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        <title>Der Weltmarkt 1913 und heute</title>
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            <forname>Hermann</forname>
            <surname>Levy</surname>
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        </author>
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HERMANN LEVYV
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VERLAG B G.TEUBNER
LEIPZIG BERLIN
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        DER WELTMARKT
1913 UND HEUTE

ZON

Dr. HERMANN LEVY
A.O. PROFESSOR AN DER TECHNISCHEN HOCHSCHULE
IN BERLIN

E

1926
LEIPZIG - VERLAG UND DRUCK VON B.G. TEUBNER + BERLIN
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        +:
EG:
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Zu U 500.

SCHUTZFORMEL FÜR DIE VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA:
SOPYRIGHT 1926 BY B. G. TEUBNER IN LEIPZIG

ALLE RECHTE, EINSCHLIESSLICH DES ÜBERSETZUNGSRECHTS,
VORBEHALTEN
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        Inhaltsverzeichnis.
Seit
1. Chronische Weltwirtschaftskrisis und verringertes Welthandels- 0
volumen.
1. Die weltwirtschaftliche Konjunktur der Gegenwart. .......1—8
Symptome der Weltwirtschaftskrisis 1. — Teuerung in Amerika 2. — Wirtschafts-
lage Deutschlands 3. — Englische Arbeitslosigkeit 4. — Zahlungsbilanz in Eng-
land 5. — Internationalität der Krisis 6—7. — Anteil des verringerten Außenhandels
an der Krisis 8.

2. Die Verminderung des internationalen Warenaustausches . . . .9—15
Berechnung des Welthandelsvolumens 9. — Die Preisveränderungen seit 1913 10. —
Rückgang der Fabrikatausfuhr 11—12. — Amerika als Exporteur 13. — Verringerter
Einfuhrbedarf aller Länder 14. — Autonomisierung der Bedarfsdeckung 15.
I. Die Verringerung des weltwirtschaftlichen Warenaustausches als
Folge der Desorganisation der Weltwirtschaft.

1. Allgemeine Umstände. .......0.0000000004+ +++ + + 16—19
Die Veränderungen seit 1913 16. — Politische Einflüsse 17. — Verschuldung und
Friedensverträge 18—19.

2. Das Mißverhältnis zwischen Weltmarktsbedarf und Weltmarkts-
angebot und seine Wirkung auf die Preisbildung ..... . + 19—27
Absatzrückgang nach 1918 20. — Verschiedenheiten der Preisbildung 21. — Die Preis-
schere 22. — Regulierende Faktoren der Preisbildung 23. — Kartellistische Maß-
nahmen 24. — Die Entwicklung und Bedeutung der Baumwollpreise 25. — Der
Eisenmarkt 26. — Die Grundlagen des internationalen Preisproblems 27.

3. Die Belastung der Erzeugungskosten ..... + -«. +. 28—39
Das Problem 28. — Die einzelnen Preiselemente 29. — Die hohen Steuern 30. —
Die verringerte Arbeitszeit 31—33. — Die verringerte Arbeitsleistung 34. — Hoher
Zinsfuß und hohe Generalunkosten 35. — Die hohen Binnenfrachten 36. — Die See-
frachten 37. — Lage der Welthandelsflotte 38. — Frachtraumangebot 39.

4. Die Zerrüttung der Valuten . ......00.000000040 04 0 + + 39—44
Außenhandel und Valuta 40, — Wirkung der Valutamisere 41. — Internationale
Valutastatistik 42. — Stabilisierung 43.
Il. Die Verringerung des weltwirtschaftlichen Warenabsatzes als
Wirkung der verstärkten Selbstversorgung.

1. Die allgemeine Tendenz größerer Wirtschaftsautonomie nach dem
Weltkriege +. ..0000.0000000000 00H KHK KH HH + + 45—48
Streben nach Abschluß 45—46. — Erhaltungsmaßnahmen für einzelne Industrien
und. Ersatzerzeugungen nach dem Kriege 47. — Vermehrung selbständiger Staaten
und Zoillgebiete 48.

2. Die Entwicklung der gesteigerten überseeischen Eigenerzeugung in
einzelnen Ländern .. 0.0.0 0000 008 .. . 49—62

a) Die Vereinigten Staaten von Amerika,
Historische Vergleiche 49. — Steigerung der amerikanischen Erzeugung von 1914
bis nach dem Kriege 50. — Die Eisenindustrie 51. — Die Textilindustrie und ihre
Ausfuhr 52. — Erhöhung der Fabrikatausfuhr 52.
        <pb n="7" />
        IV

Inhaltsverzeichnis .
b) Kanada, Seite
„Das Land der Zukunft‘‘ 52—53. — Steigerung der kanadischen Industrieproduk-
tion auf verschiedenen Gebieten 54.

c) Indien.
Förderung der heimischen Erzeugung 55. — Die Textilindustrie und ihre Fort-
schritte seit 1913 56.

d) Japan. #
Japan als Industriemacht 57. — Steigerung heimischer Erzeugungen 58.

e) Verschiedene Länder.

Die Entwicklung Australiens 59. — Südafrika 60. — Die Südamerikanischen Staaten,
insbesondere Argentinien und Brasilien 61.
3. Der neue Protektionismus . . . 00 GQ—74
a) Allgemeines über seine Steigerung nach dem Kriege.
„Protektionismus‘ und Schutzzoll 62. — Sonderbegünstigungen der heimischen
Industrie 63. — Die Zoillpolitik 64. — Zuschlagszölle 65.
b) Die Entwicklung der protektionistischen Zollpolitik.
Ursachen des allgemeinen Hochschutzzoll-Bestrebens, insbesondere in Amerika 66. —
Die amerikanische Zollbelastung 67. — Die britisch-kolonialen Zollbestrebungen 68, —
Wirkung der Präferentialzölle 69—70. — Zollpolitik Australiens und Kanadas 71. —
Die neuen Zölle in England 72. — Die internationalen Textilzölle 73-—74.

IV. Die Umgruppierung des Weltmarktes nach dem Kriege.

1. Die Enteuropäisierungstendenz in der Weltwirtschaft. ... . . 75—83
Die europäische Getreidefrage 75—76. — Überseeische Rohstoffmonopole und deren
wachsende Bedeutung 77. — Die Enteuropäisierung der Handelsbilanzen 73. —
Anteil Europas am heutigen Weltgeschäft 79. — Ungunst der europäischen Lage 80.

Europa als Schuldnerland 81. — Finanzielle Vormacht der USA. 82. — Die ameri-
kanischen Investierungen 83.
2. Die Verschiebungen im internationalen Wettbewerb. ... . . 83—92
Allgemeine Tendenzen 83—84.
a) Nordamerika,
Enteuropäisierung der amerikanischen Einfuhr 1914-—1923 85. — Ebenso der Aus-
fuhr 86. — Die Handelsverschiebungen in Kanada 87.
b) Südamerika.
Verschiebungen der Einfuhrprovenienzen in Argentinien, Brasilien, Chile und
Paraguay 88—89.
c) Der Ferne Osten.
Kommerzielle Annäherungstendenzen zwischen Japan, Indien, China, Australien 89.
— Die Veränderungen im japanischen Einfuhrhandel 0, — Ebenso in den eng-
lischen Dominions 91. — Zunahme des interkolonialen Handels 92.

3. Die Stellung der europäischen Exportindustrie zu den Ver-
änderungen des Weltmarktes ...0.....0....0.040.. 92-—100
Bedeutung der stärkeren Industrialisierung der überseeischen Gebiete 92-93. — Soll
Europa amerikanisieren? 94—95. — Die Eigenart der amerikanischen Technik, des
amerikanischen Bedarfes und Geschmackes und die Folgen für die europäische
Konkurrenzfähigkeit 9%. — Indien als Markt 97. — Umstellung der europäischen
Industrie oder Herausbildung hochwertiger Fertigindustrien? 98. — Stellung Eng-
lands zu dieser Frage 99. — Neue Möglichkeiten 100.
V. Zusammenfassung und Perspektiven.

Falsche Prognosen 101. — Die Übererzeugung in der Weltwirtschaft 102. — Das
Kostenproblem 103. — Teuerung 104. — Nachkriegsprotektionismus 105. — Ohne
Lösung dieser Fragen keine Erholung der Weltwirtschaft 106. — Das Dawes-Ab-
kommen 107. — Die Weltwirtschaftskonferenz und ihre Möglichkeiten 108-—100. —
Besondere Aufgaben derselben 110. — Internationale Arbeitspolitik 111. — Die Re-
organisation der Weltwirtschaft ist nur unter Aufopferung aller Sonderinteressen
denkbar 112—114. — Nachwort zum Survey of Overseas Markets 115—116.
        <pb n="8" />
        Symptome der Weltwirtschaftskrisis

JI. CHRONISCHE WELTWIRTSCHAFTSKRISIS UND VERRIN-
GERTES WELTHANDELSVOLUMEN
1. DIE WELTWIRTSCHAFTLICHE KONJUNKTUR DER GEGENWART
„Obschon acht Jahre seit dem Waffenstillstande vergangen sind,
sind wir noch keineswegs aus unseren Sorgen heraus. Der Schaden,
der durch den Krieg dem Handel, dem Geschäft und dem Kredit zu-
gefügt wurde — damit auch den Löhnen und der Arbeiterbeschäf-
tigung —, kann wahrscheinlich erst in Jahren ausgeglichen werden.
Es dauerte nach den Napoleonischen Kriegen mindestens 15 Jahre,
bis normale Zeiten wiederkehrten.“ Diese Worte hat der frühere
englische Premierminister David Lloyd George unlängst in dem
Vorwort zu einem Buche ausgesprochen, dessen Verfasser Parallelen
zwischen der Folgezeit der Napoleonischen Kriege und derjenigen
des Weltkrieges zieht.!)

In der Tat, die Dauer der Weltwirtschaftskrisis wird beunruhi-
gend. Sie wirkt vielleicht beunruhigender als die Symptome dieser
Krisis selbst, die, wie etwa die Zahl der 13000000 Arbeitslosen in
England, der Währungszusammenbruch in der Inflationszeit Deutsch-
lands, das Festliegen einer ganzen „Flotte“ von Handelsschiffen in
Amerika, wohl Außergewöhnliches bedeuten, aber immerhin als
„vorübergehende“ Nachkriegserscheinungen begreiflich erscheinen
könnten. Das Gefahrvolle, heute alle Länder in Furcht versetzende
Moment der Nachkriegsentwicklung der Weltwirtschaft liegt in
ihrem chronischen Charakter. Auch die Vergleiche mit früheren
Epochen sind hierin kein Trost. Denn während zu Anfang des
19, Jahrhunderts die Wirtschaftsstaaten immerhin den Vorteil einer
hoch weitgehenden Selbstversorgung hatten, sind sie seitdem so
sehr durch Beziehungen des Austausches miteinander verflochten
worden, daß die Desorganisation der Weltwirtschaft volkswirt-
schaftlich weit Schlimmeres bedeutet. Den Gegenbeweis hierfür bie-
1) Vgl. das interessante Buch von Mrs. H, A. L. Fisher, Then and
Now. Oxford University Press. London 1925. S. V.
Levy, Weltmarkt
        <pb n="9" />
        »

ten die Vereinigten Staaten von Amerika, deren Wirtschaftskon-
junktur heute am wenigsten von der Weltwirtschaftskrisis betroffen
erscheint, weil sie noch immerhin am stärksten als „in sich ge-
schlossener wirtschaftlicher Weltteil“ zu betrachten sind.

Jedoch auch hier in Amerika hat die Nachkriegszeit keineswegs
eine Konjunktur gebracht, die auch nur annähernd mit einem der
üblichen „booms“ der Weltkriegsjahre zu vergleichen wäre, trotz
Goldzufluß und trotz der fehlenden unmittelbaren Zerstörungen
durch den Krieg. Es wird zwar im Laufe dieser Arbeit noch häufig
darauf hingewiesen werden, daß die Union im ganzen als welt-
wirtschaftlicher Wettbewerber wesentlich von den Ereignissen des
Weltkrieges profitieren konnte. Aber diese Tatsache darf nicht dar-
über hinwegtäuschen, daß die weltwirtschaftlichen Krankheiten der
Zeit die Vereinigten Staaten keineswegs verschont haben. Schon
die Teuerung ist ein bezeichnendes Symptom. Folgende Ziffern des
Professor Irving Fisher können Teuerung und sinkende Dollar-Kauf-
kraft illustrieren; es betrug :?)

Teuerung in den Vereinigten Staaten von Amerika

Die Indexziffer der Preise |
in % der Vorkriegszeit,
1913 gleich 100.

Kaufkraft des Dollars
in Vorkriegs-Cents,
1913 gleich 100 Cents

1913
1923
1924 (I. Quartal)
1925 (I. Quartal)
1075 IJali

00
158
150,5
161,9
160.3

100
63,4
66,4
61,8
24

Auch hier wird die chronische Situation erkennbar. Die Ent-
wertung des Dollars gemessen an der Preisbildung bildet nach wie
vor die ernste Sorge amerikanischer Wirtschaftspolitiker. Wie die
Teuerung in den Vereinigten Staaten auf die ländlichen Kreise ge-
wirkt hat, hat unlängst Professor Max Sering in seiner vielbeachteten
agrarpolitischen Schrift?) dargelegt. Er konstatiert, wie sehr die
Lebenshaltung auf den Farmen eingeschränkt ist; um an Löhnen
zu sparen, überarbeiten sich die Erwachsenen und werden die Kin-
der aus der Schule gehalten. Im Jahre 1922 wanderten 1.2 Millionen
2) Nach Manchester Guardian Commercial vom 6. August 1925. S. 141.
3) Vgl. Max Sering, Agrarkrisen und Agrarzölle. 1925. S. 38—39,
(Verlag W. de Gruyter.)
        <pb n="10" />
        Wirtschaftslage Deutschlands

Menschen von den Farmen in die Städte, im Jahre 1920 standen 4,7%
der bewohnbaren Farmhäuser leer, in den beiden folgenden Jahren
wurden 5,7 und 7,3% von ihren Bewohnern verlassene Farmen
{derelict farms) gezählt. „Das Unheil“, so bemerkt Sering auf Grund
amtlicher Quellen, „ist durch die Preisverhältnisse herbeigeführt
worden, durch gestiegene Produktionskosten und erhöhte Preise für
die Notwendigkeiten des Farmhaushaltes“.

In Europa ist die Sicht in die Wirkungssphäre der weltwirtschaft-
lichen Krisis insofern verschleiert, als man zwischen Ländern mit
anberührter, gesunder Währung und solchen der Inflation zu unter-
scheiden hat, Die Inflation hat die Eigenschaft, die Verarmung zu
überdecken, was wir in Deutschland am deutlichsten erprobt haben.
Heute sind wir ein Land mit zwar stabiler Währung und gesunder
Finanzpolitik, aber um so deutlicher erkennbarer Verarmung. Unser
Volksvermögen wurde für das Jahr 1922 auf 35700 Millionen Dollar
von einer amerikanischen Quelle gegenüber 77 783 Millionen für das
Jahr 1912 geschätzt. Unsere Handelsbilanz ist um mehrere Milliarden
Goldmark passiv, während sie angesichts des Schwundes unserer
Zahlungsbilanz und im Hinblick unserer uns aufgelegten Auslands-
verpflichtungen aktiv sein und unsere Ausfuhr zur Deckung unserer
Auslandsverpflichtungen auf fast das 21/,fache der Gesamtausfuhr
des Jahres 1924 gesteigert werden müßte.‘) Allein, auch hier stößt
eine „welt“-wirtschaftliche Bewertung dieser „Verarmung“ auf
Schwierigkeiten. Denn weltwirtschaftlich gesehen wird natürlich ein
großer Teil der Verarmung der besiegten Länder — soweit sie
nämlich auf die Schmälerung ihrer Wirtschaftsbasis zurückzuführen
ist — eine „Bereicherung“ der Siegerländer und ihrer kleineren Ver-
bündeten bedeuten, wie etwa die Abtretung unserer Eisenerzlager
in Lothringen an Frankreich, Ackerländer in der Ostmark an Polen,
ebenso wie die Zerstückelung Österreichs und die Losreißung Tirols
zunächst als „Gewinn“ der neu gebildeten Staaten und Italiens zu
buchen ist.) Aber gerade weil dies berücksichtigt werden muß.

x%

4) Nach den Angaben der Vereinigung der deutschen Arbeitgeber-
verbände, Geschäftsbericht. Berlin 1925. S. 142 ff,

5) Daß der Ausgleich bezüglich der Montanindustrie auf dem Kon-
tinent nicht vorhanden war, sondern daß sich die Produktionsverhält-
nisse, hier weltwirtschaftlich gesehen, durchaus als rückläufig erwei-
        <pb n="11" />
        Arbeitslosigkeit in England
ist die zunehmende Inflation in den Siegerländern — Frankreich,
Belgien, Italien — als Symptom zunehmender Verschlechterung des
Wirtschaftsstatus ins Gewicht fallend. Sie zeigt, daß der Verlust
des einen zumindest nicht in der Lage gewesen ist, dem anderen
entsprechenden Wohlstand zu sichern. Aber weil auf dem euro-
päischen Festlande durch diese Umstände die eigentliche Wirksam-
keit der Weltwirtschaftskrisis und der Konjunkturverschlechterung
schwer zu bemessen ist, wirkt das wirtschaftliche Bild des einzigen
europäischen Siegerlandes, das heute noch gesunde Finanzen und
eine stabile Währung aufweist und keine Gebietsverschiebungen
— es sei denn kolonialen Zuwachs — bei der Abschätzung seines
Wohlstandes mit zu berücksichtigen hat, das wirtschaftliche Bild
Englands also, am charakteristischsten.

Hier ist am beredtesten immer wieder der Stand der englischen
Arbeitslosigkeit. Denn in dieser spiegelt sich die Schwierigkeit der
gewerblichen Beschäftigung, also auch die Notlage der englischen
Exportindustrie. Nach den Angaben der englischen Trade Unions
betrug ®) die Anzahl ihrer unbeschäftigten Mitglieder jeweils

1913 1923 1924 1925

im Juni 2.00.00... 19% 111% 72% 123%

Am 29. Juni 1925 waren nicht weniger als 1368000 englische
Arbeiter im Arbeitslosenregister eingetragen. Diese Ziffer ist nur
das Spiegelbild der industriellen und kommerziellen Lage des Lan-
des gewesen.) Es gibt kaum eine Ziffer der englischen Wirtschafts-
sen, zeigt folgende Zusammenstellung. Es betrug die Erzeugung (in
1000 metrischen Tonnen):
Roheisen
Monatsdurch- Dezember
schnitt 1913 1924

Stahl
Monatsdurch-| Dezember
schnitt 1913 1924

1609 803 1578
434 | 665 | 434 |
207 247 ; 205
Nach den Ziffern des Economist Monthly Suppl. vom 25. Juli 1925
zusammengestellt.
6) Vgl. Economist vom 18. Juli 1925. S.101.
7) Vgl. hierzu die Ausführungen des neuesten amtlichen englischen
Berichtes: Investigation into the Personal Circumstances of 10903 clai-
mants to the Unemployment benefit. 1925.

Deutschland. . .. |
Frankreich ....
Beigien. ....

580
665
245
        <pb n="12" />
        Die englische Zahlungsbilanz

statistik, die das nicht bestätigt, So betrug die Kohlenerzeugung
Englands im Monatsdurchschnitt 1913: 24,3 Millionen Metertonnen,
im Juni 1925 nur 16,4 Millionen, die Roheisenerzeugung im Monats-
durchschnitt 1913 ca. 870000 Metertonnen, im Juni 1925 nur 512000,
die Erzeugung von Stahl im Monatsdurchschnitt 1913: 649000, im
Juni 1925 nur 594000 Metertonnen.®) Vor allem aber äußert sich
der verschlechterte Status der englischen Wirtschaft im Rückgang
seiner Ausfuhr im Vergleich zu der Steigerung seines Wareneinfuhr-
wertes und in der damit herbeigeführten Verschlechterung seiner
Handels- und Zahlungsbilanz. Folgende Aufstellung der Zahlungs-
bilanz des englischen Handelsministeriums verdient hierbei in erster
Linie Beachtung. Es betrug:?)

KR
wo

Millionen Pfund Sterling
1907 | 1922 | 1923 | 1924
Einfuhrüberschuß .....00.......
Einnahmen aus Schiffahrtsdiensten. ....
Einnahmen aus überseeischen Kapitalsanlagen
Kommissionen. .............1.
Andere Dienste €... ..........
„Unsichtbare Ausfuhren“ total. ......
Verfügbares Einkommen für neue Kapitals-
anlagen. .

42 4x
85 | 110
160 | 175
25 30
10 10
280 ! 325
138 | 15a

203 541
115 130
150 | 185
30 40
10 15
305 370
102 |

20
Das erstaunliche Resultat dieser Tabelle ist, daß infolge des
außerordentlich gesteigerten Einfuhrüberschusses und der damit
einsetzenden Überpassivierung der englischen Handelsbilanz bei
gleichzeitig nicht entsprechender Steigerung der Guthaben aus der
„unsichtbaren Ausfuhr“ die Geldgeberfähigkeit Englands stark
erschüttert worden ist. Diese Tatsache hat sich im Jahre 1925
noch erheblich verschärft. Die Werte der Ausfuhr sind gegen-
über 1924 nicht nur nicht gestiegen, sondern in den einzelnen Mo-
naten zum Teil erheblich gesunken, während das Plus der Einfuhr-
wertes sich erhöht hat.!°) Dazu kommt, daß infolge des Sinkens
3) Vgl. The Economist Monthly Suppl. vom 25, Juli 1925.

9) Vgl. Board of Trade Journal vom 29. Januar 1925.

10) In den ersten sechs Monaten 1925 betrug der Wert der Einfuhr
last 80 Millionen Pf. Sterling mehr, der Wert der Ausfuhr nur 1,6 Mil-
a Mehr als im ersten Halbjahr 1924 Vgl. Economist vom 18. Juli
        <pb n="13" />
        Weltwirtschaftskrisis überall
der Frachtraten (vgl. näheres weiter unten) ein wichtiger Posten
der englischen Zahlungsbilanz sich zumindest nicht verbessert hat,
so daß der erhöhten Passivität der Handelsbilanz keine besonderen
Erhöhungen an „unsichtbaren Ausfuhren“ gegenüberzustellen sind.
Sir Allan Smith, der bekannte wirtschaftliche Sachverständige, hat
als Vorsitzender eines Arbeitsausschusses einer großen Angestellten-
vereinigung diese Entwicklung im Sommer 1925 einer Schätzung
unterworfen, nach welcher im Jahre 1925 mit einem Defizit der
englischen Zahlungsbilanz von ca. 26 Millionen Pf. Sterling zu
rechnen sein würde, selbst wenn man die unsichtbaren Ausfuhren
von 1924 zugrunde legt. Ein solches Ergebnis des bisher reichsten
Handelsstaates der Welt wäre in der Tat sensationell. Man wun-
dert sich daher auch nicht, wenn Sir Allan Smith folgende, in Eng-
land viel beachtete Worte an seine Darstellung knüpfte:1)

3

„Wir sind also an einem Punkte angelangt, wo wir die Liqui-
dation unserer nationalen Guthaben ins Auge zu fassen haben
und von unserem nationalen Kapital leben müssen. Wenn daher
nicht etwas geschieht, um unseren Ausfuhrhandel zu beleben, so
muß schließlich das Resultat‘ der Bankerott sein. Es ist einleuch-
tend, daß wir von Anlagen, die wir veräußern, keine Zinsen mehr
erhalten können.“

Es sollte nicht Aufgabe des hier zu entwerfenden Bildes von der
konjunkturalen Lage der Weltwirtschaft sein, eine vollständige Her-
zählung aller die Wirtschaftslage einzelner Staaten heute charak-
terisierender Depressionsmomente zu geben. Nur die wichtigsten
derselben sollten die Lage beleuchten. Es ergibt sich, daß die wirt-
schaftliche Krisis in den einzelnen Ländern sehr verschiedene Wir-
kungen, je nach der ganzen volkswirtschaftlichen Struktur dieser
Länder, ihrer Beteiligung am Weltkriege, ihrer Stellung als Agrar-
oder Industrieland, ihrer Finanz- und Währungspolitik usw. zeitigt,
Es ist bezeichnend für die Wirkung der weltwirtschaftlichen Tief-
konjunktur, daß sie gerade in Ländern wie England, das bezüglich
seines Außenhandelsvolumens im Frieden an der Spitze marschierte,
besonders einschneidende Veränderungen im volkswirtschaftlichen

11) Vgl. Levy: „Ist Englands wirtschaftliche Weltgeltung erschüt-
tert?“ In Wirtschaftl. Nachrichten für den Ruhrbezirk vom 22. Juli 1925.
        <pb n="14" />
        Internationale Arbeitslosigkeit

Gesamtbilde hervorgerufen hat. Aber ergänzend sei-betonf, ‚daß es,
heute kein Land in der Welt gibt, das von den Einflüssen“ Ui&amp;ser:.
Tiefkonjunktur verschont geblieben wäre. Ob man.nach Südafrika
oder Ostindien oder in den Bezirk der südamerikanischen Länder
blickt, man wird überall das Vorhandensein von Absatzkrisen be-
merken, die zeitweilig schwächer auftreten, um dann wiederum ein
intensiveres Gepräge anzunehmen.!?) Auch hier reden die Arbeits-
losenziffern eine deutliche Sprache, von denen einige verglichen
mit dem „noch“ günstigen Jahre 1920 hier angegeben seien. Es
betrug die Prozentziffer der beschäftigungslosen Arbeiter, die ent-
weder einem Gewerkvereine angehörten oder in ein staatliches Ver-
sicherungsgesetz eingegliedert waren: 1?)
ALL

in Australien. . .

n Canada . ....
im Deutschen Reich .
in Schweden. ...
;n Dänemark. ...
n Norwegen.

;n Holland. .

Juni 1920 | März 1925

a3

. 8,5
3,9 58
34 11,9
1 ı 151
3R | 7,4
39 10.1
Damit schließt sich, wenn auch noch so ungleiche Verhältnisse
im einzelnen mitbestimmend auf die Besonderheit der Wirtschafts-
konjunktur in einzelnen Ländern sein mögen, der Kreis überall
gleich gearteter Symptome der heutigen Krisis. Mangelnde Beschäf-
tigung als Zeichen mangelhafter Ausnutzungsmöglichkeit der vor-
handenen Produktivkräfte, Diese wiederum ist das Ergebnis ver-
minderter Absatzmöglichkeiten.
Aufgabe einer weltwirtschaftlichen Untersuchung würde es nun
naheliegenderweise sein, festzustellen, inwieweit der Auslandsab-
satz — damit also der Weltwirtschaftsabsatz — eines jeden Lan-
des an dem Grade seiner Depression beteiligt ist, inwieweit diese
andererseits auf die Erschlaffung seiner eigenen Kauffähigkeit zu-
rückgeführt werden muß. Eine solche Aufgabe durchzuführen, ist
5122 Vgl. näheres bei Levy. Grundlagen der Weltwirtschaft. 1924.
; 19) Much Economist Monthly Suppl. vom 25. Juli 1925. S.11. Die
deutsche Arbeitslosenziffer betrug am 6. Januar 1925: 535529, am 1. Juli
1925: 195582,
        <pb n="15" />
        3 Außenhandel und Wirtschaftsnot
bei dem heutigen Stande der wirtschaftsstatistischen Hilfsmittel
noch nicht möglich. Auch wäre eine solche Trennung vielleicht
vom weltwirtschaftlichen Standpunkte gar nicht konsequent durch-
Führbar. Denn ein jedes Land mit verarmter Binnenwirtschaft ist
ohne weiteres ein verarmter Wirtschaftskunde, seine Verarmung
also mittelbar wieder der Anlaß verringerter Ausfuhr anderer Län-
der. Es ist ohne weiteres klar, daß die Verarmung von Millionen
früherer kaufkräftigerer Menschen in Deutschland durch die rein
politisch zu verstehenden Lasten, die ihm aufgebürdet wurden, die
Kaufkraft Deutschlands gegenüber seinen nachbarlichen Lieferan-
ten geschwächt hat. Damit aber ist zugleich wiederum die Kauf-
kraft dieser Länder, deren Ausfuhren sich verringert haben, gegen-
über dritten Ländern geschwächt. Aus einer anscheinend nur das
interne Gebiet eines einzelnen Landes treffenden Tatsache — es
gibt auch Tatsachen mit absolut weltwirtschaftlichem Charakter:
wie etwa die Steigerung überseeischer Getreidepreise, Mißraten der
amerikanischen Baumwollernte oder dergleichen — wird ohne wei-
teres eine weltwirtschaftliche Tatsache, weil heute alle Länder zu
sehr kommerziell miteinander verbunden sind, um eine Scheidung
ihres Wohlstandes in rein volkswirtschaftliche und rein weltwirtschaft-
liche Einflußgebiete zuzulassen. Es ist sicher, daß eine Besserung
des Außenhandelsvolumens eines Landes durch Erhöhung seiner
Ausfuhr unter Umständen nur „ein“ Moment sein kann, das zur
Hebung seiner wirtschaftlichen Lage beiträgt. Der Außenhandel
allein bestimmt nicht die Gesamtheit des Volkswohlstandes. Ebenso
kann eine wesentliche Steigerung der inneren Kaufkraft eines Lan-
des Verluste im Außenhandel teilweise ersetzen, ohne daß diese
unbedingt auf stärkere weltiwirtschaftliche Verwobenheit zurück-
geführt werden müßte. Aber andererseits ist heute unbedingt für
jedes Land — je nach seiner weltwirtschaftlichen Bedeutung —
die Verbesserung der Ausfuhr ein wesentliches Moment für die
Verbesserung seiner Wirtschaftslage. In diesem Sinne ist also die
Betrachtung des gesamten Außenhandelsvolumens der Welt für
jedes zivilisierte, das heißt arbeitsteilig in die Weltwirtschaft ein-
gegliederte Gebiet, von Bedeutung, wenn sich auch der Anteil, den
das verringerte Welthandelsvolumen an den nationalen Wirtschafts-
nöten hat. im einzelnen nicht genau begrenzen läßt.
        <pb n="16" />
        Wertziffer des Welt-Außenhandels

cC

2. DIE VERMINDERUNG DES INTERNATIONALEN WAREN-
AUSTAUSCHES

Die Berechnung oder auch nur Schätzung des Welthandels-
volumens, wie es sich heute im Vergleich zu der Vorkriegszeit dar-
stellt, stieß bisher auf eine fundamentale Schwierigkeit, Da näm-
lich in allen Ländern die Warenpreise gegenüber 1913 erheblich
gestiegen sind, diese Preissteigerung aber wiederum in der überaus
zroßen Zahl von Ländern mit inflatierter Währung in ganz ver-
schiedener Weise zum Ausdruck kommt, so ist mit den bloßen
Ziffern der Wertausfuhr wenig anzufangen. Andererseits besteht
natürlich keine Möglichkeit, die Ausfuhr selbst nur eines Landes,
geschweige denn der ganzen Welt nach Mengenziffern zusammen-
zufassen, Der einzige Ausweg liegt darin, durch Zugrundelegung
der Preise, wie sie für das Jahr 1913 herrschten, einen Maßstab zu
finden, der die Ab- oder Zunahme der Mengenausfuhr wenigstens
annähernd berechnen läßt. Diesen Weg ist denn auch der parla-
mentarische englische Ausschuß gegangen (Committee on Industry
and Trade), wenn er in seinem ersten, am 25. März 1925 abgeschlos-
senen und im Juli veröffentlichten Bericht die Lage der überseeischen
Märkte Englands einer besonderen Prüfung unterzieht.!4)

Betrachtet man zunächst den Außenhandel, soweit der Export
in Frage kommt, ohne Berücksichtigung der Preisfrage für die Welt
and ihre heute wichtigsten drei Exportstaaten, das Vereinigte König-
reich bzw. das Britische Reich als Ganzes, die Vereinigten Staaten
von Amerika und Frankreich im Rahmen des Werts des Gesamt-
welthandelsvolumens, so ergibt sich das folgende Bild:

Ausfuhr in Millionen Pfund Sterling
1913 19223

Gesamte Welt... .......4
Vereinigtes Königreich. ....-
Gesamtes Britisches Reich ....
Vereinigte Staaten von Amerika ,
Frankreich. .

4034,
525,3
1020,0
503,1
TOR

5299,0
743,5
1597,0
894,3
4018

14) Vgl. Survey of Overseas Markets, based on material mainly
jerived from official sources etc. London 1925, (Stationary Office.)
Näheres über die Entstehung dieses Berichtes vgl. im Nachwort S.115.
        <pb n="17" />
        10 Berücksichtigung der Preiserhöhungen

Die Zunahme im Wert des Welthandelsvolumens wäre hiernach
gegenüber 1913 ca. 31%. Man erkennt: das Welthandelsvolumen
hat seit 1913, in Pfund Sterling ausgedrückt, nicht unerheblich zu-
genommen und diese Tatsache könnte zunächst den Anschein einer
gesteigerten Weltprosperität erwecken, wenn nicht die soeben ge-
schilderte Verfassung der Weltmarktslage und der Wirtschaftskon-
junktur der einzelnen Länder dieser Annahme sofort widerspräche.

Der Widerspruch erklärt sich aus der Erhöhung des weltwirt-
schaftlichen Preisniveaus. Für England, das als immer noch be-
deutendstes Freihandelsland dem Weltmarkt am „nächsten“ steht,
betrug die Erhöhung der Preise im Jahre 1923 gegenüber 1913:
58,9%, im Jahre 1924: 66,2%. Der amtliche englische Bericht schätzt
die Erhöhung des Weltmarktpreisniveaus auf 50—60%. Ein Durch-
schnitt von 55% würde also berechtigt erscheinen. Darnach würde
der scheinbare Fortschritt des Welthandelsvolumens in einem Rück-
schritt bestehen,

Geht man von der allgemeinen Welthandelsausfuhr zu den diffe-
renzierteren Ergebnissen für einzelne Hauptexportländer über, so wird
man sogleich eine besondere Unterscheidung zu machen haben. Noch
immer zerfällt die Welt — so viel auch der Weltkrieg durch die
später zu besprechende stärkere überseeische Industrialisierung
diesen Gegensatz vermindert haben mag — in Gebiete, welche vor-
nehmlich Nahrungsmittel- und Rohstoff-exportierende sind und
solche, welche im Austausch für solche Waren Fertigfabrikate zu
verkaufen trachten. Es ist ohne weiteres klar, daß selbst bei einer
sich allgemein verschlechternden Lage der Weltwirtschaft die Po-
sition der Nahrungsmittel- und Rohstoff-Exportländer günstiger sein
muß als die der Fabrikat-Export-Staaten, Es entspricht den primitiven
Gesetzen der menschlichen und damit auch der volkswirtschaftlichen
Bedürfnisskala, bei knapper werdenden Gesamtmitteln zur Bedürf-
nisbefriedigung zunächst eine Einschränkung des minder dring-
lichen Bedarfs vorzunehmen, ehe man zur Einschränkung des dring-
licheren schreitet, Aus dieser Gesetzmäßigkeit erklärt es sich, daß
in Zeiten volkswirtschaftlicher Krisen die Preise der Fertigerzeug“
nisse weit rascher und stärker zu sinken pflegen als die des Halb-
zeugs oder gar der Rohstoffe. Es ist daher anzunehmen, daß auch
die Einschränkung des Bedarfs auf Grund der zuvor erörterten Ver-
        <pb n="18" />
        Rückgang der Fabrikatausfuhr

schlechterung des Wohlstands der Welt am geringsten bei den
Nahrungsmitteln und jenen Rohstoffen gewesen ist, deren Verar-
beitung — wie etwa die Baumwolle — dringlichen Bedürfnissen
aller Länder zu dienen hat. An dieser Annahme kann auch die Tat-
sache, daß, wie Sering feststellt!5), eine erhebliche Abnahme des
Weizen-Roggen- und Mehl-Einfuhrbedarfes in der Zeit 1919/23
gegenüber 1913 stattgefunden hat, nichts ändern. Betrug doch der
Einfuhrüberschuß von Brotgetreide in den nordischen Ländern, im
kontinentalen Westeuropa, in Großbritannien und Irland, Spanien
und Italien zusammen 69,9 kg pro Kopf der Bevölkerung in der
Zeit von 1919—1923, gegenüber 74,5 kg im Durchschnitt der Jahre
1909—1913. Diese Rückläufigkeit ist relativ gering, wenn man sie
mit der prozentualen Minderung: des Fabrikatexports der wichtig-
sten europäischen Industrieländer vergleicht, eine Minderung, die
auf das verringerte Aufnahmebedürfnis der Fabrikat-Import-Länder
schließen läßt, selbst wenn man berücksichtigt, daß diese Verringe-
rung nicht nur durch verringerten Wohlstand, sondern auch durch
die — später zu erörternde — Absperrungspolitik vieler Länder
bedingt ist. Es betrug die Ausfuhr, wenn man derjenigen von 1923
die Preise von 1913 zugrunde legt:

England'%):
Gesamtausfuhr .
Fabrikatausfuhr .
Frankreich:
Gesamtausfuhr .
Fabrikatausfuhr .
Belgien:
Gesamtausfuhr .
Fabrikatausfuhr
Deutschland:
Gesamtausfuhr
Fabrikatausfuhr

19123

1923

525,3 Mill. P£. Ster]

413,8 »
5880,2 Mill. Fr.
41619 „

396,5 Mill. Pf. Sterl.

303,5 »” ”
7299,3 Mill. Fr.
4886,11 „ »
2285,7 „ »
16215

3634,56 „
18009

10095 Mill. Goldm.5335 Mill. Goldm.
6778 „2. 4519

Proz. d. Aus-
fuhr v. 1913
(1913 == 100)

75,5
733

106,1
117.4

62,9
90,0

52,9
66,7
15) Sering a. a. O0. S. 29-—31. Zu demselben Ergebnis kommt auch
bezüglich anderer weltwirtschaftlich bedeutsamer Nahrungsmittel der
sonst mit Sering nicht übereinstimmende Dr. Kurt Ritter in „Neue
Grundlagen der Handelspolitik“. 1925. S. 257.

16) Die Ziffern für England rechnen ab 1. April 1923 den Irischen
        <pb n="19" />
        12

Berücksichtigung verschiedener Fabrikatexporte
Auch hier ist wieder, was bereits oben in anderem Falle bemerkt
wurde, zu berücksichtigen, daß der Ausfuhrzuwachs Frankreichs
sich zu einem sicherlich nicht unerheblichen Teile aus den terri-
torialen Erweiterungen erklärt, also gewissermaßen vom gesamt-
europäischen Standpunkt nur eine Verschiebung zu Ungunsten des
Deutschen Reiches darstellt. Aber selbst wenn man dies berück-
sichtigt, zeigt es sich, daß die Abnahme der Ausfuhr sowohl wie
der speziellen Fabrikatausfuhr für das gesamte Westeuropa-Indu-
striegebiet: England— Frankreich—Belgien—Deutschland erheblich
war. Ferner zeigt es sich, daß die absolute Abnahme der Fabrikat-
Wertausiuhr weit erheblicher war als die Abnahme der Gesamt-
ausfuhr, Dies ist aber, da es sich bei allen diesen europäischen
Ländern um solche handelt, die eine überwiegende Fabrikatausfuhr
haben, das unbedingt Entscheidende. Zum Beispiel darf die Tat-
sache, daß in Belgien die Fabrikatausfuhr immerhin 90% der Vor-
kriegszeit betrug, nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich der ab-
solute Wert derselben, gemessen an den Preisen von 1913, um nicht
weniger als 180 Millionen Franken verringert hätte, während die
Abnahme der Gesamtausfiuhr „nur“ 350 Millionen Franken aus-
machte und daß von den 130 Millionen Pf, Sterling, um welche
der Wert der Ausfuhr Großbritanniens zurückging, allein 110 Mil-
lionen auf Fabrikate fielen,

Vor allem aber muß bei diesen vergleichenden Ziffern bedacht
werden, daß sich die einzelnen „Fabrikatgruppen“ der Staaten nur
höchst ungenau miteinander vergleichen lassen. So bedeutet es
selbstverständlich etwas ganz anderes, wenn England im Jahre 1913
für allein ca. 98 Millionen Pf. Sterling hochwertige Baumwollstück-
waren ausführte (bei einer Gesamtfabrikatausfuhr von 292 Millionen
Pf. Sterling), während in Deutschland bei einer Fabrikatausfuhr von
6642 Millionen Mark nur 446 Millionen auf Baumwollwaren, dagegen
erhebliche Posten der Ausfuhr auf solche Waren fielen, die nicht
den hochwertigen Charakter derartiger Textilerzeugnisse trugen.
Wie stark der Rückgang der Ausfuhr gerade im Gebiete solch hoch-
wertiger Erzeugnisse der Textilindustrie ist, kann die Tatsache zei-

Freistaat als fremdes (d. h. koloniales) Exportgebiet. Würde man hin-
gegen diesen Zuwachs an Exportwerten, die es nur der Form nach sind,
abrechnen, so wären die Ziffern noch ein wenig ungünstiger.
        <pb n="20" />
        Die Exportziffern der Vereinigten Staaten von Amerika 12
gen!?), daß im Jahre 1924 die Ausfuhr von Baumwollstückwaren
aus England 4455000 Quadratyards betrug, während sie im Jahre
1913 — freilich einer Zeit besonders guten Auslandsgeschäftes —
nicht weniger als 70750000 Quadratyards betragen hatte.

Diese Differenzierung der „Fertigwaren“ nach Gesichtspunkten
der Hochwertigkeit, der Qualität und der Verfeinerung ist auch
notwendigerweise zu berücksichtigen, wenn man den europäischen
Exportziffern, die (auf Grund der 1913-Preise) als Ganzes eine, wie
man erkannte, rückläufige Tendenz zeigen, die amerikanischen ge-
genüberstellt. Diese betrugen:

Gesamtausi{iuhr.
Fabrikatausiuhr

1 0 0a N.

1913

Millionen Dollars
1923 | 1913 = 100
2448,6 | 2924,3 | 119,4
1052,4 1559,3 148.3

Man könnte zunächst annehmen, daß die These, der Rückgang
der Weltausfuhren bei den Fabrikaten sei infolge des stärkeren Be-
darfsrückgangs erheblicher als bei Nahrungsmitteln und Rohstof-
fen, durch diese Ziffern widerlegt werde. Allein, dies ist nicht der
Fall. Denn es bleibt zu bedenken, daß die „Fabrikat“-Ausfuhr der
Vereinigten Staaten eine durchaus andere ist wie ein großer Teil
der europäischen. Die Union exportiert in erster Linie Fabrikate,
die, wie landwirtschaftliche Maschinen und alle jene Spezialma-
schinen, die die spezifisch amerikanische Eliminierung der Hand-
arbeit bezwecken, wiederum der Produktion dienen sollen und nicht
wie eine große Zahl speziell europäischer Exportwaren, dem un-
mittelbaren Verbrauche dienen. Betrug doch z.B. die Ausfuhr von
Baumwollfabrikaten der Union im Jahre 1924 (Fiskaljahr) nur
127 Millionen Dollars (vgl. oben die englische Ziffer, die sich
dabei nur auf Stückwaren bezieht), bei einer Gesamtfabrikatausfuhr
von über 2000 Millionen Dollars, während die Ausfuhr von Leder-
waren nur 21 Millionen, die Seidenausfuhr nur 12, die von Woll-
waren nur 7.7 Millionen Dollars betrug! So bedeutsam viele der

17) Vgl. Sondernummer des Manchester Guardian Commercial über
die Textil-Fertigfabriktion vom 2. Juli 1925. 5.7.
        <pb n="21" />
        Allgemein verringerter Bedarf für Auslandswaren
amerikanischen Ausfuhren auch als Konkurrenz Europas auf dritten
Märkten sein mögen, die Zunahme der amerikanischen Ausfuhr-
ziffern beweist nichts für die Wirkung des abnehmenden Weltab-
satzes auf die Fertigfabrikation. Denn es handelt sich bei der Be.
trachtung europäischer und amerikanischer Fabrikatausfuhren um
zum Teil durchaus verschiedene Güter, Ebenso darf nicht gefolgert
werden, daß etwa die Zunahme der amerikanischen Fabrikatausfuhr
die Abnahme der europäischen ausgeglichen habe, daß es sich also
nur um eine Verschiebung der Weltausfuhr, um eine Dislozierung
handele, Denn rechnet man die von uns gegebenen Ziffern zusam-
men, so ergibt sich, daß der Zunahme der amerikanischen Fabrikat-
ausfuhr um ca. 550 Millionen Dollars allein eine Abnahme der eng-
lischen Fabrikatausfuhr um 110 Millionen Pf, Sterling, gleich ca.
550 Millionen Dollars gegenübersteht, so daß diese Ziffer plus der
Abnahme der Ausfuhren des kontinentaleuropäischen Gebietes, die
wir nur für die wichtigsten Länder geben konnten, den amerika-
nischen Zuwachs beträchtlich überragt. Aber es sei nochmals be-
tont: daß eine solche Gegenüberstellung keineswegs angebracht sein
kann, solange die Art der Ausfuhrfabrikate eine so wesentlich ver-
schiedene in beiden Weltteilen ist.

Die Verringerung des gesamten Welthandelsvolumens, wenn man
es auf der Preisbasis von 1913 schätzt, sowie die Abnahme des Fa-
brikatexportes der wichtigsten europäischen Industrieländer lassen
keinen anderen Schluß zu, als daß die einzelnen in die Weltwirt-
schaft verwobenen Länder heute einen weit geringeren Bedarfsgrad
für ausländische Waren aufweisen als vor dem Kriege, daß sich der
Weltmarkt erheblich verengt hat. Wenn es die weitere Aufgabe die-
ser Arbeit ist, die Ursachen dieser Entwicklung aufzuhellen, so sei
von vorneherein bemerkt, daß mit solcher Klarlegung zugleich eine
Beurteilung dafür gewonnen werden soll, ob an dieser Entwicklung
lediglich die Desorganisation der Weltwirtschaft nach dem Kriege
beteiligt ist oder ob sie durch besondere wirtschaftspolitische Maß-
nahmen der einzelnen Länder bewußt begünstigt wird. Die Zwei-
teilung des Problems ist von größter Bedeutung. Denn das ver-
ringerte Bedarfsvolumen für Auslandswaren irgendeines Landes kann
ebensogut von einer Kaufkraftschwächung wie von dem Bestreben
und der Fähigkeit bedingt werden, weniger als bisher vom Auslande

14
        <pb n="22" />
        Autonomisierung der Bedarfsdeckung
zu kaufen und entsprechend mehr im eigenen Territorium zu er-
zeugen.

Diese Doppelseitigkeit des Problems wird aber auch für die zu-
künftige Entwicklung des Weltmarkts von größter Bedeutung blei-
ben. Denn während die Möglichkeit und Hoffnung besteht, daß
die verringerte Kaufkraft der Welt für ausländische Waren allmäh-
lich wieder in eine ansteigende Linie übergeht — wozu eine ganze
Reihe von wirtschaftlichen und politischen Tatsachen beitragen kön-
nen —, wird man in dem Bestreben nach Autonomisierung der Be-
darfsdeckung kaum eine Erscheinung vorübergehender Art zu sehen
haben, vor allem dann nicht, wenn dieses Streben bereits zu hei-
mischen Entwicklungen industrieller Art geführt hat, die nicht mehr
rückgängig zu machen sind. .

Natürlich ist auch hier die Unterscheidung, welche Umstände
für einzelne nationale Bedarfsverringerungen maßgebend waren und
noch heute sind — ob Verringerung des Wohlstandes, ob stärkere
Eigenerzeugung —, nur in großen Umrissen durchführbar, da selbst-
verständlich bei einer großen Zahl von Ländern beide Faktoren für
die Herabminderung der Einfuhren maßgebend zu sein pflegen.

15
        <pb n="23" />
        16

Die Weltmarkterschütterungen nach 1913

HH. DIE VERRINGERUNG DES WELTWIRTSCHAFTLICHEN
WARENAUSTAUSCHES ALS FOLGE DER DESORGANISATION
DER WELTWIRTSCHAFT
1. ALLGEMEINE UMSTÄNDE
Ehe wir auf die eigentlich wirtschaftlichen Umstände eingehen,
welche man heute als „Desorganisation“ der Weltwirtschaft zu be-
zeichnen hat, sei an die allgemeinen Faktoren erinnert, welche, zwi-
schen 1913 und heute liegend, der Welt und ihrem Austauschhandel
ein anderes Gesicht gegeben haben.

Zunächst ist der Verwüstungen des Weltkrieges zu gedenken,
welcher die beteiligten Länder an Menschen, an produktiven Ein-
richtungen aller Art ärmer machte, blühende Länder zum Teil in
Wüsteneien verwandelte und ungeheure Summen aufgesparten und
produktiv zu verwendenden Kapitals in völlig unproduktive Kanäle
lenkte. Die Gefolgschaft dieses Ringens war aber, je länger es
dauerte, eine Erschütterung der politischen Basis, auf welcher die
europäischen Staaten ruhten. Diese Erschütterung kam am stärksten
darin zum Ausdruck, daß Rußland nach seiner Revolution aus dem
Kreis einigermaßen einflußreicher internationaler Wirtschaftsmächte
überhaupt ausschied. Aber auch andere Revolutionsländer, wie das
Deutsche Reich, Österreich und Ungarn, sahen lange Zeit hindurch
ihre wirtschaftlichen Interessen durch politische verdunkelt, abge-
lenkt und schon dadurch ihre wirtschaftliche Tätigkeit geschwächt.
In Ländern wie England, deren Arbeiter- und Bürgermassen dem
Sozialismus fernstanden und die außerdem selbstbewußte Sieger-
länder waren, kamen diese Erschütterungen nicht in politisch-revo-
lutionären Kämpfen zum Ausdruck. Wohl aber haben auch diese
Länder — England an der Spitze — unter einer sichtlichen „Unruhe“
der öffentlichen Zustände, wie sie im Jahre 1913 nicht bestand, zu
leiden gehabt. Arbeiterstreiks von bisher kaum gekannter Schärfe
— erinnert sei vor allem an die Kohlengrubenarbeiter — waren der
        <pb n="24" />
        Politische Wirren

17
Ausdruck dieser Unruhe, die sich nur durch weitgehendste Zuge-
ständnisse sozialpolitischer Art, zum Teil unter Aufopferung des
rein. wirtschaftlichen Staatsinteresses (wie neuerdings durch die Sub-
ventionen an den Bergbau) einigermaßen dämpfen ließ.) Dazu
kamen in der ganzen Welt politische Ereignisse weittragender Art,
die sich vielleicht als Nachwehen des größten aller Kriege bezeich-
nen lassen, aber selbst heute noch nicht verloschen sind. Es gehört
hierhin: der Abfall Irlands (bzw. des heutigen irischen Freistaats),
die Besetzung des Ruhrgebietes als überraschende und willkürliche
Erweiterung der „Friedensverträge‘“ mit der zeitweiligen Lahm-
legung des bedeutendsten Teils der deutschen (sprich: mitteleuro-
päischen) Industrie, die Wirren im nahen Osten und die Auseinan-
dersetzung zwischen Türkei und Griechenland, die Revolution in
Mexiko, in der augenblicklichen Gegenwart: der Krieg in Marokko
und die Revolution in China.
Es ist kaum nötig auszuführen, wie außerordentlich erschwerend
direkt und indirekt diese Wirren politischer Art auf das weltwirt-
schaftliche Leben gewirkt haben und weiter wirken. Erinnert sei
an die Verluste an Arbeitstagen, also an Produktivität innerhalb
des volkswirtschaftlichen Jahresablaufs, durch Streiks und Aussper-
rungen ??), an die Abschreckung der Ausfuhr nach den beunruhigten
Gebieten — was ganz besonders heute bezüglich der Ausfuhr nach
dem fernen Osten zu konstatieren ist?) — und an die andauernde
Unsicherheit des Welthandels auf lange Sicht, solange mit einem
immer erneuten Aufflackern kriegerischer oder revolutionärer Er-
eignisse hier und dort gerechnet werden muß. Die mangelnde innere
und außenpolitische Pazifizierung der Welt ist eine der schwer-

18) Auch Lloyd George erklärt in dem oben zitierten Buch von
Mrs. Fisher: „In unserem Lande wurde unsere Aufmerksamkeit durch
Jähmende Arbeitsstreitigkeiten von einer bisher in der Geschichte nicht
dagewesenen Größe und durch die ernsten Verhältnisse in Irland ab-
gelenkt.“

19) Nach den Mitteilungen der Vereinigung deutscher Arbeitgeber-
verbände (Geschäftsbericht 1923/24, S. 38) betrug die „Rechnungsziffer“
{d. h. Streikende oder Ausgesperrte mal Dauer der Bewegungen in Ta-
gen) im Jahresdurchschnitt 1899—1913 ca. 8 Millionen, dagegen im Jahre
1920 54 Millionen, 1921 30 Millionen.

20) Vgl. Survey of Overseas Markets. S. 8.

Levy, Weltmarkt
        <pb n="25" />
        8 Die internationale Verschuldung
sten Belastungen des ehemaligen weltwirtschaftlichen Gleichge-
wichts geworden.
Als ein Moment ganz ausschließlicher Art und spezifischer Trag-
weite kommt die Kriegsverschuldung in Betracht. Hier handelt es
sich nicht darum, daß etwa wie im Kriege 1870/71 ein besiegtes
Land einem anderen einen Tribut zahlt, den dieses weltwirtschaft-
lich gesehen zu neuer Produktivität verwertet, so daß der Schaden
des einen wenigstens der Vorteil eines anderen international bedeut-
samen Staates sein konnte. Der Weltkrieg hat eine internationale
Verschuldung hinterlassen, die das europäische Wirtschaftsleben zu-
gunsten der Vereinigten Staaten belastet. Die alliierten europäischen
Mächte schulden ihnen 1315 Millionen Pfund Sterling, gleich ca.
26,3 Milliarden Goldmark. J. M. Keynes hat berechnet, daß, wenn
der englische Staat jeden Tag der Woche eine halbe Million Dollar
jahrelang an Amerika zu bezahlen hat, diese Leistung den gesam-
ten Reinertrag seiner Schiffahrt und seines Kohlenbergbaues zu-
sammengenommen überschreitet.?!) Aber die Vereinigten Staaten
von Amerika haben ihrerseits die ihnen zuströmenden Goldzuflüsse
nicht etwa zu einer Belebung der Geschäftstätigkeit auf dem Wege
des Kredits benutzt, sondern sind zunächst zu einer Thesaurierungs-
politik (zum Teil auch in Befürchtung einer kommenden Goldknapp-
heit) übergegangen, die eine Pari-Deckung ihrer Noten herbei-
führte.?) und damit nahe an eine Goldinflation grenzte. Erst all-
mählich und nicht zuletzt beeinflußt durch die chronische und sich
immer mehr verschlimmernde Wirtschaftskalamität Europas ent-
schlossen sie sich, die Goldhypertrophie in größerem Maßstabe in
Form von Auslandskrediten wieder nutzbar zu machen. Dabei ver-
dient es bemerkt zu werden, daß auch die Vereinigten Staaten un-
produktive Nachkriegsausgaben gehabt haben, deren Wirkung
heute noch fühlbar bleibt; hat man doch nach den Berichten des
U. 5. Shipping Board berechnet, daß dieses Amt in neun Jahren
seines Bestehens nicht weniger als 3523 Millionen Dollars für die

21) Vgl. Economist vom 14. Februar 1925 und Wirtschaftsdienst vom
16. Januar 1925. S. 82.

22) Vgl. Levy, Amerikas Wirtschaft unter dem Einfluß des Gold-
reichtums. Zeitschrift f. Geopnolitik. Mai 1924. S. 291 ff.
        <pb n="26" />
        Wirkungen der politischen Fehlgriffe I N
Handelsflotte aufgewendet hat, während seine heutigen Aktiven
nicht mehr als 300 Millionen Dollars betragen.??)

18

Schließlich kann noch daran erinnert werden, daß die durch den
Versailler Friedensvertrag herbeigeführte willkürliche Zerreißung
wirtschaftlich zusammenhängender Gebiete, die Bildung neuer Klein-
staaten, die sich plötzlich vor autonome Organisationsaufgaben ge-
stellt sahen, während die zerstückelten Länder erst allmählich daran
gehen konnten, durch neu angebahnte Verbindungen und Privat-
verträge (siehe Schiffahrtslinien und Eisenindustrie in Deutschland)
eine Basis für die völlig veränderte Situation zu finden, daß diese
ganzen wirtschaftlichen Folgen politischer Diktate und Verirrungen
immer und überall zu einer Schwächung derjenigen volkswirtschaft-
fichen Grundlagen führen mußten, die. bisher das Gleichgewicht des
west- und mitteleuropäischen Wirtschaftskörpers mit ausgemacht
hatten. Erst als es zu spät war, erkannten einzelne der Siegerstaaten
— inklusive Amerikas —, daß die Wirkungen dieser vom grünen
Tisch getroffenen Akte nicht wie man angenommen hatte, im Ver-
gleich zu den Gesamtverhältnissen der Welt irrelevant sein konnten,
sondern daß sie einen wichtigen Teil des internationalen Reichtums
zum Schaden aller weltwirtschaftlich Beteiligten desorganisieren und
untergraben mußten.

2. DAS MISSVERHÄLTNIS ZWISCHEN WELTMARKTSBEDARF UND
WELTMARKTSANGEBOT UND SEINE WIRKUNG AUF DIE PREIS-
BILDUNG
Es ist bisher im wesentlichen von denjenigen Momenten die Rede
gewesen, welche eine Schwächung der internationalen Kaufkraft und
Geschäftstätigkeit nach dem Kriege bedingten. Das Maß des welt-
wirtschaftlichen Kommerziums wird aber nicht minder bedingt, die
Verfassung des Weltmarktes nicht minder beeinflußt durch die vor-
handenen, weltwirtschaftlich disponiblen Gütermengen, welche wie-
derum von den Produktionsverhältnissen abhängen.

Unmittelbar nach Abschluß des Waffenstillstandes war es eine
vielverbreitete — auch die psychologischen Grundlagen der „Frie-
23) Vgl. Economist vom 11. Juli 1925. S. 57.
        <pb n="27" />
        20 Absatzrückgang nach 1918
dens“-Verhandlungen auf seiten der Siegerstaaten nicht wesentlich
mitbestimmende — Meinung gewesen, daß die Weltwirtschaft nach
dem Kriege kaum in der Lage sein werde, den „ausgehungerten“
Bedarf aller Länder zu befriedigen, selbst wenn man von dem
vielfach außerordentlich gesteigerten Produktionsgehäuse Kenntnis
nahm. Über die Verarmung einzelner Länder glaubte man hinweg-
sehen zu können, weil man in ihr nur ein einzelstaatliches, kein welt-
wirtschaftliches Moment erblickte.

In der Tat hat die erste Zeit nach dem Weltkrieg — abschließend
etwa mit dem Jahre 1920 — den Erwartungen insofern recht ge-
geben, als der Warenhunger der Welt, besonders auch in den über-
seeischen Kolonialgebieten, stark war und der europäischen Industrie
willkommene Absatzkanäle öffnete. Allein, diese Entwicklung ging
nicht nur rasch vorüber, sondern sie machte einem Zustand Platz,
der heute noch herrscht, und das Gegenteil der zunächst erwarteten
Weltmarktssituation bedeutet. Niemals in der Geschichte der mo-
dernen Weltwirtschaft ist Sorge um den Absatz, um den Kunden
größer gewesen als heute, soweit es sich um industrielle Güter
handelt. Ebenso hat Sering für einen großen Teil der internationalen
Nahrungsmittel-Exportwirtschaft nachgewiesen, daß sie sich seit dem
Abflauen der ersten Nach-Kriegs-Bedarfs-Periode in sehr schweren
Absatzsorgen befand, die erst seit 1924 einigermaßen verschwun-
den sind.?1}
Aber wenn auch heute das allgemeine Bild der Weltwirtschaft
weit eher eine reichliche als eine zu knappe Versorgung mit Roh-
stoffen und Nahrungsmitteln bietet, so ist das Resultat des Ver-
hältnisses, wie es in der allgemeinen Preisbildung auf dem Welt-
markte zum Ausdruck kommt, nicht etwa das einer Billigkeit, son-
dern im Vergleich zu 1913 noch immer dasjenige einer erheblichen
Teuerung. Wählt man zur Veranschaulichung dieses Zustandes die
Verhältnisse auf dem englischen Markte, der noch immer im wesent-
lichen Freihandelsmarkt ist, so ergibt sich folgendes Bild; es be-
trugen die Preise in Prozenten des Jahres 1914 (Juli), die gleich
100 gesetzt werden ?®), im Juli 1925:

24) Vgl. Sering a. a. O. S.33f£
25) Vgl. Economist vom 8. August 1925. S. 227,
        <pb n="28" />
        /erschiedenheit des Preisniveaus

2.

Für
Getreide | andere Nah- | z . x | alle Waren-
und Fleisch rungsmittel Textilien ! Mineralien gruppen
| 207 | 163 | 1733

Zeigt schon diese Tabelle die Erscheinung der Teuerung, wie sie
sich heute im Zentrum weltmarktlicher Beziehungen widerspiegelt,
so sind die folgenden Ziffern für das Problem der Verschiedenheit
und des Grades dieser Teuerung von besonderem Interesse; bei ihnen
ist als Grundperiode die Zeit von 1901—1905 angenommen, die
Preise dieser Zeit sind gleich 50 gesetzt. Darnach betrug in Eng-
land der Preis von?®*);
1 Warengattung
Auslandsweizen. . .
Mehl. 2.2...
Hammelfleisch .. .
Kartoffeln. .....
ı
Rübenzucker ....
Butter . . . EM
Baumwolle(Amerika)
Baumwolle(Ägypten)
üam.......

Tuche .......
Wolle (Australien) .

Indexzahl

105%
02
91
75

153

103
92

‚26%

2244,

126

‚29

90

Warengattung
Roheisen .....
Stahlschienen. ...
Stabeisen. .....
Dampfkesselkohle. .
Blei ......
Kupfer. .... «4
Leder. .......
&gt;etroleum .....
3ummi. .. 0... 4
Ölsaaten ......
Amerikanisches Holz
Baltisches Holz. .

Indexzahl

76%
71
89%
132
“9
”
X

36

Das zunächst Auffallende an diesen Ziffern ist die Verschieden-
heit im Grade der Preissteigerungen. Diese Tatsache ist von vorn-
herein um so beherzigenswerter, als in neuerer Zeit von seiten der
Nationalökonomie der Versuch gemacht worden ist, ganz einheit-
liche Gesetzmäßigkeiten aus den Weltmarktspreisen nach dem Kriege
herauszulesen. Es ist voll anzuerkennen, wenn Sering in einem geist-
vollen Versuche darzulegen weiß 2%), daß bis zum Jahre 1924 die
sogenannte „Preisschere“ wirksam gewesen sei, das heißt, daß ein
Mißverhältnis zwischen „tiefen“ Nahrungsmittel- und Rohstoffer-
zeugnissen und „hohen“ Fabrikatpreisen bestanden, daß sich aber
seither die Schere „geschlossen“ habe. Sering spricht hierbei von
„Industriewaren“ schlechthin, bezieht sich teilweise hierbei auf ame-

25a) Vgl. Economist vom 8. August 1925, S, 227.

26) Vgl. Sering a. a. O. S. 251. u. 411%.
        <pb n="29" />
        22

rikanische Statistiken, die den „Großhandelspreis für Industrie-
waren“ zugrunde legen, teilweise auf deutsche Ziffern über die „An-
kaufspreise von Betriebsmitteln, wie kleinen Maschinen und Geräten,
Superphosphaten, Ammoniak usw. Diese Gegenüberstellungen sind
gewiß sehr lehrreich, wenn es sich um eine spezielle Beurteilung
agrarischer Verhältnisse und der Kauffähigkeit von Farmern und
Landwirten — wiederum in einzelnen Ländern — handelt. Allein
für die Beurteilung der heutigen Weltmarktsverhältnisse wäre €s
verhängnisvoll, die „agrarischen“ Erzeugnisse und „Rohstoffe“ ein-
fach den Fabrikaten oder Fertigwaren als gegensätzliche Preisgrup-
pen gegenüberzustellen.

Die oben gegebenen Ziffern zeigen, von ganz wenigen Erzeug-
nissen abgesehen (Kupfer, Gummi, Leder), als Allgemeinresultat nur
die Erscheinung der Teuerung. Die Differenzierung dieser Teuerung
aber mahnt sogleich zu einer differentiellen Betrachtung. Vor allem
zeigt es sich, daß die „Preisschere“, wenn man Nahrungsmittel, be-
sonders Weizen, mit „Fabrikaten“, wenn auch nicht solchen des
letzten Konsums (also Garne, aber nicht Kleider; Stahlschienen, aber
nicht den Preis des Eisenbahnbillets), vergleicht, ganz unregelmäßig
„klafft“. Sie öffnet sich, wenn man Textilien vergleicht, zu Un-
gunsten, wenn man Erzeugnisse der Eisenindustrie heranzieht, zu-
gunsten des Weizenverkäufers. Dagegen ist die zur Zeit höherer
Baumwollpreise vorhandene relative Rückläufigkeit der Textil-Fa-
brikatpreise — wenigstens bezüglich des amerikanischen Rohsto{ff-
preises — heute zunächst ausgeglichen.

Es ist ja auch von vorneherein begreiflich, daß ein einheitliches
Preisgesetz der weltwirtschaftlichen Waren, das die Nahrungsmittel-
und Rohstoffpreise in eine feste Relation setzen könnte, nicht be-
stehen kann. Vielmehr sind eine Reihe von Umständen für die Ge-
staltung der Preise in der heutigen Weltwirtschaft noch viel ent-
scheidender als im Jahre 1913. Da, wo der Krieg eine im Vergleich
zur späteren Nachfrage übergroße Erzeugungsbasis geschaffen hat
und diese Basis ohne weiteres einer Einschränkung fähig ist, wo
es sich also nicht um aufgestapelte Vorräte handelt, die wahllos
auf den Markt geworfen werden müssen, wird die Verengung des
Marktes zu einer Verminderung der Produktion führen, die auf diese
Weise dem Preisdruck zu entgehen sucht. Man kann Sering voll-

Teuerung und Preisschere
        <pb n="30" />
        Preisregulatoren I nn
kommen beipflichten, wenn er schreibt: „Die ungünstige Preislage
des Brotgetreides (gemeint die Zeit vor 1924 und die Wirksamkeit
der Preisschere zu Ungunsten der Landwirte) hat eine starke Ein-
schränkung der Anbauflächen in denjenigen Gebieten zur Folge ge-
habt, denen die geschichtliche Aufgabe zugefallen ist, das fast voll-
kommene Verschwinden des russischen und rumänischen Getreides
vom Weltmarkt während des Krieges und nach dem Kriege aus-
zugleichen. Die einheitliche Parole, die im Kriege über einem Kon-
tinent vom doppelten Umfange Europas hin‘ befolgt wurde, hatte
es fertig gebracht, dem Brotgetreidebau in einem Jahrzehnt eine
Fläche von 18,8 Millionen Hektar zuzuführen, nicht sehr viel we-
niger, als in Rußland und im außerrussischen Europa der Brotge-
winnung verloren ging.“ Ausdehnung und Einziehung der Anbau-
[läche sind also der natürliche Regulator gegenüber dem Nachkriegs-
Weltbedarfe gewesen, soweit nicht eine Zeit lang der amerikanische
Farmer durch die Notwendigkeit, sich der Zahlungsfähigkeit des
ärmsten Käufers (Grenznutzen) anzupassen, zur Abstoßung seiner
Ware zu „niedrigen“ Preisen gezwungen war. Nach den Angaben des
Internationalen Landwirtschaftsinstitutes in Rom betrug die Weizen-
ernte in Millionen Zentals (ein Zental gleich einem Zentner) 27):

In Europa (12 Länder). ....
Canada und Ver. St. v. Amerika |
Asien (4 Länder) ....
Nordafrika .

fen

312,0
760,4
3.2

A

1923 | 1024
389,2 290,7
763,0 680,9
244,1 238,8

39,8 30.6
Diese Ziffern, welche jedoch nur 70% der Welterzeugung um-
fassen — nämlich Länder nördlich vom Äquator —, weisen deutlich
auf die Ursache der Erhöhung der Getreidepreise im Jahre 1924.

Aber nicht überall war die Regulierung der Kaufkraft des einen
Produktes durch Regulierung der Anbaufläche (die dann mit einer
schlechteren Ernte zusammenfiel) möglich. Man nehme als Gegen-
stück zu der soeben geschilderten Entwicklung die Erzeugung von
Gummi, der, wie wir sahen, im Preise überhaupt nicht seit dem
Frieden gestiegen ist, und dessen diesjähriger Preis noch relativ
hoch ist im Vergleich zu demjenigen des letzten Jahres, der weniger

27) Vgl. den Julibericht des Instituts. -
        <pb n="31" />
        24 Restriktive Maßnahmen
als die Hälfte desselben betrug. Der außergewöhnliche Preisdruck
erklärt sich durch die Last der vorhandenen Bestände und die stark
erweiterte, aber nicht einfach einzudämmende Erzeugung. Nach An-
gaben, die unlängst von sachverstämdiger Seite vor einer Pflanzer-
konferenz in Penang gemacht wurden, betrug die Erzeugung von
Rohgummi (die sich in erster Linie auf die Malayischen Staaten
erstreckt) 28):
Periode Tonnen
(912—1916 589120
1917—1920 1232868
1921— 1924 1508075
Es ergab sich eine Übererzeugung, die unter anderem dadurch
zum Ausdruck kam, daß in London zeitweilig 54000 Tonnen Gummi
lagerten, während heute diese Lager auf weniger als den fünften
Teil zusammengeschmolzen sind.?) Erst der sogenannte Stevenson
Restriction Scheme brachte eine Änderung der Überflutung, indem
die Ausfuhr kontingentiert und bei Überschreitung des. Kontingents
ein hoher Ausfuhrzoll festgesetzt wurde.

Restriktive Maßnahmen zur Beschränkung der Übererzeugung
und des Preisdruckes charakterisieren auch die englische Textil-
industrie, deren Wohl und Wehe von dem Ausfall der amerika-
nischen Baumwollernte einerseits und der Nachfrage nach den Fa-
brikaten andererseits abhängt. Die Baumwollernte hat in den letz-
ten Jahren in den Vereinigten Staaten nicht unerheblich geschwankt.
Sie betrug im Jahre 1919 ca. 11,4 Millionen, im Jahre 1920 sogar
über 13 Millionen, in den nächsten drei Jahren nur 7,9, 9,7 und 10,1
Millionen Ballen, eine Situation, die zeitweilig Gerüchte einer tat-
sächlichen „cotton famine“ aufkommen ließen, um aber im Jahre
1924 wieder auf 12,5 Millionen Ballen zu steigen. Von einem „Über-
Muß“ kann jedenfalls im Augenblick nicht die Rede sein. Die Ent-
wicklung der amerikanischen Baumwollproduktion und ihrer Preis-
bildung zeigt aber ähnliche Erscheinungen, wie man sie bei der

28) Vgl. Financial Times vom 10. August 1925.

29) Ähnlich erscheint die Entwicklung in der australischen Wollerzeu-
gung. Zunächst starke Bestände vom Kriege her, deren Absatz von einer
britisch-australischen Vereinigung reguliert wird. Nach der Liquidation
dieser Bestände starke Hausse des Wollpreises, die heute noch andauert.
Vgl. Balfour-Bericht S. 345/46.
        <pb n="32" />
        Baumwollpreise als Beispiel 25
Zerealienerzeugung beobachten kann, Die Preise senken sich seit
1919/20 rapide nach unten; sie betragen im April 1920 noch 39,28
Cent p. Ib. und sinken dann bis April 1921 auf 11,77, ein durchaus
fIriedenmäßiges Niveau. Die Jahre 1921 und 1922 bringen eine we-
sentlich. verringerte Anbaufläche (30 Millionen acres und 33 Mil-
lionen acres Erntefläche gegenüber 35,8 und 33,5 in den beiden vor-
hergehenden) und geringere Ernten, Eine Aufsaugung der Reser-
ven führt zu einer Verknappung, die nunmehr auch größere Ernten
nicht sobald wieder wettmachen. Eine scharfe Preishausse, die den
Preis im November 1923 bis zu 35,80 herauftreibt, beginnt im Früh-
jahr 1922, während der Preis in der Saison 1924—25 auf einer mehr
oder weniger stabilen, aber nicht niedrig zu nennenden Basis von
22—25 Cents verharrt.2°) Nun hätte die Baumwollweiterverarbei-
tung in England angesichts dieser Preise und des verringerten Aus-
fuhrbedarfes geradezu vor einer Katastrophe gestanden, wenn es
ihr nicht gelungen wäre, die Preise der Fabrikate mit denjenigen
des Rohmaterials einigermaßen in Einklang zu bringen. Es geschah
und geschieht dies vermittelst gemeinsam durchgeführter Kurzarbeit,
welche von der Master Cotton Spinners Federation jeweilig ange-
ordnet wird, Diese Kurzarbeit hat zeitweilig anderthalb Tage in
der Woche betragen, Es zeigte sich zu Anfang Juli 1925, daß eine
ganze Reihe von Firmen der gemeinsamen Vereinbarung nicht nach-
gekommen waren. Sofort machten sich Zeichen erneuten Preisdrucks
auf dem Garnmarkt fühlbar.,?1)

Auf dem Eisen- und Stahlmarkt lastet ebenfalls der Druck eines
dem tatsächlichen Bedarfe nicht entsprechenden Produktionsgehäu-
ses. Auch hier wird die Preisgestaltung wesentlich von der Frage
des erneuten Zustandekommens internationaler Vereinbarungen
(z. B. Schienen - Kartell) beeinflußt werden. Der relative Tiefstand
der englischen Preise (im Vergleich zu denen der Textilien) erklärt
sich daraus, daß in der Eisen- und Stahlindustrie England nicht an-
nähernd jene gefestigte Marktposition besitzt wie auf dem Gebiete

30) Die Ziffern für den Anbau nach Statesmans Yearbook 1925. S. 465.
Im übrigen vgl. die sehr beachtenswerten Untersuchungen der American
Cotton Number des Manchester Guardian Commercial vom 20. August
1925. S. 21 u. 38.

31) Vgl. Economist vom 4. Juli 1925. S. 14.
        <pb n="33" />
        % Der Eisenmarkt
der Textilien, insbesondere der feinen Garne, für die es noch immer
in der Welt eine dominierende Wettbewerbsstellung aufweist. In
der Eisenindustrie steht es in unmittelbarem Kontakt mit allen an-
deren Ländern dieser Erzeugung. Hier ist aber zu berücksichtigen,
daß nach den Angaben Prof. Henry Voelckers die Weltproduktions-
fähigkeit in Eisen und Stahl heute auf 120—150 Millionen Tonnen
geschätzt wird, während sie für das Jahr 1913 auf ca. 80—100 Mil-
lionen Tonnen berechnet wurde. Demgegenüber hat sich die tat-
sächliche Erzeugung der Welt aber nur wenig verändert und dürfte
mit ca. 72 Millionen Tonnen Roheisen und 74 Millionen Tonnen Stahl
ungefähr die Höhe der Produktion von 1913 erreichen.??) Also auch
hier mußte eine zwangsläufige Anpassung an den seit dem Kriegs-
ende verringerten Bedarf stattfinden.

Es ergibt sich aus den hier angeführten Beispielen zur Genüge,
warum die Steigerung der Preise gegenüber 1913 heute eine so
ungleiche ist. Überall entscheidet die Frage, inwieweit die Erzeu-
gung für den Weltmarkt (für den Inlandsmarkt ist das Walten der
Schutzzölle und Kartelle zu berücksichtigen) einer Anpassung an
die Bedarfsverhältnisse fähig war bzw. ist. Kann die Anbaufläche
verringert werden, kann eine Organisation für vorhandene abzu-
bauende Vorräte geschaffen werden, kann man in einer den Welt-
markt mehr oder weniger dominierenden Industrie eine Kontingen-
tierung oder Verringerung der Erzeugung durch Kartelle oder Kurz-
arbeitbestimmungen herbeiführen oder mehrere nationale Industrien
zu einer gemeinschaftlichen Verabredung (man denke auch zum Bei-
spiel an die jetzt erfolgte Übereinstimmung zwischen der deutschen
und der elsässischen Kaliindustrie %)) veranlassen, so ist natürlich
die Entwicklung der Preisverhältnisse eine durchaus andere wie
dort, wo diese Voraussetzungen fehlen. Hier würde erst ein für

32) Vgl. Neue Grundlagen der Handelspolitik. 1925. S. 350. Beach-
tenswert ist in diesem Zusammenhange die Feststellung des Economist
vom 25. Januar 1925. nach welcher im Jahre 1924 eine zwischen 40—50
Millionen Tonnen geringere Förderung der europäischen Kohlengruben
zur Deckung der heimischen und der Ausfuhrbedürfnisse genügte als
im Jahre 1913.

33) Mit gleichzeitiger Erwartung eines heilsamen Einflusses auf die
Preise. Vgl. Wirtschaftsbericht der Commerz- und Diskontbank vom
1. Juni 1925. 5S. 11.
        <pb n="34" />
        Das weltwirtschaftliche Preisproblem N

die beteiligten Unternehmer katastrophaler Reinigungsprozeß die
Anpassung an den verringerten Bedarf und die Einstellung des Prei-
ses auf eine rentable Basis herbeiführen.

Das weltwirtschaftliche Preisproblem der Gegenwart besteht also
darin: die Erzeugung des den Bedarf überragenden Produktions-
gehäuses dem relativ verringerten Bedarf anzupassen. Aus dieser
Zwangsläufigkeit erklärt sich nun auch, warum trotz erheblicher Pro-
duktionserweiterungen theoretischer Art keine Preisbaisse gegen-
über 1913 eingetreten ist, während man doch allgemeiniglich erwar-
tet, daß eine erweiterte Erzeugungsmöglichkeit bei nicht entspre-
chend erhöhtem Bedarfe einen Druck auf die Preisbildung übt. Die
Ursache liegt hierfür in den seit 1913 erheblich gesteigerten Kosten.
Da die Produktionskosten die unterste Grenze bilden, unter welche
die Preise auf die Dauer nicht sinken können, so ist die stärkere
Ausdehnung des Produktionsgehäuses eben nur bis zu dem Grade
in eine tatsächliche Erzeugung umzusetzen, wie es ohne Herab-
drückung der Preise unter die Selbstkosten geschehen kann, Die
Folge ist: daß ein Teil dieses vergrößerten Erzeugungsapparates der
Welt heute außer „Betrieb“ ist, daß Arbeitslosigkeit, Einschränkung
der Arbeitszeit in den Fabriken, Stillegungen ganzer Unternehmun-
gen, das Aufliegen fast einer ganzen „Handelsflotte“ in Amerika heute
die Industrie und den Handel der Welt kennzeichnen. Die erhöhten
Produktionskosten gegenüber 1913 sind also letzten Endes entschei-
dend für die Unmöglichkeit, die potentielle Leistungsfähigkeit der
Welt voll auszunutzen, während diese Unmöglichkeit der vollen Aus-
nutzung das herbeigeführt hat, was wir unter Weltwirtschaftskrisis
verstehen. Solange die Gefahr besteht, daß jedes „Mehr“ an Er-
zeugung die Preise (nach der Gesetzmäßigkeit des Grenznutzens)
unter diejenige Grenze drückt, bei welcher die Herstellungskosten
noch gedeckt werden, ist eine Steigerung der Erzeugung ebenso
undenkbar wie eine Senkung der Preise, wenigstens als Dauerer-
scheinung. Es ist daher über die Frage der Produktionskosten noch
weiteres zu sagen.

27
        <pb n="35" />
        28

Die Frage der Erzeugungskosten
3. DIE BELASTUNG DER ERZEUGUNGSKOSTEN

Es erscheint zweckmäßiger, in diesem Zusammenhang von einer
„Belastung“ anstatt von einer „Erhöhung“ der Produktionskosten
zu sprechen. Denn es soll hier nicht davon die Rede sein, inwie-
weit die vorbesprochenen Momente der Weltpreis-Teuerung die Er-
zeugungskosten zwangsläufig erhöht haben, eine Tatsache, die ohne
weiteres feststeht und gewöhnlich in dem bekannten circulus vitiosus
zum Ausdruck kommt, daß jede Verteuerung der Nahrungsmittel
zunächst in Form von Lohnerhöhungen eine Verteuerung der indu-
striellen Erzeugung herbeiführt, welche dann ihrerseits wieder auf
die Lage der Agrarproduzenten als Verbraucher zurückwirkt, deren
Produktion verteuert und eine weitere Preiserhöhung ihrer Erzeug-
nisse bedingt.#) Diese Erscheinung erscheint durch die vorher-
gehende Betrachtung zur Genüge geklärt,

Dagegen treten zu diesen sich aus der Teuerung ergebenden Pro-
duktionskostensteigerungen heute solche, die ihre Ursache in den
besonderen Verhältnissen der Nachkriegszeit haben und daher als
neu hinzukommende „Belastungen“ aufzufassen sind.

Dahin gehört zunächst die Belastung aller Volkswirtschaften und
ihrer Produktivität durch die erhöhten Steuern, welche zum Teil
auf die Ausgleichung von Kriegsschäden und Kriegsschulden, zum
Teil auf die erhöhten Ausgaben der Sozialpolitik zurückzuführen

34) Für die Beurteilung dieser Frage ist es entscheidend, wie der
Reallohn der Arbeiterschaft sich seit 1913 in der Welt gestaltet hat.
Auch hier herrscht Verschiedenheit. In den Vereinigten Staaten ist nach
übereinstimmenden Ermittlungen eine Erhöhung über Friedenssatz an-
zunehmen. Sering spricht davon, daß die Nominallöhne „doppelt so
hoch seien wie vor dem Kriege“ — was’ also eine Erhöhung der Real-
löhne bedeuten würde — (vgl. Grundfragen der neuen deutschen Han-
delspolitik, Leipzig 1925, S. 18); der Geschäftsbericht der Vereinigung
äer deutschen Unternehmerverbände 1925, S. 203, konstatiert ebenfalls
eine wesentliche Steigerung der Reallöhne in den Vereinigten Staaten,
dagegen schätzt er den Reallohn des gelernten deutschen Arbeiters auf
90—95% der Friedenshöhe, den des ungelernten auf 100—105%, für
England gibt er Reallöhne an, die in den einzelnen Industriezweigen
von 76—130% schwanken. Man wird also gut daran tun, die Bedeutung
des Lohnes für die erhöhten Erzeugungskosten, soweit Europa in Frage
kommt, nicht zu überschätzen. Denn es liegen keine Beweise vor, daß
die Erhöhung der Löhne insgesamt die Erhöhung der Preise überschrit-
ten hätte.
        <pb n="36" />
        Die hohen Steuern

29
sind. An dieser Belastung sind „Sieger“-Länder ebenso beteiligt
wie Besiegte. Es ist eine bekannte historische Erscheinung, daß ge-
wonnene Kriege einer stärkeren Berücksichtigung der sozialen
Wünsche der Massen entgegenkommen. Die Massen, welche sich
zur „Erringung des Sieges“ bereitgefunden haben, verlangen als
Gegengabe eine stärkere staatliche Fürsorge und pflegen sie zu er-
halten. Allein 70 Millionen Pf. Sterling, also 1400 Millionen Gold-
mark wurden für die Jahre 1923/24 von dem englischen Ministry
of Pensions an. Kriegspensionen und Unterstützungen gefordert. Die
neuen Arbeitslosenversicherungsgesetze (1920—1923) belasten den
englischen Staat mit 3°/3—86%/, Pence pro Arbeitslosen in der Woche,
während über die gewaltige Steigerung derselben seit 1913 (heute
ca. 1300000) bereits von uns berichtet wurde. Im Budget Groß-
britanniens figurierte im Budgetjahre vor dem Kriege auf der Aus-
gabenseite der Voranschlag mit 199011000 Pf. Sterling, im Jahre
1924 dagegen mit nicht weniger als 829 759 000%, und dabei war diese
Ziffer bereits ein wesentlicher Rückgang gegenüber den Vorjahren.
Dieses Mehr mußte in erster Linie durch Einkommensteuererhöhung
gedeckt werden, Die Einnahmen aus dieser und ihr verwandter
Steuern betrugen im Jahre 1913/14 (Budgetjahr) 47241000 Pf. Ster-
ling, dagegen im Jahre 1923/24 333180000 Pf. Sterling, während
die Einnahmen aus indirekten Steuern sich keineswegs in diesem
Tempo erhöhten.?) Nach allem, was wir bereits. über die Lage der
englischen Wirtschaft und insbesondere des englischen Handels und
der Industrie sagen konnten, ist diese Mehreinnahme nicht etwa aus
einer entsprechenden Steigerung des Reineinkommens erzielt wor-
den, sondern lediglich durch ein stärkeres Anziehen der Steuer-
schraube. Es ist angesichts dieser Belastung der Industrie durch-
aus nicht verwunderlich, wenn alle englischen Industrieverbände
— voran der Spitzenverband: die Federation of British Industries —
eine Herabsetzung der Besteuerung als grundlegendes Erfordernis
der Ermäßigung der Erzeugungskosten bezeichnen.?)

In den „besiegten“ Ländern kommt zu dem Erfordernis einer er-

35) Vgl. für die Angaben über englische Sozialausgaben und Finan-
zen Statesmans Yearbook 1925. S. 32—833, 34 u. 38.

36) Vgl. einen beachtenswerten Aufsatz von Dr. v. Kries: „Die Zu-
kunft der englischen Industrie.“ Arbeitgeber vom 1. August 1925. S.369,
        <pb n="37" />
        30

höhten Besteuerung noch der Nachteil, daß die Art der Besteuerung
sine häufig höchst unvollkommene und dadurch die Produktions-
kosten besonders belastende ist. Es sei nur an die Umsatzbesteue-
rung im Deutschen Reiche erinnert, die die einzelnen Waren von
ihrem ersten Erzeugungsstadium bis zum letzten Konsumenten häu-
Hg mit 6,8 und 10% belastet. Das durch die Reparationsverschuldung
der deutschen Finanzpolitik aufgezwungene Bestreben, „das Geld
zu nehmen, wo es nur zu nehmen ist“, führt leider zu einer Vernach-
lässigung aller bisherigen Regeln der Steuerkunst, in erster Linie
zum Nachteil der produzierenden Kreise. Einige Beispiele für die
steuerliche Mehrbelastung der Industrieerzeugnisse im Vergleich zur
Vorkriegszeit seien gegeben?’): Im Ruhrkohlenbergbau liegt heute
auf der Tonne Kohle eine Steuer von 7% des Erzeugerpreises, gegen-
über 1,8% der Vorkriegszeit. In der Eisen- und Stahlindustrie be-
irug vor dem Kriege die Steuerbelastung je Tonne Rohstahl 2,10
Goldmark, heute ist sie auf 10—11 Goldmark gestiegen. Die Ge-
samtsteuerlast dieser Industrie wird auf das neunfache der Vor-
kriegszeit geschätzt, bei erheblich verringertem Umsatz. Für die
deutsche Textilindustrie liegt das Ergebnis einer sorgfältigen und
umfangreichen Erhebung für 12 Betriebe der Spinnereibranche vor,
wonach im ersten Halbjahr 1924 bei 100 kg Kammgarn die Steuer-
last das 16fache der Vorkriegszeit betrug. Was nun die stärkere
Sozialbelastung der deutschen Wirtschaft angeht, so sei, ohne die
Einzelheiten hier näher auszuführen, darauf hingewiesen, daß nach
einer Veröffentlichung amtlicher Art die gesamte Soziallast der
deutschen Wirtschaft in der Gegenwart mit 1610 Milliarden Gold-
mark im Jahre beziffert wird. Dies bedeutet rund 500 Millionen
Goldmark mehr als im Jahre 1913.38) Andere, private Schätzungen
geben die Ziffern noch höher an. So berechnet sie Dr. Tänzler mit
1,9 Milliarden Goldmark, was eine Steigerung von ca. 70% gegen-
über der Friedenszeit bedeuten würde, während nach den amtlichen
Ziffern eine solche von 61% in Frage käme.??)

Die Steuerlast in Deutschland

37) Vgl. Geschäftsbericht der Vereinigung deutscher Arbeitgeberver-
bände 1925. S, 144/45.

38) Vgl. Reichsarbeitsblatt Nr. 2 vom 8. Januar.

39) Vgl. Geschäftsbericht der Vereinigung deutscher Arbeitgeberver-
bände 1925. S. 91.
        <pb n="38" />
        Verringerte Arbeitszeit
31
Zu diesen unmittelbaren Belastungen der Wirtschaft durch den
erhöhten Steuerdruck, welcher zur Deckung von Kriegsschäden,
Reparationen, Kriegspensionen, erhöhten Soziallasten usw. dient,
kommt nun ein Moment, das mittelbar auf die Produktionskosten
der Industrie belastend wirkt: die verringerte Arbeitszeit nach dem
Kriege. Auch die Bewegung für den Achtstundentag — die durch
den Internationalen Gewerkschaftsbund internationalisiert worden
ist — erklärt sich als eine Nachwirkung des Krieges, welcher bei
den sozialen Massen den Wunsch hervorrief, eine wesentliche Ver-
besserung ihrer Arbeitsbedingungen in der neu aufzubauenden Wirt-
schaft durchzusetzen. Niemand wird die ideale Forderung: „acht
Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Muße“ von der
Hand weisen, wenn sie sich mit den Interessen der produktiven
Wirtschaft vereinbaren läßt. Dies ist vermutlich ohne weiteres der
Fall, wo es sich um eine wirtschaftliche Entwicklung handelt, die
auf aufsteigender Linie läuft, erhöhte Reingewinne an die Unter-
nehmungen abwirft und dementsprechend eine stärkere Belastung
des Postens „Arbeitskosten“ in den Erzeugungskosten der Industrie
zuläßt. Insbesondere ist die Möglichkeit einer solchen Belastung
gegeben, wenn die Anwendung neuer, Handarbeit ersparender Ma-
schinen bei gleichzeitiger Steigerung des Umsatzvolumens zu einem
Ausgleich gegenüber der durch die Kürzung der Arbeitszeit relativ
verringerten Leistung steht (relativ: denn es wird im allgemeinen
vorausgesetzt, daß eine verkürzte Arbeitszeit wohl das Arbeitser-
trägnis absolut verringert, daß aber diese Verringerung nicht ent-
sprechend der verkürzten Arbeitszeit vor sich geht, sondern durch
Erhöhung der Leistungsfähigkeit und Arbeitswilligkeit des einzelnen
Arbeiters eine gewisse Ausgleichung erfährt). Heute hingegen lie-
gen die Voraussetzungen, unter denen seinerzeit die Nationalökono-
mie (Lord Brassey, Lujo Brentano) das Gesetz: „kurze Arbeitszeit,
hohe Arbeitsleistung“ formulierten *°), nicht vor. In allen Ländern,
besonders aber in den von den Folgen des Weltkrieges schwerst
betroffenen, bedeutet schon die Kapitalverknappung, der Mangel
an Betriebskapital, ein Hemmnis gegenüber der Anwendung neuer
40) Vgl. Brentano, Über das Verhältnis von Arbeitslohn und Ar-
beitszeit zur Arbeitsleistung. 2. Aufl. 1893. Brassey. Work and Wages.
Neue Auflage von Prof. Chapman. 1904.
        <pb n="39" />
        32

arbeitssparender Maschinen und Verfahren, während andererseits
der verringerte Umsatz die Anwendung von noch stärker auf Mas-
senerzeugung eingerichteter Technik zumindest in Europa wirt-
schaftlich nicht rentabel erscheinen läßt. Was aber die Möglichkeit
gesteigerter Arbeitsleistung der Arbeiter bei verkürzter Arbeitszeit
angeht, so ist diese um so geringer, als die Herabdrückung des all-
gemeinen Lebensniveaus auf Grund der Kriegsfolgen, der Teuerung
und der verschlechterten Ernährungsweise in den besiegten Län-
dern eine Hebung der physischen Arbeitsfähigkeit sowie der psy-
chischen Arbeitslust unterbindet. Es würde ökonomisch gesehen weit
mehr im Rahmen dieser Verhältnisse sein, eine Mehrerzeugung durch
längere Arbeitszeit bei relativ verminderter Arbeitsleistung pro
Stunde zu erstreben, als eine Kürzung der Arbeitszeit herbeizufüh-
ren, welche das Ergebnis der Arbeitsleistung im besten Falle relativ
heben könnte, aber das absolute Arbeitsergebnis ganz wesentlich
in jedem Falle mindern muß, weil unter den heutigen sozialen Ver-
hältnissen diese relative Erhöhung der Arbeitsleistung nur gering
sein kann und ihr ausgleichende Mittel auf seiten des Unternehmers
nicht gegenüberstehen. Aus diesem Grunde hat sich auch ein einst
so leidenschaftlicher Vorkämpfer für verkürzte Arbeitszeit wie Bren-
tano*!) unter den veränderten Verhältnissen für eine heutige sche-
matische Durchführung des Achtstundentages nicht aussprechen
können.

Der Achtstundentag

Diejenigen hingegen, welche in erster Linie das „soziale“ Ele-
ment in der Volkswirtschaft berücksichtigen und dasselbe mit den
Erfordernissen derselben zu identifizieren pflegen, haben, ohne Rück-
sicht auf die Besonderheit der heute veränderten Wirtschaft, nach
dem Kriege eine Propaganda für den Achtstundentag veranstaltet,
die in den verschiedensten Ländern zum Ziele geführt hat. Freilich
ist heute noch, solange sowohl die Vereinigten Staaten wie Kanada
einer gesetzlichen schematischen Festlegung des Arbeitstages nicht
zugänglich sind, die Verkürzung der Arbeitszeit in erster Linie als
eine europäische Angelegenheit zu betrachten, was um so seltsamer
berührt, als ja gerade die europäischen Industriestaaten als die
heute ökonomisch und finanziell schwächeren Länder allen Grund

41) Vgl. seine Rede in Prag 1924. Berliner Tageblatt Nr. 472.
        <pb n="40" />
        Die internationale Arbeitszeit

33
hätten, sich nicht durch eine besondere Belastung der Industrie-
erzeugung zu kennzeichnen. In den europäischen Staaten wieder-
um ist zu unterscheiden zwischen solchen, welche die Achtstunden-
arbeitszeit oder die 48-Stundenwoche rigoros und schematisch durch-
führen und solchen, bei welchen eine mehr oder weniger starke
Durchlöcherung derselben durch Gestattung einer bestimmten
Überstundenzahl stattfindet.*!) Zu diesen gehört bekanntlich auch
Deutschland, das in seiner Arbeitszeitverordnung vom 21. Nov. 1923
die Möglichkeit gewisser tarifvertraglicher Mehrarbeit gewährte.
Aber faßt man die Resultate der heutigen europäischen Arbeitszeit-
verhältnisse zusammen, so ergibt sich doch als Ganzes, daß fast
alle Länder dem Achtstundentag in dieser oder jener Form beige-
treten sind, daß also der Erfolg der Arbeiterbewegung in je-
dem Falle eine wesentliche Beschränkung der Arbeitszeit gewesen
ist. In England, das sich ebenfalls bisher zu einer gesetzlichen (frei-
lich von der Arbeiterregierung im Juli 1924 geplanten) schematischen
Festlegung eines nationalen Arbeitstages, der freilich als 48-Stunden-
woche überall besteht, nicht entschlossen hat, herrscht im Kohlen-
bergbau sogar der Siebenstundentag, der teilweise nur eine tatsäch-
liche Arbeitszeit in den Bergwerken selbst von 5—6 Stunden be-
deutet.

Die Wirkung der verkürzten Arbeitszeit auf die Erzeugung ist
in keinem der beteiligten Länder ohne Opposition aufgenommen
worden. Für Deutschland hat die Vereinigung der deutschen Ar-
beitgeberverbände in einer besonderen Denkschrift*3), ferner in
ihren jährlichen Geschäftsberichten eine überaus große Zahl von
Fälien beigebracht, welche — nach Angaben einzelner Großunter-
nehmungen, amtlichen und halbamtlichen Statistiken und eigenen
Berechnungen — das Bild der Rückläufigkeit der Arbeitsleistung
unter der Herrschaft des schematischen Achtstundentages und ihrer
wieder einsetzenden Steigerung auf Grund des Arbeitszeitgesetzes
von 1923 ergeben. Obschon diese Angaben von seiten der inter-
essentenmäßig orientierten „Gegenseite“ kommen, ist ihnen, da es
sich um rein sachliche, zahlenmäßige Feststellungen handelt, der
42) Vgl. eine genaue Darstellung über die internationalen Verhält-
nisse der Arbeitszeit im Geschäftsbericht usw. S. 268-—280.

43) Vgl. Die Arbeitszeitfrage in Deutschland. 1924. (Vergriffen.)

Levy, Weltmarkt 3
        <pb n="41" />
        34

Wert nicht abzusprechen, während es freilich im Rahmen dieser Be-
trachtung zu weit führen würde, die Ergebnisse nochmals im ein-
zelnen aufzuführen. Dagegen sei betont, daß auch in Kreisen, die
entweder dem Achtstundentag propagandistisch nahestehen oder
jedenfalls nicht als „anti-sozial“ anzusehen sind, die Tatsache einer
Reduzierung der Leistung nicht mehr bestritten wird, womit dann
ohne weiteres angesichts der oben gekennzeichneten Unmöglichkeit,
durch stärkere Mechanisierung der Erzeugung einen Ausgleich zu
schaffen, zugegeben wird, daß die verkürzte Arbeitszeit eine Be-
lastung der industriellen Produktionskosten bedeuten muß. In die-
sem Sinne schreibt der demokratische Volkswirt Dr. Bruno Rauecker
im Berliner Tageblatt vom 5. Sept. 1924 und fordert „von Fall zu
Fall eine zeitweise Verlängerung des achtstündigen Arbeitstages“,
Auch der Bericht des Internationalen Gewerkschaftsbundes er-
klärt**): „Die Arbeiter haben freilich niemals behauptet, daß sie in
acht Stunden soviel wie in zehn Stunden zu arbeiten vermöchten,
wenn sich keine Veränderungen in der Technik des Betriebes oder
in der Organisation und Verteilung der Arbeit vollziehen.“ Damit
wird die Belastung der Kosten der Erzeugung durch den Achtstun-
dentag ohne weiteres auch von Arbeiterseite zugestanden. In Eng-
land nimmt die Frage des nachteiligen Wirkens der verkürzten Ar-
beitszeit gerade in letzter Zeit (Frühjahr und Sommer 1925) einen
immer breiteren Raum in der öffentlichen Diskussion wirtschaft-
licher Fragen ein. Freilich wird sie hier regelmäßig im Zusammen-
hang mit anderen sozialen Problemen erörtert, die vielfach zu einer
Erschwerung der englischen Konkurrenz mit dem Auslande bei-
tragen, wie: der Erhöhung der Löhne, der willkürlichen Abgrenzung
der einzelnen Teiloperationen im Arbeitsprozeß durch die Trade

Unions, was häufig zu einem erheblichen Arbeitsverlust führt, usw,

Erörterungen dieser Fragen finden sich vor allem bezüglich des

englischen Kohlenbergbaues. Hier haben die englischen Gewerk-

vereine im Jahre 1924 im Anschluß an die Ruhrbesetzung, die vor-

übergehend dem englischen Kohlenmarkt verbesserte Absatzchan-

cen bot, Bedingungen durchgesetzt, die sich in einer starken Ver-

Verringerte Arbeitsleistung

44) Vgl. The Activities of the International Federation of Trade
Unions 1922—24. Amsterdam 1924. S. 347—51.
        <pb n="42" />
        Hoher Zinsfuß und hohe Generalunkosten

ringerung der Arbeitsleistung auswirkten. Ist doch die Arbeits-
leistung pro Mann und Schicht von 18,25 Cwt. im ersten Quartal
1923 auf 17,74 Cwt. im vierten Quartal 1924 zurückgegangen, wäh-
rend die Nettokosten pro Tonne erzeugter Kohle sich von 16 sh. 5 d.
auf 18 sh. 4 d. erhöhten!*5) Ebenso haben englische Schiffbauer an-
läßlich der Vergebung von Aufträgen für Motorschiffe an Ham-
burger Firmen auf die Belastung ihrer Erzeugungskosten durch ver-
kürzte Arbeitszeit und Trade-Union-Reglements verwiesen.*‘) Aber
auch aus der englischen Textilindustrie kommen dieselben Klagen.*7)
Bei dieser Allgemeinheit der Klagen und Nachweise ist also an der
Tatsache selbst, einer erheblichen Belastung der Erzeugungskosten
durch soziale Errungenschaften, nicht zu zweifeln.

Wir haben damit die unserer Ansicht nach wichtigsten Punkte
der heutigen Produktionskostenverteuerung erörtert, aber es muß
noch daran erinnert werden, daß auch der im Vergleich zu Friedens-
zeiten zum Teil bedeutend höhere Zinsfuß in einzelnen europäischen
Ländern (besonders wiederum in Deutschland) dazu beiträgt, die
Herstellungskosten zu verteuern.4) Endlich muß auch noch bedacht
werden, daß die Abnahme des Umsatzvolumens die Generalunkosten
der Erzeugung sowohl wie des Handels und Zwischenhandels: wie
vor allem des Detaillisten relativ erhöht. Der Wunsch, die gleich-
bleibenden Generalunkosten bei sinkendem Umsatz zu decken, führt
notwendigerweise zu weiterer Preiserhöhung. Dies kann am deut-
lichsten im Detailhandel beobachtet werden und erklärt die immer
größer werdende Diskrepanz zwischen Erzeugerpreis und Detail-
preis, ein Moment, das freilich für die weltmarktmäßige Erörterung,
die hier in Frage kommt, weniger ausschlaggebend ist.

Dagegen bleibt noch übrig, die Entwicklung der Verfrachtungs-

35

45) Vgl. Economist (nach amtlichen Angaben) vom 16. Mai 1925,
S. 962.

46) Vgl. Levy, Die volks- und weltwirtschaftliche Bedeutung der
heutigen englischen Arbeiterfrage. Weltwirtsch. Archiv Juli 1925. S. 95.

47) Vgl. Manchester Guardian Commercial vom 2. Juli 1925 (Textil-
Sondernummer).

48) Die Diskontsätze betrugen Anfang Juli für Berlin: 9, für Italien 7,
für Paris 7, für Prag 7, für Wien 11, für Kopenhagen 7Z, für Warschau
10%, gegenüber 31/,% in Neuyork.
        <pb n="43" />
        36

kosten zu erörtern. Hier sind die Landfrachten von den überseeischen
Seefrachten zu unterscheiden. Daß die Preise der Transportleistun-
gen zu Lande wesentlich gestiegen sind und zur Verteuerung aller
Waren beitragen, kann für alle Länder konstatiert werden, obschon
natürlich auch hier die nationalen Verschiedenheiten sehr groß sind
(besonders unter Berücksichtigung der langsamen Anpassungsfähig-
keit der Frachtsätze in Ländern mit inflatierter Währung). Für die
deutschen Verhältnisse hat man unter Zugrundelegung einer durch-
schnittlichen Beförderungsentfernung von 300 km den prozentualen
Anteil der Frachten am Warenpreis mit folgendem Ergebnis be-
rechnet #9):

Die hohen Landfrachten

Ware

1913

Herbst 1924

Steigerung in %
Kohle... ...
Stabeisen ....
Stickstoff . ......
Häute . .......
Weizenmehl .

60,8

10,8 Rn
2,9 48
1,2 | 7
55 1.1

21
44
66
208
84

Für England erscheint es bezeichnend, daß die Gesamtzahl der
beförderten Passagiere auf den Eisenbahnen (exklusive der Besitzer
von Saisonkarten) im Jahre 1913 1199 Millionen, im Jahre 1922
1194 Millionen, das Gewicht der beförderten Güter (leider keine An-
gaben für die Entfernung bzw. die Tonnenkilometerzahl) im Jahre
1913 364 Millionen, dagegen 1922 nur 301 Millionen Tonnen betrug,
während sich die Bruttoeinnahmen von 132,4 Millionen Pf, Sterling
im Jahre 1913 auf 245 Millionen Pf. Sterling im Jahre 1922 gestei-
gert hatten.°°) Immerhin dürfte nach englischen Schätzungen die
Frachtverteuerung in England geringer sein als die im Deutschen
Reiche.)

Während aber für den Eisenbahnverkehr auf jeden Fall eine
erhebliche Verteuerung der Frachten feststeht, die im Preise der
verfrachteten Waren zum Ausdruck kommen muß, ist für den
maritimen Handelsverkehr eine besondere Verteuerung gegenüber

49) Vgl. Geschäftsbericht S. 147.
50) Nach Statesmans Yearbook. 1925. S. 65.
51) Vgl. Manchester Guardian Commercial vom 4. Juni 1925. S.598.
        <pb n="44" />
        Die maritimen Frachtsätze —

dem Frieden — zumindest für die letzte Zeit — nicht mehr festzu-
stellen. Nach dem Frachtenindex des englischen Economist für
Charterraten (whole cargoes) betrugen, wenn die Ziffern für den
Durchschnitt der Jahre 1898—1913 gleich 100 gesetzt wird ©):

37

Charter-Frachten

l

im Durchschnitt der ersten
sechs Monate
1924 1925

Europäische Gewässer .. .
Nordamerikanische Gewässer.
Südamerikanische Gewässer
Indische Gewässer. ....
Ferner Osten und Pazifik .
Australische Gewässer

136,28
143,36
138,37
128,46 |
134,40
140,13

113,30
129,16
113,11
115,45
116,84
146,59
Total | 136,33 | 12241

Würde nicht die australische Frachtrate durch die auf Grund der
reichen Ernte verstärkten Frachtraumanforderungen gesteigert wor-
den sein, so würde sich als Gesamtergebnis eine starke Annäherung
der transozeanischen Frachtraten an die Vorkriegsverhältnisse er-
geben, aber auch so ist dies bei dem größten und bedeutendsten
Teile derselben der Fall. Nimmt man nicht den Halbjahresdurch-
schnitt des Jahres 1925, sondern den letzten Monat dieses Zeitraums,
so ergibt sich, daß die Gesamt-Charterraten gemessen am Stande
von 1913 nur mehr 6,73% höher standen.

Die Ursache dieser dem Preisindex der Waren zuwiderlaufen-
den Entwicklung‘ der Frachtraten liegt in dem Überangebot an
Frachtraum einerseits und an dem ungehinderten Wettbewerb der
Charter-Schiffahrt (bei der Linien-Schiffahrt liegen Vereinbarungen
vor, diese aber führt hauptsächlich Frachten hochwertiger Erzeug-
nisse).5) Nach der Veröffentlichung von Lloyds Register — be-
kanntlich dem „Grundbuch“ der überseeischen Schiffahrt — ergibt
sich folgende Entwicklung der Welttonnage. Es betrug der Tonnen-
gehalt in Millionen Großtonnen (exklusive von Fahrzeugen unter
100 Tonnen) in der Welt:

52) Vgl. Economist vom 8. August 1925 und 11. Juli 1925.
53) Vgl. Economist vom 8. August. S. 223.
        <pb n="45" />
        38

1895
1905
1915
1925

Vergrößerung der Welthandelsflotte
Dampfer und Motorschiffe

Segler

ı Insgesamt
16,9
30,0
45,7
62,4

mE
3,0
&gt;5
2.2

25,1
36,0
49,2
64,6

Selbst unter den mannigfachen Einschränkungen, welche bei die-
sen Ziffern bezüglich der Verwendbarkeit und der Verwendung aller
Schiffe für die überseeische Schiffahrt usw. zu machen sind, ergibt
sich doch aus ihnen als Ganzes das außerordentliche Anwachsen
der Welthandelsflotte trotz des Weltkriegs und seiner maritimen
Zerstörungen. Hält man sich nur an die für die Überseeschiffahrt
bestimmten Eisen-, Stahl- und Motorschiffe, so ergibt sich, daß die
Tonnage derselben im Juni 1914 42,5 Millionen, dagegen im Juni
1925 58,7 Millionen Großtonnen betrug. Selbst wenn man von: die-
ser Ziffer die aufliegenden 4 Millionen Tonnen der Vereinigten
Staaten-Schiffahrt abzieht, bleibt ein beträchtliches Plus. Die starke
Zunahme der Handelsschiffe in den Vereinigten Staaten, die Ver-
größerung des Handelsflottenbestandes in Japan, Holland, Skan-
dinavien während des Krieges, der relativ starke Fortschritt des
Handelsflotten-Wiederaufbaues im Deutschen Reiche, das im Juni
1920 nur noch 654000 Tonnen, heute wieder 3 Millionen Tonnen
aufweist, ist an diesem Resultat hauptsächlichst beteiligt.

Auch hier haben wir also ähnlich, wie wir es bezüglich der inter-
nationalen Industrie konstatiert haben, eine Übersteigerung des
potentiellen Angebots gegenüber dem tatsächlichen Bedarfe. Deut-
lich macht sich das Hin- und Herschwanken der Frachtraum-
nachfrage, wie es wiederum durch das „Mehr“ oder „Minder“ der
herrschenden Weltmarktkrisis bedingt wird, in dem Aufliegen der
Schiffe bemerkbar, denn das Sinken der Frachtraten bestimmt auch
hier nach einiger Zeit das „Grenz“-Schiff, d.h. dasjenige Schiff,
dessen Betrieb noch gerade unter den gegebenen Verhältnissen von
Angebot und Nachfrage rentabel bleibt. So hat sich die Tonnage
der in England aufliegenden Schiffe im Sommer 1925 nicht uner-
heblich gesteigert, als Kohlenbergbau und andere Industrien eine
Verschärfung der Absatzkrisis erfuhren. Sie betrug im Januar 1925
ca. 450000, im April 377000, dagegen im Juli 754000 Tonnen. Be-
        <pb n="46" />
        Überangebot an Frachtraum

zeichnend sind in dieser Beziehung auch die Ziffern der Abwrackung,
die im Jahre 1925 zum ersten Male in Lloyds Register veröffent-
licht wurden.) Sie betrugen: im Durchschnitt der Jahre 1908—13
171000, dagegen im Jahre 1924 nicht weniger als fast 1175000 Ton-
nen. Im Januar 1925 schrieb der Economist 55):

„Mit einer jährlichen Erzeugungsfähigkeit von etwa 3 Millionen
Tonnen haben sich die britischen Schiffswerften zu einer theore-
tischen Produktionsmöglichkeit entwickelt, die weit über den
augenblicklichen Bedarf der Weltnachfrage hinausgeht, selbst
wenn von anderen Ländern kein einziges Schiff gebaut werden
würde. . ,.“

Bildet also das „Element“ überseeische Frachten heute in dem
Aufbau der Erzeugungskosten weltwirtschaftlich erzeugter und ge-
handelter Güter heute eine Ausnahme, indem von einer nennens-
werten Verteuerung gegenüber dem Frieden nicht gesprochen wer-
den kann, so ist auf der anderen Seite dieser Ausnahmefaktor nicht
in der Lage, die allgemeine Preisstellung dieser Güter im Sinne
einer Behebung der Weltwirtschaftskrisis irgendwie maßgeblich zu
beeinflussen. Man kann höchstens sagen, daß die Erhöhung der
Weltmarktpreise, wie wir sie nunmehr ihren Hauptursachen nach
kennen gelernt haben, und der damit verbundene Druck auf das
Welthandelsvolumen noch stärker sein würde, wenn die Gestaltung
des Frachtenmarktes eine andere wäre,

39

4. DIE ZERRÜTTUNG DER VALUTEN
Wir haben bisher die Hauptumstände erörtert, die lediglich als
Gefolgschaft der Desorganisation der internationalen Wirtschaft
das Welthandelsvolumen verringern müssen. Die allgemeinen Zer-
störungsfaktoren ües Krieges, die unbehobenen politischen und
sozialen Unruhen, das Vorhandensein einer potentiellen Überstei«
gerung der industriellen Produktion der Welt, das damit zusammen-
hängende Mißverhältnis zwischen Bedarf und Angebot und seine
notwendigen Folgen für den Weltarbeitsmarkt, die Erhöhung der
Erzeugungskosten auf Grund gestiegener Nahrungsmittel- und Roh-

54) Vgl. Economist vom 18. Juli. S. 96.
55) Vgl. Levy, Englische Arbeiterfrage a. a. 0. S. 91.
        <pb n="47" />
        10 a Außenhandel und Vahuta
stoffpreise einerseits und besonderer Lasten steuerlicher und sozial-
politischer Art andererseits, — alles das, aus der einen großen
Wurzel „Weltkrieg“ hervorgehend, erklärt bereits zur Genüge die
Tatsache des rückläufigen und vielleicht besser gesagt „zu geringen“
Welthandelsvolumens. Es gilt noch ein Moment nachzutragen, das
gewissermaßen als „Begleitumstand‘“ dieser Verhältnisse betrachtet
werden kann: die Valutamisere in der Weltwirtschaft.

Eine verschlechterte Valuta wirkt ohne weiteres einfuhrab-
schreckend für das von ihr betroffene Land. Der „teure“ Dollar,
das „teure“ Pfund Sterling sind einem Einfuhrzoll auf amerika-
nische oder englische Waren durchaus gleichzusetzen. Da sich an-
dererseits der Preis der Waren, welche nicht von der Einfuhr ab-
hängen oder deren Erzeugungskosten sich nur zum Teil aus ein-
geführten Rohstoffen oder Halbzeug zusammensetzen, in Ländern
mit Inflationswährung nicht proportional zu der verschlechterten
Valuta zu steigern pflegt, so würde man freilich annehmen können,
daß die aus der Verringerung der Einfuhr hervorgehende Minderung
des Welthandelsvolumens durch die Exportprämie ausgeglichen
werde, welche der Industrie der Inflationsländer zuteil wird. Ge-
wiß hat das Valuta-Dumping eine nicht unbeträchtliche Rolle ge-
spielt und spielt sie heute noch. Allein, es ist kaum anzunehmen,
daß dieses Dumping von Industriewaren so groß ist, daß es die
Hemmung der Einfuhren, wie sie die Verschlechterung der Wäh-
tungen mit sich bringt, auszugleichen vermag. Freilich ist dem wie-
derum entgegenzuhalten, daß die Länder mit Inflation zumeist euro-
päische Staaten mit starker Abhängigkeit von ausländischen Nah-
rungsmitteln und Rohstoffen sind, so daß die verschlechterte Valuta
in erster Linie und hauptsächlich auf die Einfuhr minder dringlicher
Waren wirken muß, die Einfuhr der dringlich benötigten aber kaum
wesentlich verringern wird. Aber selbst dies berücksichtigend wird
man kaum annehmen dürfen, daß diese Verringerung der Einfuhren
durch das Valuta-Dumping quantitativ ausgeglichen werden kann,
da ja einerseits die Absperrung von den Ländern mit guter Wäh-
rung den Inlandsbedarf der Länder mit Inflationswährung für ver-
arbeitete Waren zumindest aufrechterhält, während andererseits das
sofortige Einsetzen der Zuschlagszölle gegen Dumping-Waren die
Wirksamkeit der in der Inflation steckenden Exportprämie vielfach
        <pb n="48" />
        Wirkung zerrütteter Währungen

wieder aufhebt. Dort freilich, wo das Valuta-Dumping solchen zoll-
politischen Erschwerungen nicht begegnet, wird es selbstverständ-
lich den Wettbewerb der Länder untereinander zu Ungunsten der
Länder mit starker Währung beeinflussen. Aber in dieser wettbe-
werblichen Wirkung der Valutazerrüttung liegt noch kein Beweis
dafür, daß das Exportvolumen der Weltwirtschaft als solches ge-
steigert wird, vielmehr nur die Möglichkeit einer Verschiebung der
Einfuhrversorgung zugunsten von Exportländern mit schwacher
Währung, so etwa, wenn ein Land Stoffe, die es aus England be-
zogen hat, nunmehr aus Frankreich bezieht. Dagegen bedeutet die
Valutamisere für das valutakranke Land ohne weiteres das Bestre-
ben, den Konsum bisher eingeführter Waren zu verringern oder
durch heimische Erzeugung zu ersetzen, bedeutet also ohne weiteres
sine Verringerung der Welthandelsumsätze.

Als Ganzes wird man daher sehr wohl sagen können, daß die
Zerrüttung der Währung in der Weltwirtschaft die Tendenz des
rückläufigen Welthandelsvolumens noch verstärkt. Zu der tatsäch-
lichen Verringerung des Einfuhrbedarfs der Länder mit verschlech-
terter Währung kommt ja vor allem noch die Tatsache der kom-
merziellen Ungewißheit, wie sie durch die schwankende Valuta her-
vorgerufen wird. Dieses Moment ist um so bedeutsamer, als für
dieselbe selbst kleine Valutaschwankungen und eine auch nur ge-
ringfügig verschlechterte Währung von Einfluß sein können, in
dem Maße, wie jeder kaufmännische Kalkül durch die geringsten
Abweichungen valutarischer Art entscheidend beeinflußt werden
kann.56)

Wird dies bedacht, so wird man ohne weiteres begreifen, daß es
sich bei der Beurteilung des heutigen Valutaproblems in der Welt-
wirtschaft nicht nur darum handelt, den weltwirtschaftlich feind-
lichen Valutastörungen solcher Länder Rechnung zu tragen, in wel-
chen nicht von einer völlig unterminierten Valuta — wie einst in
Deutschland, heute noch in Ungarn — gesprochen werden kann,
oder von einer immerhin schon kranken Währung, wie die neuer-
dings verschlechterten Valuten Frankreichs, Italiens und Belgiens es

41

56) In dem Bericht über die englischen Überseemärkte heißt es auf
S. 51 geradezu: „Großbritanniens Handel mit Belgien wird unmittelbar
durch das Steigen oder Fallen des Franken beeinflußt“
        <pb n="49" />
        42 Internationale Valutastatistik
sind, sondern daß man auch den im Vergleich zur Friedensparität
lediglich „etwas“ gedrückten Valuten Rechnung zu tragen hat.
Die Differenzierung und Zerrüttung der Valuten in der Welt-
wirtschaft ergibt sich aus folgender Tabelle 5):
Währung | Parität ! 1.7. 1925
Alexandria. . .
Amsterdam. ..
Athen. ....
Belgrad ....
Berlin. ....
Bombay . ...
Brüssel... ..
Budapest. . ..
Buenos Aires. .
Bukarest. . ..
Kalkutta ....
Helsingfors. . .
Hongkong . ..
italien... ..
Konstantinopel .
Kopenhagen . .
Lissabon. ...
Madrid. . ...
Manila. ....
Mexiko. ....
Montevideo
Montreal. . .
New York ...
Oslo... ...
Paris. .....
Prag. .....
Rio de Janeiro .
Schweiz . ...
Shanghai. ...
Singapore ...
Sofia. ....,
Stockholm . x
Valparaiso .
Warschau .
Wien —....
Yokohama .

Piaster für Pfund Sterling
Gulden für Pfund Sterling
Drachmen für Pfund Sterling
Dinar für Pfund Sterling
Mark für Pfund Sterling
Schilling für Rupie

Francs für Pfund Sterling
Kronen für Pfund Sterling
Pence für Goldpeso

Lei für Pfund Sterling
Schilling für Rupie

Finnm., für Pfund Sterling
Schilling für Dollar

Lire für Pfund Sterling
Piaster für Pfund Sterling
Kronen für Pfund Sterling
Pence für Escudo

Pesetas für Pfund Sterling
Schilling für Dollar

Pence für Dollar

Pence für Peso

Dollar für Pfund Sterling
Dollar für Pfund Sterling
Kronen für Pfund Sterling
Francs für Pfund Sterling
Kronen für Pfund Sterling
Pence für Milreis

Francs für Pfund Sterling
Schilling für Tael
Schilling für Dollar

Lewa für Pfund Sterling
Kronen für Pfund Sterling
Pesos für Pfund Sterling
Zloty für Pfund Sterling
Schilling für Pfund Sterling
Schilling für Yen

97%

12,107
25,22%
25,22%
20,43

24 Pence
25,22%
24,02

47,58 Pence
25,22%

24 Pence
25,221,
23,81 Pence
25,22%
110,—

18,159

53,25 Pence
25,22%
24,066

24,58 Pence
51,— Pence

4,86%
4,86%,

18,159

25,22%
24,02

27,— Pence
25,22%
32,50 Pence
28,—
25,22%
18,159

13,33
25,22% 25,37%
24,58%, | 34,57%
24,58 Pence 1,8% 6

97' 52
12,13%
287,—
276.50
20,41%
1,6%
109,25
346000, —
45,31%
1057.25
1,6%
198 —
ua hs
900,—
24,17
2,46%
33,42
2,0%
26,—
48,—
85
Ha
108,62,
164,—
5,34%
25,03%
3,2 % 18
2,416
675,—
18,11%,

Ein bezeichnendes Beispiel für die Wirkung der Valutaschwan-
kungen selbst für Länder mit nicht eigentlich zerrütteter Wirkung
57) Entnommen den Berichten der Commerz- und Privatbank.
        <pb n="50" />
        Wirkung der Stabilisierung nn

ist das folgende: Der außerordentliche Aufschwung, der unmittel-
bar nach dem Kriegsende im Warenabsatz Britisch-Indiens einsetzte,
trieb den Wechselkurs zeitweilig beträchtlich in die Höhe, nämlich
auf 2 sh 10 d (vgl. die Parität in der soeben gegebenen Tabelle).
Der Rückschlag im Handel bewirkte aber dann eine Senkung des
Rupienkurses zeitweilig unter 1 sh 4 d. Daraufhin erklärten die
indischen Kaufleute, an ihre Verträge nicht gebunden zu sein. Un-
geheuere Mengen von Waren blieben in den Händen der Verfrach-
ter. Eine allgemeine Desorganisation des Geschäfts war die Folge.
Man erklärte, die Regierung habe den Kurs 1 Rupie gleich 2 sh
garantiert. Auswärtige Kunden Indiens haben seit dieser Zeit viel-
fach andere Vertragsmethoden gegenüber den indischen Geschäfts-
leuten angewandt, nicht zum Nutzen der letzteren.

So bedeutsam nun die Zerrüttung der Wechselkurse für die Des-
organisation der Weltwirtschaft und die weitere Verminderung des
Welthandelsvolumens ist, man schließe nicht daraus, daß eine Sta-
bilisierung der Währung überall sofort die umgekehrte Wirkung
einer Besserung des Welthandels herbeiführen müsse. Ein solcher
Trugschluß würde nämlich übersehen, daß eine Stabilisierung, die
an Stelle einer bisherigen Inflation tritt, zunächst an der Kaufkraft
des betreffenden Landes insofern wenig ändert, als durch die Sta-
bilisierung lediglich das Ärmerwerden und die verringerte Kauf-
kraft des betreffenden Landes, die durch die Inflation verdeckt
waren, nunmehr offen hervortreten. Stabilisierung bedeutet in sol-
chem Falle: öffentliche Feststellung der Verarmung. So wichtig und
unerläßlich sie ist, um dem weiteren Verfall der von der Inflation
ergriffenen Wirtschaft vorzubeugen, sie kann wohl einen Anfang
zu allgemeiner Gesundung bedeuten, nicht aber Verlorenes wieder
ersetzen oder die alte Kaufkraft aus sich heraus wieder herstellen.
Dies vielmehr hängt von ganz anderen Notwendigkeiten ab, die
zum Teil keineswegs etwas mit der Währung zu tun haben. Wir
erleben das an unserer eigenen Wirtschaft. Es wäre also verfehlt,
anzunehmen, daß die Stabilisierung die Wirkung der Inflation, so-
weit sie auf eine Verminderung des Einfuhrvolumens gerichtet war,
einfach durch den Zustand ersetze, der bezüglich der Einfuhrmengen
geherrscht hätte, wenn niemals eine Inflation dagewesen wäre. Der
Wert der Stabilisierung für die Außenhandelswirtschaft liegt zu-

43
        <pb n="51" />
        44 Allgemeine Resultate
nächst lediglich darin, daß die Unsicherheit im geschäftlichen Leben
verschwindet. Und wenngleich in einem Lande einst inflatierter,
dann stabilisierter Währung die Kaufkraft für Auslandswaren —
ceteris paribus — nicht größer zu sein verspricht als etwa zu dem
Zeitpunkt des Währungsverfalls, sondern diesem gegenüber einen
durch die Verarmung herbeigeführten Rückgang aufweist, so ist
doch der gewaltige Vorteil der Stabilisierung — auch für das Welt-
handelsvolumen — darin zu erblicken, daß nun wenigstens die Basis
der außenwirtschaftlichen Geschäftsbetätigung, so eng sie auch sein
mag, für das betreffende Land und seine Lieferanten, soweit die
Währung in Frage kommt, keinen Schwankungen mehr unter-
worfen ist.

Wir haben damit die Erörterung der Erschlaffung des weltwirt-
schaftlichen Warenaustausches und des Tiefstandes der interna-
tionalen Handelsvolumens beendet, soweit sich diese Erörterung auf
die Wirkungen der weltwirtschaftlichen Desorganisation nach dem
Kriege bezog. Diese Desorganisation mag mittelbar durch die Feh-
ler der internationalen Wirtschaftspolitik der Siegerländer stark be-
einflußt worden sein, sie stellt sich trotzdem als elementares, dem
unmittelbaren Einfluß der Wirtschaftspolitik des einzelnen Landes
entzogenes Gesamtereignis dar, das katastrophenhaft über die bis-
herige friedliche Entwicklung der Weltwirtschaft hereingebrochen
ist. Anders steht es mit den Tatsachen, die ebenfalls zu einer star-
ken Verringerung der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung und einem
Rückgang des Weltaußenhandelsvolumens (besonders verglichen
mit seiner früheren Fortschrittlichkeit) führen mußten und müssen,
aber auf die planmäßige Entwicklung und den bewußten Willen
der beteiligten Wirtschaftsstaaten zurückzuführen sind. Wir haben
deshalb von vorneherein die in der Desorganisation der Weltwirt-
schaft liegenden Momente der Verringerung des Welthandels von
der Tatsache einer größeren Selbstversorgung der Länder getrennt,
der wir uns nunmehr zuwenden.
        <pb n="52" />
        Vergleiche aus der Napoleonischen Zeit

45

JIIL DIE VERRINGERUNG DES WELTWIRTSCHAFTLICHEN
WARENABSATZES ALS WIRKUNG DER VERSTÄRKTEN
SELBSTVERSORGUNG
i. DIE ALLGEMEINE TENDENZ GRÖSSERER WIRTSCHAFTSAUTO-
NOMIE NACH DEM WELTKRIEGE
Das Bestreben nach größerer Selbstversorgung, zumeist unter
besonderer Betonung der „Notwendigkeit“, sich von Einfuhren zu
emanzipieren, macht sich seit dem Abschluß des Weltkrieges in
fast allen Ländern, freilich besonders stark in überseeischen Län-
dern, bemerkbar. Die Ursachen hierfür sind verschiedener Art.

Überall wo bisher in der Geschichte Kriege zu einer Absperrung
einzelner Länder von dem Weltmarkt geführt haben, kann man das
Bestreben der an solcher Absperrung profitierenden Interessenten
erkennen, die Wirkungen derselben auch im Frieden nicht preis-
zugeben. Die Wirkung der napoleonischen Kontinentalsperre war,
daß die englischen Grundbesitzer durch hohe Getreidezölle den
Versuch machten, die durch die Absperrung Englands von der Ein-
fuhr erhöhten Grund- und Pachtrenten auch nach 1815 festzuhalten.
Gleichzeitig suchte sich der Kontinent durch Zollschutz von der eng-
lischen Industrie zu schützen, da es hieß, daß auf die Invasion der
iranzösischen Krieger die Invasion der englischen Waren folgen
werde. Erst mit dem Jahre 1846, der Beseitigung des Schutzzoll-
systems in England, begann eine freihändlerische Epoche die schutz-
zöllnerischen Nachwirkungen der napoleonischen Kriege in der gan-
zen Welt abzulösen.58)

58) Sehr interessant ist die gleiche Entwicklung in den Vereinigten
Staaten. In seiner handelspolitischen Geschichte der Vereinigten Staa-
ten „The Tariff History of the United States“, London 1914, schreibt
Prof. Taussig (S. 23) über die Zeit nach 1819: „Die Abnahme der
auswärtigen Nachfrage und das Fallen der Preise der Stapelartikel
entfachte natürlich einen Schrei nach Sicherung des heimischen Mark-
tes.‘ Vgl. auch S, 191%.
        <pb n="53" />
        Die Absperrung im Weltkrieg

Der Weltkrieg hat, dadurch daß er sich auf die Weltmeere er-
streckte, und vermittelst des Seekrieges und seiner Wirkungen auf
die Handelsschiffahrt für die Bezieher von Waren in Singapore oder
Kapstadt die gleichen Folgen schuf wie für die Exporteure Londons
oder Neuyorks, Nachteile und „Vorteile“ der Absperrung über die
ganze Welt verbreitet. Das Steigen der Frachtraten um zeitweilig
2000%, der ungeheuere Frachtraummangel, insbesondere wieder für
Schiffahrtsgebiete, die dem kontrollierenden Einfluß der Seekrieg
führenden Mächte unterlagen oder bisher von der Handelsflotte
Englands abhängig gewesen waren, schuf eine Verknappung an
bisher eingeführten Waren, die, von den Konsumenten und Ver-
brauchern über See peinlich empfunden, den Anreiz zur eigenen Er-
zeugung enorm steigerte und vor allem durch das Medium der Preis-
bildung die Rentabilität solcher Erzeugungen auf eine Höhe hob,
die kein Zollschutz jemals hätte gewährleisten können. Kein Um-
stand hätte den schon vorhandenen Bestrebungen der Überseelän-
ler, eigene Industrien auszubilden oder die in der Entwicklung be-
findlichen in ihrem Wachstum zu beschleunigen, stärker fördern
können als diese durch den Frachtraummangel herbeigeführte
„Weltwirtschaftssperre“.

Dazu kam, daß an eine Reihe auch dieser Länder die spezielle
Frage herantrat, den unmittelbaren Kriegsbedarf durch Erweiterung
der eigenen Erzeugung zu befriedigen, wobei natürlich in erster
Linie an die Vereinigten Staaten, aber auch an die industrielle Er-
zeugung Kanadas oder Indiens, zu denken ist. Pessimistische Be-
trachtungen über die Zukunft der erweiterten Produktionsgehäuse
spielten in einer Zeit, da es ausschließlich darauf ankam, den „Krieg
zu gewinnen“, keine Rolle, Auch die Kosten der Neuerzeugung blie-
ben unbeachtet, „Der Vorrat ist alles, der Preis nichts“, — das war
die Parole, mit welcher zunächst noch so kostspielig scheinende
Produktionen in Angriff genommen wurden.

Nach Beendigung des Krieges blieben zahlreiche Erzeugungen,
vor allem auch zahlreiche „Ersatz‘“-Verfahren, welche zunächst als
Aushilfemittel in der Not angesehen worden waren, bestehen, an-
dere versuchte man durch Schutzzölle zu erhalten, wobei in den
europäischen Ländern zumeist der Gedanke geltend gemacht wurde,
daß die Rücksicht auf wiederkommende Abschnürung im Kriege

16
        <pb n="54" />
        Erhaltungsmaßnahmen nach dem Kriege

die Erhaltung der Selbstversorgung bedinge. Erinnert sei nur an
die Zollpolitik Englands nach dem Kriege (Mac Kenna-Zölle), das
den Schutz auf die sogenannten „pivotal“ industries oder key-indu-
stries als Gebot der Kriegsvorsorge ansah und insbesondere der
neuentstandenen Farbenindustrie seine staatliche Fürsorge zuwandte,
Aber auch die Entstehung einer eigenen Margarineindustrie, die Er-
weiterung der elektrischen und optischen Industrie in England sind
spezifische Folgen des Krieges und seiner Tendenzen zur Unab-
hängigmachung vom Auslande, Andererseits blickt England heute
besorgt auf die während und zum Teil auf Grund der Kriegsver-
hältnisse gesteigerte Unabhängigkeit vieler Länder oder besonderer
Wirtschaftsgebiete derselben vom Bezuge ausländischer, speziell
englischer Kohle durch die starke Ausdehnung der Groß-Kraftwerke
einerseits und die Steigerung des Braunkohlen-Bergbaus anderer-
seits.®) In Deutschland z. B. ist die Erzeugung von Braunkohle von
87 Millionen Tonnen im Jahre 1913 auf 124,4 Millionen (trotz der
Gebietsverringerung) gestiegen.®) In Frankreich wiederum hat so-
wohl die schon während des Krieges in den nicht zerstörten Ge-
bieten begonnene, dann in dem Wiederaufbau fortgeführte Neu-
errichtung (nunmehr völlig modern ausgestatteter) Fabriken die
Unabhängigkeit von der Einfuhr wesentlich gesteigert.®1)

Das englische Departement of Overseas Trade berichtete im
Jahre 1924, daß Frankreich während des Krieges zwar fast aller
seiner Wollwarenfabriken beraubt gewesen sei, dagegen an den
Orten Vienne, Lyon, Castres, Mazamet usw. neue Fabriken errichtet
und nach dem Kriege erweitert‘, gleichzeitig die Fabriken in den
59) Vgl. Overseas Markets S. 10: „Das Anwachsen der Braunkohlen-
erzeugung in Deutschland sowie die Entwicklung der Wasserkraftaus-
nützung, von der verschiedentlich in unseren Berichten die Rede ist,
haben beide dazu beigetragen, die bisherige Kohleneinfuhr in gewissen
Märkten zu verringern.“

60) Nach Angaben des Deutschen Braunkohlen - Industrievereins
(Halle).

61) Vgl. Overseas Markets S. 58: „Das Resultat der Verpflanzung
von Industrien auf Grund der deutschen Besetzung kann in ganz Frank-
reich konstatiert werden. In Paris und seinen Vorstädten, im Bezirk
von Lyon, in der Nähe von Marseilles usw., in vielen kleinen Zentren
sind bedeutende neue Fabriken entstanden, in vielen Fällen mit einer
Ausstattung, die vor dem Kriege in Frankreich bei ähnlichen Werken
unbekannt gewesen ist‘
        <pb n="55" />
        Vermehrung selbständiger Zollgebiete
alten Zentren wieder aufgebaut habe. Die Folge sei, daß heute die
französische Wollindustrie eine größere Zahl von überaus leistungs-
fähigen, mit aller modernen Technik ausgerüsteten. Fabriken besitze
und daher im Jahre 1924 weit „größere Möglichkeiten der Erzeu-
gung aufweise als 1914“.%?)

Zu diesen Momenten wachsender Selbstversorgung kommt end-
lich noch die Tatsache, daß die „Friedens“-Verträge zur Bildung
einer Reihe neuer und autonomer Staaten führten, die schon aus
rein gefühlsmäßig-nationalistischen Gründen alles versuchen, um
möglichst viele Waren innerhalb der eigenen Grenzen zu erzeugen.
Mit Recht schrieb der Engländer J.C. Hamilton im Daily Chronicle ®):
„Diese jungen Staaten haben keine andere Tradition als die der
Selbstanerkennung und keine Erfahrung in der Unabhängigkeit ihres
Lebens. Ihr erster Instinkt richtet sich darauf, ihre Grenzen in chine-
sische Mauern zu verwandeln.“ Im Zusammenhang mit der politisch-
territorialen Umstellung Europas durch die „Friedens“-Verträge ist
die Zahl der unabhängigen Zollverwaltungen in Zentral- und Ost-
europa annähernd verdoppelt worden.) Schon diese Tatsache allein
ist bezeichnend für die stärkere gegenseitige Absperrung von Wirt-
schaftsgebieten und deren Bestreben, die handelspolitische Selb-
ständigkeit nun auch durch eine möglichst große Selbständigkeit
auf wirtschaftlichem Gebiete zu ergänzen.

Es ist selbstverständlich im nationalen Einzelfalle überaus schwer
zu entscheiden, inwieweit die Selbstversorgung während des Krieges
und nachher in erster Linie durch die unmittelbaren Erfordernisse
des Krieges und die durch ihn bewirkte Desorganisation der Welt-
wirtschaft, inwieweit sie durch die Maßnahmen zielbewußter han-
delspolitischer Absperrung gesteigert worden ist. Wir müssen uns
damit zufrieden geben, zunächst die wichtigsten Entwicklungen die-
ser Selbstversorgung in einzelnen Ländern wiederzugeben, ohne den
besonderen Einfluß der soeben aufgezählten Faktoren im einzelnen
hachzuprüfen.

48

62) Vgl. Department of Overseas Trade. „Economic Conditions in
France“, 1924. Desgl. Economist vom 29. August 1925. S. 334.

63) Vgl. Levy, Grundlagen der Weltwirtschaft. S, 149.

64) Vgl. Overseas Markets. S. 16.
        <pb n="56" />
        Geschichtliche Vergleiche

49

2. DIE ENTWICKLUNG DER GESTEIGERTEN ÜBERSEEISCHEN EIGEN-
ERZEUGUNG IN EINZELNEN LÄNDERN
a) DIE VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA

Kein Land hat in seiner industriellen und kommerziellen Expan-
sivkraft stärker vom Weltkrieg profitiert als die Vereinigten Staa-
ten von Amerika, Es darf hier daran erinnert werden, daß es nicht
das erstemal in der modernen Wirtschaftsgeschichte ist, daß die
Vereinigten Staaten von dem Vorhandensein europäischer Wirren
die Wirkung einer Stimulierung ihrer eigenen Industrien verspürt
haben. Im Jahre 1809 wurde der Non-Intercourse-Act erlassen, der
in Verbindung mit späteren Bestimmungen in der Napoleonischen
Zeit den Handel mit England einschnürte. Außerdem wurden die
Zölle auf englische Waren verdoppelt. Diese Maßnahme war je-
doch belanglos, da tatsächlich so gut wie jede Einfuhr aus England
fernblieb. Diese Umstände gaben, wie Taußig schreibt, denjenigen
Zweigen der Industrie, deren Erzeugnisse bisher eingeführt worden
waren, einen enormen Anreiz. Unternehmungen zur Herstellung von
Baumwollwaren, Wolltuchen, Glas, Porzellan und anderen Gütern
schossen wie Pilze aus der Erde.)

Der Weltkrieg bietet zum zweiten Male in der Wirtschaftsge-
schichte der Union das Beispiel eines geradezu unerhörten Aufstieges
auf Grund der wirtschaftlichen, jetzt allgemeinen Kriegsverhältnisse
und durch die Frachtraumnot herbeigeführten Lostrennung von der
europäischen Wirtschaft. Zu Ende des Weltkrieges wird dann diese
Entwicklung noch dadurch verstärkt, daß der von den ersten Tagen
des Krieges an als Kriegslieferant profitierende Staat selbst in den
Krieg eintritt und damit seiner Industrie neue und alles bisherige
Maß überschreitende Aufträge erteilt.

Der englische Bericht, der sich mit den „Übersee-Märkten“ be-
schäftigt, versucht den Nachweis der industriellen Expansion der
Vereinigten Staaten aus einer Tabelle, welche nach den Angaben
des Zensus-Bureaus die Zahl der beschäftigten Industriearbeiter
einerseits und die Werte der hergestellten Waren andererseits wie-
dergibt. Es ergibt sich daraus, daß dieZahl der industriell beschäf-
65) Vgl. Taussig a. a. 0. S. 16—17.,
Levv., Weltmarkt
        <pb n="57" />
        50

tigten Arbeiter im Jahre 1904 5,4 Millionen, im Jahre 1919 9 Mil-
lionen betrug 56), gewiß eine überaus stattliche Steigerung, Allein,
der Bericht hat übersehen, daß diese Ziffer unmittelbar nach den
Aufschwungsjahren der ersten Nachkriegszeit eine wesentliche Ein-
schränkung erfuhr, nämlich im Jahre 1921 auf 6,9 Millionen und
damit sogar unter das Jahr 1914 zurückging, in welchem. die Zahl
der Industriearbeiter mit 7 Millionen angegeben worden war, Ebenso
betrug der Wert der hergestellten Industrieerzeugnisse (14 Industrie-
gruppen, exklusive Handwerk und Heimarbeit) 67):

Steigerung der amerikanischen Erzeugung

1000 Dollars
1904 14 802 147
1914 24 246 435
1919 62 418 283
1921 43 653 283
Selbst wenn man bei diesen Ziffern die Preisunterschiede der
Jahre berücksichtigt, wird man also zwar eine außerordentlich große
Steigerung der Werterzeugung zwischen 1914 und 1919 beobachten,
die in diesem fünfjährigen Zeitraum über dreimal so groß ist wie
in dem zehnjährigen von 1904—1914, aber auch hier wird der Rück-
Schlag ersichtlich, selbst wenn man wiederum die Senkung der
Preise nach der ersten Hochkonjunkturperiode der Nachkriegszeit
berücksichtigt. Erst neuere, bisher leider nicht erhältliche Ziffern
können also darüber belehren, wieviel von dem gesteigerten Erzeu-
gungsapparat unter Zugrundelegung normaler Konjunkturen wirt-
schaftlich tätig bleiben konnte.

Diese statistische Feststellung aber hindert nicht, aus vielen an-
deren Symptomen die Steigerung der amerikanischen Industrietätig-
keit zu erkennen, Hierzu gehört vor allem die Tatsache der bedeu-
tenden Steigerung der amerikanischen: Kohlenerzeugung gegenüber
dem gleichzeitigen Rückgang oder geringen Fortschritt der Erzeu-
gung in den anderen wichtigsten Kohlengebieten der Welt, sicher-
lich ein Beweis für die industrielle und verkehrsmäßige Expansion
in den Vereinigten Staaten und den Rückgang des Verbrauches von
Industrie und Verkehr in Europa. Die Vereinigten Staaten erzeugten
im Jahre 1913 517 Millionen Tonnen Kohle, im Jahre 1923 dagegen
66) Vgl. Overseas Markets. S. 457.
67) Vgl. Statesman Yearbook. S. 469.
        <pb n="58" />
        Die amerikanische Eisenindustrie 51
581300 Millionen. Demgegenüber betrug die Kohlenerzeugung in
England im Jahre 1923 280 Millionen gegen 292 im Jahre 1913, in
Deutschland hätte sie inklusive Saargebiet, Oberschlesien und Elsaß-
Lothringen nur ca. 101 Millionen Metertonnen gegen ca. 239 Mil-
lionen im Jahre 1913 betragen; in ganz Europa betrug sie: nur
548 967 000 Metertonnen gegenüber 609749000 Metertonnen im Jahre
1913.%) Ebenso bezeichnend für die Lage der Vereinigten Staaten
sind folgende, freilich ebenfalls stark schwankende Ziffern ®?):

Erzeurung von
Roheisen Rohstahl (Ingots)
(1000 Tonnen) | (1000 Tonnen)
1913 | 1923 ! 1924 * 1913 ! 1923 | 1094
Vereinigte Staaten. .
Großbritannien ...
Frankreich .....
Belgien. ......
Deutschland. ...,
Welterzeugung ..

30.008
10260
5126
2428
1906
77182

410026
7440
5346
Ir

547)

31000
7400
7500
2800
8200

5440

31301
7644
4641
2428

18631

75019

44944 |
8482
5029
2250
5900

75096

37800
8250
6850
2850
8500

73575
Man erkennt, wie außerordentlich schwankend das Bild der ame-
rikanischen Erzeugung je nach der konjunkturalen Lage — z, B.
1923 gegenüber 1924 — zu sein pflegt. Aber diese Wahrnehmung
betrifft lediglich die tatsächliche Ausnützung, nicht das Vorhanden-
sein des vergrößerten Industriegehäuses. Daß Amerika im Jahre
1923 bei entsprechender Nachfrage seine Stahlerzeugung um nicht
weniger als 13-—14 Millionen Tonnen über das Niveau von 1913
steigern konnte, daß also allein diese Steigerung etwa ebensoviel
betrug wie in jenem Jahre die Erzeugung von Deutschland, Frank-
reich und Belgien zusammengenommen, beweist zur Genüge den
Expansionsgrad der amerikanischen Erzeugung seit. dem Kriege.

Ebenso zeigen die Ziffern des Verbrauchs von Baumwolle eine
beträchtliche Erhöhung, welche auf das Anwachsen der amerika-
nischen Baumwollindustrie hinweist. Der Verbrauch von Baumwolle
wird für das Jahr 1910 mit 4759000 Ballen, dagegen für 1923 mit
7350000 und 1924 mit 6225000 Ballen angegeben. Die Zahl der
Spindeln hat sich seit 1914 für Baumwolle von 31 703863 auf
68) Vgl. Statesmans Yearbook 1925. S, XIX.
69) Vgl. Statesmans Yearbook 1925, S. XIX.
        <pb n="59" />
        52 Textilindustrie und Fabrikatausfuhr
34609471, für Seide von 2159271 auf 2669459, für Wolle von
2079626 auf 2345286, für Kammgarn von 2227739 auf 2287612
arhöht.

Auch die Erhöhung der Fabrikatausfuhr der Vereinigten Staaten,
wie sie früher schon gegeben wurde und bei den Fabrikaten 48,2%
im Jahre 1923 gegenüber 1913 ausmachte, darf ebenfalls als Zeichen
erhöhter Produktionskraft angesehen werden. Es ist zwar zu be-
denken, daß allein in der Höhe der Ausfuhr Nicht der Beweis er-
weiterter heimischer Erzeugung zu liegen, braucht, weil die Steige-
rung der Ausfuhr ja mit einem Rückgang des heimischen Verbrau-
ches verbunden sein kann (was im Frieden oft der Fall war), also
diesen eventuell nur ausgleicht. Allein, dieser Fall ist für die Ver-
einigten Staaten des letzten Jahrzehntes nicht anzunehmen. Im
Gegenteil, schon allein die gewaltige Zunahme der Gesamtbevöl-
kerung von 91972000 im Jahre 1910 auf 105710000 Millionen im
Jahre 1920 und um weitere 7 Millionen Menschen — das ist eine
größere Ziffer als die Gesamtbevölkerung Australiens — vom
l. Januar 1920 bis 1. Januar 1924 1äßt darauf schließen, daß die ab-
solute Zunahme des heimischen Bedaris an Industriewaren außer-
ordentlich groß gewesen ist, und da die Einfuhr in Rücksicht auf
die erhöhten Preise keine besonders auffallende Steigerung zeigt
(1913: 1,813; 1923: 3,792 Millionen Dollars), so ergibt sich, daß das
Produktionsgehäuse im Lande selbst überaus stark erweitert WOr-
den sein muß, wenn es außer der wachsenden Versorgung ‘des
Binnenmarktes noch eine so erhebliche Steigerung der Ausfuhr
zuließ.
b) CANADA

Bezeichnete man bisher die Vereinigten Staaten als das „Land
der unbegrenzten Möglichkeiten“, „Das Land der Zukunft“, so ge-
sellt sich ihnen heute Kanada als nicht minder berechtigt zu sol-
chen Prädikaten an die Seite.

Man benötigt nur einige, das allgemeine Emporsteigen Kanadas
Charakterisierende Ziffern, um dies zu erkennen. Kanadas Ausfuhr
ist von 198 Millionen Dollar (kanadischer Währung) im Jahre 1904
auf 431,5 Millionen im Jahre 1914 gestiegen, dann bis 1924 auf
weitere 1045 Millionen Dollar, eine Steigerung, die also selbst unter
Berücksichtigung der Preissteigerungen enorm ist. Im Jahre. 1915
        <pb n="60" />
        53
betrug der Anbau von Feldfrüchten (vornehmlich Weizen und Hafer)
ca. 37 Millionen acres, im Jahre 1923 ca. 56 Millionen acres, Die
Weizenernte betrug noch im Jahre 1916 ca. 160 Millionen Bushels,
im Jahre 1924 nach den letzten Schätzungen 271 Millionen Bushels.,
Ähnliche Steigerungen weisen Viehzucht, Molkereiwesen und andere
Zweige landwirtschaftlicher Art auf. Die unermeßliche Bedeutung
der kanadischen Wälder wird dadurch charakterisiert, daß im Jahre
1903 die Ausfuhr von Holz, Holzerzeugnissen und Papier 42 Mil-
lionen, im Jahre 1914 63 Millionen Dollar ausmachte, im Jahre 1923
dagegen nicht weniger als 229 Millionen Dollar! Dazu kommt
Kanadas Bedeutung als Mineralerzeuger in der Welt — es hat eine
monopolistische Stellung in der Nickelerzeugung, ist bedeutend als
Lieferant von Kupfer, Blei und Zink, hat bedeutende, noch zu er-
schließende Eisenerzlager, es steht weltwirtschaftlich als Lieferant
von Fellen, ganz besonders nach der Zerrüttung Rußlands, an der
Spitze und besitzt eine ausgedehnte, sehr ertragreiche Fischerei, die
nach England und den Vereinigten Staaten die bedeutendste der
Welt ist.

Das Streben eines solchen Landes, seine ausgiebigen natürlichen
Reichtümer in Form einer Fertigverarbeitung zu verwerten, ist be-
greiflich. Dazu kommt, daß das Beispiel des „großen Bruders“ an
der westlichen Grenze anstachelnd auf den nationalen Ehrgeiz der
Kanadier wirkt und daß die durchaus nicht kanada-freundliche
Wirtschaftspolitik der Amerikaner, die gerade in letzter Zeit viel-
fach zu handelspolitischen Mißstimmigkeiten und Plänkeleien führte
(z. B. das Bestreben der Amerikaner, mehr Holz, weniger verarbei-
tetes Holz, mehr Zellulose, aber weniger Papier aus Kanada ein-
zuführen oder die Belastung der kanadischen Weizen- und Weizen-
mehlausfuhr, die in gewisse Grenzgebiete der Union geht, mit Zöl-
len), ebenfalls zur Hebung des Selbstversorgungsbestrebens auch
in Fabrikaten beitrug.

Unverkennbar läßt sich eine stärkere Industrialisierung Kanadas
bemerken. Zitieren wir den Bericht der „Überseeischen Märkte“:
„Die Unmöglichkeit, sich während des Krieges mit europäischen
Waren wie bisher zu versorgen, hat zu einer rapiden Entwicklung
der Industrien Kanadas und seines Exporthandels geführt. Die Ge-
samtzahl der industriellen Unternehmungen betrug im Jahre 1920

Fortschritte Kanadas
        <pb n="61" />
        54

42406 gegenüber 14600 im Jahre 1900. Das investierte Kapital ist
von 447 Millionen auf 3439 Millionen Dollar gestiegen. Der Wert
der Erzeugnisse von 481 Millionen auf 4019 Millionen (Preise!).“
Auch der Anteil der Fabrikate an der Ausfuhr hat sich gehoben.
Im Jahre 1913/14 betrug der Anteil von Fabrikaten an der Wert-
ausfuhr im ganzen 27%, im Jahre 1923 hingegen 39%, Bedenkt man,
daß Kanada heute in der Lage ist, Roheisen nach den Vereinigten
Staaten, Stacheldraht nach Japan, landwirtschaftliche Maschinen
nach Belgien und Frankreich, Nähmaschinen nach Argentinien und
Brasilien zu exportieren, daß sich aber auch Erzeugungen, wie z. B.
Seife, so stark exportmäßig entwickeln konnten, daß im Jahre 1924
ca. 4 Millionen englische Pfund exportiert werden konnten, wäh-
rend im Jahre 1922 erst 800000 exportiert wurden, so wird man
ohne weiteres erkennen, wie stark heute auch der kanadische Innen-
markt schon von der Versorgung mit heimischen Erzeugnissen er-
faßt wird. Unbedingt wesentlich für die Beurteilung der Indu-
strialisierung Kanadas ist auch die Entwicklung der- Ausnutzung
seiner Wasserkräfte, Bisher sind nur 7% der ausnutzbaren Wasser-
kräfte durch Turbinenanlagen verwertet worden. Immerhin verfügt
Kanada heute über 2973000 ausgenutzter P.S., das Netz der Kraft-
übertragung zieht in einer Länge von 21000 Meilen von Neu-Schott-
land bis zum Yukon. Auf je 1000 der Bevölkerung kommen heute
schon 338 P.S. hydraulischer Kraft, gegenüber nur 100 P.S. in den
Vereinigten Staaten. Dieses Ziffernergebnis läßt Kanada nach Nor-
wegen als das Land der stärksten Wasserkraft-Ausnutzung pro Kopf
der Bevölkerung erscheinen.

Als wichtiges Triebmittel der kanadischen Selbstversorgung mit
gewissen Fabrikwaren kommt die Affinität des Geschmacks mit
den Vereinigten Staaten in Betracht. Es ist bezeichnend, daß der
Bericht über die Überseemärkte besonders hervorhebt, nicht „Ozeane“
— wie es bei England und Kanada der Fall sei —, sondern nur
„Grenzen“ trennten beide Länder. Die Gleichartigkeit des Ge-
schmackes und des Lebensstils, verbunden mit derselben Zugäng-
lichkeit für amerikanische Reklamemethoden, haben die Amerikaner
veranlaßt, Zweigniederlassungen in Kanada zu gründen, die natür-
lich die dortige Selbstversorgung steigern. Man schätzt dieselben
auf 700—1000.

Stärkere Industrialisierung
        <pb n="62" />
        Die indische Textilindustrie

SE
c) INDIEN
Ganz anders ist das Bild der gesteigerten und für die euro-
päischen Exportmärkte überaus bedeutsamen Selbstversorgung
Indiens.

Hier konzentriert sich das Interesse auf die Textilindustrie. Die
Heranbildung einer eigenen Baumwollfabrikation ist ein Ideal In-
diens seit langem gewesen und niemand wurde in Indien als ge-
fährlicherer Konkurrent angesehen als das Mutterland. Die politi-
schen Mißstimmungen verstärkten das Bestreben, Lancashire durch
indische Erzeugnisse zu ersetzen. Diese Bestrebungen kamen — wir
sehen hier von der in einem anderen Abschnitt zu besprechenden
Zollpolitik ab — vor allem in der Schaffung von staatlichen Organen
zum Ausdruck, welche die Verselbständigung des wirtschaftlichen
Indiens fördern sollen. Man findet eine Indian Industrial Commis-
sion, die zu Ende des Krieges einen Imperial Industries Board schafft,
In jeder einzelnen Provinz wurden daraufhin besondere Industrie-
ämter vorgesehen. Der Exekutivbevollmächtigte dieser Ämter hat
sich mit der Entwicklung der Industrie in seiner Provinz zu beschäf-
tigen, dieselbe anzuregen, ihr wichtige Nachrichten zu geben. Auch
eine beginnende sozialpolitische Gesetzgebung (Indian Factories
Amendment Act 1922) zeichnet diese neue Entwicklung aus.

Was nun die Resultate dieser Förderungspolitik angeht, so
kommt natürlich in erster Linie eine Betrachtung der Textilindustrie
in Frage. Hier zeigt es sich, daß weder die Zunahme der Spindel-
zahl, noch die Herstellung von Baumwollgarnen als Ganzes eine
besonders markante Zunahme seit 1913 zeigt. Die Zahl der Spin-
deln betrug im Jahre 1913 6495012, sie stiegen dann im Jahre 1911
auf fast 7 Millionen, werden aber für das Jahr 1922 auch nicht höher
als 6,8 Millionen angegeben.?°) Selbst gemessen an der Welt-Spin-
delzahl von 1913, die 142 Millionen betrug, ist das keine ins Gewicht
fallende Ziffer. Bei der Erzeugung von Garnen ist zwischen der
Herstellung feinerer und gröberer Garne wesentlich zu unterschei-
den. Nach den Angaben des indischen Handelskommissars H. A,
Lindsay scheint ein Fortschritt der Erzeugung nur in der Herstel-

70) Vgl. Statesmans Yearbook 1917, S. 145 und 1925, S. 148.
        <pb n="63" />
        56 Garne und Webwmaren
lung gröberer Garnnummern zu konstatieren zu sein. Es betrug die
indische Erzeugung von Garnen in 1000 Pfunden”!):

1923—1924
1—20
21—30
31—40

über 40

478538
146363
18699
2655

403440
181747
19666
509409
Aber nicht die Eigenerzeugung von Garnen ist für die nach Indien
exportierenden Länder das Entscheidende, sondern diejenige von
Baumwollfabrikaten (Stückwaren). Betrug doch z.B. die Einfuhr
von Baumwollgarnen aus England in Indien im Jahre 1922 nur
4,5 Millionen Pf, Sterling, gegenüber einer Einfuhr von über 30 Mil-
lionen Pf. Sterling in Baumwollfabrikaten (piece goods). Hier nun
zeigt die indische Industrie einen erheblichen Fortschritt. Es betrug
nämlich die Erzeugung derselben in indischen Fabriken:

[A

Millionen Yards .

1913/14 1920/21 | * 1923/24
*1643 | 15808 | 17004
Es wird sich fragen, inwieweit Indien in der Lage ist, diesen
Fortschritt seiner Selbstversorgung aufrechtzuerhalten. Im Jahre 1924
und 1925 war die Geschäftslage der indischen Webereien keine gün-
stige, die Lagerbestände waren groß und die Klagen über japani-
schen Wettbewerb heftig.??) Daß andererseits die Steigerung der
heimischen Gewebeerzeugung Indiens nicht unwesentlich dazu bei-
trug, in den Zeiten der wirtschaftlichen Nachkriegsdepression die
Einfuhr zu mindern, zeigt die Tatsache, daß die Einfuhr von Stück-
waren seit 1913 in Millionen Yards folgende Ziffern zeigt:
1913/14 | 1923/24
Rohe Baumwollgewebe. .. .
Baumwollgewebe, gebleicht .
Baumwollgewebe, gefärbt

1534,2
793,3
831.8

704,0
| 415,4
347,5

71) Vgl. dessen Aufsatz im Manchester Guardian Commercial vom
4. Juni 1925.

72) Vgl. Manchester Guardian Commercial vom 13. August 1925, „The
industrial Difficulties of India.“
        <pb n="64" />
        Japanrıs wirtschaftlicher Aufstieg

57

d) JAPAN
„Japans Aufsteigen als Industriemacht kennt nicht ihresgleichen
in der modernen Geschichte“, erklärt der Balfour-Bericht einleitend
und verweist dabei besonders auf die Entwicklung der letzten zehn
Jahre.?®) Es handelt sich hierbei nicht um das Hervortreten dieser
oder jener Industrie, für welche Japan besonders vorteilhafte natür-
liche Vorbedingungen besitzt, als vielmehr darum, daß dieses Volk,
dessen Menschenzahl von 47,2 Millionen im Jahre 1904 auf fast
56 Millionen im Jahre 1920 anwachsen konnte, mit beispielslosem
Geschick verstand, die wirtschaftlichen, technischen und in den Ar-
beitsmethoden liegenden Errungenschaften der klassischen euro-
päischen Industrieländer zu studieren und anzuwenden und hier-
bei die Nähe der großen Absatzmärkte des fernen Ostens, besonders
während des Krieges, auszunutzen.

Folgende Tatsachen verdienen Beachtung: Die Baumwollspin-
nerei — eine Errungenschaft Japans aus nicht zu langer Zeit —
steht heute an der Spitze seiner Industrien. Die Zahl der täglich
in Betrieb befindlichen hat sich im Durchschnitt von 1,9 Millionen
im Jahre 1911 auf 4,2 Millionen im Jahre 1923 gesteigert. Auch
hier freilich hat seit 1922 eine starke Absatzkrisis eingesetzt, die
vor allem kleinere der neuen Unternehmungen traf, außerdem haben
die Erdbeben den Bestand der Spindeln um ca 10% verringert. Die
Steigerung der Webwarenfabrikation — sowohl derjenigen baum-
wollener, wie seidener, wollener und gemischter Gewebe — ist all-
gemein. Der Wert der Erzeugung betrug im Jahre 1911 337 Millionen
Yen, im Jahre 1921 1474 Millionen. Die Strumpfwarenindustrie
Japans ist während des Krieges zu stärkster Entfaltung gelangt,
wie sie merkwürdigerweise stets in Zusammenhang mit japanischen
Kriegen gestanden hat: denn sie entwickelt sich zuerst als Haus-
industrie im Jahre 1868 als Heeresfabrikation, wird dann von dem
Krieg zwischen Japan und China nach 1894 und vom Russisch-
japanischen Kriege von 1904—1905 begünstigt, während sich wäh-
rend des Weltkrieges Japans Ausfuhr auf diesem Gebiete verdop-
pelt. Nach der Textilindustrie ist Japans Elektrizitätsindustrie die
73) a. a. O. S. 416.
        <pb n="65" />
        58 Industrielle Fortschritte seit. 1913
wichtigste, deren Förderung infolge der schwachen ei;senen Ver-
sorgung mit Kohle oder Petroleum gebieterisch war. Die starke
Ausdehnung der Elektrizitätsversorgung hat einerseits durch die ver-
ringerte Notwendigkeit der Kohleneinfuhr bedeutend zur Selbstver-
sorgung Japans beigetragen, andererseits eine Fabrikation von elek-
trischen Apparaten, Lampen und Zubehör geschaffen, die in einer
Steigerung der Fabriken von 26 im Jahre 1914 auf 41 im Jahre 1918
zum Ausdruck kam. Der japanische Schiffbau, der während des
Krieges stark gesteigert wurde, hat auf Grund der allgemeinen De-
pression in der Werftindustrie heute wiederum Rückschritte auf-
zuweisen, Immerhin betrug die Zahl der großen Werften im Jahre
1921 noch 27 gegen 6 im Jahre 1913. Die Eisen- und Stahlindustrie
verzeichnet ebenfalls seit 1913 erhebliche Fortschritte und versorgt
trotz der Mineralienarmut Japans ca. 25% des heimischen Bedarfes,
Die Zahl der Fabriken auf diesem Gebiet stieg von 22 vor dem
Kriege auf 300 im Jahre 1919, von denen 176 Unternehmungen eine
jährliche Erzeugungsfähigkeit von über 50 Tonnen hatten, die Roh-
eisenerzeugung konnte sich von 302000 Tonnen im Jahre 1914
auf 611000 Tonnen im Jahre 1923, die Stahlerzeugung von
283000 auf 820000 Tonnen heben. Eine völlig neue Industrie, die
ihre Entstehung der Zollpolitik verdankt, ist die japanische Kaut-
schukwarenfabrikation. Das Verschwinden deutscher Erzeugnisse
von den japanischen Märkten während des Krieges bildete einen
starken Anstoß für die heimische Erzeugung. Heute. stellt Japan
Kautschukreifen, Gummispielwaren, Schläuche usw. her, die über
die ganze Welt gehen, und es ist bezeichnend für die Lebensfähig-
keit dieser Industrie, daß die bekannte Firma Dunlop eine Zweig-
fabrik in Japan errichtet hat. Die Seifenindustrie ist ein weiteres
Gebiet, auf welchem die Möglichkeit weitgehender Selbstversorgung
fremdes Kapital anzog. Lever Brothers haben eine Seifenfabrik in
Japan errichtet. Der Wert der hergestellten Seife in Japan betrug
1908 erst 3 Millionen Yen, im Jahre 1918 20,9 Millionen. Endlich
sei noch die Zuckerfabrikation erwähnt. Der Rohzucker wird von
Formosa und Niederländisch-Indien eingeführt. Vor zwanzig Jah-
ren mußte Japan aus Hongkong raffinierten Zucker einführen, wäh-
rend es heute einen Teil seines Bedarfes (von einem heimischen Ver-
brauch von 672 Millionen kins — 1 kin gleich 1,32 englische Pfund
        <pb n="66" />
        Australiens Industrialisierung 59
— 905 Millionen im Jahre 1920) selbständig deckt und einen Teil
seiner Erzeugung nach China ausführt.

e) VERSCHIEDENE LÄNDER

Es bleiben noch neben den, uns für die Fortschritte der größeren
Selbstversorgung am wichtigsten scheinenden Überseestaaten —
den Vereinigten Staaten, Kanada, Britisch-Indien, Japan — verschie-
dene andere Länder, die während des letzten Jahrzehntes ihre wirt-
schaftliche Autonomie erheblich steigern konnten und damit zur
Verengung des Weltmarkts unter den jetzt obwaltenden Umständen
beitrugen.

Vor allem muß noch der übrigen englischen Kolonien gedacht
werden. Australien ist durch seine Hochschutzzollpolitik gerade-
zu in den Vordergrund derjenigen Länder gerückt, die zu-
mindest das Bestreben wirtschaftlicher Autonomie beseelt, wenn
auch die Erfolge hier zunächst für die Weltwirtschaft nicht so stark
ins Gewicht fallen können, da Australien mit überaus hohen Pro-
duktionskosten infolge seiner hohen Löhne und sozialen Lasten be-
haftet ist und da mit dem Handelsprotektionismus gleichzeitig die
Absperrung der Menscheneinfuhr zugunsten der Gewerkvereine
durchgeführt werden mußte. Die geringe Bevölkerungsziffer des
dünnbesiedelten Landes stellt Australien hier bezüglich der Errich-
tung von Fabriken weit ungünstigere Bedingungen als etwa Indien
oder Japan, die auf eine breite heimische Bevölkerungsmasse rech-
nen und deshalb bessere Chancen für die großbetriebliche Entwick-
lung der Industrie haben als Australien. In der Herstellung land-
wirtschaftlicher Maschinen, wo die Voraussetzungen der Massen-
produktion infolge der landwirtschaftlichen Entwicklung des Lan-
des gegeben sind, zeigt sich diese Tatsache als „Ausnahme von
der Regel“, die aber deren Richtigkeit nur bestätigt. Hier sind Fa-
briken entstanden, die denen selbst der Vereinigten Staaten auf
diesem Gebiete nicht nachstehen. Aber auch die Eisenindustrie —
in erster Linie repräsentiert durch die Broken Hill Proprietary Com«
pany, die im Jahre 1915 Werke in New South Wales errichtete —
ist fortgeschritten. „Die Herstellung von Eisen und Stahl hatte eine
beachtliche Wirkung auf die Einfuhr und die Abnahme derselben
ist schon seit einigen Jahren merkbar geworden“, schreibt der Bal-
        <pb n="67" />
        60
four-Bericht. Wenn die Pflanzung von Baumwolle in dem bisherigen
Tempo fortschreitet — 1919 Baumwollernte erst 27470 Ibs., dagegen
1924 schätzungsweise 14 Millionen lbs.! —, so wird, selbst wenn
man die schlechtere Qualität dieser Erzeugung berücksichtigt, die
Textilindustrie Australiens bald den „Anspruch erheben“, die natür-
lichen Erzeugnisse des Bodens, die hier mühselig von der British-
Australian-Cotton Association entwickelt werden, „selbst zu ver-
arbeiten“.

Für Südafrika hat ein Bericht, der einen von amtlicher Seite
im Jahre 1923 eingesetzten Ausschuß (to consider the question of an
economic policy for the Union) zum Urheber hat, erklärt: „Es ist
klar, daß die augenblicklichen Verhältnisse Südafrikas — mit einem
begrenzten Binnenmarkt und hohen Erzeugungskosten — die erfolg-
reiche Einbürgerung vieler Industrien ausschließt.“ Aber um so leb-
hafter empfiehlt der Ausschuß jede nur irgendwie mögliche Ein-
bürgerung von Gewerben, ganz besonders solcher, welche heimisch
erzeugte Materialien (Wolle, Häute usw.) verarbeiten könnten. In
diesem Sinne hat auch der Iron and Steel Industry Encouragement
Act vom Jahre 1922 Erzeugerprämien für Eisen und Stahl festge-
setzt, soweit es mit heimischer Kohle und aus heimischen Erzen
erzeugt wird. Diese Prämie beträgt z. B. für das Jahr 1924/25 pro
Tonne Roheisen oder Rohstahl 15 sh. Ebenso soll die Schaffung
des Board of Trade and Industries Act vom Jahre 1923 staatliche
Hilfe für junge Industrien bringen. Der Wert der Fabrikwaren
eigener Erzeugung betrug im Jahre 1911 erst 17 Millionen Pfund
Sterling. Er stieg auf 98 Millionen im Jahre 1920/21, um dann im
Jahre 1921/22 auf 79,5 Millionen zu sinken. Selbst unter Berück-
sichtigung der veränderten Preisverhältnisse deuten diese Ziffern
auf eine erhebliche Steigerung der heimischen Erzeugung.

Noch einige Feststellungen über die Entwicklung der südameri-
kanischen Industrie. Für Argentinien fehlen leider seit 1914 Zahlen-
angaben, also auch Vergleichsmöglichkeiten. Allein, der Balfour-
Bericht bemerkt auf Grund seiner Erhebungen und Sachverständigen-
gutachten: „Es kann gesagt werden, daß die Erzeugung aller Waren,
für welche Fabriken bestehen, zwei- bis dreimal so hoch ist wie
damals (1914), daß außerdem die Auswahl und die Qualität erheb-
liche Fortschritte aufweist und daß die Einwirkung des nach dem

Südafrika
        <pb n="68" />
        Die südamerikanischen Länder

Kriege erneut einsetzenden fremden Wettbewerbs weniger stark ge-
wesen ist, als man befürchtete.“ Auch über Brasilien fehlt es nicht
an ähnlichen Angaben. Von der schutzzöllnerischen Politik abge-
sehen, wird jede neu aufkommende Industrie mit weitgehender
staatlicher Hilfe bedacht, insbesondere mit Steuererleichterungen.
In den Staaten, welche Eisenerze fördern, wird die Gewährung von
Ausfuhrkonzessionen gewöhnlich an die Bedingung geknüpft, daß
gleichzeitig mit der Ausfuhr die Errichtung von Verhüttungsanlagen
im Lande selbst gewährleistet werde. Der Balfour-Bericht glaubt
feststellen zu können, daß überall dort, wo fremder Wettbewerb
in Brasilien auf das Vorhandensein heimischer Industrien stößt, die
Versorgung durch die Einfuhr 11% nicht übersteigt. Interessant ist
die Abnahme verschiedener Einfuhrwaren in Chile. So wurden im
Jahre 1913 ca. 52000 kg Zigaretten eingeführt, im Jahre 1922 nur
mehr 2178 kg. Die Einfuhr von Flaschenbier ging von 165000 auf
etwas über 2000 zurück, die Herstellung von Stiefeln und Schuhen
steigerte sich derart, daß die Einfuhr von 797000 Pesos im Jahre
1913 auf 43000 Pesos im Jahre 1922 zurückging. Die Herstellung
von Streichhölzern fällt heute vollkommen der heimischen Erzeu-
gung zu, ebenso erzeugt Chile jede Art von Glaswaren und führt
sogar an Nachbarländer aus, während es früher bedeutendes Im-
portland war, die Einfuhr von Drahtstiften, früher geteilt zwischen
Deutschland und den Vereinigten Staaten, Belgien und England,
wird jetzt ebenfalls völlig durch die Eigenerzeugung beseitigt, die
Einfuhr von Zement ist von 147000 Metertonnen im Jahre 1913 auf
34000 Metertonnen im Jahre 1922 zurückgegangen.

61

Wir sind damit am Ende der Aufzählung von Tatsachen, welche
die wichtigsten Entwicklungen nach einer Richtung stärkerer indu-
strieller Selbstversorgung in den überseeischen Ländern illustrieren
können. So sehr diese Entwicklung sicherlich durch natürlich vor-
handene Umstände immer bedingt bleibt — Besitz der Rohstoff-
erzeugungen oder Möglichkeit der Entfaltung derselben, Größe des
heimischen Absatzmarktes gegeben durch Bevölkerungsdichte usw.
—, so sehr ferner der Weltkrieg als ein besonderes Ereignis aufzu-
fassen ist, das einen unerwarteten und sprunghaften Stimulus der
        <pb n="69" />
        52

wirtschaftsautonomen Entwicklung brachte, so sehr also der heutige
Zustand stärkerer Selbstversorgung auf Tatsachen mitzurückge-
Führt werden muß, die mit einer staatlichen Einmischung, einem
weitgehenden „Protektionismus“ nichts zu tun haben, so bedeutsam
dleibt gerade die Frage, inwieweit die einzelnen Länder geneigt
sind, das Fehlen solcher, die industrielle Entwicklung auf natür-
licher Grundlage weitertreibenden Momente und die Rückschläge,
welche den besonderen Verhältnissen des Weltkrieges folgen muß-
ten, durch protektionistische Maßnahmen auszugleichen und den
‚Mängeln“ der Entwicklung und Fortentwicklung durch staatliche
Fürsorge „nachzuhelfen“.

Einfuhrverbote

3. DER NEUE PROTEKTIONISMUS

a) ALLGEMEINES ÜBER SEINE STEIGERUNG NACH DEM KRIEGE

Mit Absicht ist der Ausdruck „Protektionismus“ zu wählen und
nicht in diesem Zusammenhang einfach nur von „Schutzzöllen“ zu
sprechen, denn nicht um diese handelt es sich allein.

Die außerordentliche Anfeuerung, welche nach dem Kriege der
„Schutz“ der heimischen Industrie erfuhr, weil man einmal Er-
reichtes nicht wieder preisgeben, nationalistischen Aspirationen auch
auf wirtschaftlichem Gebiet genügen und schweren inneren Krisen
entgehen wollte, hat den Rahmen der zur Verfügung stehenden
protektionistischen Mittel wesentlich erweitert. Lange Zeit hat die
Welt unter den positiven Einfuhrverboten gelitten, die seit den Zei-
ten des Merkantilismus nicht mehr angewandt worden waren. Diese
Einfuhrverbote wurden wohl von den Einfuhrlizenzen und Einfuhr-
kontingentierungen unterbrochen, allein es herrscht in der Handels-
welt mit Recht die Meinung vor, daß selbst hohe Zölle weniger
nachteilig für den Außenhandel von Land zu Land sind als ein
System regulierter und begrenzter Einfuhr überhaupt.

Zu den Ländern, welche nach dem Kriege in weitem Umfange
mit dem System der Einfuhrverbote operierten und zum Teil das-
selbe auch heute noch aufrechterhalten, gehören sowohl solche,
welche auf Grund ihrer zerrütteten Valuta gewisse nicht unbedingt
erforderlich scheinende Einfuhren verhindern wollten, wie umge-
kehrt auch solche, welche einer Überschwemmung‘ mit gewissen
        <pb n="70" />
        Sonderbegünstigungen N 63
Valuta-Dumping-Waren auf Grund ihrer starken Währung ent-
gegenwirkten. Zu den ersteren gehören Österreich, Bulgarien (das
noch im Januar 1924 eine Liste von 124 Waren aufstellte, die als
„nicht von erster Dringlichkeit“ unter die Einfuhrverbote fallen),
die Tschechoslowakei, die seit 1923 die Einfuhrverbote abbaute,
Deutschland, das bis zum Zustandekommen der neuen Handels-
verträge nur geringe Neigung zeigte, die Einfuhrbeschränkungen
zu lockern, Italien, Ungarn, Polen (in geringem Maße), Rumänien
und Sowjet-Rußland. Im Ganzen ist in letzter Zeit ein wesentlicher
Abbau der Einfuhrverbote zu konstatieren, deren Wirkung aber im-
merhin, da sie eine längere Reihe von Jahren bestanden, nicht un-
wesentlich zur Selbstversorgung der heimischen Wirtschaft beige-
tragen haben mag, wenn auch vielfach nur dadurch, daß hochwer-
tigere Auslandsware durch minderwertigere Inlandsware ersetzt
werden mußte. Ein Land mit starker Valuta, das die Einfuhr durch
Verbote beschränkt hat, ist die Schweiz, und zwar wurde hier ein
Dekret des Schweizer Bundesrats, das am 18. Februar 1921 erlassen
worden war, bis zum März 1926 verlängert.

Überaus bemerkenswert als Mittel des staatlichen Protektionis-
mus sind alle möglichen Begünstigungen der heimischen Industrie,
wie wir sie z. B. bereits im Falle Südafrikas als Erzeugungsprämie
für die Eisenindustrie, im Falle Brasiliens als das Verlangen der
Begründung heimischer Erzeugung im Falle größerer Eisenerz-
Ausfuhrkonzessionen kennenlernten. Ein „Musterbeispiel“ solchen
Protektionismus ist das Dekret der spanischen Regierung vom
30. April 1924, das ein weites Programm staatlicher Hilfe für die
spanische Industrie vorsieht. Unter diesem Gesetz sollen Industrien
auf staatliche Unterstützung Anspruch haben, welche a) neue In-
dustriezweige darstellen, b) bereits in gewissem Umfange bestehen,
deren Erzeugung aber in Quantität oder Qualität nicht hinreicht,
die normale Versorgung des Landes zu decken, c) Industrien, deren
Erzeugungsüberschuß ausgeführt wird; dazu werden noch Indu-
strien, deren Erzeugung der „nationalen Verteidigung“ dient, be-
sonders berücksichtigt. In den einzelnen Abschnitten dieses Ge-
setzes werden ausführlich die Vergünstigungen behandelt, welche
spanischen Industrien zuteil werden kann; dahin gehören: Privi-
legien und Konzessionen, Kredite in Verbindung mit dem Banco de
        <pb n="71" />
        Zollpolitischer Protektionismus
Credito Industrial, Garantie einer bestimmten Verzinsung, Unter-
stützung bei der Ausfuhr, Steuervergünstigungen, insbesondere bei
der Gründung neuer Gesellschaften, Befreiung von allen direkten
Steuern bis zu 50% des zu erhebenden Betrages, Hinwirken des
Staates auf Ermäßigung kommunaler Steuern, Wiedervergütung
von Frachtkosten, falls diese die Ausfuhr von Exportwaren behin-
dern usw. Man erkennt, daß es sich auch hier um ein „Programm“
handelt, wie es nur allzu deutlich an die merkantilistischen Vor-
bilder des 17. und 18. Jahrhunderts erinnert. Das ganze Dekret ist
ein typisches Beispiel für die Anwendung nicht ausschließlich han-
delspolitischer Mittel zur Erzielung protektionistischer Wirkungen.
Da jedoch immerhin alle derartigen Maßnahmen (als solche kön-
nen noch ergänzenderweise besonders hohe Hafenabgaben, Flag-
genzölle und Begünstigung der heimischen Schiffahrt — eine Maß-
nahme, die aber nicht nur schiffahrtspolitisch, sondern auch vom
Standpunkt der kolonialen Selbstversorgung bedeutsam ist —74)
genannt werden) in einer Zeit nicht mehr zurückzudrängenden welt-
wirtschaftlichen Austausches an den Widerstand der geschädigten
Staaten stoßen und sehr geeignet sind, schwere handelspolitische
und damit eventuell außenpolitische Komplikationen zu schaffen,
so wird vermutlich in kommenden Jahren vieles, was unter den
Verhältnissen der Nachkriegszeit an protektionistischen Besonder-
heiten geschaffen worden ist, wieder verschwinden. Dagegen ist
es sehr fraglich, ob dem „Abbau“ dieses Protektionismus nicht eine
entsprechende Steigerung des handelspolitischen Protektionismus
gegenübergestellt werden wird, eine Tendenz, die wir selbst im
Augenblick erleben. Denn es ist ohne weiteres klar, daß heimische
Industriezweige, die sich jahrelang unter dem Schutz von Einfuhr-
verboten oder durch Lizenzen erschwerte Einfuhrmöglichkeit ge-
schützt sahen, den Fortfall solcher Annehmlichkeit durch eine Er-
höhung wenigstens der Zolltarifpositionen auszugleichen trachten.
Es ist daher heute schon wieder die Richtung der Zoll- und Tarif-
politik als der eigentliche Kernpunkt der protektionistischen Be-

64

74) Beispiel: Frankreich gestattet durch ein Gesetz vom 18. März
1923 die zollfreie Einfuhr gewisser marokkanischer Waren nach Frank-
reich und Algier, wenn verfrachtet in Schiffen, welche die französische
Oder marokkanische Flagge führen.
        <pb n="72" />
        Zuschlagszölle 65
wegung in der Welt, wenn auch, wie dargelegt, nicht als ihre aus-
schließliche Stütze zu betrachten.

Die Erörterung der handelspolitischen Absperrung nach dem
Kriege stößt zunächst auf einige Schwierigkeiten. Der Währungs-
verfall in vielen Ländern wirkt dahin, daß die eigentliche Belastung
der Einfuhr durch den Zollsatz schwer zu erkennen ist. Denn eine
Erhöhung der spezifischen Zölle (nach Gewicht, Stück, Maß) kann
unter Umständen, bei noch stärker gesteigerter Preisbildung infolge
Währungsverfalles, geradezu eine Verringerung der Belastung be-
deuten, wenn man vom Wert der ein- oder ausgeführten Waren
ausgeht. Aus diesem Grunde haben ja verschiedene Staaten be-
sondere Zuschlagszölle auf Waren vorgesehen, die aus Ländern mit
schlechter Währung stammen, — Zölle, die man streng genommen,
dem protektionistischen Ehrgeiz nicht zurechnen darf, da sie ledig-
lich einen Ausgleich des Valuta-Dumping bedeuten.’°) Wiederum
haben die Länder mit sinkender Währung dafür Sorge zu tragen,
daß ihre Zölle in der verschlechterten Währung ausgedrückt sich
an die Preisbildung durch eine nach oben gerichtete Skala an-
paßten. Auch hier wird also aus der „Erhöhung“ nicht ohne weiteres
der Schluß des erhöhten Protektionismus gezogen werden können.
Es wird daher nötig sein, in einzelnen Fällen die „Höhe“ der Zölle
und ihren Belastungsgrad durch besondere Berechnungen — wie
etwa die Berechnung des Warenwertes einst und jetzt oder die Um-
rechnung auf eine stabile Währung — nachzuprüfen, eine Arbeit,
die besonders für englische Verhältnisse der Balfour-Bericht durch
das englische Handelsministerium hat ausführen lassen. Wir selbst
beschränken uns auf die Darstellung des gesteigerten Zollschutzes,
soweit er sich aus den Zolltarifen und handelspolitischen Maßnah-
men wichtiger Länder unzweideutig erkennen läßt.

75) Man kann freilich auch den Standpunkt vertreten, daß in diesen
Zuschlagszöllen eine Verletzung des Prinzips liegt, von der Schleuder-
ausfuhr anderer Länder als Konsument und Veredler Vorteile zu ziehen,
wie man ja auch in England seinerseits aus diesem Grunde vielfach die
Erhebung von Zuschlagszöllen auf gedumpten Zucker (Brüsseler Zucker-
konvention) verurteilte.

Levy, Weltmarkt
        <pb n="73" />
        66

Das „Beispiel“ Amerikas
b) DIE ENTWICKLUNG DER PROTEKTIONISCHEN ZOLLPOLITIK

Unzweifelhaft ist die bedeutsamste Tatsache der internationalen
Handelspolitik nach dem Kriege darin zu erblicken, daß die Ver-
einigten Staaten von Amerika zu einer Erweiterung ihrer Schutz-
zollpolitik übergingen. Ähnlich wie im umgekehrten Falle zu Mitte
des 19. Jahrhunderts der Übergang des mächtigsten Industrie- und
Handelslandes jener Zeit zum Freihandel, Englands im Jahre 1846,
die gesamte europäische Handelspolitik in ihren Tendenzen mitriß,
kann man von der verstärkten Schutzzollpolitik Amerikas nach dem
Weltkriege sagen, daß sie ohne weiteres die Richtung anderer Län-
der in dieser Frage mitbestimmte. Denn gerade der amerikanische
Markt war es gewesen, auf den die exporthungrige europäische
Wirtschaftspolitik rechnete und vom Standpunkte schutzzöllneri-
scher Agitation war es natürlich durchaus plausibel, wenn man
argumentierte, daß man verarmenden Ländern nicht versagen dürfe,
was selbst der im Kriege reich gewordene amerikanische Staat
seiner Industrie nicht zu versagen wage. Die Vereinigten Staaten
aber, die vom Standpunkt ihrer während des Krieges so völlig ver-
änderten, ausgezeichneten Zahlungsbilanz 7°) eine Aktivhaltung ihrer
Handelsbilanz nicht „nötig“ gehabt hätten, konnten sich von dem Ge-
danken der Zweckmäßigkeit eines großen Ausfuhrüberschusses nicht
lossagen. Da andererseits Europa sich anschickte — ganz besonders
als viele Währungen sich gegenüber dem Dollar verschlechterten —
einen großen Export nach den Vereinigten Staaten zu entfalten, so
konnte man bei der gleichzeitigen Verarmung vieler europäischer
Gebiete und der damit verringerten Kaufkraft gegenüber der Union
dieses Ziel nur erreichen, wenn man noch weniger einführte als
ausführte, also die Zollschraube fester zog. Der Fordney-Ma Cum-
ber-Tarif vom Jahre 1922 ist durchaus „hoch“schutzzöllnerisch. Die
Zölle sind höher bemessen als unter dem letzten republikanischen
Zolltarif, dem Payne-Aldrich-Tarif von 1909, der bis 1913 in Kraft
war, von früheren demokratischen Tarifen ganz zu schweigen. Er
enthält mit nicht weniger als 1460 Positionen zirka doppelt soviel
Positionen wie der letzte Friedenstarif, von den weitgehenden Dum-

76) Vgl. Levy a. a. O0. (Amerikas Wirtschaft unter dem Einfluß des
Goldreichtums) S. 293-—294,
        <pb n="74" />
        Belastung durch Zölle

pingbefugnissen des Präsidenten ganz abgesehen. Außerdem hat es
den Anschein, als ob die Vereinigten Staaten in der Auslegung der
Meistbegünstigungsklausel strikter als früher zu verfahren gedenken,
indem sie spezielle Vergünstigungen außerhalb des Meistbegünsti-
gungskomplexes nicht mehr von entsprechenden Spezialvergünsti-
gungen anderer Nationen abhängig machen, sondern lediglich die
bedingungslose Meistbegünstigung gegen eben dieselbe gewähren
wollen.

67

Einige beachtenswerte Ergebnisse des neuen amerikanischen Zoll-
tarifes lassen sich folgendermaßen zusammenfassen; es betrug:

für

Roheisen. .....
Spinnereimaschinen .
Baumwollgarn (roh) .
Baumwollgewebe (roh)
Baumwollgewebe (ge-
färbt). ......
Wollgewebe (schwere)
Soda. ........
Schwefelsaures AmmoO-
niak. .

Der Zollsatz:
1914 1924

zollfrei
20° d. Wertes
15% d. W.

75 Cent pro Tonne

35° des Wertes

8 Cents p. lb., jedoch nicht un-
ter 15% des Wertes

16 Cents p. lb., doch nicht un-
ter 20 °%, des Wertes

17% % d. W.

20% d. W.
35% d. W.
\% Cent pro Ib.

22 Cents p. lb., doch nicht un-
ter 40% des Wertes

45 Cents p. Ib., dazu 50 % des
Wertes

V, Cent pro 1b.
zollfrei

/ Cent pro 1b.

Über die Einwirkung der neuen Zölle auf die Einfuhr aus Groß-
britannien äußert sich der sonst keineswegs zu besonderem Pessi-
mismus neigende Balfour-Bericht:

„Es steht fest, daß bei Waren, deren Qualität und Mode bei
der Einfuhr den Ausschlag geben, die .durch den Zolltarif er-
höhten Preise das Volumen der Verschiffungen aus dem Vereinig-
ten Königreiche nach den Vereinigten Staaten nicht beeinträchtigt
haben. Es steht ebenso fest, daß jedoch in den Stapelerzeugungen,
bei welchen Quantität und niedriger Preis wichtige Faktoren sind,
der Tarif den Wettbewerb des Vereinigten König-
reiches tatsächlich unmöglich gemacht hat.“

B*
        <pb n="75" />
        58

Vorzugszölle
Als zweitbedeutsamster Fall des seit dem Kriege gesteigerten
zolltariflichen Protektionismus ist ein Komplex von Ländern zu
nennen. Nämlich: die britischen Dominions und Kolonien,

Die zusammengefaßte Behandlung dieser, wenn auch räumlich
weit voneinander getrennten und, wie wir bereits sahen, in den Vor-
bedingungen gesteigerter Selbstversorgung durchaus verschieden ge-
stalteten Staaten, ergibt sich daraus, daß ihnen allen das Ziel stär-
kerer Schutzzollpolitik nach dem Kriege gemeinsam ist, ebenso wie
sie fast alle die Bevorzugung des Einfuhrhandels aus dem Mutter-
jande in ihren Zolltarif eingefügt haben. Berücksichtigt man das
letzgenannte Moment als ein Symptom „all-britischer Selbstversor-
gung“, das heißt, wäre man geneigt, die Selbstversorgungsaktion
innerhalb des ganzen britischen Reiches der arbeitsteiligen Verwelt-
wirtschaftlichung gegenüberzustellen, so müßte gerade das Vorhan-
densein der Vorzugszölle den allgemeinen Eindruck der Selbstver-
sorgungszunahme in der Welt noch verstärken. Allein, diese Auf-
fassung erscheint nicht angebracht. Die „preferential duties‘“ ver-
stärken wohl, wenn man Mutterland und Kolonien als einen Wirt-
schaftskomplex zusammenfaßt, das Bild der Absperrung gegenüber
dritten Staaten. Aber sie erscheinen erstens nicht wesentlich genug,
um etwa durch nichtmutterländische Einfuhren die Versorgung der
Kolonialgebiete zu verdrängen oder die koloniale Versorgung aus
England über ihr schon von Natur gegebenes Maß erheblich zu stei-
gern. Zweitens steht gewöhnlich der präferentiellen Behandlung des
Mutterlandes eine Erhöhung der Allgemeinsätze des neuen Zolltarifs
gegenüber, welche die Vorzugssätze immer noch absolut betrachtet
über das bisherige Maß erhöht, damit also den Einfuhrhandel aus
England in den meisten Fällen eher schädigt als günstiger stellt.

Zum ersten Punkt seien folgende Ziffern gegeben. Es betrug der
prozentuale Anteil der Dominions und Kolonien (exklusive Irischer
Freistaat) an der Ausfuhr Englands:"7)

77) Seltsamerweise kommt der Bericht über „Überseemärkte“ auf
S. 24 zu einem anderen Ergebnis. Gerade im Hinblick auf die obigen
Ziffern glaubt er einen „beträchtlichen Vorteil“ der Präferenzierung
für England konstatieren zu müssen. Der Irrtum liegt darin, daß der
sonst so vorsichtige Ausschußbericht die Ziffern für den Irischen Frei-
staat im Jahre 1923 mitgerechnet hat, anstatt sie von denjenigen des
        <pb n="76" />
        Wirkung der britischen Bevorzugung

Bei den Selfgov. Dominions. ......
Indien .. 00
Sonstige Kolonien usw."

13

7.54
dr „38
6,26

6%

1924

17,78
11,39
6,61

Hieraus ergibt sich ohne weiteres, daß der Erfolg der Vorzugszölle
bisher in einer Steigerung des Anteils der englischen Ausfuhr nach
den Kolonien nicht bestanden hat. Bezeichnend ist es hierbei auch,
daß in Australien, das im Jahre 1924 der zweitbeste Einzelmarkt
Englands (nach Indien) war und dessen Vorzugszölle oft von
englischen Imperialisten gerühmt worden sind, im Jahre 1913 63,2%
des Werts seiner Einfuhr an Waren, die überhaupt mit englischen
konkurrieren, aus England bezog, dagegen 1922/23 nur: 60,4%, also
auch von dieser Seite gesehen, ergibt sich kein wesentliches Resultat
durch die Präferenzierung.

Der zweite Punkt — die überwiegende Mehrbelastung der eng-
lischen Ausfuhr durch die kolonialen Zölle trotz der Präferenzie-
rung — ergibt sich aus folgenden, von dem Balfour-Bericht berech-
neten Ziffern: es betrug die prozentuale Belastung der britischen
Ausfuhr, gemessen am Wert der exportierten Waren:

Land

Australien... ...
Canada .........
Südafrikanische Union . .
Neu-Seeland .

1924
I,
7s

Man erkennt, daß mit Ausnahme der Verhältnisse in Kanada die
Belastung der englischen Kolonialausfuhr durch Zölle trotz der
Präferenzierung gestiegen ist. Kanada aber bildet nur deshalb eine
Ausnahme, weil sein Zolltarif an sich höher ist als der irgendeiner
anderen englischen Dominions und man sich entschlossen hat, Eng-
land einen Rabatt von 10% auf die Sätze des British Preferential
Tariff zu gewähren, da wo diese den Satz von 15% des Wertes
übersteigen.
kolonialen Präferenzialgebietes abzuziehen oder den Handel mit dem
heutigen Freistaat in den Ziffern von 1913 mit zu berücksichtigen.
        <pb n="77" />
        On

Indische Schutzzölle
Man wird also nicht fehlgehen, wenn man erklärt, daß sich die
Schutzzollpolitik der englischen Kolonien genau so (zum Teil erst
recht, vgl. Indien!) gegen das Mutterland wie gegen andere Länder
richtet, wenn auch aus politischen und imperialistischen Gründen
der Schutzzollcharakter gegen das Mutterland durch Vorzugszölle
verschleiert wird, deren Zweck aber durchaus nicht darin liegt, die
Eigenproduktion der Kolonien zugunsten Englands zu vermindern,
sondern höchstens darin: die Einfuhrnotwendigkeiten zu Ungunsten
nichtenglischer Gebiete zu verschieben.

Von den einzelnen Tarifen der englischen Dominions und Kolo-
nien der Neuzeit hat wohl der wachsende Schutzzoll Indiens nach
dem Kriege die größte Aufmerksamkeit erregt. Die schutzzöllne-
rische Bewegung steht in engstem Zusammenhang mit der stärkeren
Verselbständigung Indiens während des Krieges, insbesondere seiner
finanzpolitischen Verselbständigung, und der damit zusammen-
hängenden früher von uns erwähnten Schaffung besonderer amt-
licher Organe zur Förderung der heimischen Industrie. Die eigent-
liche Bewegung begann im Jahre 1917, als der Zoll auf Baumwoll-
waren von 31/2 auf 71!/2% des Wertes gesteigert wurde, während
die heimische Abgabe auf 3!/,% belassen wurde. Im Jahre 1921
wurde dann der Zoll weiter auf 11% erhöht. Es folgten dann im
Jahre 1924 Zollerhöhungen auf anderen Gebieten, besonders ging man
daran die Eisenindustrie zu schützen, deren größtes Werk, die Tata
Eisen- und Stahlwerke, mit besonderem Stolze betrachtet werden.
Man verspricht sich von der Gewährung dieser Zölle an die Eisen-
industrie eine Steigerung der Erzeugung auf zirka 260000 Tonnen
bis 1926/27, was eine fast völlige Ersetzung der bisherigen Einfuhr
bedeuten würde.

Für Australiens Hochschutzzollpolitik ist das Tarifgesetz von 1920
maßgebend gewesen, welches dazu bestimmt ist, während des Krie-
yes entstandene Industrien zu schützen, neue Industrien zu fördern
and bestehende Industrien in ihrer Weiterentwicklung zu begünsti-
gen. Dazu kommt der Industries Preservation Act vom Jahre 1921,
der mit der Begründung des Schutzes von unfairem Wettbewerb
(Dumping) den Industrieschutz weiter verstärkt hat. Die Anwen-
dung dieses Gesetzes unterliegt dem sogenannten Tarıff Board, der
seit 1921 besteht und dessen Eingriffsmöglichkeit und Eingriffs-
        <pb n="78" />
        Zollpolitik Kanadas und Australiens Zi
methoden über den Kopf des Parlaments hinweg (nur die Genehmi-
gung des Handelsministers ist erforderlich) durchaus nicht immer
freundlicher Kritik seitens der australischen Kaufmannschaft begeg-
net. Wie theoretisch zunächst der Begriff des „Schutzzolles“ ge-
handhabt wird, zeigt die Tatsache, daß die Einführung einzelner
Zollpositionen im Jahre 1924 verschiedentlich „verschoben“ werden
mußte, weil die zu schützenden Industrien einfach nicht in der Lage
waren, die betreffenden Waren in so kurzer Zeit selbst zu liefern.
Seit dem 1. April 1925 verlangt die australische Regierung für die
Gewährung des Vorzugszolles an England den Nachweis, daß min-
destens 75% der in diesen Waren steckenden Kosten aus Arbeit
und Rohstoffaufwendungen bestehen, die rein englischer Natur sind.
Damit ist sicherlich eine Verschärfung der Schutzzollpolitik gegen-
über nichtenglischen Ländern, wenn nicht auch England gegenüber
gegeben, da es fraglich ist, ob England die für australischen Bedarf
veredelten Waren nunmehr so gut wie ohne eingeführte Rohstoffe
zu erzeugen imstande sein wird,

Von Kanada wurde bereits gesagt, daß die absolute Höhe seines
Zolltarifes beträchtlicher ist als diejenige irgendeines anderen Staa-
tes innerhalb des britischen Imperium. Dazu kommt neuerdings, daß
die Sätze des Generaltarifs (Kanada führt einen Generaltarif, den
sogenannten General Tariff, einen Konventionaltarif, der „inter-
mediate‘“ Tariff genannt wird, und einen dritten, der die Vorzugs-
zölle umfaßt) im Vergleich zu den Vorzugszöllen gegenüber Vor-
kriegszeiten wesentlich erhöht erscheinen, was besonders die Ein-
fuhr aus den Vereinigten Staaten und aus Deutschland trifft. Süd-
afrika hat im Jahre 1922 und 1923 erhöhte Zölle gegenüber einer
Schleuderausfuhr eingeführt, deren Interpretation — wie in allen
englischen Kolonien — sehr weit geht. Ein neues Tarifgesetz ist in
Vorbereitung, das erhöhte Sätze und eine Verringerung der Vor-
zugszollbehandlung vorsehen soll.

Als Ganzes bildet also das britische Weltreich außerhalb. des
Mutterlandes das Bild eines abgeschlossenen Schutzzollgebietes, des-
sen Mauern gegenüber dem Auslande wie gegenüber dem Mutter-
lande seit dem Weltkrieg noch erhöht worden sind, während Ten-
denzen zu einer freiheitlicheren Ausgestaltung der Handelspolitik
nicht vorliegen.
        <pb n="79" />
        Die neuen Zölle Englands

Was nun die Zollpolitik in der übrigen Welt, insbesondere auch
in den europäischen Staaten angeht, so haben wir bereits in unserer
allgemeinen Betrachtung vermerkt, welche Umstände zu der allge-
mein feststellbaren Tendenz der Zollerhöhungen nach dem Krieg
beitrugen. Besonders hervorzuheben für die allerletzte Zeit ist der
erneute Anlauf der englischen Protektionisten, nach dem Sturze des
Kabinetts Macdonald, den Safeguarding of Industries Act zu einer
Verwirklichung der Zollwünsche heranzuziehen. Die seit dem
Il. August 1924 beseitigten Mac Kenna-Zölle, die — zunächst als
bloße Kriegsmaßnahme beabsichtigt — einen 33!/, %igen Wertzoll
auf, Waren legten, die besonders drückendem Auslandswettbewerb
ausgesetzt schienen, wurden von dem neuen Kabinett Baldwin wie-
der nach kurzer Zeit hergestellt, freilich unter der Zusicherung, daß
sie nur nach besonderen Nachweisungen der betroffenen Industrien
an die behördlichen Stellen erwogen werden würden. Der Begriff
„ruinöser Auslandswettbewerb“ ist aber auch hier ein sehr dehnbarer
und relativer Begriff. Die Beurteilung von Eingaben seitens der
Industrie und industrieller Verbände ist stets von der subjektiven
Einstellung der die Eingaben prüfenden Behörde abhängig. Als Mr.
Churchill zu Ende April 1925 die Wiedereinführung der Mac Kenna-
Zölle auf Automobile verkündete, konnten Gegner der Maßnahme
darauf hinweisen, daß in England die Herstellung von Passagier-
autos von zirka 40000 im Jahre 1922 auf 107000 im Jahre 1924 ge-
stiegen war, und daß im Jahre 1923 von 99000 registrierten Wagen
62000 britischen Ursprungs, dagegen im Jahre 1924 von 124000 Wa-
gen fast 90000 britischen Ursprungs waren, so daß sich der Anteil
der englischen Industrie an der heimischen Versorgung durchaus
nicht verringert, sondern gehoben hatte.’®) Aber diese Tatsachen
haben an der Einführung der Zölle ebensowenig geändert, wie ähn-
liche Einwendungen bezüglich der 33!/,%igen Spitzenzölle, die am
ti. Juli 1925 in Kraft getreten sind.’®) oder der Zölle auf Kunstseiden-
erzeugnisse.9)

78) Vgl. die Darstellung im Economist vom 25. April 1925, S. 801
und vom 2. Mai, S. 846.

79) „The Lace Duty Scandal“ im Free Trader. Juli 1925, S. 175ff.

80) Vgl. u. a. Manchester Guardian Commercial vom. 9. Juli 1925.
S. 35. Nach Abschluß dieser Arbeit wurden Zölle auf Stahlwaren, Glüh-
strümpfe und Handschuhe eingeführt.

772
        <pb n="80" />
        Textilzölle als Beispiel

Der Balfour-Bericht hat für verschiedene Warengruppen Berech-
nungen über die Zollhöhe anstellen lassen, die insofern einen be-
sonderen Wert haben, als sie die Höhe der Zölle, soweit es nicht
Wertzölle sind, in englische Währung umgerechnet angeben. Greift
man hierbei den Artikel „Baumwollgewebe, gefärbt in Stücken, Ge-
wicht 100 g per Quadratmeter“ als besonders typisch heraus, weil es
sich hier um einen solchen handelt, an dessen wettbewerblichem Cha-
rakter fast alle wichtigen Länder beteiligt sind, so ergibt sich das
Folgende:

Höhe des Zollsatzes
1914 1924

Frankreich. ....
italien. ......
Norwegen . ....
Rumänien .....
Niederl. Indien. . .
China ..... £
Verein, St. v. Amer. .
Mexiko. ......
Argentinien ....
Kolumbien. ..

5,1 d. p. 1b.

4,4 d. p. lb.

4,5 d. p. 1b.

4,7 d. p. 1b.

53% des Wertes
5,3 d. p. Stück
20°, des Wertes
1sh. 8% d. p. Ib.
5,3 d. p. 1b.
13,7 d. p. Ib.

9,2 d. p. 1b.

7,0d. p. 1b,

6,7 d. p. 1b.

5 d.p. lb.

10% des Wertes

14,2 d. p. Stück

11,7 d. p. 1b., jedoch nicht
unter 40% des Wertes

4sh. 6d. p. 1b.

5,2 d. p. 1b.

16.8 d. p. lb.

Keine Erhöhungen zeigen u. a. die Länder: Deutschland, Schweden,
Dänemark, Holland, Belgien, Portugal, Rumänien, Japan, Ägypten,
Brasilien. Allein, hier ist vielfach zu berücksichtigen, daß gerade in
Ländern, in denen eine Zollsteigerung seit 1914 nicht zu konstatieren
ist, die absolute Zollhöhe bereits ein sehr hohes Niveau erreicht
hatte: wie etwa 1 sh. 8%/, d. in Brasilien oder 9,8 d. in Portugal.

Wachsende Selbstversorgung ist das Merkmal der Weltwirt-
schaft nach dem Kriege, in erster Linie in den Neu-Ländern der mo-
dernen Wirtschaftsgeschichte, aber auch auf dem „Kontinent, dem
alten“. Die Kriegsereignisse selbst sind in ihren unmittelbaren Wir-
kungen wie in ihren wirtschaftlichen Fern- und Nachwirkungen an
diesem Ergebnis beteiligt. Die Friedensverträge erhöhen den natio-
nalen, auf Wirtschaftsautonomie gerichteten Ehrgeiz. In den alten
Industrieländern verstärkt der Druck des fremden Wettbewerbes,
        <pb n="81" />
        74

Einengung des Weltmarkts
bei häufig verringertem Bedarf und die Verschlechterung der Va-
luten in ihrem Einfluß auf die Ausfuhr der Konkurrenzländer das
Bestreben nach Ummauerung der Grenzen. Staatlicher Protektio-
nismus, teils in der allgemeinen Form der Fürsorge, des Kredits und
der Bevorzugung, teils als ausgesprochener handelspolitischer Schutz
ist die Folge. Er soll der Erhaltung alter Erzeugungen gegenüber der
internationalen Konkurrenz, der Schaffung neuer nationaler Indu-
strien zur Ersetzung der Einfuhr, der Sicherung von im Kriege und
unter dessen Einfluß entstandenen Industriezweigen dienen. Dies
sind die Ergebnisse unserer bisherigen Betrachtung. Zusammenge-
faßt kommen sie dahin zum Ausdruck: daß der Weltmarkt nach dem
Kriege nicht nur auf Grund der geschwächten industriellen Kauf-
kraft der Welt, sondern vor allem auch auf Grund ihrer stärkeren
Selbstversorgung eine erhebliche Einengung hat erfahren müssen.
Wie hat sich unter diesen Verhältnissen die Gruppierung des
internationalen Wettbewerbes auf dem Weltmarkt entwickelt?
        <pb n="82" />
        Die europäische Getreidefrage a

7

IV. DIE UMGRUPPIERUNG DES WELTMARKTES NACH DEM
KRIEGE
1. DIE ENTEUROPÄISIERUNGSTENDENZ IN DER WELTWIRTSCHAFT

Der Weltkrieg ist in erster Linie und trotz der Mitwirkung der
Vereinigten Staaten von Amerika ein europäischer Krieg gewesen,
Seine Folgen treffen daher auch in erster Linie die europäische Wirt-
schaft. Schon unsere bisherigen Betrachtungen haben uns gezeigt,
daß außerhalb Europas die Industrieentwicklung während des Krie-
ges zu einer bisher ungeahnten Vorwärtsentwicklung in einzelnen
Ländern führte, wobei die Vereinigten Staaten von Amerika, Ka-
nada, Indien und Japan an der Spitze standen. Andererseits hat der
Krieg in Europa kein einziges Wirtschaftsgebiet zurückgelassen, von
dem man sagen könnte, daß es in industrieller Hinsicht gegenüber
der Vorkriegszeit profitiert habe.

Aber keineswegs in diesem zunächst in die Augen springenden
Punkte liegt allein die Veränderung, welche der Krieg bezüglich des
wirtschaftlichen Schwergewichts Europas hinterlassen hat.

Zunächst liegt die stärkere Belastung der europäischen Wirtschaft
zugunsten der außereuropäischen Wirtschaft auf dem Gebiet der
Nahrungsmittelversorgung. Hier ist vor allem an die Versorgung
mit Zereralien zu erinnern. Die Ereignisse auf dem Weltmarkt seit
der Mitte 1924 haben gezeigt, welche Blöße der europäischen Ver-
sorgung durch den Fortfall der russischen Erzeugung und Export-
fähigkeit zuteil geworden ist. Der Bedarf Rußlands, der sich ge-
radezu in einen Importbedarf verwandelt hat, die gleichzeitige Ver-
schlechterung der kanadischen Ernten, die relativ geringe Hinüber-
nahme von Weizen amerikanischer Ernten in die neue Saison, führ-
ten seit dem Herbst 1924 zu einer Weizenhausse, wie man sie seit
den außergewöhnlichen Kriegszeiten nicht erlebte. Eine vom eng-
lischen Economist veröffentlichte Tabelle — nach Angaben des in-
        <pb n="83" />
        76

ternationalen landwirtschaftlichen Instituts zusammengestellt —
kann die Enteuropäisierungstendenz des internationalen Weizenbaus
illustrieren. Es betrug in Millionen Hektar die Anbaufläche 81):

Enteuropäisierung des Weizenbaues

Durchschnitt
1909/13 1924
in Europa (exkl. Rußland).
Ver. Staaten v. Amerika
Kanada .......
Argentinien ......
Indien. .......
Australien . .

n3
i

3
6,5
11,8

26,5
21,8
9,1
7,2
12,6
140

Selbst wenn man die russische Erzeugung ganz außer Betracht
läßt, bleibt also die Enteuropäisierung des Welt-Weizenanbaues be-
stehen. Im Jahre 1909/13 betrug im Durchschnitt nach Angaben des
Internationalen Landwirtschafts-Institutes die Welternte 822 Mil-
lionen Zentner, davon fielen 370 Millionen auf Europa exklusive
Rußland. Im Jahre 1923 betrug die Welternte 945 Millionen Zent-
ner, aber nur 343 Millionen fielen auf Europa. In Vorkriegszeiten
benötigte Europa etwa 47 Millionen Quarters Weizen (1 Quarter
gleich 224 kg) für Gebiete, die sich nicht selbst versorgen konnten.
Davon kamen ca 34 Millionen aus Gegenden zwischen dem Ural
und dem atlantischen Ozean. Heute kommen die ganzen 47 Mil-
lionen aus anderen Gegenden. Für Europa ergibt sich hieraus die
beachtenswerte Tatsache, daß naturgemäß der Transport sich ver-
teuert hat (denn der Transport von der kanadischen Prärie ist teurer
als der vom Boden der Ukraine), während ebenfalls die Versen-
dungen ungleichmäßiger geworden sind, da der Transport in grö-
Seren Gehäusen und Massenabladungen vor sich geht, die wieder-
um eine größere Unregelmäßigkeit der Versorgung bedingen.??)

Aber diese Folgen sind sekundär. Wichtiger ist, daß mit der
stärkeren Abhängigkeit von überseeischem Weizen und dessen
Teuerung sich Europa mehr und mehr an nichteuropäische Länder
verschulden muß. Dies ergibt sich daraus, daß — wie wir schon
81) Vgl. Levy, Die Enteuropäisierung der Weltwirtschaft. Zeit-
schrift für Geopolitik, August 1925. S. 282—83.
82) Vgl. hierüber Economist vom 1. August 1925. S. 181.
        <pb n="84" />
        Überseeische Rohstoffmonopole

77
einmal ausführten — der Situation eines kaum zu beschränkenden
Verbrauches dringlicher Güter, also vor allem des Brotes, die Ein-
schränkung des Verbrauches von Fabrikaten gegenübersteht. Wir
haben gesehen, wie sich selbst heute, wo die „Preisschere“ als ge-
schlossen gilt, eine Diskrepanz zwischen Industriepreisen und Nah-
rungsmittel- und Rohstoffpreisen ergibt, da wo die ersteren nicht
entweder durch Vereinbarungen reguliert werden oder wo nicht
durch Einstellung eines Teils der Erzeugung eine Anpassung an
den verringerten Bedarf entsteht. Dort aber, wo sich wirklich die
Preise der Fabrikate dem Preis der Nahrungsmittel angepaßt haben,
ist es nur möglich gewesen bei gleichzeitiger Abnahme der Erzeu-
gung oder des Absatzes, was bei den notwendigeren Gütern nicht
der Fall war. Schon aus dieser allgemeinen Entwicklung ergibt
sich ein weiteres Übergewicht der außereuropäischen Wirtschafts-
mächte. Sie profitieren unter der Tendenz: gleichbleibender Bedarf
dringlicher Nahrungsmittel und nur schwach sinkender Bedarf ge-
wisser Rohstoffe selbst bei erhöhten Preisen, dagegen sinkender Be-
darf für Fabrikate, insbesondere solcher hochwertiger Natur. Es
wiederholt sich hier. nur im Makrokosmos der Weltwirtschaft, was
aus der begrenzteren Gesetzmäßigkeit der inneren Wirtschaft oft
bekannt geworden ist: daß in Krisenzeiten die Rohstofferzeuger
besser daran sind als die Fabrikaterzeuger. Hinzu kommt die eigen-
artige Monopolstellung einzelner Rohstoffe gerade in der übersee-
ischen Welt, während Europa — vom Kali abgesehen — nur wenige
solcher Rohstoffe aufweist. Noch immer hängt die Billigkeit der
Kleidung in der Welt von der Baumwollernte der Vereinigten Staa-
ten ab, welche daher die ganze Welt in jedem Hochsommer mit
höchster Spannung verfolgt, noch immer ist der Welt-Wollmarkt
von den Abgaben Australiens abhängig, noch immer erzeugt die
amerikanische Union fast 70% des Petroleums und die bei weitem
überwiegende Menge von Kupfer, deckt Kanada den Nickelbedarf
der Welt und die Straits-Settlements den Hauptbedarf an Zinn.
Die Tatsache also, daß die außereuropäische Wirtschaft die euro-
päische minder dringlich braucht als diese die überseeische, ist durch
die Minderung der Kaufkraft der ganzen Welt für fertige, insbe-
sondere hochwertige Erzeugnisse, seit dem Weltkrieg zu besonderer
Geltung gelangt. Diese Tendenz aber ist wesentlich verstärkt wor-
        <pb n="85" />
        78 Die europäischen Handelsbilanzen
den durch alle jene Momente, welche wir bisher unter dem Kenn-
wort „Selbstversorgung‘“ behandelt haben. Die wachsende industri-
elle Selbstversorgung der überseeischen Länder bedeutet nichts wei-
ter als ein „Los“ von Europa, während Europa dieser Bewegung
weder ein „Los“ vom Weizen, Mais, den Fetten und Ölsaaten, der
Baumwolle, Wolle, Jute und den mineralischen Rohstoffen seiner
bisherigen überseeischen Lieferanten entgegenzustellen vermag.

Die Folge ist eine Tendenz zur Überpassivierung der euro-
päischen Handelsbilanzen. Wir haben die Wirkung dieser Tendenz
bereits an den Gesamtergebnissen der englischen Handelsbilanz
konstatiert. Gerade hier zeigt sich die Enteuropäisierungstendenz
auf das Deutlichste. Denn der enorm gesteigerte Einfuhrüberschuß
‘1913: 158 Millionen, 1924: 341 Millionen Pfund Sterling) erklärt
sich bei näherer Betrachtung durch die Erhöhung des Werts außer-
europäischer Einfuhren und das relativ geringe Anwachsen außer-
europäischer Ausfuhren. Während die Einfuhr nach England (exkl.
Irischen Freistaat) aus Europa von im Jahre 1913 289 Millionen
Pfund Sterling auf im Jahre 1923 299,6 Millionen Pfund Sterling
anstieg, ist diejenige aus den Vereinigten Staaten allein von 130
auf 197, die ganz Amerikas von 137 auf 215 Millionen Pfund Sterling
gewachsen; bei der Ausfuhr das umgekehrte Bild: die europäische
Ausfuhr Englands beträgt im Jahre 1913 178,6 Millionen Pfund Ster-
ling, steigt im Jahre 1923 (ohne Irischen Freistaat) auf immerhin
246,5 Millionen Pfund Sterling, während die Ausiuhr nach den nord-
amerikanischen Ländern nur von 35,6 auf 62,9 Millionen Pfund Ster-
ling zu steigen vermag. Immerhin hat England in seinem Handel
mit den Dominions wahrscheinlich dadurch diese Enteuropäisie-
rungstendenz etwas ausgleichen können, daß die Vorzugszölle eine
Verschiebung der verringerten Gesamtausiuhr Europas zugunsten
Englands bewirken mußten. Jedoch fällt es auch hier auf, daß Eng-
land nach Kanada im Jahre 1923 für 4,3 Millionen Pfund Sterling
mehr ausführte als im Jahre 1913, dagegen für ca. 21,5 Millionen
Pfund Sterling mehr aus Kanada bezog.

Eine überaus willkommne statistische Ergänzung zu der Frage
der Enteuropäisierung der Welt-Handelsbilanz hat neuerdings der
Völkerbund gegeben, In einer im Herbst 1925 veröffentlichten Arbeit,
die sich „Memorandum on Balance of Payments and Foreign Trade
        <pb n="86" />
        Anteil Europas am Welthandel

Balances 1910—1924“ betitelt, sind die Handelsbilanzen der verschie-
denen Länder, ebenfalls unter Berücksichtigung der Preisveränderun-
gen seit 1914 berechnet worden. Es ergibt sich dann folgendes Bild,
welches mit den Angaben des Survey of Overseas Markets und un-
sern eignen Darstellungen im wesentlichen übereinstimmt, dieselben
freilich noch ergänzt: ;

79

Anteil verschiedner Ländergebiete am Welthandel

Europa .......

Nordamerika ....

Mexiko, Panama usw. |
Südamerika . ....

Afrika .......

Asien. .......

Australien. .

Einfuhr | Ausfuhr
1913 | 1924 1913 | 1924
69,34 61,85 62,40
12,223 16,29 15,83
1,54 2,04 | 2,10
5,59 4,95 6,60
1,70 / 1,89 2,61
7,14 | 9,79 | 7,84
2.46 3.19 2.62

51,12
22,10
3,62
6,78
2,65
3.40

Gesamthandel
1913 | 1924
65,99
13,96
1,82
6,07
2,14
7,48
2524

56,66
19,10
2,79
5,84
2,26
10,06
3,29

Man konstatiert an Hand dieser Zahlen, daß freilich noch immer
der europäische Außenhandel — trotz aller Rückschläge — im Welt-
geschäft dominiert. Aber diese sicherlich nicht zu unterschätzende
und die europäische „Kundschaft“ wirksam illustrierende Tatsache
ändert nichts daran, daß der „Tendenz“ nach eine Enteuropäisierung
der Welthandels-Bilanz vorliegt. Ganz besonders fällt auch bei die-
ser Tabelle wiederum der besonders starke Rückgang des europäi-
schen Ausfuhr-Anteils gegenüber dem weniger verminderten Import-
Anteil auf, eine Tendenz, die derjenigen in Nordamerika genau ent-
gegengesetzt ist.

Zu dieser durch die natürlichen Bedarfsdeckungsverhältnisse und
ihre Veränderung in der Nachkriegszeit gegebene Enteuropäisie-
rungstendenz kommt nun als besonders verschärfendes Moment alles,
was wir zuvor über den Charakter und den Umfang staatlich ge-
förderter Eigenversorgung darlegten. Auch hier ist zu bedenken:
daß der Staat, der sich stärker selbst versorgen will, leichter daran
ist, wenn er sich vor der Einfuhr fremder Fabrikate als vor der-
jenigen von Nahrungsmitteln und Rohstoffen zu „schützen“ sucht.
Eine Teuerung von Brot und Fleisch durch Zölle, eine Verteuerung
der Urstoffe der Industrie wird selten von einem Volke mit jener
        <pb n="87" />
        80 Ungünstige Position Europas
Opferwilligkeit aufgenommen, wie es beim Schutz heimischer Fa-
brikationen der Fall zu sein pflegt, ganz besonders, wenn damit
argumentiert wird, daß diese „nationalen“ Industrien die Unabhän-
gigkeit von fremder Luxuseinfuhr gewährleisten. Der Zoll auf Fa-
brikate wird auch in den arbeitenden Klassen nicht selten als ein
Schutz der nationalen „Arbeit“ aufgefaßt, der Zoll auf Lebensmittel
wird von ihnen begreiflicherweise nur unter dem Gesichtspunkt des
Konsums gewertet. Wollten die europäischen Staaten die handels-
politische Abwehr ihrer Erzeugnisse auf überseeischen Märkten mit
erhöhten Zöllen auf unentbehrliche Lebensmittel und Rohstoffe
„beantworten“ (die Einführung solcher Zölle aus anderen Gesichts-
punkten heraus wird von dieser Frage unberührt), so würden sie
sich nur ins eigene Fleisch schneiden. Die Konsumenten übersee-
ischer Länder aber haben sich anläßlich der Kriegsteuerung so sehr
an die Preiserhöhung der industriell erzeugten Fabrikate gewöhnt,
daß ihnen die Fortsetzung eines Teils dieser Teuerung durch Zölle
zum Schutz der einmal entstandenen Industrien gar nicht so un-
billig erscheint.

Damit erscheint also von vorneherein auch die handelspolitische
Situation der alten Kulturländer und die Möglichkeit, die Einengung
des überseeischen Marktes ihrerseits durch zollpolitische Mittel aus-
zugleichen, die eventuell zu einer reziproken Verringerung der dor-
tigen Barrieren führen könnten, überaus ungünstig. Wie ist nun aber
die Stellung derselben gegenüber den industriellen Neuländern auf
dritten Märkten?

Diese Frage ist eine der wichtigsten der ganzen Betrachtung der
heutigen Weltmarktsstruktur. Sie sucht die Antwort darauf, inwie-
weit es unter den Einflüssen des Krieges und seiner Nachzeit den
industriell profitierenden Neuländern gelungen ist, über die gestei-
gerte Selbstversorgung hinaus an die Eroberung fremder Märkte
heranzutreten und sich auch späterhin auf diesen gegenüber den
alten europäischen Konkurrenten zu behaupten. Läßt sich die Ent-
guropäisierungstendenz auch hier, also nicht nur zwischen den über-
seeischen Ländern und der alten, von ihr in erster Linie mit Nah-
rungsmitteln und Rohstoffen versorgten Welt, sondern auch auf
dritten, ihrer beiderseitigen Konkurrenz ausgesetzten Märkten kon-
statieren ?
        <pb n="88" />
        81
Es ist von vorneherein klar, daß der Weltkrieg und seine Fol-
gen auch hier der industriellen Überseentwicklung zugute kommen
mußten. Auch hier wirkte ja die teilweise Abschneidung von der
europäischen Zufuhr sowie die Verknappung .aller europäischen
Waren als ein Stimulus, sich von andern Märkten her einzudecken,
soweit diese exportfähig waren. Dabei spielte nun weder die Preis-
frage noch die Qualitätsfrage die Rolle wie zuvor. Wichtiger war
es, Waren überhaupt zu erhalten. Benachbarte überseeische Gebiete
und solche, die durch einen noch unbehinderten Seeweg Verbin-
dungen hatten, sahen sich im Austausch ihrer Erzeugnisse begün-
stigt, gewissermaßen durch die europäische Verwirrung näher ge-
rückt.

Europa als Schuldnerland

Unzweifelhaft haben von dieser Entwicklung wiederum die Ver-
einigten Staaten, neben Japan, den englischen Dominions und In-
dien, am meisten profitiert. Man kann zwar dritte Märkte nicht
durch Schutzzollpolitik erobern wie den heimischen, aber der finan-
ziell erstarkende Staat hat stärker als verarmende Länder ein an-
deres Mittel zur Hand, das im Frieden — mit einem gehässigen
Sinn gegen Deutschland so genannt — als „peaceful penetration“,
friedliche Durchdringung bezeichnet wurde und seit dem Weltkrieg
von der amerikanischen Union im stärksten Maße für sich selbst
in Anspruch genommen worden ist. Die Stellung der europäischen
Staaten vor dem Kriege war nach den Ausführungen von Prof.
Franz Eulenburg %) dahin zu charakterisieren: Europa hatte für die
wirtschaftliche Erschließung der Welt allenthalben den Anstoß ge-
geben, Eulenburg berechnet, daß vor dem Kriege jährlich 10 Mil-
liarden Goldmark in die übrige Welt, einschließlich der Vereinigten
Staaten von Amerika, strömten. Nach dem Kriege ist Europa Schuld-
nerland geworden, Nicht nur auf das verarmte Deutschland trifft
dies zu, sondern auch auf Frankreich, das, wenn es seinen Ver-
pflichtungen nachkommen wollte, jährlich etwa 11/2, Milliarden an
Amerika zu zahlen hätte, während wir von England konstatieren
konnten, wie seine Stellung als Kreditgeber durch die Verschlech-
terung‘ seiner Zahlungsbilanz heute ihre einstige Bedeutung einge-

83) Vgl. Eulenburg, Die Verschiebung des weltwirtschaftlichen
Schwergewichts. In: „Die Weltwirtschaft‘, Juli 1925. S. 122.
Levv., Weltmarkt
        <pb n="89" />
        82 Die finanzielle Vormacht Amerikas
büßt hat. Das Volksvermögen der Vereinigten Staaten dagegen hat
sich im letzten Jahrzehnt um nicht weniger als 70% gesteigert, ihr
Volksvermögen beziffert sich nach den Angaben der New York
National City Bank auf 320 Milliarden Dollar, während dasjenige
Englands auf 89, Frankreichs auf 68, Deutschlands auf 36, Spaniens
auf 29. Italiens auf 26 Milliarden Dollar geschätzt wird.

Die Vereinigten Staaten haben ihre finanzielle und machtpoli-
tische Stellung als reichstes Land der Welt nicht ungenutzt gelassen.
Es ist beachtenswert, was hierüber ein Kenner gerade dieser Ver-
hältnisse, der Referent beim deutschen Industrie- und Handelstag,
Dr. G. Riedberg, schreibt: „Ein wesentlicher Teil der Handelspolitik
der Vereinigten Staaten besteht in der Anwendung gerade der Mit-
tel, die nach dem Grundsatz der Gleichberechtigung verpönt sein
sollten, der Mittel kapitalistischer Durchdringung und Unterwerfung.
In Mittel- und Südamerika vor allem ist das Wesen der amerikani-
schen Handelspolitik nicht aus der Fassung der Handelsverträge zu
erkennen. Dort geht die Eroberung mit dem Dollar, jenes System
von Anleihen mit Konzessionen und Verpfändung von Zöllen ...
seinen ungestörten Gang.“ %) Auch der Balfour-Bericht geht an die-
sem Thema nicht vorüber, wenn er auch selbstverständlich das-
selbe in mehr oder weniger vorsichtige, für den amerikanischen
Leser nicht verletzende Worte kleidet. Er schreibt 85): „Die relative
Unversehrtheit der amerikanischen Industrie von den unmittelbaren
Wirkungen des Krieges zusammenfallend mit der enorm gesteiger-
ten finanziellen Stärke der Union und der allmählich sich steigernden
Kontrolle über industrielle Unternehmungen über See, hat den Ver-
einigten Staaten eine weit stärkere Stellung als vor dem Kriege
auf einzelnen Märkten gegeben und zwar besonders auf denen des
amerikanischen Kontinents.“
Über die Verteilung der amerikanischen Finanzbeteiligungen gibt
folgende Tabelle einen interessanten Überblick. Es betrug der (ge-
schätzte) Betrag amerikanischer Investierungen im Jahre 1923 in
Millionen Dollars:

84) Vgl. Berliner Börsenkurier vom 22. und 25. März 1924.
85) Vol. a. a. 0. SS. 2.
        <pb n="90" />
        Die amerikanischen Investierungen

83

Gebiet

alas | In industriellen Werten
In fremden Anleihen und Unternehmungen
Canada ....
Cuba .....
Mexiko. ......
Zentralamerika. . .
Südamerika 7
Europa. ....
Asien...

79)
+10

22

48
430
950
190

1750
1250
1000
100
800
350
250
Zusammen

250

5500

Man bemerkt: während die Investierungen der Union in Europa
sich in erster Linie auf Anleihen erstrecken, wenden sie sich außer-
halb Europas an die industrielle Beteiligung, augenscheinlich weil
hier die bedeutenden und Zukunft versprechenden Handelsgebiete
für amerikanische Industriewaren liegen. Der Zusammenhang zwi-
schen „peaceful penetration“ und wachsendem Nationalreichtum
wird durch diese Ziffern ersichtlich.)

Versuchen wir nunmehr ein Bild von den Besonderheiten der
weltwirtschaftlichen Enteuropäisierung zu geben, nämlich der Ver-
schiebung des Anteils an der Versorgung überseeischer Märkte zu-
gunsten nichteuroväischen Wettbewerbs.
2. DIE VERSCHIEBUNGEN IM INTERNATIONALEN WETTBEWERB
Dreierlei sei zuvor bemerkt, ehe aus den bisherigen statistischen
Materialien dieses Bild entworfen wird. Einmal: die außerordent-
lich revolutionäre Art der Nachkriegs-Wirtschaftsepoche läßt nicht
zu, in den hier zu gebenden Ziffern bereits ein Definitium zu sehen.
Es ist ohne weiteres klar, daß der Anteil nichteuropäischer Länder
an der Versorgung überseeischer Länder in der ersten Zeit nach
dem Kriege sich nicht rasch verringerte und daß auch heute noch,
wenn auch allmählich die flüssigen Erscheinungen sich zu festigen
beginnen, der Anteil verschiedener Überseeländer an ihrer eigenen
gegenseitigen Versorgung vielleicht größer ist, als er in kommen-
der Zeit der wirtschaftlichen Rehabilitierung Europas sein mag.
So ist es zum Beispiel — um nur ein Beispiel zu nennen — be-

86) Vgl. Overseas Markets S. 462.
        <pb n="91" />
        84

zeichnend, daß im Jahre 1919 noch die Vereinigten Staaten der
Hauptversorger Niederländisch-Indiens mit Eisenbahnbetriebsmate-
rial und Maschinen waren, während seitdem die amerikanischen
Geschäftshäuser dort erheblich unter europäischem Wettbewerbe
gelitten haben. Zweitens: so wichtig die Verschiebungen in
dem Anteil der einzelnen Länder an der Versorgung anderer
als Tendenzaufzeiger sind, ist es nicht ratsam, die Bedeutung
dieser Prozentziffern zu überschätzen, wenn sich dieselbe in einer
bloßen Steigerung dokumentiert. Es ist gewiß sehr beachtenswert,
daß sich die Ausfuhr von Fabrikaten aus den Vereinigten Staaten
um 48,22% zwischen 1913 und 1923 gesteigert hat, während die Aus-
fuhr englischer Fabrikate gleichzeitig um 21,4% gesunken ist. Aber
es bleibt zu bedenken, daß die Ausfuhr der Vereinigten Staaten
im Jahre 1923 immer erst gemessen an den Preisen von 1913
ca. 1560 Millionen Dollars, gleich ca. 6,3 Milliarden Goldmark be-
trug, während die englische Fabrikatausfuhr trotz ihrer Senkung
noch 325 Millionen Pfund Sterling, gleich ca. 6,5 Milliarden Gold-
mark betrug. Ist in irgendeinem Lande der Anteil der Versorgung
durch irgendein Land um 100% gestiegen, sagen wir von 10 Mil-
lionen auf 20 Millionen Dollars, so ist dies gewiß als „Tendenz“
in jedem Falle bedeutsam, aber die absolute Tragweite dieser Ein-
fuhr wird verschieden sein, je nachdem etwa die Einfuhr aus an-
deren Ländern nur im ganzen 100 Millionen oder aber 200 Mil-
lionen Dollars beträgt. Im letzteren Falle wird der Rückgang in
der Versorgung durch ein anderes Land, sagen wir von 140 auf
120 Millionen Dollar, immer noch das Schwergewicht bei demjenigen
Wettbewerber lassen, dessen prozentualer Versorgungsanteil ge-
sunken ist. Endlich drittens: die vorhandenen Ziffern lassen eine
spezielle Gliederung der überseeischen Einfuhrprovenienzen nach Art
der Güter nicht zu. Es muß daher genügen, die Enteuropäisierungs-
tendenz aus den Ziffern der allgemeinen Einfuhr zu folgern, ohne
spezielle Rücksicht auf Nahrungsmittel-, Rohstoff- und Fabrikat-
einfuhr, Da aber die überseeischen Gebiete, um die es sich hier
handelt, im ganzen als Rohstoff- und Nahrungsmittelexportländer
und Fabrikatimportländer anzusprechen sind, so wird sich für die
auf allgemeine Ergebnisse eingestellte Betrachtung nichts an der
Schlußfolgerung ändern, daß die Verschiebungen in erster Linie auf

Statistische Vorbehalte
        <pb n="92" />
        Enteuropäisierung der amerikanischen Einfuhr

85
die veränderte Provenienz der Einfuhren industrieller Erzeugnisse
zurückzuführen sind.
a) NORDAMERIKA
Die Vereinigten Staaten von Amerika bezogen von ihrer Gesamt-
einfuhr:

aus Europa. ...
Nordamerika .
Südamerika .
Asien .....
Australien .
Afrika .

1910—1914 (Durch-
schnitt)
4

49.5
20,6
12,2
153

1923
%
30,5
26,4
12,3
26,9
1,6
23

Die Enteuropaisierungstendenz der amerikanischen Einfuhr wird
ohne weiteres ersichtlich. Da aber immerhin noch 80% der ameri-
kanischen Einfuhr aus Rohstoffen und Halbzeug für die Industrie
sowie aus Nahrungsmitteln besteht, so hatte selbstverständlich
Europa von vorneherein wenig Chance, seinen Anteil an der ame-
rikanischen Einfuhr gerade nach dem Kriege zu verbessern. Immer-
hin hätte Europa als Warenvermittler wieder seine alte Rolle auf-
nehmen und durch die Wiederausfuhrziffern den Rückgang der
Ausfuhr wettmachen können. (Gerade hierin versagte es. Die
Wiederausfuhr Englands, des größten europäischen Versorgers der
Union, betrug im Jahre 1910—14 für 30,8 Millionen Pfund Sterling
nach den Vereinigten Staaten, dagegen im Jahre 1923 nur 25,9 Mil-
lionen Pfund Sterling, was angesichts der gestiegenen Preise ein
gewaltiger Rückschritt ist. Nimmt man z. B. einen wichtigen Wie-
derausfuhrartikel Englands, das Zinn, so ergibt sich, daß die Union
im Jahre 1910—14 57700000 Gewichtspfunde aus England, nur
38000000 aus den Strait direkt einführte, im Jahre 1923 25,0 Mil-
lionen aus England, dagegen 105 Millionen aus den Straits direkt.
Der Rückgang des europäischen Wiederausfuhrgeschäftes ist also
ein wichtiger Faktor in der Reihe der Enteuropäisierungstendenzen.
Zu wichtigen Konkurrenzwaren überseeischer und europäischer
Wettbewerber auf dem Markte der Union nach dem Kriege haben
        <pb n="93" />
        86 a Die Enteuropdisierung der amerikanischen Ausfuhr
sich entwickelt: Papier durch die stärkere Versorgung aus Kanada,
Zucker durch die Rohrzuckerkonkurrenz Kubas, Seide durch Her-
vortretens Chinas und Japans, ebenso Porzellan durch die japa-
nische Konkurrenz.

Über die Steigerung der Weltversorgung mit Fertigwaren durch
die Vereinigten Staaten unterrichtet folgende Tabelle, welche die
prozentuale Beteiligung der Erdteile an der Fabrikatausfuhr wieder-
gibt. Es exportierten die Vereinigten Staaten von ihrer Gesamtaus-
fuhr an Fertigwaren:

1910—1914 (Durch-
schnitt)

1922

f
tn
nach Europa. ......
Nordamerika ....
Südamerika. ....
Asien und Australien.
Afrika .

31.9
36,8
12,7
1 * 3

20,3
31,3
12,8
23,9

27

Trotz der durch den Rückgang des prozentualen Anteils Kanadas
gegebenen Verschiebung zeigt sich auch hier die Enteuropäisierungs-
tendenz aufs Deutlichste. Sie wird vor allem durch die starke Zu-
nahme der amerikanischen Fabrikatausfuhr nach Asien und Austra-
lien gekennzeichnet, die im Jahre 1910—14 durchschnittlich erst
106 Millionen Dollars, dagegen im Jahre 1923 309 Millionen Dol-
lars betrug, während die Ausfuhr amerikanischer Fabrikate nach
Europa nur von 209 auf 379 Millionen Dollars gestiegen war. Die-
ses Ergebnis wird sich ebenso in den Einfuhr-Verteilungsziffern der
hauptsächlichen überseeischen Kundenstaaten der Union wiederspie-
geln. Als Waren der Union, die auf diesen Märkten hauptsächlich
mit europäischen konkurrieren, seien genannt: Baumwollgewebe und
Strümpfe, landwirtschaftliche Maschinen, Automobile, Lokomotiven,
Schienen in Südamerika, Eisen- und Stahlerzeugnisse, Konstruk-
tionsweisen in Japan, Geräte der verschiedensten Art in Australien,
Automobile, Gummireifen, landwirtschaftliche Maschinen, elektrische
Utensilien in Südafrika.

Für Kanada als Bezugsland spielen zwei Länder die entschei-
dende Rolle: die Vereinigten Staaten und England. Es betrug:
        <pb n="94" />
        Die kanadische Versorgung

87

Gesamteinfuhr
Mill Dollars

Einfuhr nach Canada
aus England |! % laus Ver. Staat.

%
1912— 1913
1923— 1924

671
893.4

138,7 20,7
153,6 17,2

436,9 | 65
601,3 67.3

Zu dieser Allgemeintendenz der Enteuropäisierung der kanadi-
schen Einfuhr tritt die spezielle bei der Fabrikateinfuhr; diese ist
zwar insofern prozentual zurückgegangen, als sie unmittelbar vor
dem Kriege 68,9% ‚der Gesamteinfuhr, 1923 dagegen nur 61,9%
derselben ausmachte. Der Anteil aber der Vereinigten Staaten an
dieser Einfuhr betrug damals 36,6%, heute 32,9%, zeigt also immer
noch eine Überlegenheit gegenüber der Einfuhr aus allen anderen
Ländern, die an Kanadas Versorgung teilnehmen. Auch hier ist die
Entwicklung auf einzelnen Gebieten, die speziell einen wettbewerb-
lichen Charakter zwischen Amerika und Europa an sich tragen,
charakteristisch: so deckte z. B. Kanada seine Baumwollwaren-Ein-
fuhr vor dem Kriege mit 61%, im Jahre 1923 nur mehr mit 50%
aus England, während der Anteil der Vereinigten Staaten an dieser
Versorgung von 28% auf 42% gestiegen ist. Bei Seidenwaren ging
die englische von 43 auf 15 zurück, während der Anteil der Ver-
einigten Staaten an der kanadischen Seidenwaren-Einfuhr sich von
15% auf 23% erhöhte.

b) SÜDAMERIKA
Daß die Kriegsverhältnisse gerade das Eindringen nordameri-
kanischer Konkurrenz nach den südamerikanischen Staaten begün-
stigten, ist ohne weiteres begreiflich, da die Union gerade für die-
ses Ländergebiet der nächstliegende Ersatzlieferant ausbleibender
Europawaren war. Nach dem Kriege hat die Verkehrsentwicklung
über den Panamakanal diese Tendenz weiter gefördert. Dies zeigt
sich aus der ständig wachsenden Tonnageziffer der den Panama-
kanal befahrenden amerikanischen Schiffe. Dieselbe betrug im Jahre
1920 3,7 Millionen, im Jahre 1923 10,2 Millionen und im Jahre 1924
bereits 15,8 Millionen Tonnen, mit einem Prozentsatz von 44,4 bzw.
54,9 bzw. 60,4 an der Welt-Gesamttonnage, die diesen Weg nahm.

Über die Verteilung der Einfuhrversorgung südamerikanischer
        <pb n="95" />
        38

Staaten vor und nach dem Kriege geben folgende Ziffern einen ge-
wissen Überblick (Die eingeklammerten Bezeichnungen geben ledig-
lich die Währung an, in welcher die absoluten Ziffern der Wertein-
fuhr berechnet sind):

Die Lieferanten Südamerikas

a) Argentinien:

Prozentanteil an der Gesamteinfuhr
(in Millionen Gold-Pesos)
1913 ' 1923
Vereinigtes Königreich .
Verein. Staaten v. Amerika.
Deutschland .. .
Italien... .,.
Frankreich. . .

Belgien ....
Brasilien. . .

Mexiko ...

Spanien ....

Andere Länder.

37,0
14,7
L6,9
8,3
20
„R
2
03
7
er.

23,8
20,9
13,6
7,8
5,7
52
5,3
1,8
3,5
114

b) Brasilien:

Prozentanteil an der Gesamteinfuhr
(in Pfund Sterling)
1913 1923
Vereinigtes Königreich. .
Verein. Staaten v. Amerika.
Deutschland ....
Argentinien

Frankreich.

24,5
15,7
17,5
7,4
98

26,6
22,2
10,4
12,3

64

c) Chile:

Prozentanteil an der Gesamteinfuhr
(in Millionen Pesos)
1913 1922
Vereinigtes Königreich. .
Deutschland .......,
Verein. Staaten v. Amerika.
Frankreich. . ...
Peru. .

30

24,5

16,7
5,5
4Nn

24,0
14,0
26,8
5,0
2,
        <pb n="96" />
        Deutschland und Südamerika
d) Paraguay:

89

Prozentanteil an der Gesamteinfuhr
(in Gold-Dollars)
1913 1923

Vereinigtes Königreich . .
Deutschland .......
Verein. Staaten v. Amerika.
Argentinien .......
Brasilien. ......
Uruguay .

28,
27
x
Lo
(

227
5,8
15,7
34.4
«x

Diese Aufstellungen scheinen folgende Gesamtentwicklung zu
zeigen: Im Vergleich zur Friedenszeit überall die Tendenz starker
Zunahme des Anteils der Vereinigten Staaten als Lieferanten. Gleich-
zeitig Rückgang der europäischen Anteile, insbesondere desjenigen
Deutschlands und Englands, dagegen Zunahme der inter-südameri-
kanischen Beziehungen. Also als Ganzes unbestritten: eine starke
Enteuropäisierungstendenz. Die wachsenden Austauschbeziehungen
zwischen den südamerikanischen Staaten selbst sind dabei nicht zu
übersehen. So konnte sich Brasilien im Jahre 1923 mit 15% an
der Textilwareneinfuhr Paraguays beteiligen, während es bisher
überhaupt kaum Textilwaren ausgeführt hatte. Andererseits liegen
zahlreiche Berichte gerade aus Südamerika vor, welche eine starke
Erholung des deutschen Ausfuhrhandels dorthin zu melden wissen.
So schreibt der Balfour-Bericht z. B. über Brasilien: „Deutschland
ist im Begriff, seine Exportmengen nach Brasilien rasch zu steigern
und hat bereits heute seine einstige Stellung‘ als ernstester Wett-
bewerber Englands wieder inne. Es hat seine Stellung als haupt-
sächlicher Lieferant von Anilinfarben wiedererobert, die in Anbe-
tracht der Entwicklung lokaler Textilindustrien eine wachsende Be-
deutung gewinnen, außerdem ist es ein ernster Wettbewerber in
Maschinen, verschiedenen Metallwaren, chemischen Erzeugnissen
Erzeugnissen und elektrischen Apparaten.“

c) DER FERNE OSTEN

Japan, China, Indien und Australien scheinen in mancher Bezie-
hung die gleichen kommerziellen Annäherungstendenzen zu ent-
wickeln wie etwa Nord- und Südamerika und die südamerikanischen
Staaten untereinander. Rechnet man hierzu den wachsenden Ein-
        <pb n="97" />
        90 T Veränderungen in Japan
fluß der Vereinigten Staaten in Japan, so ergibt sich ebenfalls eine
starke Enteuropäisierungstendenz. Folgende Ziffern sind für die
Provenienzen der japanischen Einfuhren charakteristisch. Es betrug
in Millionen Yen die Einfuhr:

Vereinigte Staaten von Amerika .
Britisch-Indien. ........
Vereinigtes Königreich. . .
China . 2...

"04

68
75
==

y

1913

122
173
123

“1

1923

; 512
| 306
237
205
Bestand schon vor dem Kriege eine Tendenz, die Einfuhren aus
England zugunsten nichteuropäischer Länder zu vermindern, so hat
der Krieg diese Tendenz ganz erheblich verschärft. Der Wettbewerb
zwischen den Vereinigten Staaten spielt sich heute hauptsächlich
auf dem Gebiete der Motorfahrzeuge und der Maschinen, besonders
elektrischer Maschinen ab. Aber auch in der Lieferung von Eisen-
waren, wie Schwarzblech und Weißblech, dem Erzeugnis der alten
wallischen Tinplate Industry, ist England von Amerika auf dem
japanischen Markt geschlagen worden. Dagegen hat Deutschland
seine Stellung als Lieferant von Teerfarbstoffen, die schon vor dem
Kriege ein sehr wichtiger Bestandteil seiner Japan-Ausfuhr ge-
wesen ist, behauptet. Etwa 85% aller importierten Farbstoffe stam-
men aus Deutschland.

Ganz besonders bedeutungsvoll ist das Anwachsen des indu-
striellen Japans für den indischen Markt und seine Versorgung ge-
wesen, obschon auch hier natürlich das Eindringen Amerikas eine
Rolle spielt. So hat die Einfuhr aus Japan sich geradezu diametral
zu der englischen in der Baumwollgarnversorgung Indiens ent-
wickelt. Der Anteil der Einfuhr von Garnen aus England an der
Gesamtgarneinfuhr ist von dem fast monopolistisch zu nennenden
Prozentsatz von 86% im Jahre 1913/14 auf 47% im Jahre 1923/24
gesunken, während der Prozentsatz des japanischen Anteils an der
samteinfuhr von 2% auf 46% (beide Ziffern nach den Gewichts-
einfuhren berechnet) gestiegen ist. Ebenso hat sich der Anteil an
der japanischen Einfuhr von Baumwollgeweben bei den rohen Ge-
weben von 0,5% auf 13,7% gehoben, während der englische von
98,8% auf 85,2% zurückging. Bei der Einfuhr von Eisen und Stahl
        <pb n="98" />
        Versorgung englischer Kolonien durch Amerika 91
in Indien scheint nach den Angaben des Balfour-Berichtes die we-
sentliche Erhöhung der amerikanischen Einfuhr nicht angehalten
zu haben. Dagegen zeigt sich wiederum bei der Einfuhr von Auto-
mobilen die Zunahme des nordamerikanischen Einflusses. Während
im Jahre 1913/14 von einer Gesamteinfuhr von 2880 allein 1669 auf
englische Provenienz fielen, hat sich bei einer Gesamteinfuhr von
fast 8000 im Jahre 1923/24 die Einfuhr aus England auf nur 1003
gemindert, während aus den Vereinigten Staaten 2865 und aus
Kanada sogar 3290 Automobile eingeführt wurden.)

Für Australien liegen Ziffern vor, welche speziell den Wettbe-
werb solcher Waren betreffen, in denen England — als europäisches
Land, das hier in erster Linie in Betracht kommt — mit anderen
Ländern konkurriert. Bei diesen sogenannten „competitive imports“
Englands nach Australien betrug der englische Anteil im Jahre
1922/23 60,4%, derjenige der Vereinigten Staaten 17,2%, der Japans
3,3%. Im Jahre 1913 hatten die Ziffern gelautet: für englische Ein-
fuhr 63,2%, für amerikanische 14,9%, die japanische war ganz un-
bedeutend gewesen, aber der Anteil Deutschlands an dieser Ein-
fuhr hatte 11,4% betragen, während er jetzt ganz gering ist (im
Jahre 1913 7 Millionen Pfund Sterling, im Jahre 1922/23 nur 573 000
Pfund Sterling!). Also auch hier wird die Enteuropäisierung er-
kennbar, Sehr charakteristisch für die Entwicklung der Enteuro-
päisierung sind die Ziffern für die Südafrikanische Union. Hier
fällt vor allem die Zunahme inter-britischkolonialer Beziehungen
auf. Es betrug am Gesamtwert der Einfuhr (in Pfund Sterling):
% der Gesamteinfuhr
1913 | 10923
aus Vereinigtes Königreich. .
Indien. .......
Canada ......
Australien ....0..00.0000.00.
anderem britischen Besitz ....
Vereinigte Staaten von Amerika
Deutschland . .

544 52,1
2,8 4,2
2,2 3,3
52 3,2
21 3,8
a5 | 12,9
38 50
87) Ähnlich in Ägypten. Die Zahl der aus den Vereinigten Staaten
eingeführten Automobile aller Art steigt von 373 im Jahre 1924 auf
848 im Jahre 1925, die Einfuhr englischer Wagen nur von 37 auf 61,
Economist vom 11. Juli 1925.
        <pb n="99" />
        Beurteilung der Enteuropäisierung

Die Zunahme der inter-kolonialen Einfuhr dürfte hier nicht un-

wesentlich durch das Bestehen der Vorzugszölle gefördert worden

sein, die als „empire preference“ allen britischen Landesgebieten
zugute kommen.

02

Wir haben uns von dem Bestehen der Enteuropäisierungstendenz
der Weltwirtschaft nach dem Kriege überzeugen können. Sie wird
bedingt durch die gesteigerte Selbstversorgung der überseeischen
Länder mit industrieerzeugten Waren während des Krieges und
nachher, durch die zugunsten dieser Länder sich entwickelnde all-
gemeine Lage des Weltmarktes, dessen Bedarf nach überseeischen
Agrarerzeugnissen und monopolistischen ‚Rohstoffen nach dem
Kriege bestehen bleibt, während der Bedarf nach Fertig- und Qua-
litätswaren auf Grund der allgemeinen Wohlstandsschwächung zu-
rückgeht, sie findet einen Schwerpunkt in der finanziellen Erstarkung
der Vereinigten Staaten von Amerika, kommt Europa gegenüber
zum Ausdruck in einer gesteigerten industriellen Konkurrenz der
neuen Industrieländer auf dritten Märkten über See, wobei sie durch
das System der finanziellen Protektion dieser Märkte durch die Ver-
einigten Staaten und durch das Bestehen des inter-kolonialen Vor-
zugszollnetzes der britischen Besitzungen verstärkt wird. Wir ha-
ben nunmehr noch zu erörtern, welches die Stellung der europäischen
Exportindustrie zu diesen Veränderungen ist und möglicherweise
sein wird.

3. DIE STELLUNG DER EUROPÄISCHEN EXPORTINDUSTRIE ZU DEN
VERÄNDERUNGEN DES WELTMARKTES
In der stärkeren Industrialisierung überseeischer Gebiete und der
damit hervorgerufenen Enteuropäisierungstendenz würde unter nor-
malen Verhältnissen weltwirtschaftlicher Entwicklung kein Grund
zu besonderer Besorgnis europäischer Industrieländer liegen. Eine
Industrialisierung zivilisierter Territorien über See läßt Sich heute
ebensowenig aufhalten wie im 18. Jahrhundert, als die wirtschaft-
liche Verselbständigung der nordamerikanischen Staaten die Trieb-
feder zu ihrer Losreißung von England bot. Kein Land mit steigen-
der innerer Zivilisation wird auf die Dauer die Rolle des bloßen
        <pb n="100" />
        93
Nahrungsmittel- und Rohstoifexporteurs spielen wollen und es ist
niemals ein Zeichen sich verringernder Kultur, sondern steigenden
Kulturehrgeizes gewesen, wenn die Verarbeitung und Verfeinerung
der Erzeugungen im eigenen Territorialbereiche erstrebt worden ist.
Die Ausweitung des allgemeinen weltwirtschaftlichen Reichtums,
welche im Laufe des 19. und in den ersten 14 Jahren des 20. Jahr-
hunderts durch diese Entwicklungen über See erzielt worden ist,
kam in Form einer allgemeinen Bedarfssteigerung dieser Gebiete
auch den alten industriellen Kulturländern zugute und es dürfte
kaum irgendein Staat in der damaligen Zeit den Wunsch gehegt
haben, den Fortschritt der neuen Länder irgendwie zurückgeschraubt
zu sehen,

Anders freilich wird diese Lage, wenn der „Fortschritt“ der über-
seeischen Gebiete durch besondere, die normale Entwicklung über-
fNügelnde, ja sie revolutionierende Ereignisse überspannt wird und
gleichzeitig das Äquivalent dieser Entwicklung für Europa ver-
schwindet. Der Krieg und die Nachkriegsereignisse haben der Ent-
wicklung überseeischer Industrien nicht nur einen Anreiz gegeben,
der weit über das Maß der bisherigen normalen Entwicklung hin-
ausging, dessen Wirkung dann noch durch besondere Mittel staat-
licher Fürsorge perpetuiert worden ist, sondern sie haben gleich-
zeitig auch den Ausgleich dieser Entwicklung für die europäische
Exportfähigkeit dadurch inhibiert, daß sie eine allgemeine Schwä-
chung der weltwirtschaftlichen Kaufkraft brachten. Die stärkere
Selbsterzeugung der überseeischen Länder und ihre wachsende In-
dustriekonkurrenz auf dritten überseeischen Gebieten konnte also
von Europa nicht dadurch wettgemacht werden, daß seine Industrie
nunmehr in den ihr liegenden Erzeugungen verfeinerter Qualität einen
Ersatz gefunden hätte, Hierin liegt der Schwerpunkt und das Neue
der Entwicklung. Es handelt sich heute tatsächlich um eine Ver-
schiebung der internationalen Absatzverhältnisse zu Ungunsten
Europas, nicht um eine bloße Veränderung derselben.

Freilich ist diese Verschiebung in dem für Europa ungünstigen
Sinne durch das für heute entworfene Bild nicht endgültig bezeich-
net. Wir sind mitten in einer Zeit, in welcher europäische Industrie-
länder zum Teil mit großem Erfolg um die Wiedereroberung dritter
Märkte kämpfen. Daß hierin die deutsche Industrie einen beträcht-

Die Nachteile für Europa a
        <pb n="101" />
        94 Amerikanische Technik
lichen Erfolg aufzuweisen hat, ergibt sich aus vielen, aus dem Bal-
four-Bericht herauszulesenden Angaben.88)

Allein andererseits und so sehr man diesen Tendenzen auch Be-
achtung schenken wird, es muß angenommen werden, daß von den
zuvor geschilderten Enteuropäisierungstendenzen auf überseeischen
Märkten ein gut Teil Bestand haben wird. Dazu ist der Zeitraum,
in welchem sich die dortigen Industrien und ihre Exportfähigkeit
entwickeln konnten, lang genug, die Preisbildung günstig genug
gewesen und der heutige Zollsatz stark genug.

Was verbleibt der europäischen Groß-Exportindustrie? Es gibt
in heutiger Zeit viele, welche das Heil in einer stärkeren Anpas-
sung der europäischen Industrie an amerikanische Produktions-
methoden sehen. Um ein Beispiel herauszugreifen, sei ein Aufsatz
des ehemaligen badischen Finanzministers Dr. Dietrich genannt, in
welchem es unlängst unter dem Titel „Wege deutscher Wirtschafts-
politik“ hieß:

„Für Gewerbe und Industrie vollends gilt es, das Wettrennen
mit der fortgeschrittenen amerikanischen Technik aufzunehmen, das
heißt, die Arbeitskraft besser zu nutzen, sie durch Maschinen zu
ersetzen, die Maschinen zu vervollkommnen, die Qualität des Pro-
duktes zu heben und die Ausnützung der Rohstoffe, insbesondere
der Kohle, in ungealinter Weise zu steigern.8?)

Sehen wir davon ab, daß in dieser Zusammenstellung guter Rat-
schläge schon insofern eine Unlogik liegt, als es jedem Kenner der
industriellen Erzeugung seltsam vorkommen wird. wenn man rät.
88) Vgl. Survey of Overseas Markets, S. 469, über Argentinien: „Im
Jahre 1922 hat Deutschland in Argentinien viel von seinem verlorenen
Geschäft wiedergewonnen, besonders in Eisen- und Stahlwaren. ... In
den ersten neun Monaten 1922 sandte Deutschland nicht weniger als
44000 Tonnen Stahl nach Argentinien.“ Über Brasilien S. 475: Vgl. das
Zitat auf S. 89. Über Japan S, 413: „In Wollgarnen gewinnt Deutsch-
land seine Vorkriegsstellung wieder.“ Über China S. 397: „Deutschland
holt seine Vorkriegsvorteile auf dem Gebiete elektrischer Maschinen
und Ausrüstung rasch ein.“ Für die Vereinigten Staaten vgl. S. 452
bis 453. Über Ägypten S. 232: „Der Handel mit Wollwaren ist jetzt so
gut wie ganz in den Händen von Deutschland, Italien und Indien. . . .“
Ebenso in Wollwaren für Britisch-Indien S. 291: „Steigende Einfuhr
von deutschen Tuchen.“

89) Vgl. Berliner Tageblatt vom 17. Mai 1925, dazu meine Erwide-
rung am 23. Mai. A. A.
        <pb n="102" />
        9
durch Anwendung der amerikanischen Technik unter anderm „die
Qualität des Produktes zu heben“. Gerade in der heute noch be-
stehenden Unmöglichkeit, hochwertige Qualitätswaren herzustellen,
liegt — auch nach dem Balfour-Bericht — für europäische Indu-
strien die unbegrenzte Möglichkeit in den Vereinigten Staaten.%)
Eine Verwechslung der durch mechanisierte Arbeitsteilung verbil-
ligten Massenerzeugung mit „Qualitäts‘“-Verbesserung wäre verhäng-
nisvoll. Aber — davon zunächst abgesehen — ist es sehr fraglich,
ob die Anwendung amerikanischer Mechanisierungsmethoden in
Europa angebracht sein würde. Sie sind in den Vereinigten Staa-
ten durch ganz bestimmte Umstände bedingt, die in Europa vor
der Hand noch fehlen. Dazu gehört das Vorhandensein eines ein-
heitlich abgeschlossenen Massenabsatz-Marktes im Lande selbst, die
Zerschlagung der Erzeugungsprozesse in weit voneinander entfernt
liegende Zentren, sowie die Trennung (Dezentralisierung) von Er-
zeugung- und Konsumstätte in einem in Europa ungekannten Maß-
stab. Beides hatte in Amerika die Konzentration sowohl der Er-
zeugung wie des Bedarfs zur Folge, schuf damit erst die Möglich-
keit des amerikanischen Riesenbetriebs, der seine Massenerzeugung
auf weite Entfernung an einen zentralisierten und standardisierten
Bedarf absetzt, während in Europa der Bedarf zum großen Teil
lokal zersplittert ist, durch Geschmack und Volkscharakter diffe-
renziert erscheint und daher gar nicht einer Massenbefriedigung
unterworfen werden kann. Dazu kam in Amerika der Druck, die
teure Arbeit durch arbeitsparende Maschinerie wo und wie irgend-
möglich zu ersetzen. Alles das hat der amerikanischen Technik ihr
spezifisches Gepräge gegeben.®!) Selbstverständlich wird man auch
in Europa alles tun müssen, um technisch nicht „rückständig“ zu
bleiben. Aber von dieser Forderung grundverschieden ist die Tat-
sache, daß fortgeschrittene Technik kein „Selbstzweck“ ist, sondern
daß ihre Anwendung durchaus von ihrer rentablen wirtschaftlichen
Verwertbarkeit abhängt. Wo die Bedingungen einer Verapparatung
des wirtschaftlichen Lebens gegeben waren, hat die Union früh-
zeitig auch in Europa Märkte erobert. wie etwa auf dem. Gebiet

Ihre Anwendbarkeit in Europa

90) a. a. O. S. 456,
91) Vgl. Levy, Die Vereinigten Staaten als Wirtschaftsmacht. 1923.
S, 54411.
        <pb n="103" />
        36

der Schreib- und Rechenmaschinen, der Registrierkassen, später in
billigen Automobilen usw. Wo die wirtschaftlichen Bedingungen
fehlten, hat auch die amerikanische Konkurrenz keinen Erfolg ge-
habt; so ist der Versuch, amerikanische Lokomotiven in England
einzubürgern, seinerzeit erfolglos verlaufen, weil die amerikanischen
Lokomotiven bei der völlig anders gearteten Struktur des englischen
Verkehrs und Verfrachtungsvolumens keine ausreichende Ausnützung
fanden.

Es ist aber von vorneherein irreführend, wenn man die Vereinig-
ten Staaten von Amerika und andere überseeische Industrie-Neu-
länder, wie etwa Kanada, oder einzelne Erzeugungen solcher Län-
der, wie etwa die Gewebeerzeugung Britisch-Indiens, in eine gleiche
Linie mit der „europäischen Konkurrenz“ stellt. Man scheidet da-
mit das für die Zukunft der Konkurrenzverhältnisse wichtigste Mo-
ment der industriellen Differenzierung aus.

Gerade in dieser Hinsicht haben die Untersuchungen des Bal-
four-Ausschusses ein außerordentlich interessantes Material gelie-
fert, das dem Wissenschaftler Unterlagen gibt, die er von sich aus
nicht zu beschaffen in der Lage wäre. Diese Unterlagen weisen
übereinstimmend darauf hin, daß der europäischen Exportindustrie
die Märkte der verfeinerten Erzeugnisse heute auch über See so
gut wie restlos verbleiben, und zwar trotz steigender „Selbstversor-
gung“ und bei selbst höchsten Zolltarifen. So schreibt der Bericht
über den europäischen Wettbewerb in den Vereinigten Staaten:

„Es besteht ein weites Gebiet verschiedener Waren, die je nach-
dem als Modewaren oder Luxusgüter bezeichnet werden, für welche
die Vereinigten Staaten als großer Käufer trotz der Belastung durch
den Zolltarif in Frage kommen. Die gesteigerte Kaufkraft des ame-
rikanischen Volkes (hierunter ist die „relativ“ gesteigerte Kaufkraft
zu verstehen, denn sie würde bei einer anders gearteten Preisbil-
dung in der Weltwirtschaft weit beträchtlicher gestiegen sein,
d. Verf.) ist stark genug gewesen, um eine wachsende Nachfrage
nach eingeführten Waren von hoher Qualität zu schaffen (hier-
unter befinden sich Porzellanwaren, Steingutwaren und Glas, hoch-
wertige Erzeugnisse von Baumwoll- und Wollgeweben, Mode- und
Leinenwaren, Lederspezialitäten, Sportartikel und gewisse Konser-
ven). Die Vereinigten Staaten sind der Markt größter Kaufkraft

Konkurrenzfähigkeit Europas
        <pb n="104" />
        97
und einem sehr hohen Lebensstandard. Als potentieller. Käufer
hochwertiger Waren, welche die europäische Industrie liefern kann,
weisen sie unbegrenzte Möglichkeiten auf.“

Mit den Absatzverhältnissen in Britisch-Indien liegt es ähnlich.
Die heimische indische Textilindustrie muß sich zunächst auf die
Herstellung gröberer Erzeugnisse beschränken, wenngleich dies na-
türlich einen Ausfall für die bisherigen europäischen Lieferanten
bedeutet. In Garnen ist die Eigenproduktion von Nummern über
40 minimal, in den Nummern 20—40 halten sich im Wettbewerb
England und Japan die Wage, dagegen beherrscht. England die Ein-
fuhr von feinen Garnen vollkommen. Ebenso verbleibt ihm die Be-
friedigung des verfeinerten Bedarfes an Geweben. Nur, daß hier
die Senkung der allgemeinen Kaufkraft Indiens im Wege liegt. „Die
größten Konsumenten britischer Textilien,“ so schreibt der Balfour-
Bericht, „sind die oberen Klassen und die Geschäftsleute der Städte
und Dörfer, während die eigentlich ländliche Bevölkerung sich mit
den Stoffen kleidet, die in den Fabriken Bombays gewebt werden.
Die englische Textilindustrie ist also für erweiterten Absatz haupt-
sächlich daran interessiert, daß der Lebensaufwand der städtischen
Bevölkerung sich hebt und dies muß wieder von einer Erweiterung
indischer Gewerbe und indischen Handels abhängen.“ Man er-
kennt: selbst ein Bericht, der gewiß der englischen Industrie wohl
will, vertritt die gesteigerte industrielle Entwicklung eines über-
seeischen Landes als Grundlage steigenden Absatzes auch für die
Industrie Englands. Auch für die japanische Textilindustrie zeigt
es sich, daß sie in feineren Erzeugnissen auf den Märkten des fernen
Ostens mit Europa nicht konkurrenzfähig ist. „Während die feineren
Erzeugnisse und die Fertigfabrikation wohl infolge wachsender Er-
fahrung qualitativ verbessert wurden, ist von vorneherein nicht zu
erwarten gewesen, daß sie sich Erzeugnissen der alten Industrie-
länder ebenbürtig zeigen würden“, schreibt u. a. der Balfour-Bericht
über die japanische Konkurrenz,

Auch hier wäre es natürlich verhängnisvoll, wenn die Industrien
der alten Europaländer plötzlich nur mehr auf „Qualität“ einge-
stellt sein sollten. Aber diese scharfe Scheidung hat der Weltkrieg
keineswegs gebracht. In den Vereinigten Staaten von Amerika mag
die Tendenz, die europäische Einfuhr nur auf verfeinerte Waren zu

Levy, Weltmarkt

Die Kaufkraft Indiens
        <pb n="105" />
        D8 Umstellung der europäischen Industrie?
begrenzen, am stärksten sein. Auf anderen Märkten der Welt fühlt
die europäische Großindustrie wohl die heftige Konkurrenz nach
dem Krieg entstandener oder gekräftigter Stapelerzeugungen an-
derer Weltgebiete, aber von einer Verdrängung und einer bloßen
Isolierung auf hochwertige Waren kann nach unseren Ergebnissen
keine Rede sein. Wohl aber läßt sich etwas anderes behaupten:
daß nämlich überall da, wo die europäische Exportindustrie diesen
Verdrängungsprozeß in seinen Anfängen verspürt, sie schon zu
einer Zeit, in welcher sie noch auf den früheren Gebieten Erfolge
hat, aber immerhin unter dem wachsenden Druck ihrer ungünstigen
Wettbewerbsverhältnisse leidet, darauf bedacht sein soll, rechtzeitig
die Erweiterung anderer Erzeugungen und den Übergang zu ver-
feinerten Produktionen zu suchen. Nicht die Konkurrenz in den
Stapelindustrien mit den neuen Industriemächten sollte das Augen-
merk der europäischen, insbesondere auch der deutschen Groß-
industrie absorbieren, sondern der weit hoffnungsvollere Gedanke
einer Sicherung der Konkurrenz auf Gebieten, die noch für längere
Zeit spezifische Anforderungen an die europäische Produktionsweise
stellen. werden, Auch aus diesem Gesichtspunkte heraus wäre eine
Forzierte Umstellung der europäischen Industrie auf amerikanische
Technik und Methode verhängnisvoll. Sie würde die europäische In-
dustrie auf einem Gebiet zu stärken suchen, auf welchem ihre Ab-
satzchancen geringer werden müssen und sie gleichzeitig durch die
Mechanisierung und Schablonisierung der Erzeugung auf den Ge-
bieten schwächen, denen auch über See noch die europäische Zu-
kunit gehört,

Außerordentlich interessant ist, was Mr. E. T. Pickard, der Vor-
stand der Textilabteilung des U. S. Department of Commerce über
„Die Stellung der Baumwollwaren im Export der Vereinigten Staa-
ten“ im Manchester Guardian Commercial vom 20. August 1925,
S. 185 ausgeführt hat. Er schreibt u. a.: „Die Fähigkeit der Ver-
einigten Staaten, Waren für fremde Märkte zu erzeugen, liegt in
denjenigen Typen, die in Massen zu möglichst geringen Arbeits-
kosten erzeugt werden können. Kein Zweifel, daß für diese Waren
ein sehr beträchtlicher Markt verbleiben wird. ... Wir können wohl
auch Stoffe herstellen, die unserer Standarderzeugung nicht ent-
sprechen, aber nur zu Kosten, welche den Wettbewerb mit Ländern,
        <pb n="106" />
        England und die europdischen Märkte 99
deren Erzeugung auf einer differenzierteren Basis aufgebaut ist,
ausschließen.“

Vor allem aber ist noch daran zu erinnern, daß die Enteuropäisie-
rungstendenz für die europäischen Märkte nicht oder jedenfalls
nicht annähernd in dem Maße gilt wie für über See. Wir lassen hier-
bei die größere Abhängigkeit von überseeischen Nahrungsmitteln
auf Grund des Fortfalls bzw. der Verminderung russischer, rumäni-
scher und ungarischer Exportüberschüsse außer Betracht, da diese
mit der speziellen Enteuropäisierung des Industrieweltmarkts nichts
zu tun hat. Da freilich die europäischen Märkte in ihrem Handels-
verkehr untereinander nicht einfach als Fabrikatimportmärkte an-
zusprechen sind (vor allem weil sie von der Zufuhr von Kohle und
Erzen untereinander abhängig sind), so ist natürlich aus den Ziffern
des Anteils europäischer Länder an der europäischen Einfuhr nicht
ein exaktes Bild über die Beteiligung europäischer Industrie-Expor-
staaten an der europäischen Industriewarenversorgung herzuleiten.
Immerhin dienen folgende Ziffern dazu, zu zeigen, daß man bezüg-
lich des Handels des wichtigsten Exportstaates der Welt auf dem
Gebiet der industriellen Fabrikation, Englands, die Enteuropäisie-
rungstendenz auf europäischem Gebiet nicht gleich jener auf über-
seeischem Gebiete erkennen kann. Es betrug der Anteil der Einfuhr
aus England am Gesamthandel der einzelnen genannten Länder:

Länder

Holland ‚.....
Beigien ...
Frankreich .
Schweiz . .
Deutschland
Dänemark .
alien... .-
Schweden . ...
Norwegen

*\ 1074

1913 | 1923
0)

LTE

8,70
10.27
13.24

5,87

8,1%
5,7
16,2”
24,45
24.75

15,34
16,69
16,17
8,11
9,06*)
20,05
12,73
21,96
21 QR8

MT ll
Länder "1913 | 1023
Ver. Staat. v. Amer. .
Canada ......
Südafrika. .....
Neuseeland ....
Australien . . .
Japan .......
Siam. .......
Argentinien ...
Brasilien. . .
Chile.

16,30
21,36
56,77
61,08
52,37
14,71
21,55
31,06
74,47
30.02

10,66
17,21
53,76
51,93
51,93
12,29
16,42
22,68
26,49
2300

Man möge bei diesen Ziffern wohl berücksichtigen, daß vielfach die
Steigerung des Anteils der Einfuhr aus England teilweise auf die
Minderung anderer europäischer Einfuhren, also nicht unbedingt auf
u
        <pb n="107" />
        100

das Nachlassen außereuropäischer, zurückzuführen ist. Aber an-
dererseits ist der Kontrast zwischen den in der Mehrzahl überaus
erheblichen Minderungen des englischen Prozentanteils an der Ein-
fuhrziffer überseeischer Länder und dem überwiegend erheblichen
Steigen des englischen Einfuhranteils in Europa doch groß genug,
um die Annahme zu rechtfertigen, daß die Absatzlage in Europa
von der Enteuropäisierungstendenz der überseeischen Industriever-
sorgung nicht oder zumindest nicht in gleicher Weise ergriffen wor-
den ist. Die Entwicklung der Fabrikatexportziffern der Vereinigten
Staaten, die wir an anderer Stelle gegeben haben, deuten auf das
gleiche Resultat, indem sie eine Senkung des Anteils dieser Ausfuhr
nach europäischen Gebieten zugunsten anderer Gebiete, mit Aus-
nahme Kanadas, zeigten. Unzweifelhaft bleibt also der europäische
Markt eine starke Grundlage der europäischen Industrie. Um so
mehr muß diese bedacht bleiben, bei allem Interesse für technischen
Fortschritt, die im differenzierten Bedarf dieses Erdteils bestehende
Eigenart nicht zu zerstören, — was bei einer Amerikanisierung der
Industrie, die ohne Amerikanisierung des Bedarfs undenkbar ist,
leicht geschehen könnte. Denn (damit würde dann freilich den
Amerikanern als den ersten auf dem Felde der Standardisierung
und Typisierung das Eindringen in Europa erleichtert werden, wäh-
rend die Vernachlässigung der hochwertigen, noch relativ stark auf
Handarbeit, individuellem Können, besonderen Dessins, künstle-
rischer Ausstattung und angewandter Wissenschaftlichkeit beruhen-
den Erzeugungen den europäischen Ländern gerade denjenigen Er-
folg nehmen würde, der ihnen heute noch die überseeischen Märkte
öffnet und sie ihnen auch bei wachsender Selbstversorgung der über-
seeischen Länder am ehesten zu erhalten vermag.

Aussichten
        <pb n="108" />
        Falsche Prognosen
10°

V. ZUSAMMENFASSUNG UND PERSPEKTIVEN

Es war unsere Aufgabe, die Lage des Weltmarktes von 1913
und heute im Zusammenhang mit der Desorganisation der Welt-
wirtschaft zu zeichnen, die Ursachen derselben aufzudecken und
die Verschiebungen klarzulegen, welche sich im Kampf um die
internationalen Absatzgebiete seit Friedenszeiten. vollzogen haben.

Die erste Aufgabe war einfach. Die Abnahme des Welthandels-
volumens (im allgemeinen wie in speziellen Zweigen), die Arbeits-
losigkeit in den einzelnen Ländern, die Stillegung von Fabriken und
die Kurzarbeit, die internationale Teurung, die Zerrüttung der Wäh-
rungsverhältnisse bei der Mehrzahl der Länder, das Aufliegen gro-
ßer Teile der Welthandelsflotte bilden neben anderen, weniger be-
deutsamen Tatsachen die Anzeichen für die desorganisierte Lage
der Weltwirtschaft und des Weltmarkts. Hätte jemand im Jahre
1913, ja selbst noch im Jahre 1915 prophezeit, daß dieses das Bild
der. Weltwirtschaft nach zehn Jahren sein werde, man hätte ihn
gewiß für einen hoffnungslosen Hypochonder gehalten, gleichzeitig
aber die Folgerung abgeleitet, daß ein solcher Zustand geradezu die
Vernichtung allen internationalen Reichtums bedeuten werde. Dies
ist nicht der Fall gewesen. Merkwürdig und fast an die unmöglich
scheinenden Leistungen im Kriege erinnernd ist es, daß die Welt-
wirtschaft trotz aller ihr gewordenen Einbrüche nicht so lahmgelegt
erscheint, wie man es in normalen Zeiten angenommen hätte, in
welchen im Vergleich zu heute minimale Preissteigerungen, gering-
fügige Absatzschwankungen oder sonstige Veränderungen im Ver-
kehr der Länder miteinander größte Besorgnis auszulösen pflegten.
Auch hier scheint es, daß wie im Leben des Menschen, so auch im
Leben der Volkswirtschaften die Existenzenergie stärker ist als die
von außen kommenden Erschütterungen.

Aber schon schwieriger war es, diesem Bilde die ursächlichen
        <pb n="109" />
        102 Die Übererzeugung
Zusammenhänge beizufügen, welche die heutige Desorganisation
der Weltwirtschaft bedingen.

Während des Krieges zerbrach man sich den Kopf über seine
mutmaßlichen wirtschaftlichen Folgen. Günstiges erwarteten wohl
nur wenige Heißsporne. Die Meinungen gingen dahin auseinander,
daß die einen eine Verknappung der Versorgung nach dem Kriege
auf Grund starker Nachfrage (geräumte Bestände, Warenheißhunger)
der einzelnen Länder ebenso bestimmt erwarteten, wie andere auf
Grund der stark gesteigerten industriellen Expansionsgehäuse eine
nach einer Übergangszeit rasch wieder normal werdende Versor-
gung, ja sogar eine Überproduktion annahmen.

Nach unseren Ergebnissen möchte man fast sagen, daß beide
Meinungen recht und unrecht behalten haben. Es hat unzweifelhaft
seit dem Jahre vor dem Ausbruch des Weltkriegs das industrielle
Expansionsgehäuse eine bedeutende Erweiterung erfahren. Die theo-
retische Kapazität in der Welt darf heute — ganz besonders auch
auf Grund der starken Erweiterung der Selbstversorgung über-
seeischer Länder mit Industriewaren, dem gewaltigen Erstarken der
amerikanischen, indischen, japanischen, australischen Erzeugung —
beträchtlich höher eingeschätzt werden als vor dem Weltkriege.
Dazu kommen Ersatzfabrikationen aller Art, Neuschaffung von In-
dustrien in den neugebildeten Staaten, Fortschritte in der Technik
der Erzeugung wie der gesteigerten Ersetzung von Kohle durch
Wasserkraft und Elektrizität usw. Trotz allem und allem aber hat
dieser Zustand nicht zu .der erwarteten Übererzeugung und der
daraus gefolgerten Verbilligung führen können.

Im Gegenteil. Das Bild der weltwirtschaftlichen Krisis wird durch
eine Teuerung bezeichnet, deren Niveau an die Preisverhältnisse
längst vergangener Zeit erinnert, die jedenfalls weit hinter der Ent-
wicklung liegen, auf welcher die weltwirtschaftlichen Fortschritte
der 90er Jahre und der ersten 14 Jahre des neuen Jahrhunderts auf-
gebaut waren. Diese Teuerung bei notorischem Ärmerwerden der
Welt, also verringertem Weltbedarf an vielen Waren, und gleich-
zeitig vorhandener potentiell vergrößerter Erzeugung, gehört zu
den Erscheinungen unserer Zeit, die zunächst völlig unklar sind.
Man ist gewohnt aus vorhandener Steigerung der Erzeugungsmög-
lichkeiten und gleichzeitig rückläufigem Nachfragevolumen das Ein-
        <pb n="110" />
        LL 103
setzen einer Absatzkrisis mit Preisbaisse herzuleiten. Das Gegenteil
ist heute der Fall. Ein erneuter Beweis, mit welcher Wucht die
weltwirtschaftliche Desorganisation alle normaler Wirtschaftsweise
entnommenen Gesetzmäßigkeiten abwirft und den Forscher vor neue
und neu zu begründende Tatsachen stellt.

Der Zusammenhang, welcher sich aus dieser zunächst unklaren
Lage ergab, war der folgende: Auf der heutigen Produktionsfähig-
keit der Welt — ganz besonders auch auf der erweiterten über
See — liegen hohe Kosten. In den alten Industrieländern sind es in
erster Linie die folgenden: ungedeckte Ausgaben des Krieges, Schul-
den und Tributzahlungen, sowie aus dem Kriege herrührende Ver-
pflichtungen gegenüber eigenen Bürgern, Invalidenrenten usw.;
höhere Soziallasten als im Jahre 1913; — beide Kostenkomplexe
werden durch Steuern und sonstige finanzielle Mittel abgetragen,
belasten aber letzten Endes Einkommen, Besitz und Erzeugung und
und müssen aus dem Preis der Waren wieder hereingeholt werden,
wenn die Erzeugung aufrechterhalten werden soll; die schon hier-
durch zu erhöhenden Preise verringern von neuem den Bedarf; der
verringerte Bedarf wiederum bedeutet eine relative Erhöhung der
Generalunkosten; die Erhöhung des Kapitalzinses gegenüber früher
in den meisten der alten Industrieländer bedeutet eine weitere Be-
lastung der Erzeugungskosten; desgleichen die Verkürzung‘ der Ar-
beitszeit bei nicht entsprechend möglichem Ausgleich des Arbeits-
ausfalles; selbst also wenn man annimmt, daß die Kosten der Ar-
beit — ausgedrückt durch die Lohnhöhe — nicht über das durch
die Steigerung der Lebenskosten bedingte Maß hinaus gestiegen
sind, sondern sich sicherlich vielfach unterhalb dieses Niveaus be-
wegen, ergibt sich eine Belastung der industriellen Erzeugung von
großer Tragweite. Bei den überseeischen Ländern wird. man nicht
alle jene Kostenbelastungen, immerhin aber ebenfalls eine Reihe
von ihnen vorfinden. Die Erhöhung der Preise landwirtschaftlicher
Maschinen, Geräte und ruraler Verbrauchsgegenstände steigern aber
ferner die Kosten der extensiven Getreide- und Futtermittel- sowie
der Fleischerzeugung; da aber eine große Zahl von überseeischen
Industrien während des Krieges unter der Voraussetzung hoher
Preise, also auch unter entsprechend hohen Kosten, entstanden oder
erweitert worden ist, wird auch nach dem Kriege an Stelle der ver-

Das Kostenproblem a
        <pb n="111" />
        104 Die Teuerung
billigenden Einfuhr die Erhaltung des inneren Preisniveaus durch
Zölle angestrebt, welche auf diese Weise die Produktionskosten der
von diesen Erzeugnissen abhängigen landwirtschaftlichen und son-
stigen Produzenten weiterhin hochhalten.

Diesen gesteigerten Kosten nun steht die ärmer gewordene. Welt
mit ihrer verminderten Kaufkraft gegenüber. Da auf die Dauer der
Preis einer Ware nicht unter die Erzeugungskosten zu sinken ver-
mag, so muß ein Ausgleich dieses Mißverhältnisses stattfinden.
Dieses geschieht in der Landwirtschaft dadurch, daß die Anbau-
Hächen verringert werden; in der Industrie durch eine Verringerung
der. Produktion; diese wiederum vollzieht sich entweder planmäßig
durch eine gemeinsame Aktion der beteiligten Unternehmer oder
sie kommt in der Produktionseinschränkung oder Stillegung der
schwächsten Unternehmungen zum Ausdruck und dokumentiert sich
dann durch Bankerott, Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit. Wir sahen,
daß das Tempo und der Grad der gegenseitigen Preisanpassung
nicht überall der gleiche war. Es bilden sich zeitwillige Diskrepan-
zen zwischen Nahrungsmittelpreisen und Industriewarenpreisen und
unter diesen selbst wiederum Preisscheren zwischen Halbfabrikaten,
Fabrikaten und Detailpreisen. Aber allmählich vereinheitlicht sich
die Linie überall. Die allgemeine Teuerung ist das endgültige Re-
sultat, trotz der im Kriege übersteigerten industriellen Produktions-
gehäuse, die nicht einfach „außer Anbau“ gehen können. Nur die
Seeschiffahrt mit ihren sinkenden Frachtraten macht eine Ausnahme.
Man kann sich noch nicht entschließen, noch mehr Schiffe aufliegen
zu lassen.

Die Folge dieser Verhältnisse, wie sie in der Teuerung ihr Spek-
trum finden, ist die Verengung‘ des Weltmarkts für industrielle Er-
zeugungen. Sie wird durch zwei Umstände wesentlich verschärft,
Erstens durch die in der modernen Weltwirtschaftsgeschichte un-
bekannte Währungszerrüttung. Diese hat nicht nur die unmittel-
bare Wirkung, die Ausfuhr der valutastarken Länder zu behindern,
sie führt mittelbar zu Maßnahmen derselben, welche auf eine Ver-
ringerung der Einfuhr aus valutaschwachen Ländern abzielen. Zwei-
tens bewirkt die nach dem Kriege überall einsetzende Politik des
Protektionismus eine weitere Abschnürung gegenüber industrieller
Wareneinfuhr.
        <pb n="112" />
        — — 105

Der Nachkriegs-Protektionismus

Dieser Protektionismus kommt darin zum Ausdruck, daß der
Eigenerzeugung durch besondere staatliche Maßnahmen, Privilegien,
Steuervergünstigungen, Produktionsprämien (auch die Bevorzugung
bei Submissionen spielt eine Rolle) und vor allem durch erhöhte
Schutzzölle eine besondere Unterstüzung gegenüber der fremden
Einfuhr gewährt werden soll. Es ist nicht zu verwundern, daß diese
Welle der staatlichen Schutzpolitik über die heutige Weltwirtschaft
geht. Sie entspricht nur der Desorganisation derselben. Verfolgt
man die Geschichte der Handelspolitik der letzten 200 Jahre, so
wird man konstatieren, daß alle freihändlerischen Tendenzen sich
aus einer engeren Verflechtung der Wirtschaften miteinander er-
gaben. Mag man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwi-
schen einer freihändlerischen und schutzzöllnerischen Epoche unter-
scheiden, — beide sind im Vergleich zu dem merkantilistischen Sy-
stem des 18. Jahrhunderts „freihändlerisch“ gewesen. Die neomer-
kantilistische Eigenart jener zweiten Epoche tritt weit hinter dem
zurück, was in dem Augenblicke eintrat, als die Weltwirtschaft des-
organisiert, die internationale Arbeitsteilung durch Teuerung und
Verarmung gelockert wurde. Fast alle Mittel der alten Merkantil-
politik kehren wieder: Einfuhr- und Ausfuhrverbote, hohe Zölle,
Kontingentierungen der Einfuhr, Flaggendiskriminierung usw. Es
zeigt sich in der Tat, wie sehr die freihändlerische Tendenz der Han-
delspolitik das Bestehen normaler wirtschaftsfriedlicher Verhält-
nisse voraussetzt und wie sehr ein Rückschritt der Weltwirtschaft
auch eine Reaktion gegenüber dem Freihandel bedingt.

Der Nachkriegsprotektionismus zeigt wiederum besondere Nu-
ancierungen. Hier erscheint er lediglich bedingt durch die Auf-
stachelung der nationalen Instinkte, die auf wirtschaftliche
„Verselbständigung“ gerichtet sind, so besonders bei den neuge-
gründeten Staaten in Europa. Dort rechtfertigt er sich durch die
„Notwendigkeit“, im Kriege entstandene Erzeugungen nicht wieder
fallen zu lassen, und stößt hier auf die schon lange bestehende
schutzzöllnerische Einstellung der großen überseeischen Neuländer.
Dabei sind auch hier Wechselwirkungen leicht zu erkennen.
Die Verarmung Europas, stark beeinflußt durch die Verteuerung
überseeischer Lebensmittel und Rohstoffe, zwingt zu einer Ein-
schränkung überseeischer Bezüge, so weit dies angängig ist. Diese
        <pb n="113" />
        106 Die Schraube ohne Ende
Tendenz löst wiederum eine Verstärkung des überseeischen Bestre-
bens aus, einen größeren Teil der erzeugten Rohstoffe selbst zu
verarbeiten. Das bedeutet zunächst wiederum erhöhte Schutzzölle,
damit weitere Steigerung der heimischen Erzeugungskosten und der
Konsumbelastung und damit auch wiederum erhöhte Kosten für
den landwirtschaftlichen Erzeuger, womit der Kreislauf und die
Schraube der weltwirtschaftlichen Verteuerung von neuem beginnt.
Wenn heute z.B. in den Vereinigten Staaten berichtet wird, daß ge-
waltige Massen von Negern aus ihrer bisherigen landwirtschaft-
lichen Beschäftigung im Süden in die Industrien des Nordens ab-
wandern (man schätzt die Zahl der nach dem Krieg bis 1923 ab-
gewanderten Neger auf 500000)°?), so bedeutet das eine Schwä-
chung des ländlichen Arbeiterangebots, was unbedingt in einer Er-
höhung der ländlichen Löhne und der Kosten der Bewirtschaftung
zum Ausdruck kommen muß. In dem Maße, wie sowohl die ameri-
kanische Union wie Australien nach dem Kriege drakonische Maß-
nahmen gegen die Einwanderung erlassen haben, muß also die stär-
kere Industrialisierung die wirtschaftliche Lage der Landwirtschaft
ungünstig beeinflussen.

Die Ursachen der heutigen Desorganisation der Weltwirtschaft
und der durch sie herbeigeführten Ungunst der Weltmarktslage lie-
gen also klar zutage. Sie sind alle bedingt durch Ereignisse und
Entwicklungen, welche mit dem Weltkrieg zusammenhängen. Aber
die Frage entsteht: inwieweit hat die Politik und Wirtschaftspolitik
der Staaten, die weltwirtschaftlich interessiert sind, diese ungün-
stige Entwicklung verstärkt, inwieweit hätte sie die Möglichkeit ge-
habt, sie zu vermindern?

Unzweifelhaft hat beim Abschluß der „Friedens‘“verträge der
weltwirtschaftliche Gesichtspunkt und die Rücksichtnahme auf den
Weltmarkt eine höchst subalterne Rolle gespielt. Die „Sieger“staa-
ten und ihre Schützlinge sahen jeder für sich in der Tatsache ihres
Sieges einen so überragenden Vorteil gegenüber der übrigen Welt,
daß wirtschaftliche Skrupel ausscheiden mußten. Koloniale Macht-
erweiterung, territoriale Vergrößerung, die Vernichtung bisher ge-
fürchteter Wettbewerber schienen wirtschaftliche Vorteile genug, um
92) Vgl. „Labour Supply in the South“. American Cotton Number
a. a. O0. 5.31.
        <pb n="114" />
        Wirkung des Dawes-Abkommens

Ws
etwaige Schwierigkeiten im Funktionieren der internationalen Ar-
beitsteilung für die betreffenden Länder auszugleichen. Man glAubte'
an eine Krisis in den besiegten Ländern, nicht aber an eine.chronische
Weltwirtschaftskrisis. Erst allmählich hat sich zweierlei gezeigt:
erstens daß man nicht große Wirtschaftsstaaten aus dem Züsammen-
arbeiten der Weltwirtschaft herauslösen kann, ohne die an der Welt-
wirtschaft beteiligten Gesamtstaaten zu schädigen. Zweitens: daß
eine Reihe von ungünstigen Tatsachen, die man zunächst als Son-
derbelastung der besiegten Länder betrachtete, auch zu Lasten der
Siegerländer, ja aller Länder der Welt fallen. Diese Tatsachen zu
beseitigen, wäre Aufgabe einer Politik der Staaten gewesen, die über
den Rahmen ihres Sonderinteresses hinaus, wohl aber zu dessen
mittelbarem Vorteil, die Verhütung einer Weltwirtschaftskrisis an-
gestrebt hätten.

Grundlegend bleibt die Notwendigkeit, die weltwirtschaftlichen
Erzeugungskosten wieder zu reduzieren. Dies kann teilweise da-
durch geschehen, daß der wichtige Faktor der internationalen Ver-
schuldung einer Revision unterworfen wird. Denn diese Verschul-
dung zugunsten eines neuen Gläubigerlandes, das einen großen Teil
seines Reichtums thesauriert, ist vielleicht das Grundlegendste aller
bestehenden weltwirtschaftlichen Übel. Sie muß sich immer wieder
in den verschuldeten Ländern in neuen steuerlichen und finanziellen
Belastungen auswirken, die letzten Endes die Produktion treffen
und deren Erzeugungskosten erhöhen. Der Dawes-Plan ist von der
Absicht beseelt, eine Bereinigung der Schuldverhältnisse zu erleich-
tern. Aber der politische Zwang, unter welchem er steht, läßt ihn
nicht zu einer wirklich befriedigenden Lösung kommen. Im Gegen-
teil. Die Deutschland durch ihn aufgebürdeten Lasten zwingen das-
selbe zu einer Steigerung der Erzeugung, zu einer Stimulierung
seiner Ausfuhr, von der es zweifelhaft ist, ob sie augenblicklichen
Bedürfnissen des Weltmarktes entspricht. Die Schwierigkeiten, den
Absatz des übersteigerten Industriegehäuses der Welt zu lohnenden
Preisen los zu werden, begegneten uns häufig genug. Die Übererzeu-
gung in der Welt ist sowohl durch das Bestreben der neuen Staaten,
sich möglichst alle Industrien der alten anzueignen, ebenso ver-
stärkt worden, wie es durch das Streben des besiegten Deutschlands
verstärkt werden muß, um jeden Preis das Verlorene wieder auf-
        <pb n="115" />
        108
zubauen. So wünschenswert dieses Streben dort ist, wo es sich mit
den Bedürfnissen der Weltwirtschaft im Einklang befindet, so ge-
fährlich kann es werden, wenn es lediglich unter dem Druck politi-
scher Verhältnisse erfolgt, wie es beim Dawes-Plan der Fall ist. Es
ist durchaus verständlich, wenn die europäischen Wettbewerber
Deutschlands die Erfüllung des Dawes-Abkommens als eine Ge-
fahr wirtschaftlicher Art ansehen.%)
Eine weitere Voraussetzung weltwirtschaftlicher Gesundung ist
in dem Abbau des Schutzzollsystems zu.erblicken, wie es sich als
Folgeerscheinung des Weltkrieges so wesentlich verschärft hat. Die-
ser übersteigerte Protektionismus bedeutet nichts weiter, als daß die
Tatsache des rückläufigen internationalen Warenaustausches, welche
eine Ursache der Teuerung und der Produktionskostenerhöhung ist,
noch besonders intensiviert wird. Schutzzölle bedeuten, soweit sie
nicht reine Erziehungszölle sind, niemals eine Herabminderung der
Erzeugungskosten, sie bedeuten im Gegenteil eine Versorgung des
heimischen Marktes zu erhöhten Kosten. Damit verengt sich von
neuem die Kaufkraft der Innenmärkte, damit sinkt von neuem
die Kaufkraft gegenüber dem Weltmarkt. Wird aber die Po-
sition des Weltmarkts als Lieferant geschwächt, so sinkt auch
automatisch dessen Stellung als Kunde. In dem Maß aber, wie ein
jedes Land mit großer Bevölkerungsziffer heute Industriewaren ex-
portieren muß, um zu bestehen, wirkt diese Tendenz auf lange Sicht
zu seinem Schaden, wie groß auch im Augenblick und vom Stand-
punkt der „nationalen“ Interessen der Vorteil des Schutzzolles er-
scheinen mag. Die Heraufsetzung (oder „Stabilisierung“) der (hohen)
Erzeugungskosten durch Schutzzölle bedeutet ebenso verminderte
Import- wie gleichzeitig verminderte Exportfähigkeit?), also in je-
dem Falle weitere weltwirtschaftliche Schwächung.
Für die neuen Industrieländer aber bedeutet die übertriebene
Hochschutzzollpolitik, wie wir schon andeuteten, einen schweren
Eingriff in die Voraussetzungen und den Gang ihrer natürlichen Ent-

Das Absperrungssystem

93) Im Balfour-Bericht heißt es auf S. 23: ‚„„.. Die Wiederaufrich-
tung Deutschlands und seiner Industrie wird wahrscheinlich, so sehr
sie Voraussetzung beträchtlicher Reparationszahlungen ist, den Wett-
bewerb für England in seiner Stärke außerordentlich steigern.“

94) Vgl. u. a. die ausgezeichneten Ausführungen bei Seringa. a. 0.
8. 77.
        <pb n="116" />
        Weltwirtschaftskonferenz nn

wicklung. Denn bei der bestehenden Gesetzgebung gegen die Ein-
wanderung bedeutet sie, daß Arbeit der ländlichen, des Schutzes
nicht bedürftigen Beschäftigung entzogen wird, um sie der schutz-
bedürftigen Industrie zuzuwenden. Damit leidet hier ohne weiteres
derjenige Zweig der Wirtschaft, der mit „niedrigen“ Kosten arbeitet
zugunsten dessen, der zu „höheren“ Kosten produziert, als es den
Bezugsmöglichkeiten auf dem Weltmarkt entsprechen würde, ge-
wiß eine vom Standpunkt der nationalen Wirtschaft ebenso wie
von dem der internationalen Wirtschaft unwirtschaftliche Verwen-
dung von Arbeitskraft. So schreibt auch der Balfour-Bericht, der
sich jeder politischen Stellungnahme strengstens enthält 95): „Au-
straliens Wachstum als Industrieland ist eine Frage der Produk-
tionskosten, und es ist schwierig zu begreifen, wie ohne Lösung die-
ser Frage der Industrialisierungsprozeß weitergehen soll, es sei denn
auf Kosten der landwirtschaftlichen und Weideinteressen.“ ®)

Der so notwendige Abbau des internationalen Protektionismus
ist.nur denkbar, wenn alle beteiligten Länder in einer gemein-
samen Konferenz zu einer Beratung hierüber zusammentreten, ‚und
wenn eine solche Konferenz der Wille beseelt, die weltwirtschaft-
lichen Schwierigkeiten der Gegenwart durch eine gemeinsame Ak-
tion gegen die Absperrung zu erleichtern. Hier hätten vor allem
die neugebildeten Staaten und Nachfolgestaaten eine wirtschaft-
liche Annäherung an diejenigen Gebiete zu suchen, mit denen sie
Irüher verbunden waren und die heute noch wirtschaftsmäßig ihr
Hinterland bilden oder bilden sollten. Hier hätte ferner eine Klärung
in der allbritischen Zollpolitik zu erfolgen. Politische, zum Teil rein
imperialistische Interessen verbieten es England, sich in die Hoch-
schutzzollpolitik ihrer Kolonien einzumischen. Aus vielen Anzeichen
freilich ist zu erkennen — siehe allein die obige Bemerkung des
Balfour-Berichtes —, daß man in wirtschaftlichen Kreisen die Wirt-
schaftspolitik der Dominions mit großem Bedenken verfolgt. Man
weiß zur Genüge in England, daß die koloniale Präferentialpolitik
für den englischen Exporteur nur ein schwacher Trost bleibt, so

109

95) Vgl. Overseas Markets. S. 352.

96) Ganz ähnlich liest man im Economist vom 1. August 1925 über
Südafrika S. 189: „.., Die Lasten, wie sie jetzt sind (gemeint der Schutz-
zoll), werden auch weiterhin auf Berebau und Landwirte fallen “
        <pb n="117" />
        110 Aufgaben der Konferenz
lange die Kolonien in ihren absoluten Zollskalen sich gerade gegen
den englischen Wettbewerb richten oder, wie wir es bei Austra-
lien sahen, durch Sonderbestimmungen den englischen Veredelungs-
verkehr belasten. Man weiß wohl auch zur. Genüge in England,
welch einseitiges Geschenk eine Präferenzierung englischer Kolo-
nien auf dem Lebensmittelmarkte des Mutterlandes wäre, — da die
Dominions niemals durch gegenseitige Zollermäßigung ihre Indu-
strie dem Wettbewerb Englands preisgeben würden. Andererseits
haben gerade die von uns gegebenen Ziffern über den Anteil der
englischen Ausfuhr am Gesamteinfuhrhandel der Länder gezeigt,
daß heute die Tendenzen einer Steigerung weit günstiger in Europa
erscheinen als anderwärts, England hätte also — als guter Kauf-
mann betrachtet — allen Grund, einer weiteren Verstärkung des Ko-
lonialprotektionismus entgegenzutreten. Aber es fühlt sich durch
imperialistische Imponderabilien von dieser Wirtschaftslinie abge-
lenkt. Immerhin könnten die übrigen Staaten Europas endlich den
Grundsatz geltend machen, daß die kolonialen Präferentialzölle
längst aufgehört haben, mit den früheren Vorzugszöllen kolonialer
Gebiete vergleichbar zu sein und daß es vom Standpunkt der han-
delspolitischen Gerechtigkeit durchaus unangebracht ist, wenn Eng-
land — wie im Handelsvertrag mit Deutschland — eine Meistbegün-
stigung für seine Dominien beansprucht, obschon diese den wich-
tigsten Wettbewerber auf ihren Märkten, England, präferenzieren
lürfen. Eine so durchlöcherte Meistbegünstigung ist in der Tat keine
mehr. Eine Weltwirtschaftskonferenz ist selbstverständlich auch
gleichzeitig das berufene Organ, die Valutazerrüttung der Welt zu
untersuchen und Vorschläge zur Behebung derselben an die wäh-
rungsschwachen Länder zu machen.

Während leider von derartigen gemeinsamen Aktionen — trotz
des wiederholten Rufes nach einer internationalen Wirtschaftskon-
ferenz — wenig zu spüren ist, haben die einzelnen Staaten auf einem
anderen Gebiete eine gemeinsame Regelung versucht, obschon diese
weit eher zu einer Erhöhung als zu einer Minderung der industriellen
Erzeugungskosten führen dürfte. Man ist bestrebt eine Internatio-
nalisierung des Achtstundentages auf Grund des Washingtoner Ab-
kommens und der Bemühungen des internationalen Gewerkschafts-
bundes herbeizuführen. Wir haben zur Frage des Achtstundentages
        <pb n="118" />
        Internationale Arbeitspolitik

bereits Stellung genommen. In einer Zeit allgemeinen Ärmerwer-
dens und außerordentlicher Belastung der Erzeugungskosten er-
scheint eine Maßnahme, die bei dem Fehlen von Ausgleichsmitteln,
zu einer Verringerung der Arbeitsleistung, also einer Erhöhung der
Produktionskosten, führen muß, mon vornherein nicht empfehlens-
wert. Der „internationale“ Charakter der Aktion ändert hieran nichts.
Nicht jede „internationale“ Aktion verbürgt weltwirtschaftlichen Vor-
teil. Dieser tritt vielmehr nur dort ein, wo sich internationale Rege-
lungen auf einer wirklichen Gleichartigkeit und Gemeinschaftlich-
keit der Bedürfnisse aufbauen. Dies ist bei der Arbeit nicht der Fall.
Sie ist je nach der wirtschaftlichen Eigenart der Länder differenziert
je nach dem Lebenshabitus, dem Wohlstand, der natürlichen Veran-
langung der Arbeiter verschieden geartet. Eine Internationalisierung
bedeutet hier nicht eine Kodifizierung bereits bestehender Gleich-
heiten, sondern ein Gleichmachenwollen trotz entgegenstehender
wirtschaftlicher Differenzierungen. Es bedeutet nichts anderes, wenn
Arbeiterschaften unter völlig verschiedenen Arbeitsverhältnissen eine
internationale Festlegung der Arbeitsbedingungen auf Grundlage der
bestgestellten Arbeiter in der Welt verlangen wie etwa, wenn die
Landwirte einen Zollschutz verlangen, um die Ungleichheiten der
Erzeugungskosten zugunsten der teurer Produzierenden auszuglei-
hen. In England hat unlängst ein Ausschuß der parlamentarischen
Arbeiterpartei einen Bericht über das „sweating“-System verfaßt und
ist dabei zu dem erstaunlichen Schluß gekommen, daß man die De-
finition dieses Wortes auf „alle Waren anwenden müsse, die nicht
unter den Arbeitsbedingungen der Arbeitszeitkonvention von
Washington hergestellt seien“, Der Bericht verlangt zur Durchfüh-
ung dieser Konvention die Anwendung des Boykotts gegen „Sswea-
ted“-Waren. Mit anderen Worten, die englische Arbeiterschaft ver-
sucht unter Zuhilfenahme von Zwangsmitteln interstaatlicher Art
den Standard der ihr vorschwebenden und für England bereits be-
stehenden Arbeitsbedingungen auf Länder auszudehnen, die auf
Grund anderer, die Erzeugungskosten der Industrie minder belasten-
den Arbeitsbedingungen der englischen Industrie Konkurrenz ma-
chen können. Es handelt sich um kein anderes Prinzip als das der
nationalen Schutzzölle und seine Anwendung durch Agrarinteressen-
ten oder Industrieunternehmer, Nur, daß hier zum Schutze der hei-

111
        <pb n="119" />
        112 Verhängnisvolle Beschlüsse
mischen Arbeit die internationale Maschine in Bewegung gesetzt wer-
den muß.

Gemeinsam mit der internationalen Schutzzollpolitik hat die
internationale Arbeiterpolitik die Ausschaltung der internationalen
Konkurrenz, wie sie durch die Differenzierung der. Völker und ihrer
Fähigkeiten die Grundlage der arbeitsteiligen Weltwirtschaft bildet.
Wären die europäischen Arbeiter nicht als Konsumenten von Nah-
rungsmitteln stark an den Freihandel gebunden, wer weiß, ob nicht
auch sie dem Beispiel der australischen Kollegen folgen würden,
deren Arbeiterpartei im November 1924 eine Resolution verfaßte,
nach welcher geradezu „ein Embargo auf alle Einfuhren gelegt wer-
den müsse, um den Schutzzoll in Australien wirksam zu machen“.
Die freihändlerische englische Arbeiterschaft sucht diesem „Em-
bargo“ dadurch näher zu kommen, daß sie auf Erweiterung sozial-
politischer Maßnahmen im Auslande dringt, um sich vor stärkerer
Konkurrenz zu schützen. Es ist charakteristisch, daß nach einem
unlängst von einem parlamentarischen Ausschuß der englischen
Arbeiterpartei verfaßten Bericht alle Arbeit, welche nicht dem
Achtstundentagabkommen von Washington unterworfen wird, als
„Schwitz“arbeit (sweated) bezeichnet wird. Der Bericht schlägt
vor*”), Waren, die nicht unter den Arbeitszeitbedingungen des Wa-
shingtoner Abkommens verfertigt werden, auf internationalem Wege
zu boykottieren. Ein neuer Beweis für die im Sinne künstlicher Hoch-
haltung der industriellen Erzeugungskosten — zugunsten der am
teuersten arbeitenden Länder — eingestellte Protektionspolitik der
Arbeiterschaft.

Der große englische Historiker Spencer Walpole sagt in seiner
Geschichte Englands ®®), die lange vor dem Weltkrieg geschrieben
wurde: „Krieg ist ein Zustand, bei welchem zwei oder mehrere
Staaten den Versuch machen, sich möglichst großen Schaden zu-
zufügen. Er zerstört Leben. Er hindert Erzeugungen. Er vernichtet
die Anhäufungen vergangener Jahre. Er verarmt die Nation, die
in ihn verwickelt ist.“ Der wirkliche „Frieden“ eines solchen Krieges
Vieler gegen Viele kann nur geschaffen werden, wenn diese ver-
hängnisvollen Wirkungen durch gemeinsame Opferwilligkeit besei-

97) Vgl. näheres im Economist vom 15. August 1925. S. 257—58.

98) Vgl. History of England. 1902. S. 327.
        <pb n="120" />
        Die Reorganisation der Weltwirtschaft

11.
tigt werden. Bisher ist nach dem Weltkrieg der entgegengesetzte
Weg beschritten worden. Es kam einem jeden Staat darauf an,
die ihm gewordenen Schäden auf andere Staaten überzuwälzen, die
Sieger auf die Besiegten und die Sieger untereinander auf die best-
gestellten unter ihnen. An Stelle einer Behebung der Gesamtschäden,
welche die Weltwirtschaft durch den Krieg erlitt, herrschte das Be-
streben, diese Schäden möglichst auf andere zu isolieren und als
Mittel hierzu dient der von uns geschilderte weitgehende Protek-
tionismus. Was hiermit „erreicht“ worden ist, zeigt der heutige
Stand der Weltwirtschaft.

Es fragt sich, ob die in die Weltwirtschaft verflochtenen Länder
eine andere, die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen vermögen;
ob sie sich allmählich bereitfinden werden, an Stelle der die Welt-
wirtschaft versperrenden Begrenzung durch hohe Zölle freihänd-
lerische Tarife zu setzen, selbst wenn hier zunächst einzelne
„nationale“ Fortschritte bedroht erscheinen, diese Politik aber ein-
zuschlagen, damit durch die Verstärkung des internationalen Wett-
bewerbes eine Reduzierung der Erzeugungskosten, eine Verbilligung
der Waren und damit eine Steigerung des Absatzvolumens statt-
finde: es fragt sich, ob die überseeischen Gebiete bereit sind, wenig-
stens einen Teil der ihnen so rasch zugefallenen kostspieligen Selbst-
versorgung zu opfern, um ihre landwirtschaftlichen und rohstoff-
lichen Erzeugungen auf eine um so gesündere Basis zu stellen; es
Iragt sich, ob die Arbeiterschaften verschiedener Länder den Mut
und die Selbsthingabe aufbringen, auf ihnen naheliegende, gewiß
sozialpolitisch höchst erstrebenswerte Ziele zu verzichten, so lange
diese zu einer gefährlichen Verteuerung der Erzeugung beitragen,
die solange nicht haltbar ist, wie der Bedarf der Welt nicht wieder
die Zeichen wachsenden Wohlstandes trägt; und es fragt sich letz-
tens und erstens, ob die Staaten lernen können, daß man die un-
produktiven Ausgaben des Weltkrieges nicht dadurch für die Sieger-
länder wirtschaftlich ausgleichen kann, daß man einen Teil der Welt
mit Schulden belastet.

Man sage nicht, daß unter diesem Gesichtspunkt die Genesung
der Weltwirtschaft nur „Opfer“, nur Abbau erfordere. Es gibt Ent-
wicklungen genug, die auch in positiver Weise den weltwirtschaft-
lichen Aufbau fördern können, die keinen „Verzicht“ bedeuten. Da-

Levy, Weltmarkt R
        <pb n="121" />
        114 I Vorbedingungen des Wiederaufbaues
zu gehört alles, was das immer noch rührige englische Reich zur
Erschließung seiner kolonialen Schätze, zur Förderung des Baum-
wollanbaues, der Bewässerung Ägyptens oder der Straßen- und
Bahnbauten in Südafrika tut, eben wie jede neue, die Wirtschaft
verbilligende Erfindung der alten Kulturländer. Gerade aber der
Verzicht auf eine Politik, welche die Erzeugungskosten in der ganzen
Welt erhöht, kann erst durch die Hebung des Bedarfs die wirtschaft-
liche Grundlage für die Anwendbarkeit neuer Verfahren und die
Erschließung neuer Überseegebiets-Wirtschaften schaffen. Ohne eine
Steigerung des Weltbedarfs, ohne eine Verringerung der allgemeinen
Preisbildung und ohne den dadurch bedingten Wiederaufbau des
ersparten Reichtums sind alle technischen Fortschritte in ihrer wirt-
schaftlichen Anwendung, in ihrer praktischen Rentabilität behindert.
Findet aber auf Grund einer stärkeren Zunahme des internationalen
Reichtums eine Steigerung des internationalen Warenbedarfes statt,
so werden auch die von uns ausführlich gekennzeichneten Verschie-
bungen in der internationalen Wirtschaftskonkurrenz für die heute
benachteiligten Länder ausgleichbar werden. Denn dieser Reich-
tumszuwachs wird ohne weiteres die verfeinerten Bedürfnisse
lockern und heben, auf deren Befriedigung die Zukunft der alt-
guropäischen Wirtschaften gegenüber den überseeischen Neuländern
liegt.

Alles in allem aber wird eine Gesundung der Weltwirtschaft
und ein Wiederaufbau des Weltmarktes nur erfolgen können, wenn
diejenigen Vorbedingungen der internationalen Produktion wieder-
hergestellt werden, auf deren Verletzung und MiBßachtung die heutige
Ungunst der weltwirtschaftlichen Lage beruht.
        <pb n="122" />
        Der Balfour-Bericht

115

NACHWORT ZUM „SURVEY OF OVERSEAS MARKETS“

Am 28. Juli 1924 ernannte der damalige Premierminister Englands,
J. Ramsay Macdonald, einen Ausschuß — Comittee on Industry and
Trade —, dessen Obliegenheit es sein soll, die Lage und Aussich-
ten des britischen Außenhandels zu untersuchen. Den Vorsitz dieses
Ausschusses führte Sir Arthur Balfour; es gehörten demselben ver-
schiedene bekannte Persönlichkeiten des politischen Lebens Eng-
lands an, darunter Sir Allan Smith, Sir Norman Hill, Sir Harry
Goschen und zahlreiche andere. Der Ausschuß legte im Juni 1925
seinen ersten ausführlichen Bericht, der sich mit den Überseemärkten
Englands befaßt, dem Parlament vor. Derselbe führt den Titel:
„Survey of Overseas Markets“ (in unserer vorstehenden Arbeit ab-
gekürzt als „Bericht über Überseemärkte“ oder einfach „Balfour-
Bericht“); er umfaßt 740 Druckseiten.

Man kann nicht umhin, diesen Bericht eine Tat zu nennen. Mit
Hilfe des englischen Board of Trade, welcher die statistischen Grund-
lagen lieferte, ist es dem Ausschuß gelungen, eine Untersuchung
zu schaffen, die endlich die Verworrenheit der weltwirtschaftlichen
Lage der Gegenwart in vielen Punkten aufhellt und vor allem für
vieles, was bisher Annahme oder Wahrscheinlichkeit war, einen
festen Boden gibt. Schon allein die gewaltige Arbeit der Umrech-
nung vieler internationaler Ziffern auf Goldbasis und 1913er Preise,
die Berechnung des Anteils einzelner Länder am Gesamthandel an-
derer, die überaus sorgfältigen Berechnungen der Einfuhrzoll-Be-
lastung für einzelne Ausfuhrwaren sind neben vielen anderen Tat-
sachen in diesem Bericht bewundernswert. Der Verfasser hat für
seine Arbeit in diesem wertvollen Material eine Fülle von Ergeb-
nissen und Beweismitteln gefunden und es liegt ihm daran, den
Leser sowie den weiter Forschenden nachdrücklichst auf diese Quelle
hinzuweisen. Dort, wo für statistische Angaben oder Zitate keine

R*
        <pb n="123" />
        116 Wachsende weltwirtschaftliche Erkenntnis
anderen Quellennachweise angeführt wurden, sind die Ergebnisse
des Balfour-Berichtes als zugrunde gelegt anzusehen.
Es ist anzunehmen, daß dieser Bericht eine weite Verbreitung:

finden wird, zumal da es möglich gewesen ist, das umfangreiche
Werk dem Publikum für nur 6 sh zur Verfügung zu stellen. Viel-
leicht liegt in dieser immer noch stärksten Popularisierungsmöglich-
keit — denn auch in England wird nicht mehr soviel für Bücher
ausgegeben wie früher — eine Absicht begründet. Wenn sich auch
der Bericht, wie man überall bemerken kann, sehr bewußt von der
so naheliegenden Stellungnahme zu diesem oder jenem Probleme
fernhält, so bietet er doch eine Aufklärung, wie sie eben durch Tat-
sachen viel besser als durch Stellungnahmen zu bewirken ist. Die
Tatsachen sprechen. Die Zerklüftung der Weltwirtschaft wird offen-
bar, und wer in der Lage ist, tiefer in jene Klüfte hineinzusehen,
bemerkt auch die Ursachen und die treibenden Kräfte dieser Ent-
wicklung nach dem Kriege. Hier und dort steht zwischen den Zeilen
die Besorgnis vor weiterer willkürlicher Absperrung der Märkte ge-
geneinander, die Warnung vor einer Überspannung nationalistischer
Ziele wirtschaftlicher Selbstversorgung. Dann auch wieder die Er-
kenntnis der eigenen Notwendigkeiten: „Wir haben unsere Meinung
schon dahin geäußert, daß vom Allgemeininteresse des britischen

Handelns aus unser Land von dem wirtschaftlichen Wiederaufbau

Zentral-Europas gewinnen wird. Aber wir sollten nicht im Zweifel

sein, daß dieser Glaube auf der vernünftigen Voraussetzung beruht,

daß der britische Handel die Anpassungsfähigkeit an Verhältnisse

finden wird, welche sicherlich größere Anforderungen an die In-

telligenz und die Initiative unserer Fabrikanten und Geschäftsleute

stellen.“ Wenn ein amtlicher Bericht mit solcher Offenheit zu seinen

Landsleuten spricht, verdient es schon dadurch den Respekt und
die genaueste Beachtung auch außerhalb seiner eigenen Nation.
        <pb n="124" />
        Von Prof, Dr. H. Levy erschienen Ferner:

DIE GRUNDLAGEN
DER WELTWIRTSCHAFT
Eine Einführung in das internationale Wirtschaftsleben.
Geh, M. s.—, geb. M. 7.—
Ein Wegweiser in die Zukunft der Weltwirtschaft, der ihre Struktur klarzulegen versucht,
der die Stufungen der Volkswirtschaften, ihren Aufbau als Rohstoff- und Nahrungsmittel-
srzeuger, als Fabrikatland,Handels- und Schiffahrtsmachtzeigt,der die einzelnen weltwirtschaftlich
wichtigen Produktionszweige, ihre Bedeutung und Zukunfisaussichten erörtert und den Einfluß
der Wirtschattspolitik der einzelnen Länder auf die Entwicklung der Weltwirtschaft behandelt.
VOLKSCHARAKTER UND
WIRTSCHAFT
(Gewalten und Gestalten 3.)
(Erscheint Anfang Sommer 1026.
Das Buch will den Aufgaben der Soziologie neue Wege weisen: Es gibt einen zusammen-
lassenden methodologischen Überblick über die Verschiedenheiten der internationalen Volks-
‘haraktere und untersucht, inwieweit Charakteranlagen und -eigenschaften des wirtscl aftenden
Volkes für Entwicklung und Gestaltung der nationalen Einzelwirtschaften maßgebend gewesen
änd. Gerade dieser Frage hat die zünftige Nationalökonomie bisher kaum } eachtung geschenkt
n der überlieferten Meinung, daß alle Menschen. mehr oder weniger wirtschaftlich von
zleichen oder gleichzusetzenden Trieben beseelt seien. Der bekannte Verfasser zeigt die
Reformbedürftigkeit dieser Anschauung auf und weist nach, daß die Struktur der beutigen
Volkswirtschaft, die wirtschaftspolitischen Kämpfe und die Organisation von Arbeit und
Kapital mit den Eigenheiten des nationalen Volkscharaktera im engen Zusammenhang stehen
DIE ENGLISCHE WIRTSCHAFT
(Handbuch der englisch-amerikanischen Kultur)
Kart. M. 3.60, geb. M. 480
„Das Buch liest sich nicht wie ein streng wissenschaftliches Fachwerk; die bekannte
Schilderungskunst des hervorragenden Kenuners englischen Geistes und englischer Kultur
überrascht uns Seite für Seite mit immer neuen Kabinettstüc ken aus dem hochinteressanten
Stoff Wer sich über das England von heute und seine Wirtschaftskraft eingehend und
zuverlässig informieren will, dem sei das Buch Levyys warm empfohlen “

ij (Allgemeine Deutsche Zeitung.)
DIE VEREINIGTEN STAATEN
VON AMERIKA
See n
ALS WIRTSCHAFTSMACHT
Kart. M. 4.—
„Das Werk ist eins der besten Bücher, das man über Amerika überbaupt zu lesen
bekommt. Auf 135 Seiten finden wir eine derartige Fülle von Angaben über Amerika, über
das amerikanische Volk und seinen wirtschaftlich en Charakter, über alles das, was wirt-
schaftlich in Amerika wichtig und grundlegend ist, über die Industrie und ihre Frobleme,
äber die wirtschaftstechnische Eigenart der ameıikanischen Industrie, vor allem über das
Trustwesen, über den Außenhandel und die Außenpolitik, über die Gesetzmäßigkeit und die
3törungen im amerikanischen Wirtschaftsleben, daß man nur annehmen kann, daß hier jemand
zum Leser spricht, der aus einer unendlichen Fülle von Kenntnissen und scharfen Reobach-
ungen heraus an dieses schwierige Problem herargegpangen ist.“

(Anzeiger für Berg-, Hütten- und Maschinenwesen.)
Verlag von B.G. Teubner in Leipzig und Berlin
        <pb n="125" />
        Allgemeine Volkswirtschaftslehre. Von Geh. Oberreg.-Rat Prof. Dr.
W. Lexis. 3. Aufl. Hrsg. von Prof. Dr. X, Diehl, (Kult. d. Gegenwart, hrsg.
von Prof. P. Hinneberg. 11, 10, ı.) [In Vorb. 1926.]

»„... Es ist geradezu erstaunlich, wieviel an positiven Kenntnissen hier auf relativ be-
schränktem Raum dem Leser geboten wird, Dieses Werk bringt diese einzig dastehende
Verbindung ungewöhnlichen theoretischen Scharfsiuns mit souveräner Beherrschung das Tat-
sächlichen gleichsam potenziert zum Ausdruck,“ (Jahrbuch für Gesetzgebung.)
Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. Von Dr. WW, Gelesnoff, Prof.
an der Landwirtschaftl. Akademie zu Moskau, Nach einer vom Verf. für
die deutsche Ausgabe vorgenommenen Neubearbeitung des russ. Originals
übers. von Dr. Z. Altschul in Berlin-Grunewald, 2, Aufl. [In Vorber. 1926.]

„Gelesnoff führt in Form von Vorträgen in geradezu mustergültiger Weise in die Haupt-
gebiete unserer Wissenschaft ein. Der Stoff ist nach Auswahl und Ausmaß glücklich zu-
sammengefaßt. Die Darstellung ist ebenso anregend wie allgemeinverständlich.“

(Vergangenheit und Gegenwart:)
Arbeitskunde. Grundlagen, Bedingungen und Ziele der wirtschaftlichen
Arbeit. Unter Mitwirkung zahlreicher Fachleute hrsg. von Dr.-Ing. /. Riedel.
Mit 32 Abb. im Text und auf 2 Tafeln. Geb. M. 15.—

Die vier Hauptteile behandeln: Die gegenwärtige Lage unseres Arbeitslebensin hygienischer,
ethischer und wirtschaftlicher Beziehung, sowie ihre Vorgeschichte; die anatomischen, physiolo-
gischen und psychologischen Grundtatsachen der Arbeit; die Arbeitsgestaltung (als: Auswahl,
Ausbildung, Erziehung, Arbeitsmittel, Arbeitszeit usw.); die Methoden der Arbeitsuntersuchung
als Grundlage praktischer Maßnahmen.

„Das Buch bietet für ein grundlegendes Wirtschaftsproblem der Gegenwart so aktuelles
and so vielseitiges Material, dab es zweifellos bald eine große Verbreitung finden wird.“

(Magdeburgische Zeitung.
Wirtschaftsgeschichte. Vom Ausgang der Antike bis zum Beginn des
19. Jahrhunderts, (Mittlere Wirtschaftsgeschichte,) Von Prof, Dr. 4, Sieveking,
‘ANuG Bd. 577.) Kart. M. 2.—

Der Verfasser behandelt die den Ausklang derAntike darstellende Wirtschaft des byzantinischen
Reiches, dann die abendländische, auf agrarischer Grundlage beruhende Wirtschaft, die mittel-
alterliche Stadtwirtschaft, die Ausdehnung der Stadtwirtschaft auf das ganze Land im staat-
lichen Merkantilismus, die Anfänge der freien Wirtschaft, die Kapitalbildung und den Übergang
zur modernen Wirtschaft, um mit einem Ausblick auf die gegenwärtige Krise der Wirtschafts-
organisation zu schließen.
Deutschland in den weltgeschichtlichen Wandlungen des letzten
Jahrhunderts. Von Prof. Dr. Fr. Schnabel, Mit 16 Bildnissen in Kupfer-
tiefdruck. Geh. M. 7.—, in Ganzleinen M. 9,—

„Der Verfasser verbindet auf das glücklichste mit einer weitblickenden weltpolitischen
Auffassung ein tiefdringendes Verständnis für die wirtschaftlichen, sozialen und geistigen
Grundlagen und Bedingungen der Entwicklung. Dabei zeichnet sich die Darstellung durch
strenge Objektivität aus und läßt die Tatsachen ohne jede Tendenz und Schönfärberei reden.“

” (Breslauer Zeitung.)
Kultur und Sprache im neuen England, Von Prof, Dr. H. Sties.
Geh. M. 6.—, geb. M. 8.—

Der erste Versuch einer Synthese der neuesten englischen Sprachentwicklung auf kultureller
Grundlage, Hauptthemen der Darstellung sind: Weltstellung des Englischen. Art uud Kraft des
britischen Englisch. Einfluß des Weltkrieges auf die Sprache. Das Verhältnis von Staat,
Gesellschaft und Individuum zur Sprache. Schönheit und Utilitarismus. Der Niederschlag des
anglischen Willens und Gefühlslebens in der englischen Sprache.

Japan und die Japaner. Eine Landeskunde, Von Dr. X. Haushofer,
Prof, an der Universität München, Mit ır Karten im Text u, auf ı Tafel,
[VI u. 166 S.] gr. 8. 1923. Kart. M, 3.80, geb. M. 4.60

‚ „Eine Landeskunde von Japan, die in gemeinverständlicher, formvollendeter Sprache
einen auf tiefgründigen Forschungen beruhenden Einblick in das Wesen des ostasiatischen
Inselbogenreiches gewährt. Ein glänzendes Buch, das weit über den Augenblick hinaus von
Wert bleiben wird,“ (Hannoverscher Kurier)
Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin
        <pb n="126" />
        Allgemeine Wirtschafts - und Verkehrsgeographie. Von Geh. Reg.
Rat Prof. Dr. X, Sapper. Mit 70 kartogr. und stat.--graph. Darstellungen.
Geb. M. 12. —
„Hier ist wieder einmal ein Buch, das man restlos anerkennen und empfehlen muß. Ein
Buch, das kein Berufenerer als Sapper hätte schreiben können, der selbst sowohl als Geograph,
wie auch praktisch als Pflanzer und Kaufmann in Übersee tätig war und so das Wirtschafts-
‚eben der Welt wie kaum ein anderer Fachgenosse kennt. Ein Werk von einer Frische und
Ursprünglichkeit, die stets das Interesse wachhalten und die im Vorwort ausgesprochene
Befürchtung‘ leicht zerstreuen, daß das Buch nur dazu gut sei, um sich über diesen oder
enen Gegenstand zu unterrichten; man ist von Anfang bis zu Ende gefesselt.“ 7

(Mitteilg. d. Geographischen Gesellsch. München.)
Grundzüge der Länderkunde. Von Prof. Dr. 4. Hetfiner. Bd. 1: Europa.
3., verb. Aufl. Mit 4 Tafeln, 269 Kärtchen und Fig. im Text. Geh. M. 11.—,
zeb.M. 13.—. Bd. II: Die außereuropäischen Erdteile. 3. Aufl. /Ersch. Anf. 1926.]

„Dieses ist das Buch, auf das die Geographen seit Jahrzehnten warteten; eine knapp ge-
faßte, von einem einzigen Verfasser geschriebene und daher in ihren Teilen gleichartig alle
wichtige geographische Literatur benutzende und weitgehend auf eigene Anschauung sich grün-
ljende Länderkunde aller außereuropäischen Erdteile in deutscher Sprache. Ein solches Buch,
las berufen ist, die länderkundliche ‚Bibel‘ des deutschen Geographen zu werden, fehlte bis-
her. Aus jedem Satz spricht zum Leser die über der Sache stehende, vorsichtig abwägende,
rom Gefühl höchster wissenschaftlicher Verantwortlichkeit getragene Persönlichkeit des Meisters.

(Zeitschrift für Geopolitik,)
Deutsche Handelspolitik. Ihre Geschichte, Ziele und Mittel.
Eine Einführung von Prof. Dr. 7%, Plauf, Geh. M. 6.—, geb. M. 8.—

„Das Wesentliche ist, daß sich das Buch mit allen aktuellen Fragen der Handelspolitik
beschäftigt, so daß es für jeden Politiker und jeden Wirtschaftler ein wertvolles Rüstzeug
larstellt, noch dazu, da es Plaut gelungen ist, die vielfach verworrenen Fäden zu einem
ibersichtlichen Gewebe zu verknüpfen.“ (Wirtschaftsdienst.})
Geschichte des deutschen Handels seit dem Ausgang des Mittel-
alters. Von Dir. Prof, Dr. W. Langenbeck. 2. Aufl. (ANuG Bd. 237.) Geb. M.2.—
„Das gegebene Material ist sehr reichhaltig. Das Buch ist klar und gefällig geschrieben
and eignet sich zur Lektüre für jeden Gebildeten.“ (Deutsche Handelsschullehrer-Zeitung.)
Geschichte des Welthandels. Von Direktor Dr. M. G. Schmidt, 4. Aufl.
'/ANuG Bd. 118.) Geb. M. 2.—

„Als tüchtiger Geograph und Historiker hat er in recht ansprechender Weise aus der
gewaltigen Fülle des Stoffes in zweckmäßiger Gliederung ein Ganzes gestaltet, das, verbunden
mit gesunder Kritik, den Eindruck nicht verfehlen wird,“ (Geographische Zeitschrift.)
Statistik. Von Oberverwaltungsrat Prof, Dr. S. Schott. 3.Aufl, (ANuG Bd. 442.)
Geb. M. 2—
„Der Versuch des Verfassers, ein gewaltiges Gebiet der Wissenschaft zum ersten Male
in einen knappen Rahmen zu zwingen, ist als außerordentlich gelungen zu bezeichnen, Auf
ler gesicherten Grundlage einer solchen gedrängten ‚Statistik‘ wird jeder Gebildete den
jewegenden Prinzipienfragen, die sich um den gesamten Wert dieser Wissenschaft erhoben
aaben, zuversichtlich und mit Verständnis nahetreten können. Ein ansprechender Stil and
3ine klare Disposition erleichtern noch die Verbreitung in weite Kreise, die wir dem Büch-
ein nur wünschen können.“ (Börsen- und Handels-Zeitung.)
Versicherungswesen. Von Prof. Dr. 4. Manes. 3.,neubearb. u, erw. Aufl.
i, Band: Allgemeine Versicherungslehre. Geh. M. 5.—, geb. M.6.—, 1. Band:
Besondere Versicherungslehre, Geh. M, 7.60. geb. M. 9,—

„Das Buch selbst bedarf keiner Empfehlung mehr; es ist längst für jeden, der mit dem
Wesen, der Technik, dem Recht der vielgestaltigen Versicherung sich befassen will, zur
ınentbehrlichen Grundlage seines Studiums, zum nieversagenden Nachschlagewerk für alles
zeworden, was man sich sonst aus den mannigfaltigsten, z, T, entlegenen, z. T. ausländischen,
edenfalls aber schwer zugänglichen Quellen mühsam zusammensuchen müßte, Das Buch
bedeutet aber noch mehr, Es ist eine wissenschaftliche Leistung großen Ranges.“

(Juristische Wochenschrift.)

Verlag von B.G. Teubner in Leipzig und Berlin
        <pb n="127" />
        in Teubners Handbuch der Staats- und Wirtschaftskunde (Abt. II Wirt-
schaftskunde) sind u. a, erschienen:
Bd. I, 2. Hef‘, Die Entwicklung der Volkswirtschaft und der volkswirtschaft-
.ichen Lehrmeinungen. Von Prof. Dr. 4. Steveking, M. x.80
Bd. I, 5. Heft, Kartelle und Trusts. Von Prof. Dr. R. Ziefmann. Planwirtschaft
und Sozialisierung. Von Prof. Dr. A. Am u». Genossenschaftswesen. Von
Staatssekretär a. D, Prof, Dr. Mü/ter- Arbeitsrecht, Von Senatspräsident Dr. HM. Dersch,
Lohnformen und Löhnungsmethoden, Von Prot. Dr. X. Bräer. M. 3-20,
Bd. I, 2. Heft. Bergbau, Von Bergrat Dr. A7/. Industrie und Industriepolitik,
Von Prof. Dr. C. Koehne, Organisation der technischen Arbeit. Von Ingenieur
I. Schulz-Mehrin, MM. 360,
Bd. II, 3. Heft, Emnergiewirtschaft. Von Prof, Dr.-Ing, W. Pauer, M. 1.80
Bd, II, 4. Heft. Betriebswirtschaftslehre. Von Prof.Dr. Z.Geidmacher, Köln. M.—.75
Bd, II, 5. Heft, Verkehrswesen und Verkehrspolitik, Von Prof. Dr. Ing. O. Blum,
Handel und Handelspolitik. Von Prof. Dr. X. Sıveking, Bankwesen und
Bankpolitik. Von W. Dreyfus, Geldwesen. Von Prof. Dr, X, Bräuer. M 6.
Die Entwicklung des deutschen Wirt- | Handelswörterbuch. Von Handelsschul-
schaftslebensim letzten Jahrhundert. direktor Dr. V. Si#eZ und Justizrat Dr. A.
Von Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Z. Poh/e.5.Aufl, Sfranß, Zugleich fünfsprach. Wörterbuch,

NuG Bd. Geb. M. Zusammengestellt voun 7. Armkans, verpä.
(A. S 57.) Geb, M. Ban A Dolmetscher. (Teubners kl. Fachwörterb

Die Großmächte und die Weltkrise. Bd. 9.) Geb. M. 4.60 *

A Dr. R, Kjellen. Kart. M. 4—, wörterbuch der Warenkunde, Yon
a aa Prof. Dr M. Pzefsch. (Teubners kl. Fach-

Seschichte der Vereinigten Staaten wörterbücher Bd. 3.) Geb. M. 4,60
von Amerika. Von Prof. Dr. C. Brink- “hemisches Wörterbuch. Von Prof, Dr.
mann. (Handbuch der engl.-amerik, Kultur.) . Rexy, Mit 15 Abb.u. 5 Tab, (Teubners

„Geh, M. 2.80, geb, M. 3.60 kleine Fachwörterbücher Bd, r0/1x. In Papp-

Geschichte der Vereinigten Staaten band geb. M, 8.60, in Halbleinen M. 10.60
von Amerika, Von Prof. Dr. Z. Daenel/, Kaufmännische Buchbhalt. u. Bilanz.
Neu bearbeitet und weitergeführt von Dr. Von Dr. P. Gerstner, 4. Aufl, I. Teil: AlN-
4. Hasenclever, Prof. a. d. Univ. Halle, 3, verb. gemeine Buchhaltungs- u. Bilanzlehre. IL Teil:
Aufl, (ANuG Bd, 147.) Geb. M. 2,— Buchhalterische Organisation. (Selbstkosten-

Sibirien u. seine wirtschaftl. Zukunft. kontrollbuchführung.) (ANuG Bd, 506/507.)
Ein Rückblick und Ausblick auf Handel und ‚Geb. je M.2,—. .
Industrie Sibiriens. Von Prof. Dr. 2.7, Danck Binführung in die Finanzmathematik,
wor //, (Quellen u, Studien d. Osteuropa-Inst. V.Studienrat Dr. ZZechsenhaar, (1. Vorb. 1926.)
Breslau, VII, 2.) Geh. M. 3.—, geb. M. 4.— Finanzmathematik.(Zınseszinsen-,Auleihe-

Der Handelshafen Odessa. Von Dr.rer. und Kursrechuung,) Von Dr.X.Herold, (Math.-
pol, et phil. 0. Friebel, Mit 14 Taf, (Quellen phys. Bibl. Bd. 56.) Kart M. 1.—

A d. Osteuropa-Inst, Breslau. VIE, 1.) \athematik des Geld- und Zahlungs-
art. 2.—
x BE . . verkehrs, Yon Prof, Dr. A. Zoewy. Geh.

Zinführung in die Volkswirtschafts- Mo 7. 0 © ©
lehre. Geschichte, Theorie und Politik. Von n;. Rechenmaschinen und das Maschinen-
Prof. Dr..4. SEE „u.Wallershausen, rechnen, Von Oberreg.-Rat Dipl.-Ing. A. Lenz.
Geh. M. 3:40 geb, 4.80 Mit 42 Abb. im Text, 2. Aufl, Kart. M. z—

Allgemeine Volkswirtschaftslehre, Yon English Lessons. Von W”. Hübner 2. Aufl.
Prof. Dr. R. Li-fmann, Kart. M, 2.80 . In Halbleinen M, 3.—, in Ganzleinen M., 3.60

Zeitgemäße Betriebswirtschaft. Von Dir. 7 N
Dr.-Ing. G. Perseler, I, Teil: Grundlagen, Teubners kleine Sprachbücher

‚Geb. M. 3.60, geb. M. 5.— U. a. erschienen :

Önsere Kohlen. Von Privatdoz. Bergassessor Lecons de francais. Von Z. Madiung. Kart.
Dr. PP, Kuhkuk, 3. verb. Aufl, Mit 55 Abb. Text M., 2.80, geb. M. 3.40
u. 3 Taf, (ANuG Bd, 396.) Geb. M. 2,— Spanisch. VonC.Dern-Al.4.Aufl, Kart.M,2.40

Geogr On ve cnen Wörterbuch. 7. U an {talienisch. (Lezioni Italiane.) VonA.S anfer-

rdkunde, Von Prof. Dr. O0. Kende, Mit 81 Za%n. X. Teil. 9. Aufl. Kart, M. 3.—, geb. M. 2.60
Abb. im Text. (Teubners kl. Fachwörterb. x ei RA Bart "Mr. zB, web. +20
ie Geb. M. 4.60 . hlandg Fellers Taschenwörterbücher berück-
erh ehrsentwicklung in Deutschlan zichtigen außer den Wendungen des täglichen
seit 1800 (fortgeführt bis zur Gegenwart.) Lebens,insbesondere den Wortschatz des kauf-
Von Geh, Hofrat Prof. Dr. W. Lofz. 4, Aufl. nännischen und gewerblichen Verkehrs, Ver-

(ANuG Bd. ı5.) Geb. M. 2.— zeichnisse vom Verlag erhältlich.
Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin
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je Wirtschafts - und Verkehrsgeographie. Von Geh. Reg.
r, K, Sapper. Mit 70 kartogr. und stat.-graph. Darstellungen.
wieder einmal ein Buch, das man restlos anerkennen und empfehlen muß. Ein
Berufenerer als Sapper hätte schreiben können, der selbst sowohl als Geograph,
tisch als Pflanzer und Kaufmann in Übersee tätig war und so das Wirtschafts-
it wie kaum ein anderer Fachgenosse kennt, Ein Werk von einer Frische und
ait, die stets das Interesse wachhalten und die im Vorwort ausgesprochene
sicht zerstreuen, daß das Buch nur dazu gut sei, um sich über diesen oder
and zu unterrichten; man ist von Anfang bis zu Ende gefesselt.“ ;
(Mitteilg. d. Geographischen Gesellsch. München.)
e der Länderkunde. Von Prof. Dr. 4. Heffner. Bd. 1: Europa.
fi. Mit 4 Tafeln, 269 Kärtchen und Fig. im Text. Geh. M. 11.—,
-. Bd. ]I: Die außereuropäischen Erdteile. 3. Aufl, [Ersch. Anf. 1926.]
t das Buch, auf das die Geographen seit Jahrzehnten warteten; eine knapp ge-
m einzigen Verfasser geschriebene und daher in ihren Teilen gleichartig alle
aphische Literatur benutzende und weitgehend auf eigene Anschauung sich grün-
:unde aller außereuropäischen Erdteile in deutscher Sprache, Ein solches Buch,
% die länderkundliche ‚Bibel‘ des deutschen Geographen zu werden, fehlte bis-
ım Satz spricht zum Leser die über der Sache stehende, vorsichtig abwägende,
;hster wissenschaftlicher Verantwortlichkeit getragene Persönlichkeit des Meisters.

(Zeitschrift für Geopolitik.)
Handelspolitik. Ihre Geschichte, Ziele und Mittel.
rung von Prof, Dr. 7%. Plaut, Geh. M. 6.—, geb. M. 8.—
entliche ist, daß sich das Buch mit allen aktuellen Fragen der Handelspolitik
daß es für jeden Politiker und jeden Wirtschaftler ein wertvolles Rüstzeug
dazu, da es Plaut gelungen ist, die vielfach verworrenen Fäden zu einem
Gewebe zu verknüpfen “ (Wirtschaftsdienst.}
e des deutschen Handels seit dem Ausgang des Mittel-
\ Dir. Prof. Dr. W. Zangenbeck, 2. Aufl, (ANuG Bd. 237.) Geb. M.2.—
bene Material ist sehr reichhaltig. Das Buch ist klar und gefällig geschrieben
zur Lektüre für jeden Gebildeten,“ (Deutsche Handelsschullehrer-Zeitung,)
e des Welthandels. Von Direktor Dr, MM, G. Schmidt, 4. Aufl.
118.) Geb. M, 2.—

iger Geograph und Historiker hat er in recht ansprechender Weise aus der
e des Stoffes in zweckmäßiger Gliederung ein Ganzes gestaltet, das, verbunden
critik, den Eindruck nicht verfehlen wird.“ (Geographische Zeitschrift.)
"on Oberverwaltungsrat Prof. Dr. 5. Schotf. 2. Aufl. (ANuG Bd.442.1

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uch des Verfassers, ein gewaltiges Gebiet der Wissenschaft zum ersten Male
en Rahmen zu zwingen, ist als außerordentlich gelungen zu bezeichnen, Auf
ı Grundlage einer solchen gedrängten ‚Statistik‘ wird jeder Gebildete den
inzipienfragen, die sich um den gesamten Wert dieser Wissenschaft erboben
htlich und mit Verständnis nahetreten können, Ein ansprechender Stil und
»osition erleichtern noch die Verbreitung in weite Kreise, die wir dem Büch-
hen können.“ (Börsen- und Handels-Zeitung.)
ıngswesen. Von Prof. Dr. A. Manes. 3.,neubearb. u. erw. Aufl,
gemeine Versicherungslehre, Geh, M. 5.—, geb. M.6.—. II. Band:
/ersicherungslehre, Geh. M. 7.60. geb. M. 9.—
selbst bedarf keiner Empfehlung mehr; es ist längst für jeden, der mit dem
schnik, dem Recht der vielgestaltigen Versicherung sich befassen will, zur
Grundlage seines Studiums, zum nieversagenden Nachschlagewerk für alles
man sich sonst aus den mannigfaltigsten, z. T. entlegenen, z. T, ausländischen,
schwer zugänglichen Quellen mühsam zusammensuchen müßte, Das Buch
noch mehr, Es ist eine wissenschaftliche Leistung großen Ranges,“
(Juristische Wochenschrift.1
von EB. G. Teubner in Leipzig und Berlin
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