie würde ferner enthalten:

2. die Kulturphilosophie der Wirtschaft. Deren Aufgabe
wäre es, die Wirtschaft in den allgemeinen Sinnzusammenhang
einzuordnen. Hier wäre zu behandeln das Problem des Kulturwertes
der Wirtschaft: wieweit ist die Wirtschaft kulturfördernd, inwieweit
kulturhemmend, sind wirtschaftliche Werte Kulturwerte, wie ver-
halten sich die verschiedenen Wirtschaftssysteme und Wirtschafts-
»pochen zur Kultur, welches ist der „Sinn“ einer bestimmten Wirt-
schaftsepoche in der Geschichte, was hat der Weltgeist im „Sinn“
gehabt, als er der Menschheit das Ungeheuer „Kapitalismus“ auf die
Erde schickte usw. Man muß erst noch das Gefühl dafür bekommen,
daß hier Probleme aufgewiesen sind, die,mit der wissenschaftlichen
Behandlung der Gegenstände nichts zu tun haben, sondern ein durch-
aus selbständiges Leben führen. So halte ich es für eine unberechtigte
Kritik an meinem Buche über den ‚,‚Modernen Kapitalismus‘, wenn

12 Das Wort „Wirtschaftsphilosophie‘“ wird heute in durchaus unzulässiger
Weise gebraucht, um wahllos allerhand Schriften der theoretischen National-
ökonomie damit zu bezeichnen, So haben die von Arthur Hoffmann-Erfurt
herausgegebenen „Literarischen Berichte aus dem Gebiete der Philosophie‘ eine
Rubrik „Wirtschaftsphilosophie‘‘, in der ich bisher überhaupt noch kein wirklich
wirtschaftsphilosophisches Werk verzeichnet gefunden habe, wohl aber z. B.
Schriften, wie die von Cassel(!) über die Konzentrationstendenzen im Wirt-
schaftsleben der Gegenwart und ähnliche.
        <pb n="308" />
        205

may ihm vorwirfi®: es enthalte keine Erörterungen über den „Sinn“
des Kapitalismus, das heißt dessen iranszendenten Sinn. Natürlich
enthält, es die nicht, es beansprucht ja, eine Wissenschaft vom
Kapitalismus zu sein.

Eine Wirtschaftsphilosophie würde endlich enthalten:

3. die Ethik der Wirtschaft, die auf das Ziel gerichtet sein
müßte: die Wirtschaft in den Wertzusammenhang der Welt ein-
zuordnen. In diese Wirtschaftsethik vor allem gehört die ganze
Problematik der richtenden Nationalökonomie, die sich diese wider-
rechtlich angeeignet hat. Es wären die Fragen zu beantworten: welche
Ziele soll sich die Wirtschaft stecken?, was ist Volkswohlfahrt?,
welche Güter sollen erzeugt werden und in welcher Reihenfolge und
welchem Mengenverhältnis?, sollen Krankenhäuser oder Panzer-
kreuzer gebaut werden?, ist Luxus verwerflich?, was ist eine „ge-
rechte‘ Verteilung?, was ein „gerechter“ Preis?, was mit einem Wort
eine „richtige“ Wirtschaft? Da, wie ich zu zeigen versucht habe
(siehe das sechste Kapitel unter_3.), jede dieser Fragen auf die Frage
nach der „Bestimmung des Menschen‘ hinausliefe, so ist jede meta-
physisch verankert und heischt eine philosophische Erörterung.

Wirtschaftsphilosophie treiben ist sicher eine sehr schöne Sache.
Aber ich möchte doch hinzufügen: eine sehr schwierige Sache. Das
zeigen die kümmerlichen Ansätze, die wir dazu in der sogenannten
„ethischen“ Nationalökonomie besitzen. Das beweisen aber auch die
Phantastereien des philosophischen Marxismus.

Zu einem guten Wirtschaftsphilosophen gehören Eigenschaften,
die sich nur sehr selten in einem Sterblichen vereinigt finden. Er
muß natürlich und vor allem ein guter Philosoph sein, das heißt
gewiß nicht nur eine schulmäßig einwandfreie sogenannte philo-
sophische Ausbildung besitzen, sondern auch und vor allem eine
Philosophie von Wert lehren, das heißt eine Philosophie, die uns
nicht langweilt, deren Heilslehren uns aufhorchen machen und uns
das Blut rascher durch die Adern treiben. Aber dieser Philosoph von
Gottes Gnaden soll nun — es klingt fast wie Hohn — sehr gründ-

18 So Arthur Salz, Anmerkungen zu Werner Sombarts „Hochkapitalismus“
'n der Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. Bd. 85. 1928. Heft ı und 2.
        <pb n="309" />
        296

liche Kenntnisse von der Wirtschaft haben. Ist das überhaupt mög-
lich? In primitiver Zeit ja: Aristoteles, Thomas von Aquino
und die anderen großen Scholastiker konnten das Wirtschaftsleben
noch überblicken und haben uns deshalb auch das Beste zum Thema
der Wirtschaftsphilosophie gesagt, das wir bis heute besitzen. Aber
in unserer Zeit? Welchem Philosophen ist es zuzumuten, daß er in
die Geheimnisse des Terminhandels und der Konzernbildung und der
Konjunkturgestaltung so eindringt, daß jer darüber fachmännisch
einwandfreie Urteile fällen kann? Es genügt auch nicht, damit man
Wirtschaftsphilosophie treiben könne, um die Grundsätze der Wirt-
schaft allein zu wissen. Man muß ihr Getriebe kennen. Und diese
Kenntnis sich nebenbei anzueignen, übersteigt fast das menschliche
Können. Deshalb sind auch die Äußerungen, die unsere großen Philo-
sophen über die Wirtschaft getan haben, fast durchgängig von einer
fast kindlichen Einfalt: von Kant, Fichte, Hegel angefangen bis
zu Nietzsche. Die einzigen, neueren Philosophen von Rang, die
gründliche wirtschaftliche Kenntnisse besaßen, sind, soviel ich sehe,
Eduard von Hartmann und Max Scheler, denen wir denn auch
wertvolle wirtschaftsphilosophische Aufschlüsse verdanken. Ein
Mann, der eine Wirtschaftsphilosophie großen Stils hätte schreiben
können, war Max Weber. Aber ihn haben daran doch wohl letzten
Endes sein Kritizismus und Skeptizismus gehindert.

Da, wie wir gesehen haben, die Vertreter einer richtenden National-
ökonomie heute noch nicht ausgestorben sind, so wird auch in der
Gegenwart Wirtschaftsphilosophie in allen den Spielarten weiter ge-
trieben, die die richtende Nationalökonomie aufweist: der scholasti-
schen (Spann und die katholischen Nationalökonomen), der harmo-
nistischen (vor allem die Marxisten) und der rationalistischen (z. B.
Rud. Stolzmann). Was zu wünschen ist, ist die Einsicht dieser
Wirtschaftsphilosophen, daß sie als solche nicht Nationalökonomen
sind. Wenn z. B. Spann jetzt seine Ansichten über die richtige Wirt-
schaft auch Wirtschaftsphilosophie nennt!* und sie nicht mehr als
wissenschaftliche Nationalökonomie ausgibt, so erachte ich dies für
14 Siehe Othmar Spann, Gesellschaftsphilosophie im Handbuch der Philo-
;ophie, herausgegeben von A. Bäumler und M. Schröter. Abt. IV. 1908
Auch separat erschienen.
        <pb n="310" />
        207

einen wichtigen Schritt zur Klärung unserer Lage. Die säuberliche Ab-
grenzung des Forschungsgebiets der Wirtschaftsphilosophie gewährt
uns erst die Möglichkeit, genau zu bestimmen, welche Aufgaben nun
2. Die Wirtschaftswissenschaft
zu erfüllen hat. Sie hat als Erfahrungswissenschaft, als welche wir
sie kennengelernt haben (siehe S. 174), ganz schlicht zu untersuchen,
was im Bereiche des Wirtschaftslebens war, ist und (vermutlich)
sein wird. Die westlichen Nationen nennen diese Art der Forschung
übereinstimmend Science. Diese Wirtschaftswissenschaft bildet also
den zweiten und — durfte man bisher wenigstens sagen — Hauptteil
der Lehre von der Wirtschaft. Sie läßt sich dreifach in je zwei Teile
gliedern: 1. nach der grundsätzlichen Einstellung zum Unter-
suchungsgegenstand; 2. nach der Ausdehnung des Untersuchungs-
gebietes; 3. nach den bevorzugten Arbeitsideen.
I. Nach der grundsätzlichen Einstellung
zerfällt die Nationalökonomie, wie wir nun immer die Wirtschafts-
wissenschaft wieder nennen wollen, in die beiden Teile: Theorie und
Empirie. _
Was nationalökonomische
Theorie
sei, hat man bisher nicht gefragt, jedenfalls niemals gründlich zu be-
stimmen versucht. Was die sogenannten „Theoretiker‘“ unseres Faches
für Theorie ausgegeben haben, war ein kleiner Ausschnitt aus dem
großen Gebiete der Theorie, den sie ganz ungebührlicherweise ver-
absolutiert haben, nämlich die Anfertigung rationaler Schemata (siehe
unten Seite 300ff). Sie haben gar nicht gesehen, daß es verschiedene
Theorien, oder richtiger: verschiedene Seiten und Bestandteile der
Theorie gibt. Sie haben nicht wahrgenommen, daß drei „theoretische“
Sätze wie diese:

das Gewinnstreben bildet einen Teil des kapitalistischen Wirt-

schaftssystems;
bei Disproportionalität der Produktionsfaktoren sinkt der Er-
Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis
auf drei ganz verschiedenen Ebenen liegen.

rag;
        <pb n="311" />
        2908
Einen besonders verhängnisvollen Irrtum enthält die Unterschei-
dung von „reiner‘“ und „angewandtier‘“ Theorie. Alle Theorie ist
„rein“, nämlich raum- und zeitlos. Man kann wohl von der An-
wendung der Theorie (in der Empirie und in den Kunstlehren)
sprechen, aber nicht von „angewandter““ Theorie im Gegensatz zu
einer „reinen“. Auch die angewendete Theorie bleibt „rein“. Man
kann auch — wie wir noch sehen werden — den Unterschied von
allgemeiner und historischer Theorie machen; aber beide sind „reine“
Theorien. Allenfalls könnte man die Aprioribestandteile der Theorie
den übrigen Bestandteilen als „reine‘“ gegenüberstellen. Aber das führt
auch zu Unklarheiten, so daß man den Ausdruck „reine“ Theorie
lieber vermeidet.

Was es mit einer nationalökonomischen Theorie in Wahrheit auf
sich habe, läßt sich etwa wie folgt umschreiben:

Von etwas Theorie treiben, hat einmal v. Gottl treffend gesagt,
heißt nie etwas anderes, als darüber wahrhaft und in Einheit zu
Ende denken. Machen wir uns klar, was das bedeuten kann.

„Theorie treiben‘ ist also so viel wie „theoretisch denken‘. Da-
runter aber haben wir zu verstehen: Akte zur Bildung derjenigen
Kategorien (Begriffe), mit denen die lebendige Wirklichkeit „um-
griffen“ werden kann, in denen das Allgemeine im Besonderen er-
faßt oder — wie wir es auch ausdrücken können — im Wissen auf
seine grundsätzlichen Bestandteile zurückgeführt wird.

Im Bereiche der Geistwissenschaft heißt das aber: das Wesen eines
Sachverhalts, eines Gebildes sich zum Bewußtsein bringen, heißt es:
den Sinn begrifflich durchdringen, heißt es: objektiven Geist in sub-
jektiven zurückverwandeln.

„Eine Theorie aufstellen“ bedeutet dann soviel wie die Einzel-
begriffe zu einer systematischen Einheit zusammenfügen, bedeutet
soviel wie die Übertragung der objektiven Sinnzusammenhänge in
Gedankenzusammenhänge, das heißt in ein Begriffssystem. Frucht-
bare Begriffssysteme zu schaffen, ist eine der Hauptaufgaben der
Theorie, und sie erfüllt diese Aufgabe dann, wenn sie die Wirklichkeit
liebevoll umfaßt und den Sinn des Seienden möglichst getreu in ihren
Begriffen zum Ausdruck bringt: in einer tunlichst weitgehenden Ent-
        <pb n="312" />
        299

sprechung von Sein und Denken liegt das Geheimnis der Frucht-
barkeit aller Theorien auf geistwissenschaftlichem Gebiete.

Wenn man, was man gewiß nicht braucht, die Mahnung, mit denen
der Herr die Erzengel entläßt, nicht nominalistisch-kritizistisch-tran-
szendental deutet, so enthält sie den schönsten Ausdruck, den wir
finden können, um das Wesen der Theorie zu kennzeichnen:
„Das Werdende, das ewig wirkt und lebt, nn
Umfaß euch mit der Liebe holden Schranken,

Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestiget mit dauernden Gedanken.“
Da die in unserer Wissenschaft verwendeten Begriffe, wie wir
wissen (siehe das 14. Kapitel) fast durchgängig Wesensbegriffe sind,
so ist unsere Theorie, die wir in und aus diesen Begriffen bilden, in
ihrem Kern Wesensdenken, wie es jetzt die Phänomenologisten
nennen 15.

Was Theorie sei und bedeutet, werden wir noch besser verstehen,
wenn wir die verschiedenen Teilaufgaben, die sie zu erfüllen hat, uns
klarzumachen versuchen. Nach den im vorigen Abschnitt entwickelten
Grundsätzen wird eine vollständige Theorie abzielen auf:
I. die Schaffung eines Gesamtsystems der Wissenschaft;
II. die Einfügung eines entsprechenden Begriffssystems in. das
System der Wissenschaft;
II. die Herausarbeitung einer Gesetzeslehre im weiteren Sinne,
die wir besser bezeichnen können als
Jie Lehre von den Denkbarkeiten. Diese umfaßt aber drei Be-
standtejle. nämlich:
ı. die Lehre von den Möglichkeiten; ;
», die Lehre von den Wahrscheinlichkeiten; ;
3. die Lehre von den Notwendigkeiten.
womit folgendes gemeint ist:
:. die Lehre von den Möglichkeiten gibt eine Übersicht über
lie denkbaren Möglichkeiten eines Sachverhaltes. Diese Übersicht

15 Vgl. außer den Husserlschen Schriften z. B. noch Reyer, Einführung
in die Phänomenolorie. za25. S. 298£. u. 5.
        <pb n="313" />
        300

hat selber eine systematische zu sein, sofern sie die vorhandenen
Möglichkeiten um ein Sinnzentrum gruppieren muß. Ich habe in
meinen Werken von diesem Teil der Theorie besonders ausgiebigen
Gebrauch gemacht: jeder wichtige Abschnitt wird, wie der Leser
leicht feststellen kann, durch einen systematischen Überblick über
die in dem Abschnitt behandelten Sachverhalte eingeleitet. Man sehe
z. B. den ganzen ersten Abschnitt des 3. Hauptabschnitts im „Hoch-
kapitalismus‘“ an. Mit Recht hat es einmal Husser] als einen Vorzug
der alten ontologischen Lehren gerühmt, daß in ihnen der Erkenntnis
der Wirklichkeit immer eine Erkenntnis der Möglichkeiten vorher-
gehen mußte.
2. die Lehre von den Wahrscheinlichkeiten enthält im
wesentlichen die Lehre von den Tendenzen, über die ich im 15. Ka-
pitel unter 3. ausführlich gehandelt habe.

3. die Lehre von den Notwendigkeiten ist die Lehre von der
Sinngesetzmäßigkeit, die ich im 15. Kapitel unter 2. dargestellt
habe. Wir unterschieden dort eine mathematische, eine wesensmäßige
und eine rationale Gesetzmäßigkeit. Einen Sachverhalt auf alle diese
Gesetzmäßigkeiten hin zu untersuchen, ihn in seiner dreifachen Not-
wendigkeit zu erkennen, ist die wichtigste Aufgabe, die eine gute
Theorie zu erfüllen hat. Nur einen Teil dieser Teilaufgabe bildet die
Anfertigung rationaler Schemata, die die herrschende „Theorie“ als
lie „Theorie‘“ schlechthin bezeichnet. Von der Stellung dieser
rationalen Schemata, über deren Wesen ich mich bereits aus-
führlich ausgelassen habe (siehe oben S. 258ff.), im Ganzen einer
nationalökonomischen Theorie, muß ich jetzt noch das Nötige be-
merken, da, wie wir schon feststellen konnten, der Mißbrauch dieser
Denkgebilde in unserer Wissenschaft sehr viel Schaden angerichtet
hat.
(z.) Die rationalen Schemata sind Hilfsmittel des Verstehens,
lie nicht den Abschluß der Untersuchung (wie die Naturgesetze),
sondern deren Anfang bilden. Das heißt also: daß wir mit der Auf-
stellung eines Schemas überhaupt noch "einen Einblick in die wirk-
lichen Zusammenhänge, überhaupt noch kein irgendwelches Sach-
wissen gewonnen haben, daß die zu lösenden Probleme vielmehr
hinter dem Schema liegen: wenn ich beispielsweise fix und fertig
        <pb n="314" />
        301
mit der Ausarbeitung der Grenznutzentheorie bin, weiß ich noch
nicht einmal, ob überhaupt ein einziger Tausch nach dem Grenz-
nutzenprinzip in Wirklichkeit vollzogen wird. Die tatsächlichen Ver-
hältnisse können so verwickelt sein und sind häufig so verwickelt,
daß das Schema nur geringe Hilfe gewährt. Wenn ich beispiels-
mäßig das „Transferproblem‘ lösen soll, so nützen mir ein paar
quantitäts-theoretische Schemata herzlich wenig. Die Umstände
psychologischer und politischer Natur, die Unsicherheit in der Voraus-
bestimmung mutmaßlicher Entwicklungen, die dabei in Betracht zu
ziehen sind, sind so ausschlaggebend, daß die Wirklichkeit über-
haupt nicht mehr auch nur entfernt dem Bilde entspricht, das mir
das Schema widerspiegelt. Die Abweichungen von diesem, die Rei-
bungen, die „Nebengeräusche‘‘, die Disturbing causes, wie die Klas-
siker sie nannten, sind so beträchtlich, daß ihre Untersuchung zur
eigentlichen Aufgabe des Forschers wird: diese Abweichungen vom
Schema, diese Reibungen, die in unserem Falle in der deutschen
Volkswirtschaft und auf dem internationalen Waren- und Geldmarkt
entstehen, sie sind recht eigentlich das Transferproblem, das eine
verstehende Nationalökonomie zu lösen hätte.

(2.) Ein rationales Schema gilt nur im Rahmen eines bestimmten
Sinnzusammenhangs, der immer, wie wir wissen, historisches
Gepräge trägt. Es ist verfehlt, ein „Grenznutzengesetz‘“ auf-
zustellen, ohne zuvor die Marktzusammenhänge sehr genau bestimmt
zu haben, für die es gelten soll. Genauer: nur im Rahmen eines
bestimmten Wirtschaftssystems kann man sinnvolle Schemata ratio-
nalen Verhaltens bilden. Oder um den schon einmal gemachten Ver-
gleich zu wiederholen: die Spielregeln müssen gegeben sein, damit
ich „ideale‘‘ Aufgaben stellen kann. Es wäre Unsinn, für das Schach-
spiel und das Mühlespiel dieselben Aufgaben zu geben. So ist es
ebenfalls Unsinn, für eine geschlossene Eigenwirtschaft eines Bauern
und für die hochkapitalistische Wirtschaft dieselben Schemata zu
bilden. Schon innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft wird man
verschiedene Stadien unterscheiden müssen, um sinnvolle Schemata
schaffen zu können. So sind z. B. viele der Ricardoschen Schemata
nur für ein Zeitalter des beweglichen Kapitals entworfen und
deshalb heute zum großen Teil unbrauchbar. Das Grenznutzen-
        <pb n="315" />
        302

schema hat eine völlig andere Bedeutung, je nachdem ich es für
einen Pferdemarkt in Ostgalizien aufstelle, von dem die klassischen
Beispiele sämtlich genommen sind, oder für den Effektenhandel an
der Londoner Börse. Auch unser „perfekter Schachspieler‘“, der homo
5economicus, wird seine Gestalt dem Spiel anpassen müssen,. das
or zu spielen berufen ist. Mit dem „economical man“ der klassischen
Nationalökonomie: „a man solely as a being who desires to possess
wealth and who is capable of judging of the comparative efficacy of
means to that“, wie ihn Mill beschrieb, kann man innerhalb be-
stimmter Perioden des kapitalistischen Wirtschaftssystems etwas an-
"angen, im Rahmen einer Eigenwirtschaft, einer handwerksmäßigen
ıder einer kommunistischen Wirtschaft — nichts.

In dieser Berücksichtigung des historischen Sinnzusammenhangs
stehen die Marxschen Schemata weit über denen der Klassiker und
Grenznutzler.

(3.) Da das Schema nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck,
aicht Produkt, sondern Produktionsmittel ist, so muß es dem Zwecke,
dem es dienen soll, angepaßt sein. Danach ist die Menge und ist die
Art der Schemata zu bestimmen. Es ist „unökonomisch‘‘, mehr
Produktionsmittel und kunstvollere herzustellen, als man verwenden
kann, und es ist töricht, sie ohne Hinblick auf ihren Verwendungs-
‚weck herzustellen. Für jeden Zweck gibt es ein optimal, d. h. relativ
rationales Mittel. Wenn man Spatzen schießen will, soll man keine
Kanonen verwenden, und um Rosen zu schneiden, braucht man keine
Säge. So hat auch jeder Erkenntniszweck in unserer Wissenschaft ein
Schema, das ihm am besten dient. Kein Schema hat seinen Wert in
sich, es bekommt ihn nur durch seine Eignung, Erkenntnis zu ge-
winnen. Der endlose Streit um die objektive und subjektive „Wert-
theorie‘ hätte vermieden werden können, wenn man sich klargemacht
hätte, daß die mit Hilfe der Arbeitsidee des „Wertes“ gebildeten
Schemata der Nutzkomputation und der Arbeitsmengenbestimmung
je an ihrem Orte gleich gute Dienste leisten können: jenes um Aus-
tauschverhältnisse, dieses um Produktionsverhältnisse verstehen zu
ehren,

Mit diesen Ausführungen über die sinngemäße Aufgabe der ratio-
1alen Schemata im Systeme einer verstehenden Nationalökonomie habe
        <pb n="316" />
        303
ich auch im wesentlichen schon die Stellung umschrieben, die ich
sinnehme zu denjenigen Forschern, die sich heute in unserer Wissen-
schaft „Theoretiker‘“ nennen, das sind aber die Anfertiger ratio-
naler Schemata. Allerdings stehe ich in einem gewissen Gegensatze,
wahrhaftig nicht zu der Theorie im echten Sinne, aber doch
zu der Theorie in „ “. Was wir den „Theoretikern“. vorwerfen,
ist ganz gewiß nicht, daß sie überhaupt sich mit der Verfertigung
von Schemata abgegeben, das heißt Produktionsmittel. produziert
haben: ohne sie könnten wir nicht produzieren; vielmehr dieses: daß
sie sie vielfach schlecht produziert haben und häufig mit ihnen nichts
anzufangen wissen. Unsere Vorwürfe sind genauer bestimmt diese:

(z.) Die überwiegende Mehrzahl der „„Theoretiker‘“ hat dank des
ihnen eigenen Mangels an nun wirklich theoretischer Bildung (ohne
„ ‘“) Sinn und Bedeutung der von ihnen hergestellten Schemata
nicht richtig erfaßt, hat sie für Naturgesetze gehalten und auf sie
aAin naturwissenschaftlich gerichtetes Lehrgebäude aufgeführt.

(2.) Es sind viel zu viel und oft viel zu komplizierte Produktions-
mittel geschaffen — getreu dem Zuge unserer Zeit zur Ausbildung
des „Mittels‘“ und getreu der Tendenz der kapitalistischen Wirtschaft
zur Überproduktion von Produktionsmitteln —, deren Benutzung
unmöglich ist und die den Produktionsprozeß eher erschweren als
erleichtern (wie etwa ein Traktor in einem landwirtschaftlichen Be-
triebe, für den er nicht paßt). Diese vielzuvielen Produktionsmittel
stehen im günstigsten Falle im Schuppen und rosten.

Ich benutze die Gelegenheit, die mir dieser Gedanke bietet, um
dem verehrten Kollegen Schumpeter auf eine Frage zu antworten,
die er am Schlusse seiner sehr liebenswürdigen Anzeige meines
„Hochkapitalismus‘“ aufwirft, wo er schreibt!!: „Es ist eine psycho-
logische Frage von einigem Interesse, wie derselbe Mann — nämlich
ich — zu derselben Zeit bezüglich desselben Gegenstandes (sc. der
„Theorie‘“) Geringschätzung und den Wunsch haben kann, sich da-
mit zu befassen, und Abneigung, sich seine Elemente anzueignen.“‘
Die Antwort ist in dem vorhin Gesagten schon enthalten. Ich schätze

4 J, Schumpeter, Sombarts Dritter Band in Schmollers Jahrbuch Bd. 51,
Heft 3. 1927. S. 369g.
        <pb n="317" />
        304
die Schemata, soweit sie mir bei meinen Untersuchungen von Nutzen
sind, ich schätze sie gering, wo sie zu nichts dienen. Bloß weil sie
kunstvoll angefertigt sind, vermag ich ihnen keine Bewunderung zu
zollen. Im Gegenteil: sie bedeuten Verschwendung von Kraft, Welche
Fülle von wertvoller Erkenntnis hätte uns ein Mann von soviel Geist,
wie gerade Schumpeter, verschaffen können, wenn er seine beste
Kraft nicht der Produktion von Produktionsmitteln geopfert, sondern
dafür Sachwissen zutage gefördert hätte! Daß mein Standpunkt, der
ihm so rätselhaft erscheint, falsch ist, würde er nur dadurch beweisen
können, daß er mir einen einzigen Fall in meinen Büchern aufwiese,
wo ich einen wirtschaftlichen Zusammenhang deutlicher hätte machen
können, wenn ich ein Stück aus dem Arsenal von Produktionsmitteln
benutzt hätte, das ich nicht benutzt habe. Wenn ich aber den Baum
in kürzerer Zeit mit der Handsäge fällen kann: warum mit vielem
Aufwand eine Dampfsäge herbeiholen?!

(3.) Der dritte Vorwurf, den wir gegen die „Theoretiker‘““ erheben,
ist der, daß sie vielfach unpassende Schemata gebildet haben, das
heißt also Produktionsmittel, mit denen nichts anzufangen ist, Ma-
schinen, die nicht funktionieren. Hierhin rechne ich zum großen
Teil die Grenznutzenlehre, deren sehr bescheidener Erkenntniswert
heute ja bereits eingesehen worden ist. Diese Ansicht näher zu be-
gründen, ist jedoch hier nicht der Ort.

Um noch klarer zu machen, was ich unter einer nationalökono-
mischen (Einzel-) Theorie verstehe, will ich es an einem Beispiel ver-
deutlichen. Ich wähle zu diesem Behufe die

Theorie der Preisbildung,
wie ich sie in meinem „Modernen Kapitalismus‘‘ entwickelt habe.
Nach dem oben Ausgeführten hat diese Theorie als Gesetzeslehre drei
Aufgaben zu erfüllen, die ich aus ästhetischen Gründen in einer
anderen Reihenfolge als der oben. gewählten bespreche. Sie tut es wie
folgt:
(z.) die Möglichkeiten der Preisbildung werden nach drei
Seiten hin dargestellt: nach den Gegenständen der Preisbildung
sind zu unterscheiden: Preise für Waren, Kapitalnutzung, Arbeits-
kräfte; geistige und materielle Güter: Immobilien und Mobilien:
        <pb n="318" />
        305

Rohstoffe (agrarische — bergbauliche) und gewerbliche Erzeugnisse;
vertretbare und nicht vertretbare Güter; Monopol- und Konkurrenz-
güter; beliebig und nicht beliebig vermehrbare Güter; Einzel- und
komplementäre Güter; Großhandels- und Einzelhandelsgüter usw.

Andere Möglichkeiten verschiedener Preisbildung ergeben sich
nach den Wirtschaftssubjekten aus den psychologischen
Grundlagen der Preisbildung: ob es sich um Geschäftsleute oder
Laien, unter sich oder untereinander, um welche Art von beiden
handelt; ob die Beweggründe Zweckmäßigkeitserwägungen, Über-
lieferung, Gefühlsmäßigkeit, politische, moralische, religiöse Motive
ader was sonst sind.

Eine dritte Veranlassung verschiedener Möglichkeiten der Preis-
bildung bieten deren Bedingungen und Formen: es kann sich um
zine freie oder eine irgendwie gebundene, um eine persönliche oder
versachlichte Preisbildung, um Börsenpreise, Notpreise, Tarife, Taxen
usw. handeln.

Um die Gefahr einer kasuistischen Preisbildungslehre, der viele
unterlegen sind, zu entgehen, 1äßt uns die Theorie unseren Blick auf

(2.) die Notwendigkeiten der Preisbildung lenken. Diese er-
geben sich nach dem uns bereits vertrauten Schema (siehe das 15. Ka-
pitel) aus der wesensmäßigen, der mathematischen und der rationalen
Gesetzmäßigkeit, der naturgemäß auch die Preisbildung unterliegt.

Wesensnoiwendig erscheinen uns die Preise, sobald wir sie in
ein ihnen zugehöriges Sinngebilde eingliedern. Als solches erscheint
vor allem der Markt. Eine Theorie der Marktbildung hat der Theorie
der Preisbildung voraufzugehen. Es genügt an dieser Stelle, wenn
wir uns klarmachen, daß nur in Beziehung auf einen ganz be-
stimmten Marktzusammenhang ein Preis einen irgendwie vernünf-
tigen Sinn erhält. Preis und Preis sind völlig verschiedene Dinge von
Markt zu Markt. Die Preisbildung auf der Messe in Veracruz im
x 7 Jahrhundert und auf dem Weizenmarkte an der Chicagoer Börse
im Jahre 1930 sind zwei überhaupt nicht vergleichbare Vorgänge.
Ein anderer Sinnzusammenhang, in den wir den Preis einordnen
müssen, um ihn zu verstehen, ist der Betrieb, in dem er aus den
Produktionskosten hervorwächst. Auch hier läßt sich eine enge
Strukturverbundenheit, sei es für den Betrieb schlechthin, sei es für
Sombart, Die drei Nationalökonomien &gt;00
        <pb n="319" />
        306
den :bestimmten Betrieb, nachweisen. Endlich ist der Preis noch
daraufhin zu untersuchen, in welchen Beziehungszusammenhang
er gehört. Dieser überschneidet oft den Markt- und den Betriebs-
zusammenhang. Ich denke z. B. an die „vielfache Gliedhaftigkeit des
Ochsen‘, den Spann uns vorführt!‘. Wir können, zeigt er uns, die
„Gliedhaftigkeit eines Ochsen“ gleichzeitig ansetzen: für Pflügen und
Bodenbearbeitung; für das Verfrachten (als Zugtier); für die Fleisch-
erzeugung; die Häuteerzeugung (Gerberei, Ledergewerbe); die Horn-
arzeugung; die Arzneierzeugung (die ‚Innereien‘ als Rohstoffe der
Arzneimittelgewerbe) u. a.

Bei der Preisbildung lassen sich ferner eine Menge Größenge-
setze feststellen, die der mathematischen Gesetzmäßigkeit ent-
stammen. Hierhin gehören, wie ich in diesem Buche (siehe S. 254f.)
gezeigt habe, die quantitäts-theoretischen Sätze und die Monopol-
preisgesetze. Aber auch die Sätze, die sich über die Wirkung einer
Erhöhung der Arbeitslöhne auf die Preise aussagen lassen, ferner
diejenigen, die den Einfluß einer Disproportionalität der Produktions-
faktoren auf die Preisbildung zum Gegenstande haben (steigende
Preise bei abnehmendem Ertrage). Sodann gehören hierher die Sätze
über den Zusammenhang zwischen Betriebsgröße und Preisbildung,
zwischen Produktivität der Arbeit und Preisbildung, zwischen dem
Umfang eines Gegenstandes (Maschinen!) und der Preisbildung usw.
Über all diese Zusammenhänge habe ich mich ausführlich ausge-
sprochen: siehe „Hochkapitalismus“, Seite 540ff.

Wenn wir nun noch der dritten Art von Notwendigkeit: der rat i0-
nalen Gesetzmäßigkeit gedenken, die sich bei der Preisbildung beob-
achten läßt, so berühren wir endlich dasjenige Gebiet, auf dem sich
die überkommene Preistheorie fast ausschließlich bewegt hat. Hier
gilt es also, in den üblicherweise ausschließlich sogenannten „Preis-

16 Othm. Spann, Die Lösung der Wert- und Preisfrage aus der Ganzheits-
lehre in den Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik. III. Folge. Bd. 75
(x929). S. 333£. Ich knüpfe an diesen Spannschen Ochsen an, um meinen guten
Willen zu zeigen, mit der „universalistischen‘‘ Nationalökonomie Fühlung zu
nehmen, kann aber auch bei dieser letzten Arbeit Spanns mein aufrichtiges Be-
dauern darüber nicht unterdrücken, daß uns verstehenden Nationalökonomen jene
Lehro so sehr wenig brauchbare Gedanken liefert, Der richtende Gesichtspunkt
verschiebt immer wieder das Bild.
        <pb n="320" />
        307

gesetzen‘“ unter Annahme irgendeiner Fiktion, wie der „Nutzkomputa-
tion‘, des Preisausgleichs, des Arbeitsaufwandes oder dgl. Schemata
für rationales Handeln anzufertigen. Daß die Anwendung dieses
Verfahrens an ganz bestimmte Bedingungen geknüpft ist, vor allem
immer die Verbindung mit einem Sinnzusammenhang zur notwendigen
Voraussetzung hat, habe ich bereits hervorgehoben: siehe S. 301 f.
Daß sie, angesichts der unüberblickbaren Mannigfaltigkeit der preis-
bestimmenden Umstände nur in sehr bescheidenem Umfange mit
Erfolg gekrönt ist, mag hier noch hinzugefügt werden.

Es gibt nun aber einen Weg, der viel sicherer zum Ziele einer
Ordnung des Preischaos führt, als die etwas veraltete Aufstellung von
„Preisgesetzen‘‘, das ist derjenige, in den der dritte Teil einer um-
[assenden Preistheorie mündet, nämlich

(3.) die Ermittlung der Wahrscheinlichkeiten der Preis-
bildung. Hier handelt es sich nach dem, was ich im 15. Kapitel
unter 3. gesagt habe, um die Herausarbeitung von Tendenzen der
Preisbildung, natürlich innerhalb einer bestimmten Wirtschafts-
epoche, wie etwa in dem Zeitalter des Frühkapitalismus oder des
Hochkapitalismus. Als solche Tendenzen habe ich nachgewiesen für
unsere Zeit:
die Tendenz zur Mechanisierung,
die Tendenz zur Schematisierung (Fixierung, Objektivierung),
die Tendenz zur Nivellierung (Ausgleichung) nach ihrer
persönlichen,
sachlichen,
räumlichen
Seite hin: siehe das 42. Kapitel des „Hochkapitalismus‘“. Da es sich
hier nicht um eine Wiederholung des Inhalts meiner Preistheorie
handelt, sondern nur um die Hervorkehrung ihrer Grundsätze, so
wird das Gesagte genügen. Es wird aber auch genügen, um ersichtlich
zu machen, daß die zukünftige Theorie der Wirtschaft auf diesem
wie auf allen Gebieten aus den alten Geleisen, in denen sie nun
seit ı 50 Jahren fährt, herauskommen muß, um fruchtbare Erkennt-
ais zu liefern.

App
        <pb n="321" />
        108

Was
Empirie
im Gegensatz zu Theorie sei, steht seit Aristoteles fest: es ist die
Erkenntnis des Besonderen, im Gegensatz zum Allgemeinen, oder wie
wir auch sagen können: die Erfassung und Darstellung des Wirk-
lichen, der Erscheinungen in Raum und Zeit. Immer, das muß betont
werden, handelt es sich um ein Gedankengebilde, ein Begriffssystem,
ainen Denkvorgang: die Erfahrungen werden vom Denken „auf-
gefaßt, zusammengenommen, geordnet und ausgebildet“ (Goethe).
Empirie, zu deutsch: wissenschaftliche Erfahrung, ist also
weder soviel wie Wirklichkeit noch soviel wie subjektives Erlebnis,
sondern immer schon ein „Erkenntnisinhalt, der auf Grund einer
denkenden Verarbeitung, Synthese, Deutung, Kritik des Wahr-
aehmungsmaterials in allgemeingültiger Weise erworben ist und die
Grundlage zu fortschreitender Erkenntnis bildet“, wie die schul-
gerechte Definition besagt. Empirie oder vernünftige Erfahrung ist
„Einfügung empirischer Feststellungen in einsichtig strukturierte
Erkenntnisgehalte. Was a priori feststeht, was erkenntnismäßig ge-
wonnen ‚wird, ist deshalb bindend für alle Erfahrung, welche ver-
nünftiges Bewußtsein macht‘. Von der Güte der Theorie hängt daher
die Fruchtbarkeit der empirischen Erkenntnis ab, wie die Ergiebigkeit
eines Fischzugs von der Güte der Netze: alle übrigen Bedingungen:
Fähigkeit des Fischers und Reichhaltigkeit des Fischgewässers natür-
lich gleichgesetzt!

Die Empirie im Bereiche der Kulturwissenschaften nennen wir
Geschichtswissenschaft.

Angesichts der Unbestimmtheit dieses Begriffes und in Anbetracht
der Wichtigkeit des Problems und der Notwendigkeit, es in einem be-
stimmten Sinne zu lösen, muß ich etwas ausführlicher bei der Frage
nach dem Sinne und der Aufgabe der Geschichtswissenschaft, ins-
besondere natürlich der Wirtschaftsgeschichtswissenschaft oder der
nationalökonomischen Empirie verweilen??.
17 In der Literatur ist das Problem der „Geschichtlichkeit‘“ und des Wesens
ler Geschichtswissenschaft im letzten Menschenalter namentlich von deutschen G6-
iehrten nachhaltig und leidenschaftlich erörtert worden. Außer den schon genannten
Schriften von Rickert, Windelband, v. Gottl, Eulenburg, Dilthey, Graf
York (siehe namentlich den Briefwechsel zwischen den beiden), Max Weber,
        <pb n="322" />
        309

Wollen wir zu einem einigermaßen gesicherten Urteile in dieser
außerordentlich verwickelten Frage gelangen, so müssen wir, wie mir
scheint, auch hier zunächst wieder die philosophische von der wissen-
schaftlichen Problemstellung trennen und alle Rätsel, die sich an den
transzendenten ‚Sinn‘ der Geschichte überhaupt knüpfen und deren
Lösung der Metaphysik vorbehalten ist, ausscheiden und uns an den
immanenten Sinn des geschichtlichen Geschehens halten. Dieses, das
müssen wir ferner bedenken, ist Wirklichkeit, ist Erscheinung in
Raum und Zeit, ist Leben, ist Wirkungszusammenhang. Deshalb
scheiden ebenfalls aus der Geschichtsbetrachtung alle Sinnzusammen-
hänge aus. Die sogenannten immanenten oder Wesens-,,Geschichten“‘
der Philosophie, der Kunst, der Sprache, die den Verlauf dieser Geist-
gebilde in ihrer „logischen‘ Folgerichtigkeit aufweisen, sind keine
Geschichte, sondern auf einen Zeitablauf projizierte Sinnkonstruk-
tionen, Theorien. Nur das, worin sich die Handlungen lebendiger Men-
schen niederschlagen, gehört der Geschichte an. Dann freilich alles,
was in der Menschenwelt ist oder geschieht. Mein Onkel Max nicht
minder als der große Feldherr Themistokles, der Ertrag der Weizen-
ernte Deutschlands. im Jahre 1929 ebenso wie die Schlacht am
Weißen Berge. , ;

Man hat versucht, den Bereich der Geschichte einzuengen auf die
„wichtigen, d. h. schicksalhaften Einzelzusammenhänge‘. Das ist
nicht zweckmäßig. Was heißt wichtig? Vielleicht wertvoll? Aber
alle Ereignisse der Geschichte sind „wertvoll“, es fragt sich nur für
wen, Aus der Geschichtswissenschaft einen Teil auszuscheiden, weil
er nicht „wertvoll“ ist, ist ein unberechtigter Gewaltakt. Wenn sich
ein Forscher findet, der ein Geschehen darstellt, so ist es eben für ihn
wertvoll. Man mag, wie Max Weber, die Einbeziehung der Eskimos

Scheler, Spranger, Heidegger, Rothacker, Mannheim nenne ich noch
aus der Literatur der neueren Zeit: Eduard Meyer, Zur Theorie und Methodik
ler Geschichte. z1go2. Ernst Tröltsch, Der Historismus und seine Probleme.
1922; Karl Voßler, Das Verhältnis von Sprach- und Literaturgeschichte im
„Logos“ Bd. II; denselben, Kulturgeschichte und Geschichte ebenda Bd. III;
beide Aufsätze sind wieder abgedruckt in den Ges, Aufsätzen zur Sprachphilosophie.
1923; Karl Rothenbücher, Über das Wesen des Geschichtlichen. 1926; Kurt
Breysig, Vom geschichtlichen Werden. 3 Bände. 1925—28; Alfred Weber,
Ideen zur Staats- und Kultursoziologie. Gesammelte Aufsätze. 1927.
        <pb n="323" />
        310

und Indianer in die Geschichtsschreibung für einen Ausfluß unseres
‚sozialpolitischen‘“ Zeitalters ansehen, das auch den Armen und
Elenden gerecht werden will, und darum gering achten: Breysig wird
anderer Meinung sein, und niemand kann ihn widerlegen. Wenn der
Posamentenfabrikant Alfred Müller in Krimmitschau beim fünf-
undzwanzigjährigen Bestehen seines Unternehmens dessen „Ge-
schichte“ schreiben läßt, so haben wir auch diese als einen Beitrag
zur Geschichtswissenschaft anzuerkennen. Für ihn und seine Ge-
schäftsfreunde ist eben nichts wichtiger aus der ganzen Vergangenheit
als das Ergehen dieser Firma. Kommt es etwa auf die Größe des
Interessenkreises an? Aber es gibt mehr Menschen, die sich für die
Geschichte der Briefmarken oder des Boxsports interessieren als für
die Geschichte der ägyptischen Könige. Übrigens kann der „Wert“
einer Geschichtsdarstellung durch die Darstellung begründet
werden: eine geistvolle „Geschichte“ (= Darstellung) der Haus-
industrie im Mittelalter, an der Hedda Gabler so großen Anstoß
nahm, kann wertvoller sein als eine langweilige ‚Geschichte‘ der
Perserkönige oder des Christentums. Schließlich kommt es mehr
darauf an, wer über etwas schreibt, als über was er schreibt. Der
begabte Forscher wird auch schon den wertvollen Stoff finden. Wollte
man aber zur Geschichte nur diejenigen Ereignisse als „wichtig“
vechnen, die wirkungsvoll, meinetwegen in ganz großem Stil, ge-
wesen sind, so würde man damit auch keine Gattung von Tatsachen
zrundsätzlich aus ihrem Bereich ausschließen können: die
Schweinezucht in einem Lande kann für dessen „Schicksal“ von
größerer Bedeutung sein als ein genialer Feldherr und dessen sieg-
reiche Schlachten, wenn etwa dieses Schicksal durch eine Hunger-
blockade entschieden wird.

Unzulässig scheint es mir zu sein, mit Hilfe dieses Begriffs der
‚Wirksamkeit“ einen Hauptstrom und einen Nebenstrom' der Ge-
schichte, einen aktiven und einen passiven Teil des Geschehens zu
unterscheiden, und etwa Staaten- oder politische Geschichte als die
„eigentliche“, „echte“ Geschichte auszuscheiden und ihr die „Kultur-
geschichte“ als das nebensächliche Beiwerk gegenüberzustellen, wie
es eine Zeitlang Mode war, Einem solchen Versuch gegenüber müssen
wir geltend machen, daß die Erfindung der Pockenimpfung oder das
        <pb n="324" />
        x}

Gebaren einer Bankengruppe ebenso und stärker „Geschichte“
machen kann,,wie ein Staatsvertrag oder cine siegreiche Schlacht.
Die Unterscheidung in „große“ und „kleine“, „echte“ und „unechte“,
„politische“ und „Kulturgeschichte“ ist wohl nur der Ausfluß einer
Ressentimentstimmung einer Forschergeneration gewesen, die auf
dem Gebiete der Diplomatie zu Hause war und von der übrigen Welt
nur nebelhafte Vorstellungen hatte. (Ranke!)

Überdies müssen wir uns gegenwärtig halten, daß alles, was ver-
wirklicht ist, auch wirkt: das Kleinste wie das Größte, und daß einmal
der triviale Satz gilt: „Kleine Ursachen — große Wirkungen“. Ich
kann zwar vielleicht im einzelnen Falle bestimmen, was ein Ereignis
„bewirkt“ hat, ich kann aber nicht ein für allemal bestimmte Tat-
sachen oder Vorkommnisse als wirkende oder wirksame, andre als
unwirksame bezeichnen.

Kann ich also keine Sonderung des Stoffes nach Gegenständen
vornehmen derart, daß der eine Teil der Wirklichkeit zur Geschichte
vehörte, der andre nicht, so kann ich doch Sphären des geschicht-
lichen Wirkens unterscheiden und damit der Geschichtswissenschaft
nützliche Fingerzeige geben.

Ich kann zunächst den Begriff einer fiktiven „Gegenwart“ bilden,
indem ich darunter diejenige Zeitspanne der Vergangenheit (und Zu-
kunft) verstehe, in der die Daseinsbedingungen annähernd dieselben
zewesen sind (und sein werden) wie im Augenblick, im „Jetzt“ des
„Lebens“. Auf das Wirtschaftsleben bezogen, würde das also die-
jenige „Epoche“ oder „Periode“ sein, in der annähernd gleiche
Wirtschaftsgesinnung, gleiche Ordnung und gleiche Technik, herr-
schen, in der, kurz gesagt, ein bestimmtes Wirtschaftssystem oder
mehrere sich auswirken. Diese Epoche bleibt so lange „Gegenwart“
_ auch in der Zukunft —, als die Daseinsbedingungen sich nicht
wesentlich ändern.

Von dieser fingierten „Gegenwart‘“ aus (daß in Wirklichkeit die
„Gegenwart“ nicht über eine Zeitspanne von auch nur der aller-
geringsten Länge sich ausdehnt, bedarf keiner besonderen Begrün-
dung) kann ich dann die Tatsachen der Vergangenheit bestimmen.
Daß jede Wirklichkeit immer nur Vergangenheit sein kann, ist eben-
falls einleuchtend. Aber es gibt Vergangenes, das weiter wirkt, das
        <pb n="325" />
        12

in den Strom des Erlebens einbezogen ist, das weiter „lebt‘“ und also
einen höchsten Grad der Wirksamkeit besitzt. Man kann nun das Ins-
gesamt dieses Noch-Lebendigen, Noch-Wirksamen, Noch-Dauernden
„Geschichte“ im engeren und eigentlichen Sinne nennen.
Wobei man sich bewußt sein muß, daß die Form des Weiterwirkens
eine sehr verschiedene sein kann. Wir können füglich das Über-
kommene und das Übernommene unterscheiden. Jenes umfaßt
alles das, was uns die Tradition überliefert, ohne daß wir uns weiter
um den Akt der Tradition kümmern: ein Gesetzbuch, das noch gilt,
eine Fabrik, die noch benutzt wird, eine Kirche, in der noch Gottes-
dienst abgehalten wird, eine Sprache, die wir noch sprechen, ein Feld-
herrnmonument auf dem öffentlichen Platze, ein Glaube, eine Sitte,
die noch befolgt werden, und tausenderlei anderes gehört hierher.
Davon zu unterscheiden sind Bestandteile vergangener Kulturen, die
zwar nicht mehr in ihrer ursprünglichen Gestalt und Beziehung von
uns gelebt werden, die aber in unser Leben aufgenommen und darum
unmittelbar wirksam geblieben sind: Ideale früherer Zeiten, ein grie-
chischer Tempel, eine Streitaxt aus der Steinzeit im Museum und der-
gleichen. Sie sind gleichsam aus einer Lebenssphäre in eine andere
transponiert, sind aber doch noch „lebendig‘“: das antike Heldenideal
in der Französischen Revolution, der griechische Tempel als Gegen-
stand unserer ästhetischen Freude oder als Vorbild unserer Archi-
tekten, die Streitaxt im Museum als Mittel zur Förderung der ethno-
logischen Wissenschaft usw. 18.

Daß Stärke und Ausdehnung der Lebendigkeit des „Vergangenen““
und damit das Maß seiner „Geschichtlichkeit‘‘ außerordentlich ver-
schieden groß sind, leuchtet ein: Gryphius ist heute noch bei uns
„lebendig‘“: jeder Seminarvortrag, der über ihn gehalten wird, beweist
es; aber Goethe ist „lebendiger“. Soll die Anzahl der Menschen, in
deren Erlebnisstrom das Vergangene eintritt, entscheidend sein für
die Geschichtlichkeit? „Lebt‘‘ Homer noch, wenn er dereinst einmal
nur noch in einem einzigen, letzten Oberlehrer „wirkt“? Wir werden
den Funken von der Flamme unterscheiden müssen. Und nur, wo

1 Vgl. für den Bezug auf das klassische Altertum den Seinsinnigen Vortrag
von Ernst Jäger, Die geistige Gegenwart der Antike, im Auszuge mitgeteilt in
‚Forschungen und Fortschritte‘, ı, Juli 19209,
        <pb n="326" />
        313

Flamme ist, von Leben sprechen dürfen. Aber alle ‚Wieder-
erweckung‘“ der Vergangenheit, alle „Renaissance“, wie sie zu den
wichtigsten Schicksalen lebenskräftiger Völker gehört, gründet auf
diesem Funken, der oft lange Zeit unter der Asche glimmt, bis er
endlich wieder zur Flamme aufschlägt.

Neben diesem Bereiche der „echten“ Geschichte gibt es nun einen
zweiten Bereich der Vergangenheit, der alles das umfaßt, was auf. die
in der Gegenwart wirksamen Dinge bestimmenden Einfluß ausgeübt
hat, ohne selbst auch weiter zu bestehen, dessen Wirksamkeit also
eine abgeleitete, sekundäre, tertiäre usw. ist. Wenn ich das Christen-
tum als lebendigen Bestandteil der Gegenwart betrachte, so würde das
Judentum (soweit es in jüdischen Kreisen nicht selbst noch lebendig
ist) zu jener Vergangenheit gehören, die zwar auch noch in der Gegen-
wart wirkt, aber nur mittelbar, sekundär, während etwaige vorjüdische
Religionsformen, die die. jüdische Religion beeinflußt haben, als
tertiär wirksam anzusprechen wären usw.

Endlich gibt es Vergangenheit, die völlig außerhalb des Wirkungs-
kreises steht, den wir Gegenwart nennen.

Ich schlage vor, die drei verschiedenen Bereiche der Vergangenheit
den Bereich des Geschichtlichen, des Historischen und des Anti-
quarischen zu nennen. Wobei noch zu beachten ist, daß diese
Unterscheidung nur einen Sinn bekommt, wenn wir die zeitlichen
Phasen durch eine räumliche Bestimmung näher umgrenzen. Diese
räumliche Bestimmung findet füglich statt durch die Einteilung der
gesamten Kulturwirklichkeit in „Kreise“: der „Kulturkreis“ hat seine
eigene „Geschichtlichkeit‘, und von ihm aus läßt sich mit Sicher-
heit sagen, was von der Vergangenheit nur historisch oder gar anti-
quarisch ist. Für den westeuropäischen Kulturkreis etwa scheidet das
Geschehen in dem Kreise der Majakultur fast völlig aus dem Bereich
des „Geschichtlichen‘“ aus — wenigstens bis zum 16. Jahrhundert,
das heißt ehe eine Berührung der beiden Kulturkreise stattgefunden
hatte.
Diese Unterscheidung der drei Bereiche der Vergangenheit gilt nun
auch für die Wirtschaftsgeschichte, das heißt die empirische National-
ökonomie. Aber wir müssen uns klar sein, daß grundsätzlich zwischen
der Erforschung der drei Bereiche kein Unterschied besteht: ich
        <pb n="327" />
        314

treibe gleichermaßen empirische Nationalökonomie, wenn ich das
Wirtschaftsleben eines Naturvolkes untersuche (antiquarische For-
schung) oder das des europäischen Mittelalters (historische Forschung)
oder das des Hochkapitalismus, der „Gegenwart“ (geschichtliche.For-
schung im engeren Sinne). Wenn man -— wie es meist geschieht —
nur diese Forschung zur „Nationalökonomie“ rechnet und sie in
Gegensatz zu der „Wirtschaftsgeschichte‘“ stellt, der man dann die
antiquarische und historische Forschung zuweist, so ist das eine ın
der Natur der Sache nicht begründete, rein konventionelle Schulein-
teilung, die ihre Rechtfertigung höchstens in der verschiedenen Tech-
nik der Quellenbehandlung finden könnte.

Von geringerer Bedeutung für die Bewältigung des Geschichts-
stoffes scheint mir die Unterscheidung seiner Behandlung nach der
Verschiedenheit der Einstellung des Forschers zu sein: je
nachdem dieser nämlich die Vergangenheit als Zustand oder als Her-
gang: betrachtet, das heißt also die Geschichtsforschung unter
„statischen“ oder „dynamischen“ Gesichtspunkten betreibt. Daß die
Annahme eines ruhenden, sich 'gleichbleibenden Zustandes eine Fik-
tion ist, ist selbstverständlich. Aber eine solche Fiktion ist zulässig
und kann dazu dienen, die Zusammenhänge der Vergangenheit auf-
zuhellen. Den Unterschied zwischen statischer und dynamischer Ge-
schichtsbetrachtung zu der Unterscheidung von „Kulturgeschichte“
und „reiner“ Geschichte zu verwenden, erscheint mir nicht zweck-
mäßig. Alle Geschichte ist Kulturgeschichte — denn was sollte
Staatenbildung anderes sein als „Kultur“ —, und alle Geschichte
kann ich in zuständlicher oder veränderlicher Gestaltung mir ver-
gegenwärtigen.

Dagegen erscheint mir nun eine dritte Art, den Geschichtsstoff zu
gliedern, ganz besonders wichtig, das heißt fruchtbar zu sein, ich
meine die Unterscheidung der vergangenen Tatsachen nach dem
Auftreten der Ereignisse. Sie betrifft gerade denjenigen Zweig
der Geschichte, der uns hier angeht: die Wirtschaftsgeschichte be-
sonders.

Machen wir uns folgendes klar: alle Geschichte hat die Aufgabe,
ein einmaliges Geschehen zu schildern, das heißt: die einmalige
Verwirklichung eines idealen Tatbestandes. Alle Verwirklichung aber
        <pb n="328" />
        315

ist einmalig. Und alle Darstellung der Verwirklichung, also alle Dar-
stellung des Geschehens ist Darstellung eines Einmaligen und diese
Darstellung des einmaligen Ablaufs der Ereignisse nennen, wir eben
Geschichtsschreibung.

Nun ist aber, und auf diese Feststellung kommt es hier an, ein-
maliges Geschehen nicht dasselbe wie einziges Geschehen. Ein
Geschehen bleibt einmalig, auch wenn es sich tausendfach gleich oder
richtiger: ähnlich wiederholt (da es völlige Gleichheit mehrfachen
Geschehens nicht gibt). Ein solches in mehreren ähnlichen Fällen
auftretendes Geschehen können wir ein kollektives Geschehen
nennen.

Machen wir uns ferner klar, daß alle Geschichte, namentlich aber
die Wirtschaftsgeschichte, überwiegend mit dem kollektiven Ge-
schehen zu tum hat. Ein einziges Geschehen ist nur Gegenstand der
Monographie in dem engen Verstande der Schilderung eines
Sonderfalles, der sich selbst übrigens wiederum aus kollektivem Ge-
schehen aufbaut: sogar die Biographie setzt sich aus diesem zu-
sammen. Ich kann also die Geschichte der Bank of England, oder
die Geschichte des Hauses Rothschild, oder die Geschichte eines
einzelnen Bauernhofes, oder eines einzelnen Handwerkers schreiben.
Offenbar bilden aber solche Monographien gerade in der Wirtschafts-
geschichte die Ausnahme. Die Regel ist die Darstellung kollektiven
Geschehens als solchen, die nun sehr verschiedene Gradabstufungen
aufweisen kann: Geschichte der Londoner Banken, Geschichte der
englischen Notenbanken, Geschichte des englischen Bankwesens, Ge-
schichte des großbritannischen Bankwesens, Geschichte des euro-
päischen Bankwesens — das alles in einem mehr oder weniger weil-
gespannten Zeitrahmen. Ebenso läßt sich ein größerer oder ge-
ringerer Grad von Allgemeinheit erreichen, je nachdem man die
Geschichte nur eines Wirtschafisgebietes oder mehrerer schreibt:
nur die Geschichte des Handels oder die Geschichte von Handel und
Verkehr oder die Wirtschaftsgeschichte als Ganzes. Von einem be-
stimmten Punkte aus kann man nun ein Geschehen als das Be-
sondere gegenüber dem allgemeinen unterscheiden: im Rahmen des
englischen Bankwesens ist die Geschichte der Londoner Banken das
Besondere, obwohl sie selbst schon die Darstellung eines kollektiven
        <pb n="329" />
        316
Geschehens ıst, denn es handelt sich ja immer um das als Einheit
erfaßte Schicksal einer Menge von Einzelgeschäften, von denen kein
einziges erwähnt zu werden braucht:

Gegenstand der Geschichtsschreibung bleibt immer ein histo-
risches Individuum, das heißt ein als Einheit gegebenes oder
erfaßtes Sinngebilde, dessen Schicksal aus mehr oder weniger zahl-
veichen Kollektivgeschehnissen sich zusammensetzt. Je umfassender
der Wirkungsbereich des „Individuums“ ist, desto allgemeineres Ge-
präge tragen die einzelnen in Rücksicht gezogenen Tatsachen: ich
muß immer mehr Besonderheiten weglassen, je höher ich auf der
Stufenleiter der Individualitäten emporsteige: die Geschichte der
Schlacht von Roßbach enthält der Besonderheiten mehr als die Ge-
schichte der Kriegführung Friedrichs und diese mehr als die Ge-
schichte der Kriegführung im 18. Jahrhundert. Wie hoch ich. auf
dieser Leiter zu immer allgemeinerer Darstellung steigen kann, hängt
davon ab, wie hoch ich noch ein historisches Individuum antreffe.
Vielleicht ist „die Kriegführung im 18. Jahrhundert‘ noch eines:
die Kriegführung in Europa ohne Zeitbeschränkung ist es sicher
nicht mehr. Je nach dem Grade der Besonderung kann man nun
Spezialgeschichte und Generalgeschichte (in relativer, nicht
absoluter Bedeutung) unterscheiden.

Diese Unterscheidung wird uns nützliche Dienste erweisen, wenn
ich nunmehr
das Verhältnis zwischen Theorie und Empirie
oder Geschichtsschreibung zu bestimmen versuche!®, Wenn wir dieses
Verhältnis zunächst in.bezug auf die Abgrenzung der Untersuchungs-
gebiete feststellen wollen, so sollte eigentlich kein Zweifel darüber
bestehen, daß die Theorie ideale, die Empirie reale Sachverhalte zum
Gegenstande hat. Die Theorie erforscht Möglichkeiten. Notwendig-

19 Ausführlicher habe ich das Problem des‘ Verhältnisses zwischen Wirtschafts-
iheorie und Wirtschaftsgeschichte behandelt in dem Aufsatz: Economic Theory
and economic History in Economic History Review. Vol. II. M 1. January 7929.
Vgl. Horst Wagenführ, „Theoretische“ und „historische“ Volkswirtschaftslehre
vom heutigen Stand der Forschung in Schmollers Jahrbuch. Jahrg. 52.
Heft ı, 1928. B. Pfister, a. a. O., Horst Jecht, Wirtschaftsgeschichte ımd
Wirtschaftstheorie. 1028.
        <pb n="330" />
        317

keiten und Wahrscheinlichkeiten, die immer raum- und zeitlos sind,
die Empirie Wirklichkeiten, die immer in Raum und Zeit sind. Nun
=ist’aber auf dem Gebiete der Nationalökonomie eine Verwirrung der
Geister dadurch herbeigeführt worden, daß man Generalgeschichte
und Theorie miteinander verwechselt hat. Ein beliebter Gegenstand
des Streites ist mein „Moderner Kapitalismus‘ geworden. Während
die einen, und diese sind wohl in der Mehrzahl, da sich unter ihnen
alle sogenannten „theoretischen“ Nationalökonomen befinden, ihn für
ein Geschichtswerk erklären — die Communis opinio stellen hier die
Buchhändler dar, die ihn in ihren Katalogen und auf ihren Regalen
stets unter dem Rubrum: „Wirtschaftsgeschichte‘“ führen —, wehren
sich die sogenannten „Historiker“ mit Händen und Füßen dagegen,
ihn als solches anzuerkennen. Das könnte nun sehr wohl nur der
Ausdruck der Tatsache sein, daß mein Buch ein schlechtes Buch
ist, das von den theoretischen ebenso wie von den historischen Sach-
verständigen als den Anforderungen ihres „Faches“ nicht genügende
Leistung abgelehnt wird. Die Meinungsverschiedenheit kann aber
ihren Grund auch darin haben, daß die Theoretiker nicht wissen,
was Theorie, die Historiker nicht wissen, was Geschichte ist. Ich
vermute fast, daß hier die Erklärung für die sich widersprechende
Einordnung meines Werkes (über dessen Qualität natürlich dadurch
nichts entschieden wird) zu suchen ist. Der wirkliche Sachverhalt ist
dieser: der „Moderne Kapitalismus‘ enthält sowohl Theorie als
Geschichte. Er ist Theorie, insoweit er die Sinnzusammenhänge in
der europäisch-amerikanischen Wirtschaft in ihrer raum- und zeit-
losen Gestalt der Untersuchung unterzieht, Empirie aber, sofern er
tatsächliches Geschehen zur Darstellung bringt. Und das tut er doch
ganz gewiß. Jede Zahl, die das Werk enthält, und ich glaube, es
enthält deren eine ganze Menge, weist auf seinen geschichtlichen
Inhalt hin. Freilich ist es eine Wirtschaftsgeschichte eigener Art, die
"darin vorgetragen wird und die den „Historikern“ ebensowenig ver-
traut ist wie den „Theoretikern‘“ die darin gelehrte Theorie. Während
ich über die Theorie im allgemeinen und die Besonderheit meiner
Theorie bereits Gelegenheit genommen habe, mich auszulassen (siehe
3. 297ff.), muß ich hier noch die Frage nach der Besonderheit
meiner Wirtschaftsgeschichte erledigen.
        <pb n="331" />
        8

Wie verhält sich denn mein Werk zu den üblichen Geschichts-
darstellungen? Seine Eigenart besteht darin, daß in ihm die Frage
nach der Allgemeinheit der wirtschaftlichen Erscheinungen
bis an die äußerste noch zulässige Grenze ausgedehnt
worden ist. Diese Grenze ist aber der durch die süd- und west-
europäischen Völker, die seit der Völkerwanderung die Träger der
Geschichte Europas sind, gebildete Kulturkreis, zu dem im weiteren
Verlauf der Entwicklung der nordamerikanische Kulturkreis hinzu-
iritt, Weiter konnte der Kreis deshalb nicht gezogen werden, weil
außerhalb dieses Kreises kein Wirkungszusammenhang mehr be-
steht, also auch keine Geschichte geschrieben werden kann: es gibt
nur eine Geschichte des „modernen Kapitalismus“, nicht eine Ge-
schichte des Kapitalismus schlechthin. Innerhalb aber dieses nur ein-
mal gegebenen Kulturkreises ist dann jede Besonderheit der ver-
schiedenen Völker außer acht gelassen und ist gefragt worden: welche
wirtschaftlichen Erscheinungen, die zur Entstehung des modernen
Kapitalismus führen und die sein Wesen ausmachen, sind allen
europäischen Völkern gemein? Wie der Mathematiker, der die in
allen Werten wiederkehrenden Buchstaben herausnimmt und vor
eine Klammer setzt, so daß er stattab--ac--ad...alb+c-+d.. .)
schreibt, so bin ich verfahren, indem ich aus allen europäischen Wirt-
schaftsgeschichten, die jede für sich das Produkt aus europäischem
und nationalem und lokalem Wesen sind, die europäische Note
herausgesucht und in ihrer eigentümlichen Gestaltung verfolgt habe.
Jeder Historiker muß dieses Verfahren bei reiflicher Überlegung
als berechtigt neben der geschichtlichen Spezialforschung anerkennen.

Daß aber eine solche Behandlung der Vergangenheit auch Ge-
schichte (teils „geschichtliche‘‘, teils „historische“ Geschichte) ist,
behaupte ich mit aller Entschiedenheit. Es ist eben Generalgeschichte
im weitesten Verstande, die ihre volle Existenzberechtigung neben
der speziellen und noch spezielleren Geschichte hat. Ich beanspruche
also für mein Werk, daß es sowohl als theoretisches wie als histo-
visches gewürdigt werde.

Eine rein terminologische Frage ist dann die: ob man unter dem
Namen Nationalökonomie nur die Theorie oder diese und die Ge-
schichte der Wirtschaft begreifen will. Ich halte es für durchaus
        <pb n="332" />
        M9

abwegig, wenn man die Wirtschaftsgeschichte aus unserer Wissen-

schaft ausschließt. Diese wird dadurch zu einem sinnlosen Bruch-

stück. Die Beschränkung der Nationalökonomie auf die Theorie ist

ganz naturgemäß entstanden in der Zeit der naturwissenschaftlichen

Behandlung unseres Wissensgebiets, als den Forschern so etwas wie

sine Physik oder Mechanik des Wirtschaftslebens vor Augen schwebte

‘siehe oben S. 122f.). Damals mußte eine Wissenschaft, die die „Ge-

setze des Wirtschaftslebens‘“ herausarbeitete, in der Tat als eine selb-

ständige Wissenschaft erscheinen. Heute, wo wir als die Aufgabe

unserer Wissenschaft das Verstehen der wirtschaftlichen Zusammen-
hänge erkannt haben, hat die Abschnürung der Wirtschaftsgeschichte
nicht den mindesten Sinn mehr. Denn heute wissen wir ja, daß unser
eigentliches Ziel diese Empirie ist und daß uns die Theorie nur den
Weg zu diesem Ziele bahnen soll. In der Umkehrung des Zweck-
Mittel-Verhältnisses zwischen Theorie und Empirie tritt
der ganze große Unterschied zwischen der naturwissen-
schaftlichen und kulturwissenschaftlichen Auffassung der
Nationalökonomie zum Greifen deutlich in die Erscheinung.
Die Naturwissenschafiler drücken dieses Verhältnis so aus: „Con-
crefe economics comes in to supplement the pure economy“, wie es
selbst der „gemäßigte‘‘ Keynes sen. formuliert. Wir dagegen sagen:
„the pure economy comes in to supplement concrete economics‘, zu
Jeutsch: wir studieren die Geschichte, das heißt das wirkliche Wirt-
schaftsleben nicht, um Theorien aufzustellen; sondern wir stellen
Theorien auf, um die Wirklichkeit zu verstehen. Die „Gesetze“ stehen
bei uns nicht am Ende, sondern am Anfang unserer Untersuchungen.
Ein ganz kleiner Unterschied in der Satzstellung, und doch schließt
er eine Welt ein. Der Gegensatz zwischen theoretischen und histori-
schen Nationalökonomen ist damit aber auch hinfällig geworden. Wer
aicht Theorie und Empirie gleichmäßig treibt, ist überhaupt kein
ganzer Nationalökonom, sondern nur ein Teil von einem solchen. Na-
tionalökonomie als sinnvolles Ganzes stellt eine Vereinigung von
Theorie und Empirie dar. Wir können ein bekanntes Kantisches Wort
auf das Verhältnis der beiden Seiten unserer Wissenschaft zueinander
anwenden, indem wir sagen: eine Nationalökonomie ohne Theorie ist
blind, eine solche ohne Empirie leer.
        <pb n="333" />
        320
Es ist eine bloß technische Frage des Forschungs- und Unterrichts-
betriebes, ob die theoretische und die empirische Betrachtung von
zwei verschiedenen Personen zu ihrer Lebensaufgabe gemacht werden
soll. Die Erfahrung lehrt, daß diese Trennung nicht zweckmäßig ist.
Der bloße Theoretiker verrennt sich allzuleicht, wie wir gesehen
haben, in unfruchtbare Gesetzesmacherei, wenn er nicht in jedem
Augenblicke den Zweck im Auge hat, den seine Theorie erfüllen
soll: das Wirtschaftsleben zu verstehen. Der reine Empiriker, der
immerhin noch eher möglich ist — man kann im Notfall, wenn auch
schlecht, Korn bauen, wenn man sich die Ackergeräte selbst her-
stellt, während der Erzeuger von Pflügen und Eggen auch nicht ein
einziges Getreidekorn zutage fördert —, vernachlässigt allzuleicht die
Theorie, die ihn allein vor der Gefahr einer unverständigen De-
skription bewahrt. Wenn weder die nationalökonomische Theorie
noch die nationalökonomische Geschichtsschreibung das geleistet hat,
was zu wünschen gewesen wäre, so ist an diesem Mißerfolge zweifel-
los zum guten Teil die personale Trennung der beiden Forschungs-
gebiete schuld.
Über das Verhältnis zwischen theoretischer und empirischer Na-
ionalökonomie erhalten wir noch mehr Aufschluß, wenn wir jetzt die
zweite Einteilung dieser Wissenschaft vornehmen, nämlich die
II. nach der Ausdehnung des Untersuchungsgebiets,
oder was dasselbe ist: nach dem Geltungsbereich ihrer Sätze. Leider
wird dieser Gesichtspunkt einer sinnvollen Gliederung des Stoffs
meistens mit dem eben besprochenen zusammengeworfen, wodurch
dann Verwirrung entsteht. Was ich hier im Auge habe, ist die Ein-
teilung in Allgemeine und Besondere (Spezielle) Nationalökonomie.

Unter allgemeiner Nationalökonomie verstehe ich die Lehre
von den aller Wirtschaft gemeinsamen Denkkategorien. Es sind hier
diejenigen Sachverhalte zu behandeln, die in der menschlichen Wirt-
schaft als solcher wiederkehren. Es handelt sich also um eine „tran-
szendentale Vorzeichnung‘“ der wirtschaftlichen Wirklichkeit, um die
allgemeinen Aprioris wirtschaftswissenschaftlichen Denkens. Für die
Aufstellung dieser Denkschemata ist ‚allein die Idee der Wirtschaft
richtunggebend. Welche Probleme in dieser Allgemeinen National-
        <pb n="334" />
        321
ökonomie zu behandeln sind, habe ich bereits angegeben: siehe
S. 208ff. Die allgemeine Nationalökonomie bewegt sich ausschließ-
lich im Bereiche des Sinnverstehens. Sie entspricht also etwa der
Allgemeinen Staatslehre, der Allgemeinen Kunstwissenschaft, der AN-
gemeinen Religionswissenschaft usw.

Spezielle Nationalökonomie dagegen nenne ich die Lehre von
den Wirtschaftssystemen. Mein „Moderner Kapitalismus‘ bildet den
Inhalt einer speziellen Nationalökonomie, wie sie mir vorschwebt. Es
gibt aber so viel spezielle Nationalökonomien, wie viele Wirtschafts-
systeme es gibt.

Die Beziehung zwischen der ersten Einteilung der National-
ökonomie in theorefische und empirische und der hier gemachten
in allgemeine und spezielle ist nun folgende: die allgemeine National-
ökonomie kann immer nur theoretisch sein, denn es gibt, wie wir
schon festgestellt haben, keine Wirtschaft schlechthin in der Wirk-
lichkeit, wie es keinen Staat, keine Kunst, keine Sprache usw.
schlechthin gibt. Es gibt als „Leben“ immer nur eine bestimmt ge-
artete Wirtschaft wie die handwerksmäßige, die kapitalistische, die
kommunistische usw. Von diesen besonderen Wirtschaften aber
handelt die besondere (spezielle) Nationalökonomie. Diese nun kann
sowohl theoretisch wie empirisch sein, in dem vorhin entwickelten
Sinn dieses Unterschiedes: siehe wiederum den „„Modernen Kapitalis-
mus‘. Es ergibt sich also folgendes Schema:

Allgemein — theoretisch Theoretisch { allgemein
. theoretisch speziell
Speziell | empirisch Empirisch — speziell.
Diese Gliederung erscheint so einleuchtend, daß man sich wun-
dern muß, warum sie sich nicht längst in unserer Wissenschaft ein-
gebürgert hat.
Allerdings reicht in der deutschen Literatur — das Ausland kennt
sie überhaupt nicht — die Einteilung in einen allgemeinen und einen
speziellen Teil der Nationalökonomie ziemlich weit zurück, wenn man
zu dieser die kameralistische Literatur rechnen will. Ernst Walbz0

20 Ernst Walb, Kameralwissenschaft. 1927. S. ıaf.
Sombart, Die drei Nationalökonomien

X
        <pb n="335" />
        322
hat sie zuerst bei Zincke entdeckt, dessen 1755 erschienene
„Kameralwissenschaft‘““ in eine Generalökonomik und Spezial-
ökonomik. zerfiel. Rau (1823) und Baumstark (1835) ‚stellten
dann ihren nationalökonomischen Systemen eine „Allgemeine Wirt-
schaftslehre‘‘ voran. Aber was alle diese Autoren mit dieser Unter-
scheidung meinten, war etwas anderes als ich im Sinne habe. Meiner
Auffassung entspricht die Einteilung, die Karl Rodbertus®! und
ihm folgend Adolph Wagner? vornahmen, in „ökonomische“ und
„historische‘‘ Kategorien der Wirtschaftswissenschaft. Ihre Termino-
logie war falsch (es handelt sich in beiden Fällen um „Ökonomische“
Kategorien, und die sachentsprechende Bezeichnung muß lauten: all-
gemein-ökonomisch und historisch-ökonomisch), aber ihr Gedanke
war richtig. Nur fehlten beide Forscher dadurch, daß sie mit dieser
Einteilung niemals Ernst und sie nicht zur Grundlage ihrer Systeme
gemacht haben. Adolph Wagner handelt z. B. in seinem Allge-
meinen Teil Geld, Kredit usw., also historisch-ökonomische Kate-
gorien ab. Der einzige Nationalökonom der früheren Zeit, dem unter
einer Allgemeinen Nationalökonomie etwas Ähnliches vorgeschwebt
hat wie mir, ist wieder Lorenz von Stein, der über die Aufgabe
einer solchen Wissenschaft sich wie folgt äußert2: „Das, was wir
die Wissenschaft des Güterlebens nennen, (hat) nichts zu ihrem In-
halt... als die Entwicklung des Güterwesens aus dem reinen Wesen
des Persönlichen und Natürlichen. Das, was diese Wissenschaft sucht
und bietet, ist eben darum für alle Menschen, alle Zeit und alle Völker
gleich, gilt deshalb für alles mit absoluter Gewißheit und erklärt
somit alles, was nicht aus der Individualität des Persönlichen oder
der Besonderheit des Natürlichen hervorgeht. Daher sagen wir wohl,
daß die folgenden, aus jenem reinen Güterleben hervorgehenden
Kategorien die absoluten Begriffe und Gesetze der Güterwelt ent-
halten und daß es weder in der Macht des höchsten irdischen Willens

2. Karl Rodbertus, Zur Erkenntnis unserer staatswirtschaftlichen Zustände.
3842; derselbe, Soziale Briefe an v. Kirchmann. 1850—51.

% Adolph Wagner, Lehr- und Handbuch der politischen Ökonomie. Bd. I.
Grundlegung; 3. Aufl. 1892/93. Erster Teil in 4. Aufl. 1907 u. d. T. „Theo-
retische Sozialökonomik, eine allgemeine und theoretische Volkswirtschaftslehre“‘‘.

2 Lor. von Stein, Lehrbuch der Nationalökonomie. 1858. 3. Aufl. 1887.
S. 984€.
        <pb n="336" />
        323
noch in der des Zufalls liegt, sie jemals zu ändern.‘ Diese frucht-
baren Keime sind dann leider unter dem Wust einer Hegelschen
Metaphysik erstickt und nicht zur Entfaltung gelangt.

Eine schlimme Konfusion ist dann wieder einmal in unserer
Wissenschaft dadurch angerichtet, daß man mit der wissenschaft-
lichen Nationalökonomie einen völlig andersartigen Stoff: die alte
Kameralistik zu einem einheitlichen „System“ zusammenordnen
wollte und nun einen praktischen von einem theoretischen Teil
unterschied und diese beiden Teile mit den beiden anderen, dem
allgemeinen und dem speziellen durcheinandermengte. So sind denn
die Ungeheuer entstanden, die sich in den Vorlesungsverzeichnissen:
Allgemeine und (oder) theoretische, Spezielle und (oder) praktische
Nationalökonomie oder gar Volkswirtschaftslehre nennen. Ich komme
darauf noch einmal zurück.

Hier müssen wir noch kurz der dritten Unterscheidung gedenken,
die man in dem Stoffgebiet der Nationalökonomie vornimmt

IH. nach den bevorzugten Arbeitsideen.

Unter diesen sind es vornehmlich die Idee der Tauschgesellschaft und
die der Volkswirtschaft, die geradezu zur Ausbildung zweier verschie-
dener Disziplinen Anlaß gegeben haben. Man nennt jetzt die eine
üblicherweise Sozialökonomik und sollte sich daran gewöhnen, die
andere Volkswirtschaftslehre zu nennen. Von diesen beiden
Zweigen unserer Wissenschaft ist der eine, die Sozialökonomik, fast
allein zur Blüte gelangt, vor allem durch die Pflege, die ihm die „Klas-
siker‘“ und die Sozialisten haben zuteil werden lassen, während der
andere Zweig, die Volkswirtschaftslehre, in der Entwicklung stark
zurückgeblieben ist, nachdem er in der Lehre der Merkantilisten einen
so vielversprechenden Trieb gemacht hatte. Die Volkswirtschaftslehre
war die erklärte Liebe der Adam Müller und Friedrich List, und
ein Teil ihrer Gegnerschaft gegen „die Schule“ erklärt sich aus der
Hinneigung zur volkswirtschaftlichen Betrachtung des Wirtschafts-
lebens. Jetzt pflegen diesen Zweig in Deutschland vor allem Othmar
Spann, Friedrich Lenz%*, Edgar Salin.

24 Friedrich Lenz, Macht und Wirtschaft. I. 1916; derselbe, Aufriß der
politischen Ökonomie. 1927.
I *
        <pb n="337" />
        324
3. Die Wirtschaftskunstlehre

Alle großen Wissensgebiete, auf denen „praktische‘“ Kenntnisse,
„nützliche‘“‘ Einsichten im Sinne Bacons, im Leben und im Beruf
„verwertbares‘‘ Wissen gewonnen werden sollen, haben neben den
Wissenschaften ihres Faches Kunstlehren ausgebildet. So bestehen
die Theologie, die Jurisprudenz, die Medizin im wesentlichen aus
solchen Kunstlehren, während im Bereiche der Naturlehre sich der
gewaltige Wissenskomplex der Technologie als ein Insgesamt von
Kunstlehren von den Naturwissenschaften abgesondert hat, das
schon durch den Sammelnamen sich als das zu erkennen gibt, was
es seinem Wesen nach ist: Technologie heißt ja auf deutsch Kunst-
lehre?,

Unter Kunstlehre verstehen wir aber die Lehre von den Mitteln,
die dazu dienen sollen, einen bestimmten praktischen Zweck zu ver-
wirklichen. Die Kunstlehre unterscheidet sich, obwohl-sie auch mit
dem Namen einer „Normwissenschaft‘“. fälschlich belegt wird, von
jeder „normativen‘“ (philosophischen) Disziplin dadurch, daß sie
nicht die Normen selbst, das heißt die Zwecke, sondern nur die Mittel,
die zu deren Verwirklichung dienen, in den Kreis ihrer Erörterung
zieht: die Zwecke selbst sind ihr gesetzt. Sie fällt deshalb auch keine
„Werturteile‘‘, außer den „technologischen‘‘, die über Eignung von
Mitteln für bestimmte Zwecke aussagen. Darin also gleicht sie der
Wissenschaft. Von dieser unterscheidet sie die Fragestellung. Wäh-
rend die Wissenschaft das erforscht, was ist, will die Kunstlehre
das erkunden, was getan werden muß, wenn ein bestimmter Zweck
verwirklicht werden soll. Jene also vermittelt, wenn man sich dieser
zefährlichen Ausdrücke bedienen will: theoretisches, diese praklisches
Wissen. Unsere westlichen Nachbarn haben diesen Gegensatz von
Wissenschaft und Kunstlehre, gerade mit Bezug auf die Lehre von
der Wirtschaft, schärfer herausgearbeitet als wir und haben ihn auch
durch die Namengebung deutlicher erkennbar gemacht: sie nennen
den einen Wissenszweig science, den anderen art und bestimmen diese
beiden Begriffe wie folgt:
25 Man sollte das Wort „Logie‘“ nicht mit „Wissenschaft“ übersetzen, wie es
jetzt wieder Heidegger tut. Das präjudiziert seine Bedeutung, Richtig ist die
Übersetzung durch „Lehre“.
        <pb n="338" />
        325

„Science is a collection of truths, art a body of rules or direc-
tions for conduct. The Language of Science is: this is or this is not;
this does or does not happen. The Language of Art is: do this,
avoid that.‘ 26

„Science: les disciplines, qui ont pour röle d’expliquer les rela-
tions qui lient certains phenomenes. homogenes et dans le but pure-
ment speculatif d’en faciliter. la pleine connaissance; Art: les
disciplines, qui ont pour röle de suggerer des normes, des rögles, des
maximes ou, sous quelque nom qu’on les d6signe, les moyens les
mieux appropries pour atteindre certains fins.“

„La science explique et expose; l’art dirige: il impose des
pröceptes ou il propose des conseils; la pratique execute et dis-
pose.‘“27

Science == Indikativ; Art = Imperativ.

Diese Sätze sind so klar, daß wir Deutsche ein leises Mißtrauen
nicht unterdrücken ‚können: es sei etwas nicht in Ordnung. Unsere
„tiefe deutsche Unklarheit‘, die nach dem Worte Fichtes unser
Stolz ist, lehnt sich gegen die romanische Clart6 und die englische
Sachlichkeit auf. Aber vielleicht kann etwas doch gelegentlich einmal
klar und trotzdem richtig sein. Im vorliegenden Falle scheint mir das
sogar zuzutreffen. Und wir wollen unsere Bedenken unterdrücken und
die Unterscheidung der verschiedenen Wissenszweige in der Form
gelten lassen, wie sie in den oben angeführten Sätzen enthalten ist.

Auf unserem Gebiete sind Kunstlehren seit jeher betrieben worden.
Begreiflicherweise fängt die Lehre von der Wirtschaft sogar mit
ihnen an. Die Haushaltüngsbücher und Hausväterbücher sind die
ersten Erscheinungen unseres Schrifttums. Wir begegnen ihnen sogar
schon im Altertum, als es noch keine Wirtschaftswissenschaft gab:
Hesiod! Xenophon! Scriptores de re rustica! Im Mittelalter kommen
Handelslehren hinzu: Pegolotti! Uzzano! Mit dem Erwachen des
Kapitalismus nehmen die Kunstlehren für alle Gebiete der Wirt-
schaft an Zahl zu. Naturgemäß betreffen sie zuerst die einzelne
26 J, St, Mill, Essay on Pol. Econ. p. 124.

2 Luigi Cossa, 1. c. pag. 50/51.

25 Siehe meine Übersichten im „Modernen Kapitalismus‘. Bd. II. S. 592,
607. Bd. MI S. mı2e£., 8897. Wir hesitzen über das Schrifttum auf zwei Ge-
        <pb n="339" />
        326
Wirtschaft des privaten Wirtschaftssubjekts. Dann erfassen sie die
wichtigste unter diesen Wirtschaften: den Haushalt des Fürsten, und
wachsen sich allmählich zu finanzwirtschaftlichen Traktaten und
Lehrbüchern aus, wie namentlich in Frankreich: Boisguilbert!
Sully! Vauban! oder ergreifen die gesamte Regierungstätigkeit und
bringen dann eine Zusammenstellung aller für die „Kammerverwal-
tung‘ notwendigen, praktischen Verhaltungsmaßregeln zur pfleg-
lichen Behandlung der Forsten, Domänen, Bergwerke, Manufakturen
usw. Damit sind wir bei der deutsch-österreichischen Kameralistik:
den V.L.von Seckendorff, J. J. Becher, Ph. W. von Hornigk.,
W. von Schröder, J. von Sonnenfels, J. H. von Justi u. a. an-
gelangt. Und von dieser stammt dann unmittelbar ab die „praktische
Nationalökonomie‘, die sich seit Heinrich Rau durch die deut-
schen Lehrbücher hindurchschleppt. Was Rau, der zuerst die Markt-
mechanik der englisch-französischen Nationalökonomen mit der
alten Kameralistik zu einem Monstrum von Un-System zusammen-
fügte, sich unter einer „praktischen“ Volkswirtschaftslehre vor-
stellte, sagt er in folgenden Worten: „Die Volkswirtschaftspflege
‘Wohlstandssorge, Wirtschaftispolizei) ist die unmiltelbar auf den
guten Erfolg der Volkswirtschaft oder auf den Volkswohlstand ge-
richtete Tätigkeit der Regierung. Sie bildet... einen besonderen Teil
der Regierungsgeschäfte, einen zusammenhängenden Inbegriff von
Regierungsmaßregeln.‘? Von ihr handelt sein zweiter Band.

Im Laufe der Zeit haben sich dann allmählich drei unterschiedliche
Kunstlehren auf unserem Gebiete herausgebildet. Das sind

ı. die Privatwirtschaftslehre, die sich, wie ihre jüngere
Schwester, die Nationalökonomie, zurzeit im Zustand einer „Krise“
befindet: sie sucht nach einem fest abgegrenzten Arbeitsgebiet. Die
zwei Auffassungen, die sich im Kampfe gegenüberstehen, sind
folgende: diejenige, die diese Lehre wirklich als „Privatwirtschafts-
lehre‘, wir können hinzufügen: im Zeitalter des Kapitalismus

bieten vortreffliche Geschichten in den Büchern von C. Fraas, Geschichte der
Landbau- und Forstwissenschaft. 1865. und Eduard Weber, Literaturgeschichte
ler Handelsbetriebslehre. 1914.

2 K. Heinr. Rau, Grundsätze der Volkswirtschaftspolitik. 5. selbstbesorgte
Aufl. 1862. &amp; 1
        <pb n="340" />
        327
betrachtet und Betrieb mit Unternehmung gleichsetzt, und die-
jenige, die unter die ‚„Betriebswirtschafislehre‘““ „alle auf Kosten-
ersatz und Einkommenserzielung abgestellten produzierenden Wirt-
schaften‘ einbegreifen will. Die Anhänger dieser Richtung sind es,
die in Deutschland seit 1919 auch die Firma geändert haben und
ihre Disziplin jetzt „Betriebswissenschaft“ genannt wissen wollens!,
just um nicht in den Verdacht zu kommen, daß sie eine „Profitlehre“
vortragen. Sie bilden heute wohl die Mehrzahl der Privatwirtschafts-
lehrer:
2. die Staatswirtschaftslehre, unter dem Namen der Finanz-
wissenschaft bekannt, und — seltsamerweise — gerade im Begriffe,
sich aus einer Kunstlehre in eine Wissenschaft zu wandeln;

3. die (praktische) Volkswirtschaftslehre, ein Sammelsurium
von allerhand Vorschlägen zur „Verbesserung“ der Volkswirtschaft
ohne das einigende Band einer richtunggebenden praktischen Idee.

Üblicherweise wird, namentlich in deutschen Lehrbüchern und Vor-
jesungen, diese dritte Wirtschaftiskunstlehre — und nur sie — mit
der Wirtschaftswissenschaft, die wir als Nationalökonomie bezeichnet
haben, zu einem „System“ zusammengefügt. Dagegen wäre sach-
lich nur dieses einzuwenden: daß ein wissenschaftliches „System“
niemals durch die Vereinigung zweier völlig wesensfremder Wissens-
gebiete herauskommen kann. Eine Einheit kann man schon her-
stellen. Aber nur dadurch, daß man die Disziplinen nach ihrer rein
praktischen Zusammengehörigkeit ordnet. Wie man etwa ein „Hand-
buch der Medizin“ schreiben kann, in dessen erstem Teile die Wissen-
schaften Anatomie, Physiologie usw., in dessen zweitem Teile die
Kunstlehren Chirurgie, innere Medizin, Kinderheilkunde usw. ab-
gehandelt werden. Nur müßte man dann in unserem Falle schon
alle Wirtschaftskunstlehren einbeziehen. Man bekäme dann einen
„theoretischen‘“ und einen „praktischen“ Teil der Lehre von der
Wirtschaft (wobei der theoretische‘ Teil den empirischen ein-
schließen müßte: das Verwirrende ist, daß Theorie zwei Gegensätze

31 Siehe die Ilehrreiche Besprechung des Buches von Wilhelm Rieger,
Einführung in die Privatwirtschaftslehre, 1928, durch Ernst Walb in der Zeit-
schrift für handelswissenschaftliche Forschung, a2. Jahrg. Heft XI. 1928.
        <pb n="341" />
        328

hat: Empirie und Praxis). Oder, wie es Boccardo sehr hübsch
nennt®: eine Economia .politica contemplativa und operativa. Das
Mißliche ist nur, daß wir keine Bezeichnung haben, wie ich oben schon
bemerkte, die die Gesamtlehre von der Wirtschaft deckt, wie die
Medizin oder Heilkunde die Gesamtlehre von der Heilung der Krank-
heiten. von altersher bezeichnet. Aber um solche Quisquilien pflegen
wir uns in unserem Fache nicht zu kümmern. Dazu sind wir zu
großzügig.
Achtzehntes Kapitel
Der Sinn des Wissens um die Wirtschaft

Wenn wir in diesem letzten Kapitel noch den Versuch unternehmen
wollen, uns Rechenschaft zu geben über den Sinn und die Bedeutung
all dieses Mühens um eine Erkenntnis der Wirtschaft und über die
Verpflichtungen, die uns ihr gegenüber erwachsen, so werden wir
auch hier wieder unterscheiden müssen nicht nur zwischen den
verschiedenen Zweigen des Wirtschaftswissens, sondern auch zwi-
schen den verschiedenen Arten, dieses zu fördern. Auf solche diffe-
rentielle Behandlung dieser Probleme, das möchte ich noch einmal
mit aller Entschiedenheit betonen, ist alles Augenmerk zu richten.
Auch der neueste Wissenszweig, der im letzten Jahrzehnt mächtige
Triebe gemacht hat: die Wissenssoziologie oder Wissensphilosophie
krankt wieder an dem alten Übel einer zu einheitlichen Betrachtungs-
weise.
Da ist denn nun über die Wirtschaftsphilosophie wenig zu
sagen. Treibt sie aus den alten Wurzeln weiter, so wird sie sich, da
die Endziele festgelegt ‚sind, allmählich der Wirtschaftskunstlehre
nähern. Sie verliert dann wesentlich an Interesse. Entstehen neue
Versuche, der Wirtschaft die Richtung zu weisen, so werden wir sie
auf ihre Gewichtigkeit hin zu prüfen haben und werden geniale Aus-
blicke mit Dank zur Kenntnis nehmen. Die üblichen Rezeptsamm-
lungen, mit denen der Markt überschwemmt wird, werden wir gelang-
weilt beiseite legen. Metaphysik, um die es sich hier immer handelt,
ist eine Angelegenheit für Genies. „Pflegen‘‘ läßt sie sich nicht, auch

a ben
52 Boccardo, Trattato dell’ Economia Politica. Vol. I. pag. 5.
        <pb n="342" />
        3209
der größte Amtseifer ersetzt die fehlende Begabung nicht. Sie ist
Gnade. Und Gnade ist selten.
Dagegen werden wir uns mit den beiden anderen Zweigen der Lehre
von der Wirtschaft, deren Entwicklung bis zu einem gewissen Grade
in unsere Hand gegeben ist, etwas eingehender zu beschäftigen haben:
mit der Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftskunst-
lehre.
Das erste, worauf sich hier unsere Aufmerksamkeit richten muß,
ist das Verhältnis der beiden zueinander und die grundsätzliche
Verschiedenheit des Verhältnisses von Wissenschaft und Kunstlehre
zueinander in der Natur- und in der Kulturerkenntnis.

Die Naturwissenschaften, wenigstens diejenigen, deren Ergeb-
nisse unmittelbar praktisch verwertet werden, also im wesentlichen
Physik und Chemie, stellen, wie wir sahen, Regeln auf (sogenannte
Gesetze), die für längere Zeit und für alle Fälle ihres Bereichs Gül-
tigkeit haben.

Diese „Regeln‘“, die die Naturwissenschaft aufstellt, wendet die
Kunstlehre oder Technologie, die sich auf die Bearbeitung und
Verarbeitung von Naturdingen bezieht, an, seit in ihr das sogenannte
wissenschaftiliche Verfahren? zur Anerkenntnis gelangt ist. Das
heißt: sie ordnet den einzelnen Fall unter die Regel, was sie deshalb
tun kann, weil die zu behandelnden Stoffe und Kräfte immer die-
selben bleiben. Wenn die Wissenschaft entdeckt hat, daß im Stein-
kohlenteer Farbstoffe enthalten sind, so erfindet die Farbenchemie
sin Verfahren, auf Grund dessen beliebige Mengen Farben aus Stein-
kohlenteer hergestellt werden können. Die Kunstlehre im Bereiche
der Natur zieht aber begreiflicherweise den praktischen Nutzen aus
der Anhäufung von Regeln, die die Naturwissenschaft ihr liefert.
Sie wird infolgedessen immer reicher: auch sie macht „Fortschritte“,
wie die durch sie bediente Technik mit ihr. Der Sinn der Natur-
wissenschaften in ihrer modernen Gestalt ist letzten Endes der: der
Technologie Regeln zu liefern, damit die Technik Fortschritte
machen kann. Ohne praktische Anwendung hätte diese Art Natur-

38 Siehe darüber meinen „Hochkapitalismus‘‘ S. 80off,, zırff., 890£.
        <pb n="343" />
        330

wissenschaft überhaupt keinen „Sinn“, da sie ja doch kein Wesens-
wissen übermittelt.

Ganz anders ist in dem Bereiche des Kulturerkennens das Ver-
hältnis von Wissenschaft, Kunstlehre und Technik, das heißt Praxis
zueinander. Und zwar aus folgenden, einleuchtenden Gründen:

t. ist der Problemkreis der Praxis, des praktischen Handelns im
Bereiche der Kultur ein grundsätzlich anderer als im Bereiche der
Natur. In diesem hat die Technik es immer nur mit Bekanntem zu
tun: selbst die kühnste, technische Neuerung — ob drahtlose Tele-
graphie, ob Bau eines Luftschiffes, ob Gewinnung des Stickstoffes
aus der Luft — besteht in nichts anderem als der Inbeziehungsetzung
bekannter Stoffe und Kräfte; gerade in der genauesten und allge-
meinsten Bekanntschaft mit diesen beruht ja die Fähigkeit der Neu-
gestaltung. Dagegen handelt es sich nun bei jedem Eingriff in mensch-
liche Verhältnisse, also auch bei jeder Tätigkeit des Unternehmers
oder des Wirtschaftspolitikers, um die Vereinigung bekannter Fak-
toren mit unbekannten zur Herbeiführung der gewünschten Wir-
kung. Bekannt ist alles, was vergeistet, in Geistgebilden niederge-
schlagen ist: also in Rechtssatzungen, Organisationen aller Art, Steuer-
systemen, Buchhaltungssystemen, Statistik, Vorschriften usw. Unbe-
kannt ist alles, was noch Seele ist.

2. müssen wir uns klar machen, daß erlernbar nur das Be-
kannte ist. Dieses hat sich nun im Bereiche der Wirtschaft in den
Zeiträumen, in denen der Kapitalismus geherrscht hat, zweifellos be-
trächtlich vermehrt in dem Maße, wie die Vergeistung der wirtschaft-
lichen Vorgänge namentlich in den Betrieben fortgeschritten ist. In
demselben Maße haben sich die Kunstlehren ausgebreitet und ver-
vollkommnet. Namentlich die Privatwirtschaftslehre hat im letzten
Menschenalter eine Wiedergeburt erlebt und sich recht und schlecht
zu einer imposanten Disziplin entwickelt, die sich anschickt, auch
die wirtschaftspolitischen und wirtschaftswissenschaftlichen Katheder
zu besetzen. An den Hochschulen, aber auch an den Universitäten,
mehren sich die nationalökonomischen Vorlesungen, in denen etwas
gelehrt wird, das in irgendeinem künftigen Berufe verwendet werden
kann: Genossenschaftswesen, Bankwesen, Versicherungswesen oder
dergleichen. Gegen diese Entwicklung sind keine Bedenken zu erheben.
        <pb n="344" />
        331

Zu wünschen wäre nur, daß neben die Privatwirtschaftslehre
wieder mehr die praktische Volkswirtschaftslehre trete. Dieser Zweig
am Baume der Gesamtlehre von der Wirtschaft ist verdorrt. Nun
werden wir aber in Zukunft gut ausgebildete „Volkswirte‘“, wie die
etwas unglückliche Bezeichnung lautet, in dem Maße immer mehr
zebrauchen, wie unsere Wirtschaft aus einer „freien“ eine „ge-
bundene‘‘, aus einer seelsamen eine vergeistete, aus einer Konkurrenz-
eine Verwaltungswirtschaft wird. Eine „praktische“ Volkswirtschafts-
lehre, das heißt eine solche, die unter Annahme bestimmter Zwecke
die Mittel zu deren Verwirklichung sucht, „praktische“ Verwaltungs-
aufgaben im Gebiete der Wirtschaft löst und dem Nachwuchs unserer
Beamten und Syndici die Kenntnisse übermittelt, die erforderlich
sind, um im Leben nützliche Arbeit zu verrichten, mit einem Wort:
sine zeitgenössische Kameralistik tut uns bitter not. Die bloße Routine
schafft es nicht mehr, so bedeutsam auch die nicht erlernbare Praxis
a1eben der erlernbaren nach dem oben Gesagten bleibt.

Daß es sich dabei um einen besonderen Wissenszweig eigener Art
handelt, der mit Wirtschaftswissenschaft nicht vermengt werden
darf, sollte man allmählich einsehen. Ein Vorschlag, der ernster Er-
wägung wert ist, ist der: diese Wirtschaftspolitik oder praktische
Volkswirtschaftslehre ganz aus der Lehre von der Wirtschaft heraus-
zutun und sie der auszubildenden Lehre von der Politik oder der
Verwaltungskunde zuzuweisen: „la politique 6conomique... cessant
d’&amp;tre la partie politique de l’Economie. . . deviendrait plutöt la partie
Sconomique de la Politique et specialement de la politique administra-
tive“, schlug schon vor einem Menschenalter Luigi Cossa vor%
Jedenfalls würde eine solche Verteilung der einzelnen Disziplinen
Jazu beitragen, dem Zweige der praktischen Volkswirtschaftslehre
die nötige Pflege angedeihen zu lassen und vor allem auch die grund-
sätzliche Verschiedenheit zwischen ihm und der Nationalökonomie,
also der Wissenschaft vom Wirtschaftsleben, zum Bewußtsein zu
hringen.
3, Fußt nun im Bereiche des Kulturwissens wie in dem des Natur-
wissens die Technik auf der Technologie, die Technologie auf der
Wissenschaft? Offenbar nicht.
34 Luigi Cossa, Histoire des doctrines 6conomiques. 1809. par. 21.
        <pb n="345" />
        332

Bemerkenswert ist, daß sich auf unserem Gebiete alle drei Kunst-
lehren ohne Zusammenhang mit der Wirtschaftswissenschaft entwik-
kelt haben, die ebenso fast ohne jeden Einfluß auf das praktische Leben,
3ei es im Geschäft, sei es in der Verwaltung, geblieben ist. Die National-
5konomie hat einmal ihre große Zeit gehabt, in der sie unmittelbaren
Einfluß auf die Praxis ausüben konnte: um die Wende des 18. zum
z9. Jahrhundert, als die Kräfte des Wirtschafislebens nach Befreiung
von den Fesseln strebten und die Wissenschaft ihren Herzenswunsch
nach dem Laissez faire „begründete“. Das war natürlich einfach,
zu erklären: die Regierungen sollen gar nichts tun. Als es sich später
um positive Verwaltungsmaßnahmen handelte, hat die Wissenschaft
versagt: sie sind ohne oder sogar gegen deren Urteil durchgeführt
worden: von der Arbeiterschutzgesetzgebung bis zur Stabilisierung
der Mark. Wenn Nationalökonomen einen persönlichen Einfluß. auf
die Politik ausgeübt haben, wie etwa die deutschen Kathedersozia-
üsten auf die Finanzpolitik oder Handelspolitik oder Sozialpolitik,
so haben sie das gewiß nicht ihren wissenschaftlichen Einsichten,
sondern dem Gewicht ihrer ethischen Forderungen zu danken ge-
habt. Dasselbe gilt von der gewaltigen Wirkung, die der Marxismus
gehabt hat. Auch sie stammt sicher nicht von den wissenschaftlich-
nationalökonomischen Sätzen her, die Marx aufgestellt hat, sondern
ist ausschließlich den in Mystik auslaufenden geschichtsphiloso-
phischen Konstruktionen dieser Heilslehre geschuldet.

Ist nun diese unfreiwillige Askese, die die Nationalökonomie geübt
hat, in der Natur der Dinge begründet oder könnte es auch anders
sein, ähnlich wie im Bereiche des Naturwissens?

Daß die Wirtschaftswissenschaft nie dieselbe Rolle spielen kann wie
die Naturwissenschaft, geht aus dem Gesagten hervor: sie kann nie-
mals Regeln aufstellen, nach denen die Technologie arbeiten könnte.
Daß man das von ihr erwartet hat, hat sicher dazu beigetragen, sie
zur Unfruchtbarkeit zu verdammen.

Doch könnte die Wirtschaftswissenschaft sehr wohl auf andere
Weise die Wirtschaftskunstlehren befruchten, ja: sie könnte unmittel-
bar der Praxis Dienste leisten und darin sogar die Naturwissen-
schaften, die sich doch immer der Vermittelung der Technologie be-
dienen müssen, an Wirksamkeit überflügeln.
        <pb n="346" />
        333

Was die Nationalökonomie in dieser Beziehung leisten kann, ist

folgendes:

(1.) sie kann zwar keine Antworten geben, aber sie kann Fragen
stellen und damit auf die Probleme hinweisen, die wichtig
sind und ihre Zusammenhänge aufweisen;

(2.) sie kann durch ihr System und seine Begriffe Ordnung in die
Köpfe der Kunstlehrer und Praktiker bringen: was könnte die
Privatwirtschaftslehre gewinnen, wenn sie sich zum Beispiel
gewöhnte, mit der Idee des Wirtschaftssystems zu arbeiten!

(3.) sie kann durch die Aufweisung der Sinngesetzmäßigkeiten
dem praktischen Handeln die Grenzen seiner Wirksamkeit
abstecken.
Aber — so fragen wir jetzt — ist mit diesen Leistungen die Be-
deutung der Wirtschaftswissenschaft erschöpft? Reicht diese nur
soweit, als die Wissenschaft irgendwie — mittelbar oder unmittel-
bar — für die praktische Gestaltung des Wirtschaftslebens verwend-
bare Erkenntnis liefert? Damit sind wir vor die Frage nach Sinn
und Bedeutung der Wissenschaft überhaupt gestellt, eine Frage,
die in der letzten Zeit wieder mit besonderem Eifer erörtert worden ist.

Wenn wir nach dem Sinn fragen jener eigentümlichen Geistes-
haltung, die wir seit der beginnenden neuen Zeit in Europa als
Wissenschaft kennen, so erinnern wir uns unwillkürlich der Äuße-
rungen jener Männer, die selbst so viel beigetragen haben, jene ganze
Entwicklung des europäischen Geistes ins Leben zu rufen, die durch
ihr Werk der neuen Zeit gleichsam den Stempel aufgedrückt haben,
jener Worte von Bacon und Descartes, die ich oben angeführt
habe (siehe S. 8gf.). Sie sind im Laufe der Jahrhunderte in ver-
schiedenen Fassungen oft wiederholt worden, um zuletzt durch
Friedrich Nietzsche ihre einseitigste Ausprägung in dem Satze
zu finden: Wissenschaft ist die bestimmteste Form des Willens zur
Macht. Auf diesen Gedanken geht die bekannte Einteilung der
Wissensarten zurück, die noch vor kurzem Max Scheler gegeben
hats, In dieser weist er der Wissenschaft ganz allgemein die Pflege

35 Max Scheler, Die Wissensformen und die Gesellschaft. 1926. S. 245f.
        <pb n="347" />
        334
des „positiven“ oder „Arbeitswissens“ zu, das gesucht wird, um
Herrschaft über Menschen und Dinge auszuüben.

Unzweifelhaft liegt dieser Auffassung eine Wahrheit zugrunde.
Aber sie enthält doch nicht die ganze Wahrheit“ Sie ist ent-
standen zu einer Zeit, als man unter Wissenschaft im wesentlichen
die Naturwissenschaften, ja sogar nur die Wissenschaften von. der
toten Natur verstand. Für diese gilt sie. Sie gilt schon nicht für die
Wissenschaften von der lebendigen Natur. Denn es wäre absurd, an-
zunehmen, daß man Zoologie nur treibe, um zoologische Gärten ein-
zurichten, und Botanik, um die Heilkräuter für die Apotheker zu
bestimmen. Sie gilt bei richtigem Verständnis gar nicht für die Geist-
wissenschaften. Wir haben gesehen, daß deren Verwendbarkeit für
praktische Zwecke oder auch nur für die Ausbildung einer Kunst-
jehre gering ist. Wenn diese Verwertbarkeit wirklich der einzige
Zweck der Geistwissenschaften wäre, wenn man etwa Philologie
wirklich nur betriebe, um Sprachen besser zu lernen, oder Kunst-
wissenschaft, um sich vor Betrügereien im Kunsthandel zu schützen,
so lohnte deren Studium der Mühe wahrhaftig nicht. Dasselbe gilt
von der Nationalökonomie, die seit ihrem Bestehen kaum ein Staats-
mann oder ein Unternehmer oder selbst nur ein Vertreter der Privat-
wirtschaftslehre um ihren Rat gefragt hat. Ich habe gezeigt, daß sie
Praktikern und namentlich Kunstlehrern in Zukunft mehr sein könnte,
als sie bisher gewesen ist. Aber ich möchte doch annehmen, daß die
Bedeutung und der Sinn einer Wissenschaft wie der National-
ökonomie noch woanders zu suchen seien als in dieser Verwertbarkeit
für praktische Zwecke. Sie liegen letzten Endes doch wohl in den
Eigenwerten, die sie schafft.

Aber die Wissenschaft und gerade auch die Geistwissenschaft
soll doch „dem Leben dienen“. Das ist die Anforderung, die heute
jeder stellen wird, nachdem vor ein paar Menschenaltern Nietzsches
Mahnruf erklungen ist#, den wir alle im Tiefsten unserer Seele für
berechtigt halten und der heute mehr denn je am Platze ist. Wir

38 Siehe namentlich seine zweite „Unzeitgemäße Betrachtung“, die heute
immer noch „zeitgemäß“ ist, im x. Bande der alten Großoktavausgabe und die
Nachträge dazu im 10. Bande.
        <pb n="348" />
        335

wollen keine Stubengelehrsamkeit, keine Antiquitätenkrämerei, kein
„totes‘“ Wissen. Wenn nur die Wendung nicht gar zu unbestimmt
wäre und zu Mißdeutung so leichten Anlaß böte! Wir möchten so
gern genau erfahren, was das eigentlich heißt: „dem Leben dienen“.

Welchem Leben?” Einem beliebigen, so daß auch der heutige
lärmende „Betrieb“ in Politik, Wirtschaft, Verkehr, Literatur, Ge-
sellschaft dazu gehörte? Nietzsche hätte sich sicher von ihm mit
ebensolchem Ekel abgewandt wie von dem Getriebe seiner Zeit. Es
soll doch wohl ein wertvolles Leben sein, dem gedient wird, ein Leben
vor allem, in dem der Geist waltet und nicht die rohe Kraft. Sonst
wäre ja die Pflege des Boxsportes höchstes Ziel. Und muß das wert-
volle Leben immer nur aus „Taten“ bestehen? Ist die Vita con-
templativa nicht mindestens ebenso berechtigt als die Vita activa?
Ist sie nicht auch „Leben“? Und müssen Taten immer nur un-
geistige sein? Müssen sie immer nur in der Einbringung von Gesetz-
entwürfen, Herstellung von Motorrädern oder Erzielung von Sport-
„Rekords‘“ bestehen? Ist die wissenschaftliche F orschung neben der
philosophischen Lehre und der Schaffung eines Kunstwerks nicht auch
„Tat“? War es richtig, Weisheit und Leben in einen Gegensatz zu
stellen? Und vor allem: soll es sich um das Leben Weniger handeln
oder um das der Masse, der Nietzsche bekanntlich wünschte, daß sie
„der Teufel und die Statistik“ hole? Aber wenn man Nietzsches Be-
trachtungen über die Gefahren der „Geschichte“ für ein Volk liest,
meint man, dieses bestehe nur aus Universitätsprofessoren und Stu-
dienräten. Denn schließlich wird doch nur deren „Tatkraft‘“ durch ein
Übermaß des geschichtlichen Wissens gelähmt, während die über-
wiegende Mehrzahl der Angehörigen jedes Volkes sein Leben lebt,
&gt;hne je mit einer Wissenschaft in Verbindung zu kommen.

Will man den Worten: „die Wissenschaft soll dem Leben dienen“,
sinen Sinn geben und gerade nicht darunter verstehen, daß man mit
ihren Ergebnissen „praktisch‘* etwas anfangen kann, so kann es nur
bedeuten: daß die Wissenschaft dazu beitragen solle, das Leben
weniger Einzelner voller, reicher, harmonischer zu gestalten. Das
vermag sie gewiß, aber sicher nur, wenn sie selbst — „lebendig“ ist,
das heißt lebendigen Stoff in lebendiger Darstellung lebendigen
        <pb n="349" />
        330

Menschen übermittelt. Dann stiftet sie großen Segen, denn die
Wissenschaft bewirkt: ;

ı. eine Schulung des Geistes. Sie fordert „die logische Pünktlich-
keit der Begriffe‘, die Kant bei Herder in dessen „Ideen‘“ vermißte,
sie fordert Ehrfurcht vor den Tatsachen der Welt. Sie schützt uns
vor der Ungefährdenkerei eines verschwommenen Romantizismus.
Und recht hat Dilthey, wenn er einmal sagt: „Das schwerste Werk
des menschlichen Geistes auf diesem Planeten wurde durch diese
Regelung der wissenschaftlichen Phantasie vollzogen, welche sich den
Erfahrungen unterordnete.‘“

Die Wissenschaft bewirkt ferner:

2. eine Weitung des Geistes. Hier gilt das Goethewort:

Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleibt im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.

Sie bewirkt endlich:

3. eine Befriedung des Geistes, womit ich den Zustand der Ruhe
und Sicherheit meine, den wir in einer chaotischen Welt, wie der
unsrigen, in der tausend Zungen verworren durcheinanderreden, in
der kein einheitlicher objektiver Geist die Menschen mehr zusammen-
bindet, allein in einem Umkreis von Gedanken finden, die so gedacht
sind, daß alle vernünftigen Wesen sie nachdenken können.

Nun dürfen wir uns aber, so hoch wir sie schätzen und wie sinn-
voll wir sie auch auslegen mögen, bei dieser Aufforderung: „dem
Leben zu dienen‘, nicht beruhigen. Diese Zielsetzung ist zweifellos
zu eng, wie alle „Lebensphilosophie‘“ zu eng ist: das „Leben“ kann
niemals höchster Zweck sein, es ist vielmehr selber dazu berufen,
höheren Zwecken zu dienen. Auch der Sinn der „nutzlosen‘“ Wissen-
schaft kann sich daher nicht darin erschöpfen, „Leben‘“ zu fördern,
das heißt doch eben immer: dem einzelnen zu dienen, wenn auch auf
seinen Wegen zu höchsten Zielen der Vollendung seiner Persönlich-
keit, da es in der Menschenwelt kein „Leben“ gibt, es sei denn bei
einzelnen. Vielmehr werden wir die volle Bedeutung einer Erscheinung
        <pb n="350" />
        3357
wie der Wissenschaft erst dann ganz zu ermessen imstande sein, wenn
wir auch die überindividuellen, „objektiven“ Kulturwerte gewürdigt
haben, die sie hervorbringt oder in sich schließt.

Während wir nün Umschau halten nach diesen objektiven Eigen-
werten der Wissenschaft, werden wir wieder einer Besonderheit der
Geistwissenschaften inne, für die wir im Verlaufe der Darstellung
schon mehrfach Symptome wahrgenommen haben: daß die Geist-
wissenschaften nämlich in ihrer Vollendung niemals nur
Wissenschaft sind, das heißt sich in der Vermittlung von Sach-
wissen erschöpfen, wie es die Naturwissenschaften in reiner Prägung
offenbar tun. Ihr Sinn wird deshalb auch niemals in einer Anhäufung
im Wissen gefunden werden können: ihr Ideal ist niemals die reine
uantität, das bloße Mehrwissen wie bei jenen.

Die Naturwissenschaften, haben wir gesehen, stellen Regeln
auf, die für längere Zeit und für alle Fälle ihres Bereiches Gültig-
keit haben: die einzelne Erkenntnis gewinnt an: Umfang und Tiefe,
die eine reiht sich an die andere, die eine baut sich auf der andern
auf. Das Naturwissen gleicht dem in der Kornkammer aufgeschütte-
ten Haufen, zu dem immer mehr Korn hinzugetragen wird, oder
einem Gebäude, das von Stockwerk zu Stockwerk anwächst, oder, um
einen dritten Vergleich zu machen: die Erfahrungen werden im
Naturwissen kapitalisiert, wie Nietzsche es ausdrückt. Das Natur-
wissen, das auf Quantifizierung ausgeht, ist selbst quantifizierbar: man
weiß heute „mehr“ als früher und wird morgen „mehr“ wissen als
heute. Deshalb kann man auch mit gutem Fug in den Naturwissen-
schaften von einem „Fortschritt“ reden. Daß das Wissen kein Wesens-
wissen, sondern nur ein Regelwissen ist. macht diesen ‚Fortschritt‘
möglich.

Die Geistwissenschaften können dieses Ideal schon deshalb nicht
haben, weil ihr Gegenstand unausgesetzt wechselt: sei es infolge einer
tatsächlichen Neugestaltung des Lebens, wie etwa in einer Wissen-
schaft von der Wirtschaft, sei es infolge einer Umstellung der Er-
eignisse wegen des veränderten Blickpunktes des Betrachters. (Soweit
diese Bedingungen für die Naturwissenschaften zutreffen, was jedoch
selten der Fall ist, gilt für sie dasselbe, was ich für die Geistwissen-
schaften feststelle.) Deshalb kann man auch nicht sagen, daß eine
Somhart, Die drei Nationalökonomien 99
        <pb n="351" />
        338
Kulturerscheinung immer besser erkannt werde: der Gegenstand, der
erkannt wird, ist ja immer ein anderer. Und es kann leicht kommen,
daß die Tiefe der Erkenntnis in einer früheren Zeit größer war als
später, weil die erkennenden Geister tiefer in die Zusammenhänge
hineingeschaut haben. Wenn wir unsere Wissenschaft z. B. ansehen,
so ist der Gedanke vermessen: wir wüßten heute von den Zusammen-
hängen des Wirtschaftslebens mehr als die Generation „um 1750“,
und die Arbeiten von Cantillon über den Handel, von Galiani über
die Getreidezölle, von Hume über den Geldwert, von Law und Pinto
über Kredit, von Justus Möser über Bauernwirtschaft usw. ent-
hielten weniger tiefe Erkenntnis als etwa die einschlägigen Artikel im
„Handwörterbuch der Staatswissenschaften‘“ (von dem Mehr an Sta-
tistik abgesehen).

Deshalb läßt sich das Ergebnis der Arbeit in den Geistwissen-
schaften nur in sehr beschränktem und übertragenem Sinne quanti-
fizieren und im Bilde der Anhäufung, der Vermehrung, des „Fort-
schritts‘“ vorstellen. Allenfalls kann man von einem F ortschritt hier
sprechen, wenn es sich um das Erschließen eines neuen bisher un-
bekannten Sinnzusammenhangs handelt: wenn man etwa die Keil-
schriftsprache oder die Gesetzbücher Hamurabis oder die Turfan-
Kullur ganz neu „entdeckt“ oder anfängt, sie zu entziffern. Einen
Fortschritt kann man es auch nennen, wenn neues Material er-
schlossen oder das Begriffssystem vervollkommnet oder neue Tech-
niken ausgebildet werden, die das Verstehen eines bekannten Sinn-
zusammenhangs erst ermöglichen oder erleichtern.

Daß hier zunehmende Kompliziertheit nicht mit „Fortschritt“ ver-
wechselt werden darf, wie es häufig geschieht, habe ich bereits gesagt:
siehe oben Seite 302 ff.

Aber diese „Fortschritte‘“ machen den Entwicklungsgang keiner
Geistwissenschaft, auch der Nationalökonomie nicht, aus. Es ist
ebenso abwegig, eine Dogmengeschichte der Nationalökonomie unter
dem Gesichtspunkt des Fortschritts, „seit Quesnay den Kreislauf
des Wirtschaftslebens entdeckt hatte‘, bis zu den ruhmvollen Lei-
stungen der heutigen Generation zu schreiben, wie es vermessen ist,
die Geschichte der Philosophie als eine Reihe von Fortschritten der
Erkenntnis von Plato bis Cohen zu betrachten oder die Geschichte
        <pb n="352" />
        339

der Malerei als einen allmählichen Aufstieg von Grünwald bis Franz
Marc. Wenn wir den Gedanken des „Fortschritts‘‘ auf Philosophie,
Kunst, Dichtung anwenden, tritt er uns in seiner Absurdität sofort
greifbar deutlich entgegen. Aber in einem gewissen Sinne ähnelu die
Geistwissenschaften jenen andern Zweigen des menschlichen
Schaffens, weil eben bei ihnen — das war die Beobachtung, die wir
gemacht hatten — zu dem bloßen Sachwissen noch andere Bestand.
teile hinzutreten: just philosophische und künstlerische, so daß jedes
vollkommene Erzeugnis geistwissenschaftlichen Schaffens sich uns
immer auch als ein philosophisches und Kunstwerk darsteilt. Warum
Philosophie in jedes geistwissenschaftliche Werk hineinragt, habe
ich bereits ausgeführt: siehe oben Seite 280ff. Hier möchte ich noch
mit einigen Worten begründen, weshalb alle geistwissenschaftliche For-
schung ihrem innersten Wesen nach auf die künstlerische Gestaltung
hindrängt. Ihre Werke müssen gestaltet sein, das heißt: sie müssen
nach Art des Kunstwerks eine geistige Einheit darstellen, die in sich
selber ruht. Wenn ein naturwissenschaftliches Werk dieses Gepräge
trägt, so ist es eine willkommene Zutat, die aber nicht zum Wesen
der naturwissenschaftlichen Forschung gehört, weil diese sich in der
Darbietung von ‚„Gesetzen‘“ erschöpft und den Kosmos der Natur in
ihren Werken gar nicht widerspiegeln will: Die Geistwissenschaften
aber, deren Aufgabe recht eigentlich darin besteht, Sinngebilde und
Wirkenszusammenhänge in der menschlichen Kultur, die selbst
geistige Einheiten, die selbst ein Kosmos sind, darzustellen, müssen
notwendig, wenn sie ihre Aufgabe erfüllen wollen, selbst geschlossene
Einheiten, Abbilder des Kosmos des menschlichen Geistes in ihren
Werken schaffen. Was selbst gestaltet ist, was selbst Linheit ist, kann
nur in gestalteten Einheiten seinen angemessenen Ausdruck finden.
Die naturwissenschaftliche Forschung gipfelt in der Aufstellung
eines Gesetzes von weitester Geltung, die geistwissenschaftliche For-
schung in der Schaffung eines Werkes von vollendeter Harmonie. So-
weit sie keinen „praktischen“ Zweck hat und soweit sie nicht „dem
Leben dient“, kann ihr Sinn in nichts anderem liegen als in der Er-
schaffung geistiger Gebilde, die ihren Wert in sich tragen wie das
Kunstwerk, Jede Zeit sucht ihren vollendeten Ausdruck in diesen
Begriffsgebäuden, auf deren Errichtung alles wissenschaftliche

90 *
        <pb n="353" />
        340
Streben hinzielt. Die. Monographie kann Teile dieses Gebäudes in
bereits geprägter Form liefern: Kapitelle, Säulen, Architrave, Friese,
die dann in den Gesamtbau als solche eingefügt werden. Die nicht
gestaltete Einzelerkenntnis ist nur Rohstoff, dessen natürlich der Bau-
meister in weitestem Ausmaße benötigt. „Wo die Könige bauen,
haben die Kärrner zu tun.“ Ihren Sinn bekommt die empirische
Einzelforschung nur durch ihre Verwendbarkeit als Baumaterial, die
„Theorie“ aber nur durch ihre Verwendbarkeit als Werkzeug oder
Baugerüst, .

Die Geschichte einer Geistwissenschaft wie der Nationalökonomie
erscheint deshalb nicht im Bilde eines wachsenden Berges von Er-
kenntnis oder einer meßbaren Annäherung an ein bestimmtes Ziel
— wie die Geschichte einer Naturwissenschaft —: sie stellt vielmehr
eine Sammlung von Gestalten dar mit eigenem künstlerischem und
philosophischem Gehalt, deren jede aus dem Geiste ihrer Zeit heraus
verstanden. sein will. Vergleichbar darin, wie wir sahen, der Ge-
schichte der philosophischen Systeme und der Kunstischöpfungen.
Von denen aber alle Geistwissenschaft auch wieder sich grundsätzlich
unterscheidet, insofern nämlich, als sie Anspruch darauf erhebt,
reines, allgemeingültiges Sachwissen darzubieten, das heißt eben
Wissenschaft zu sein. In dieser unausgesetzten Spannung
zwischen den Anforderungen der Wissenschaft und der Ver-
lorenheit an Philosophie und Kunst tritt das innerste Wesen
der Geistwissenschaften zutage, liegt aber auch ihre Tragik be-
gründet.

In dieser Eigenart der Geistwissenschaften wird uns nun aber auch
deren objektiver Wert offenbar. Die Wissenschaft in dieser Gestalt
ist selbst ein Dienst an der Kultur, und wir tragen, indem wir Wissen-
schaft treiben, dazu bei, die uns gestellte Aufgabe des Kulturmenschen
zu erfüllen. Nicht nur, indem wir wertvolle Persönlichkeiten ausbilden
helfen, sondern durch die bloße Tatsache, daß wir wertvolle, wissen-
schaftliche Werke schaffen. Diese haben ihren eigenen, selbständigen
Wert neben den Werken der Kunst und der Philosophie. So wie das
schöne Bildwerk oder das große Drama oder die inhaltreiche Sym-
phonie Werte darstellen, auch wenn sich niemand an ihnen erbaut, und

wert waren, geschaffen zu werden, auch ohne daß sie in Menschen-
        <pb n="354" />
        341
seelen lebendig werden, so auch das wissenschaftliche Werk von
Rang. Wenn das Wort wahr ist, daß alles Wissen in letzter Linie von
der Gottheit und für die Gottheit ist und daß jedes Wissen soviel wert
ist, als Ewigkeitserkenntnis in ihm steckt, dann muß man auch den
Eigenwert des geistwissenschaftlichen Werkes gelten lassen. Und muß
einen Wert darin erkennen, auch ohne irgendwelchen „praktischen“
Nutzen, ja selbst auch ohne an die fördernde Wirkung zu denken, die
sie auf den Schöpfer oder auf ihre Leser ausüben, wenn Werke wie
Foustel de Coulanges Cite antique oder Burckhardts Kultur der
Renaissance oder Carlyles Geschichte der französischen Revolution
überhaupt in der Welt sind. |

Es ist einleuchtend, daß durch diese ihre Eigenart die Kultur-
wissenschaften eine ganz besondere Stellung im geistigen Haushalt
der Menschheit einzunehmen berufen sind: sie sind ein Luxus im
wahrsten Sinne des Worts. Sie gestatten keine Auswertung zur Be-
friedigung eines Massenbedarfs, wie die Naturwissenschaften, wie
aber auch die Kunst und selbst die Philosophie in einzelnen ihrer
Zweige, etwa der Ethik. Sie sind nicht gemeinschaftsbildend und
kultisch verwertbar wie die reine Kunst: sie sind individualistisch
und protestantiseh. Sie sind, soziologisch gesprochen, der Aus-
druck des einzigen Aristokratismus, dessen die bürgerliche Kultur
fähig gewesen ist, und sie werden deshalb vielleicht mit dieser Kultur
verschwinden: in einem Lande wie Sowjet-Rußland haben sie keinen
Platz mehr. Als eine Verarmung der Menschheit wird ihren Verlust
nur derjenige mit mir empfinden, für den der Wert einer Kultur-
erscheinung nicht durch die Zahl der Personen bestimmt wird, die
an ihren Segnungen teilnehmen, und der mit mir überzeugt ist, daß
auch das Leben, das auf der Erde aufleuchtet, in seinem Werte nicht
gesteigert wird durch die Menge der Fälle, in denen es sich wieder-
holt. Wer aber dieser Auffassung ist, der wird sich dafür einsetzen,
daß ein kostbares und einziges Gut wie die jungen Geistwissen-
schaften, zu denen die Nationalökonomie eben doch gehört, vielleicht
als ihr bescheidenstes Glied, der Menschheit nicht verlorengeht,

Und gerade die Nationalökonomie ist in unserer Zeit in ihrem Be-
stande schwer bedroht. Wie sehr ihr Dasein zwischen den beiden
robusteren Schwestern: der Heilslehre und der Kunstlehre, zefährdet
        <pb n="355" />
        342
ist, habe ich zu zeigen versucht. Was aber die Stellung unserer
Wissenschaft noch mehr schwächt, ist der Umstand, daß Uneinig-
keit in unseren eigenen Reihen herrscht, weil wir selber nicht einig
sind über den Sinn unserer Wissenschaft. Die einen wollen sie prak-
tischen Zwecken dienstbar machen, die anderen glauben an ihren
Eigenwert. Aber auf beiden Standpunkten treten sich die Auffas-
sungen über die Eigenart unserer Wissenschaft schroff gegenüber.
Dieses Buch hat die Gegensätze aufgedeckt, die diese erfüllen:
wir haben eine richtende, metaphysische, eine ordnende, naturwissen-
schaftliche und eine verstehende, geistwissenschaftliche National-
ökonomie kennengelernt, die sich auf das heftigste befehden und die
durch diese Fehde den Bestand unserer Wissenschaft gefährden. Wer
richtende Nationalökonomie treibt, verrät diese an die Philosophie,
wer sich zur ordnenden Nationalökonomie bekennt, verrät sie an die
Kunstlehre. Denn wenn wir wirklich eine Wissenschaft nach Art der
exakten Naturwissenschaften sind, dann hat unsere Forschung nur
Wert, wenn und soweit sie praktischen Nutzen stiftet. Daß sie das
nur in sehr beschränktem Umfange vermag, habe ich zu zeigen ver-
sucht. Dann würde also die Nationalökonomie in Wahrheit keinen
Sinn mehr haben. Diesen kann sie sich nur erhalten, wenn wir uns
darauf besinnen, daß sie eine Geistwissenschaft ist, die ihren Wert in
sich trägt. Die Nationalökonomie ‚soll eine Wissenschaft und keine
Heilslchre, eine Wissenschaft und keine Kunstlehre, eine Wissen-
schaft und doch keine Naturwissenschaft sein.

Wie sie diese ihr gestellte Aufgabe zu lösen vermag, habe ich durch
mein Lebenswerk zu zeigen versucht, für das dieses Buch gleichsam
den Katalog bilden soll.
        <pb n="356" />
        Schriftstellerverzeichnis
A,
Adler, Max, 193. 177. 231. 281.

Agazzini 147.

Ahrens, H., 46. 50ff.

Alberti, L. B., 86.

Amonn, Alf£r., 137.

Andrei, P., 146. .

Antoninus v. Florenz 25.

Aristoteles 24£., 60. 71. 89. 91. 100.
105. 109. 114. 168, 252. 265ff. 296.

Ast, Friedrich, 1597.

Auboy 58.

Avenarius, Rich., 4.

B.
Back, Jos., 16x.

Bacon, Fr., 89. ızt. 324. 333.
Baldwin 161.

Barone 121. 125.
Bastiat, Fr., 42£.
Bäumler, A., 160. 296. .
Bauch, Bruno, 192. 235f.
Baudrillart, H., 55.
Baumstark, K., 54. 322,
Becher, E., 160. 165£.
Becher, J. J., 326.
Bergson 100.

Bernhard v. Siena 25.
Bianchini 54.
Binswanger 226.

Blanc, L., 147.

Blanqui, A. J., 54.
Boccardo, G., 54. 328.
Böhm-Bawerk, E. v., 255. 262.
Boekh, Wilh., 157.
Bohr, Niels, 104.
Boisguilbert 326.
Boltzmann 116.

Bonar, James, 43f£.

Bousquet, G. H., 139. 146.
Boutroux, E., 118,
Brentano, L., 255f£,
Breysig, Kurt, 30gf.
Briefs, Götz, 41€.
Brinkmann, C., 166.
Bruck, Werner, 2832.
Bruno, Giordano, 100.
Buckle, Th., 155. ı58£.
Bunsen, J., ı52. .
Burckhardt, Jak., 87£f. 341
Buret ıh47.

C.
Cairnes, J. E., 120. 123. x25. 13%.
176. ;

Calvin, Joh., siehe Kalvin.

Cantillon 338.

Cardanus 100.

Carey ı1.

Carlyle, Th., 341.

Casanova 182.

Cassel, G., 1397. 294.

Cassirer, E., 82. 107.

Cathrein, V., 26. 70.

Chalmers 54.

Chenier, M. J., 45.

Cherbuliez 18.

Chevalier 54.

Cicero 113,

Cibrario 1497.

Clark, John Bates, ı21. 136f.

Cohen, H., 338,

Cohn, Gustav, 55. 58. ;

Comte, Aug., 155.

Cooley 161.

Tossa, Luigi, 11. 289. 325. 331.

Courcelle-Seneuil 18,

Cournot, A. A, 121. 123,
        <pb n="357" />
        344

D.
Demetznoblet 54.

Demokrit 105. 109.

Descamps, Paul, 136.

Descartes 39. 89f. ı00£. ıo4h. Ttoß
156. 333.

Dessoir, Max, xz03. 278.

Destutt de Tracy 54.

Diehl, Karl, 25r.

Dietzel, H., 177. 255.

Dilthey, W., 82. 88. 93. 110. 155
163. x76. 226f. 234. 2397. 230f
241. 284. 308. 336.

Dingler, H., 107.

Dorn, Valentine, 250.

Dostojewski, F., 182.

Drascher, W., 240.

Driesch, H., 92. 234.

Droysen, J. G., 158. 167. 169£.

Droz 54.

Dühring, E., 44£. 256.

Duham, Pierre, 118.

Dunoyer, Ch., 54.

Dupont de Nemours 4A0f£. 1292. ıh5

Edgeworth ı21.

Einstein 97. 232.

Eisler, Rud., 230£. 248.

Ellwood 161.

Empedokles 200.

Engels, Friedrich, 224. 250.
Erdmann, Benno, 192. 226.
Eucken, Rud., 248.

Eulenburg, F., 167. 175. 250. 258,
Exner. F., 175. [263f. 308

E.

F
Faris 16x.

Fechner, Theod., 226. 262.
Ferguson, Adam, 145.
Fichte, J. G., 46ß. 325.
Fourier, Ch., 43.

Foustel de Coulanges 341.
Fraas, C., 326.

Freyer, Hans, 160. 240. 2978.
Frischeisen-Köhler, M., 192.
Fuoco, Fr., 54. 149.

Galiani 338.

Galilei 106. x08. 203.

Gans, Ed., 49.

Gans-Ludassy, AH. vv, 2.5

Garnier 54. a

Genovesi 54.

Georges, K. E,., 13.

Gide, Charles, ro.

Gilson, E,, 90.

Gioja 54.

%oethe 16. 102, 170. 196. 200. 219[.
299. 308. 312. 336.

Gossen, H. HA., 4. 43. ;

Gottl, F. v., 63. 93£. 160. 208. 2:5£.
298. 308.

Grab, Herm. J., 245.

Granier de Cassignac 75.

Graumann 226.

Gresham 261.

Grimm, J. u. W., 5.

Gryphius 312,

Gujard, Rob... 18

H.
Haas, A. E., 103. 105.

Haeßle, Joh., 26: Gıf.

Harms, Bernh., 2:0. 215f.

Hartley 110. {

Hartmann, Ed. v., 114. 296.

Hartmann, Ludo, 63.

Hartmann, N., 203.

Hasbach, W., Arf.

Hecht, Hans, 161.

Hegel 46. 48. 102, 113. 180. 264.
296. .

Heidegger, Martin, 192. 197£. 221
234. 257. 309. 3ah.

Helmholtz 103. ;

Helmont, Joh. Bapt. van, 100.

Herbart 153. ;

Herder, G., 157. 200. 336.

Hermann, F. B. v., 125.

Hesiod 325,

Heubaum, Alfr., 1097.

Heyde, Joh. Erich, 129.

Hildebrand, Br., 54.
        <pb n="358" />
        345

Hobbes 102.

Hofmann, P., 93.

Hofmann-Erfurt, Arth., 129. 204

Homer 312.

Honigsheim, P., 93.

Hornigk, Ph. W. v., 326.

Humboldt, Alex. v., ı52,

Humboldt, Wilh. v., 158. 200.

Hume, D., 110. 338.

Husser]l, E.;, 1ı12£. 115. 197. 208.
252. 257. 299f.

Huth. Herm.. 145.

Jäger, Ernst, 4

Janssen, Otto, x73.

Jaspers, K., 240.

Jastrow, J., 41£.

Jecht, Horst, 161. 316

Jellinek, G., 230.

Jevons, W. St, x15. 121. 125€
128. 137. 26x.

Jourdan 1:8.

Jung, C. G., 240.

Justi, J. H. v., 326.

K.

Kaiser, Georg, A.

Kalyvin, J., 297.

Kant, I, 2xr£. 46f. 59. 74. 109.
ir. Xx19. ı7af. 178 185. 499.
247. 249. 264. 296. 319.

Kautz, J., 52. ı49£. 152f.

Kekule v. Stradonitz 107.

Kepler 105£. 129.

Keynes sen. 125. 319.

Kirchhoff, P., 118,

Kirchmann, v., 178. 322.

Klages, Ludw., 240.

Knies, Karl, 54. 149. x52.

Köhler, W., 192.

Köhler, Wolfgang, 107f. 112. 240

Koffka 226.

Krause, G. F., 147.

Krause, K. Chr. F., 46.

Kries, v,., 234.

Kretschmer, E., 240.

Kroner, Rich., ı9o32.

L.
Labriola, Art., 177. 281. 283.
Labruyere 246.
Landmann, Edith, 94. 96. 197. 205.
Landsberg, Paul, 8r.
Lask, E., 91.
Law, J., 338,
Leibniz 81. 106. 252.
Lenz, Friedrich, 323.
Le Play 136.
Le Roy 118.
Le Trosne 121.
Lewy, Herm., 59. 64.
Liberatore, Matteo, 32ff. 60.
Liebert, Arth., 247. 252.
Liebmann, Otto, 101.
Liefmann, Rob., af.
Linguet 75.
Lipmann, O., 192.
Lipps, Theod., 236.
List, F., zof. 54. 141. 144. 147. 150£
283. 323.
Litt, Theodor, 160. 284.
Lotge, H., 53. 2397.
Lukacz, G., 146.
Luther. Martin, 27. 29.
M. _

Macculloch 54. 54.

Macleod 123.

Maier, Heinrich, 78£. ı60. 163.
234£. 240.

Malthus, Rob., ı27. 1332. 148.

Mandeville 145.

Mannheim, Karl, 284. 308.

Marbe, K., 262.

Marshall, Alfred, 12%. 137. 261.

Marx, K., 20. 44. 120. 1935. 128, 132.
144. 146. 176. 191. 230. 250. 254.
268. 2741. 282. 285£. 302. 332.

Mausbach, Jos., 26. 66., 70.

Mayer, Robert, 117.

Mayr, Georg v., 264.

Menger, Carl, 120£, 123, 134. 130.
133f. 148. x51. x53£. 159. 162
170. 215.
        <pb n="359" />
        346

Menzer, P., 107.

Mercier de la Riviere 40.

Meyer, Eduard, 309.

Mill, James, 110.

Mill, John Stuart, 54. ı10£. 120.
125. 127. 130£. 133£. 137. 148.
ı50£. ı54£. 186€, 234. 302. 325.

Minghetti, M., 56.

Mirabeau aline ı22.

Mischler 54.

Möser, Justus, 147. 338.

Montaigne 244.

Morelly 43.

Müller, Adam, 29ff. 54. ı42£. 278.
323,

Müller, Wilh., ı5.

Müller-Freienfels, R., 192. 240. *

Muret-Sanders ı4.

N.
Nernst, W., 115,

Neurath, Otto, 4£.

Newton, J., 39. 43. 104. 106. vogf.
117. 145. 203.

Nietzsche, F., 89f. ır14. 118. 296.
333. 337.

Nikolaus Cusanus 82,

Novalis, Fr., 199. 278.

0.
Oppenheimer, F., 44£f. 125. 130.
135. 162,

Oppenheimer, Hans, 245.

Oresmius (Oröme) 28.

Ortes, G., 18.

Ostiwald, Wilh., 4.

Ott 54. .

Owen, Rob., 43£,

Pape, W., 13.

Paracelsus Theophr. Bomb,, 100.

Pareto, V., 19. 231. 133. 125. 198£,
135. 137. 146. 162, 250.

Paul, Herm., 163,

Paulus 200.

Pegolotti 325.

Perin, Ch. H. X,, 35.

Pesch, H., 36.

Petiy, W., 44.

Pfänder, A., 197. 234.

Pfister, Bernh., ı61. 245. 316.
Philippovich, E. v., 215f.
Pinto 338.

Planck, Max, 104. 176,

Plato 13, 81. xo2. 338,
Poincare, H., 104. 109. 115. 118.
Pribram, Karl, 93.

Proudhon, P. J., zo. 33. 56. x39.
Ptolemäus 129.

Q.
Quesnay, Fr., 40. 44. 128. 130. 145.
154. 338.

Quetelet, Ad., 250.

Quintilian 13.

R.

Rambaud, Jos., 145.

Ranke, L. v., 3ıE.

Ratzinger, G., 35£.

Rau, K. H., 54. 332. 326,

Reichenbach, Hans, 115. 118,

Reyer 299.

Ricardo, D,, 33£f. 128. 138. 154. 255.
275. 282, 301. ö

Rickert, H., 159. 168ff. 308.

Rieger, Wilhelm, 327.

Rist, Charles, 10, ,

Rodbertus, Karl, 56. 120, 128. 3a2.

Röntgen ı04.

Roffenstein, Gaston, 192.

Romagnosi 54.

Roscher, W., ı1. 54. 147. 149. 1518.
154.

Roßbach 54.

Rothacker, Erich, 160, 324. 284.
308.

Rothenbücher, Karl, 309.

Rousseau, J. J., 39. 145.

Rusconi 54.

Rutherford 104.
        <pb n="360" />
        347

x
Sachs-Villatte ı4.

Salin, E,, 129. 25. 202. 323.

Salz, Arthur, 295.

Sanders 15£.

Savarese 54.

Sax, Emil, 131. 133. 162,

Say, J. B., 18. 124.

Schäffle, A, 215£.

Schams, Ewald, 107. ı23.

Scheler, Max, 78£. 83. 89. 96. 160.
167. 192. 202, 221. 226. 284. 296.
308. 333.

Schelle 145.

Schelling 102. 264.

Schelting, A. v., 245. 284.

Scherer, W., 26.

Schiller, Fr. v., 100£.

Schilling, Otto, 26.

Schlegel, A. W., ı4.

Schlegel, Friedr., 199.

Schleiermacher, F., 158. 178. 200.
226.

Schlick, Moritz, 103. 105. 109.
a77t.

Schmitt, Carl, 222. 278.

Schmitthenner 54.

Schmoller, Gustav, 58. 151, 153 ff.
163. 175£. 215. 246, 303. 316.

Schön 54.

Schopenhauer 114. 110. 159. 197.
202f. .

Schröder, W. v., 326.

Schröter, M., 160. 296.

Schüller, Rich,., ıh1f£.

Schüz 53£. 149.

Schultz, Julius, 221. 240.

Schulze-Gaevernitz sen. 54.

Schumpeter, J., 12. 121. 123f. 129.
135. 139. 186. 281£. 303f£.

Schuster, Ernst, 126.

Seialoja 564.

Scriptores de re rustica 325.

Serope 54.

Seckendorff£, V, L. v., 326.

Shakespeare ı4.

Sigwart 78£. 9x. 113. 163. 234. 237.
Simmel, Georg, 81. 159. 193. 226.
Sismondi 147. 282.

Smith, Adam, 41f£. 76. 144£. 148.

Soddy ı04.

Soden, v., 54.

Sommer, A., 191.

Sonnenfels, J. v., 326.

Spann, Othmar, 7. 1x. 36. 6af,
71. 142. x46. 160. 167. 220.
238£. 296£f. 306. 323.

Spencer, Herb., 153.

Spranger, Ed., 160. 167. 226. 240.
280. 284. 308.

Stammler, Rud., 6. 5g. z59. 191£.
258.

Stein, A., 192.

Stein, Lor. v., 179£. Saaf.

Stein, Philipp, 16.

Stephinger 285g

Stern, William, ı92. 240f£.

Sternheim, Carl, 4.

Stoltenberg, H. L., 192.

Stolzmann, R., 177. 296.

Storch 149.

Struve, Peter v., 213.

Stumpf, Carl, 165.

Suarez 70. ,

Sully 326.

Suränyi-Unger, Th., 41£f. 107.

Switalski, W., 192. 201f. 203. 240.

Swobnda,. H., 192.

T.

Thomas v. Aquino 19. 25 ff. 60. 65£.
102. 272f. 296.

Thünen, Joh. H. v., 1x. 55£. 254.

Tieck, Ludw., 199.

Tietze, Hans, 274.

Tillich, Paul, 279. ;

Tönnies, F., 175. 188£. 192. 233.

Touryville 136.

Trinchera 54.

Tröltsch, E., 26f. 170£. 309.

Uhde 54.
Uzzano 325.

U.
        <pb n="361" />
        348

Vaihinger 107.
Valdour, Jacques, 136.
Vauban 326.
Vico, J. B., 95. 1ı56f£. 199.
Vieta 106.
Villeneuve-Bargemont, Vie Albar

de, 3rf. 54.
Villerme 147.
Voigt, Andreas, ı82.
Volkenborn, Karl, 16x.
Voltaire 45.
Voßler, Karl, 309.

W.
Wach, Joach., 1597.

Wagenführ, Horst, 316.

Wagner, Ad., 50. 52. 163. 214f. 322

Walb, Ernst, 32x. 327.

Walras, L., ı21,

Walther, A., 161. 201. 245.

Watson, J. B., 201.

Weber, Alfred, 254. 309.

Weber, Eduard, 326.

Weber, E. H., 262. ,

Weber, Max, 93. 152. 160. 167. 1973
203, 326. 233. 240. 245. 258
266. 288£. 2096. 308£.

Weitling 44.

Werner, H., 226.

Wertheimer, M., 107. 240£.

Weyl, Herm., 105

Whateley 18. 54.

Whewell 54.

Wiese, Leop. v., 192.

Wieser, F. v., 43. 121.

Wilbrandt, Rob., 197.

Windelband, W., 159.

Wirth, M., ı92.

Wölfflin, Heinr., 212,

Wolf, Friedr. Aug., 157.

Woltmann, Ludw., 175.

Wunderlich, Frieda, 5gf.

Wundt, Wilh., 78. ı11£. 199. L3ärdk
163. 23a0f. a34. 893.

A,
Xenophon 325

York v. Wartenberg, Graf Paul
155. 308.
Zarncke, Friedr., ı5.
Zincke 322.

Z.
        <pb n="362" />
        Sachverzeichnis
A.

Absolutismus der klassischen National-
ökonomie 147£,

AlNlgemeinhegrife in der Naturwissen-
schaft 107. 168 ff. 235.
in den Geistwissenschaften 168 E.
236.

Allgemeingültigkeit als Postulat der Er-
kenntnis 82. 95f. goff. 118. 286f.
340.

Anti-Klassik x40ff,

Arbeitsideen 157. 185 ff. 247. 283. 323

Art 325.

Assoziationspsychologie 1 10ff. 13ıff. 162,

Atomismus der klassischen Nationalöko-
nomie 144.

Atomistisches Prinzip ı04£.

B.
Behaviourism 136. 201.
Berufsidee 26£.
Betriebswissenschaft 327.
Beziehungszusammenhang 214. 306.
D.
Demokratisierung des Wissens 95f.
Deskriptivismus 170.
Differenzierung des Wissens 94f£.
Dynamik, dynamische Betrachtungsweise
ı50£. 186£. 314.
E.
fcole de la Science sociale 136.
Elementarisierung in der Naturwissen-
schaft 104f.,
in der ordnenden Nationalökonomie
1235 fl.
Elementarpsychologie x10ff. 130.
Empirje, nationalökonomische, 308.
Entgottung der Natur 101f.
Entwesung der Natur ı02f.

Entwicklungsgesetze 153£.
Entzauberung der Natur 100£.
Erfahrungswissen 6gf. 84.

Ethik der Wirtschaft 295.

Ethologie 110£.

Evidenzwissen 70ff. 84.

Exakte Forschung, e. Gesetze 134. 1397
Experimentalpsychologzie 110£.

F.
Fiktion 92. 186. 214. 227. 229. 259£.
307. 3ıh.

Fiktionsgesetze 258 ff.

Finanzwissenschaft 3277.

Fortschritt der Erkenntnis 32gf. 337£.

Fremdverstehen 2926.

Ganzes, Ganzheit 27. 37. 1ı07£. 113
114. 204. 210. 2148. 221. 227.
257£.

Gebilde 210.

Gegenwart 311.

Geistwissenschaft (G.en), ihre Entste-
hung 156£.

— ihr Wesen 163. 167.175. 277. 339.
ihr Sinn 334£.

Vgl. Verstehen.

Geltung gı£.

Geschichte, Geschichtlichkeit 308. 335.

Geschichtswissenschaft 308 £.

Gesetz, Gesetzmäßigkeit 25£. 39£. 101.
108£. ız10£. ı24£. 130. 1518.
167. 231. 2488. 271. 273. 305£.
333. 339.

Vgl. auch Gesetz in der National-
ökonomie, Naturgesetz, Notwendigkeit.

Gesetz in der Nationalökonomie ı124f£.
130££, 151ff. 249ff. 260£f, 319.

Gestaltidee der Nationalökonomie 18aff.

G.
        <pb n="363" />
        350

Gestalttheorie in der Naturwissenschaft Kunstlehre: siehe Technologie; Wirt-
107£. schaftskunsilehre.

Gleichförmigkeiten im Wirtschaftsleben Kunstwissenschaft 183. 274.
263£.
Grenznutzenlehre 43. 144. 149£. 162,
190. 261f. 283. 30x. 304.
Vgl. auch Hedonistische National-
ökonomie, Nutzen, Nuizkomputalion.
Srößengesetze 253ff. 306.
Srundidee der Nationalökonomie ı80f£.

L.
Lebensphilosophie 336£.
M.
Manchestertum 42£. ı41£.
Mannigfaltigkeit der Erkenntnisweisen:
siehe Pluralismus.
Materialismus der klassischen National-
Ökonomie 142 ff. ,
Hedonistische Nationalökonomie 3. 43. Mathemalisierung in der Naturwissen-
Heterogonie der Zwecke 230£f. 273. schaft 106f£.
Historische Betrachtungsweise — ein Merkantilistisches Schrilttum 98£. 326.

Apriori der Kulturwissenschaften 211. Metaphysik (Wesen) 78 ff.

227. 301. — in der Kulturbetrachtung 204£. aa4f.
Historische Schule der Nationalökonomie 233f. 264. 280. 30g£.

42. 163, in der Naturbetrachtung 102£. 116£.
Historisches Individuum 316. 119. 2231. 23a£f. 237. ;
Historismus 167 ff. „Methodenstreit‘ 154[£.

Homo oeconomicus 229. 259. Monismus der KErkenntnisweisen 78,
Humanitätsgedanke 200. 56£, 2348.
Motiv, Motivation 223f.. 265.
(deal, gesellschaftliches, 69. 71£.
(dealbegriffe 245£.

[dealtypus 245£. 258.

[dee 71. 1788. 206ff.
[diographische Forschungsweise 168 ff.
Immanente Gesetzmäßigkeit 273£,
Immanenz des Erkennens 197f.
[ndividualismus 144.

Intuition 201 ff.

[solierendes Verfahren 25gf.
Irrationalismus 170£.

L*
N.
Nationalökonomie: allgemeine 208£.
320 ff.
Ausdruck 18. 293. 318£%. °
bürgerliche 285£.
thische 33. 53. 58.
heterodoxe ıh0£.
— mathematische: siehe Relationisten.
— normaltive 21, 59. 3ad.
— praktische 21. 323. 326; 331.
— proletarische 285f.
sozialistische 285£.
spezielle 321ıf.
Kameralistik, Kameralwissenschaft 322f. Siehe im übrigen das Inhaltsver-
326. 331. zeichnis,
Kapitalismus 21r2f. 227£. 274. 294f. Natürliche Ordnung 39f. ;
Kausalität, kausal-genetische Betrach- Nalurgesetz 3gff. 108££f. 114€. x35.
iungsweise 17: fl. 220. 286. 130, 154. 250f. 260,
Kollektives Geschehen 315ff. Naturrecht 23. 26£. 40. 45. 76. 101£.
Kulturphilosophie der Wirtschaft 294f. Naturwissenschaft, naturwissenschaftliches
Kulturwissenschaft (K.en), z74£.: siehe Erkennen 99f. 194. 337. Anwen-
im übrigen Geistwissenschaft (G.en). dung des nalurwissenschafilichen Den-
        <pb n="364" />
        351
kens auf die Nationalökonomie 119ff.
291 ff.
Nominalismus der Wissenschaft 93; der
ordnenden Nationalökonomie 147.
Nomolhetische Forschungsweise 168£.
Notwendigkeit 70. 1130, 251. 305£.
Nutzen, Nultzkomputation, Nutzprinzip
3£. 137. 262.
0.

Ybjektive Bedingungen wirtschaftlichen
Geschehens 270ff,

Dbjektivisten in der ordnenden National-
ökonomie 120, 138. ı9gof.

Ökonomisches Prinzip $f.

Ontologie der Wirtschaft 294.

Ordnung, Organisation in der Wirtschaft
ı71l, 181. 184. 207.

Ordre nalurel; siehe naiürliche Ordnung.

S.
jachverstehen 210£,
3cience 325,
Seelverstehen 219 ff.
Seinsgebundenheit des Wissens 280{ff.
Sinn, Sinnerfassen 195. 206ff. zı0ff.
Sinnverstehen 206 £.
Sinnzusammenhang 210. 294. 3orf.
305. 3097.
Sozialökonomik 323,
Sozialwissenschaft (S.en) 176f.
Soziologie im Verhältnis zur Nalional-
Sökonomie 177£.
Sprachwissenschaft 183,
Staatswirtschafislehre 327.
Standpunktswissen 81. 280f£.
Statik, statische Betrachtungsweise 150f.
186£. 314.
pP. Stalistik 91. 233,

Pluralismus | der Erkenntnisweisen 78. Slilzusammenhang 211£. 218f.

156. ı58££, 193££. 234E£. 277. Struklurbegriff in der Naturwissenschaft

Preisbildung, Theorie der, 28. 3040. 107£.

Drivatwirtschaftslehre 326£f. 330£. 333. — in der Logik 113.

Psychoanalyse 232. Strukturgesetze 257.

Psychologie 1ı10ff, z62f. 167. 175£. Subjektivisten in der ordnenden National-

226£. ökonomie ı20f. ı27£. ı1ı90f.
Vgl. Assoziationspsycholozie, Psy- Substanz im nalurwissenschaft.ichen Den:
chologismus. ken 103. 129.

Psychologismus 162 ff. — im nationalökonomischen Denken 128£,
System in der Wissenschaft 178 ff, 327.
3ystembildende Ideen in der Nalional-

Sökonomie 180.

Q.
Quantifizierung in der Nalurwissenschaft
105£.
in der ordnenden Nationalökonomie
1a5f. 1378. . T.
R. Technik 181£. 184. 207. 269. 32gf£.
Rationale Schemata 258ff. 30off. 309, 33 1£.
Realbegrifle 245£. Technologie, naturwissenschaflliche, 324.
Relationisten in der ordnenden National- 3,gf, 33a.
Skonomie 131. 128£. 135£. 138£, Teleologismus 171 £.
Relativismus des Erkennens 82. Tendenz 263. 2748. 307.
Religionswissenschaft 183. Theorie, nationalökonomische, 124. 273.
Richtige Wirtschaft 22£. 37£. 41f£. 46£. 2978.
48. 50ff. 67£. 71 £. 738. 77-82. 295. Transzendenz des Erkennens 1978.
Romantik, Romantizismus 170£ 2232. Typus 229. 240ff. 284.
a78£. 336.
Romantische Nationalökonomie 29 f,
ia.
        <pb n="365" />
        352
Willensfreiheit 224£. 265£.
Wirkungszusammenhang 220 ff.
Wirtschaft (Begriff) ıff. 173, 176. 181£,
Wirtschaftlich, Wirtschaftlichkeit 5. 7
14. 16.
Wirtschaftsepoche 228. 307.
Wirtschaftsgeschichte: siehe Empirie, na-
tionalökonomische.
Wirtschaftsgesetz: siehe Gesetz in der
Nationalökonomie.
Wirtschaftsgesinnung 181. 184. 206.
Wirtschaftskunstlehre 293. 3268. 329
Wirtschaftsphilosophie 288. 293ff. 326 £
Wahrscheinlichkeit 114£. 233. 276. Vgl. richtende Nationalökonomie.
Wertbegriff in der Nationalökonomie Wirtschaftssystem 184#. 187. 189.
128. 190£. 302. 206, 23123f. 228, 247. 268.
Werte als Gegenstand der Erkenntnis Wirtschaftswissenschaft 288. 297 ff.
22f. 57ff. 6Af£. 77. 8S2f£. 121. 286. 3agf.. 331.
288££f. 334. Vgl. Nationalökonomie.
Wertefreiheit, Streit um die W. in der Wissen, Sinn und Zweck 89f. 281 £, 324.
Nationalökonomie 288£. 328. 333.
Vgl. Werte. Wissenschaft (Wesen) Ggf. 78£. 82£
Wertidee: siehe Wertbegriff. 85. 88. ı21. 178. 279. 288.
Werturteile: siehe Werte, als Gegenstand Sinn und Zweck 281f. 333€.
der Erkenntnis.

Wesen, Wesenserkenntnis ır2fl. 138£,
196£. 2397. 339.

Wesensbegriffe 237. 299.

Vörite&amp;s de fait, V. de raison 252£.

Vernunfigemäße Wirtschaft: siehe rich-
tige Wirtschaft.

Verstehen als Erkenntnisform 157€.
191 8,

Verweltlichung des Lebensstils 85 ff.

— des Wissens 88 ff.

Volkswirtschaft (Begriff) 214ff.

Volkswirtschaft (Idee) 189. 217.

Volkswirtschaftslehre 323. 327. 33x.

FF.
        <pb n="366" />
        Schriften des Verfassers:
(Die vergriffenen Werke sind nicht aufgeführt)
Bei Duncker und Humblot. München:
Der Bourgeois. Zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen, 7. bis
3, Tausend. VIIE, 540 S Gr,-80, 1928,

Händier und Helden. Patriotische Besinnungen, 11.—20, Tausend. VUOT, 145 8, 80.
1915.

Die Juden und das Wirtschaftsleben, 14. und 15. Tausend. XXVI, 476 8. Gr.-&amp;,
1928,

Luxus und Kapitalismus. Zweite Auflage, VIM, 220 8. Gr.-8%, 1922,

Der moderne Kapitalismus. Historisch-systematische Darstellung des gesamt-
anropäischen Wirtschafts ebens von seinen Anfängen bis zur Gegenwart. 13.—15. Tau-
send. % Bände in 6 Halbbänden, Gr.-s% 19 8.

(. Band: Die vorkapitalistische Wirtschaft. AXIV, 919 8.

(I. Band: Das europäische Wirtschaftsleben im Zeitalter des Frühkapitalismus,
XI, 12298,

[IL Band: Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus. XXIII 1063. 8.
Zei Gustav Fischer, Jena:
Der proletarische Sozialismus („Marxismus“). Zehnte, völlig neu gearbeitete
Auflage der Schrift „Sozia:fsmus und soziule Bewerung“, 2 Bände. 1924.
Bei Georg Bondi, Berlin:

Die deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert und Im Anfang des
20. Jahrhunderts. Eine Einführung in die Nationalökonomie. 34.—36, Tausend.
Gr -30, 548 8. 1927.

Bei Julius Springer, Berlin:

Die Ordnung des Wirtschaftsiebens. (= Band 35 der „Enzyklopädie der
Rechts- und Staatswissenschaft-.ı Zweite, verbesserte Auilagze. Y. 658. 1997.

m Verlag J C.B. Mohr (Paul Siebeck)., Tübingen:
Warum g.:bt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus? 1906.
428.

Prinzipielle Eigenart des modernen Kapitalismus (enthalten in „Grundriß
der Sorialökenomik*“. IV. | 1925. VL. 42158.)

Im Verlag Walter de Gruyter &amp; Co., Berlin:
Gewerbewesen. Zweite, neubearbeitete Auflage. 1929. I. Organisation und Ge-
schichte des Gewerbes, 100 S, 1I. Das Gewerbe im Zeitalter des Hoachkapitalismus.
14 3. (Sammlung Göschen Band 278 und 04.)

Die gewerbliche Arbeiterfrage, (S mmlung Göschen Band 209.) Dritte Auflage
in Vorbereitung unter dem Titel Die Arbei.erfrage“,
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nur eine Wirkung a tergo annimmt, dann ist allerdings die
ckweisung der Kausalitätskategorie durch einen Geistwissen-
tler durchaus berechtigt. Aber es kann sich doch für uns selbst-
‚ändlich nur um die sogenannte „psychische“ Kausalität, um
anexus finalis, nicht um den nexus effectivus handeln, wie so-
h zu zeigen sein wird. ;
dann kann ich dem verehrten Kollegen den Vorwurf nicht ’er-
m, daß er einen — sagen wir einmal: ungewöhnlichen — Gebrauch
den Begriffen Sachgrund und Erkenntnisgrund macht, der, so-
ch sehe, einen wesentlichen Teil der Schuld an seiner irrtüm-
h Auffassung trägt. Wir lesen hier über die Bedeutung der
icht von Waterloo als „Ursache‘“ des Zusammenbruchs der napo-
schen Herrschaft folgendes®*: „,Ursache‘ heißt hier in Wahr-
nur: Grund für ein sinnvoll zusammenhängendes staatliches
;) Handeln, also ( !) Begriffsgrund, nicht Kausal- oder Realgrund,
logischer Grund für die Handlungen Napoleons etwa für die
orlage der Krone nach der Schlacht; oder: logischer Grund für
Imgliederung im Staatensystem Europas.“ Die Sache liegt aber
wohl so: die Schlacht von Waterloo ist einerseits zweifellos der
enntnisgrund‘“ für die beschriebenen Ereignisse; andererseits
‘der Anlaß für den Entschluß Napoleons, die Kaiserkrone nieder-
en. Dieser Entschluß ist aber der Sachgrund, das heißt die
iche für die tatsächlich erfolgte Niederlegung der Krone. Wie
denn diese Niederlegung sonst zustande kommen, wenn nicht
ittels eines sehr realen Handelns, das motiviert ist?!
© letzten Gedankengänge haben uns schon an die Frage nach
\rt der Verursachung im Bereiche des Kulturgeschehens heran-
ırt. Bei der Wichtigkeit des Problems will ich noch etwas aus-
icher die richtige Auffassung begründen.
sachen, das heißt treibende, wirkende Kräfte sind für uns die
ve menschlichen Handelns und nur diese. Niemals dürfen
ıns dazu verführen lassen, die Kausalreihe hinter diese Motive
;kzuverfolgen. Diese: Zurückverfolgung. ist bei vielen Kultur-
hern, insonderheit. Nationalökonomen, sehr beliebt und gilt

Dihm. Spann, Kategorienlehre. 5. 13.

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