Verlockung, das eigene Interesse dem der zu errichtenden Gesellschaft vorzuziehen,
war zu mächtig. Niemand war da und keine Vorkehrung bestand, um das Interesse
der Gesellschaft wahrzunehmen. Ohne jede Selbständigkeit befand die zu bildende
Gesellschaft sich schutzlos für lange Zeit über die Gründung hinaus in den Händen
jener lediglich ihren Gründergewinn verfolgenden Personen, und gleichermaßen fehlten
 dem Publikum, welches man ohne Gefahr der Verantwortlichkeit auf jegliche
Weise zur Beteiligung an der beabsichtigten oder formell zustande gebrachten Gesellschaft
 heranzog, die zuverlässigen Grundlagen für eine richtige Beurteilung des
Unternehmens,“
Gefahrvoll ist für viele Banken auch das Hineinstecken immer neuer
Mittel geworden. Es sei hier nur an die Riesenverluste erinnert, die die
Disconto-Gesellschaft an der Dortmunder Union und an Popp erlitten
hat !), und an die unheilvollen Verbindungen der Kreditanstalt für Industrie
 und Handel mit der Kummer-Gesellschaft, bzw. der Leipziger Bank
mit der Trebertrocknungs-Gesellschaft ?). Neuerdings hat z. B. die
Deutsche Bank große Verluste bei der „Ufa“ erlitten.
Das Verhältnis zwischen Banken und Industrie wird in hohem Maße
durch Besetzung der Aufsichtsratsstellen gekennzeichnet, Bei jeder Umwandlung
 oder Gründung bedingt sich die Bank einen oder mehrere
Posten im Aufsichtsrat aus und delegiert in diesen dann Vorstandsmitglieder
 und Filialdirektoren, seltener Prokuristen. Fast jedes Aufsichtsratsmitglied
 gehört wieder dem Aufsichtsrat einer mehr oder minder
großen Zahl anderer Gesellschaften an, und so wird ein enger Konnex
zwischen verschiedenen Industrien und Banken geschaffen, und diese üben
durch ihre Delegierten ihre Industriepolitik aus, die vor allem auch auf
die Anknüpfung neuer Beziehungen gerichtet ist.
Ebenso finden wir auch im Aufsichtsrat der Großbanken und anderer
Banken Direktoren und Aufsichtsräte der Industrie-Gesellschaften, hauptsächlich
 um die Beziehungen zu erhalten und noch weiter auszudehnen ®).
Klar und ohne Umschweif erklären die Banken, daß sie auf persönliche
und intime Verbindung mit der Industrie Wert legen und deshalb ein-1)

 S. Otto Lindenberg, 50 Jahre Geschichte einer Spekulationsbank, Berlin 1903,
2) S. Arthur Schulze, Die Bankkatastrophen in Sachsen im Jahre 1901.
Tübingen 1908,
3) „Die Entsendung von leitenden Persönlichkeiten der Industrie in den Aufsichtsrat
 der Banken, wo sie in der Regel weit weniger Einfluß auszuüben vermögen
 als die Bankvertreter in der Verwaltung der Industriegesellschaften, ist
acht nur ein Akt der Höflichkeit gegenüber den letzteren, sondern auch der
Ausdruck des gegenseitigen Wunsches, die so eng gewordenen geschäftlichen Be-536

