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        Blbiiothek Prosessoß Hsriis is
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        <pb n="3" />
        A

lel Und Anhrüshe der Humdelg—
Ixepn sür die deuhsche Wirhshuft

5

Bericht von
Reichsminister a. D. Dr. Hamm, Berlin
erstattet in der 50. Vollversammlung des Deutschen
Industrie- und Handelstags am 9. April 1930

Sonderdruck aus dem Sitzungsbericht

5

—R
oö—
⸗ ed

Druck von Liebheit &amp; Thiesen, Berlin 8W 19, Niederwallstr. 15
        <pb n="4" />
        <pb n="5" />
        Ergebenst
überreicht wum Vortragenöen.
        <pb n="6" />
        <pb n="7" />
        Pflichten und Ansprüche der Handelskammern
für die deutsche Wirtschaft.
Dr. Hamm Gerlin):
Verehrte Frauen, meine Herren!

Wenn sich die 50. Vollversammlung des Deutschen Industrie—
und Handelstiags mit Aufgaben und Ansprüchen der Handels—
kammern für die deutsche Wirtschaft beschäftigt, so tut sie damit in
zusammengedrängter Form nichts anderes, als jede vorherige Ver⸗
iammlung getan hat. Aber während man sich früher zumeist
mit einer, zwei größeren Fragen oder in ruhigeren Zeiten
statt ihrer oder daneben mit kleineren Einzelfragen befassen
konnte, ist es seit einer Reihe von Jahren die innerlich
kaum trennbare Gesamtlage unserer Volks—
wirt'schaft mit der Fülle der sich daraus ergebenden Fragen,
die uns beschäftigt. Und gerade in diesen Tagen erscheint in be⸗
sonderer, geschichtlicher Weise eine Fülle breiter und tiefer Fragen
in engster Gemeinschaft auf einen Punkt zu einheitlicher poli⸗
tischer Entscheidung zusammengedrängt.

Wenn daher auch in dem Ihnen vorliegenden Entwurf einer
Erklärung dieser Vollversammlung und demzu—
folge in meinem Vortrag, der sie begründen und um—
schreiben soll, eine Fülle von Einzelfragen zusammengedrängt
ist, deren jede einzelne gründliche Behandlung für sich auch
hier in der öffentlichen Vollversammlung erforderte, wie sie in
unseren Ausschußberatungen geübt wird, so möchte ich um so mehr
hoffen, daß eine ruhigere Entwicklung uns gestatten möge, die
nächsten Vollversammlungen wieder der gründlichen Erörterung
größerer Einzelfragen zu widmen.

Für heute aber gilt es zunächst den

Tatbestand unserer Wirtschaftslage
kurz aufzuzeigen, danach zu erkunden, wo die eigentlichen Krank⸗
        <pb n="8" />
        heitsursachen liegen, und so zur Suche nach den Heilmitteln zu
lommen.

Der Tatbestand ist in einer unendlichen Flut von Berichten
und Darlegungen wirtschaftlicher und wirtschaftspolitischer Art dar—
getan. Ein Bericht über die Wirtschaftslage des Jahres 1929, von
der Deutschen Gruppe der Internationalen
Handelskammer deren Präsidenten erstattet, liegt Ihnen in
der Deutschen Wirtschafts-Zeitung vor. Daneben darf ich wohl an
die Wirtschaftsberichte der Handelskammern er—
innern, die neben den oft trefflich ausgebauten fachlichen Berichten
von Verbänden aller Art und den zusammenfassenden wissenschaft⸗
lichen Darlegungen des Instituts für Konjunkturforschung ihre
Bedeutung in ihrer räumlichen Gliederung gerade in einer Zeit
behalten haben, die allzu leicht geneigt ist, das örtliche Dezentrale
und Landschaftliche über der Beobachtung der Massenerscheinungen
weniger, besonders wichtiger Gebiete zu vernachlässigen, und die
deshalb in zeitgemäßer Gestaltung aufrechtzuerhalten und zu ver—
bessern wichtig ist. Ich gedenke ferner hierbei der Fülle wirtschafts⸗
politischer Darlegungen in zahlreichen Geschäfts— und Ge—
sellschaftsberichten, die, so wenig sie einen ausreichenden
Bericht über das eigene Geschäft zu ersetzen bestimmt sein können —
sollte solches dennoch beobachtet werden, so gelte es meines Erachtens
übrigens keineswegs nur für Privatunternehmen — neben geschäft⸗
lichen Darlegungen von hohem Werte sind.

Die Feststellung des Tatbestandes ist sohin wesentlich erleichtert.
Das ist nicht unerheblich, weil nur hieraus Ubereinstimmun g
der öffentlichen Meinung sich ergeben kann, die — man
mag sich darüber freuen oder nicht — in dieser stark
demokratisch bestimmten Zeit auf dem Wege über die Politik wie
auch unmittelbar für die Wirtschaft und Wirtschaftsführung wich—
tiger als je geworden ist.

Wenn dabei Leistungen und Ertrag der deutschen Volkswirt—
schaft unserer Jahre gemeinhin mit jener der Zeit vor
dem Kriege verglichen werden, sollte zunächst zweierlei
nicht übersehen werden: einmal darf man nicht einfach die
Produktion, etwa an Eisen, je auf die gleiche Fläche,
nämlich die des verkleinerten Deutschland rechnen, sondern
muß die deutsche Volkswirtschaft als ein in sich geschlossenes Ganzes
betrachten. Und zum anderen ist die Bevölkerun g8ziffer
        <pb n="9" />
        des verstümmelten Reichsgebiets von 1930 kaum kleiner als die des
größeren von 1914, so daß der Wirtschaftserfolg im Verhältnis zur
Zahl der beteiligten Menschen sich auch dann als geringer darstellt,
wenn er zunächst gleich groß zu sein scheint.

Indes können solche Wirtschaftsvergleiche von einst und jetzt
meines Erachtens auf die Dauer überhaupt nicht befriedigen.
Neue Entwicklungsrichtungen
mit neuer Eigengesetzlichkeit sind aufgetreten, oder um mit Stich—
worten es zu sagen, die zu Modeworten geworden sind, es wäre
falsch, bei der Gegenüberstellung des Statischen zu bleiben, und es
ist notwendig, sich mehr der Dynamik, den Kräfte- und Entwick—

lungsrichtungen, zuzuwenden.

Diese Entwicklungsrichtungen sind im Tagesleben freilich
weniger bemerkbar als koönjunkturelle Schwankungen,
aber sie sind noch wichtiger als diese. Sie sind oft in unserem
Kreise erörtert worden, und so darf ich mich darauf beschränken,
nur mit Kennworten auf sie hinzuweisen.

Zunächst sei an die wichtigen Veränderungen im Aufbau
unserer Bevölkerung, hier vornehmlich an die Be⸗—
rufsumschichtung von der Landwirtschaft zu Industrie,
Handel und Verkehr, erinnert *), an die Verschiebung vom
Volk der selbständigen Unternehmer zum Volk
der Lohn- und Gehaltsempfänger, in dem der
Anteil der Angestellten, Beamten und Arbeiter auf nahezu
zwei Drittel der Erwerbstätigen gestiegen ist, an die Ver—
städte rung, die immer mehr Menschen vom Land in die
Städte, von den Kleinstädten in die Großstädte führt, so daß
1925 von 100 Deutschen bereits 27 in Großstädten lebten, in
Preußen aber 1929 bereits ein Drittel der Bevölke—
rung in Großstädten lebt, unter denen Berlin 1928 einen
Wanderungs,gewinn“ von 86000 Menschen, 1929 von „nur“
60 000 hatte **).
*) 1882 gehörten 40 v. H. der Gesamtbevölkerung der Landwirt⸗
schaft an, 1925 nur noch 28 v. H., während die Anteile von Industrie
und Handwerk von 35 auf 4133 v. H. in Handel und Verkehr von 9.7 auf
16.9 v. H. stiegen.

**k) Die übrigen preußischen Großstädte zeigten allerdings 1929 einen
Wanderungsverlust von 4600 Personen, insbesondere auf Grund der Ab—
wanderung aus den westdeutschen Industriestädten (Folge der Arbeits—
losigkeit).
        <pb n="10" />
        Dann sei an den Zug zum Mittel- und Groß—
betrieb in Industrie und Handwerk erinnert. Der Anteil der in
Kleinbetrieben (bis 5 Personen) Beschäftigten ist auf weniger als ein
Viertel gesunken, der Anteil der in Groß- und Riesenbetrieben Beschäf—
tigten auf mehr als die Hälfte der überhaupt in Industrie und
Handwerk Beschäftigten gestiegen (38,2 v. H. der Beschäftigten sind
in Betrieben von 51 bis 1000 Personen und 16,6 v. H. in Betrieben
von über 1000 Personen tätigh. Das bedeutet zwar keineswegs
eine Aufsaugung der kleineren und mittleren Betriebe, wie das er—
freulicherweise für das Handwerk soeben die eingehende Handwerks—
untersuchung des „Enqueteausschusses“ bewies. In ihnen liegt nach
wie vor ein Großteil der deutschen Wirtschaftskraft, das aus wirt—
schafts- wie staatspolitischen Gründen sorglicher Hege und Pflege
durch taugliche Mittel bedarf. Aber es bleibt bestehen, daß jene
Entwicklung zu den Großbetrieben immer stärker geworden ist, nicht
aus der Willkür der Menschen gewollt, sondern vom Gang der
Wirtschaft bestimmt, eine Entwicklung, die man nicht künstlich ver—
hindern kann und soll, wenn anders Deutschland die Schwungkraft
seiner großen Räder im Verhältnis zu jener der entwickelten In—
dustriestaaten des Auslandes steigern will.

Noch eine tiefgreifende Veränderung, die tiefstgreifende von
allen, wenn sie von längerer Wirksamkeit sein sollte: der im Deut—
schen Industrie- und Handelstag von ersten Sachkennern mehrmals
gründlich erörterte Rückgang der Geburtenzahl, die
1928 nur die Hälfte der Durchschnittszahl des Jahrzehnts 1860
bis 1870 ausmachte und nurmehr zwei Drittel der Zahl von 1913,
mit der Folge, daß trotz noch stärkeren Rückganges der Sterbefälle
der Geburtenüberschuß auf 7 v. T. gesunken ist und im Zusammen—
hang mit dem Altersaufbau der Bevölkerung bereits die Grenze
der Erhaltung der Bolkszahl unterschritten hat.
Ein Blick auf das Ausland zeigt, daß Deutschland im Rückgang alle
anderen überflügelt. Die germanischen Länder Europas halten fast
gleichen Schritt, unsere ssawischen Nachbarvölker sind von gleicher
Entwicklung noch weit entfernt.

Ich möchte damit nicht das Lied vom Untergang des Abend—
landes anstimmen — nichts weniger als das! Aber daß diese
Ziffern ernsteste Mahnungen enthalten, ist sicher, und wären sie
neben Lebensanschauungsgründen auch nur zu einem ganz geringen
Teil in wirtschaftlichen Umständen, Unsicherheiten und Beengtheiten
        <pb n="11" />
        dieser Zeit begründet, so wäre das Beweis genug, wie auch um der
Volks- und Staatskraft willen jetzt in besonderem Maße Sinnen
und Trachten der Hebung der deutschen Wirtschaftskraft, der Be—
hebung lebenslähmender Umstände und der Wiederschaffung ge—
nügender Arbeits- und zugleich Aufstiegsmöglichkeiten zuzuwenden
ist, nicht als ob es nicht auch seelischer Erneuerung bedürfte, aber
um diese zu begleiten und ihr gewisse Voraussetzungen zu schaffen.

Uber diesen Grundströmungen unseres Volks- und Wirtschafts-
lebens, die gleichzeitig starke politische Strömungen und Strebungen
bedingen, und innerhalb ihrer heben und senken sich, deutlicher als
jene sichtbar, die Wellenberge und -täler des

Konjunkturverlaufs.

Erschreckend tritt uns vor allem die Entwicklung des Ar—
beitsmarktes und der Arbeitslosigkeit entgegen. Betrug die
Zahl der Hauptunterstützten im Durchschnitt des Jahres 1929
1275 000 Menschen, so stieg sie Ende Februar 1930 mit 2378 000
noch über die Höchstzahl von 1929. Rechnet man dazu 278000
Krisenunterstützte und die von der Wohlfahrtspflege oder überhaupt
nicht unterstützten Arbeitslosen, so ergibt sich eine Gesamtzahl von
rund 3144 Millionen, und bezieht man die Zahl der Angehörigen
ein, so kommt man auf nicht sehr viel weniger als 10 v. H. der Be—
völkerung, die vom Schicksal der Arbeitslosigkeit berührt oder irgendwie
mit den durch sie bedingten öffentlichen Maßnahmen verknüpft sind.
Unter den Arbeitslosen ist, auch nach den arbeitssittlichen
Fortschritten der Novelle zum Arbeitslosenversicherungsgesetz
vom 12. Oktober 1929 gewiß noch eine erhebliche Zahl solcher, die
der Unterstützung im strengen Sinne nicht bedürfen. Der ungeheure
Ernst der Zahl aber bleibt bestehen, ohne daß er durch die
Gründe, die bei dieser Zahl mitwirkten, gemildert würde; denn
auch diese Gründe: Wegfall des stehenden Heeres, der veränderte
Altersaufbau, das längere Verbleiben vermögenslos Gewordener
auf dem Arbeitsmarkt, der wachsende Anteil von Frauen und
Mädchen im Erwerbsleben bleiben ja noch längere Zeit bestehen.
Nun sind freilich in den Jahren 1925 bis Anfang 1930 rund
2 Millionen Menschen neu auf dem Arbeitsmarkt zugegangen. Von
ihnen wurden sohin A Million Menschen in den Arbeitsgang auf—
genommen, 12 Million nicht. Noch bringen die Jahre 1930 und
1931 neuen Zugang, dann kommt das Überwiegen des Abganges
in den Jahren 1932 bis 1934 infolge der schwachen Geburtenfahr—
        <pb n="12" />
        6

gänge des Krieges, dann ein Wiederansteigen. Diese Entwicklung
mag in den nächsten Jahren eine gewisse Entlastung bringen, aber
sie bringt auch Gefahren mit sich. Insbesondere wird es gelten, in
den Jahren des verringerten neuen Zuganges die fachliche
Ausbildung nicht Schaden leiden zu lassen und im Lohn—
wesen Disziplin zu halten und ungesunde Verlagerungen zu ver—
meiden.
Daß wir aber auf die Dauer, auch rein wirtschaftlich gesehen,
von einem Geburtenrückgang, wie wir ihn jetzt erleben, von allem
Nationalen abgesehen, ernste und ungünstige Folgen und Aus—
sichten zu gewärtigen haben, steht fest. So kommt eben alles
darauf an, die Volkswirtschaft so stark und gesund zu machen, daß
sie auch wieder steigenden Menschenzahlen Beschäftigung gewähren
kann. Um die erfinderische, die technische, die kaufmännische
Geistesleistung der zur Führung Berufenen braucht uns auch
im Wettbewerbe mit dem Auslande nicht bange zu sein. Der
Arbeitswille des deutschen Volkes ist nicht zu bezweifeln.
Das aber, was zumeist fehlt und was neu zu erringen ist, das sind
bessere Ertragsmöglichkeiten, ohne die jede Wirtschaft
erlahmt, das ist ferner die Bildung des notwendigen Kapitals
und die Heranziehung des notwendigen Kredits, aus dem die zur
Fortbildung der Wirtschaft erforderlichen Neuanlagen gemacht wer—
den können, das ist des weiteren Absatzz für die deutschen Waren
im Inland und ebenso im Ausland und damit die Abwehr der
schweren drohenden Gefahr einer übermäßigen Verschuldung
ans Ausland.

Es fehlt nicht an hoffnungsvollen Ansätzen zu
solcher Entwicklung, wie die Ziffern der Wiedererholung unserer
landwirtschaftlichen wie unserer industriellen und gewerblichen Er—
zeugungskraft, Produktionsindex und Ausfuhr beweisen; neben
ihnen stehen die Ziffern der Wiederverstärkung des

Vollseinkommens,
das für 1913 auf 48 bis 49 Milliarden und für 1925 vom
Statistischen Reichsamt, dem ich auch sonst hier folge, auf 54 Mil—
liarden geschätzt war und nun auf rund 70 Milliarden veranschlagt
wird. Aber dabei ist nicht zu vergessen, daß zufolge der Preis—
steigerung diese 70 Milliarden an Tausch- und Sparkraft
kaum mehr als 50 Milliarden vor dem Kriege ausmachen. Es ist
        <pb n="13" />
        ferner von Bedeutung, daß den Hauptanteil an dieser Steigerung
das Einkommen aus Lohn und Gehalt hat, also das der
Arbeiter, Angestellten und Beamten, das von 1925 auf 1980 von
34,9 auf 44,5 bis 45,5 Milliarden gestiegen ist, während die Ein—
künfte aus Kapitalvermögen, Dividenden und Effekten—
zinsen und sonstigen Zinsen zwar die verhältnismäßig starke
Steigerung von 1,4 auf 3,83 bis 3,4 Milliarden erreichten, damit
aber immer noch erst ein Vierzehntel des Lohneinkommens aus—
machten, während das Einkommen aus Unternehmungen in Handel
und Gewerbe einschließlich der freien Berufe von 11,7 auf über
13 Milliarden und die Einkünfte aus öffentlichen Erwerbsunter—
nehmungen von 1,0 auf 1,8 bis 2,5 Milliarden stiegen.

Wieviel Schätzungen auch in diesen Ziffern liegen, sind sie doch
sehr beachtlich. Sie deuten darauf hin, daß die Einkünfte aus
Kapitalvermögen zwar nach einem außerordentlichen Tiefstand eine
starke Erholung gefunden haben, daß aber der weitaus größte Teil
des Wachstums des Volkseinkommens in Löhne und Gehälter ge—
gangen ist. Jedenfalls ist neben diesen Ziffern der Einkommens—
mehrung, die von Zweckoptimisten allzu leicht als Zeichen einer
außerordentlichen Tragkraft der deutschen Volkswirtschaft betrachtet
wird, auch auf die

Verschuldung

hinzuweisen, die jetzt in kurz- und langfristigen Krediten auf etwa
16 Milliarden errechnet wird, und zu der noch die Anlagen aus—
ländischen Kapitals in deutschem Grundbesitz und deutschem
Effektenbesitz in Höhe von etwa 8 Milliarden hinzukommen. Dabei
ist diese Verschuldung unschwer zu erklären, betrug doch 1924 bis
1929 die Passivität des Warenhandels 7,9 Milliarden,
die Abführungen an Reparationsleistungen 8,7 Mil—
liarden, die Verzinsung des in Deutschland angelegten Aus-—
landskapitals 2,4 Milliarden.

Der Fortgang dieser Verschuldung hat noch nicht sein Ende er—
reicht. Auch gegenwärtig ist die Zahlungsbilanz
mit 1,796 Milliarden jährlicher Reparationsleistungen ohne Gegen—
leistung vorbelastet, die bereits vom Jahre 1936 an auf über 2 Mil—
liarden steigen werden. Dazu kommt ein jährliches Passivsaldo
an Zinsen von gegenwärtig 900 Millionen, im ganzen also
2,7 Milliarden, dem sicher nur ein Aktivposten von etwa 400 Mil—
lionen für Frachtendienste uswp. gegenübersteht und — die Hoffnung
        <pb n="14" />
        auf einen Ausfuhr überschuß. Der Zustand, daß das Reich die
Kriegstribute aus Auslandskrediten bezahlt, dauert also an, d. h.
wir zahlten an die Gläubiger auch 1929, was sie uns borgten. Daß
dies nicht in fernste Zeiten fortgehen kann, ist klar. Je nach Zeit
und Umständen bedingt dies Leihen eine Erfassung deut—
scher Produktionsmittel durch das Ausland, sei es in der
Form der Pfandhaftung, sei es in der Form der Besitzbeteiligung
durch Aktienerwerb. Damit will ich nicht etwa „Uberfrem-
dung“ als Schreckgespenst schlechthin hinstellen. Wenn es gelingt,
die deutsche Führung festzuhalten, wenn fremdes Kapital dem
Werke deutschen Geistes und deutscher Hände Grundlagen und Mög—
lichkeiten gibt, mehr Wert für die deutsche Volkswirtschaft und Aus—
fuhrsteigerungen nach Ländern zu erzielen, die wir sonst im Wett—
bewerb mit kapitalstärkeren Ländern nicht erreichen könnten, so
liegt darin ein Aktivum für unsere Volkswirtschaft. Aber es gilt
auch, sich der Gefahren bewußt zu bleiben, die in solchem Ein—
dringen liegen, und die Grenzen zu beachten, jenseits deren die mög—
lichen Gefahren zu Wirklichkeiten werden. Es bleibt daher das
Ziel, zwar die Kreditwürdigkeit der deutschen Wirtschaft zu steigern,
ihre Kreditbedürftigkeit aber durch Stärkung der eigenen Kapital—
kraft zu senken, um so dem Ziele einer nicht nur bilanztechnisch,
sondern auch wirklich ausgeglichenen Zahlungsbilanz sich zu nähern.

In der Tat besteht, wenn auch zu Ende 1929 und Anfang 1930
ein erheblicher Rückgang des Umsatzes, wenn ferner, hoffentlich nur
borübergehend, ein Nachlassen der Spareinlagen zu sehen war, wenn
an sich die Zahl der wirtschaftlichen Schwächepunkte, Konkurse und
Vergleiche erheblich gestiegen ist, doch die Hoffnung, daß sich in
Deutschland bei außen- und innerpolitischer Beruhigung trotz
mancher Depressionen in der Weltwirtschaft eine aufsteigende Linie
allmählich durchsetzen wird. Die Verminderung der Wechsel—
umlaufziffern und die gleichzeitige Erhöhung der Bank—
debitoren ist freilich nicht als ein Zeichen wirtschaft—
licher Erstarkung zu betrachten, und ebensowenig läßt die
Verflüssigung des Geldmarktes darauf schließen.
In diesen Erscheinungen zeigt sich vielmehr zu einem erheblichen
Teil ein gewisser Rückgang der Geschäftstätigkeit,
der, wie immer in Zeiten einer Depression, den Geldbedarf der
aArbeitenden Wirtschaft mindert. Andererseits ist die internationale
Senkung der Zinssätze eine Erleichterung für die deutsche Wirt—
        <pb n="15" />
        schaft bei gleichzeitig wachsendem Vertrauen des Auslands, das z. B.
in amerikanischen Anleihen für größte deutsche Unternehmungen
und in Kurssteigerungen zum Ausdruck gekommen ist.

Freilich hat diese Zinssenkung vorläufig das Gebiet
der langfristigen Kapitalanlage nur wenig berührt.
Die Ansätze der Besserung müssen daher sorglichst
gepflegt werden. Uberstürzte und gehäufte
Neuemissionen, insbesondere der öffent—
hbichen Stellen, würden solche Ansätze bald,
wie es Anfang 1927 der Fall war, erst icken. Dazu muß
auch die Gesetzgebung helfen durch Aufhebung der Kapital—
ertragsteuer und steuerliche Ermöglichung von Invest-
mentgesellschaften, nicht zuletzt zugunsten solcher Betriebe,
die nicht selbständig an den internationalen Kapitalmarkt gehen
önnen.
Immerhin bedeutet die starke Senkung der ausländischen Zins—
sätze angesichts unserer hohen kurzfristigen Auslandsverschuldung
schon jetzt eine nicht unerhebliche Verminderung der ausländischen
Zinslast. Dabei ist der gewaltige
Rückgang internationaler Rohstoffpreise
nicht ohne eine wahrscheinlich doppelsinnige Bedeutung. Sank doch
vom ersten Vierteljahr 1928 bis zum Februar 1930 der Preis für
Wolle, Flachs, Kautschuk um 50 oder fast 50 v. H., für Silber,
Zinn, Zink um etwa 25 v. H. Das bewirkt einmal eine erhebliche
Ersparung an Einfuhraufwand, sodann eine Verkleinerung der
Beld- und Kreditbeanspruchung zur Bewältigung der Umsätze und
wirkt damit in der Richtung der Zinssenkung. Anderseits bewirkt
der Preissturz wirtschaftliche Depressionen für weite Teile
der Erde, die zwar selbst wieder eine weiterwirkende
Ursache für den niedrigen Zinsstand bilden, zum
anderen freilich auch die Aufnahmefähigkeit großer Rohstoffländer
für unsere Ausfuhr erheblich mindern. Noch ist das Ende dieses
Umschwungs, noch seine tieferliegende Natur nicht abzusehen. Noch
stehen Not aus Überfluß in jenen Rohstoffländern, für die
die Bewältigung reicher Ernten die schwerste Sorge ist, und Not
aus Mangel in Ländermn irregehender oder schwacher zerklüfteter
Staatskraft, wie in Rußland und China, anklagend nebeneinander.
Möglicherweise bahnt sich damit eine Umlagerung wirtschaftlicher
        <pb n="16" />
        J

Kräfte an, die für Deutschland als Rohstoffkäufer und verarbei—
tungsland von hoher Bedeutung sein wird.

Alles in allem: Wir haben ein Recht, auf die inneren
Aufstiegskräfte unserer Wirtschaft zu vertrauen unter zwei
Voraussetzungen: der, daß nicht ein Rückfall in eine auf Ver—
nichtung oder doch Schwachhaltung Deutschlands abzielende Politik
der großen Mächte kommt, und zum andern, daß der Staat diesen
Kräften des Aufstiegs die notwendige Hilfe leistet. Dabei ist an
nichts weniger gedacht als an Subventionen, die auf die Dauer
nicht helfen können und grundsätzlich abzulehnen sind, sondern
lediglich an eine den Aufstieg fördernde

Wirtschaftspolitik auf der Grundlage der Privatwirtschafts⸗
ordnung.
Wenn Professor Carl Schmitt gestern in seinem Vortrag über
die Neutralität des Staates davon sprach, daß eine solche Neu—
tralität der Wirtschaft gegenüber „keinesfalls mehr im alten Sinn
der unbedingten Nichteinmischung des Staates verstanden werden
könne“, so stimmen wir gewiß dem alle zu; denn allzu deutlich ist
es ja, daß der Staat, ohne ein Wirtschaftsstaat im sowjetistischen
oder faschistischen Sinne sein zu wollen, die Wirtschaft notwendiger—
weise durch Handels-, Steuer-, Sozial- und Rechtspolitik immer und
immer wieder beeinflußt und kraft seines Wesens beeinflussen muß.
Um so stärker ist mit Schmitt die Forderung innerpoltischer Neu—
tralität im Sinne von Unparteilichkeit und Sachlich—
keist zu betonen zu dem Ziele, die Wirtschaft nach wirtschaftlichen
Gesetzen zu stärken. Das bedeutet keinen Verzicht auf eine staats—
politische Wertung wirtschaftlicher Kräfte und Ziele. Aber es be—
deutet die Forderung, die Wirtschaft als eine Gesamtheit zu be—
trachten und nach den ihr eigenen, sei's unveränderlichen, sei's zeit—
lichen Gesetzen zu behandeln.

Hierbei ist daran zu erinnern, daß die- Weimarer Ver—
fassung des Deutschen Reiches auf den Grundpfeilern der
individualistischen Rechts-, Wirtschafts- und
Gesellschaftsordnung aufgebaut ist. Sie betont die
Grundsätze der Gerechtigkeit mit dem Ziele der Gewährleistung
eines menschenwürdigen Daseins für alle. Aber sie betont gleich—
zeitig die wirtschaftliche Freiheit des einzelnen und schützt Ver—
tragsfreiheit und Eigentum. Vieles freilich in ihr ist der gesetz—
        <pb n="17" />
        lichen Entwicklung nach dieser oder jener Seite hin fähig; aber
wer eine von sozialem Pflichtbewußtsein durchdrungene individua—
listische Wirtschaftsordnung vertritt, steht damit auf dem Boden
der Verfassung.
Was dem Staate und vom Staate nottut, freilich auch ebenso
den in der Wirtschaft Stehenden, ist vor allem die Erkenntnis
der Zusammenhänge. Gewiß ist von der Erkenntnis zur
Tat noch ein weiter Weg. Aber ohne Erkenntnis ist Tat in einem
den Erfordernissen der Volkswirtschaft entsprechenden Sinne über—
haupt nicht denkbar. Denn vieles von dem, was die Erkenntnis
ursächlicher Zusammenhänge als notwendig erweist, geht gegen
nächste Wünsche und Anforderungen breiter Kreise. Darin liegen
Schwierigkeiten nicht nur für die Sozialdemokratie, sondern auch
für andere Parteien und verantwortungsbewußte Männer in ihnen,
zu einer Politik der wirtschaftspolitischen Notwendigkeiten zu
kommen. Die eben überwundene Regierungskrise wie die augen—
blickliche politische Krise sind ein deutliches Beispiel dafür.
Zu diesen Erkenntnissen gehört vor allem, wie mein Herr
Vorredner ausführte, die des
notwendigen Zusammenklangs von Arbeit und Kapital.
Der Erkenntnis, daß das Kapital der Arbeit, und zwar pfleglich
behandelter Arbeitskraft bedarf, hat sich die weitaus übergroße Zahl
der Unternehmer längst nicht entzogen, und Zeiten einer zügellosen
Ausnutzung der Arbeitskraft liegen lange hinter uns, so stark die
Erinnerung an sie und die Art, wie auch notwendige soziale Fort—
schritte besonders in den Frühzeiten des Kapitalismus diesem ab—
gezwungen werden mußten, noch heute die Einstellung weiter Kreise
besonders auch der Wissenschaft und Politik beeinflussen. Daß
die Arbeit des Kapitals bedarf, ist in großen Teilen
der Arbeiterschaft bei weitem nicht ebenso erkannt und noch weniger
durch die Tat anerkannt. Immerhin, die Erkenntnis wäöchst, je
mehr die Folgen der Entkapitalisierung unserer Wirtschaft sichtbar
werden. Aber es erheben sich neue Dogmen aus dem Ressentiment
gegen das private Kapital. Da ist vor allem das Dogma der
Kapitalbildung in der öffentlichen Hand. Es
findet in verschiedenen Formen Ausdruck. Man sieht in dem wirt—
schaftlichen Betriebe der öffentlichen Hand in gewissem Sinne den
        <pb n="18" />
        12

Ubergang zur Sozialisierung. In ihm soll Kapital sich bilden,
ihm soll aus der Privatwirtschaft durch Steuern und Gemeinde—
abgaben Kapital zugeführt werden; von allen sozialkörperschaftlichen
Vermögensverwaltungen wird die Verwendung ihrer Bestände im
Sinne der Stärkung irgendwie gearteter öffentlicher Wirtschaft ver—
langt. Auch wir verwehren es der öffentlichen Hand nicht, Kapital
zu bilden und zu sammeln, wo und soweit sie es zur Erfüllung
allgemeinwirtschaftlicher, nicht sonst zu befriedigender Bedürfnisse
braucht. Aber von da ist ein weiter Schritt zum Dogma, daß die
Kapitalbildung schlechthin, sofern nur immer möglich, und vorzugs—
weise in der öffentlichen Hand sich vollziehen solle. Man verkennt
damit, daß das Kapital vor allem den Zweck hat, Mehrwert zu
erzeugen und auf dem Wege dazu menschliche und mechanische
Arbeitskräfte zu bewegen, und daß es daher für die Gesamtheit den
besten Dienst in der Hand desjenigen tut, der diesen Zweck am
besten erfüllt, sofern die sozialen und kulturellen Notwendigkeiten
dabei vom Staate im Rahmen des wirtschaftlich Möglichen gesichert
werden, wie dies in keinem Lande wohl stärker der Fall ist als im
Deutschen Reich.

Dieser innere Zusammenhang wie auch weiter der Zusammen—
hang des Kapitalbedarfs wie der Lohnmöglichkeiten mit den Ver—
hältnissen der Weltwirtschaft ging aus den Ausführungen meines
Herrn Vorredners so klar hervor, daß darüber nichts mehr zu sagen
ist. Nur auf eines sei noch besonders hingewiesen, die Erkenntnis
vom Zusammenhangunserer Wirtschaftsverhält—
nisse mit der Kriegstributpflhicht. Man begegnet
Ausführungen, die alles an Wirtschaftsnot auf sie abladen, wie
solchen, die sie in ihrer Wirkung den Fehlgriffen unserer eigenen
Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsführung nachordnen. Beides
scheint mir irrig. Wenn wir in den Jahren 1924 bis 1929
8 Milliarden Dawesleistungen zu bewirken hatten, abgesehen von
den ungezählten unabgerechneten und unangerechneten Vorlei—
stungen, und wenn nun weiter für die nächsten Jahre eine Jahres—
leistung von etwa 1,8 Milliarden auf unserer Wirtschaft liegt, so
bedeutet das auf dem Hintergrunde des Kapitalmangels und auch
der wieder erreichten Kapitalbildung gesehen in seiner unorganischen
Zwangsläufigkeit etwas Gewaltiges. So wenig wir darin den
ausschließlichen Quell fortdauernder Schwierigkeiten sehen
dürfen, so wenig sollten wir durch andere Ziffern uns diese gewal—
        <pb n="19" />
        tige Größenordnung in ihrer fortdauernden Ursächlichkeit ver—
kleinern lassen.

Zurzeit kommt der Tatsache der Neufestsetzung dieser Summen
eine ganz besondere innenpolitische Bedeutung zu. Wenn der
gegenwärtige Reichskanzler Dr. Brüning als Führer der Zen—
trumsfraktion mit äußerstem Nachdruck verlangte, daß mit der
Annahme des Young-Planes die

Sanierung der Reichsfinanzen

und die Ordnung der Steuern verbunden werde,
so wurde dem mancherlei entgegengehalten, so, daß diese Aufgaben
von wefentlich verschiedener Art nicht notwendig von derselben
parlamentarischen Mehrheit zu lösen seien. Aber wie man darüber
denken mag, der Grundgedanke dieser Forderung des jetzigen Reichs—
kanzlers hinsichtlich der ursächlichen, aber auch der folgenmäßigen
Verbindung beider Fragen ist zweifellos zu tiefst begründet. Die
nicht weiter zu begründende Pflicht der Reichsführung, die Reichs—
finanzen in Ordnung zu bringen und der Wirtschaft alle damit
verträglichen besseren Grundlagen des Aufstiegs zu geben, ist mit der
Annahme des Young-Planes in ein auch außenpolitisch besonders
scharfes Licht gerückt.

Sie wurde dadurch nicht zu einer Pflicht einer höheren Stufe,
aber es wurde nun auch außenpolitisch notwendig als Folge des
Vertrags, alles daran zu setzen, die deutsche Wirtschaft durch Ent—
lastung zu stärken und zu kräftigen, um durch den bestmöglichen
Versuch der Aufbringung jener Lasten den Beweis zu erbringen, von
welchem Punkte an ihre Aufbringung ebensowenig wirtschaftlich
möglich sein wird, wie die Forderung danach je nach. innerem
Rechte begründet war. Wir haben vom Deutschen Industrie- und
Handelstag aus mehr als einmal betont, daß es nicht angeht,
zu dem Neuen Plander Kriegsentschädigung
außenpolitisch Ja zu sagen, zu dem notwendigeren
Neuen Plan der Reform der Wirtschaftspolitik
aber Nein zu sagen oder, was fast noch schlimmer ist, eine un—
entschlossene zögerliche Haltung einzunehmen.

Dieser Zusammenhang wie jener des Kapitalmangels zwingt,
die Finanzfrage an erster Stelle zu besprechen. Der Deutsche
Industrie- und Handelstag hat hierfür im November 1929 Leitsätze
aufgestellt. Auch wir glaubten damals, daß alsbald erhebliche Mittel
        <pb n="20" />
        aus dem Young-Plan und aus einer Steuerumlagerung für eine
Entlastung an jenen Stellen freizumachen seien, wo die Entlastung
am unmittelbarsten und wirksamsten der Gesamtheit der Volkswirt—
schaft zugute kommen würde. Die Entwicklung ist einen anderen
Weg gegangen. Man stellte es eine Zeitlang so dar, als ob lediglich
die jähe Forderung des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht auf
Bereitstellung außerordentlicher Tilgungsmittel von 450 Millionen
die Wendung gebracht hätte. In Wirklichkeit war es weniger eine Wen—
dung von Tatsachen als eine Wendung der Erkenntnis von der Un—
haltbarkeit der Kassenlage des Reiches und des wachsenden Fehlbetrages
des außerordentlichen Haushalts, verschärft durch die ungünstige Ent⸗
wicklung der Ist-Einnahmen des Reiches. Man hatte sich jahre—
lang daran gewöhnt, Ausgaben auf den außerordentlichen
Haushalt zu übernehmen, die nicht werbende Ausgaben waren,
wie das die Reichsverfassung verlangt. Man setzte dies Verfahren
auch fort, als die Lage des Kapitalmarktes offenkundig nicht mehr
zuließ, die notwendigen Anleihen zur Bestreitung dieser an sich nicht
anleihefähigen Ausgaben aufzunehmen; endlich, als die Anleihen
versagten, griff man zu Kassenmitteln des ordentlichen Haushalts.
Der Reparationsagent wandte sich mehr als einmal dagegen; auch
die Finanzminister haben 1927, 1928 und 1929 ihre bessere Er—
kenntnis nicht verhehlt. So wurden in den Jahren 1924 bis 1929
im außerordentlichen Haushalt 33/, Milliarden Nettoausgaben
genehmigt, während bestenfalls die Hälfte echte außerordentliche
Ausgaben waren und von diesen wieder ein großer Teil keine An—
leihedeckung fand. Zwar stehen dem Ansprüche des Reiches auf
Rückzahlung von Darlehen aus dem außerordentlichen Haushalt
gegenüber, aber sie sind zu einem erheblichen Teil wohl ebensowenig
wie die bewilligten Anleihen zu verwirklichen. Anderseits ist in
den Jahren 1924 bis 1929 der überwiegende Teil der aus ein—
maligen Einnahmen angesammelten Mittel, wie vor allem der
Münzgewinn, dem außerordentlichen Haushalt vorenthalten und
für ordentliche Ausgaben verwendet worden.

Echte Uberschüsse hatte das Reich nur in den Jahren 1924
und 1925. Das Bestreben, durch Steuermilderung von ihnen
wegzukommen, war grundsätzlich richtig. Aber es gelang nicht, den
schmalen Weg zwischen Überschuß und Fehlbetrag zu finden. Schon
vom Jahr 1926 an hatten wir auch im ordentlichen Haushalt
Fehlbeträge von 284, 192, 509 und 298 Millionen. Uberschüsse, die
        <pb n="21" />
        15 —

nach der Haushaltsordnung zur Verminderung des Anleihebedarfs
oder zur Schuldentilgung zu verwenden waren, wurden zur Ent—
lastung des nächsten ordentlichen Haushalts verwendet. Der Rüge
des Rechnungshofes half man ab, indem man für die Jahre 1927
und 1928 die unangenehme Bestimmung der Reichshaushaltsord—
nung durch das Reichshaushaltsgesetz außer Kraft setzte. Eine
Steuersenkung erfolgte lediglich 1926 durch Minderung der Um—
satzsteuer und Wegfall und Erleichterung der Fusionssteuer. An
das Notwendigere, eine umfassende Ausgabensenkung, wie sie frei—
lich nicht ohne Gesetzesänderungen und durchgreifende politische
Kraftanstrengung möglich gewesen wäre, ging man nicht. Die
Folgen, wie sie sich in der schwebenden Verschuldung ausdrücken,
sind bekannt.

Man hört manchmal, es habe die Sparaktion des
Reichstags vom März 1029 die Hauptschuld an dieser Zer—
rüttung der Verhältnisse. Sie kürzte die Ausgaben um 182 Mil—
lionen, erhöhte die Einnahmeansätze um 70 Millionen und ver—
minderte die vom Reichsfinanzminister geforderten Steuer—
erhöhungen von rund 380 Millionen auf 90 Millionen. In der
Tat konnten die Ausgabenkürzungen von 182 Millionen bis auf
24 Millionen durchgeführt werden, wennschon manche Ausgaben
wiederkehren werden. Daneben freilich gestaltete sich die Einnahme—
— D
nahmen, so zwar, daß der Nachtragshaushalt für 1929 das Zurück—
bleiben der Steuern auf 280 Millionen bezifferte, und es ist nicht
ausgeschlossen, daß die Endergebnisse noch ungünstiger sein werden.

So stehen wir vor einer völligen Wandlung des Steuer—
programms, ja vor mehr, vor der Notwendigkeit einer ganz grund—
sätzlichen Reuorientierung unserer Finanzpolitik,
wie sie im wesentlichen bereits das Ziel des Reichsfinanzministers
Hilferding und des Staatssekretärs Professor Popitz gewesen war,
wennschon dieses Programm allzu lange verzögert und mit ein—
zelnen, seinen grundsätzlichen Erfordernissen fremden Parteiforde—
rungen zu sehr beengt und belastet war.

Es gilt, dabei den Blick zunächst auf einige einfache Gesamt-
ziffern unseres Volkshaushalts zu richten. Nach den
Berechnungen des Statistischen Reichsamts lag auf dem auf
70 Milliarden geschätzten Volkseinkommen im Jahre 1929 eine Ge—
—
        <pb n="22" />
        16 —

dustrie- und Eisenbahnobligationen, von rund 15 Milliarden und
ein Aufwand für soziale Versicherungsbeiträge von rund 4,75 Mil-
liarden, so daß Steuer⸗- und Sozialaufwand zusammen 20 Mil—
liarden oder 29 Prozent des Volkseinkommens ausmachten. Dazu
kommen noch die unsichtbaren Steuern, die in einer nicht wirt⸗
schaftlich, sondern lediglich fiskalisch bedingten Erhöhung der Werk—
larife der Gemeinden liegen, ferner die Ablieferungen der Reichs—
post an das Reich und die Kosten der unsichtbaren privann Steuer—
derwaltung.
Daß darin eine gewaltige Übersteuerung liegt, ist klar. Sie
hatte einst, 1919 und in den nächsten Jahren, einen gefährlichen
ideologischen Ursprung darin, daß man bei der Neugestaltung des
Steuerrechts die Steuern nicht nur als den notwendigen möglichst
niedrig zu haltenden Beitrag zum öffentlichen Haushalt ansah,
sondern vor allem auch als ein Mitteleiner die Kapital-—
bedürfnisse mißachtenden, sehr weitgehend so—
zialistischgedachten Beeinflussung der Einkom—
mensverteilung. Der praktische Grund der gewaltigen
Steigerungen aber lag darin, daß man sich nach der Umstellung
1924 und 1025 nicht entschloß, unter Beibehaltung strenger Aus—
gabensenkung die großen Uberschreitungen des Sollaufkommens zur
Steuersenkung zu verwenden, sondern zu immer neuen Aus-
gabensteigerungen gelangte und in der Folge sich damit
abfand, daß diese Ausgabenmehrungen „zwangsläufig“ sich weiter
steigerten, statt den viel bedeutenderen, freilich nicht so primitiv
nötigenden inneren volkswirtschaftlichen Zwang zur Ausgaben—
senkung wirken zu lassen.
Der Reichshaushalt 1930
ist das Erbe einer solchen Vergangenheit. Denn auch er ist nach
den überkommenen Ausgabezwecken, nicht nach den bei notwendiger
Steuersenkung erreichbaren Einnahmen gerichtet. Freilich ist durch—
greifende Ersparnis bei Reich, Ländern und Gemeinden, so not—
wendig sie ist, ebenso schwierig und nicht so einfach, wie man da
und dort sich vorstellt. Man weiß, daß es dem Reichsfinanzminister
unter den sotanen Verhältnissen nur in recht geringem Umfange
möglich war, im Reichshaushalt Einsparungen vorzunehmen. Aber
das ist kein Beweis, daß nicht erheblich mehr gespart werden könnte,
es ist lediglich ein Beweis dafür, daß auf andere Weise heran—
        <pb n="23" />
        —17

gegangen werden muß. Es bedarf einer viel gründlicheren Reform
als des Streichens an einigen Ausgabeziffern. Gewiß müssen alle
Haushalte geprüft werden, ob nicht Herabsetzung des Sachaufwands
und, in Durchführung vorliegender Reichstagsbeschlüsse, nicht auch
in stärkerem Maße das Nichtwiederbesetzen freier Beamtenstellen
möglich ist. Gewiß bedürfen die für verschiedene Zwecke, die an
erster Stelle Landeszwecke sind, eingesetzten Anträge der Nachprü—
fung unter dem Gesichtspunkt der Ersparnis wie der Aufgaben—
teilung. Gewiß muß der Haushalt des Reichsverkehrs—
ministeriums sorgfältig geprüft werden, ob der Aufwand für
Kanalbauten, Luftfahrt u. a. nicht gesenkt werden kann. Gewiß be—
darf auch der Haushaltsplan des Reichswehrministeriums
der Prüfung, ob nicht ohne Beeinträchtigung der erreichbaren
Wehrkraft Ausgaben gemindert werden können. Gewiß ist es auch
notwendig, auf Senkung der Kosten der Finanz- und
Steuerverwaltung bedacht zu sein, die mit rund 600 Mil—
lionen 4,4 Prozent der Einnahmen der Reichsabgabenverwaltung
aufzehren.

Für die entscheidend großen Summen aber ist das Haus-
haltsgesetz lediglich der ordnungsmäßige finanzielle
Ausdruck gesetzlich begründeter Verpflichtun—
gen. So bei den Aufwendungen der Kriegsversorgung,
deren wirklich notwendige Bedürfnisse selbstverständlich nicht ver—
kürzt werden dürfen. Aber es ist zu prüfen, ob nicht ohne Härten
der Zuschußbedarf verkürzt werden kann, da dieser 1925 1,4,
1929 1,8 Milliarden betrug und 1930 1,7 Milliarden betragen soll;
und wenn die Zahl der versorgten Beschädigten vom Mai 1928 bis
zum März 1930 um etwa 80000 stieg, so hat das zu einem Teile
natürliche Gründe, zum anderen aber Gründe in einer allzu weiten
Ausdehnung der Neuanerkennung auch für leichte Fälle. Dazu
kommen Unzweckmäßigkeiten und Kostspieligkeiten des Verfahrens
und der Verwaltung, die nicht viel weniger beansprucht als die
gesamte innere Verwaltung Preußens.

Ebenso ist eine gründliche Prüfung der Aufwendungen des
Reiches — aber nicht nur dieser — für die Sozialversiche—
rung notwendig. Es ist bekanntlich berechnet worden, daß auch
diese Zuschüsse in kurzer Zeit nicht mehr zur Deckung des Bedarfs
der Invalidenversicherung genügen werden, daß diese
vielmehr, sei es im Jahre 1932, sei es im Jahre 1934, zu ge—
        <pb n="24" />
        18 —

waltigen Steigerungen der Beiträge kommen müsse, um sich zu er—
halten. Es ist meines Erachtens nicht möglich, ohne genauesten
Einblick in die amtlichen Unterlagen zu einem abschließenden ver—
antwortlichen Urteil darüber zu kommen. Um so notwendiger ist
eine Prüfung durch erste Sachverständige. Endlich ist von ent—
scheidender Bedeutung, wie genugsam erlebt, die sichere Begrenzung
der Ausgaben des Reichs für die Arbeitslosenversiche—
rung.

Daran schließt sich die nicht minder wichtige Frage der Haus-
halte von Ländern und Gemeinden. Sind doch die
Uberweisungen des Reichs von Reichssteuern an die Länder von
2,58 Milliarden im Jahre 1925 auf 3,28 Milliarden int Jahre
1929 gestiegen und sollen nun auf 3,4 Milliarden weiter steigen.
Daneben stieg das eigene Steueraufkommen der Länder
und Gemeinden vom Jahre 1925 zu dem Jahre 1928
von 3,3 Milliarden auf 4,22 Milliarden. Es ist auch
hier nicht leicht, mit einem Pauschalurteil durchzukommen.
Richtig ist vor allem der Einwand der Länder und Gemeinden, daß
es nicht angeht, ihre Aufgaben als Zwecke zweiten Ranges gegen—
über den Zwecken des Reiches zu betrachten. Justiz, Polizei,
Schule, Aufgaben der Länder und Gemeinden, sind nicht weniger
wichtig als Aufgaben des Reiches. Aber wir alle haben auch er—
fahren, wie es doch oft am äußersten Willen zur Sparsamkeit fehlte.
Man kann nicht von einem Jahr aufs andere Hunderte von Mil—
lionen durch Verwaltungsvereinfachung einsparen, aber wo ist auch
nur ein wirksamer Anfang der Vereinfachung der Verwaltung?
Auch in Ländern, die selbst zu ihrer Notwendigkeit sich aufs stärkste
bekannten, steht er noch aus. Wir haben immer Wert darauf gelegt,
uns von verallgemeinernden Vorwürfen fernzuhalten. Wir er—
kennen an, daß gewisse Erkenntnisse sich durchgesetzt haben, aber
die durchgreifende Wirkung fehlt in Reich, Ländern. Gemeinden —
—DDDD—

Grund dafür ist nicht zuletzt, daß immer noch drei Viertel der
Bevölkerung unter dem Eindruck stehen, daß Ausweitungen
des öffentlichen Aufwandes der großen Uber—
zahl der Unbemittelten und um ihr Dasein ringenden
Volksschichen zugute kommen. Mit Stolper, dessen
„Finanzplan“ unter allen Umständen das Verdienst einer von
großen Gesichtspunkten ausgehenden Durchleuchtung, Gliederung
        <pb n="25" />
        19

und Neukonstruktion des großen Stoffes behält und in diesem
Sinne wirksam werden wird, ist dagegen der Gedanke
in den Vordergrund zu stellen, daß ein Mehr an Steuer—
leistung zugleich eine Verringerung an Leistungsfähigkeit der
Wirtschaft bedeutet. Man stellt es vielfach so dar, als ob
ein Mehr an Steuerleistung lediglich eine Verwandlung von pri—
vatem Kapital in öffentliches Kapital bedeute, und als ob es dort
nicht minder nützlich angewendet werde, sei es in wirtschaftlichen
Unternehmen, sei es in Besoldungs- und Fürsorgeleistungen, die
wiederum die Volkswirtschaft befruchten. Man darf diefen Ge—
danken nur bis zu Ende denken, um die Beschränktheit seiner
Geltung zu erkennen. Das Maß, in dem er richtig ist, ist zweifel—
los weit überschritten. Die Ubersteigerung der gegenwärtigen Zeit
beeinträchtigt die Leistungsfähigkeit der privatwirtschaftlichen Unter—
nehmungen, hindert die notwendige Aufstockung von Kapital, zwingt
zur Aufnahme von Leihkapital zu überhöhten Zinssätzen, erschwert
Kosten- und Preissenkung wie die Möglichkeit, auch Konjunktur—
schwankungen in der Arbeiterbeschäftigung auszugleichen, und gibt
Anlaß zu Kapitalabwanderung weiten Umfangs gesetzlicher und
ungesetzlicher Art.

Deutsche Kapital- und Betriebsnieder—
lassungen im Auslande sind notwendig als Stützpunkte
deutscher Außenhandelsbeziehungen. Für das Maß solcher Kapital—
und Betriebsniederlassungen im Auslande sind steuerliche Er—
wägungen nicht ohne Bedeutung. Daneben aber macht sich eine
Steuerflucht breit, die in weiteste Kreise des Volkes ge—
drungen ist. Agenten werben ganz offen mit dem Lockmittel der
geringen Versteuerung in Nachbarländern des Reiches. Eine klare
Durchrechnung müßte freilich manchen belehren, daß nicht in
allen angepriesenen Fällen solche Kapital—
anlagen im Ausland selbst vom Standpunkt hemmungslosen
Eigennutzes richt ig sind und die Steuer,ersparnis“ oft genug von
der Zinsspanne ausgeglichen wird. Aber die Tatsache besteht, und sie
zwingt, schleunigst zu einer Steuergesetzgebung zu kommen, die es
möglich macht, gesetzwidrigen Kapitalauswanderungen wiederum
mit stärkerem Erfolg und wirksamer mit Gegengründen der vater—
ländischen und kaufmännischen Wohlanständigkeit entgegenzutreten,
als es jetzt der Fall ist. Im gleichen Sinne würde die Wiederher—
stellung des Bankgeheimnisses wirken.
        <pb n="26" />
        20 —

Aber die Steuersenkung ist nicht möglich ohne AUusgaben-—
senkung. Hierzu bedarf es einmal einer besseren Ausbildung
des Haushaltsrechts im Sinne der Stärkung der Verant—
wortung. Nochmals sei eindringlich an die Leitsätze erinnert,
die der gemeinsame Ausschuß des Reichsverban—
des der Deutschen Industrie und des Deutschen
Industrie- und Handelstags aufstellte, und die dahin
abzielen, der Regierung das Recht zu geben, Ausgaben abzulehnen,
die der Reichstag gegen ihren Willen beschließt, und ferner den
Sparkommissar mit wirksameren Rechten, als er sie jetzt hat, aus⸗
zustatten. Die beiden Vorschläge sind durchaus mit der Gewalten⸗
verteilung nach der Reichsverfassung vereinbar. Sie betonen die
verantwortliche Führerstellung der Regierung, und sie wollen im
Reichssparkommissar einen Generalstaatsanwalt der Sparsamkeit
schaffen, nicht ausgestattet mit fachlich-diktatorischen Befugnissen,
die sich nicht in den Verfassungsaufbau fügen, wohl aber ausgestattet
mit Recht und Pflicht, in eigener Verantwortung mit Prüfungen
anzusetzen, wo es ihm notwendig erscheint, und mit seinen Vor—
schlägen sich, unabhängig von fremdem Einspruch, an die gesetz⸗
gebenden Körperschaften wie an die öffentliche Meinung zu wenden.

Ahnliches muß für das Haushaltsrecht der Länder gelten.

Die Fraktion des Herrn Reichsfinanzministers hat
erfreulicherweise Anträge im Reichstag gestellt, die die oben dar⸗
gelegten Gedanken verwirklichen sollen. Zunächst freilich hat ihre
Behandlung nicht viel erbracht, und der Herr Vorsitzende des Haus⸗
haltsausschusses hat dazu bemerkt, daß solche Anträge sich je nach—
dem, ob man in der Regierung sei oder nicht, verschieden ausnähmen
wie die Blätter der Silberpappel. Ich möchte hoffen, daß der Herr
Reichsfinanzminister dies Wort in dem Sinne wahrmachen wird,
daß er sich, sie von oben besehend, erst recht von ihrer grünen Farbe
zur Verwirklichung einladen lassen möge.

Inzwischen schlägt er vor, ihn durch Gesetz zu beauftragen, mit
dem Reichssparkommissar ein umfassendes Sparprogramm
durchzuarbeiten. So nützlich das ist, so wenig darf und wird der
Sparkommissar dadurch etwa grundsätzlich in die Lage eines ab—
hängigen Hilfsorgans der Regierung gebracht werden. Der Reichs—
tag aber wird nicht etwa in Erwartung des Sparprogramms für
1931 und folgende Jahre die Prüfung des Haushalts 1930 weniger
ernst nehmen dürfen. Vor allem ist es notwendig, daß die Vor—
        <pb n="27" />
        21

bereitung des Sparprogramms durch den Finanzminister und den
Sparkommissar in voller parteipolitischer Unabhängigkeit erfolge
und der Offentlichkeit alsbald, insbesondere vor irgendwelchen
parteipolitischen Verwässerungen, ein ungeschminktes Bild über die
Ergebnisse gegeben werde.
Zunächst aber sehen die
Steuervorlagen für das Haushaltsjahr 1930

lediglich Erhöhungen, und zwar auf dem Gebiete indirekter Steuern,
vor. Es ist nicht möglich, hierzu heute im einzelnen Stellung zu
nehmen. Gewiß begegnen verschiedene Maßnahmen auch in unseren
Kreisen ernsten Einwänden. Im ganzen aber wird man der Re—
gierung recht geben müssen, daß die notwendigen Steuereinnahmen
bewilligt werden müssen, und daß hierfür an einer stärkeren Heran—
ziehung entbehrlicher Verbrauchsgegenstände nicht wird vorüber—
gegangen werden können.
Entlastungen sieht das Gesetz mit sofortiger Wirksamkeit
lediglich auf dem Gebiete der Rentenbankbelastung zu—
gunsten der Landwirtschaft vor und ferner auf dem Gebiete der
Industriebelastung mit 40 Millionen. Bekanntlich ist die
Industriebelastung — übrigens ein Wort, bei dem häufig vergessen
wird, daß fast alle Betriebe der gewerblichen Wirtschaft aufbrin—
gungspflichtig sind — ausschließlich für Zwecke des Dawes-Plans ge—
schaffen worden. Selbstverständliche Rechtsfolge der Aufgabe der
Dawesbeanspruchung der Industriebelastung hätte deren Aufhebung
gleichzeitig mit dem Wegfall dieser internationalen Verpflichtung
sein müssen. Bekanntlich glaubt das Reich, zunächst auf eine ab—
steigende Forterhebung für eigene Zwecke nicht verzichten zu können;
noch mehr, es nimmt mit dem Rechte des Gesetzgebers, einem
zwingenden Rechte, hinter dem nicht immer ein gleich innerlich
begründetes Recht steht, die Rücklagen in Anspruch, für die aus—
drücklich die Zweckbestimmung der Entlastung der Aufbringpflich—
tigen als rechtsbegründet anerkannt worden war. Der Abbau sollte
auf fünf Jahre erstreckt werden, die jährliche Senkung zunächst
100, dann 50 Millionen betragen. Auch diese Regelung ist bisher
noch nicht über die nächste Zukunft hinaus festgelegt. Die alsbaldige
abschließende Regelung ist unerläßlich.

An weiteren Steuersenkungen sieht das Regierungsprogramm
bekanntlich zunächst die Aufhebung der Kapitalertragsteuer
        <pb n="28" />
        22

aus festverzinslichen Wertpapieren und eine Senkung der Kapi—
talverkehrsteuern vor; beide Maßnahmen sollen auf Grund
einer Ermächtigung der Reichsregierung getroffen werden. So—
fortige endgültige Gesetzgebung würde den Vorzug verdienen. Die
Unerläßlichkeit der Aufhebung der Kapitalertragsteuer ist auch
solchen, die vordem davor zurückschreckten, nun im Zusammenhang
mit der Notwendigkeit des Absatzes von Pfandbriefen im Auslande
für den Wohnungsbau klar geworden.

Andere Steuersenkungen sollen auf den 1. April
1931 verschoben, aber immerhin alsbald festgelegt werden. Das ist
wenig und war doch der Sozialdemokratie im März 1930 zu viel,
weil sie glaubte — anders als im Dezember 1929 Hilferding —
erst das Ergebnis des Steueraufkommens abwarten zu sollen. Aber
nach all den Erfahrungen der Vergangenheit ist es unerläßlich, die
Sanierung der Reichsfinanzen und die Senkung der Steuern in
Zusammenhang zu bringen. Da bestimmte Ausgabenminderungen
des Jahres 1931 gegenüber dem Jahre 1930 heute schon sichtbar
sind, so muß als vordringlicher Zweck die Steuersenkung gesetzlich
festgelegt werden, gerade jenen gegenüber, die heute schon in Aus—
gabenmehrungen mannigfaltiger Art Verwendungszwecke anderer
Art hierfür haben. Eine abermalige Enttäuschung
durch nachträgliche Anderung solcher Senkungsgesetze würde,
das muß den Parteien gesagt werden, die in weiten
Kreisen unleugbar bestehende schwere Ver—
trauenskriseaufs höchstesteigern.

Für diese Steuersenkungszwecke stand nach den
14 Punkten des Dezemberprogramms der Reichsregierung Hermann
Müller in Aussicht die Senkung der Grundsteuer um 10 Prozent,
der Gewerbesteuer um 20 Prozent, eine Minderung der Einkommen—
steuerbelastung durch Erhöhung der Freigrenze von 1200 auf
1440 RM. mit einem Steuerausfall von 220 Millionen und eine
Auseinanderziehung des Einkommensteuertarifs unter
Beibehaltung der auf längere Zeit unerträglich hohen Endstaffel
von 40 Prozent. Dagegen sind erhebliche Bedenken anzumelden.
Die in Aussicht genommene Anderung des Tarifs genügt nicht, um
—D
Steuerfreigrenze aber bedeutet die Vorwegnahme einer sehr folgen—
schweren Entschließung, die erst bei einem länger dauernden Finanz—
ausgleich getroffen werden kann. Denn sie entläßt ein großes Heer
        <pb n="29" />
        48

bisher Steuerpflichtiger aus jeglicher direkter Steuerpflicht, wenn
nicht gleichzeitig der vom Reichsfinanzminister Hilferding bereits
angekündigte und aus Gründen innerer Bindung und Verantwor—
tung unerläßliche Beweglichkeits- und Verantwortungsfaktor in
Form einer geeigneten Bürgerabgabe eingeführt wird. Daneben
ist es unerträglich, jegliche Bindung auf Senkung der Real—
ste uern zu vermissen. Die überhöhte Gewerbesteuer ist ein Haupt⸗
hindernis wirtschaftlicher Entwicklung. Eine wirtschaftliche Steuer—
reform ohne gesicherte wirksame Minderung der Gewerbesteuer, sei
es ausschließend, sei es mit an erster Stelle, ist nicht denkbar.

Die Erfordernisse, die sich hieraus nach unserer Auffassung
klar für den Gesetzgeber ergeben, sind im Entwurf unserer Er—
klärung in Ziffer IV 2 knapp zusammengefaßt.

Die Fragen der Finanzreform hängen aufs engste mit der

gemeindlichen Selbstverwaltung
zusammen, betrugen die Ausgaben der Gemeinden ohne Hansestädte
doch 1926/27 37 v. H. der Gesamtausgaben der öffentlichen
Hand. Mehr als einmal haben wir uns von den Handelskammern
als Trägern einer Selbstverwaltung der Wirtschaft zu dem Ge—
danken der gemeindlichen Selbstverwaltung bekannt, eingedenk des
Spruches Goethes: „Welche Regierung die beste sei? Diejenige, die
uns lehrt, uns selbst zu regieren.“ Ich bleibe dem auch heute treu.
Aber man darf die Augen nicht davor verschließen, daß diese Selbst—
verwaltung tiefgehende Wandlungen durchgemacht hat. Es kommt
nicht nur auf Gesetze, es kommt mehr auf den Geist der Menschen
an, die sie anwenden. Das Wort von der Krise der Selbstverwal⸗
tung ist von Männern ausgesprochen worden, die der Selbstverwal—
rung sehr nahestehen. Der schlimmste Feind der Selbstverwaltung
steht nicht außerhalb ihrer Mauern. Denn dieser schlimmste Feind
ist die Lockerung des verantwortungsbewußten Zusammenhanges
zwischen Stadt und Stadtbürgertum, ist die Freistellung breitester
Kreise Mitbestimmungsberechtigter von der Mithaftung des Ge—
wissens und des Vermögens. Hier liegen Probleme, die auch und
gerade von den Freunden der Selbstverwaltung nicht mit leichter
Hand beiseite geschoben werden dürfen. Wir begrüßen es, daß vom
Städtetag der Ruf nach stärkerer finanzieller Selbstverantwortung er—
klungen ist, und sehen in dem Zusammenfassen der Städte zur Um—
schuldungsaktion eine selbstverwaltungsmäßige Selbsthilfe, so bitter
die Notwendigkeit dieser Umschuldung zu beklagen ist und manche
        <pb n="30" />
        Folge, die sie für den gewerblichen Kredit hat. Wir rufen nicht
nach einer schrankenlosen Staatsaufsicht. Aber Selbstverwaltung
kann auch als „Recht auf eigene Fehler“ — jetzt sehr oft aller—
dings zu Lasten anderer — nicht bis zur Uberantwortung des Ge—
deihens der privaten Wirtschaft an einen Geist der Unverantwortlich⸗
keit und der Unwirtschaftlichkeit gehen, der sich da und dort breit
macht. Es ist heute leider so, daß nicht selten der Bürger,
ja der verantwortliche Selbstverwaltungsmann selbst des Schutzes
gegen Ausschreitungen der Verantwortungslosigkeit bedarf. In
solchen Fällen ist das Eingreifen der Staatsaufsicht unentbehrlich.
Des weiteren glaube ich, daß die Einheitlichkeit der
Finanzverantwortung der öffentlichen Hand,
namentlich auch der Anleihewirtschaft in Deutschland, wirk—
samer als bisher zu sichern sein wird in einem Zusammenwirken
der Selbstverwaltung und der Staatsverwaltung, das die Selbst—
verwaltung überall da, wo sie Selbstverantwortung im Rahmen
der allgemeinen Notwendigkeiten übt, nicht beeinträchtigen, da aber,
wo sie dieses Maß überschreitet, die Verantwortuug für das Ganze
voranstellen würde.
Im besonderen ist auf dem Gebiete der Gemeindefinanzen ein
besserer Schutz der gewerblichen Wirtschaft gegen einseitige Er—
höhungen der Gewerbesteuer notwendig, nachdem der Schutz
ministerieller Empfehlungen und Anweisungen sich als unzulänglich
erwiesen hat. Eine zweckmäßige Verkoppelung mit der Gemeinde—
bürgerabgabe steht hierbei im Vordergrund.

Endlich ist eine bessere Abgrenzung auf dem eigenen Ge—
biete der Wirtschaft zwischen der öffentlichen und der
privaten Hand vonnöten. Beide stehen, wie Herr Minister
Dr. Schreiber sagte, nebeneinander, und die Wirtschaft der öffent—
lichen Hand ist für gewisse Gebiete auch von der privaten Wirtschaft
längst im Rechte ihrer geschichtlichen Entwicklung wie ihrer
Leistungen anerkannt. Aber die öffentliche Wirtschaft ist über diese
Grenzen vielfach hinausgegangen. Darum begrüßen wir mit be—
sonderem Dank die darauf bezügliche Erklärung des Herrn Preu⸗
ßischen Handelsministers wie sein bisheriges Vorgehen. Auch Er⸗
klärungen von gemeindlicher Seite, daß die Gemeinden eine gründ⸗
liche Bereinigung von Kriegs- und Nachkriegsgründungen solcher
Art vornehmen wollten, sind wertvoll. Das Ergebnis steht
noch aus. Die grundsätzliche Abgrenzung kann nicht damit abgetan
        <pb n="31" />
        25

sein, daß man sich auf ein Recht der Universalität der Betätigung
beruft, das verwaltungsmäßig, nicht wirtschaftlich gedacht war.
Grenzziehungen werden auch auf diesem Gebiete nicht ewig sein.
Aber Vorbilder liegen gesetzlich vor und verdienen Beachtung. Vor
allem ist Gleichheit des Wettbewerbes zu verlangen;
keine Ausnützung der Behördeneigenschaft für wirtschaftliche Unter—
nehmungen, keine steuerlichen Vorrechte. Wo aber ein wirtschaft—
liches Unternehmen der öffentlichen Hand besteht, muß es als solches
geführt werden. Es ist unmöglich und ist die schlimmste Herab—
setzung der Selbstverwaltung in der öffentlichen Achtung, wenn auch
bei solchen wirtschaftlichen Betrieben parteimäßig Stellen besetzt
und Entscheidungen getroffen werden, statt daß gerade hier persön—
liche und sachliche Zusammenarbeit mit den Kräften der Wirtschaft
gesucht wird. Und endlich ist öffentliche Klarstellung
zu verlangen. Alles dies sind keine Forderungen gegen Gemein—
den, Provinzen, Staaten, es sind Forderungen aus dem Wesen der
Wirtschaft und Forderungen des öffentlichen Wohls, und sie zu er—
füllen, ist um so dringlicher, als der Verwalter der größten öffent—
lichen Unternehmen im Reiche nächst der Reichsbahn, der Herr Preu—
ßische Handelsminister Dr. Schreiber, in eingehenden Darlegungen,
die er mehr als einmal öffentlich gegeben hat. dieselben Erforder—
nisse aufstellte.
Finanzpolitik und Gemeindepolitik sind aufs engste verflochten
mit der
Sozialpolitik.
Und gerade im Finanz- und Verwaltungspolitischen liegen zeitlich
besonders vordringliche Probleme der Sozialpolitik. Nicht minder
wichtige grundsätzliche stehen daneben. Staatspolitik ohne Sozial—
politik ist unmöglich. Sozialpolitik im weitesten Sinne
bedeutet ja nichts anderes als eine auf gesellschaftliche
Eingliederung der verschiedenen Schichten des Volkes
gerichtete Staatspolitik. Zusammenfassung, Integration der Be—
völkerung zu einem Staatsvolk ist ohne sie nicht mehr denkbar. Das
bedeutet freilich die Preisgabe des Grundsatzes des vollen laisser
aller und laisser faire, wie er in der ersten Zeit liberaler Wirt—
schaftsweise weithin gegolten hat. Es bedeutet aber nicht eine
Aufhebung oder Verneinung der privaten und
persönlichen Wwirtschaft, sondernihrestaatspoli—
tisch notwendige Ergänzung. Frühere Wirtschaftsord—
        <pb n="32" />
        36

nungen bedurften ihrer nicht im jetzigen Sinne. Die einzelnen
Menschen hatten, ständisch gegliedert, ihre bestimmte Stelle im Ge—
samtaufbau. Romantische Verklärung sieht heute manchmal lauteres
Glück darin. Es war wohl erheblich anders. Aber richtig ist, daß
die moderne Wirtschaftsordnung der freien Betätigung das Schicksal
des einzelnen unsicherer macht. Sie gibt stärkere Möglichkeiten
des Aufstiegs, sie erzeugt stärkere Gefahren des Versinkens; die be—
sonderen Verhältnisse der Nachkriegszeit mit Inflation und Massen⸗
arbeitslosigkeit haben diese Gefahren außerordentlich vergrößert.
Hier liegt die Aufgabe der Sozialpolitik, derjenigen, die nicht mehr
in alter ständischer Ordnung und die nicht durch eigenes Ver—
mögen, sei es des Besitzes, sei es besonders wertvoller Arbeitskraft
gesichert sind, die vielmehr trotz Arbeitswillens sich nicht selber
gegen Erwerbsunfähigkeit und Unvermögen zur Lebenserhaltung
sichern können und konnten. Ob nun Invalidität, Alter, Krankheit,
Ungunst des Arbeitsmarktes Ursache sind, ein Mindestmaß von
Daseinsbedingungen zu gewähren.

Diese Auffassung ist weithin Gemeingut der deutschen Unter—
nehmerschaft; sie betont mit Recht gleichzeitig aufs stärkste, daß
die Sozialpolitik als wirkliche Staats- und Volkspolitik nicht die
Verantwortlichkeit des einzelnen für sich und die
Seinen schwächen darf. Wir sind, auch wenn wir uns sorgfältig
von Übertreibungen und Verallgemeinerungen fernhalten, wie sie
bedauerlicherweise vorkamen, nach dem Zeugnis unparteiischer Be—
obachter an mehreren Stellen der Sozialpolitik dieser Gefahr in
sehr bedenklicher Weise erlegen.

Nun wird eben jetzt eine Stimme aus sozialistisch-wissenschaft⸗
lichen Kreisen, von Professor Ed. Heimann?), laut, die die
Sozialpolitik nicht als Ergänzung der individuellen Wirtschaft
gelten läßt, sondern in ihr ein bereits wirssames Mittel zur
inneren Auflösung der kapitalistischen Wirt—
schaftsordnung und zur evolutionistischen Ent—
wicklung des Sozialismus sieht, ähnlich vielleicht wie
Naphtali in der Weiterführung der Demokratie den Weg zum Sozia—
lismus sucht. Die Sozialpolitik ist für Heimann Abbau der Kapital—
herrschaft zugunsten der Beherrschten. Das ist freilich nicht mehr
ganz Marx. Denn der echte Marxismus lehnte die Sozialpolitik
*) Eduard Heimann, Soziale Theorie des Kapitalismus, Theorie der
Sozialpolitik. 1929.
        <pb n="33" />
        27

von Anfang an grundsätzlich überhaupt ab, weil sie ihm verdächtig
war als eine Summe, wie er meinte, kleiner Mittelchen, die Lage
der Arbeiterschaft zu bessern, die schließlich hierdurch von der revo—
lutionär⸗antikapitalistischen Gegenfätzlichkeit, auf der die politische
Lehre Marx' beruhte, abgewendet werden könnte. In der Zwischenzeit
ist diese Ablehnung der Sozialpolitik immer mehr von der Sozial—
demokratie fallen gelassen worden, weil sie unter dem Einfluß der
Gewerkschaften nicht länger auf praktische Mittel der Verbesserung
der Arbeitnehmer auch in der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung
verzichten konnte und zudem der Glaube an die alsbaldige radikale
Durchführung der neuen sozialistischen Wirtschaftsordnung immer
mehr verblaßte. Wenn nun Heimann die Sozialpolitik als gewolltes
evolutionäres Fortschreiten zum Sozialismus betrachtet, so kann
gewiß mancher Beleg beigebracht werden, daß dieses Ziel manchen
mitwirkenden Kräften vorschwebt und diese in ihren Forderungen be—
stimmt; aber es kann dadurch doch die Berechtigung der Sozial—
politik nicht aufgehoben und auch der Wille der deutschen Unter—
nehmerschaft zu ihr nicht beseitigt werden; nur die Wachsamkeit
wird verschärft werden müssen, daß nicht unter der Marke der
Sozialpolitik sozialistische Politik getrieben werde, ein Gesichts—
punkt, der auch für die christlichen Gewerkschaften und vor allem
für die Staatsführung wichtig sein muß. Es bleibt die Aufgabe der
Sozialpolitik, die soziale Pflichterfüllung in der Privatwirtschafts—
ordnung und dadurch hinwieder auch diese zu sichern.

Dies gilt vor allem auf dem wichtigsten Gebiete, dem der
Arbeitspolitik. Die Gleichberechtigung beider Teile im
Arbeitsvertrag, auch im kollektiven Arbeitsvertrag, ist selbstverständ⸗
lich. Aber die Lohnpolitik muß Sache der Verantwortung der
beiden Vertragsteile bleiben. Die Aufgabe des Staates, mit seinem
Friedensgebot einzugreifen, muß in Voraussetzungen und Inhalt
enger begrenzt und an viel stärkere Voraussetzungen gebunden
werden, daß es sich hierbei wirklich um Verhütung eines äußersten
Notstandes durch einen Spruch handelt, der auch den Erfordernissen
und Leistungsmöglichkeiten der Wirtschaft genügt. Denn so wenig
das eherne Lohngesetz Lassalles gilt, nach dem der Arbeiter
immer nur an der Mindestgrenze des zur Reproduktion notwendigen
Existenzminimums sich bewegen muß, ebensowenig kann es ein
goldenes Lohngesetz geben, als ob das Arbeitsentgelt von
allen Schwankungen der Wirtschaftslage und ihrem Risiko frei sei
        <pb n="34" />
        2*

und lediglich der Kapitalzins damit belastet werden könnte. Er—
freulicherweise zeigen sich Anzeichen der Erkenntnis dieser Zu—
sammenhänge.

So hat der zweite Vorsitzende des Christlichen Metallarbeiter—
Verbandes, Schmitz, in Köln mit gutem Grunde das Arbeits—
losenproblem im engen Zusammenhang mit der Lohnpolitik seinen
Zuhörern vor Augen gestellt, indem er, ähnlich wie sich das gelegent—
lich auch im Buche der Freien Gewerkschaften über Wirtschafts⸗
demokratie bemerkt findet, anerkannte, daß dann, „wenn durch zu
starke Lohnsteigerungen die Inlandspreise über die Kaufkraft hinaus
gesteigert werden, oder wenn die Lohnpolitik zu einer Drosselung
der Ausfuhr führt, das zur Stärkung der Arbeitslosigkeit beiträgt“,
und indem er weiter betonte, „daß es tausendfach mehr gewerkschaft⸗
lich gehandelt ist, alles aufzubieten, um das Heer der Arbeitslosen
zu vermindern, als den in Arbeit Stehenden ein paar Pfennige
Lohnerhöhung zuzuführen. Es muß vielmehr in erster Linie auf
eine Belebung der Konjunktur hingearbeitet werden.“

Der neue Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald sprach
ähnliche Gedankengänge aus. In der Tat handelt es sich, wie die
„Frankfurter Zeitung“ sagte, bei den Lohnerhöhungen in der Zeit
der Depression des Jahres 1929 allzu fehr und zu oft um eine
mechanische Ubertragung von Gewohnheiten einer Aufbau— und
UÜbergangsperiode auf eine Zeit, die eine ganz andere Einstellung
zum Lohnproblem erfordert. So findet denn auch die alte Kauf⸗
krafttheorie in den Kreisen des Sozialismus selbst Anfech—
tungen. Eduard Heimann nennt sie primitiv, falsch und ge—
fährlich für die Arbeiterschaft. To Imin sagt in den „Sozialistischen
Monatsheften“, daß „unsere Arbeitslosigkeit und unsere wirtschaft—
liche Krise nicht die Krise eines reichen Landes mit schlecht geord—
neter Güterverteilung ist, sondern die Krise eines armen und ver—
schuldeten Landes. Wer arm ist, kann aber nur durch Sparen und
Arbeiten wieder zu Wohlstand gelangen, nicht durch gesteigerten
Güterverbrauch“.

Was für die Lohnpolitik der letzten Jahre gilt, gilt auch für
die Politik der

Sozialversicherung.
Man kannte in den letzten Jahren auf dem Gebiete der
Krankenversicherung, der Angestelltenversicherung, der Invaliden—
        <pb n="35" />
        —
— 2

versicherung über die notwendige Befestigung des alten Be—
sitzstandes hinaus nurmehr das Ziel einer mechanisch-quantitativen
Erweiterung des Kreises der Einbezogenen wie des Kreises der
Leistungen. Geistige Probleme waren weniger beliebt. Dabei hat
man gar nicht immer nach dem Versicherungsbedürfnis der Neu—
einbezogenen gefragt, sondern unbekümmert darum die Grenzen des
Zuträglichen wie auch des Versicherungsgedankens überschritten.
Die Folgen sind insbesondere bei der Krankenversicherung
soziale Mißerscheinungen, da der einzelne allzu sehr aus der finan—
ziellen Mitverantwortung entlassen wurde, durch Abschaffung der
Karenztage, durch Bestreitung jeglicher Aufwendungen sein Inter—
esse an der Schonung der Versicherung gemindert, dagegen das
Interesse an höchstmöglicher Ausnutzung gesteigert und damit der
sittliche Gedanke geschädigt wurde. Auch in den Kreisen der Ver—
sicherten sieht man bei einem Anteil der Sozialversicherungsbeiträge
von rund 16 Prozent am Lohn, 30 Prozent bei den Knappschafts—
versicherten, allmählich ein, daß es so nicht weitergehen kann. Seit
langem wird an Reformen gearbeitet. Der endagültige Entschluß
hierfür fehlt immer noch.
Es gehört in das Reformprogramm dieses Jahres, auch hier
durch sorgfältige, objektiv versicherungswissenschaftliche wie wirt—
schaftliche Durchvrüfung zu Reformen zu kommen.
Das gilt besonders auch für die
Arbeitslosenversicherung.
Eine Fürsorge für die Arbeitslosen, die — soweit immer möglich —
sich nach der Leistung der Versicherten abstuft, ist nötig. Aber es
ist nicht zu bestreiten, daß der kühne Wurf des Arbeitslosenversiche—
rungsgesetzes, unternommen unter Zustimmung der Rechten, der
Mitte und der Linken des Reichstags, nicht das Rechte traf. Es
bleibt das schwerste fortwirkende Versäumnis der zurückgetretenen
Regierung, daß sie nicht im Frühsommer 1929 die arbeitssittlich
wie wirtschaftlich dringend gebotene durchgreifende Reform erzwang.
So versteifte sich die Sozialdemokratie schließlich, daß nichts an den
Leistungen geändert werden dürfe. Dabei sind gewisse Anderungen
hei den während ihrer üblichen Arbeitszeit hochgelohnten Saison—
arbeitern wie in manch anderen Fällen je nach Familienzu—
sammenhang ohne Beeinträchtigung des Grundgedankens der Ver—
        <pb n="36" />
        30

sicherung durchaus möglich, ja auch sozialpolitisch notwendig. Ein
großes Interesse, nicht zuletzt auch der Gesamtarbeiterschaft, an der
Gesundung der Arbeitslosenversicherung, des Reichshaushalts wie
der Wirtschaft ist, neben anderen Erwägungen, einigen besonders
interessierten Arbeitnehmergruppen geopfert worden, die bei einer
stärkeren Durchführung nicht einseitig solche Vorteile aus der
Arbeitslosenversicherung ziehen könnten, wie sie es gegenwärtig tun.

Man wird die Arbeitslosenversicherung aber auch im Ver—
hältnis zur gemeindlichen Wohlfahrtspflege in ihrer
Leistung und Verwaltung einer eingehenden Prüfung unterziehen
müssen. Es ist in der Tat für die Gemeinden schwer zu tragen,
wie die Zahl der Wohlfahrtserwerbslosen und Fürsorgearbeiter
weiter wächst. Dies führt zu der noch kaum je kräftig angefaßten
Frage, ob die

Zuwanderung in die Großstädte
weiterhin so ungehemmt vor sich gehen kann, wie es bisher der Fall
ist. Die Fürsorgepflichtverordnung, nach der die endgültige Fürsorge—
pflicht reichsrechtlich dem Fürsorgeverband obliegt, in dessen Bezirk
der Hilfsbedürftige bei Eintritt der Hilfsbedürftigkeit den Auf—
enthalt hatte, wie auch das Arbeitslosenversicherungsgesetz schaffen
keine genügenden Hemmungen gegenüber einem Zuwanderungs⸗
drang, der von jedem Standpunkt aus, dem der Zuzugsgemeinde
und der in ihr Arbeitenden, dem des Zuwandernden wie dem des
Landes, immer bedenklicher wird. Man hat sich örtlich dadurch
zu helfen gesucht, daß man für die noch nicht längere Zeit ansässigen
Erwerbslosen geringere Unterstützungssätze vorsah oder für gemeind—
liche Arbeiten nur ansässige Arbeiter einstellen ließ, eine Vorschrift,
deren ausnahmslose Durchführung aber wohl auch Einwendungen
finden würde. Jedenfalls aber ist der gegenwärtige Zustand un—
erträglich, und es scheint mir nicht möglich, zu warten, bis etwa die
wirtschaftliche Entwicklung selbst Abhilfe bringt.

Die Frage ist um so wichtiger, als sie aufs stärkste auch die
Fragen einer wirtschaftlich und politisch ge sunden Bevöl—
kerungsverteilung berührt. Wir haben von Ost⸗
preußen und dem Osten überhaupt immer schon eine starke Ab⸗
wanderung nach den westlicheren Teilen des Reiches gehabt. Diese
Abwanderung aber ist nun bedenklich gestiegen. Man kann freilich
die Bevölkerung wirksam auf dem Lande nur zurückhalten, wenn
        <pb n="37" />
        31 —

man der Landwirtschaft Lebensfähigkeit und den in ihr Tätigen
eine Lebenshaltung gibt, die alles in allem genommen, unter Ein—
beziehung also der gesicherteren Verwendung der Arbeitskraft, nicht
als allzu tief unter den Lebensbedingungen der Stadt stehend ein⸗
geschätzt wird. Die Frage der Bevölkerungsverteilung ist daher
zum großen Teil eine Frage der Wiederaufrichtung der Landwirt—
schaft. Diese Aufgabe ist auch aus rein wirtschaftlichen Gründen
die dringlichste Aufgabe dieser Zeit geworden. Immer noch leben
bon 100 Berufstätigen im Reiche 23 von der Landwirtschaft,
ungerechnet die Gewerbetreibenden auf dem Lande und in der
Stadt, deren ganzer Arbeits- und Lebensstand aufs engste mit der
Landwirtschaft verbunden ist. Für industrielle Erzeugnisse ist die
Landwirtschaft in normalen Zeiten Abnehmer für 12 Milliarden.
Der reine Wert ihrer Erzeugnisse beträgt in der Getreidewirtschaft
2,3 Milliarden Reichsmark, in der Vieh- und Milchwirtschaft
7.,7 Milliarden Reichsmark. im ganzen 12.5 Milliarden.
Die
Bedrängnis der Landwirtschaft
ist nicht überall in gleichem Maße vorhanden, unzweifelhaft aber
ist die Notlage in weiten östlichen Gebieten des Reiches zu einer
hohen Gefahr für die Besitzbehauptung nicht nur im einzelwirt—
schaftlichen, sondern auch im volkswirtschaftlichen Sinne geworden.
Das ist bei allen verantwortlich sich Fühlenden erkannt worden.
Beweis dafür ist, daß die Agrarvorschläge des bisherigen Herrn
Reichsministers für Landwirtschaft Dietrich, die nicht jedem in
allem gefallen oder genügen mögen, die aber doch die Wege und in
manchem neue Wege gewiesen haben, von einer breiten Mehrheit
im Reichsstag angenommen wurden. Auch in Kreisen der
Landwirtschaft wird man bei allen Sorgen nicht übersehen
dürfen, wie sich zu diesen gesetzlichen Hilfsmaßnahmen der
letzten Zeit eine breite Front aus Vertretern ebenso des Gewerbes,
der freien Berufe wie auch der industriellen Arbeiterschaft zu—
sammentat. Das ist vielen nicht leicht gefallen, nicht nur solchen,
die in Freihandelsgedanken verharren, sondern auch anderen. Die
Worte, mit denen Professor Dessauer vom Zentrum im Reichs—
tag diese einheitliche Zustimmung zu einem Hilfswerk für die Land—
wirtschaft begleitete, sollten nicht ohne Eindruck bleiben. Die
Zeiten, wo man den ostdeutschen Körnerbau glaubte vernachlässigen
        <pb n="38" />
        32

zu können, sind vorüber. Wir haben den Blick für die Wichtigkeit
des Raumes, den Blick für die Wichtigkeit der Landwirtschaft als
Volksquelle wiedergewonnen. Aber die Schwierigkeiten zu helfen
sind größer als je infolge einer neuerdings entgegen manchen Vor—
aussagen in ungeheurem Maße agrartechnisch ermöglichten Auswei—
tung der Erzeugung nicht nur von Getreide und anderen Boden—
früchten, sondern auch von Vieh und Veredelungserzeugnissen aller
Art. Man erzeugt Brotgetreide, Futtermittel, Zucker, Vieh und
manches andere im Auslande zu Preisen, denen gegenüber der
Freihandel das Ende des deutschen Ackerbaues bedeuten würde,
damit Entvölkerung und Verödung weiter Gebiete, Verlust
an Kaufkraft und, was wichtiger ist, an. Volkskraft. Man
wird daher die Maßnahmen, die in der letzten Zeit ge—
troffen wurden, um den Getreidebau zu stützen, im Ziele
für richtig und in der Wahl der Mittel für auf Zeit erträglich an—
sehen dürfen. Beim Weizen ist es eine einfache Frage der Zoll—
höhe; beim Roggen, an dem Deutschland Überschuß hat und in
einen ganz kleinen Auslandsmarkt sich mit Polen und Rußland teilen
muß, handelt es sich um die Frage der Verbrauchssteigerung und
der Ausfuhr. Dem genügt nicht allein der erzielbare Mehrver—
brauch zur menschlichen Ernährung; besteht doch gegen das stärkste
hierfür vorgeschlagene Mittel, das des Beimahlungszwanges von
Roggen, meines Erachtens zwar kaum ein wissenschaftliches oder
volkswirtschaftliches Bedenken, wohl aber nach reichlichen Er—
fahrungen bei der Disziplinlosigkeit weitester Kreise ohne Unter—
schied der gesellschaftlichen Schichtung das der Unerzwingbarkeit.
Darum bleibt wohl nichts anderes übrig, als den Futterbedarf
durch zollpolitische und ähnliche Maßnahmen so weit möglich auf den
Roggen zu verweisen. Gleichzeitig aber wird dafür zu sorgen sein,
daß die auf geeignetes und billiges Futter angewiesene Schweinehal—
tung und Geflügelhaltung nicht übermäßig erschwert und damit
die Volksernährung nicht übermäßig verteuert wird. Denn
darin hat Reichsminister Dietrich durchaus recht: es kommt darauf an,
„eine Politik zu betreiben, bei der der Körnerbau am Leben bleibt,
gleichzeitig aber die Veredelungsproduktion nicht zerstört wird“. Das
gilt besonders angesichts der Höhe der Einfuhr an Butter, Käse,
Eiern, Obst, Südfrüchten, Fleisch, lebendem Vieh, Fischen und
Schmalz, die im Jahre 1929 rund 1860 Millionen Reichsmark er—
reichte. Es gilt alles daran zu setzen, diese Einfuhr zu vermindern.
        <pb n="39" />
        34

Das kann bestimmt nicht nur und auch nicht an erster Stelle
durch Zollerhöhungen geschehen, die unsere Handelsverträge ge—
fährden würden, es muß gleichzeitig dazu kommen — und es ist
hierfür die höchste Zeit — daß die Landwirtschaft durch Ver⸗—
besserung ihrer Technik in Erzeugung und Behandlung
sich besser dem heimischen Bedarf anpaßt. Die großen Beträge, die
vom Reich und den Ländern zur Gesundung des Genossenschasts-
wesens und zu allen möglichen Einzelzwecken verausgabt werden,
wären verloren, wenn nicht bald Wesentliches erreicht würde. Wir
wissen, wie schwer der Landwirtschaft diese Ausgabe durch Kapital—
entblutung und Überschuldung gemacht ist. Dennoch muß erwartet
werden, daß alsbald große Fortschritte erreicht werden, für die der
Handel schlechterdings nicht entbehrt werden kann und in weitestem
Maße zugezogen werden muß. Werden nicht bald gewisse Voraus—
setzungen geschaffen, so würden — leider — auch die besten Aufrufe
an die Verbraucherschaft nicht viel nützen, das nationale Denken
nicht schlechthin beim Verbrauch aufhören zu lassen, wie es leider
ohne Unterschied der Berufs- und Einkommensschichten so weit—
verbreitete Gepflogenheit in Deutschland ist. Übertreibungen freilich
sind auch hier vom Ubel. Wer auf dem Weltmarkt verkaufen will,
muß auch kaufen. Aber Uberlegung und Empfindung wird hierfür
um so besser die richtigen Grenzen ziehen können, je besser die
heimischen Erzeugnisse berechtigte Ansprüche erfüllen. Unbeschadet
dessen ist es meines Erachtens hohe Zeit geworden, in allen Kreisen
mit Aufklärung auf eine bessere Pflichterfüllung hinzuwirken, und
die besten gesellschaftlichen Kreise sind meines Erachtens nicht zu
gut, hierin voranzugehen.

Die neue Reichsregierundg bereitet neue Entwürfe zur
Besserung der Lage der Landwirtschaft, namentlich des Ostens vor.
Tauglichen Plänen werden die Kreise der gewerblichen Wirtschaft
sich nicht versagen. Aber nicht alles, was verlangt wird, ist tauglich.
So ist es ein schlimmer Rückfall in hemmungslose Antragsjagd,
wenn ein allgemeines Moratorium für den Osten bean—
tragt wurde, da doch die einfachste Uberlegung zeigt, daß ein irgend—
wie gearteter allgemeiner Zahlungsaufschub keinerlei Kredit—
erleichterung für den Osten, wohl aber die äußerste Verschärfung
der Kreditnot und eine Krediterschütterung für das ganze Reich be—
deuten müßte. Es hat ja wohl auch nicht allzulangen Nachdenkens
bedurft, um bei den Antragstellern selbst diese Erkenntnis wachzu—
        <pb n="40" />
        34 —

rufen. Grundsätzlich sind die Handelskammern durchaus bereit,
dem Rechnung zu tragen, daß wir in einer Zeit außerordentlicher
Umwälzungen leben. Aber sie werden vier Gesichtspunkte mit
Nachdruck betonen müssen: Erstens,es geht nicht an, In—
landspreise ganz ohne Rücksicht auf den Welt—
markt und die weltwirtschaftliche Verflechtung
Deutschlands auf die Dauersohoch zuhalten,daß
sich hieraus eine Verteuerung der Lebenshal—
tung in Deutschland ergibt, die Deutschlands
Ausfuhr wettbewerbsunfähig machen würde.
Schutzmaßnahmen müssen daher so getroffen werden, daß sie den
Drang der Landwirtschaft, ihre Kosten zu senken und sich den
heimischen Bedürfnissen anzupassen, nicht mindern, sondern stärken.
Das bedeutet, daß die heimische Agrarpolitik nicht schlechthin den
Zusammenhang mit der weltwirtschaftlichen Agrarfrage verlieren
darf und daher, so wenig Deutschland den Getreidebau preisgeben
darf, auf die Veredelungswirtschaft entscheidenden Wert legen muß.
Zweitens müssen sich Schutzmaßnahmen aufdem Boden
der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung halten
und dürfen eine auch für die Landwirtschaft lebenswichtige Tätigkeit
anderer Berufskreise nicht ausschalten. So gehört unseres Erachtens
der Gedanke der Monopolbewirtschaftung des Getreides,
wie er im letzten Sommer von Vertretern der Landwirtschaft wie
ganz anders gerichteten Kreisen vertreten wurde, in einem so stark
von Parteien beeinflußten Staate noch weniger als früher zu den
tauglichen Mitteln. Das Maismonopol ist ein nicht unge—
fährliches Zugeständnis, und es ist zu bedauern, daß es nicht mög—
lich schien, auf andere Weise die Lücke zu schließen. Jedenfalls
glauben wir, eine weitere Ausdehnung des Monopolgedankens ab—
lehnen zu müssen, hoffentlich nicht nur für, sondern auch mit der
Landwirtschaft. Wenn ferner jetzt geplant wird, dem Reichskabinett
die Ermächtigung zu geben, die Zölle für Weizen,
Roggen und Gerste je nach Sachlage festzusetzen
und die Begrenzung hierfür lediglich im Ziele eines Richt—
preises von 230 und 260 RM. zu finden, so liegt in einer
solchen Ermächtigung, bei aller Würdigung der Beweggründe hier—
für, eine Unsicherheit der Preisberechnung begründet, die auch für die
Landwirtschaft sehr bedenklich werden kann. Man darf hier
die Frage nicht etwa stellen: Landwirtschaft oder Getreide—
        <pb n="41" />
        35

börse? Denn Getreidebörse und Getreidehandel sind für die
Landwirtschaft selbst unentbehrlich. Zum mindesten muß des—
halb von einer solchen Ermächtigung ein sehr vorsichtiger Gebrauch
gemacht werden, nicht allzu kurzfristig und nicht ohne ernste
Beratung. Zum dritten ist es unerläßlich, das Agrarprogramm auf
eine parteipolitisch unbefangene Gesamtbetrachtung der
Dinge wie der Erfordernisse einzustellen. Unter diesen steht die
Notwendigkeit voran, im Osten Menschen zu halten; und deshalb
wird diejenige Betriebsart und -größe die beste sein, die der größt—
möglichen Zahl von Menschen eine der Gesamtwirtschaft zuträgliche
lohnende Beschäftigung ermöglicht. Das gebietet keineswegs eine Zer—
schlagung des Großgrundbesitzes, es gebietet vielmehr seine Erhaltung
im Umfang privat- und volkswirtschaftlicher Erhaltungsfähigkeit, zu—
gleich aber starke Förderung der Bauern- und der Landarbeitersiede—
lung. Und endlich, aber nicht zum mindesten, ist es im Rahmen dieser
Gesamtbetrachtung der Volkswirtschaft unerläßlichedem Ausfuhr—
bedürfnis der Industrie, das zugleich ein Bedürfnis der
Volkswirtschaft ist, die handelspolitischen Möglichkeiten weiter zu
erhalten. Die Kontinuität der Handelspolitik, von
der der Reichskanzler sprach, muß festgehalten werden und damit
das System der Handelsverträge, wie es sich Deutschland seit 1924
wieder geschaffen hat.
Unsere
Ausfuhr
ist in erstaunlicher Weise trotz vieler Hemmungen gestiegen, freilich
nicht nur aus erfreulichen Gründen des Überschusses der nationalen
Wirtschaftskraft, sondern auch aus innerer Bedrängnis. Jedenfalls
aber zeigt dies Anwachsen von 1925 mit 9,3 Milliarden und 1926
mit 10,6 Milliarden auf 18,5 Milliarden im Jahre 1929 und mehr
noch das Anwachsen der Fertigwarenausfuhr von 6,6 auf 9,8 Mil—
liarden, daß in der Welt immer noch Platz für deutsche Waren ist
Daß unsere Einfuhr sich ziemlich gleichmäßig bewegte, auf land—
wirtschaftlichem Gebiet vor allem vom Ernteausfall bestimmt, auf
dem Gebiete der Rohstoffe durch den internationalen Preisstand,
ist ein Zeichen, daß die Möglichkeiten einer aktiven Gestaltung
unserer Handelsbilanz auch für längere Zeit näher liegen, als
befürchtet wurde. Freilich zeigen die letzten Monate 1929 und
die ersten 1930 ein Sinken der Fertigwarenausfuhr, das nicht etwa
        <pb n="42" />
        36

auf eine stärkere Aufnahmefähigkeit des Inlandsmarktes, sondern
auf ein Nachlassen des Auslandsmarktes zurückzuführen ist. Es
ist auch zu bedenken, daß wir den Sachwert der Vorkriegsausfuhr
erst zu 858 v. H. wieder erreicht haben. Gleichwohl zeigen die
letzten Jahre Möglichkeiten, an deren Entwicklung weitergearbeitet
werden muß. Unsere
Handelspolitik
hat an dieser Entwicklung einen starken Anteil. Die Handelsver—
träge mit Frankreich, Italien, Belgien, Schweiz haben sich im
großen ganzen als günstig erwiesen. Es geht deshalb nicht an, sie
der Fernhaltung der Einfuhr ausländischer Lebensmittel zu opfern.
Die Meistbegünstigundg ist für Deutschland, das Land der
vielfältigsten Ausfuhr nach allen Teilen der Erde, nach wie vor
ein unentbehrlich notwendiges Werkzeug der Erleichterung und
Vereinfachung des Wettbewerbs. Aber die gleichmäßige Meistbe—
günstigung kann in manchen Fällen ein Hemmnis des Abschlusses
von Handelsverträgen, namentlich mit Ländern kleineren Handels—
umfanges werden, da die mit diesen vereinbarten Tarifermäßigungen
sofort nicht nur jenen meistbegünstigten Ländern zugute kämen, die
keinen oder nur einen allgemein mäßigen Zolltarif haben, sondern
auch den Vereinigten Staaten von Amerika, die auf der ganzen Linie
durch überhöhte Zölle sich von uns absperren; ferner würden Zoll—
ermäßigungen, die einen agrarisch-industriellen Ausgleich mit den
Ländern des nächsten Ostens vermitteln sollen, zufolge der Meistbe—
günstigung den La-Plata-Staaten und Kanada künftig unsere Land—
wirtschaft schutzlos preisgeben, ohne daß unsere industrielle Ausfuhr
dorthin stiege. Wenn deshalb Herr Minister Dietrich heute näher
den Gedanken entwickelte, innerhalb Europas zu stärkerer Annäherung
und zu einem Ausgleich industrieller gegenüber agrarischen Aus—
fuhrbedürfnissen zu kommen, insbesondere gegenüber den entwick—
lungsfähigen Marktgebieten im Osten des Reiches, so verdienen
auch unseres Erachtens diese Gedankengänge stärkste Beachtung, zu—
mal der ausfuhrfähige Getreideüberschuß Polens, Ungarns, Rumä—
niens, Jugosslawiens im Verhältnis zu dem Gesamtzuschußbedarf
der industriellen Staaten der Mitte — Frankreich, Belgien, Deut—
sches Reich, Tschechossowakei, Osterreich — gering ist und auch bei
einer starken Anbau- und Ertragssteigerung bleiben wird. Schon
gegenwärtig zeigen sich in dieser Mitte Europas engere und weitere
        <pb n="43" />
        37

Ringe mit starker Verflechtung *). Diese trotz mancher Handels—
hemmnisse gegebene enge Verflechtung legt die Frage nahe, ob und
wie in
Mitteleuropa
einer verständigen Arbeitsteilung unter Verhütung von industriellen
Autarkiebestrebungen, die vom Standpunkt eines mitteleuropäischen
Wirtschaftsgebietes aus widersinnig wären, auf vertraglichem
Wege vorgearbeitet werden kann und soll. Die Gedanken
eines mitteleuropäischen engeren Austauschverhältnisses, wie sie be—
sonders der mitteleuropäische Wirtschaftstag, im Reich unter der
bewährten Führung eines verehrten Vorkämpfers manch früherer
Vollversammlung des Deutschen Industrie- und Handelstags, des
Herrn Reichsministers a. D. Dr. Gothein, pflegt, verdienen daher
stärste Beachtung. Dabei können und müssen zwei Erfordernisse
beachtet werden, das Erfordernis, unsere Landwirtschaft zu erhalten,

*) So ist das Deutsche Reich mit den österreichisch-ungarischen
Nachfolgestaaten durch mehr als 12 v. H. seiner Einfuhr und fast
16 v. H. seiner Ausfuhr verflochten, mit den übrigen mitteleuropäischen
Staaten, Frankreich, Italien, Schweiz, Belgien und Holland mit weiteren
rund 20 v. H. der Einfuhr und fast 30 v. H. der Ausfuhr,

Osterreich mit dem Reiche durch 16 v. H. seiner Einfuhr und
18 v. H. seiner Ausfuhr, mit den übrigen Nachfolgestaaten mit 44 v. H.
der Einfuhr und 38 v. H. der Ausfuhr, mit Mitteleuropa (Deutsches
Reich, Nachfolgestaaten und die oben bezeichneten anderen Staaten) mit
75 v. H. der Einfuhr und 78 v. H. der Ausfuhr,

die Tschechoslowakei mit dem Deutschen Reich durch 20 v. H.
der Einfuhr und 24 v. H. der Ausfuhr, mit den Nachfolgestaaten durch
22 v. H. der Einfuhr und 34 v. H. der Ausfuhr, mit Mitteleuropa
im ebenbezeichneten Sinne mit der Hälfte der Einfuhr und zwei Dritteln
der Ausfuhr,

Polen mit dem Deutschen Reich durch 27 v. H. der Einfuhr und
34 v. H. der Ausfuhr, mit den Nachfolgestaaten durch 15 v. H. der
Einfuhr und 28 v. H. der Ausfuhr, mit Mitteleuropa durch 80 v. H.
der Einfuhr, zwei Dritteln der Ausfuhr. Es liegt nahe, daß nicht ganz
so überwiegend das Deutsche Reich und Frankreich in ihrem Außenhandel
mitteleuropäisch gerichtet sind, da beide in weiterem Maße Lebensmittel von
Übersee beziehen und Fertigwaren überall hin ausführen und für Frank—
reich auch der Außenhandel mit seinen Kolonien eine starke Rolle spielt.
Dennoch beträgt der Außenhandel des Deutschen Reiches mit den bezeich—
neten mitteleuropäischen Ländern mehr als 30 v. H. seiner Einfuhr und
145 v. H. seiner Ausfuhr, der Frankreichs 27 v. H. seiner Einfuhr und
11 v. H. seiner Ausfuhr.
        <pb n="44" />
        erfüllbar bei größerer Ausweitung der Märkte eines nicht allzu
großen Agrarüberschusses, und die Notwendigkeit, weiter Weltwirt—
schaft zu betreiben.

Es schien so, als ob die Genfer Verhandlungen auf
dem Wege eines nicht zu langfristigen Zollwaffenstillstandes den Ge—
danken einer europäischen Zollannäherung, der als Zielpunkt eines
Zollwaffenstillstandes diesem erst innere Berechtigung geben konnte,
fördern könnten. Indes ist er fast ganz in den Hintergrund getreten.
Eine neue Welle von Protektionismus geht vielmehr durch viele
Länder. Auch bei uns liegen manche Versuchungen hierzu vor. Nach
überwiegenden Meinungen und auch nach meiner überzeugung aber
ist es geboten, Zollerhöhungen sorgfältig auf dasjenige Maß zu be—
grenzen, das ganz unerläßlich ist um des Schutzes einer erhaltungs—
rähigen Industrie willen gegen ein Überranntwerden, wie zugleich
auch wegen der besseren Rüstung für neue Verhandlungen. Dabei
ist vorauszusetzen, daß die Industrie selbst alle geeigneten Maß—
nahmen der technischen und organisatorischen Rationalisierung, der
Kosten- und Preissenkung ergreift. Uber solchen Rahmen hinaus
Zollerhöhungen vorzunehmen, würde allzu leicht fortschreitende Ver—
filzung in Preis- und Lohnerhöhungen bedeuten, aus denen der
Ausweg nicht mehr zu finden wäre.
In allen diesen Fragen handelt es sich um eine nur einheitlich
uinter dem Gesichtspunkt des größten Nutzens für Volk und Volks—
wirtschaft im ganzen zu treffende Gesamtentscheidung. Wir
wünschen der Reichsregierung Klugheit und Kraft, sie in der ge—
botenen inneren und äußeren Verantwortungsfreiheit zu treffen,
dem Reichstag gleiches, um solche Entscheidungen frei von partei—
und wahlpolitischen Nebenrücksichten zu prüfen und dann aus
eigener Verantwortung der Reichsführung die notwendige Stärkung
zu weiterer Arbeit und Führung zu geben.

Denn in all diesen Aufgaben, so entscheidend sie sind, erschöpft
sich nicht die Aufgabe dieser Zeit. Sie greift höher, sie
rifft das
Reichsganze, Staatsgewalt und Staatsaufbau im Reiche.
Wohin wir den Blick lenken, auf Haushaltsgebarung und Verwal⸗
tung im Reiche, in den Ländern und Gemeinden, auf die Sorgen
der Landwirtschaft und die Erfordernisse einer von einheitlichen
        <pb n="45" />
        39

großen Gesichtspunkten getragenen ungebrochenen Erfüllung des
Reichswillens, tritt uns immer wieder die Tatsache entgegen, daß
Reichs- und Landesgewalt noch nicht den Ausgleich gefunden haben,
der um des Ganzen willen wie zugleich zur Sicherung und Ent—
faltung kräftigen Eigenlebens in den einzelnen Reichsteilen not—
wendig ist. Eine den tieferen Grundlinien unserer Geschichte treue
Reichsreform bleibt die entscheidend große Aufgabe der deut—
schen Zukunft, notwendig gerade auch um alle die volkswirtschaftlich
notwendigen Einzelaufgaben, eines ins andere fügend, mit einem
höherem Grade der Wirksamkeit zu lösen als bisher. Zu ihr zu
kommen, ist ebenso ein Anspruch wie dazu zu helfen eine Aufgabe
der Wirtschaft.
Anspruch und Ausgabe sind im innersten Wesen verflochten.
Darum darf, je mehr von Erfordernissen der Wirtschaft gegenüber
dem Staate die Rede ist, desto weniger das Kapitel von den

VPflichten der Wirtschaft gegenüber dem Staat
vergessen werden, wie bei der vorjährigen Vollversammlung unser
Präsident, Herr v. Mendelssohn, es in großen Zügen aufzeigte.
Immer noch ist die erste und einfachste Pflicht aller in der Wirt—
schaft Stehenden, zu wirtschaften, d. h. in Gütererzeugung, Waren—
verteilung und Dienstleistung mit dem geringstmöglichen Aufwand
höchste Leistung zu erreichen. Für die private Wirtschaft liegt der
Antrieb hierzu in der Konkurrenz. Sie ist im Grundsatz unentbehr—
lich, und auch Kartelle und Truste müssen darauf bedacht
—
zuhalten. Man begegnet in der öfffentlichen Meinung oft der An—
sicht, als sei das Wesen der Konkurrenz und Risikowirtschaft in
Deutschland verlassen. Man überschätzt hierbei erheblich den Raum—
umfang, in dem Kartelle und Trusts bestehen; man überschätzt ihre
den Wettbewerb mindernde, man unterschätzt ihre rationalisierende
und erzieherische Wirkung, und gerade die Verhandlungen im
Enquete-Ausschuß haben eine Fülle von Beispielen gegeben, wie
Kartelle volkswirtschaftlich nützlich sind, durch Verständigung über
Konditionen und Spezialisierungen und vieles andere, und wie sie
hierbei doch durch vielfache Mittel dem Tüchtigen Vorsprung und
Entgelt zu bewahren wissen. Es wäre daher ein törichtes Beginnen,
wollte man die Kartelle, so wie vorgeschlagen, in Kartellregister mit
Pflicht staatlicher Genehmigung für alle ihre Beschlüsse oder mit
        <pb n="46" />
        10

ähnlichen polizeilichen Aufsichtspflichten einfangen. Daneben aber
bleibt es eine ernste Pflicht der privaten Wirtschaft, Gefahrenpunkte,
die unzweifelhaft von hier drohen, rechtzeitig zu erkennen und die
persönliche Berantwortung und den Geist des Wett—
bewerbes zu erhalten und zu stärken. Das ist um so notwen—⸗
diger, als die deutsche gewerbliche Wirtschaft nicht von einer Hoch—
haltung, sondern nur von der Senkung der Inlands—
preise ihr Heil erwarten darf. Die Senkung vieler internatio—
naler Rohstoffpreise kommt auch uns zugute, aber der niedrige Zins—
— —
Westen, anderseits der niedrige Lebenskosten- und Lohnstand in
Ländern neuer industrieller Entwicklung oder auf ihren eigenen
Märkten einsetzenden heimischen Wettbewerbs im Osten bedrängen
uns gleichermaßen. Wohl mag auch für manche Industriezweige
stärkerer Schutz gegen eine UÜberflutung vom Weltmarkt her nötig
sein, aber im Grunde muß die Wirtschaft aus eigener Kraft den
Kampf bestehen. Dabei wird man in allen Teilen unseres Volkes
sich dessen bewußt sein müssen, daß der Weltmarkt nicht nur
ein Markt der Waren, sondern auch der Arbeits—
kraft ist und hier in der Gestaltung der Arbeitsbedingungen
Grenzen findet, die zugunsten einzelner nur auf kurze Zeit und
zum Schaden der Gesamtheit überschritten werden können.

All das verlangt eine ernste Pflichtauffassung innerhalb der
Unternehmerschaft selbst, die sich nicht auf die kaufmännische und
technische Führung des Unternehmens beschränkten, die sich ebenso
auf die Pflege des sozialen Verhältnisses zu den verschiedenen
Kreisen der Mitarbeiter, Beamten, Angestellten, Arbeiter, auf die
Pflege des Persönlichkeitsgedankens auch im Verhältnis zu diesen
wie auch auf die Wahrung einer der Zeit gemäßen Art der persön—
lichen Haltung erstreckt, wie Herr von Mendelssohn ausführte.

Man hört jetzt gelegentlich „Jdeologien“ der Wirt—
schaftsauffassung sollte Einhalt getan werden, es sei doch
nur eine Verbrämung des Strebens nach eigenem Nutzen. Das
mag nicht selten zutreffen. Von schönen Theorien sollte niemand
sich abhalten lassen, die Praxis ins Auge zu fassen. Aber das Be—
dürfnis, das eigene Tun in das größere Ganze der Volkswirtschaft
einzustellen und daraus Erkenntnisse zu gewinnen, bleibt bestehen
und sollte anerkannt werden. Wir bedürfen seiner, um eine Wirt—
schaftsgesinnung zu pflegen, die aus dem Kleinen zum Ganzen strebt,
        <pb n="47" />
        eines in das andere fügt und webt, und wenn daran nicht jeder in
der Tagesarbeit stets denken kann und soll, so ist es doch eine innere
und äußere Notwendigkeit für die Verbände und die Führer der
Wirtschaft, gemeinschaftliche, über dem Wohl des einzelnen liegende
Ziele zu zeigen und dazu zusammenzuführen.
Was können und müssen
die Handelslammern

dazu tun?

Sie sind die gesetzlichen Berufsvertretungen von Industrie und
Handel, vom Staate für den Staat berufen, nicht Staatsbeauftragte
mit Bindungen für den Einzelfall, sondern mit Recht und Pflicht
freier Urteilsdarlegung und der Verwaltung ihrer Angelegenheiten
nach bestem freien Ermessen ausgestattet, weil der Staat vertraut,
daß die freimütige Vertretung der Berufsinteressen und die un—
abhängige Wahrnehmung der Aufgaben der Selbstverwaltung ihm
selbst zum Besten gereicht. Von dieser staatlichen Einsetzung ist
ihnen die Pflicht überkommen, die Inter essen von In—
dustrie und Handel im räumlichen Bezirke
untereinander auszugleichen wie gleichzeitig
sie immer im Rahmen der Erfordernisse der
Gesamtvolkswirtschaft zu betrachten. Hierin liegt,
wie unser verehrter stellvertretender Vorsitzender, Herr Dr. Reusch,
bei uns unlängst ausführte, eine ganz besonders vornehme Aufgabe
der Handelskammern.

Hierin liegt auch die Notwendigkeit des Ausgleichs der
Interessen von Industrie und Handel, vom
Großbetrieb und Kleinbetrieb. So sind die Handels—
kammern dazu berufen, die soziologische Verwurzelung, die Gemein⸗
schaft und Verflechtung der gewerblichen Unternehmer aller Größen—
ordnungen untereinander immer wieder sicherzustellen. Ein Groß—
unternehmer, wie Reusch, hat diese Gesichtspunkte besonders betont
und hat bekannt, wie wertvoll ihm gemeinsames Beraten und ein
Näherkommen gerade auch mit Vertretern anderer Berufszweige
in den Handelskammern gewesen sei, und er hat daran die Auf—
forderung geschlossen, daß die Besten sich diesen Aufgaben widmen
sollten.
In solchem berufsgenossenschaftlichen Zusammenschluß liegt,
geben einer vielfältigen unentbehrlichen Hilfstätigkeit für den der
        <pb n="48" />
        42

Auskunft und der Beratung bedürftigen einzelnen Betrieb und der
Wahrnehmung besonderer örtlicher und bezirklicher Aufgaben, eine
große Gesamtaufgabe der Handelskammern. Es liegt darin die
Integrierung zu einem gemeinsamen Stande des ge—
werblichen Unternehmers, des ehrbaren Kauf—
mannes, der im Wandel der Zeiten Sitte und Sittlichkeit nicht
mindern läßt. Dieser Gesamtaufgabe muß in mannigfachen An—
wendungen die Tagesarbeit der Handelskammern dienen. Es hängt
eng mit ihr zusammen, wenn der Herr preußische Handelsminister vor—
hin auf die Notwendigkeit der Ausbildung stärkerer Kontroll—
pflichten in der Wirtschaft und auf die Aufgabe der
Handelskammern bei Heranbildung eines hierzu geeigneten Standes
verwies. In der Tat ist nach manchen bedauerlichen Ereignissen
die Notwendigkeit der Selbstverantwortung und der Selbstkontrolle
in der privaten Wirtschaft als ihr Lebenselement auf das stärkste
zu unterstreichen. Wer solche Pflichten vernachlässigt, schädigt den
Gedanken der privaten Wirtschaft mit der Wirkung weit über den
Einzelfall hinaus. Darum halten auch wir eine Verschärfung der
Kontrollpflicht bei den Aktiengesellschaften für eine der wichtigsten
Maßnahmen der Aktienrechtsreform und halten es für
dringend notwendig, die Dienste einer unabhängigen, geistig hoch—
stehenden Buch-z und Betriebsprüfung in weitestem Um—
fange für die private Wirtschaft nutzbar zu machen.

Auf dem Gebiete des Wettbewerbs häufen sich Auswüchse
unerträglicher Art, die auch den beweglichen und mit der Zeit
fortschreitenden Kaufmann in ständige Unruhe bringen, ohne dem
Verbraucher zu nützen, ja mit der nicht seltenen Folge, dem Ver—
braucher die Ware zu verteuern. Hier ist es Beruf der Handels—
kammern, durch Ausbau von Einigungsämtern, für deren
Rechtsgestaltung wir die Hilfe des Gesetzgebers erbaten und er—
warten dürfen, auf die Heranbildung und Erhaltung guter kauf—
männischer Sitten hinzuwirken, um dem Richter für seinen Urteils—
spruch die Auffassung des ehrbaren Kaufmanns an die Hand zu
geben.

Die Handelskammern als Vertretung der gewerblichen Wirtschaft
haben eine wichtige Aufgabe im Verhältnis zur Gemeinde.
An manchen Orten ist dieser Aufgabe der Verbindung — ein Aus—
druck hiervon ist das Anhörungsrecht in Preußen — in den letzten
Jahren manches Hemmnis bereitet worden. Mögen die Kräfte
        <pb n="49" />
        43

der gegenseitigen Verständigung, die hüben und drüben am Werke
sind, Verbindung und Verständigung wieder stärken.

Den Kammern obliegt eine wichtige Aufgabe in der Aus—
bildung des gewerblichen Nachwuchses. Nie war
diese Aufgabe wichtiger als in einer Zeit, in der der Abstand der
Entlohnung des Ungelernten von der des Gelernten sich verringert
hat, die Mechanisierung vielen das Erlernen eines Berufs überflüssig
zu machen scheint, auch gelernte Arbeit keinen Schutz gegen Arbeits-
losigkeit gibt und eine nahe Zukunft vielleicht bei Sinken des Zu—
gangs zum Arbeitsmarkt den neu Zugehenden einen gewissen
Seltenheitswert gibt. Trotz dieser Umstände tüchtige kaufmännische
und gewerbliche Erziehung und Schulung der Jugend zu vermitteln,
ist eine Aufgabe, der die Handelskammern sich nicht entziehen
werden. Aber sie verlangen mit Grund, daß die Gemeinschafts—
arbeit hieran ihnen nicht anders übertragen wird als auf dem
Boden einer echten und rechten Selbstverwaltung.

Hier liegt auch eine enge Verbindung zwischen Handels-
kammern und Handwerkskammern vor. Über ge—
legentlichen kleinen Grenzstreit hinaus, in dem dem Wesen der
Handelskammern nichts vergeben werden soll, der aber auch nicht
als das Wesentliche unseres Verhältnisses zum Handwerk gelten
kann, wollen wir beim guten Willen bleiben, den Gedanken der
größeren Gemeinschaft zu erhalten und zu stärken.

Das gleiche gilt für die Landwirtschaft. So stark diese
in ihrer politischen Vertretung ist, der Wille zur Verständigung mit
den Vertretungen des gewerblichen Lebens wird beiden Teilen nützlich
sein, und ich möchte gerne hierbei den Wunsch anmelden, daß diese
Verbindung von beiden Seiten ständig gehalten werden möge.

Die Aufgaben der Handelskammern sind, so betrachtet, nicht
zu klein, als daß sie nicht die Mitarbeit der Besten des alterprobten
wie auch — lassen Sie mich das ganz besonders betonen — des
jüngeren Geschlechtes verdienten. Die vielfältige Heranziehung der
Jüngeren ist hierbei eine der wichtigsten Aufgaben der Handels—
kammern, um in ständiger Erneuerung stets derselbe und allem
Neuen gewachsen zu bleiben.

Es gehört zum Wesen der Handelskammern, daß ste zum
Staate hinführen. Für blinde Gegnerschaft gegen den
Staat, für Fernhaltung von seinem Tätigkeitsbereich hat man in
        <pb n="50" />
        44

den Kreisen der Wirtschaft wenig Verständnis, schon deshalb, weil
der Wirtschafter von der Wirtschaft her dazu erzogen ist, Leistung
und Ergebnis anzustreben, und weil er mit der Verantwortung
für seine Arbeit, seinen Betrieb und die in ihm Beschäftigten in
die Verantwortung des allgemeinen öffentlichen Lebens in diesen
unseren Staat hineinverflochten ist, wie durch den Zwang der Tat—
sachen, so immer mehr auch aus freiem Willen zur Teilhaberschaft
an ihm. Darum hat sich der Deutsche Industrie- und Handelstag
immer, wie in Zeiten des Hochstandes, so auch in Zeiten der Be—
drückung und mühsam beginnenden Aufstiegs des Staates zu diesem
bekannt. Heute ist Wirtschaftspolitik von Staatspolitik weniger und
schwerer zu trennen als je. Das bedeutet die Notwendigkeit, mit wirt—
schaftspolitischem immer mehr auch allgemein⸗staatspolitisches Denken,
Erkennen und Wollen auszubilden, aus dem sich ungezwungen, doch
zwingend Gemeinschaften weit über die gegenwärtigen Grenzen
der Parteien hinweg ergeben — Grenzen, die vielfach nicht
viel sinnvoller mehr für die Gegenwart sind als so manche politische
Grenze zwischen diesem oder jenem Lande Deutschlands, die nicht
mehr aus dem Leben der Gegenwart und lebendig fortwirkender Ver—
gangenheit zu begreifen, sondern nur mehr aus Archiven zu erklären
ist. Die Folgen aus solcher höheren staatspolitischen Einigung zu
ziehen, ist zu gemeinsamer Abwehr drohender Gefahren nachgerade
unerläßlich geworden. Die Gefahren des Radikalismus sind
in Deutschland gestiegen. Wir sehen, wie bewußt verneinender Zer—
störersinn an Erbgütern der nationalen und christlich-sitt—
lichen Kultur, die auch heute noch wertvoll sind, haßerfüllt
rüttelt, nicht selten unterstützt durch ein leichtfertiges Literaten—
tum aus ganz anderen Kreisen und als sehr interessant
geschont und betrachtet in einer üblen Abart von Bourgeosie, der
sehr bange würde, wenn aus snobistischem Spiel einmal Wirklichkeit
würde. Wir sehen gleichzeitig, wie eine Berauschung an natio—
nalistischen wirklichkeitsfremden Träumen Haud
in Hand geht mit unverhüllter Verleugnung des Rechts, des
Eigentums und mit wirtschaftspolitischen Irrlehren, mit denen
eine ernsthafte Auseinandersetzung nicht möglich ist. Von beiden
Seiten wird unsere Jugend schmeichelnd und drohend umworben.
Die innere Beziehung zu einem Bürgertum im echten Sinne
des Wortes, das etwas anderes bedeutet als stumpfes Spießertum,
blindwütigen Bereicherungsdrang oder satte Bourgeoisie, ist ihr zum
        <pb n="51" />
        45 —

großen Teil verloren gegangen. Sie sucht und findet nicht. Die
Zerklüftung der Parteien stößt sie ab. Was sie aus guten Trieben
will, ist die Wiederaufrichtung und Erhöhung des Vaterlandes, ist
die Einordnung des Materiellen in ein geistiges und seelisches Volks—
leben, ist die Annäherung der Menschen untereinander, die soziale
Pflichterfüllung zum Aufstieg der Tüchtigen, zur Stützung der
Schwachen, ohne Schwächung der Verantwortung. Hier liegen auch
sür die Kreise der gewerblichen Wirtschaft und im besonderen für
die Handelskammern hohe Aufgaben, über veraltete Grenzen hinweg
den Weg zum Staat und zugleich zur Behauptung der deut—
schen Volkswirtschaft zu zeigen und zu führen, in einer Gemein—
schaft aller derjenigen, die zu verantwortlicher
Mitarbeit am Staate auf dem Boden einer auf
die Persönlichkeit abgestellten, verantwor—
tungsbewußten wie sozialgesinnten privaten
Wirtschaft willens und bereit sind.

Rechte bestimmen sich letzten Endes immer nach dem Maße
erfüllter Pflichten. Wollen wir, um solchermaßen Rechte zu be—
wahren und zu mehren, auch weiterhin im Andenken an die Vor—
fahren unserer Arbeit bei unserer Pflicht bleiben, wie heute Staat
und Volk sie stellen, um damit das größere Recht wahren zu helfen,
das des deutschen Volkes und seiner Kinder!

(Lebhafter Beifall.)
        <pb n="52" />
        <pb n="53" />
        <pb n="54" />
        <pb n="55" />
        <pb n="56" />
        <pb n="57" />
        530.
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— 35

3 kann bestimmt nicht nur und auch nicht an erster Stelle
h Zollerhöhungen geschehen, die unsere Handelsverträge ge—
rden würden, es muß gleichzeitig dazu kommen — und es ist
cfür die höchste Zeit — daß die Landwirtschaft durch Ver⸗—
sserung ihrer Technik in Erzeugung und Behandlung
besser dem heimischen Bedarf anpaßt. Die großen Beträge, die
an Reich und den Ländern zur Gesundung des Genossenschasts—
sens und zu allen möglichen Einzelzwecken verausgabt werden,
ren verloren, wenn nicht bald Wesentliches erreicht würde. Wir
sen, wie schwer der Landwirtschaft diese Aufgabe durch Kapital—
blutung und Überschuldung gemacht ist. Dennoch muß erwartet
rden, daß alsbald große Fortschritte erreicht werden, für die der
ndel schlechterdings nicht entbehrt werden kann und in weitestem
rße zugezogen werden muß. Werden nicht bald gewisse Voraus—
ungen geschaffen, so würden — leider — auch die besten Aufrufe
die Verbraucherschaft nicht viel nützen, das nationale Denken
ht schlechthin beim Verbrauch aufhören zu lassen, wie es leider
ie Unterschied der Berufs- und Einkommensschichten so weit—
breitete Gepflogenheit in Deutschland ist. Übertreibungen freilich
d auch hier vom Ubel. Wer auf dem Weltmarkt verkaufen will,
iß auch kaufen. Aber Uberlegung und Empfindung wird hierfür
so besser die richtigen Grenzen ziehen können, je besser die
mischen Erzeugnisse berechtigte Ansprüche erfüllen. Unbeschadet
sen ist es meines Erachtens hohe Zeit geworden, in allen Kreisen
t Aufklärung auf eine bessere Pflichterfüllung hinzuwirken, und
besten gesellschaftlichen Kreise sind meines Erachtens nicht zu
t, hierin voranzugehen.

Die neue Reichsregierung bereitet neue Entwürfe zur
sserung der Lage der Landwirtschaft, namentlich des Ostens vor.
uglichen Plänen werden die Kreise der gewerblichen Wirtschaft
nicht versagen. Aber nicht alles, was verlangt wird, ist tauglich.
»Rist es ein schlimmer Rückfall in hemmungslose Antragsjagd,
inn ein allgemeines Moratorium für den Osten bean—
igt wurde, da doch die einfachste Überlegung zeigt, daß ein irgend—
e gearteter allgemeiner Zahlungsausschub keinerlei Kredit—
leichterung für den Osten, wohl aber die äußerste Verschärfung
r Kreditnot und eine Krediterschütterung für das ganze Reich be—
uten müßte. Es hat ja wohl auch nicht allzulangen Nachdenkens
durft, um bei den Antragstellern selbst diese Erkenntnis wachzu—

3

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