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        <title>10 Jahre Rote Gewerkschafts-Internationale</title>
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            <forname>Solomon Abramovič</forname>
            <surname>Lozovskij</surname>
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        </author>
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            <idno>1834115493</idno>
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der revolutionäre Gewerkschafter über die Vorgänge der internationaler
Arbeiterbewegung unterrichtet sein muß!

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„D . GeEwernd.... 00 2. ddale”
ist das offizielle Organ der RGL, eine Monatsschrift, in der die hervor-
ragendsten revolutionären Gewerkschafter zu den wichtigsten Ereignissen
der internationalen Gewerkschaftsbewegung in eingehender Weise Stellung
nehmen. Preis der Organisationsausgabe M. 2,50 vierteliährlich.

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Das „Rote W ns Bulletin“
erscheint. wöchentlich, orientiert rasch und exakt über die aktuellen Ge-
werkschaftsereignisse und kostet vierteliährlich hei Zusendung unter Streif-
band nur M. 1.50,

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Die „S3zialökon.... =. hmddicäi
ist eine Fundgrube sozialwirtschaftlichen Wissens, erscheint monatlich und
kostet unter Streifband ora Jahr nur M. 2.50.

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Alle drei Zeitschriften"sind zu beziehen durch die Bezirksausschüsse der Revo-
utionären Gewerkschatftsopposition oder direkt durch die Auslieferungsstelle
z.nrer-Verlag. Berlin SW482. Wilhelmstr. 131-295

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Gewerkschafts - Internationale

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gehalten vor den Moskauer Gewerkschaftsfunktionären
am 21. April 1930

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Verlag der Roten Gewerkschafts - Internationale, Moskau
Auslieferung der deutschen Ausgabe durch: F ührer-Verlag,.
Berlin SW 48, Wilhelmstraße 131/232
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        Inhaltsverzeichnis
I, Die Krise von 1920 und die Krise von 1930
IL, Ursachen der Entstehung der RGI ....

JIIL, Der revolutionierende Einfluß der Komintern
IV, Die Entstehung der RGIL .....

V. Die Kräftesammlung ....000...0
VI. Der Kampf gegen die Anarcho-Syndikalisten
VII Die Teilforderungen und das Endziel .

VII. Die organisatorischen Probleme ...

IX, Nochmals: RGI, und Komintern ......

X, Kapitalsoffensive und proletarische Einheitsfiront ......
XI, Von der Einheitsiront zur Einheit der Gewerkschaftsbewegung
XIL Das Anglo-Russische Komitee ...... ..

XIII. Die RGI, und die kapitalistische Rationalisierung .......
XIV. Der IV, RGL-Kongreß nahm den Uebergang von der Abwehr
zum Angriff in Aussicht . .. 0000000000000 0 0 FL
Die RGI. und die Arbeiterbewegung der Kolonien ......
Das Nationen- und Rassenproblem 2. ...0.00000.0.0..
Die Pläne Amsterdams gegenüber der Arbeiterbewegung der
Kolonien . 204 RR
Der Kampf um die revolutionäre Linie ............
Das Kräfteverhältnis der RGI. und der Amsterdamer Inter-
1ationale . 0.0.0040
XX, Schule des Kommunismus und Schule des Kapitalismus ....
XXL RGIL und USSR, 2
XXIl, Die Bekämpfung des imperialistischen Krieges .....
XXIII, Das Kaderproblem ... 0.0.0.4 .
XXIV. Die Schwächen und Mängel der RGI, ....
XXV, Der Kampf um die Mehrheit der Arbeiterklasse .
KXXVI. Die Zukunft gehört der Roten Gewerkschafts-Internationale . .

Seite

22
74

25
28
30

33
34

36
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        I. Die Krise von 1920 und die Krise von 1930,

Die Rote Gewerkschaftsinternationale entstand im Höhepunkt
der akuten wirtschaftlichen und politischen Nachkriegskrise, die die
wichtigsten kapitalistischen Staaten Europas erfaßte und in mehreren
Ländern akute revolutionäre Klassenkämpfe herbeiführte, Die Zehn-
jahrfeier der Roten Gewerkschaftsinternationale fällt zeitlich mit der
Entwicklung der neuen Wirtschaftskrise zusammen, die‘ — zum
Unterschied von der Krise des Jahres 1920 — sich auf eine weit
größere Länderzahl erstreckt und weit über die Grenzen Europas
hinausreicht. Zwischen diesen zwei Zeitpunkten — Mitte 1920 und
Mitte 1930 — liegt eine. Periode der größten Klassenzusammenstöße,
reich an sozialen Konflikten jeder Art, mit einer Reihe von Revolu-
tionen in den kolonialen und halbkolonialen Ländern, eine Periode
voll verschärfter Klassenkämpfe. Die erste Frage, die beantwortet
werden muß, um die richtige Entwicklungsperspektive der RGI zu
entwerfen, ist die Frage danach, was denn der Grundunterschied
zwischen der Krise von 1920 und der jetzigen ist.

Die wirtschaftliche und politische Krise von 1920, die durch den
Krieg hervorgerufen wurde und eine allgemeine Krise des Kapitalis-
mus herbeiführte, war, was Spannung, Schärfe der Klassenzusammen-
stöße, Tiefe und Spannung der Klassenkämpfe betrifft, etwas
Größeres, als das, was wir gegenwärtig erleben. In jener Periode war
in einer Reihe von Ländern eine revolutionäre Situation vorhanden.
während die gegenwärtige Wirtschaftskrise eine unmittelbare revo-
lutionäre Situation noch nicht herbeigeführt hat und die Spannung
der Klassenkonflikte noch nicht so akut ist wie vor zehn Jahren,
Damals hatten wir eine revolutionäre Situation, heute sehen wir einen
Aufstieg der revolutionären Bewegung. Was Schwung und Umfang
der Bewegung betrifft, ist die Lage heutzutage vom Standpunkte der
Entwicklungsperspektive der revolutionären Bewegung günstiger.
Damals lag eine revolutionäre Krise im europäischen Ausmaße vor,
die hauptsächlich die Länder Mitteleuropas erfaßte. Heute sehen
wir eine Weltwirtschaftskrise, eine Krise, die die kapitalistischen wie
die kolonialen Länder erfaßt und sich auf alle Kontinente erstreckt.
Damals ging die revolutionäre Flut über Mitteleuropa. Heutzutage
erstreckt sich der revolutioäre Aufstieg auf die ganze kapitalistische
und koloniale Welt. In jenem Augenblick, auf den die Entstehung
der RGL zurückdatiert. war der „subiektive Faktor” schwach. d. h.
        <pb n="6" />
        die kommunistischen Parteien und revolutionären Gewerkschaften
waren noch nicht erstarkt und befanden sich erst im Keimzustande,
die Kommunistische Internationale war erst entstanden, die RGI.
begann sich erst herauszukristallisieren, während wir jetzt, nach
Ablauf dieses Jahrzehnts bereits einen in bedeutendem Grade aus-
gesprochenen, ‚entwickelten, herauskristallisierten, ideologisch und
organisatorisch konsolidierten subjektiven Faktor in allen Ländern
haben, wobei die kommunistischen Parteien und die revolutionären
Gewerkschaften sich in der ganzen Welt fortentwickeln,

Das ist es, was die Situation von 1920, wo die RGI erst im Ent-
stehen begriffen war, im Grunde genommen von der Situation im
Jahre 1930 unterscheidet, wo sie auf die Ergebnisse ihrer zehnijähri-
sen Existenz zurückblicken kann.
IL Ursachen der Entstehung der RGI

Die erste Ursache, die die Entstehung der Roten Gewerkschalfts-
internationale herbeiführte, war der gleich in den ersten Kriegs-
tagen erfolgte Zusammenbruch der Sozialistischen und der Gewerk-
schaftsinternationale und der völlige Bankrott des sogenannten
offiziellen Sozialismus. Die Kriegsideologie und Kriegspolitik der
Sozialdemokratie und der reformistischen Gewerkschaften — das
alles führte die Zertrümmerung der Vorkriegsinternationalen und
die politische Differenzierung in den Reihen der Arbeiterklasse her-
bei, In den alten sozialdemokratischen Parteien und alten Gewerk-
schaften bildeten sich kleine Zellen und Gruppen, die den inter-
nationalen kriegsfeindlichen Standpunkt vertraten, die gegen die
Klassengemeinschaft und für die Fortsetzung des Klassenkampfes
auch in Kriegszeiten Stellung nahmen, Diese Gruppen, deren Ein-
uß beträchtlich war, waren die Sammelpunkte der internationalen
Stimmungen in der Arbeiterklasse. Jene Kräfte, die sich im Laufe
des Krieges im Kampfe gegen den imperialistischen Krieg heraus-
bildeten, die Gruppen, die sich in der Kriegsperiode zum Kampf
gegen den Burgfrieden zusammenschlossen, sie alle bildeten die
Grundlage für die Schaffung der Kommunistischen Internationale
(Komintern). Die gleichen Gruppen, und später Organisationen,
Parteien, Teile von Gewerkschaften und ganze Gewerkschalts-
verbände waren auch die Initiatoren und Organisatoren der Roten
Gewerkschaftsinternationale,

Die zweite Ursache der Entstehung der RGI, war der Sieg der
Oktoberrevolution in Rußland und das Erscheinen der sowjetrussi-
schen kommunistischen Gewerkschaftsbewegung auf der historischen
Arena, die Entstehung eines neuen Typus von Gewerkschaften, die
am Kampf. um die Macht, am Kampf gegen die ganze imperialistische
Welt aktiv beteiligt waren. Das mußte zunächst ideologisch und
später auch organisatorisch der Antrieb zur Sammlung aller Kräfte
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        der von echtem Klassenbewußtsein durchdrungenen Gewerkschafts-
bewegung auf dem Boden des revolutionären Programms und der
revolutionären Klassenforderungen sein.

Die dritte Ursache der Entstehung der RGI, war, daß die
Gewerkschaftsinternationale, die unmittelbar nach dem Kriege (im
Juli 1919) auf dem Kongreß in Amsterdam an ihren Wiederaufbau
geschritten war, und die als Amsterdamer Gewerkschaftsbund be-
kannt ist, sich als Abklatsch des Völkerbundes, als sein Anhängsel
und Arbeitsorgan herausstellte, Die Amsterdamer Internationale
war von Anfang an eine Summe nationaler Sektionen, von denen
jede um die Interessen der eigenen Bourgeoisie besorgt war, Hatte
man in der Periode des Krieges die Zusammenarbeit mit der eigenen
Bourgeoisie durch die Notwendigkeit der Vaterlandsverteidigung ge-
rechtfertigt, so kam nach dem Kriege selbst diese Ausrede in Weg-
fall, Nach. dem Kriege trat die internationale Sozialdemokratie mit
ganz neuen Theorien auf den Plan; sie hörte auf, die Klassengemein-
schaft mit sozialistischer Phraseologie zu bemänteln, Der neue Ge-
werkschaftsbund war von Anfang an eine Filiale des Völkerbundes,
und das mußte auf bedeutende Arbeitergruppen, die in ihrem Wider-
willen gegen die Klassengemeinschaft die Linie des Klassenkampfes
zinschlagen und sich auf Moskau orientieren mußten, abstoßend
wirken.

Die unmittelbare Ursache der Entstehung der Roten Gewerk-
schaftsinternationale war schließlich die im März 1919 erfolgte
Schaffung der Komintern, der Zusammenschluß der kommunistischen
Parteien und Gruppen unter dem Banner des Bolschewismus. Die
Notwendigkeit der Schaffung einer Gewerkschaftszentrale zum Zu-
sammenschluß aller revolutionären Kräfte der internationalen Ge-
werkschaftsbewegung wurde daraufhin ein augenscheinliches und
lehbenswichtiges Bedürfnis der internationalen Arbeiterbewedung,
HI. Der revolutionierende Einfluß der Komintern,

Es muß in Betracht gezogen werden, daß zur Zeit der Entstehung
der Komintern außerhalb der Sowjetrepublik und der Länder, die
sich vom alten Rußland abspalteten (Polen, Lettland u. a.) noch keine
in irgendwelchem Maße verankerten kommunistischen Parteien be-
standen, Die größte kommunistische Organisation war der Sparta-
kus-Bund in Deutschland, doch krankte auch diese Organisation
trotz revolutionären Wesens, trotz Selbstaufopferung und‘ größter
Treue für die Sache der Arbeiterklasse immer noch an unzähligen
Schwächen und Vorurteilen, sie war noch lange keine bolsche-
wistische Organisation. In allen übrigen Ländern gab es nur auf-
keimende Organisationen, die nach der Zimmerwalder und Kienthaler
Konferenz entstanden und sich erst nach der Oktoberrevolution mehr
oder weniger herauszubilden begannen.
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        Die meisten Organisationen, die sich auf die Komintern, auf
Moskau und die Oktoberrevolution orientierten, waren aus der alten
Sozialdemokratie hervorgegangen, und die Entstehung der Komintern
war darum der Ausgangspunkt einer großen politischen Differen-
zierung der Massen. Zum erstenmal wurde da im internationalen
Ausmaße ein bolschewistisches: Programm ausgearbeitet, zum ersten-
mal wurden die Prinzipien der bolschewistischen Taktik für die
Arbeiterbewegung aller Länder festgesetzt.

Die Entstehung der Komintern wurde durch den Sieg der Okto-
berrevolution ermöglicht. Die Differenzierung der Massen verlief
gewöhnlich unter den Losungen: „Für die Komintern', „Für Mos-
kau”, „Für die Oktoberrevolution" oder „Gegen die Komintern”,
‚Gegen Moskau”, „Gegen die Oktoberrevolution‘. In jener Periode
waren Komintern und Oktoberrevolution ebenso wie jetzt aufs engste
miteinander verbunden, und der Kampf in der internationalen Arbeiter-
bewegung für die Komintern oder gegen sie (und später für die RGL,
oder gegen sie) stand gewöhnlich im Zeichen des Kampfes für cder
jegen die Diktatur des Proletariats, für oder gegen die Oktober-
revolution, Die Entstehung der Komintern beschleunigte somit die
Herausbildung der kommunistischen Parteien, ihren ideologischen
Zusammenschluß und die Konsolidierung der Kräfte des Kommunis-
mus. Andererseits wurden durch die Schaffung der Komintern alle
liejenigen Elemente innerhalb der revolutionären Organisationen
bloßgestellt, die sich einer scheinbar kommunistischen, revolutionären
Phraseologie bedienten und sich sogar „Kommunisten nannten, in
Wirklichkeit jedoch eine antikommunistische Linie vertraten. Die
Periode von 1919 bis 1920 war eben dadurch charakterisiert, daß
viele und sogar ziemlich bedeutende Organisationen, getragen von
der revolutionären Gärung der Massen und vom Haß, den die Sozial-
lemokratie bei der Arbeiterschaft gegen sich erregte, sich Moskau
zuwandten, und die Führer dieser Organisationen, an und für sich
Gegner des revolutionären Programms und der revolutionären Taktik
der Komintern, mußten, um zu manövrieren und ihr wahres Antlitz
zu maskieren, mit der Komintern verhandeln. Zu solchen Organi-
sationen gehörte z, B, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei
Deutschlands (USPD.), die Unabhängige Arbeiter-Partei Englands
und eine Anzahl weiterer Organisationen, die unter dem Druck
ihrer Mitgliedschaft mit der Komintern verhandeln mußten. Später
schufen sie eine Verlegenheitsorganisation, die unter dem Namen
„2%-Internationale‘” in die Geschichte eingegangen ist. Doch. die
Tatsache, daß bedeutende, ausgesprochen sozialdemokratische
Führer, die sich von den offiziellen Führern der Sozialdemokratie
nur wenig unterschieden, Monate hindurch mit der Komintern ver-
handeln mußten, zeugt davon, wie glühend die revolutionäre Atmo-
        <pb n="9" />
        sphäre war und wie weit die Unzufriedenheit und die revolutionären
Stimmungen bei den‘ breiten Massen der kapitalistischen Länder in
ener Periode gingen,

IV. Die Entstehung der RGL

Auf diesem allgemeinen Hintergrunde begann sich die RGI.
herauszubilden, Der äußere Anlaß für die Entstehung der RGL
war die Ankunft mehrerer Arbeiterdelegationen im Jahre 1920
in der Sowjetunion und die Verhandlungen dieser Delegationen mit
den sowjetrussischen Gewerkschaften und der Komintern. Es waren
damals Delegationen der englischen, italienischen, französischen,
jugoslawischen, bulgarischen und spanischen Gewerkschaften nach
Sowjet-Rußland gekommen — die ersten Delegationen, die nach
dem I, Kongreß der Komintern die um die Sowjetunion errichteten
Drahtverhaue durchbrachen. Um begreiflich zu machen, wie glü-
hend der Boden in. jener Periode geworden war, genügt der Hin-
weis, daß unter diesen Delegierten, die sehr linke Reden im Munde
tührten, Herren wie D’Aragona, Purcell u. a, waren. Heute steht
D’Aragona in den Reihen des Faschismus, Purcell in den Reihen
des Sozialfaschismus, und alle übrigen zählen zu den Gegnern
der RGL und der Oktoberrevolution. Doch in jener Periode
verspürten diese „linken“ Elemente nach Ueberschreitung der Sow-
jetgrenze eine Art heiligen Feuers in ihrer Brust und hielten revo-
Iutionäre Reden, noch ehe sie Moskau erreichten, Allerdings er-
losch das revolutionäre Feuer mit ihrer Abreise aus Moskau, und
je weiter sie sich vom sowjetrussischen Gebiet entfernten, desto
vollständiger zog der Reformismus wieder in ihre Herzen ein. Wie
dem auch sei, in jener Periode gab es viele ehemalige und kommende
Reformisten, die bereit waren, äußerst revolutionäre Deklarationen
zu unterzeichnen und Gelöbnisse verschiedener Art abzulegen, die
sie dann natürlich wissentlich mißachteten.

Die erste Beratung, die sozusagen der Auftakt zur Schaffung
der RGI. war, wurde am 16. Juni 1920 in Anwesenheit von Vertre-
tern der sowjetrussischen Gewerkschaften und Repräsentanten der
italienischen und englischen Gewerkschaften abgehalten, Diese
Beratung diskutierte über die Notwendigkeit der Schaffung einer
Weltzentrale der Gewerkschaftsbewegung und über die Beschaffen-
heit einer solchen Zentrale. Von den Vertretern der sowjetrussi-
schen Gewerkschaften wurde der Standpunkt verteidigt, daß die
revolutionären Gewerkschaften sich vereinigen und der IIL.Inter-
nationale anschließen müßten. Dagegen sprachen D’Aragona,
Bianchi, wie auch Purcell und Robert Williams, die damals den
„linken Flügel‘ der englischen Delegation ‚vertraten, Nach
langer Debatte formulierte Robert Williams (heute ist er Ad-
ministrator des „Daily Herald’) seinen Antrag, der nicht nur für
        <pb n="10" />
        die damalige Zeit, sondern auch heute ziemlich revolutionär klingt,
insbesondere wenn man die Entwicklung des Antragstellers in Be-
tracht zieht. Nachstehend sei dieser, im Gegensatz zu uns gestellte
Antrag angeführt, für den auch wir gestimmt haben:

„Die heutige inoffizielle Beratung der revolutionären Führer
der kampffähigen Gewerkschaftsbewegung Großbritanniens, Ruß-
lands und Italiens sieht ein, daß der bestehende internationale Ge-
werkschaftsbund unfähig ist, den Klassenkampf zu führen und be-
schließt daher, eine vollständigere und repräsentativere Beratung
aus revolutionären Gewerkschaftern einzuberufen, zwecks Grün-
dung einer wahren Gewerkschaftsinternationale, frei von irgend-
einer Verbindung mit dem kapitalistischen Völkerbund und den
sogenannten Führern der Arbeiterbewegung, die sich im Welt-
kriege als Sozialpatrioten und Chauvinisten betätigten und gegen-
wärtig in der gleichen Politik fortfahren.”

Wir haben für diese gemäßigtere Formulierung gestimmt. Es
stellte sich jedoch heraus, daß wir, die wir die Formel Robert
Williams’ unterzeichneten, diese Resolution verwirklicht haben und
sogar darüber hinaus gegangen sind, während Robert Williams und
die anderen ihren eigenen Antrag verleugnet haben und heutzutage
jenseits der Barrikade stehen.

Die genannte Beratung hatte jedoch nicht unmittelbar organi-
satorische Folgen, Bereits nach dieser Beratung begannen längere
Verhandlungen mit den italienischen, spanischen, bulgarischen, jugo-
slawischen und französischen Vertretern der Gewerkschaften und
syndikalistischen Organisationen, die damals anläßlich des II. Ko-
mintern-Kongresses in Moskau weilten. Diese Verhandlungen sind
dokumentarisch festgelegt, und ihr Inhalt läßt sich auf zwei Fragen
reduzieren: wir, die Vertreter der sowjetrussischen Gewerkschaften,
sind bei den Verhandlungen mit allen diesen Gästen sowohl von
rechts als auch von links auf Opposition gestoßen, vorausgesetzt,
daß von einem Linkssein der anarchistischen Elemente überhaupt
die Rede sein kann. Einerseits wollten die Vertreter der syndi-
kalistischen Organisationen das Prinzip der proletarischen Diktatur
für die neu zu schaffende Internationale auf keinen Fall anerkennen
und widersetzten sich entschieden gegen jeden Zusammenhang
zwischen dieser Internationale und der Komintern, denn sie waren
für Unabhängigkeit der Gewerkschaften, Sie anerkannten das Pri-
mat der Oekonomik gegenüber der Politik, sie bestritten die Not-
wendigkeit von kommunistischen Parteien für die Herbeiführung
der. sozialen Revolution und behaupteten, die Gewerkschaften
würden die Revolution selbst bewerkstelligen und auch selbst‘ zu
Ende führen. Andererseits sprachen D’Aragona und seine Ge-
sinnungsgenossen aus ganz anderen Gründen als die Anarcho-Syn-
dikalisten gegen die Diktatur des Proletariats. Die letzteren waren
        <pb n="11" />
        wenigstens im Prinzip für die Revolution, für den Sturz der Bour-
geoisie usw. Hingegen hatte D’Aragona die größte Angst vor be-
stimmten Formulierungen irgendwelcher Art. Er wäre wohl durch-
aus nicht abgeneigt, eine Formel über Propaganda revolutionärer
Aktionsmethoden zu unterschreiben, aber bestimmter und eindeu-
tiger formulierte Anträge wollte er auf keinen Fall unterzeichnen.
Unsere Beratungen mit den italienischen Delegierten, die damals
eine große Organisation mit über 2 Millionen Mitgliedern vertraten
und deren Organisation unzweifelhaft mehr ins Gewicht fiel, als die
kleinen Organisationen, dauerten mindestens zwei Wochen. Die
Situation war um so kurioser, als die Sozialistische Partei, deren
Mitglieder D’Aragona und Co. waren, der Komintern angeschlossen
war, Allerdings war es mehr ein formeller Anschluß, aber nichts-
destoweniger war die Sozialistische Partei Italiens eine Sektion der
Komintern. Und Mitglieder einer der Komintern angeschlossenen
Partei hatten Angst vor der Unterzeichnung eines Punktes, in dem
von der Diktatur des Proletariats die Rede war! Nachdem die
Verhandlungen nicht mehr vom Fleck kommen wollten, erklärte ich
D’Aragona gegenüber: Wenn es auch weiter so bliebe, wären wir
gezwungen, öffentlich gegen ihn Stellung zu nehmen und an das
italienische Proletariat mit der scharfen Fragestellung heranzu-
treten, denn Mitglieder einer Kominternsektion standen hier in
einem direkten Widerspruch zu den elementaren Prinzipien der
Komintern., Serrati, der damalige Führer der italienischen
Sozialistischen Partei, übernahm es, eine Mittelresolution, die allen
gerecht werden sollte, zu schreiben. Die Resolution, die er schrieb,
war besser als die von D'Aragona, trotzdem konnte sie uns nicht
restlos zufriedenstellen. Wir waren in eine Sackgasse geraten,

Damals wandte ich mich an Lenin um Rat: sollten wir in
der Formulierung der Gründungsschrilt der zu schalfenden Zentrale
nachgeben oder gerade auf unser Ziel steuern, ohne auch nur ein
Tüpfelchen davon aufzugeben. Nachdem Lenin das von Serrati ge-
schriebene und von uns bereits ein wenig korrigierte Dokument ge-
lesen hatte, sagte er: „Ja, es ist tatsächlich sehr viel Unklarheit
drin, trotzdem darf deswegen nicht gebrochen werden. Unter-
schreibt nur, die fehlende Klarheit bringen wir später hinein.”

Der Ratschlag war zweifellos richtig. Wir haben später wirk-
lich Klarheit geschaffen: ohne und gegen D’Aragona. Sieht man
sich jetzt die von uns unterzeichnete Gründungsschrift an, dann
kann man darin Spuren eines Kompromisses finden. Nichtsdesto-
weniger war es das, was wir brauchten. Wir haben es durchgesetzt,
daß in diesem Gründungsakt über die Schaffung des Internationalen
Rates der revolutionären Gewerkschaften vom revolutionären
Klassenkampf, vom Kampf gegen die Amsterdamer Internationale
und von der Schaffung einer internationalen Gewerkschaftszentrale
        <pb n="12" />
        die Rede war, obleich die Form nicht scharf genug war. Das war
natürlich die Hauptsache. Die weiteren Erfahrungen haben gezeigt,
daß dieses Keim-Organ der RGIL, das damals den etwas langen
Namen „Internationaler Rat der revolutionären Berufs- und Industrie-
verbände‘“ trug, im Kampfe gegen alle feindlichen Tendenzen von rechts
und von links seine eigene Ideologie geschmiedet und seine Prin-
zipien mit größtmöglicher Klarheit und Eindeutigkeit formuliert hat.

Jedenfalls war damals schon, gleich bei der Geburt der RGL,
innerhalb derselben ein Kampf um das Prinzip der Diktatur des Pro-
letariats, um..die Beziehungen zwischen Partei und Gewerkschatten,
um die Einschätzung der alten, vorrevolutionären Gewerkschalfts-
bewegung usw, im Gange. Unsere Linie war von allen Seiten einem
Angriff ausgesetzt, dem ungleiche Motive zugrunde lagen, und trotz-
dem ist der Gründungsakt unterzeichnet worden. So kam die neue
revolutionäre Gewerkschaftszentrale zur Welt, aus der die Rote
Gewerkschaftsinternationale hervorging.

V, Die Kräftesammlung.

Von Anfang an wurde der neuen Gewerkschaftszentrale von
ihren Feinden die Anerkennung versagt. Der Internationale Rat der
revolutionären Gewerkschaften verkündete seine Gründung durch
ein Manifest, das zusammen mit der Deklaration, von der oben die
Rede war, sozusagen der Geburtsschein der Roten Gewerkschafts-
internationale ist. Die Amsterdamer erklärten von der Höhe ihrer
„Majestät herab, dieser Internationale Revolutionäre Gewerk-
schaftsrat sei nichts als eine Fiktion, und ernste Leute müßten
diesen Rat, von dem man nicht recht wisse, wer ihn geschaffen hat,
aus wem er besteht und wozu er existiert, einfach mißachten. Vor-
ausgeschickt sei, daß die Amsterdamer Internationale zur Zeit der
Entstehung des Internationalen Rates 24 Millionen Mitglieder zählte
und von der Höhe dieses statistischen Turms herab über die neue,
junge, doch ziemlich betriebsame Organisation hinwegzusehen ver-
suchte. Die Linie der Amsterdamer Internationale gegenüber der
RGI und den sowjetrussischen Gewerkschaften war die gleiche, wie
die Linie der imperialistischen Großmächte gegenüber der Sowjet-
regierung, Die imperialistischen Großmächte versagten der USSR
(damals RSFSR.) die Anerkennung, und die Amsterdamer Inter-
nationale wollte uns nicht „anerkennen', Nichtsdestoweniger
existierte die Sowjetunion weiter, und ebenso die revolutionäre Ge-
werkschaftsbewegung, Es war, wie ersichtlich, eine schwere und
schmerzvolle Geburt, aber trotzdem hat das Kind das Licht der
Welt erblickt, und von den ersten Tagen an begann der Internati&gt;-
nale Gewerkschaftsrat einen entschlossenen und energischen Kampf,
um zu den breiten Massen zu gelangen.

A
        <pb n="13" />
        Die erste Existenzperiode der RGI, war eine Periode der tollen
Agitation. In jener Zeit, wo unsere Existenz den breitesten Massen
erst bekanntgegeben werden mußte, wo es galt, den Massen unsere
Hauptprinzipien klarzumachen — Klassenkampf oder Klassen-
gemeinschaft, Internationalismus oder Sozial-Imperialismus, rotes
oder weißes Rußland, Moskau oder Amsterdam — in jener Periode
haben wir die ganze Welt mit flammenden Aufrufen bombardiert, Im
Bericht an den I. RGL-Kongreß sind Apelle, Aufrufe und Manifeste
in großer Zahl enthalten, worin wir mit größter Gründlichkeit und
Hitze die Amsterdamer Internationale und ihre Linie angriffen. Es
sind darunter viele von der Komintern und der RGIL unterzeichnete
Manifeste, u. a. das berühmte Manifest „An die Gelben — von den
Roten‘, auch von Lenin unterzeichnet, ein Manifest, das wir an
den II, Kongreß der Amsterdamer Internationale richteten und
worin. wir unsere Stellungnahme gegenüber der Linie der Amster-
damer präzisierten. Die erste Periode der RGL-Geschichte war
eine Periode der Kräftesammlung. Die Tatsache, daß eine neue
Internationale entstanden war, hatte an und für sich bedeutende
Arbeitermassen aufgerührt. Alle revolutionären Gewerkschafts-
organisationen verschiedenen ideologisch-politischen Anstriches
wandten sich nun Moskau zu: die IWW.*) in Amerika, die anarcho-
syndikalistischen Gruppen und Organisationen Frankreichs, Deutsch-
\ands, Spaniens, Italiens und Hollands wie auch die rein anarchisti-
schen Gruppen — alle diese und andere revolutionäre Gruppie-
rungen in der Gewerkschaftsbewegung begannen Verbindungen mit
uns anzuknüpfen und zeigten sich zum Anschluß an die neue revo-
lutionäre Internationale bereit.

Mit fortschreitender Sammlung der verschiedenartigen Gruppie-
rungen um die RGI, zeigten sich innerhalb der Roten Gewerkschalts-
internationale ideologische Gegensätze und es traten die Fragen zu-
tage, um die später jahrelang ein erbitterter ideologischer Kampf
geführt wurde. Besonders interessant ist in dieser Beziehung der
I. Kongreß der RGI, der Gründungskongreß der Roten Gewerkschafts-
Internationale, Der Kongreß war in ideologisch-politischer Beziehung
in höchstem Maße bunt zusammengewürfelt. Die verschieden-
artigen . revolutionären Organisationen, die sich um die RGL
gruppiert hatten, mußten auf dem I. Kongreß mit ihrer Plattform
herausrücken. .

Der I. Kongreß war der Schauplatz eines unerbittlichen ideo-
logischen Kampfes, hauptsächlich der Anarcho-Syndikalisten und
Kommunisten gegeneinander. Die rechten Elemente waren eben-
falls in Person der Vertreter der italienischen Arbeiterkonföderation
anwesend, doch spielten sie auf diesem Kongreß keine ernst zu
nehmende Ralle.
*) Industrial Workers of the World — „Industriearbeiter der Welt“,
        <pb n="14" />
        VL Der Kampf gegen die Anarcho-Syndikalisten,

Die italienische Arbeiterkonföderation (CGL.), die auf dem
[. RGL-Kongreß den rechten Flügel bildete, befand sich .in Vertei-
digungsstellung, während die Anarcho-Syndikalisten, die revolutio-
nären Syndikalisten und die IWW. gegen unsere Einstellung als
Ganzes Sturm zu laufen versuchten.

Der Gründungskongreß sollte bereits ein größeres Ergebnis zu-
wege bringen als der Internationale Gewerkschaftsrat. Damals
konnte man sich mit einer kleinen Deklaration von 10 Punkten be-
snügen. Hingegen mußte auf dem IL Kongreß die taktische Linie
festgesetzt werden; es war notwendig, die Einstellung zu den organi-
satorischen Problemen zu formulieren, die revolutionären Verbände
und Minderheiten organisatorisch herauszubilden, wie auch ihre Be-
ziehungen zur Internationale festzulegen. In dem Augenblick, wo
wir an die ideologisch-politische Herausbildung der RGL, an die
Festsetzung der taktischen und organisatorischen Linie schritien,
kam es zu Zusammenstößen, die bei der Herauskristallisierung
unserer kommunistischen Gewerkschaftspolitik, bei der Formulie-
rung unserer kommunistischen Prinzipien auf dem Gebiete der Ge-
werkschaftsbewegung unvermeidlich waren.

Die Resolutionen des I, Kongresses sind auch heute noch über-
aus interessant. Was bildete den Mittelpunkt des ideologischen
Kampfes zur Zeit des I, Kongresses? Erstens die Frage
der Wechselbeziehungen zwischen Komintern und RGI, Das stand im
Mittelpunkt des Interesses, Das bedeutet, daß der Kampf sich um das
Problem: Partei und Gewerkschaften, Oekonomik und Politik — drehte,
4. h. um alle die Fragen, die stets Syndikalisten und Kommunisten
voneinander trennten, Auf dem I, Kongreß galt es, diese Fragen
mit größter Klarheit zu stellen, denn nicht um die auf dem Kongreß
anwesenden Syndikalisten ging es, sondern um die Arbeiter, die
diesen Syndikalisten folgten und sich um jene Zeit Moskau als einer
revolutionären Zentrale zuwandten. Die Vertreter der französischen
Gewerkschaften, die Syndikalisten und Unionisten Deutschlands, die
IWW. in den Vereinigten Staaten und in Kanada — sie alle bildeten
eine gemeinsame Front gegen unsere Einstellung zu den Wechsel-
beziehungen zwischen Komintern und RGI. Den Vorwand dazu
lieferte der Umstand, daß wir in unsere Statuten einen Paragraphen
über gegenseitige Vertretung in den Vollzugsorganen der Komintern

und RGL aufgenommen hatten. Das war der Mittelpunkt, gegen
den sich die Angriffe aller Syndikalisten richteten, welche behaup-
teten, eine „Unterordnung der Gewerkschaften unter die Kommu-
nistische Partei” auf keinen Fall zulassen zu können, Wir sind da-
mals bei den Franzosen, Spaniern usw, in ihrer Stellungnahme zu
dieser Frage auf Syndikalismus in Reinkultur gestoßen.
Die Theorie des Syndikalismus besagt, wie Ihr wißt, daß die
        <pb n="15" />
        Kommunistische Partei wie jede andere politische Partei ein außer-
halb der Arbeiterklasse stehendes Gebilde sei und daß die Kommu-
nistische Partei daher auf eine Führung der Arbeiterklasse keinen
Anspruch erheben könne und dürfe. Auf alle unsere Entgegnungen
in dem Sinne, daß die revolutionäre Partei die Führerin der Arbeiter-
klasse sei, daß Mur sie allein an der Spitze der Bewegung der
Arbeiterklasse im Kampfe gegen den Kapitalismus stehen könne,
erwiderten sie: „Nicht die Partei, sondern die Gewerkschaften
führen den Klassenkampf und werden ihn zu Ende führen, Eine
Diktatur des Proletariats ist überhaupt nicht notwendig, denn Dikta-
tur und jeder, wie immer geartete Staat sind ein Uebel,”

Ich bringe nachstehend ein Zitat aus der Rede Sirolles, der
damals, auf dem I, Kongreß, den Standpunkt der Syndikalisten
am krassesten zum Ausdruck brachte, Allerdings befindet sich
dieser Redner bereits im reformistischen Lager, was aber durchaus
nicht verwunderlich ist. . Solcher Ueberläufer vom Syndikalismus
zum Reformismus gibt es sehr viele. Nichtsdestoweniger charak-
terisieren seine damaligen Worte die bestimmte Gedankenrichtung
der französischen Syndikalisten und der Syndikalisten der übrigen
Länder. Auf dem I, RGL-Kongreß sprach Sirolle als Vertreter der
tranzösischen Eisenbahner folgende Worte:

„Wir Vertreter der {französischen Gewerkschaftsbewegung
schätzen die gegenwärtige Konjunktur in dem Sinne ein, daß
unser System von Syndikaten, den Organisationsformen und dem
administrativen Apparat nach kraft seines Aufbaues auf terri-
torialem Prinzip an jedem beliebigen Tag vermittels seiner Indu-
strieföderationen und Ortsverbände die proletarische Macht in
unserem Lande zu errichten imstande ist, wo die Gewerkschaits-
organisation die Lenkerin der Schicksale sein wird und wo sie
imstande sein wird, in ihren eigenen Reihen alle Kräfte — die
körperlichen und die moralischen — zu finden, die ihr die weitere
Entwicklungsmöglichkeit sichern werden.”

Die Gewerkschaft also ist es, die die Revolution führt und ihr
zum Sieg verhilft, um dann an die Spitze von Produktion und Ver-
ieilung zu treten, Für die Partei, die Sowjetmacht und den prole-
'arischen Staat bleibt, wie Ihr seht, kein Platz übrig.

Ich könnte eine ganze Reihe von Zitaten aus den Reden der
übrigen Delegierten anführen, doch ist das syndikalistische Wesen
meines Erachtens hiermit restlos dargestellt. Ich bringe ein paar
weitere Zeilen aus der gleichen Rede, die eine endgültige Vor-
stellung von der Stellungnahme der Syndikalisten zur Komintern
ermöglichen:
„Die Notwedigkeit unserer Unabhängigkeit von der Komin-
‚ern entspringt viel höheren Motiven als die, die uns zugeschrieben
werden: wir finden, daß die Revolution, daß die Interessen der

13
        <pb n="16" />
        Revolution weit über den Parteiinteressen stehen; und die Ent-
wicklung der Weltrevolution darf nicht dem Interesse einer ein-
zigen Partei untergeordnet, sondern muß den revolutionären
Menschen der ganzen Welt anvertraut werden,”

Das ist sehr unbestimmt und sehr schwach, aber das ist der
reine Syndikalismus, der „sich selbst genügt”. Allzu große Prä-
zision und Klarheit ist nie die Schwäche des Syndikalismus gewesen.

Die Frage der Wechselbeziehungen zwischen Komintern und
RGI, stand also auf dem I, Kongreß im Mittelpunkt des Interesses
und hat ihm einen gewissen Stempel aufgedrückt. Eine ganze Reihe
von Delegationen (Syndikalisten) stimmten gegen die Paragraphen
ınserer Resolutionen, wo wir von der Diktatur des Proletariats und
unseren Beziehungen zur Komintern und den kommunistischen Par-
teien sprachen. Gerade weil der Kampf sich um diese Frage kon-
zentrierte, sind die taktischen Probleme, die auf diesem Kongreß
zur Diskussion standen, in ihrer Gesamtheit nicht ausreichend und
allseitig erörtert worden. Indes mußten auf dem Gründungskongreß
alle Grundprobleme der internationalen Gewerkschaftsbewegung
zur Diskussion gestellt werden: die Gewerkschaften vor dem Kriege,
im Krieg und in der Nachkriegszeit, die Neutralität, die Unabhängig-
keit und der Sozialismus, die Arbeit in den alten Gewerkschaften.
das Problem der Betriebsräte und der Arbeiterkontrolle, die Indu-
strieverbände, die Internationalen Propagandakomitees, die Bedin-
gungen für die Aufnahme in die Rote Gewerkschalftsinternationale,
die Kampfmethoden, die Gewinnung der Frauen und Jugendlichen
für die Gewerkschaften, unsere Taktik gegenüber der Arbeiter-
bewegung in den Kolonien und Halbkolonien, das Aktionsprogramm
usw. Diese Aufzählung zeugt davon, daß der I, Kongreß tatsächlich
die Grundlage der revolutionären  Gewerkschaftsinternationale
schuf, indem er der internationalen revolutionären Gewerkschafts-
bewegung ein präzises Programm und eine präzise Taktik gab.

Der I. Kongreß war nicht nur formell, sondern auch vom ideo-
'\ogisch-politischen Standpunkte der Gründungskongreß, In seiner
Resolution über die Taktik und in der Resolution zur Organisations-
irage wurde die Linie präzisiert, die wir bis auf den heutigen Tag,
wo wir vor der Zehnjahrfeier der RGI, stehen, fortführen. Der
politische Inhalt des I, Kongresses war, daß er gegen Klassen-
gemeinschaft und Reformismus mit aller Entschiedenheit Stellung
nahm und andererseits der syndikalistischen Phraseologie eine ein-
deutige kommunistische Politik in der Gewerkschaftsbewegung ent-
gegensetzte. Der Kongreß formulierte darum ausführliche Reso-
lutionen, nicht nur über Fragen der Taktik, sondern auch über die
Organisationsfiragen, denn das Organisationsproblem ist bekanntlich
für den Syndikalismus das am schwersten zu lösende Problem, inso-
iern, als er alles auf die Spontaneität und nicht auf Organisation setzt.
        <pb n="17" />
        VIL Die Teilforderungen und das Endziel,

Um sich vor der Aktualität der vom I, Kongreß gefaßten Be-
schlüsse zu überzeugen, genügt es, zu erfahren, wie in den Kongreß-
resolutionen solche Fragen gelöst wurden, wie z, B. die Frage des
Verhältnisses zwischen den Teiliorderungen und dem Endziel oder
die Frage danach, was das Organisationsproblem bedeutet. Wir
haben auf dem I. Kongreß die Frage der Teilforderungen und des
Endzieles diskutiert, weil nicht nur die Anarchosyndikalisten,
sondern auch einige Kommunisten der Meinung waren, daß das
Problem der Teilforderungen in einer Situation des verschärften
Klassenkampfes überhaupt in Wegfall komme und daß man
nur um die Endziele kämpfen müsse, Diese Frage mußte mit aller
Klarheit und Präzision aufgerollt werden. In der Resolution des I, Kon-
gresses, Abschnitt „Kampfmethoden“, lesen wir:

„Die Arbeit muß auf dem Boden der gegebenen, die Massen
tief aufrührenden Konflikte geführt werden. Verächtliche und
hochmütige Stellung zum tagtäglichen Kampf, zu den materiellen
Interessen der Verbandsmitglieder kann zur Isolierung von den
Massen führen, sie kann dahin führen, daß sich zwischen der
Avantgarde und den dichten Kolonnen der proletarischen Armee
ein Abgrund auftut, Präzision im tagtäglichen Kampfe, Verständ-
nis für die Ausnützung desselben und seine Verbindung mit dem
allgemeinen Klassenkampfe ist darum die wichtigste Frage der
Gewerkschaftstaktik.”

Auf diese Frage ist die RGI. ganz besonders in der Periode des
scharfen Kampfes gegen die Anarchosyndikalisten zurückgekommen,
die das Verhältnis zwischen den Teilforderungen und dem Endziel
niemals erfassen konnten. Es handelte sich hauptsächlich darum,
alle revolutionären Gewerkschaftsorganisationen auf die Wahr-
nehmung der unmittelbaren Bedürfnisse der Massen umzustellen.
Eben darum mußten Grundsätze, die auf den ersten Blick elementar
erscheinen, immer wieder in den Vordergrund gestellt werden. So
hat der II. RGL-Kongreß. in der Resolution zu den organisatorischen
Aufgaben der Frage der Teilforderungen und des Endzieles einen
ganzen Abschnitt gewidmet, Folgendes steht in den Beschlüssen des
HI, RGJL-Kongresses:

„Die Ausarbeitung eines Aktionsprogramms für jedes Land
und jede Industrie muß die wichtigste Aufgabe der RGL-Anhänger
sein, Gegen den Versuch, den: Kampf um die Teilforderungen
als Preisgabe der revolutionären Prinzipien hinzustellen, muß aufs
entschiedenste‘ gekämpft werden. Revolutionär sein heißt nicht
revolutionäre Worte wiederholen, sondern das vorgesehene Pro-
gramm mit revolutionären Methoden durchführen. Ein und die-
selben Teilforderungen werden die reformistischen und die revo-
lutionären Verbände in ganz verschiedener Art durchführen, Für
        <pb n="18" />
        die reformistischen Verbände sind die Teilforderungen alles,
während sie für die revolutionären Verbände nur ein Mittel zum
Zusammenschluß und zur Organisierung der Massen für den
weiteren Kampf sind. Der Kampf um die Teilforderungen ent-
ternt: uns keineswegs vom gesteckten Ziel, sondern bringt uns
dem Ziel näher, Das anarchistische Vorurteil, daß der Kampf um die
Teilforderungen unter unserer revolutionären Würde stehe, muß be-
kämpft werden. Das ist schädliche Wortspielerei, die die Organi-
sierung der Massen und die Vorbereitung revolutionärer Aktionen
hindert,
Die Aufgabe der RGI-Anhänger ist, die gesamte Arbeit auf
dem Gebiete der Teilforderungen unter dem Gesichtswinkel der
Endziele zu führen. Ein Gegensatz zwischen den Teilforderungen
und dem Endziel entsteht erst, wenn wir das eine vom andern
tlrennen: abstrakte Propaganda des Endzieles kann die Gewerk-
schaftsorganisationen, die Arbeiter aller Richtungen zusammen-
lassen, schwächen. Hingegen werden die praktischen Aktionen
unserer Organisationen, das konkrete Programm, der systema-
tische und zähe Kampf um die Tagesinteressen der Arbeiter
immer mehr neue Schichten für unsere Reihen gewinnen, die die
Schule des elementaren Klassenkampfes durchmachen und sich
zum kommunistischen Klassenbewußtsein entwickeln werden.‘

Die Frage ist hier mit beachtenswerter Klarheit behandelt, und
liese prinzipielle Einstellung hat ihre Aktualität bis auf den heuti-
gen Tag nicht eingebüßt, was auch in nächster Zeit noch der Fall
sein wird. Alle weiteren Beschlüsse der späteren Kongresse zu
dieser. Frage waren eine Fortentwicklung der vom I und II. Kongreß
lestgesetzten Linie,
VHL Die orsanisatorischen Probleme.
Diese Fragestellung auf dem Gebiete der Teilforderungen mußte
durch eine richtige Formulierung der organisatorischen Aufgaben
der revolutionären Gewerkschaftsbewegung ergänzt werden, denn
die organisatorischen Probleme treffen bekanntlich mit der Politik
zusammen, Es handelte sich um neue Kampfmethoden in der- Periode
eines großen revolutionären Aufstieges. Hierbei möchte ich auf
die folgenden Formulierungen aus der Resolution des 1. Kongresses
aufmerksam machen, die bis auf den heutigen Tag aktuell geblieben
sind:
„Es sind neue Methoden des wirtschaftlichen Kampfes er-
forderlich, hervorgerufen durch die Zersetzungsperiode des
Kapitalismus, - Eine aggressive Wirtschaftspolitik der Gewerk-
schaften tut not, um nicht nur die Offensive des Kapitals abzu-
wehren. sondern auch zum Angriff überzusehen."
        <pb n="19" />
        Man kann ohne irrezugehen sagen, daß dieser Absatz den aller-
letzten Beschlüssen der Komintern und der RGI. entspricht. Oder
sehen wir uns die folgende Stelle aus derselben Resolution an:

„Der Kernpunkt der organisatorischen Frage ist die
Schaffung einer elastischen, betriebsamen, festgefügten und mit
den Massen verbundenen Organisation, die unter allen Umstän-
den, bei erfolgreichem Kampf und auch im Mißerfolg unum-
strittene Autorität bei den breiten Massen genießt.” ;

Dieser Teil der Resolution klingt mehr als zeitgemäß und wird
zeine Aktualität noch lange bewahren. Eine weitere Stelle sei an-
geführt:
„Die Kampfpraxis ist die beste Schule der Solidarität, Aus-
dauer und Disziplin. Gut ist die‘ organisatorische Arbeit, die das
einfache Verbandsmitglied mit seiner Organisation unzertrenn-
lich verbindet, einen Stamm selbständiger Kämpfer heranbildet,
ihre. Organisationsformen an die Anforderungen des sozialen
Kampfes und den Organisationsstand der feindlichen Klasse
anpaßt und die breiten Arbeitermassen lehrt, die Organisation
nicht als Ziel, sondern als Mittel zum Ziel zu betrachten.“

Den wichtigsten Teil der organisatorischen Frage bilden die
Methoden der Masseneroberung. Hier fließt die organisatorische
Arbeit mit unserer Taktik zusammen, Was hat die RGI, zu dieser
Frage gesagt? Ich komme wieder auf den Gründungskongreß
zurück, dessen Beschlüsse bis auf den heutigen Tag nicht veraltet
sind, Was finden wir in diesen Beschlüssen?

„Die Grundlage für die Erweiterung unseres Einflusses muß
der Wirtschaftskampf sein. Lohn- und Tariffragen, Versorgung
der Kriegsopfer, Sozialversicherung, Erwerbslosigkeit, Frauen- und
Kinderarbeit, die sanitären Verhältnisse in den Betrieben, die
Teuerung, die Wohnungsfrage usw., die Steuerpolitik; die Mobi-
lisierung, die kolonialen Abenteuer und die Finanzkombinationen:
das alles soll tagtägliches Material für die Organisierung und
sozialistische Kampfschulung sein, Auf keinen Fall dürfen die
Anhänger der Roten Gewerkschaftsinternationale außerhalb des
Rahmens der Organisationen bleiben und von außen her auf die
Arbeiter einwirken. — Die Aufgabe ist vielmehr, zäh und
systematisch innerhalb der Gewerkschaften zu wirken und hierbei
den breiten Arbeitermassen praktische Lehren in revolutionärem
Geist, Selbstaufopferung und Kommunismus zu erteilen.

Die Massen und folglich auch die Gewerkschaften erobern,
können wir nur unter der Bedingung, daß wir im Kampfe wie in
der Abwehr stets an der Spitze, stets in den ersten Reihen der
Arbeitermassen stehen, Das bedeutet jedoch keinesfalls, daß
stets zum Angriff aufgefordert werden muß, von dem Standpunkte
aus; daß ein Angriff unter allen Umständen und Bedingungen

7
        <pb n="20" />
        Sutzuheißen sei. Der Anhänger der Roten Gewerkschaftsinter-
nationale muß nicht nur ein Muster an revolutionärem Geist,
sondern auch ein Muster an Ausdauer und Kaltblütigkeit sein.
Der Kernpunkt des Erfolges ist systematische, planmäßige und
zähe Vorbereitung einer jeden Aktion, einer jeden Bewegung.
Schnelligkeit und Unerbittlichkeit der Aktion muß mit höchst
sorgfältiger Erforschung der Situation und der Umstände, wie auch
des Organisationsstandes der feindlichen Kräfte verbunden sein.
{m Klassenkampf wie im FrontkampF muß man nicht nur anzu-
greifen, sondern auch geordnet und geschlossen den Rückzug
anzutreten verstehen. Im Angriff wie in der Abwehr muß man
stets auf eines bedacht sein: die Sympathien der breiten prole-
tarischen Massen für sich zu gewinnen und die ganze sozial-
Dolitische Situation, in der der Kampf verläuft, richtig zu er-
lassen.”
Nach dem I, Kongreß hat die RGI. auf ihren späteren Kon-
gressen und Plenarkonferenzen die organisatorischen und taktischen
Aufgaben der Masseneroberung wiederholt formuliert. Es gibt eine
Anzahl von Beschlüssen über die Taktik in den einzelnen Ländern,
doch alle Resolutionen der RGI., die auf: den internationalen Er-
fahrungen fußen, gehen in der vom I, Kongreß gewiesenen Richtung-
Die einheitliche Linie der RGI. im Verlauf ihrer zehnjährigen
Existenz wird dadurch am besten charakterisiert.

Mir scheint, daß diese wenigen Auszüge nicht nur vom rein
historischen Standpunkte Beachtung verdienen, Wir hätten auch
in der gegenwärtigen Situation nichts hinzufügen können, wollten
wir formulieren, was wir unter Organisationsproblemen verstehen
und wie wir die allgemeine Umgestaltung und die Hauptaufgaben
unserer Gewerkschaften auffassen,
IX. Nochmals: RGL und Komintern,

Der I, Kongreß führte keinen einstimmigen Beschluß in der Frage
der Wechselbeziehungen zwischen Komintern und der RGI. herbei, Die
Periode vom I, bis zum II, Kongreß war in der ganzen Welt ein einziger
scharfer Kampf um die Beschlüsse, die der I, Kongreß zu dieser Frage
gefaßt hatte, Die Anarcho-Syndikalisten versuchten, ihre Kräfte durch
Schaffung einer eigenen Internationale zusammenzuschließen, um in
gemeinsamer Front gegen uns vorzugehen, Als dann der II, RGI.-
Kongreß im Jahre 1922 zusammentrat, mußten wir uns wieder mit der
Frage „Komintern und RG1.‘“ befassen.

Diese Frage war besonders akut geworden, weil sich die Unitarische
Gewerkschaftskonföderation (CGTU.) in Frankreich herausgebildet
hatte. Die Mehrheit der führenden revolutionären Gewerkschafter
Frankreichs sympathisierte wohl mit der Oktoberrevolution und der
;owietrussischen Gewerkschaftsbewegung, nichtsdestoweniger wollten

=
        <pb n="21" />
        sie aber die von uns zur Frage der Wechselbeziehungen zwischen der
Komintern und der RGI, gefaßten Beschlüsse nicht anerkennen, Auf
dem II, Kongreß mußten wir uns darum abermals und allen Ernstes mit
einer anscheinend bereits gelösten Frage befassen, Bedingung der uni-
l'arischen Gewerkschaften Frankreichs für ihren Anschluß an die RGI.
war die Streichung des 8 11 der Statuten, der die Beziehungen zwischen
Komintern und der RGI. durch gegenseitige Vertretung in den Vollzugs-
organen regelt. Auf den Antrag der französischen Syndikalisten in dieser
Frage eingehen, hieße, ein sehr ernstes Zugeständnis machen, weil wir
die Notwendigkeit der gegenseitigen Vertretung aus prinzipiellen
Gründen verteidigten, Andererseits war die überaus wichtige Tatsache
in Betracht zu ziehen, daß die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung
Frankreichs zu uns kam, und es handelte sich darum, ob ein solches Zu-
geständnis revolutionären Arbeitern gemacht werden durfte, die sich
noch nicht zum kommunistischen Standpunkt entwickelt hatten. Ich
wandte mich damals an Lenin, der mir nur eine einzige Frage stellte:
‚Kommen diese Gewerkschaften zu uns oder gehen sie von uns weg?
Entwickeln sie sich in Richtung einer Verständigung mit uns oder
nicht?* Auf meine Antwort, daß sie zu uns kamen, sagte Lenin: „Es
kann und soll hier ein Zugeständnis gemacht werden, Wären diese
Forderungen als Vorwand für die Abkehr von uns aufgestellt worden,
dann hätte es natürlich gar keinen politischen Sinn, ein Zugeständnis so
ernster Natur zu machen, Haben wir aber mit einer revolutionären
Arbeiterbewegung zu tun, die zwar immer noch von syndikalistischen
Traditionen durchdrungen ist, sich aber uns immer mehr nähert, dann
muß ein Zugeständnis gemacht werden, damit die Bewegung noch näher
Kommt und damit die Gewerkschaftsbewegung Frankreichs später in
lem Sinne beeinflußt werden kann, daß sie diese Vorurteile überwindet.”

Wir folgten dem Rat /Mjitschs und machten den französischen
Syndikalisten auf dem II. RGI-Kongreß ein Zugeständnis durch
Streichung des Paragraphen, der sie so beunruhigte. Nach voran-
gegangenem ideologischen Kampf und nach Feststellung unserer Posi-
tionen erklärten wir, daß wir nur dazu nachgeben, um die Einheitsfront
mit den revolutionären Arbeitern Frankreichs und der übrigen Länder
herbeizuführen, Hat sich diese Politik im Laufe aller dieser Jahre
bewährt? Voll und ganz. Die Vorurteile in der revolutionären Gewerk-
schaftsbewegung Frankreichs wurden allmählich überwunden, und die
revolutionären Arbeiter Frankreichs kamen uns immer näher, Heute
{ühren sie in überwiegender Mehrheit die Linie der RGI, und Komintern
durch, und die unitarischen Gewerkschaften bilden einen der stärksten
Trupps der RGI.

X, Kapitalsoffensive und proletarische Einheitsiront.
Im Mittelpunkt des Interesses stand auf dem IL Kongreß die Ein-
heitsfronttaktik, die angesichts der veränderten Situation und des ver-
önderten Verhältnisses der Klassenkräfte von der Komintern und RGI.

fg
        <pb n="22" />
        auf die Tagesordnung gesetzt wurde, Mitte 1920 hatte bereits das Ab-
ebben der Revolutionswelle begonnen. 1921—1922 setzte eine nicht un-
erhebliche Offensive des Kapitals gegen die Arbeitermassen ein. Da-
mals wurde von der Komintern und der RGI die Parole ausgegeben:
Einheitsiront aller Arbeiter verschiedener Richtungen zum gemeinsamen
Kampf gegen das angreifende Kapital, Es war nur natürlich, daß auf
dem IL, Kongreß, der 1922 stattfand, die Einheitsfront, die Formen der
Schaffung dieser Einheitsfront und die Methoden zu ihrer Durch-
führung, die Frage, wie die Einheitsfront beschaffen sein soll — Ein-
heitsfront von unten, Einheitsfront von oben — und eine Anzahl
weiterer Fragen, die sich im Laufe der Anwendung der Einheitsfront-
taktik ergaben, im Mittelpunkt des Interesses standen, Die Einheits-
iront ist eine zweischneidige Taktik. Gemeinsame Aktionen mit den
reformistischen Organisationen bergen für die revolutionären Organi-
sationen auch Gefahr in sich. Wir haben im Laufe dieser Jahre be-
obachten können, daß viele Kommunisten sich an der Einheitsfront das
Genick brachen (im politischen Sinne). Bei einigen RGIL.-Anhängern
kam nicht eine Einheitsiront der Arbeiter verschiedener Richtungen zum
gemeinsamen Vorgehen gegen das Kapital zustande, sondern der Ver-
such, eine gewisse Mittellinie zwischen Kommunismus und Reformismus
zu finden. Das ist, wie ihr weiter sehen werdet, im Zusammenhang mit
dem anglo-russischen Einheitskomitee auch in den Köpfen einiger Ge-
werkschafter Sowjetrußlands herumgespukt, die doch im Vergleich mit
den Mitgliedern der übrigen kommunistischen Parteien standhalfter sind,
Die Formen und der Charakter der Einheitsiront, die Grenzen derselben
und die Methoden zu ihrer Herbeiführung waren darum höchst wichtige
Fragen, denn mit Hilfe der Einheitsfronttaktik konnten wir beträcht-
liche Arbeiterschichten, die Mitglieder der reformistischen Organi-
sationen waren, für den Kampf gewinnen. Aber damit wir die refor-
mistischen Arbeiter in den Kampf führen und damit wir sie für die
Einheitsfiront mit uns gewinnen konnten, mußte bei uns selbst jede
Schwankung in dieser Frage ausgeschaltet werden, Dort, wo die revo-
lkutionären‘ Gewerkschaftsorganisationen in der KEinheitsfrontfrage
schwankten, versackten sie auch im opportunistischen Sumpf, aus dem
man sie an den Haaren wieder herausziehen mußte, Die Einheitsfront-
fragen nahmen darum auf allen Kongressen der Komintern und der
RGI, sehr großen Raum ein,

Durch all die Jahre, angefangen mit 1921 und bis auf die heutige
Zeit, sind die Fragen der Einheitsfront wie auch der Formen und
Methoden ihrer Anwendung der Anlaß zur Bildung neuer Triebe von
der bolschewistischen Linie weg der Anlaß zu einer nicht unerheblichen
Zahl von Abweichungen und opportunistischen Verrenkungen.

Der II Kongreß befaßte sich mit dieser Frage zum erstenmal. Er
entwarf die Formen und Methoden des Kampfes auf diesem Gebiete
und die Angriffslinie gegen die Reformisten auf der Basis der Einheits-
iront. Wohl hatten wir in jener Periode nicht nur die Idee der Einheits-
        <pb n="23" />
        front von unten auf die Tagesordnung gesetzt, sondern auch die Ein-
heitsfront von oben, d, h, wir ließen die Möglichkeit zu, Verhandlungen
mit den reformistischen Gewerkschaftsspitzen, mit den Spitzen der
sozialdemokratischen Parteien zu führen, um auf der Basis unserer
Forderungen die Massen für den Kampf gegen ihre Führer zu gewinnen.
Es sei festgestellt, daß diese Verhandlungen meistenteils wie der „Fisch-
schwanz‘ endeten, wie die Franzosen sagen, d. h. ohne greifbare Er-
gebnisse, und nur soweit wie die kommunistische Partei und die revo-
‚utionären Gewerkschaften es verstanden, die Massen vermittelst der
Einheitsfront in Bewegung zu bringen, ihnen klarzumachen, was die
Einheitsfront ist, zu welchem Zweck und auf welcher Basis sie ge-
schaffen werden soll, ist sie in dieser oder jener Bewegung, in dem einen
oder anderen Lande von Nutzen gewesen,
XL Von der Einheitsfront zur Einheit der Gewerkschaltsbewegung.
Die Kapitalsoffensive nahm einen solchen Charakter und solche
Dimensionen an, daß 1924, zur Zeit des III. RGL-Kongresses, die Offen-
sive des Kapitals immer noch auf der ganzen Linie entwickelt wurde,
trotzdem es in einzelnen Ländern bereits zu ziemlich bedeutenden
Kämpfen und ziemlich scharfen Klassenzusammenstößen gekommen
war, In diese Zeit fällt auch der Beginn der Verpflanzung ameri-
kanischer Formen und Methoden der Arbeiterorganisation nach Europa.
Die kapitalistische Rationalisierung begann die Arbeitermassen mit ihrer
ganzen Last niederzudrücken, und noch gebieterischer wurde darum die
Notwendigkeit einheitlicher Aktionen der Arbeiter aller Richtungen.
Der III. Kongreß machte die weiteren Schritte. Die Einheitsfront-Parole,
d, h. die Losung gemeinsamer Aktionen wurde durch die Losung Ein-
heitsfront der Gewerkschaftsbewegung ergänzt, d, h. durch die Losung
des Kampfes um eine einheitliche Gewerkschaftsbewegung in jedem
Lande, des Kampfes um eine einheitliche Internationale. Um diese Frage
konzentrierte der III, Kongreß sein Interesse, und um diese Frage
drehten sich auch die Gegensätze auf dem III, Kongreß.

Ist eine Einheit der Gewerkschaftsbewegung denkbar? Auf welcher
Grundlage denken wir uns die Einheit zwischen der RGI, und der
Amsterdamer Internationale? Die Amsterdamer Internationale, die sich
an alle Gewerkschaften, hauptsächlich jedoch an die sowjetrussischen
wandte, sagte: „Die Tür ist offen, herein!‘ Wir hingegen gaben die
Parole aus: Einberufung eines Welt-Gewerkschaftskongresses auf dem
Boden proportionaler Vertretung, um auf einem solchen Kongreß die
Einheitsinternationale zu schaffen, Der ganze Kampf zwischen RGI.
und Amsterdam ging in der Periode von 1924 bis 1927 um das Einheits-
problem. Die IL und die Amsterdamer Internationale leiteten einen
wüsten Kampf gegen diese Losung ein, sie erblickten in der Einheits-
parole eine Falle für den internationalen Reformismus, Natürlich
sprachen sie nicht gegen die Einheit überhaupt, sondern dagegen, daß
fr
        <pb n="24" />
        die RGI, die Einheit zum Kampf gegen die Bourgeoisie forderte, Für
die Reformisten, die in gemeinsamer Front mit der Bourgeoisie mar-
schierten, stand die Frage: entweder mit der Bourgeoisie oder mit dem
revolutionären Proletariat. Die Einheit mit der Bourgeoisie zogen sie
natürlich der Einheitsfront mit der RGIL vor, und daher die wüste Kam-
pagne gegen unsere Losungen,

Trotzdem die gesamte Gewerkschaftsbürokratie stärksten Wider-
stand leistete, war der Wille der Massen zur Einheitsfront und Einheit
so stark, daß selbst in den Reihen der Amsterdamer Internationale
Schwankungen in dieser Frage einsetzten, Das kam in der Internatio-
nalen Transportarbeiter-Föderation zum Ausdruck, die. im Jahre 1923
ein Abkommen über gemeinsame Aktionen mit den sowjetrussischen
Transportarbeiterverbänden zu schließen versuchte,‘ wie auch in einer
Reihe analoger Fälle in den übrigen Industrien, Wenn aber die Amster-
damer Bürokraten, derart an die Wand gedrückt, die Verhandlungen
begannen, wandten sie alle ihre Kniffe daran, jede gemeinsame Aktion
unmöglich zu machen oder die revolutionären Gewerkschaften von der
RGI, zu isolieren,

Andererseits wurde die Losung der Einheitsfront und Einheit von
vielen Parteien und revolutionären Gewerkschaften opportunistisch aus-
gelegt, Einheitsfront um jeden Preis, Einheitsiront unter allen Um-
ständen, alles für die Einheit, ja sogar Preisgabe unserer Prinzipien um
der Einheit willen — gegen solche und ähnliche Stimmungen mußte die
RGI. mehrere Jahre hindurch kämpfen, Trotzdem die Komintern und
RGIL wiederholt in den Resolutionen betont hatten, die Einheit sei nicht
das Ziel, sondern das Mittel zum Ziel, wollten diese rechten Ansichten
aus den Köpfen sehr vieler Kommunisten nicht weichen und behaupteten
sich zähe, Andererseits gab es auch Genossen, für die die Einheitsiront
aus prinzipiellen Gründen unannehmbar war, So mußte die RGI die
Sanze Zeit hindurch nicht nur gegen die Reformisten kämpfen, sondern
auch gegen einen Teil ihrer eigenen Anhänger, Der Kampf wurde um
die richtige Anwendung der Einheitsparole geführt, um die revolutio-
näre Anwendung dieser Losung, um die Massen von der Amsterdamer
Internationale zu isolieren,

XI Das Anglo-Russische Komitee,
Der 111, Kongreß mit der von ihm ausgegebenen Parole „Einheit der
Gewerkschaftsbewegung‘ war der Ausgangspunkt für die Schaffung
mehrerer Einheitskomitees, Das anglo-russische Einheitskomitee war
das größte davon, und seine kurze Existenz endete mit dem Bruch und
der Stellungnahme der englischen Trade-Unionisten gegen die sowjet-
russischen Gewerkschaften und gegen die Oktoberrevolution, Was war
der Kernpunkt des anglo-russischen Einheitskomitees? Wir hatten. ver-
sucht, mit den \„linken” Amsterdamern eine Verständigung in drei
Fragen zu erzielen: Einheit der Gewerkschaftsbewegung, Bekämpfung
        <pb n="25" />
        des Krieges und Kampf gegen die Offensive des Kapitals, Das Linkssein
der linken Amsterdamer ist nur im höchsten Maße bedingt aufzufassen.
Die Gewerkschaften der Sowjetunion versuchten, die Einheitsfront mit
ihnen zu schaffen, doch die Führer der englischen Trade-Unions waren
zu nichts weiter als zur Unterzeichnung einer linken Deklaration bereit,
wobei sie von vornherein entschlossen waren, nichts für die Erfüllung
der übernommenen Verpflichtungen zu tun, Was veranlaßte die eng-
lischen Trade-Unionisten, sich mit den sowjetrussischen Gewerkschaften
zu verständigen, die Einheitsfront mit ihnen zu schließen? Es waren
vor allem Gründe der Staatsraison: durch die sowjetrussischen Gewerk-
schaften wollten sie der englischen Industrie Lieferungsverträge sichern.
Davon gingen alle die Purcell, Hicks, Tillet und Turner in ihrer Argu-
mentation für die Einheitsfront mit den sowjetrussischen Verbänden
gewöhnlich aus. Dadurch kamen sie den Stimmungen der breiten Massen
für die Sowjetunion entgegen, Andererseits gedachten die englischen
Generalratsleute, sich im Kampfe um den Einfluß in der Amsterdamer
Internationale auf die Gewerkschaften der Sowjetunion zu stützen.
Darüber hinaus schien es den Leuten aus dem Generalrat angesichts
der Radikalisierung der Massen eine Notwendigkeit, sich zur Erhaltung
ihres Einflusses mit linken Phrasen zu bewaffnen, sich in das Män-
telchen der Einheitsfiront mit den sowjetrussischen Gewerkschaften zu
hüllen.

Was hatte die sowjetrussischen Gewerkschaften veranlaßt, sich zur
Einheitsiront, zur Verständigung mit den linken Amsterdamern zu ent-
schließen? Vor allem der Wunsch, den Massen zu zeigen, daß sie nicht
mit dem Munde, sondern in der Tat für die Einheitsfront eintreten und
bereit sind, sich mit jeder beliebigen Arbeiterorganisation zu verstän-
digen, um gemeinsame Aktionen gegen die Reaktion, gegen den Krieg
und die Offensive des Kapitals einzuleiten, Die in der kurzen Dauer
der Einheitsfront mit den linken Amsterdamern gewonnene Erfahrung
hat gezeigt, daß die letzteren keinen Finger rühren wollten, um die ge-
faßten Beschlüsse gemeinsam durchzuführen, Ja, noch mehr, sobald
diese Herren „Linken‘ gezwungen waren, eine bestimmte Position im
Klassenkampf des eigenen Ländes zu beziehen (Bergarbeiterstreik,
Generalstreik usw.) stellten sie sich an die Spitze des reaktionären
Feldzuges der Gewerkschaftsbürokratie gegen die Interessen der Ar-
beiterklasse, So hat das praktische Leben in die Verträge mit den
linken Amsterdamern seine Korrekturen hineingebracht, Diese Herr-
schaften faßten das anglo-russische Komitee als gegenseitigen Garantie-
pakt der Kommunisten und Reformisten auf, und sie mußten in dieser
Beziehung eine Enttäuschung erleben, sobald ihre streikbrecherische
Rolle zutage getreten war, Zwar hat es auch unter den sowjetrussischen
Gewerkschaftern Leute gegeben, die da glaubten, das Vorhandensein
eines Vertrags verpflichte uns, von einer scharfen Verurteilung dieser
Streikbrecher Abstand zu nehmen, doch sind diese Stimmungen in der
Haltung des Zentralrates der Gewerkschaften der USSR, (WZSPS.)

Zn
        <pb n="26" />
        nicht zum Ausdruck gekommen, ebensowenig wie die Anträge auf So-
Tortigen Bruch darin zum Ausdruck gekommen sind,

Das anglo-russische Einheitskomitee ist als beiderseitiges Manöver
zu betrachten, Einige Genossen glaubten in ihrer Einfalt, nur wir hätten
manövriert, und die englischen Linken wären nur das Objekt gewesen;
ın Wirklichkeit jedoch haben auch die Engländer manövriert, und nicht
einmal schlecht, Wir manövrierten, um den Massen zu beweisen, daß
wir für die Einheitsfiront in der Praxis sind, und um auf der Basis der
Einheitsfront die inneren Reibungen in der Amsterdamer Internationale
zu vermehren, Jene manövrierten, um die Gewerkschaften der USSR.
für die Amsterdamer Internationale zu gewinnen und um ihre rechten
Taten mit linken Phrasen zu markieren, Nach dem Bruch des anglo-
russischen Komitees vollzog sich eine Konsolidierung in der führenden
Spitze der Amsterdamer Internationale: die verlorenen Söhne sind
heute nicht einmal mit dem Munde mehr ‚links‘.

Außer dem anglo-russischen Komitee entstand und zerfiel später
das russisch-skandinavische Einheitskomitee, wie auch eine Reihe
weiterer Komitees, geschaffen von sowjetrussischen Verbänden und ein-
zelnen Gewerkschaften Norwegens, Schwedens, Finnlands u. a. Eine
geringe Zahl von Einheitskomitees hat sich bis auf den heutigen Tag
erhalten, doch wurde diese Frage durch den verschärften Kampf
zwischen Kommunisten und Reformisten, zwischen Amsterdam und
RGI, auf die Spitze getrieben, und alle linken Elemente zerrissen ihre
Verträge mit den russischen Verbänden, um in den Schoß Amsterdams
zurückzukehren,
XIIL Die RGI und die kapitalistische Rationalisierung,
Die Periode zwischen dem III und IV, Kongreß läßt sich nicht nur
durch die unmittelbare Kapitalsoffensive gegen die Lebenshaltung der
Arbeiter charakterisieren, sondern auch durch eine produktionstech-
nische Offensive, d. h. durch scharfmacherische kapitalistische Ratio-
nalisierung, die auf Kosten der Arbeiterklasse, auf Kosten der Lebens-
haltung der Arbeiterklasse ging, und die unvermeidlich die größten
Veränderungen in der Struktur der Arbeiterklasse wie auch in den
Kampfmethoden des internationalen Proletariats herbeiführen mußte.

Mit dem Jahre 1924 (nach der Niederlage der Revolution von 1923
in Deutschland) setzte ein rapider kapitalistischer Rationalisierungs-
prozeß in Europa ein, Die kapitalistische Rationalisierung führte eine
Vereinfachung des Produktionsmechanismus herbei, ungelernte und halb-
gelernte Arbeitskräfte wurden in ungeheurer Zahl in den Produktions-
prozeß eingereiht, um einen Teil der gelernten Arbeiter zu verdrängen,
ein neues, permanentes Erwerbslosenheer entstand durch diese Ratio-
nalisierung — die sogenannte strukturelle Erwerbslosigkeit. In der
Hauptsache hat die kapitalistische Rationalisierung eine Senkung der
Lebenshaltung der Massen bewirkt, Der ungeheure Druck der Massen-
        <pb n="27" />
        erwerbslosigkeit auf den Arbeitsmarkt und der Zuzug neuer ungelernter
Arbeitskräfte im Produktionsprozeß, die sich natürlich mit einer
niedrigeren Lebenshaltung als die alten Arbeiter begnügten — das alles
schuf eine Situation, die die wirtschaftliche und politische Offensive
gegen die Arbeiterklasse erleichterte, Insofern, als die ungeheure kapi-
‘alistische Rationalisierungspresse auf die Massen drückte, ihre Lebens-
haltung senkte, sie der sozialen Errungenschaften beraubte usw., voll-
zog sich eine innere Umgruppierung in den Reihen der Arbeiterklasse
ınd es entstanden Voraussetzungen für eine neue Welle der Arbeiter-
bewegung — nunmehr auf Grund der kapitalistischen Rationalisierung
ınd als Protest gegen den ungeheuren Druck der kapitalistischen Aus-
beutungspresse, die seit Ende 1924 mit besonderer Kraft und Ent-
schlossenheit in Betrieb gesetzt wurde, In solcher Situation war es sehr
wichtig, unsere Linie zu präzisieren und die Hauptparole auszugeben.
Welche? „Nieder mit den Auswirkungen der kapitalistischen Rationali-
sierung”, schlugen einige Genossen vor, „Nieder mit der kapitalisti-
schen Rationalisierung!“ sagten Komintern und RGL, die davon aus-
gingen, daß wir nicht nur gegen die Auswirkungen, sondern gegen die
kapitalistische Rationalisierung an und für sich kämpfen müssen. Doch
das ist eine negative Parole. Als positive Losung wurde der Sieben-
stundentag aufgestellt, eine Losung, die jetzt bei den Massen sehr
populär geworden ist, Unter diesen Losungen geht der Kampf der
gesamten internationalen revolutionären Gewerkschaftsbewegung gegen
die kapitalistische Rationalisierung, unter diesen Losungen wird die
RGL-Linie der Linie der Amsterdamer entgegengesetzt, die sich als
Initiatoren, aktive Teilnehmer und Träger der kapitalistischen Ratio-
nalisierung betätigen,
XIV. Der IV, RGL-Kongreß nahm den Uebergang von der Abwehr
zum Angriff in Aussicht.
Nach mehreren Niederlagen, nach Durchführung der kapitalisti-
schen Rationalisierung und nachdem die Arbeiterschaft einer Reihe
sozialer Errungenschaften beraubt wurde, begannen sich innerhalb der
Arbeiterbewegung ernstliche Abwehrstimmungen herauszubilden,
machte sich eine Wendung in Richtung der RGL-Anhänger wie auch
zine Kampfbereitschaft der Massen bemerkbar, Das vollzog sich zu-
gleich mit bedeutenden wirtschaftlichen Erfolgen der Sowjetunion, es
fiel in die Zeit, wo die USSR, in die Rekonstruktionsperiode trat, und
ıngefähr im März 1928 begann die internationale Arbeiterbewegung aus
Jem Stadium des Rückzuges, wenn auch langsam, herauszukommen,
und an den einzelnen. Frontabschnitten begann ein Gegenangriff der
Arbeiterklasse,

Der IV. RGL-Kongreß (März 1928) fiel somit mit dem Beginn
eines Aufstieges in der Arbeiterbewegung zusammen, mit dem
Beginn des Gegenangriffes der Arbeiterklasse. Der Kongreß stand

25
        <pb n="28" />
        an der Grenze des Aufstieges. Er konnte die ersten Anzeichen,
die ersten Aufstiegserscheinungen feststellen, und so mußte er ent-
scheiden, was nun zu tun war, worauf das Augenmerk der Massen
gerichtet, worauf die Aufmerksamkeit der Millionen konzentriert,
was für die nächste Periode der Mittelpunkt in der Taktik der
RGIL werden sollte. Der IV, Kongreß tagte zu einer Zeit, wo die
schweren Auswirkungen der kapitalistischen Rationalisierung
bereits zutage getreten waren, wo die Massen die Senkung der
Lebenshaltung der Arbeiterklasse bereits am eigenen Leibe ver-
spürten. Daher die ersten Versuche zu einem Kampf und Wider-
stand auf wirtschaftlichem Gebiete gegen den kapitalistischen Ra-
tionalisierungsvorstoß, Es war darum vollkommen natürlich, die
Irganisierung der Masse auf ‘der Basis des Wirtschaftskampfes,
sowie die Aufgabe der revolutionären Gewerkschaften, an die Spitze
der Wirtschaftskämpfe zu treten und sie durch spezielle Organe
(Streikleitungen, Kampfleistungen usw.) selbständig zu führen, in
den Mittelpunkt zu stellen. So hat der IV. RGL-Kongreß an der
Anfangsgrenze des Aufstieges vor den breitesten Massen die
Probleme der Streikstrategie und Streiktaktik, die Probleme ‚der
selbständigen Führung der Wirtschaftskämpfe aufgerollt, Probleme,
die heutzutage allgemein anerkannt sind, in Fleisch und Blut
unserer kommunistischen Parteien und revolutionären Gewerkschaf-
ten übergegangen sind und in den einzelnen Ländern je nach der
Situation, den Verhältnissen und dem Verlauf des Klassenkampfes
'hre konkrete und praktische Lösung finden. Es sei gesagt, daß die
Aufrollung dieser Frage alle unsere Organisationen und alle
kommunistischen Parteien unmittelbar auf die Führung der wirt-
schaftlichen Massenbewegung umstellte und in einem krassen
Widerspruch zu gewissen, ziemlich schlechten Traditionen stand.
Wie lagen die Dinge bis zum IV, Kongreß? Die Gewerk-
schaftsopposition, von Kommunisten geführt, befaßte sich mit Propa-
ganda und Agitation und überließ es den Reformisten, sich mit Lohn-
und Tariffragen, mit der Regelung der Arbeitsverhältnisse usw. un-
gehindert zu beschäftigen, Es bildete sich sogar eine Theorie her-
aus, die besagte, unsere Aufgabe wäre, die Bonzen zum Kampf zu
zwingen, als ob die Sozialfaschisten fähig wären, den Kampf der
Arbeitermassen zu führen, „Zwingt die Bonzen, die Bewegung zu
führen”, „Die reformistische Leitung muß das oder jenes machen”
— solche und ähnliche Redensarten waren gangbare Formeln der
Opportunisten in unseren Reihen. Diese Hoffnungen auf den re-
formistischen Gewerkschaftsapparat, die Taktik des Verzichts auf
selbständige Aktionen um sagenhafter Vorrechte der Gewerkschafts-
bürokraten willen, absolutes Unverständnis dafür, daß die Führung
der Wirtschaftskämpfe in der gegenwärtigen Etappe dasjenige Binde-
slied war, wo man hätte zupacken müssen, um bei den Massen vor-

1£
Le
        <pb n="29" />
        zudringen — das alles war der Ausdruck gefahrdrohender Tenden-
zen in den Reihen unserer Organisationen, Alle diese Stimmungen
waren der Ausdruck des gewerkschaftlichen Legalismus, der Unter-
ordnung unter die reformistischen Regeln und Statuten, der
Theorie der Einheit um jeden Preis usw. Eine Durchführung dieser
Politik wäre gleichbedeutend gewesen mit einer Liquidation der
RGI. und ihrer Organisationen, und darum wurde auf dem IV. Kon-
sreß der unerbittliche Kampf gegen alle diese opportunistischen An-
schauungen eröffnet. Die Parole „selbständige Führung der Wirt-
schaftskämpfe‘ schnitt in allen unseren Organisationen und in den
kommunistischen Parteien das opportunistische Geschwür auf und
nach dem IV, Kongreß setzte eine ernstliche politische Differenzie-
rung in den Reihen der RGI, ein. Es handelte sich nicht allein um
die Führung der Wirtschaftskämpfe, sondern um unsere ganze Ge-
werkschaftstaktik, ja noch mehr, um die ganze Taktik und die
Massenarbeit der kommunistischen Parteien, denn gleichzeitig stand
die Frage des verschärften Kampfes gegen das Streikbrechertum
der Sozialdemokratie und der Amsterdamer, die Frage der Einheits-
front ausschließlich von unten und die Frage der ganzen Taktik von
Klasse gegen Klasse zur Entscheidung. Eben darum begann in
unseren Reihen unmittelbar nach dem RGL-Kongreß die Differenzie-
rung und es setzte ein höchst energischer Kampf der RGI, gegen die
rechte Abweichung ein.

Der IV, Kongreß faßte viele Beschlüsse zu vielen Fragen:
Organisationsfiragen, Aufgaben der Gewerkschaften in den kolonia-
len Ländern, Kampf gegen den Faschismus und die faschistischen
Gewerkschaften, wie auch eine Anzahl Resolutionen, die die Auf-
gaben der RGL-Anhänger in Deutschland, England, der Tschecho-
slowakei, Frankreich, den Vereinigten Staaten, Irland, China usw.
definieren, Aber die Hauptfrage, die den Ausgangspunkt der poli-
tischen Differenzierung in unseren eigenen Reihen bildete, war die
selbständige Führung der Wirtschaftskämpfe, die Ueberführung der
Wirtschaftskämpfe auf das‘ politische Geleis, d. h, die Verbindung
zon Oekonomik und Politik,

Der IV. Kongreß war zweifellos nicht nur für die RGL, sondern
auch für alle kommunistischen‘ Parteien ein Wendepunkt, und das
sorgfältige Studium seiner Beschlüsse ist darum absolute Notwendig-
keit für jeden, der den von der Roten Gewerkschalftsinternationale
zurückgelegten Weg voll erfassen will. Hat der I, Kongreß die RGI.
ideologisch und organisatorisch herausgebildet, hat der II. Kongreß
die Einheitsfrontparole in die Massen getragen und leitete der
Il. Kongreß die Attacke gegen die Reformisten unter dem Banner
ler Einheit der Gewerkschaftsbewegung ein, so hat der IV, Kongreß
das Glied in der Kette gezeigt, an dem im Kampfe um die Mehrheit
der Arbeiterklasse zugepackt werden mußte. Die Führung der Wirt.
7
        <pb n="30" />
        schaftskämpfe hörte auf, ein Monopol der Reformisten zu sein. Selbst
in Ländern, wo selbständige revolutionäre Gewerkschaften nicht be-
stehen, treten die RGL,-Anhänger von nun an an die Spitze der Wirt-
schaftskämpfe der Arbeiterklasse, gerichtet gegen den Dreibund
ler Unternehmer, des bürgerlichen Staates und des Sozialfaschismus.

XV. Die RGLEL und die Arbeiterbewegung der Kolonien.
Im Laufe dieser Jahre hat die RGI, die Grenzen Europas über-
schritten, und in dieser Beziehung unterscheidet sie sich gründlich von
der Amsterdamer Internationale, die eine europäische Organisation ist.
Die RGI. hat die Grenzen Europas überschritten, weil die Arbeiter-
organisationen der kolonialen und halbkolonialen Länder sich der RGI,
zuwandten, kaum daß sie sich herauszubilden begannen (dabei ist zu
bemerken, daß die Arbeiterbewegung in den Kolonien und Halbkolonien
unmittelbar nach dem Kriege entstand). Es war auch eine natürliche
Erscheinung! Was konnten zum Beispiel die Gewerkschaften Chinas,
Indiens, Indonesiens oder Lateinamerikas von‘ der Amsterdamer Inter-
nationale erwarten? Daß die Amsterdamer Internationale diese Ge-
werkschaften im Kampf um die Unabhängigkeit der Kolonien unter-
stützte? Das konnten sie am allerwenigsten erwarten. Die Führer der
Amsterdamer Internationale sind ja vor allem auf die Macht und
Stärke der eigenen Kapitalisten bedacht, Die englischen Trade-
Unionisten sind ebensolche Todfeinde der Unabhängigkeit Indiens wie
die Konservativen und Liberalen. Sie fürchten den Verlust der Kolonien,
sind für die Herrschaft Englands auf den Meeren, für die Hegemonie
der englischen Bourgeoisie in der ganzen Welt, Insofern als die Amster-
lamer Internationale ein Sammelsurium der Sozialimperialisten aus den
verschiedenen. Ländern Eurapas repräsentiert, aus Leuten, die dem Im-
perialismus seinen Weg bahnen, war es nur natürlich, daß die kolo-
niale Arbeiterbewegung von der Amsterdamer Internationale auf ihre
Aufforderungen keine befriedigende Antwort zu erwarten hatte, Ihre
Sympathien neigten sich daher nach Moskau, und unter Moskau ver-
standen sie auch die Oktoberrevolution und die Komintern und die
RGT. d. h. alles, was unter dem Banner des.revolutionären Klassen-
kampfes ringt, In dieser Zeit gelang es uns, eine organische Verbindung
mit der Gewerkschaftsbewegung Chinas anzuknüpfen, und trotzdem die
Gewerkschaftsbewegung Chinas ungeheure Schwierigkeiten erleben
mußte, trotzdem sie aus der Illegalität in die Legalität trat, um dann
wieder in die Illegalität gedrängt zu werden, trotzdem Zehntausende
revolutionärer Führer ermordet und zu Tode gemartert wurden, trotz-
alledem erlahmte die organische Verbindung der RGI, mit der Gewerk-
schaftsbewegung Chinas keineswegs. Was wußte der europäische Ar-
beiter vor dem Kriege von China? Gar nichts. Was wußte die euro-
päische Arbeiterbewegung unmittelbar nach dem Kriege von der
chinesischen Arbeiterbewegung? Ebensowenis. Die Arbeiterbewegung

JE
        <pb n="31" />
        Chinas verband sich mit der internationalen Arbeiterbewegung durch
die RGL und die Komintern., Zu einer Zeit, wo der internationale Refor-
mismus die chinesische Revolution. von 1925 bis 1927 mißtrauisch
beobachtete und, anstatt der chinesischen Arbeiterschaft zu helfen, die
internationale Bourgeoisie bei der Abwürgung der Arbeiter- und Bauern-
bewegung Chinas unterstützte, hat die RGI. diesem Kampftrupp des
internationalen Proletariats nach Kräften geholfen.

Es ist uns auch gelungen, mit der Arbeiterbewegung im Nahen
Osten, mit der Arbeiterbewegung Indiens, Latein-Amerikas, Australiens,
Afrikas usw. Verbindungen anzuknüpfen, Es gibt überhaupt kein Land
der Welt, das nicht durch seine größeren oder kleineren Organisationen
mit der RGI, verbunden wäre. Zwar ist diese Verbindung nicht immer
offen, denn das hängt von den Polizeiverhältnissen in jedem Lande ab.
Wichtig ist jedenfalls, daß es: kein einziges altes oder junges kapi-
ialistisches Land, keine einzige alte oder junge Kolonie gibt, wo die
RGI. keine Anhänger und Organisationen hätte, Gewiß sind diese
Organisationen ungleich: in dem einen Falle folgen der RGI, große
legale Organisationen (USSR,, Frankreich, Japan, Vereinigte Staaten
von Nordamerika, Tschechoslowakei usw.), im anderen Falle sind es
große illegale und halblegale Organisationen (China, Italien, Brasilien,
Cuba), im dritten Falle folgen der RGL kleinere legale und illegale Or-
ganisationen (Rumänien, Griechenland, Jugoslawien, Südafrika, Uru-
suay, Guatemala usw.) oder revolutionäre Minderheiten innerhalb der
‚eformistischen Verbände (Deutschland, England, Schweden, Oester-
reich, Norwegen usw.) oder auch nur einzelne Verbände (England,
Zanada usw.). Wichtig ist, daß die gesamte internationale Gewerk-
schaftsbewegung in ihrer ganzen Vielfältigkeit in der RGI, vertreten
ist. Das war natürlich kein Zufall, und die Kräftesammlung vollzieht
sich nicht von selbst. Die RGI, ist in diesen Jahren eine Weltorgani-
sation geworden. Sie wurde es dank ihrer revolutionären Taktik und
revolutionären Linie; dank ihrer Einstellung auf den unversöhnlichen
Kampf gegen den Reformismus, gegen den Imperialismus und die im-
zerialistischen Lakaien, Sie wurde eine Weltorganisation, weil schon
ler I, RG1L-Kongreß einen besonderen Beschluß über die Unterstützung
ler Arbeiterbewegung in den Kolonien und Halbkolonien gefaßt hatte,
weil kein Plenum der RGI, verlief, ohne daß die Fragen der Arbeiter-
bewegung in den Kolonien und Halbkolonien zur Diskussion standen.
Fs ist auch nur natürlich, daß die Arbeiterbewegung der kolonialen und
halbkolonialen Länder mit derjenigen Internationale in Verbindung
;ritt, die ihr Unterstützung und Beistand erweisen kann und erweist, die
die Unabhängigkeit der kolonialen und halbkolonialen Völker auf ihr
Banner geschrieben hat — zum Unterschied von der Amsterdamer
Internationale, die Werkzeug zur Niederhaltung der kolonialen und
halbkolonialen Länder und Völker ist.
        <pb n="32" />
        XVIL Das Nationen- und Rassenproblem.,

Die Rote Gewerkschafts-Internationale hat zum Unterschied von
der Amsterdamer Internationale auch die nationale und die Rassen-
irage gelöst, Wie war es in der Amsterdamer Internationale um die
Rassenfrage bestellt? Die Amsterdamer Internationale ist stets davon
ausgegangen, daß Europa die Krone der Welt sei, und daß es in Europa
selbst nur auf zwei bis drei Großmächte ankommt — England, Frank-
reich und Deutschland, Die Amsterdamer Internationale war stets und
ist ganz besonders heutzutage die Organisation der Arbeiteraristokratie
der wichtigsten imperialistischen Großmächte, und in ihren Reihen
kamen alle Gegensätze des europäischen Imperialistnus stets zum Aus-
druck, Die {französischen und englischen Gewerkschaftsbürokraten
nahmen den Sieg der Entente zum willkommenen Anlaß, um die deut-
schen Gewerkschaften sich unterzuordnen, die bis auf den heutigen Tag
noch Gleichberechtigung fordern. Die kleineren Länder spielen dort
eine unauffällige und zweitgradige Rolle, und was die farbigen Völker
betrifft, vertraten die Amsterdamer Reformisten den gleichen Stand-
punkt wie die amerikanische und französische Bourgeoisie, die die
Neger, Inder oder Chinesen als Parias betrachtet, die nur geeignet sind,
um Ueberprofite aus ihnen herauszuschlagen, Die Amsterdamer Inter-
nationale, die die Arbeiterbewegung der Kolonien verächtlich und hoch-
mütig behandelte, entdeckte aber plötzlich ihr Herz für die kolonialen
und halbkolonialen Länder, als die revolutionäre Bewegung die im-
perialistische Herrschaft zu bedrohen begann, Heute suchen die
Amsterdamer, sichtlich im Auftrage der eigenen Bourgeoisie, die Ge-
werkschaftsbewegung ıder kolonialen Ländern zu erobern und die RGI.
von den eroberten Stellungen zu verdrängen, Zu spät haben sich diese
Herrschaften aufgerafft — sie können den Einfluß der Roten Gewerk-
schafts-Internationale jetzt nicht mehr ausmerzen, Natürlich ist das
nicht auf „Moskauer Ränke” zurückzuführen, es ist nur die Folge der
richtigen proletarischen Politik, Man kann die Sympathien der unter-
drückten Massen nicht gewinnen, wenn man ihnen sagt: „Hört auf die
[mperialisten und unterwerft euch den Vertretern der weißen Rasse!”
Wir haben die nationale Frage und die Rassenfrage hauptsächlich auf
der Basis der Verbindung mit der Arbeiterschaft Chinas, Indiens, Süd-
afrikas, Latein-Amerikas gelöst, und andererseits auf der Basis der
richtigen Linie gegenüber den Negerarbeitern, Zehn Jahre hindurch
haben wir einen zähen Kampf gegen viele unserer Anhänger und einige
Mitglieder des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Amerikas
führen müssen, die die Neger als niedere Rasse betrachteten, Selbst in
der amerikanischen Kommunistischen Partei herrschte lange Jahre hin-
Aurch eine verächtliche Stellungnahme gegenüber den eigenen Partei-
mitgliedern, die Neger sind. Viele Jahre hindurch wollte es der Kom-
munistischen Partei Amerikas nicht gelingen, die Negerarbeiter zu ge-
vinnen. denn die einfachen, zur weißen Rasse gehörigen Parteimitglieder

m
        <pb n="33" />
        betrachteten sich den Negern gegenüber als Vertreter einer höheren
Rasse, Wir kennen Fälle aus der Praxis der Kommunistischen Partei
Amerikas, wo kommunistische Zellen kommunistisch denkende Neger
nicht aufnehmen wollten. Es ist uns ein Fall bekannt, wo ein Partei-
mitglied einem anderen, der ein Neger war, nicht die Hand reichen
wollte, Das sind leider Tatsachen, Gegen all das mußte im Laufe dieser
Jahre gekämpft werden, Wir haben in dieser Richtung erst einen
bedeutenden Fortschritt erzielt, nachdem die Komintern die Lovestone-
Bande, die die Theorie und Praxis der „weißen Rasse in der ameri-
kanischen Partei verkörperte, aus der K.P. Amerikas hinausjagte. Auch
in Südafrika mußten und müssen wir kämpfen, um die Gleichberechti-
gung der schwarzen und weißen Arbeiter in unseren Reihen durch-
zusetzen,

Ich will durchaus nicht übertreiben und betone darum, daß wir
uns mit der Lösung der Rassenfrage auf unseren verschiedenen Kon-
gressen befaßt haben und sie in unserer tagtäglichen Arbeit lösen. In
der Praxis stehen wir erst am Anfang der Lösung dieses Problems.
Dort, wo die farbigen Arbeiter leben, schaffen und leiden, ist diese
Frage noch nicht gelöst, und das Problem des Rassenkampfes bleibt
bei den‘ Arbeitern leider noch bestehen, Es ist allgemein bekannt,
laß die weißen Arbeiter in China das Zehnfache und mehr des Lohnes
bekommen, den die chinesischen Arbeiter verdienen, die in den Augen
der Imperialisten nicht Arbeiter, sondern Arbeitsvieh sind. Z, B, ist
zin englischer Eisenbahner in Indien, dem Lande, in dem der englische
Imperialismus herrscht, nicht einfach Eisenbahner, sondern Vertreter
der eigenen Imperialisten, eine Schraube im System zur Unterdrückung
der ungeheuren Menschenmassen Indiens,

Wir haben die Rassenfrage noch lange nicht gelöst, doch haben wir
den richtigen Weg zu ihrer Lösung vorgezeichnet, Gelöst kann sie
nur durch eine richtige Politik werden. Diese richtige Politik führen
wir durch, und dank einer Reihe spezieller Maßnahmen und nicht nur
Resolutionen, die wir getroffen haben, um den farbigen Arbeiter auf
ein höheres Niveau zu bringen, ihn zu organisieren und in den Kampf
zinzureihen, schufen wir die Voraussetzungen dafür, daß die Rassen-
irage auch in den betreffenden Ländern ihre Lösung findet.

Die älteste Arbeiterbewegung ist die Europas, Im Laufe vieler
Jahrzehnte ist es dem europäischen Arbeiter zur Gewohnheit geworden,
lie Arbeiter der übrigen Länder von oben herab zu behandeln, Uebri-
gens wurde auch der russische Arbeiter bis zur Oktoberrevolution
in gleicher Weise behandelt. Ich kann mich noch selbst daran erinnern,
wie ich im Jahre 1910 der Internationalen Gewerkschaftskonferenz in
Paris als Gast beiwohnte und wie die Größen der damaligen Gewerk-
schaftsbewegung, wie Legien u, a. „diesen Russen‘ von oben herab
behandelten.

Sie behandelten uns von oben herab, Das war vor der Oktober-
„evolution, Die Herren Reformisten versuchten das auch nach der

7
        <pb n="34" />
        Oktoberrevolution, aber das war nicht sonderlich gescheit, Gegenüber
den Arbeitern anderer Kontinente herrscht bei den reformistischen
Arbeitern Mitteleuropas, und ganz besonders bei den europäischen
Gewerkschaftsbürokraten, eine überaus verächtliche Stellungnahme:
„Was versteht irgendein Chinese, ein rückständiger Inder oder Neger
von der Gewerkschaftsbewegung? Alle diese farbigen Arbeiter können
destenfalls Objekt, nicht aber Subjekt sein. Wir sind die Blüte des
Erdballes, die Blüte der Zivilisation. Das ist es, was der ganzen
Psychologie, der ganzen Einstellung der Führer der reformistischen
Gewerkschaftsbewegung Europas und Amerikas zugrunde liegt, Wir
haben mit dieser Tradition gebrochen, Im Laufe dieser Jahre leisteten
wir ein großes Stück Arbeit zum Zusammenschluß der farbigen
Arbeiter, Auf unsere Initiative wurde das Pazifik-Gewerkschafts-
sekretariat ‚geschaffen, das die Arbeiter Chinas, der Philippinen,
Japans, Indiens, Indonesiens, Singapores, einen Teil der Arbeiter
Australiens, der Pazifik-Küste Nord- und Südamerikas und auch die
Arbeiter der Sowjetunion zusammenfaßt, insofern, als die USSR.
ebenfalls eine Pazilik-Großmacht ist. Auf unsere Initiative wurde
die Gewerkschaftskonföderation Latein-Amerikas ins Leben gerufen,
die die Arbeiter von 16 Ländern Latein-Amerikas zusammenschließt,
und zwar nicht nur die Nachkommen der Spanier, sondern auch die
einheimischen Arbeiter — die Indios,

Viele Genossen, selbst die führenden, besitzen oft nur eine vage
Vorstellung von den übrigen Ländern außerhalb Europas, Geschieht
etwas in Belgien, in Litauen, Lettland oder Oesterreich, so interessieren
wir uns mehr dafür, denn das liegt nebenan und wir kennen es. Aber
dort außerhalb Europas gibt es ein Brasilien und ein Mexiko, ein
unbekanntes China mit 300 oder auch 400 Millionen Menschen — in
China kommt es auf hundert Millionen mehr oder weniger nicht an —,
und das alles ist für uns in Dunkelheit gehüllt, Viele von uns haben
diese europäische Psychologie noch nicht überwunden. Es kommt oft
vor, daß ein Streik von ein paar tausend Arbeitern irgendwo in der
Nähe uns in Aufruhr versetzt, und wir lesen dann die Nachrichten mit
größtem Interesse, Es hat aber unlängst in Cuba ein Streik statt-
gefunden, an dem 200 000 Arbeiter beteiligt waren. Hat jemand von
Euch ihn beachtet, hat sich jemand dafür interessiert, was dort für
eine Arbeiterbewegung besteht und was dieser Arbeiterkampf bedeutet?
Wohl kaum. Natürlich wissen alle mehr oder weniger, daß es in
Cuba Zuckerplantagen gibt, aber für die dortige Arbeiterbewegung
interessieren sich wohl nicht alle Gewerkschafter, Ich bin davon über-
zeugt (wie sagt man es nur möglichst höflich!), daß sehr viele von
den hier Anwesenden eine ziemlich vage Vorstellung von der Arbeiter-
bewegung Cubas haben. Das zeugt von der Unzulänglichkeit unserer
Erziehung zum Internationalismus, Wir wissen nicht, was außerhalb
Europas vorgeht. Von den Franzosen heißt es, sie beherrschten die
        <pb n="35" />
        Geschichte gut, die Geographie jedoch schlecht. Aber daran kranken
nicht nur die Franzosen, sondern auch viele andere,

Betrachtet man also die Arbeiterbewegung, wie sie in der ganzen
Welt ist, so gibt es ungeheure Proletariermassen — Neger und farbige
Arbeiter —, von denen wir nur eine schwache Vorstellung haben, Die
Werktätigen einer Reihe von Ländern Lateinamerikas sind meistenteils
indios, Die Lösung der Arbeiter- und Bauernirage hängt dort von
der richtigen Politik gegenüber den Eingeborenen ab, Wir haben diese
Frage praktisch angepackt. Auf unsere Initiative entstand das Pazifik-
Sekretariat und die Gewerkschaftskonföderation Lateinamerikas, Das
sind unsere Bundesgenossen, durch die wir weitere Millionen und aber
Milkonen Werktätige in unsere Einflußsphäre einbeziehen können,
Millionen und aber Millionen, die für den Kampf gegen die Weltbour-
geoisie, für den Kampf zur Verteidigung der Sowjetunion gewonnen
werden, Nicht deswegen haben wir die Grenzen Europas überschritten,
weil die Arbeiterbewegung Europas aussichtslos sei, wie einige ent-
(äuschte Reformisten wohl glauben, sondern weil Europa nicht der
Mittelpunkt der Erde ist; die Hegemonie Europas als Industrie- und
Finanzmacht gehört bereits der Geschichte an, die Hegemonie auf dem
Gebiete der Finanzen und der Industrie in der kapitalistischen Welt
besitzen heutzutage die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Das
kapitalistische Europa ist nicht mehr das Zentrum der kapitalistischen
Welt und auch nicht der internationalen Arbeiterbewegung, Erst jetzt,
wo die Komintern und RGI, die Arbeiterbewegung aller Kontinente
in den aktiven Kampf eingereiht haben, kann man von einer Arbeiter-
bewegung der ganzen Welt sprechen,

XVIL Die Pläne Amsterdams gegenüber der Arbeiterbewegung

der Kolonien, .

Im Laufe unseres zehnjährigen Kampfes gegen die Amsterdamer
internationale hatten die Amsterdamer gewöhnlich nur tiefste Gering-
schätzung und Verachtung für die Arbeiterbewegung der kolonialen
Länder, für die „unbekannten” Gewerkschaften in China, für das
‚farbige Pack” usw. usw. übrig,

Für die Stellungnahme der närrisch gewordenen Gewerkschalfts-
bürokraten und Sozialimperialisten zu den farbigen Arbeitern ist der
iolgende Fall aus der Praxis der Amsterdamer Internationale charak-
teristisch. Auf dem vorletzten Kongreß der Gewerkschaften Australiens
stand der Anschluß an das Pazilik-Sekretariat zur Diskussion, Einer
der Bürokraten sprach gegen den Anschluß und erklärte: „Wir werden
Jem farbigen Pack nicht erlauben, uns Bedingungen zu stellen! Zum
Pazifik-Sekretariat gehören Chinesen, Inder, Japaner usw, — überhaupt
alle, die keine weiße Haut haben. Sie alle sind in der Sprache der
Sozial-Imperialisten nichts als „farbiges Pack , Lange Zeit hindurch
höhnten die. Amsterdamer über die „sagenhaften Millionen der RGL
im Osten“. Doch können wir in den letzten zwei Jahren feststellen.
33
        <pb n="36" />
        daß die Amsterdamer Internationale eine Wendung gen Osten ge-
macht hat. Kürzlich reiste Albert Thomas nach dem fernen Osten.
Er war in China und verbrüderte sich dort mit der Kuomintang, er
reiste nach Japan und verbrüderte sich mit der japanischen Bour-
geoisie usw. Im vorigen Jahre wurden mehrere bedeutende Vertreter
der englischen Trade-Unions nach Indien entsandt (Purcell u. a.}:;
Jetzt sind die Engländer gerade dabei, Instruktoren und Gewerk-
schaftsorganisatoren nach Südafrika zu schicken. Vandervelde, der
Vorsitzende der II, Internationale, reiste im vorigen Jahre nach Latein-
amerika. Amsterdam hat beschlossen, eine Delegation nach dem
Fernen Osten und nach Indien zu entsenden, um die Gewerkschafts-
bewegung dieser fernen Länder für den internationalen Reformismus
zu gewinnen, In der gleichen Richtung betätigt sich die Internationale
Transportarbeiter-Föderation, deren Führer glauben, unter dem Mäntel-
chen linker Phrasen in die kolonialen und halbkolonialen Länder ein-
dringen zu können, Jetzt beginnen diese Herrschaften, den Osten
„anzuerkennen“, Ihre Anerkennung setzte in dem Augenblick ein, wo
der koloniale Sklave in Bewegung kam und den Imperialisten Schlag
auf Schlag versetzte. China, Indien, Indochina, Indonesien, die Philip-
pinen, Madagaskar, Gambia, Belgisch-Kongo, West- und Südafrika,
Lateinamerika, Syrien, Aegypten usw. — alle diese geographischen
Begriffe haben in den letzten Jahren lebendigen Inhalt bekommen, Die
nationale Befreiungsbewegung, in der die Arbeiterklasse eine hervor-
ragende Rolle spielt, hat die imperialistischen Herren empfindlich
getroffen, und darum gerieten ihre sozialfaschistischen Lakaien in
Bewegung und entdeckten auf einmal ihr Herz für den Osten und
Lateinamerika, Aber sie kommen zu spät, Hätten sich die Amster-
jamer auch früher hinbegeben, sie hätten auch dann keine Aussicht
auf Erfolg. Um so. geringer ist die Wahrscheinlichkeit dafür, daß die
Amsterdamer in China mit Ausnahme der gelben Zwangsverbände der
Kuomintang irgendjemand gewinnen könnten. Dasselbe gilt auch für
die übrigen Kolonien, So ist also diese Wendung der Amsterdamer
Internationale gen Osten, der Versuch eines Wettstreites mit uns, ihr
Versuch, unseren Einfluß auszumerzen (auf ihrer lezten Session in
Prag sprachen sie unumwunden davon, daß die RGI. im Osten großen
Einfluß habe), der Versuch, mit uns im Osten zu konkurrieren, von
vornherein. zu einem Mißerfolg verurteilt, Die Arbeitermassen des
Ostens sind gegen den Imperialismus und darum auch gegen den
Sozialimperialismus,
XVIIL Der Kampi um die revolutionäre Linie.

‚ Nicht nur im Zeichen des unerbittlichen Kampfes gegen den
Reformismus standen die verflossenen zehn J ahre, sie verliefen auch im
ununterbrochenen Kampf um die kommunistische Gewerkschaftspolitik.
Wie ich bereits gesagt habe, hat die RGI. von den ersten Tagen an
segen den Anarcho-Syndikalismus kämpfen müssen, doch damit war
        <pb n="37" />
        der ideologische Kampf in den Reihen der RGI. noch lange nicht
erschöpft, Führen heißt vor allem, das Kräfteverhältnis der kämpfen-
Jen Klassen und innerhalb der Arbeiterklasse selbst richtig einschätzen.
Führen heißt, in jedem gegebenen Augenblick Weisungen zu erteilen,
lie das Vordringen bei den Massen erleichtern. Alle Gegensätze, die
periodisch in den Reihen der RGI, entstanden, waren auf die unrichtige
Einstellung zu den Massen als Urquell zurückzuführen, Die rechte
Abweichung in der Theorie und Praxis war nichts anderes, als ideo-
(logische und organisatorische Kapitulation vor Amsterdam, Das ist
der Kernpunkt des Brandlerianertums mit seinem gewerkschaftlichen
Legalismus, der Einheit um jeden Preis, dem Verkennen der faschisti-
schen Entartung der Sozialdemokratie, mit seiner Einheitsiront von
oben, mit der Hoffnung auf Eroberung des Gewerkschaftsapparates und
Jem Verzicht auf die selbständige Führung des Wirtschaftskampfes.
Das ist auch der Kernpunkt der „Syndikalistischen Liga‘ Frankreichs,
die jetzt die alte anarcho-syndikalistische Losung von der Unabhängig-
keit und Autonomie der Gewerkschaftsbewegung aufgestellt hat, Die
Führer dieser Liga, die offenkundig in die syndikalistische Kindheit
zurückverfallen sind, glauben, die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung
mit Vorkriegsformeln erneuern zu können, In Wirklichkeit arbeiten
sie offenkundig für die reformistische Arbeiter-Konföderation,

Wir konnten nicht umhin, den sozialdemokratischen Ueberbleibseln
Aen unerbittlichen Kampf zu erklären, wir konnten in unseren Reihen
keine Leute dulden, deren Kurs auf die Kapitulation der RGI. vor
Amsterdam hinauslief, Doch die rechte Abweichung, die sich in Deutsch-
land, der Tschechoslowakei usw. einnistete und die ganze Arbeit der
RGI, sabotierte, wäre an und für sich ungefährlich, hätte sie sich nicht
eine Zeitlang auf eine Gruppe der führenden Arbeiter im Zentralrat der
Gewerkschaften der Sowjetunion gestützt; denen die RGL-Linie eben-
falls viel zu links war. Diese Situation hätte für die RGI, sehr gefähr-
lich werden können, wenn die KPSU. und die Komintern nicht ein-
segriffen hätten, die mit aller Energie gegen die Kapitulanten los-
schlugen, die Kapitulanten und Rechten aus dem Zentralrat mit ein-
begriffen, Der Schlag gegen die Rechten im Zentralrat der Sowjet-
gewerkschaften schuf sogleich eine reine Atmosphäre. Die kleinen
Grüppchen in Deutschland, in der Tschechoslowakei usw., die sich
auf die Hilfe und den Beistand des Zentralrates verlassen hatten, saßen
nun auf dem Trockenen, Die neue Taktik bahnte sich trotz des Wider-
standes der Rechten ihren Weg. Die Ueberwindung der rechten. Ab-
weichung ermöglichte, wiewohl noch nicht endgültig, eine umfassende
Entwicklung der RGL-Arbeit und tiefes Vordringen in den Reihen der
Massen. Zugleich mit dem Kampf gegen die rechte Gefahr und das
Kapitulantentum mußte auch gegen die linken Ueberspanntheiten und
Abweichungen gekämpft werden, die gewöhnlich in unverständigem
Anpacken der Massenorganisationen und in der Unfähigkeit zum Aus-
Aruck kamen, die elementaren Grundsätze unserer Politik — überall zu
        <pb n="38" />
        arbeiten, wo es Arbeitermassen gibt — systematisch und planmäßig zu
befolgen,

Wollten wir die Länder nacheinander betrachten, um zu sehen,
was in diesen zehn Jahren aus dem führenden Stamm der ersten
Periode geworden ist, dann. könnten wir feststellen, wie viele in dieser
Zeit ihren Wert eingebüßt haben, Der führende Stamm in den Gewerk-
schaftsorganisationen — und auch in den Kommunistischen Parteien
— wurde politisch rasch abgenutzt, denn viele Führer hatten sich den
revolutionären Kampf als einen gebohnerten Parkettboden vorgestellt.
Sie wollten nicht verstehen, daß unsere Taktik sich ändert und daß sie
sich je nach der Situation ändern muß; sie begriffen nicht, daß nur in
der Geometrie die gerade Linie die kürzeste Entfernung zwischen zwei
Punkten ist und daß diese.geometrische Regel, in der Politik angewandt,
die Massen in eine Sackgasse führen kann. Kampf um die revolutio-
näre Linie bedeutete den Kampf um die Durchsetzung aller der RGI.
angeschlossenen Organisationen mit den bolschewistischen Kampf-
methoden, Selbstverständlich mußte jeder Widerstand gebrochen,
mußten unsere Arbeiterorganisationen vom opportunistischen Ballast
befreit werden.
XIX, Das Kräfteverhältnis der RGL und der Amsterdamer
Internationale.
Im Jahre 1920 umfaßte die Amsterdamer Internationale 24 Mil-
ionen Arbeiter, 1930 besitzt die Amsterdamer Internationale etwa
13 Millionen Arbeiter — eine achtunggebietende Zahl, obwohl zu
diesen 13 Millionen auch diejenigen Arbeiter zählen, die sich innerhalb
der Amsterdamer Gewerkschaften befinden, jedoch unsere Taktik
befolgen, die revolutionäre Gewerkschaftsopposition in Deutschland,
England, Amerika usw., die sich innerhalb der Gewerkschaften
befindet und natürlich zur Amsterdamer Internationale gezählt wird.
Die Aufgabe der Eroberung der Mehrheit der Arbeiter, die der Amster-
damer Internationale folgen, ist für die RGI. noch lange nicht gelöst.

Bei ihrer Entstehung zählte die RGI, ungefähr sieben Millionen
Mitglieder, Heutzutage hat die RGL, die sowjetrussischen Gewerk-
schaften natürlich mitgerechnet, nahezu 17 Millionen, An und für sich
ermöglicht jedoch diese Statistik noch keine genaue Vorstellung vom
Kräfteverhältnis, wir müssen uns die Frage stellen, wie groß der poli-
lische Einfluß beider Internationalen ist,

Ich sagte bereits, daß von 22 Organisationen, die zur Amsterdamer
Internationale gehören, 19 in Europa und nur 3 außerhalb Europas
liegen. Hingegen befinden sich die Organisationen der RGI. in allen
Ländern und auf allen Kontinenten, Dies zum ersten, Zum zweiten
muß gefragt werden: welche Tendenz zeigt die Entwicklung? Das ist
das entscheidende, Entwicklungstendenz und Tatsachen sagen uns
folgendes: Wir sehen in den letzten Jahren eine weitere Evolution
der Führer der Amsterdamer Internationale und ihrer Sektionen auf
        <pb n="39" />
        Jem Wege zur Verständigung mit dem Faschismus. Der VI. Komintern-
Kongreß ‘hat bereits im Jahre 1928 die Evolution der Parteien der
[L Internationale im Sinne ihrer Umwandlung in sozialfaschistische
Parteien festgestellt, Was bedeutet Sozialfaschismus? Was verstehen
wir darunter? Darunter verstehen wir die Umwandlung der Parteien
der IL Internationale in Organisationen, die nicht nur dem Faschismus
den Weg bahnen, sondern in ihren Methoden zur Zertrümmerung und
Niederhaltung der Arbeiterbewegung sich sehr wenig von den Faschisten
unterscheiden (es genügt, auf das Beispiel Deutschlands, Polens usw.
zu verweisen), Um zu erfassen, was Sozialfaschismus ist, muß man
sich darüber klar werden, worin das Wesen des Faschismus liegt. Man
kann den Faschismus nicht lediglich als Reaktion definieren, das wäre
eine unzulängliche Definition, Jeder Faschismus ist Reaktion, aber
nicht jede Reaktion ist Faschismus, Faschismus ist ein System der
Herrschaft der Bourgeoisie in Zeiten von Krieg und Revolution, wo die
Bourgeoisie zugleich mit der Anwendung von Gewaltmethoden bemüht
ist, durch Demagogie und Betrug sich Stützpunkte bei den werktätigen
Massen zu schaffen, um die Arbeitermassen von innen zu desorgani-
sieren, Was treibt jetzt die deutsche Sozialdemokratie oder die fran-
zösische Gewerkschaftsbürokratie? Vom politischen Streikbrechertum
sind sie zum wirtschaftlichen Streikbruch übergegangen. Es gibt keinen
wirtschaftlichen Streik, der von den Gewerkschaftsbürokraten nicht
abgewürgt wird, Hunderte von Beispielen könnten dafür angeführt
werden, ich werde nur eines davon herausgreifen,

Heute ist aus Dänemark ein Telegramm folgenden Inhalts ein-
getroffen: „Reformistischer Verband hat dreiwöchentlichen Streik von
3000 Arbeiterinnen der Kopenhagener Metallindustrie abgewürgt; bei
der Urabstimmung wurden 2275 Stimmen gegen den Streikabbruch
und nur 162 Stimmen für den Streikabbruch abgegeben, trotzdem
zrklärte der Verband den Streik für abgebrochen.‘ Da habt Ihr die
reformistische Politik: 2275 Stimmen gegen und 162 für, und trotzdem
erklärt der Verband den Streik für abgebrochen und verhandelt hinter
lem Rücken der Arbeiterschaft! Ich könnte eine Unmenge analoger
Beispiele anführen, die davon zeugen, daß die reformistischen Gewerk-
schaften sich zu einer Agentur der Bourgeoisie entwickelt haben, um
nicht nur den politischen, sondern auch den wirtschaftlichen Kampf
abzuwürgen. Sie erfüllen den sozialen Auftrag der Bourgeoisie und
tun dasselbe, was gewöhnlich die faschistischen Organisationen tun.
Fügt man die direkte Verschlechterung der sozialen Gesetzgebung mit
Hilfe der Sozialdemokratie hinzu und ferner die Zertrümmerung der
revolutionären Arbeiterorganisationen durch spezielle Kommandos, die
Beschießung von Arbeiterdemonstrationen und die hartnäckigen Ver-
suche der Gewerkschaftsbürokratie, den Kapitalismus auf Kosten der
Arbeiterschaft zu sanieren, dann ist das Bild vom heutigen Stande der
[IL und der Amsterdamer Internationale vollständig, Das ist die Ent-
wieklungslinie der reformistischen Gewerkschaften. Die weitere Ent-
        <pb n="40" />
        wicklung dieser streikbrecherischen Taktik Führt dahin, daß die Arbeiter-
massen ihnen den Rücken kehren, Das ist nicht zu vermeiden,

Es kann daraus das folgende Gesetz abgeleitet werden: wo die
Reaktion, wo der Faschismus siegt, dort erlahmen die Kräfte der RGI.
vorübergehend, während die Kräfte der Amsterdamer wachsen, Hin-
gegen werden dort, wo ein Aufstieg vorhanden ist, die reformistischen
Traditionen fortgeschleudert, dort wird Amsterdam schwächer und es
wachsen die Kräfte der Komintern und RGI. Mit andern Worten aus-
gedrückt, führt der Sieg der Reaktion zum Wachstum Amsterdams
und das Reifen der Revolution zum Wachstum der RGI.

Es ‚handelt sich also hauptsächlich darum, wie die Perspektiven
der internationalen Arbeiterbewegung und des internationalen Klassen-
kampfes sind. Wäre die allgemeine Krise des Kapitalismus über-
wunden, wie es die Sozialdemokraten erträumten, würde sich nicht
heute in der ganzen Welt die Wirtschaftskrise entwickeln und die
allgemeine Krise des Kapitalismus noch schwerer machen, würde
schließlich die Stabilisierung des Kapitalismus ununterbrochen fort-
schreiten, dann hätten natürlich auch die Kräfte der Amsterdamer
Internationale wachsen können. Das ist es aber, daß sich die objektive
Situation in ganz anderer Richtung entwickelt. Der Klassenkampf

entwickelt sich nach anderer Seite. Der Amsterdamer Internationale
schwindet der Boden unter den Füßen, es mehren sich die Klassen-
kämpfe in den alten kapitalistischen Ländern, die revolutionäre Be-
wegung in den Kolonien geht bergauf und zugleich damit vollzieht
sich der ungeheure Aufstieg des sozialistischen Aufbaues im Sowjet-
staate, Das alles schwillt zu einem mächtigen Strom an, es entsteht
eine ungeheure Kraft, die die kapitalistische Stabilisierung schwächt
und die Grundlagen unterhöhlt, auf denen sich das Wohlergehen der
Amsterdamer Internationale hätte festigen können, Die Entwicklungs-
linie der Amsterdamer Internationale verläuft abwärts, denn die inter-
nationale Situation zeigt auf revolutionären Sturm, Insofern sie auf
revolutionären Sturm zeigt, verläuft die Entwicklungslinie der RGI.
aufwärts und wird auch weiterhin aufwärts verlaufen.
XX. Schule des Kommunismus und Schule des Kapitalismus.
Wir sind gewöhnt, die Gewerkschaft als Schule des Kommunis-
mus zu bezeichnen, Wie sicht .der reformistische Verband aus? Ist er
ebenfalls eine Schule des Kommunismus? Nein, er ist die Schule des
Kapitalismus. Wir haben jetzt Gewerkschaften als Schulen des Kapi-
talismus und Gewerkschaften als Schulen des Kommunismus. Das muß
man sehen und erfassen,

Die Hauptaufgabe ist, die Arbeiter dem Einfluß der gewerkschaft-
lichen Agenten des Kapitals zu entziehen. Das ist der Kernpunkt der
Gewerkschaftspolitik der Komintern und RGI. Dazu arbeiten die
Kommunisten innerhalb und außerhalb der Gewerkschaften, dazu ver-
38
        <pb n="41" />
        einigen sie die Unorganisierten und Organisierten zu einer geschlossenen
Kolonne für den Kampf gegen das Kapital und seine reformistischen
Lakaien,
Der Kampf um die Massen ist ein schwerer Kampf, Auf seiten
des Reformismus sind die historischen Traditionen, die jahrzehntealten
Gewohnheiten, die‘ Verbundenheit mit bestimmten Organisationen, Die
ganze Kultur der bürgerlichen Gesellschaftsordnung läuft darauf hinaus,
der Arbeiterschaft den Begriff von der Stabilität und Unerschütterlich-
keit der kapitalistischen Welt einzutrichtern. Alle Kräfte der Bour-
geoisie — die geistigen und materiellen — sind darauf gerichtet, den
Einfluß der RGI, und Komintern bei den Massen zu untergraben, Wo
sich das nicht mit den „normalen‘ bürgerlich-demokratischen ‚betrüge-
rischen Methoden erreichen läßt, geschieht es durch Polizeiterror, Alles
richtet sich jetzt gegen die Komintern und die RGI, Nichtsdestoweniger
wächst der Einfluß der Komintern und RGI.
Nicht nur weil wir einen richtigen Kurs im Sinne des Kampfes
gegen die Amsterdamer und die II, Internationale einhalten, wächst
unser Einfluß, sondern in ungeheurem Maße auch deswegen, weil wir
im Laufe unserer zehnjährigen Existenz gelernt haben, den Kampf
gegen Abweichungen in unseren eigenen Reihen zu führen, gegen oppor-
tunistische und syndikalistische Abweichungen, gegen linke Phrasen,
gegen den Opportunismus in allen seinen Erscheinungsformen, überall,
wo er zutage tritt, selbst in den Gewerkschaften des proletarischen
Staates. Wir haben nicht nur gegen die Rechten in Deuschland und
der Tschechoslowakei kämpfen müssen, sondern auch gegen die
Rechten, die an der Spitze des Zentralrates der Sowjetgewerkschaften
standen und die RGL rückwärts zerren wollten, anstatt ihr zum Fort-
schritt zu verhelfen, Es gibt keine Opportunisten mehr in der Leitung
des Zentralrates, sie sind von ihrem Posten abgesetzt, nebenbei gesagt,
viel schmerzloser als in den übrigen Ländern. Das ist natürlich nicht
auf besondere Eigenschaften der „Natur des Russen‘ zurückzuführen,
sondern darauf, daß wir in der Sowjetunion eine starke kommunistische
Partei haben, und je stärker die Partei, je mehr sie bolschewistisch
konsequent ist, desto rascher und schmerzloser verläuft die Liquidation
der. opportunistischen Abweichungen, Niemals hätte die RGI, ein
solches Wachstum erreichen, niemals hätte sie den Bereich kleiner
Gruppen überschreiten und die ungeheuren Massen erfassen können,
niemals wäre es ihr gelungen, die ungeheuren Schichten der Werk-
tätigen in den kolonialen und halbkolonialen Ländern zu gewinnen,
hätte sie im Laufe ihrer zehnjährigen Existenz nicht die richtige kom-
munistische Politik befolgt, nicht den unerbittlichen Kampf gegen
den Opportunismus in der Theorie und in der Praxis geführt, Gerade
darum können wir die RGI. und ihre Sektionen mit vollem Recht
als Schule des Kommunismus bezeichnen,
        <pb n="42" />
        XXL RGI und USSR,

Eine ungeheure Rolle spielt in der Entwicklung der RGI und
der internationalen revolutionären Gewerkschaftsbewegung das un-
anterbrochene Wachstum der Sowjetunion. Die Verbindung der Roten
Gewerkschafts-Internationale mit dem Lande der proletarischen Dik-
latur geht nicht nur auf den Ort der Entstehung der RGI. zurück, und
auch nicht lediglich darauf, daß die stärkste RGI.-Sektion sich auf dem
Boden der USSR, befindet, sondern hauptsächlich auf den Umstand,
daß der sozialistische Aufbau die kapitalistische Stabilisierung unter-
höhlt, die Unhaltbarkeit der kapitalistischen Beziehungen erhöht, und
lie internationale Arbeiterbewegung revolutioniert.
In unermüdlicher Spannung richten sich die Blicke der Arbeiter-
bewegung der ganzen Welt auf die Sowjetunion, denn die Arbeiterklasse
weiß, daß der heutige Tag in der Sowjetunion ihr eigenes Morgen ist.
Die Arbeiter, denen viele Jahre hindurch eingetrichtert wurde, der
Sozialismus sei eine schädliche Utopie, die Oktoberrevolution ein
Abenteuer und die Diktatur des Proletariats in der Sowjetunion eine
Farce, die Proletarier, denen man weis machen wollte, daß die Be-
‚ölkerung der Sowjetunion restlos dem Hungertod preisgegeben sei,
laß das Wirtschaftsleben durch Aufhebung des privaten Bodenbesitzes,
des Privatbesitzes an Produktionsmitteln und Tauschwerten, lahm-
gelegt worden sei — sie überzeugen sich von Tag zu Tag immer mehr
davon, daß die USSR., nicht nur die Schwierigkeiten überwunden
hat, sondern sogar rasche Fortschritte macht, Mag die Sozialdemo-
kratie die Sowjetunion auch noch soviel verleumden, sie kann
der Arbeiterschaft dennoch nicht beweisen, daß das Wachstum der
Sowjetunion Rückgang und Verfall seiner Wirtschaft bedeute. Sie
kann es um so weniger, als der einfache Arbeiter Vergleiche anstellt
zwischen den Erfolgen der eigenen „Arbeiter“ -Regierungen und der
Arbeiter- und Bauernregierung der Sowjetunion. Er muß sich un-
bedingt die Frage stellen: Warum ist die „Prosperität‘“ in meinem
zigenen Lande mit einer Verlängerung des Arbeitstages auf neun
und zehn Stunden verbunden und die „chronische Krise” in der
JSSR. mit einer Verkürzung des Arbeitstages auf sieben Stunden?
Warum sinkt die Lebenshaltung der Arbeiter in den kapitalistischen
Ländern ununterbrochen, während das Lebensniveau der Arbeiter
in der Sowjetunion ununterbrochen steigt? Das alles stellt die
alten Begriffe und Vorstellungen auf den Kopf, das alles revolu-
tioniert und wühlt immer mehr neue Arbeiterschichten auf, die sich
der Sowjetunion zuwenden und der II, und Amsterdamer Inter-
nationale den Rücken kehren, was auch eine Wendung in Richtung
der RGI bedeutet, Es ist durchaus kein Zufall, daß der inter-
aationale Reformismus die Komintern und RGI stets mit dem
5owjetstaat in Verbindung bringt. Unsere Feinde wollen den Be-
weis für das Vorhandensein einer formellen Verbindung, einer

zn
        <pb n="43" />
        „Unterordnung der RGI unter die Moskauer Regierung” usw.
}ühren, Das alles ist selbstverständlich nichts als Unsinn und De-
magogie. Daß zwischen der RGI, und der Oktoberrevolution mit
ihrem Schöpfer — der Arbeiterklasse — die größte Solidarität be-
steht, daß die RGI, Sowjetrußland in seinem Kampf gegen den Welt-
imperialismus unterstützt, ist allerdings wahr. Das hätte aber auch
nicht anders sein können. Bestmögliche und bedingungslose Förde-
rung des sozialistischen Aufbaues seitens der RGI, und ihrer Sek-
tionen ‚ist bisher der Fall gewesen und wird auch weiterhin ge-
schehen. Das alles entspringt nicht einer erdichteten „Unterordnung”
der Komintern und der RGI, unter den Rat der Volkskommissare,
wie es die englischen Konservativen, die deutschen Sozialfaschisten
und die großen und kleinen Briganten von der französischen und
amerikanischen Polizei hinstellen. Die Erklärung ist viel einfacher
und ernster: die Sowjetunion ist ein kolossales lebendiges Stück der
Weltrevolution, und darum können alle revolutionären Arbeiter-
oarganisationen nicht anders, als die Sowjetunion unterstützen. Das
ist um so natürlicher, als die sowjetrussischen Gewerkschaften, die
an der Rekonstruktion der Industrie und. Landwirtschaft auf sozia-
Histischen Prinzipien aktiv mitarbeiten, die stärkste Sektion der
RGL bilden, die den anderen hilft und auch auf die Unterstützung
ınd den Beistand der Arbeiter in den kapitalistischen und kolonialen
Ländern Anspruch erheben darf.

Die Schicksale der RGI sind aufs engste mit denen der Sowjet-
union verbunden, ebenso wie mit dem Schicksal der chinesischen Re-
volution und den Schicksalen der Gewerkschaftsbewegung und der
Revolution in Indien, Die Beziehungen der RGI zur Sowjetunion
beruhen auf unserer festen Ueberzeugung, daß die Sache der USSR.
die des gesamten internationalen Proletariats ist. Im Laufe ihrer zehn-
jährigen Existenz hat die RGI, die politischen und taktischen Schluß-
folgerungen aus dieser Einstellung gezogen.
XXIL Die Bekämpfung des imperialistischen Krieges,
Diese Einstellung zur Sowjetunion stellte die gesamte inler-
nationale revolutionäre Gewerkschaftsbewegung vor das Problem
der Verteidigung der USSR., das Problem der Bekämpfung des im-
perialistischen Krieges, Der „letzte“ Weltkrieg, hat zu einem neuen
Wettstreit, zu einem wahnwitzigen Wettrüsten und fieberhaften Vor-
bereitungen zu einem neuen Krieg geführt. Die Angst vor dem
sozialistischen Wachstum der Sowjetunion und der weiteren „An-
steckung” der Arbeiter, die heute noch unter. dem Einfluß der staats-
treuen Sozialdemokraten stehen, mit den Ideen des Kommunismus
drängt die führenden Kreise der internationalen Bourgeoisie zu
Abenteuern verschiedener Art. Die verschärfte sowjetfeindliche
Kampagne, an der sämtliche Kräfte der Reaktion mitarbeiten, die

41
        <pb n="44" />
        Machenschaften hinter den Kulissen, die in einer Reihe von Ländern
im Gange sind, — das alles erfüllt die Atmosphäre mit einer immer
drohender werdenden Kriegsgefahr, Die RGI, war stets des Lenin’schen
Gebots eingedenk, daß die Bekämpfung des Krieges nur scheinbar eine
leichte Sache sei und daß in Wirklichkeit besonders große Zähigkeit
und Ausdauer dazu gehören.

Antikriegs-Deklamation hat die RGI, niemals getrieben, sie hat
allen ihren Sektionen vielmehr stets klar gemacht, wie der Krieg
zu bekämpfen ist, worauf es hauptsächlich ankommt — den Kampf
gegen den Krieg nicht zu einer Paradekundgebung zu machen, sondern
zu einem organischen Teil der ganzen tagtäglichen Arbeit, Auf
keinen Fall darf der Kampf solange hinausgeschoben werden, bis der
Krieg da ist, das würde den Zusammenbruch aller unserer Organi-
sationen und auch der RGI selbst bedeuten, Bekämpfung des
Krieges bedeutet vor allen Dingen Kampf gegen die eigene Bour-
geoisie, Entlarvung ihrer verbrecherischen. Tätigkeit. Wer diese
elementare tagtägliche Arbeit nicht macht, wer die Bekämpfung
des Krieges vom Klassenkampf gegen die eigene Bourgeoisie isoliert,
befaßt sich nur mit pazifistischem Geschwätz. Diese ihre Einstellung
hat die RGIL wiederholt auf ihren Kongressen, wie auch während des
internationalen Friedenskongresses im Haag, während der Ruhr-
besetzung und der Intervention in China, zur Zeit des Krieges in
Marokko und Syrien, sowie anläßlich der Besetzung der Ost-China-
Bahn und gelegentlich der unzähligen Provokationen gegen die Sow-
jetunion formuliert, Stets hat die RGI, von ihren Organisationen eine
ernste und wohldurchdachte Einstellung zur Kriegsbekämpfung ge-
fordert, denn um diese Frage herum hat sich viel pazifistische
Schlacke, viel  anarchistisches Geschwätz und reformistische
Heuchelei angehäult.

Soll das heißen, daß bei uns in der Frage der Kriegsbekämpfung
alles in Ordnung ist? Auf keinen Fall. Indes werden die Gewilter-
wolken immer schwerer, der Krieg kann ganz unerwartet auflodern,
und in diesem Falle könnte ein Teil unserer Genossen unvorbereitet
überrascht werden. Eben davon geht die RGI aus, indem sie die
Fragen des Kampfes gegen den imperialistischen Krieg auf die Tages-
ordnung des V, Kongresses setzt. Die Sozialfaschisten und die
Rechten lieben es, uns Uebertreibung der Kriegsgefahr vorzuwerfen,
sie behaupten, die Komintern und RGI machten die Arbeitermassen
absichtlich „nervös“ um auf diese Weise den „Auftrag‘‘ der Sowjet-
regierung zu erfüllen. Welchen Sinn hat dieses systematische Ver-
leugnen der Kriegsgefahr? Der Sinn ist höchst einfach: es gilt, die
Massen einzulullen, sie von der realen Gefahr abzulenken und ihr
Augenmerk auf die angeblichen „Moskauer Intrigen” zu lenken, das
Wasser zu trüben, und so die Massen zu täuschen, damit die Bour-
geoisie den Ueberfall auf die Sowjetunion in aller Ruhe vorbereiten
        <pb n="45" />
        kann. Dieser soziale Auftrag der internationalen Bourgeoisie wird
vom Sozialfaschismus höchst energisch und konsequent erfüllt,

Die Bekämpfung des Krieges ist nach wie vor wichtigste Aufgabe
der RGL und ihrer Sektionen.

XXIIL Das Kaderproblem,
Eine der schwierigsten Fragen war für die revolutionäre Ge-
werkschaftsbewegung im ganzen Verlauf des Jahrzehnts das Kader-
problem. Die Schwierigkeit lag darin, daß die Organisationen, die
ihren Anschluß an die RGI. vollzogen, mit ihren eigenen historisch
herausgebildeten Kadern herüberkamen. An die Spitze unserer Or-
ganisationen gelangten oft Leute aus einer anderen Epoche (Hais,
Walcher. u. a), Leute, die sich an die revolutionäre Taktik anzu-
passen suchten, jedoch vergeblich oder richtiger gesagt — sozialdemo-
kratisch. Kader können nicht in ein bis zwei Jahren geschaffen
werden. Dazu gehören lange Jahre des Kampfes, und darum galt es,
neue junge Kräfte aus den Betrieben heranzuholen. Was die Kader-
trage betrifft, befanden und befinden sich die Amsterdamer in bedeu-
tend besserer Situation als die RGI. Die alten Gewerkschaftsfunktio-
näre stehen in ihrer überwiegenden Mehrheit auf seiten Amsterdams.
Sie besitzen eine ungeheuere gewerkschaftliche Erfahrung, spezielle
Kenntnisse auf dem Gebiete der Tarife usw., und in dieser Beziehung
können die RGL-Anhänger von diesen Gewerkschaftsbürokraten wohl
etwas lernen. Während die alten Kader in ihrer überwiegenden
Mehrheit auf seiten unserer Feinde stehen, erfassen unsere neuen
Kader die kommunistische Gewerkschaftsarbeit nur langsam: ent-
weder sie machen nur Gewerkschaftsarbeit, oder sie widmen sich
sanz der Politik. Indes ist eine Trennung hier in höchstem Maße
schädlich. Wir brauchen geschickte Gewerkschalfter, Leute, die mit
allen die Arbeiterschaft bewegenden Lebensfragen vertraut sind und
wissen, wie ein Kollektivvertrag abzufassen und zu verteidigen ist,
Leute, die eine Streikbewegung führen können und die Kunst der
Ueberführung der Wirtschaftskämpfe auf die höhere politische Stufe
beherrschen. Hauptsache ist jedoch, daß sie es verstehen, die wirt-
schaftlichen Kämpfe mit den politischen zu verknüpfen und die
Massen von den Teilforderungen zu den allgemeinen Klassenforderun-
gen zu führen, Solche Kader können nicht künstlich im Treibhaus
sroßgezogen werden, man kann sie nur in den Kämpfen heranbilden.

Worauf es hauptsächlich ankommt, ist die richtige Auswahl, die
Feststellung der besten Kräfte in jeder Bewegung, die die meiste
Initiative und Kampffähigkeit an den Tag legen, Doch gerade in
lieser Beziehung liegen bei uns die Dinge trotz herannahender Zehn-
jahresfeier nicht zufriedenstellend. Die RGI. und der Zentralrat der
Gewerkschaften der Sowjetunion haben den Aufbau einer internatio-
nalen Gewerkschaftsschule in Angriff genommen, aber das ist nur ein
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        Tropfen auf den heißen. Stein, um so mehr als die Schule die prak-
‘ische Lebensschule, die Schule der direkten Kämpfe nicht ersetzen
xann noch darf, Diese Frage ist so wichtig, daß sie auf der Tages-
ordnung des V, Kongresses als besonderer Punkt steht. Sie fordert
ietzt und wird auch in den nächsten Jahren größte Beachtung seitens
der RGL erfordern, denn es ist eine der Fragen, die man in den ersten
zehn Jahren unmöglich lösen konnte.
XXIV. Die Schwächen und Mängel der RGL
Mein Jubiläumsbericht wäre unvollständig geblieben, würde ich
nicht auch von unseren Schwächen und Mängeln sprechen. Worin liegt
die Hauptschwäche? In dem Mißverhältnis zwischen dem politischen
Einfluß und seiner organisatorischen Verankerung, Dieses Mißverhält-
nis besteht auch jetzt, nach zehnjähriger Existenz immer noch fort.
Wo sind die Gründe für dieses Zurückbleiben zu suchen? Warum
hat diese Frage, die auf allen Kongressen erörtert wurde, bis auf den
heutigen Tag keine Lösung gefunden? Unzählige Hindernisse standen
der Lösung dieser Frage im Wege. Die wichtigsten davon waren: die
ständige Verfolgung der revolutionären Arbeiter und ihr Hinauswurf
aus den Betrieben, die Verhafltungen und Morde, das Verbot der re-
volutionären Organisationen und der revolutionären Presse, wie auch
der Kadermangel. Unter allen hier aufgezählten Gründen ist der
letztgenannte zweifellos der schwerwiegendste. Nichtsdestoweniger
läßt sich das vorhandene Mißverhältnis durch alle diese Gründe nicht
restlos erklären. Es gibt auch weitere Ursachen: die Unfähigkeit,
von sämtlichen Möglichkeiten Gebrauch zu machen, in jedem gegebe-
nen Augenblick die entsprechende Form für die Organisierung der
eigenen Kräfte zu finden, die eigenen Reihen nach erlittener Nieder-
lage rasch wieder umzustellen, jeden, auch den allergeringsten Erfolg
für die Erweiterung und Stärkung der eigenen Positionen auszu-
nutzen, und schließlich das mangelnde Verständnis dafür, stets und
unter allen Umständen mit den Massen in Fühlungnahme zu bleiben.
Alle diese Mängel lassen sich in der einen oder anderen Verbindung
in unseren Organisationen feststellen. Man kann sagen, daß die RGI.
vom ersten Tage an darauf bedacht war, diese Mängel aus der Welt
zu schaffen, Es ist in dieser Zeit sehr viel getan worden, um unsere
Reihen, sowie die Formen und Methoden unserer Arbeit bestens um-
zugestalten. Das Mißverhältnis ist aber trotzdem geblieben, und es
gehört noch ein großes Stück Arbeit dazu, um unsere Organisationen
so auszubauen, daß sie mit der Politik Schritt halten und umgekehrt,
damit die Politik nicht hinter der organisatorischen Arbeit zurück-
bleibt. Trotz dieser Schwächen und Mängel können wir die Ergeb-
nisse der zehnjährigen Tätigkeit unserer Roten Gewerkschalfts-Inter-
nationale mit größter Genugtuung feststellen. Aus einzelnen ver-
schieden gearteten Ziegelsteinen ist trotz größter Schwierigkeiten das
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        kolossale, im unerbittlichen Kampfe gegen die Bourgeoisie und den
Sozialfaschismus festgefügte Gebäude der internationalen revolutio-
nären Gewerkschaftsbewegung errichtet worden. In den Zusammen-
stößen mit dem Feind, in den Kämpfen wuchs und erstarkte die inter-
nationale Organisation der revolutionären Gewerkschaftsbewegung.
Die RGI ist nie stehengeblieben, sie ist zusammen mit der Bewegung
sewachsen. Das ist der Kernpunkt der Sache, .

XXV. Der Kampf um die Mehrheit der Arbeiterklasse.

Wollen wir die Linie, die die Rote Gewerkschaftsinternationale in
all. den Jahren ihrer Existenz befolgt hat, in einem Satz zusammen-
jassen, dann können wir diesen wie folgt formulieren: Die Arbeit der
RGIL. verlief in ihrem ganzen Umfange im Zeichen des Kampfes um die
Massen, Unter diesem Gesichtswinkel sind alle taktischen Losungen,
sämtliche Kongreßbeschlüsse und die gesamte tagtägliche Arbeit der
leitenden RGIL-Organe zu betrachten, Den Kampf um die Massen
führen wir in der ganzen Welt, überall, wo es Arbeiter gibt, Es ist ein
höchst erbitterter Kampf, denn die Bourgeoisie will die Arbeiter, die
unter ihrem Einfluß stehen, nicht anderen, ihr feindlich gegenüber-
stehenden Einflüssen überlassen, Die Arbeitermasse wird von allen
Seiten zäh und systematisch bearbeitet, Alle bürgerlichen Parteien, die
Kirche, der Faschismus und der Sozialfaschismus suchen ihren Einfluß
bei den werktätigen Massen zu festigen und auszudehnen,  Tagaus,
tagein müssen wir um jeden Arbeiter ringen. Dabei ist zu bedenken,
daß die Bourgeoisie und der Sozialfaschismus sämtliche Kräfte des
Staates in Betrieb setzen, um ihren Einfluß bei den Massen zu be-
haupten. Der Kampf wird immer schärfer, je mehr sich die Lage der
Arbeiterklasse verschlechtert und die Unzufriedenheit der Massen
wächst. Die Komintern und die RGI, haben in ‚diesen Jahren bedeu-
tende Erfolge erzielt, doch darf man trotzdem nicht vergessen, daß
Abermillionen Proletarier immer noch unter dem Einfluß der bürger-
lichen und sozialfaschistischen Parteien stehen, Es genügt, auf die Ver-
einigten Staaten, Deutschland und England zu verweisen, wo Millionen
Arbeiter ihre Stimmen nicht nur für Sozialfaschisten, sondern sogar
für Republikaner, Konservative usw. abgeben.

Wie sind die Massen vom bürgerlichen Staate zu isolieren? ‚Wie
zoll man sie zur Auflehnung gegen die bürgerlichen und sozial-
faschistischen Parteien bringen? Wie sie vom Einfluß der korrupten
Sewerkschaftsbürokratie freimachen? — das war es, worauf die Arbeit
jer RGI in all diesen Jahren abzielte, Und die Ergebnisse? Am Ende
des imperialistischen Krieges war die Sozialdemokratie bis auf wenige
Ausnahmen (Rußland, Polen usw.) so gut wie unumschränkte. Be-
herrscherin der Arbeitergehirne, Heutzutage ist dem reformistischen
Monopol in der Gewerkschaftsbewegung ein Ende gemacht worden, Die
Sozialdemokratie ist keine Monopolpartei mehr, denn die Komintern
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        und RGI, sind in den Reihen der Massen tief vorgedrungen, Bis zu
welcher Tiefe? Um diese Frage zu beantworten, muß man die Länder
nacheinander betrachten, und dann kann das Kräfteverhältnis zwischen
RGI. und Amsterdam festgestellt werden. Der Reformismus besitzt
sein Monopol nicht länger, das bedeutet aber nicht, daß er seinen Ein-
fuß gänzlich eingebüßt hat. Das trifft noch lange nicht zu. In einer
Reihe von Ländern hat der Sozialfaschismus immer noch bedeutenden
Einfluß bei der Arbeiterschaft, und der Kampf um die Massen ist
darum noch lange nicht beendet.

Wenn wir aber vor 10 Jahren uns erst den Zutritt zu den Massen
erkämpfen mußten, liegen die Dinge heute bereits ganz anders: un-
geheure Massen folgen heute der Komintern und der RGI., und die
Frage der Eroberung der Mehrheit der Arbeiterklasse ist jetzt eine
praktische Frage, „Eroberung der Mehrheit der Abeiterklasse” ist die
Losung, unter der die Vorbereitung zum V. Kongreß verläuft; auch die
Zehnjahrfeier der RGI. geht unter dieser Losung vor sich, Mögen die
Schwierigkeiten noch so groß sein, mag der Feind noch so stark sein,
unaufhaltsam dehnt die RGI., ihren Einfluß bei den Massen weiter aus,
Selbst unsere Feinde müssen das zugeben, Wir würden jedoch einen
großen Fehler machen, wollten wir unsere Erfolge überschätzen und die
ungeheuren Schwierigkeiten ignorieren. Keinerlei Täuschungen über
lie Schwierigkeiten, keine Vebertreibung‘ derselben, nüchterne Ein-
schätzung der Situation, stets im Vollbewußtsein dessen, daß der Feind
bis an die Zähne bewaffnet ist, daß er unermüdlich und systematisch
darauf hinarbeitet, seine Position in den Betrieben zu festigen und zu
erweitern und die Stellungen des Gegners zu zerstören — das ist der
Weg, den die RGI, bisher geschritten ist. Und das ist auch ihr weiterer
Weg.

XXVL Die Zukunit gehört der Roten Gewerkschafts-Internationale.

Die Zehnjahrfeier der RGI fällt mit dem V. Kongreß zusammen,
der am 15, August 1930 eröffnet wird, d.h. etwas mehr als zehn Jahre
nach dem Tage, an dem der Grundstein zur Roten Gewerkschafts-
Internationale gelegt wurde. Viele von denen, die gemeinsam mit uns
das Dokument über die Gründung der RGI. unterzeichnet haben, stehen
heute jenseits der Barrikade, viele von denen, die in den ersten
Jahren mit uns gingen, verschwanden völlig vom politischen Horizont,
Doch die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung wächst, und die Or-
ganisation, die am 15, Juli 1920 gegründet wurde, lebt und entwickelt
sich fort. Aus einer Agitations- und Propagandazentrale wurde sie
eine Weltvereinigung der Gewerkschaften, Viele Schwierigkeiten mußte
die Rote Gewerkschafts-Internationale auf ihrem Entwicklungswege
überwinden; viele Schwierigkeiten stehen noch bevor, aber der schwerste
Teil des Weges liegt bereits hinter uns, Die nächsten Jahre eröffnen
ans kolossale und günstige Perspektiven, denn die Arbeiterbewegung
befindet sich gegenwärtig im Aufstieg, Die Weltwirtschaftiskrise wird
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        akuter, sie hat sogar die Zitadelle des modernen Kapitalismus — die
Vereinigten Staaten von Nordamerika — in Mitleidenschaft gezogen; in
den kolonialen Ländern, besonders in China und Indien, wächst die
revolutionäre Arbeiter- und Bauernbewegung rapid, Parallel mit der
wachsenden revolutionären Bewegung in den alten kapitalistischen
Ländern erheben sich die ungeheuren kolonialen Reserven, schließen
sich neue Menschenmassen an, Die Trennung, wie sie zwischen der
Bewegung der kapitalistischen Länder und der Kolonien bestand und
in der Periode von 1919-—1920 eine negative Rolle spielte, besteht nicht
mehr, Der ungeheure Aufstieg der Sowjetunion, das rasche Tempo,
in dem unser Fünfjahrplan in die Tat umgesetzt wird, ergänzt dieses
Bild, Die Vereinigung dieser drei machtvollen Kolonnen — des sozia-
listischen Aufbaues in der Sowjetunion, des Aufstieges in der Arbeiter-
bewegung der kapitalistischen Länder und des Heranholens der un-
geheuren Arbeiter- und Bauernreserven aus den Kolonien — eröffnet
uns glänzende Perspektiven im Sinne eines stürmischen Wachstums
der Roten Gewerkschafts-Internationale,

Es ist meine feste Ueberzeugung, daß wir die gelbe Amsterdamer
Internationale und die gelben Gewerkschaften in wenigen Jahren end-
gültig zertrümmert haben werden, daß wir dann eine einheitliche und
kampffähige Rote Gewerkschafts-Internationale schaffen werden, die
die Gewerkschaftsbewegung der ganzen Welt umfaßt und sie unter
Leitung der Komintern der Eroberung der Mehrheit der Arbeiterklasse
and dem Siege des Proletariats entgegenführen wird.

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        Verantwortlich für Verlag und Inhalt: Paul Merker, Berlin.
Druck: Max Noster, Berlin SW 68,
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        DIE WIRTSCHAFTSKRISE

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ist daher für das Proletariat das Gebot der
Stunde, Aber Streikführung ist eine Kunst,
die gelernt werden muß. Durch Studium
der internationalen Streikerfahrungen erspart
sich die Arbeiterschaft Niederlagen, bereitet
sie den Sieg im. Streikkampf vor. Die An-
hänger der RGI, lesen daher:
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der am 15. Augusi, /C yuhre naemı Gründung der Roten Gewerkschafts-
Internationale zusammentritt, muß jeder revolutionäre Gewerkschafter alle
Kraft daranseizen, um die
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allen Arbeitern verständlich zu‘ machen. Jeder Anhänger der revolutio-
nären Gewerkschaftsopposition und der selbständigen revolutionären Ver-
bände muß daher mit der Tätigkeit der RGI., ihrer Ländersektionen und
internationalen Propaganda- und Aktionskomitees vertraut sein, muß die
Verhandlungen und Beschlüsse ihrer Kongresse und Zentralratssessionen
genau kennen.

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hat im Dezembe:

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dieser Tagung ist ım Verlage uer «zusKau, erschienen. Buchhandels-
ausgabe, auf holzfreiem Pomer gedruckt aut siarkem Umschlag versehen
Mk. 12,— / In Halbleinen gedunuen ‘ 1u,— | Organisationsausgabe
brosch. Mk. 6.—. Das Protokoll ist zu teziehen durch Arbeiterbuchhand
lungen oder direht durch die Auslieferungsstelle.

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setrachteten sich den Negern gegenüber als Vertreter einer höheren
Rasse, Wir kennen Fälle aus der Praxis der Kommunistischen Partei
Amerikas, wo kommunistische Zellen kommunistisch denkende Neger
nicht aufnehmen wollten. Es ist uns ein Fall bekannt, wo ein Partei-
mitglied einem anderen, der ein Neger war, nicht die Hand reichen
wollte, Das sind leider Tatsachen, Gegen all das mußte im Laufe dieser
Jahre gekämpft werden. Wir haben in dieser Richtung erst einen
vedeutenden Fortschritt erzielt, nachdem die Komintern die Lovestone-
Bande, die die Theorie und Praxis der „weißen Rasse in der ameri-
kanischen Partei verkörperte, aus der K,P. Amerikas hinausjagte. Auch
in Südafrika mußten und müssen wir kämpfen, um die Gleichberechti-
gung der schwarzen und weißen Arbeiter in unseren Reihen durch-
zusetzen,

Ich will durchaus nicht übertreiben und betone darum, daß wir
ans mit der Lösung der Rassenfrage auf unseren verschiedenen Kon-
gressen befaßt haben und sie in unserer tagtäglichen Arbeit lösen, In
der Praxis stehen wir erst am Anfang der Lösung dieses Problems.
Dort, wo die farbigen Arbeiter leben, schaffen und leiden, ist diese
Frage noch nicht gelöst, und das Problem des Rassenkampfes bleibt
bei den‘ Arbeitern leider noch bestehen, Es ist allgemein bekannt,
daß die weißen Arbeiter in China das Zehnfache und mehr des Lohnes
bekommen, den die chinesischen Arbeiter verdienen, die in den Augen
der Imperialisten nicht Arbeiter, sondern Arbeitsvieh sind. Z. B. ist
ein englischer Eisenbahner in Indien, dem Lande, in dem der englische
[mperialismus herrscht, nicht einfach Eisenbahner, sondern Vertreter
der eigenen Imperialisten, eine Schraube im System zur Unterdrückung
der ungeheuren Menschenmassen Indiens,

Wir haben die Rassenfrage noch lange nicht gelöst, doch haben wir
den richtigen Weg zu ihrer Lösung vorgezeichnet, Gelöst kann sie
aur durch eine richtige Politik werden, Diese richtige Politik führen
wir durch, und dank einer Reihe spezieller Maßnahmen und nicht nur
Resolutionen, die wir getroffen haben, um den farbigen Arbeiter auf
ein höheres Niveau zu bringen, ihn zu organisieren und in den Kampf
einzureihen, schufen wir die Voraussetzungen dafür, daß die Rassen-
irage auch in den betreffenden Ländern ihre Lösung findet,

Die älteste Arbeiterbewegung ist die Europas. Im Laufe vieler
Jahrzehnte ist es dem europäischen Arbeiter zur Gewohnheit geworden,
die Arbeiter der übrigen Länder von oben herab zu behandeln, Uebri-
gens wurde auch der russische Arbeiter bis zur Oktoberrevolution
in gleicher Weise behandelt, Ich kann mich noch selbst daran erinnern,
wie ich im Jahre 1910 der Internationalen Gewerkschaftskonferenz in
Paris als Gast beiwohnte und wie die Größen der damaligen Gewerk-
schaftsbewegung, wie Legien u. a. „diesen Russen‘ von oben herab
behandelten,

Sie behandelten uns von oben herab, Das war vor der Oktober-
revolution. Die Herren Reformisten versuchten das auch nach der

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