28 Die Frage der Erzeugungskosten 3. DIE BELASTUNG DER ERZEUGUNGSKOSTEN Es erscheint zweckmäßiger, in diesem Zusammenhang von einer „Belastung“ anstatt von einer „Erhöhung“ der Produktionskosten zu sprechen. Denn es soll hier nicht davon die Rede sein, inwie- weit die vorbesprochenen Momente der Weltpreis-Teuerung die Er- zeugungskosten zwangsläufig erhöht haben, eine Tatsache, die ohne weiteres feststeht und gewöhnlich in dem bekannten circulus vitiosus zum Ausdruck kommt, daß jede Verteuerung der Nahrungsmittel zunächst in Form von Lohnerhöhungen eine Verteuerung der indu- striellen Erzeugung herbeiführt, welche dann ihrerseits wieder auf die Lage der Agrarproduzenten als Verbraucher zurückwirkt, deren Produktion verteuert und eine weitere Preiserhöhung ihrer Erzeug- nisse bedingt.#) Diese Erscheinung erscheint durch die vorher- gehende Betrachtung zur Genüge geklärt, Dagegen treten zu diesen sich aus der Teuerung ergebenden Pro- duktionskostensteigerungen heute solche, die ihre Ursache in den besonderen Verhältnissen der Nachkriegszeit haben und daher als neu hinzukommende „Belastungen“ aufzufassen sind. Dahin gehört zunächst die Belastung aller Volkswirtschaften und ihrer Produktivität durch die erhöhten Steuern, welche zum Teil auf die Ausgleichung von Kriegsschäden und Kriegsschulden, zum Teil auf die erhöhten Ausgaben der Sozialpolitik zurückzuführen 34) Für die Beurteilung dieser Frage ist es entscheidend, wie der Reallohn der Arbeiterschaft sich seit 1913 in der Welt gestaltet hat. Auch hier herrscht Verschiedenheit. In den Vereinigten Staaten ist nach übereinstimmenden Ermittlungen eine Erhöhung über Friedenssatz an- zunehmen. Sering spricht davon, daß die Nominallöhne „doppelt so hoch seien wie vor dem Kriege“ — was’ also eine Erhöhung der Real- löhne bedeuten würde — (vgl. Grundfragen der neuen deutschen Han- delspolitik, Leipzig 1925, S. 18); der Geschäftsbericht der Vereinigung äer deutschen Unternehmerverbände 1925, S. 203, konstatiert ebenfalls eine wesentliche Steigerung der Reallöhne in den Vereinigten Staaten, dagegen schätzt er den Reallohn des gelernten deutschen Arbeiters auf 90—95% der Friedenshöhe, den des ungelernten auf 100—105%, für England gibt er Reallöhne an, die in den einzelnen Industriezweigen von 76—130% schwanken. Man wird also gut daran tun, die Bedeutung des Lohnes für die erhöhten Erzeugungskosten, soweit Europa in Frage kommt, nicht zu überschätzen. Denn es liegen keine Beweise vor, daß die Erhöhung der Löhne insgesamt die Erhöhung der Preise überschrit- ten hätte.