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        <title>Durch Abessinien und Erythräa</title>
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            <forname>Hermann</forname>
            <surname>Norden</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>1835107648</idno>
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        DURCHI
ABESSINIEN
UND ERYTDVRXA

HERMANN NORDEN
        <pb n="2" />
        EIGSENTUM
das
IN sTbs
WVELTVIRISCHAFT
VIEL
BIBLIOTHEK
NM.T ;α.
        <pb n="3" />
        Hermann Norden
Durch Abessinien und Erythräa
        <pb n="4" />
        <pb n="5" />
        Durch
Abessinien und Erythräa

Reiseerlebnisse

Hermann Norden

Aus dem Amerikanischen übersetzt
von Dr. Karl Soll

J 4
— —
KE

August Scherl G.m.b. H. Berlin SW
        <pb n="6" />
        Mit 50 Abbildungen nach Photographien
des Verfassers und einer Karte

ae
—————
——
S ah
. c W
iebt

Alle Rechte vorbehalten
Druck von August Scherl G.m. b. H. Berlin
        <pb n="7" />
        Inhalt
Die Nachkommen Salomos auf dem abessi—
nischen Thron ... ..
Salomo und die Königin von Saba 7. Das Land der Ge—
heimnisse, der Romantik und der Gegensätze 12. Interessante
Persönlichkeiten am Hofe 15. Einzelheiken aus der Ge—
schichte, der Rechtsprechung und den Sitten 16.
e Hauptstadt von Athiopien.....
Vom französischen Hafen nach Addis Abeba 26. Prinz
Makonnen 27. Die Hauptstadt und ihre Einwohner 29.
Markt und Bazar 30. Ein Diner im Königspalast 84.
Der König und seine Minister 856. Aufregende Folgen einer
Tauffeier 87. Zur Erinnerung an den großen Kaiser 41.

Jamjam ..... ....
Die erste Karawanenreise 44. Tofa 45. Addis Alam 47.
Ein Läufer 48. Der Wald 49. Die Sägemühle Abessiniens
51. Gastfreundschaft einer abessinischen Dame 152. Primi-⸗
tives Baumwollspinnen 54. Ein üppiges Geschenk 57.
Hakim Zahns Erzählungen 57.

Im Hawasch⸗TalI. ... . .
Die Gallas 60. Metahara 64. Eine Baumwoll-Plantage 66.
Besuch vom Stamm der Arussi, Danakil, Karayu und Itu
38. Feinde tanzen miteinander auf neutralem Grund 60.
Buro⸗Rowio und sein großer Eunuch 71. Hochzeitssitten 76.
Die Legende von den sieben Töchtern Evas 76. Roba⸗Buway
bietet Blutsbrüderschaft an 77. Seine Exzellenz der Gou—
oerneur von Harrar 81. „Fantasias“ und Gerichtssitzungen
auf den Bahnstationen 81.

Jtalien in Athiopien. ——
Italienischer Frachtdampfer auf der alten Weihrauchroute
8. Assab 856. Asmara 87. Cheren 88. Der Baum Gottes
39. Agordat 89. Der Cavaliere auf der Jagd 93. Italie—
nische Heimatlieder 86. Die Schwedische Mission in Culluca
6. Mohammeds Geburtstag zu Barentu 98. Cunamas
und Bareas 99. Die erste weiße Frau als Besucher 100.
Fantasias 100. Gerichtsszenen und Baumwollkultur in
Erythräa 102.

25

44

30

83
        <pb n="8" />
        Auf der Karawanenreise.—
Ausrüstung der Karawane 105. Efendi 106. Adum Ali 107.
Ein gemütliches Lager 109. Schwierigkeiten mit Zoll-
beamten 112. Aufgehalten durch einen leprakranken Häupt⸗
ling 112. Andere Karawanen 118. Fischfang im Casa⸗See
120. In höherem Gelände 123. Menschen auf dem Wege
126. Willkommengruß und frische Reittiere vom italienischen
Konsul in Gondar 127.
ndar...... 4127
Die alte Hauptstadt und ihre Geschichte 128. Das italienische
Konsulat 129. Fitaurari Hemer 182. Ruinen alten Glanzes
133. Die moderne Stadt 183. Alte und neue Kirchen 186.
Die Handwerker von Gondar 137. Markt 141.
lomaten auf der Karawanenreise. . 146
Meine zweite Verhaftung 146. Ankunft Dr. Prüfers und
seiner Freunde 149. Begrüßung auf dem italienischen Kon—
fulat 150. Bericht über aufregende Erlebnisse 150. Die
Hauptstädte von Ras Kassa und Ras Hailu 152. Verhaftet
bei Ras Gugsa 153. Dergo 16565.
den schwarzen Juden. **
Das abessinische Getto 156. Ursprung der Falaschas 157.
Züdische Epoche in der Geschichte Abessiniens 159. Juden
wirken unter den Falaschas 161. Untersuchung der Alliance
gIsraslite Universelle 162. Christliche Missionen 168. Alaka
Michael Argawi 166. Ein junger Falascha in Paris 168.
Sitten, die auf das mosaische Gesetz zurückgehen 169.

Das Stromgebiet des Blauen Nils... 172
Der verwundete Räuber 172. Amba Dischibdschiba 174.
Meneliks Vertrag mit Großbritannien 176. Die Woitos 177.
Legenden vom Tana⸗See 180.

Zur Grenze des Sudan. F
Ein seltsames Dergo 183. Der Alkohol schmuggelnde Esel
I86. Sklaven und Sklaverei 189. Räuber 194. Der Brief
des jungen Athiopiers 187.

104

9
        <pb n="9" />
        Die Nachkommen Salomos auf dem
abessinischen Thron
Salomo und die Königin von Saba — Das Land der Geheimnisse,
der Romantik und der Gegensätze — Interessante Persönlichkeiten
am Hofe — Einzelheiten aus der Geschichte, der Rechtsprechung und
den Sitten
De Reiches Wahrzeichen ist ein gekrönter schreitender
Löwe, der ein Zepter in seiner rechten Pranke trägt.
Das Motto lautet: „Gesiegt hat der Löwe vom Stamme
Juda“, und in den dreißig Jahrhunderten, die zwischen
Menelik J. und Ras Taffari verflossen sind, ist dieser Aus—
spruch wohl mehr gerechtfertigt worden als der der meisten
heraldischen Wahlsprüche. Tatsächlich ist gerade dieser
Löwe bis jetzt kaum besiegt worden.

Da die über Abessinien geschriebenen Bücher meist mit
der Geschichte von Salomo und der Königin von Saba be—
ginnen, darf man wohl annehmen, daß jeder, der irgend
etwas über das Land gehört hat, weiß, daß seine Herrscher—
reihe auf diese beiden höchst romantischen Persönlichkeiten
zurückgeführt wird. Die Bibel sagt nichts über einen Sohn,
der aus der Begegnung der beiden hervorgegangen wäre,
noch behauptet sie, daß der Besuch der Königin in Jerusalem
irgend etwas anderes gewesen sei als die Reise einer könig—
lichen Frau, die gern wissen wollte, ob sie all das glauben
könne, was sie von der Weisheit und dem Glanz des Königs
der Juden gehört habe. „Sie kam“, sagt der biblische Er⸗
zähler, „ihn zu versuchen mit Rätseln“, und beim Abschied
versicherte sie dem König: „Siehe, es ist mir nicht die Hälfte
        <pb n="10" />
        gesagt. Du hast mehr Weisheit und Gutes, denn das Ge—
rücht ist, das ich gehört habe.“

In Abessinien erzählt man die Geschichte etwas anders.
Hier verbreitet man sich über die Herkunft der Königin
ebenso eingehend wie die Bibel über die Salomos. Auf
meinen Spaziergängen in Abessiniens Hauptstadt fand ich
die Geschichte überall in Malereien auf Seidenstoffen in
einer so völlig primitiven Form, als ob sie hypermodern
wären, dargestellt. Sie beginnt, wie es sich für eine Helden⸗
sage gehört, mit einem Drachen, der besiegt werden muß.
Die Einwohner von Tigre, einer nördlichen abessinischen
Provinz, lebten in Furcht vor einem Drachen. Sie gingen
zu einem ihrer starken Männer und boten ihm an, ihn zu
ihrem König zu machen, wenn er den Drachen töten würde,
was er auch tat. Nach seiner Krönung zeugte er ein Kind,
ein kleines Mädchen mit Namen Makeda, die spätere Köni—
gin von Saba. Diese gab einem Kaufmann aus Jerusalem,
der ihr von der Weisheit und dem Reichtum seines Königs
erzählt hatte, einen Brief und Spezereien für Salomo mit.
Niemand weiß, was in dem Brief gestanden hat, ob die
Königin Salomo darin mitteilte, daß sie im Begriff sei,
eine Reise anzutreten, um ihn zu besuchen, oder ob es eine
UÜberraschung für ihn war, als sie mit ihrem riesenhaften
Gefolge vor den Toren seines Palastes erschien. Man hielt
ein Gastmahl, dem die Frauen aus Salomos Harem durch
das Gitterwerk zuschauten. Danach fand eine Begegnung
in Salomos Schlafzimmer statt, wohin die Königin ge—
gangen war, um ein Glas Wasser zu trinken, denn das
Essen war sehr salzig gewesen. Schließlich kehrte die Köni—⸗
gin in ihr Land zurück und nach entsprechender Zeit gebar
sie dem Salomo einen Sohn.
        <pb n="11" />
        Es ist einerlei, ob diese Legende eine tatsächliche Grund⸗
lage hat oder nur ein Mythe ist. Man kann mit ihr ebenso—
gut wie mit einer anderen den Anfang machen, wenn man
sich mit Abessinien beschäftigen will. Dieses Land führt
heutige Einrichtungen auf uralte Gewohnheiten zurück. Es
ist christianisiert seit dem vierten Jahrhundert. Stolz ver—
knüpft es seine Vorfahren und ihre Überlieferung mit
Judäa. Mit Ausnahme von Liberia ist es das einzige Stück
Land auf diesem großen, reichen, unter den Mächten aufge⸗
teilten Kontinent, das sich aus eigener Kraft von europäi⸗—
schen Fesseln frei gehalten hat und dessen Volk, wie es
scheint, ebenso sicher aus Asien stammt wie das Liberias
aus der Neuen Welt.

Mein Besuch in Abessinien hatte alle die Reize, aber
auch alle die Nachteile eines Unternehmens aus dem Steg—
reif, einer Reise, die weder geplant noch vorbereitet war.
Meine Vorbereitungen für eine Reise nach Indochina
waren bereits bis zum Stadium des Kofferpackens gediehen,
als ich in Paris einen Brief meines Freundes Dr. Prüfer,
des deutschen Gesandten in Addis Abeba, erhielt, in dem er
eine Karawanenreise stizzierte, die er durch einen Teil des
äthiopischen Reiches machen wollte. Er hatte die Absicht,
den Blauen Nil bis zu feiner Quelle hinauf zu verfolgen
und ein Lager beim Tanasee zu beziehen. Die Reisegesell—
schaft sollte bestehen aus ihm und seiner Frau, dem italieni⸗
schen Gesandtschaftsrat Herrn Porta, dessen Frau und mir
— wenn ich Lust hätte mitzumachen.

Sofort warf sich meine Wanderlust auf Abessinien. Ich
telegraphierte an Dr. Prüfer und machte mich unverzüglich
auf die Reise nach dem Lande der grün⸗gelb-⸗roten Flagge.
Ich schiffte mich in Marseille ein und laͤndete kaum zwei
        <pb n="12" />
        Wochen später in Dschibuti, dem Hafen von Französisch—
Somaliland. Zwei Tage Schnellzug trennten mich noch von
Athiopiens Hauptstadt.

Einmal auf abessinischem Boden, nahmen meine Pläne
feste Form an, und zwar andere als die vorher beabsichtig—
ten. Gewisse Gründe verzögerten die Abreise der diplomati⸗
schen Reisegesellschaft, und es wurde mir schließlich klar, daß
die Reise in Begleitung von Freunden, die mein Interesse
und meine Beobachtung ablenken würden, doch auch starke
Nachteile für mich haben könnte. Wer klare Eindrücke ge—
winnen will, sollte immer allein reisen. Ich beschloß daher,
Abessinien in derselben Art zu durchqueren, die ich auf den
meisten meiner Reisen beobachtet hatte, nämlich ohne Be—
gleitung. Mit Empfehlungsschreiben versehen, würde ich
mich von einem Beamten bis zum anderen durchschlagen.
Im übrigen wollte ich mich meinem Wegglück anvertrauen
und mich meinen unterhaltsamen und lehrreichen, wenn
gewiß auch manchmal mit Beschwerden verbundenen Er—
fahrungen überlassen.

Vor Antritt der Reise scheint eine kleine Berichtigung,
was den Namen des Landes angeht, angebracht zu sein.
Man reist nach Abessinien und befindet sich bei der Ankunft
in Athiopien; das ist die offizielle Bezeichnung des Landes
und dort ausnahmslos in Gebrauch. Vielleicht liegt in
diesem Ausdruck ein anererbter Stolz, da Abessinien von
jeher zu dem großen Landstreifen gehörte, der schon den
Alten unter dem Namen Äthiopien bekannt war. Aber es
gibt auch einen logischen Grund für die offizielle Verwen—
dung des Namens. Abessinien, das als solches schon lange
existierte, gliederte sich im Laufe der Zeit auf Grund von
Eroberungen eine Reihe von Provinzen an. So besteht

1
        <pb n="13" />
        also das äthiopische Reich aus Abessinien und seinen Be—
sitzungen. Die Gesamtfläche von annähernd 1120 400 qkm
wird von nicht mehr als zehn Millionen Menschen bewohnt.
Von diesen sind etwa drei bis vier Millionen eigentliche
Abessinier, das heißt Afrikaner mit einem Einschlag semi—
tischen Blutes, etwas mehr als fünf Millionen sind Gallas,
Nachkommen eines wilden Stammes, die im sechzehnten
Jahrhundert in Abessinien eingedrungen waren und sich dort
niedergelassen haben. Der Rest besteht aus Danakils, So—
malis und aus dem Sklavenstamm der Gurage. Da im
ganzen Reich sich nicht ganz viertausend Europäer und
Levantiner befinden, ist es für einen abendländischen Reisen⸗
den ein besonders günstiger Umstand, wenn er Kenntnisse in
der amharischen oder arabischen Sprache besitzt. Diese
Sprachen öffnen ihm manche Türen, die einem englisch oder
französisch Sprechenden verschlossen sind. Ein Drittel des
Volkes sind Christen vom koptischen Zweig der oströmischen
Kirche, der Rest besteht aus Mohammedanern, Juden und
Heiden.

Die Angaben meines Reiseführers, meine Informationen
aus Handbüchern und mein Vorrat geschichtlicher Daten aus
Vergangenheit und Gegenwart nahmen während meiner
Reise in Athiopien langsam Farbe und Leben an. Ich
mußte feststellen, daß es ein Land von großer Schönheit ist.
Die steppenhaften Tieflandsgebiete im Süden und im Osten
wichen bald einem Hochplateau mit riesigen Bergen, zwischen
denen sich fruchtbare Täler erstrecken. Dazu kommt, daß sich
über ganz Abessinien die tropische und Hochlandsfaung aus—
breitet, die das im Süden anstoßende Britisch-Ostafrika zu
einem Mekka der Großwildjäger macht.

Kein Reisender kann darauf rechnen, ungehindert seines
        <pb n="14" />
        Weges ziehen zu können. Große Landherren, Ras ge—
nannt, verfügen über ansehnliche Machtbefugnisse und sind
gegenseitig eifersüchtig auf ihre Geltung. Ein mit dem
Siegel Ras Taffaris versehener Paß bedeutet wenig in
einigen weiter abgelegenen Distrikten, obwohl er der herr—
schende Negus ist. Und wenn man schließlich die Paß-
schwierigkeiten überwunden hat, kann es einem leicht passie⸗
ren, daß man in die Hände einer der Räuberbanden fällt,
die eine so allgemein anerkannte Einrichtung des Landes
sind, daß sie von der Bevölkerung freiwillig mit Hilfsmitteln
vdersehen werden.

Mittelalterlich, romantisch und geheimnisvoll, ist Abessi—
nien ein Land erstaunlicher Gegensätze. Kürzlich las ich
in einer Zeitung, daß Athiopien eine besondere Briefmarke
zur Feier des Ankaufs eines Flugzeuges, das den Grund—
stock zu einer Luftflotte bilden soll, herausgebracht hat. Ich
stelle mir ein solches Regierungsflugzeug — nicht das eines
fremden Fliegers! — vor, das seine Kreise über diesem wege—
losen Lande zieht, in dem man noch die Pflugschar an
einem Baumast befestigt und in dem Briefe, die man in
den Spalt eines Holzstabes steckt, durch Läufer überbracht
werden!

Dieser Gegensatz eines Fliegers zum primitiven Pflug ist
einer von jener Art, dem man häufig in Abessinien begegnet.
Man vergleiche einmal eine Tafel bei Hofe mit dem immer
wiederkehrenden am Wegrande zu beobachtenden Bild von
Menschen, die rohes Fleisch verzehren. Daß wir von
goldenen Tellern aßen und die Speisenfolge in französischer
Sprache auf goldbronzierten Karten gedruckt war, ist viel—
leicht nur ein Ausdruck orientalischen Prachtbedürfnisses,
aber daß das Diner mit Kaviar begann und im gleichen Stil

9
        <pb n="15" />
        durchgeführt wurde, ist mehr als ein Kompliment an die
fremden Besucher; es ist ein Zeichen, daß Ras Taffari zu
europäischen Gebräuchen hinneigt. Wem aber der Sprung
vom Palast zum Wegrande für einen Vergleich zu groß ist,
der möge die Mahlzeiten beobachten, wie sie in den meisten
abessinischen Häusern, in den Tukuls, genommen werden.
Wir saßen dort auf der Erde um einen geflochtenen Tisch
herum, dessen Platte leicht nach innen geneigt war, um den
großen flachen Broten einen sicheren Halt zu geben. Sklaven
brachten die übrigen Bestandteile des Mahles herbei: ein
Gefäß mit Fleisch und einen Topf mit heißer und stark ge—
pfefferter Soße. Man pflegt ein Stück Brot abzubrechen,
es mit Fleisch zu füllen, in die Soße zu tauchen und die
ganze tropfende Masse so geschickt wie möglich in den Mund
zu befördern. Gabel, Löffel oder Teller werden dabei nicht
verwendet, nur ein Messer wird für den häufig vorkommen⸗
den Fall gegeben, daß das Fleisch in mächtigen Stücken —
entweder ein ganzes Lamm, ein halbes Schaf oder ein
Ochsenviertel — auf den Tisch kommt. Die abessinische Art,
ein Messer zu gebrauchen, erfordert eine für den Fremden
ebenso beneidenswerte wie unerreichbare Geschicklichkeit.
Ohne eine Gabel zum Festhalten des Fleischstückes ist man
gezwungen, so furchtlos wie man kann, einen Bissen in den
Mund zu nehmen und dann abzuschneiden, wobei zu be—
achten ist, daß der Schnitt der Sitte entsprechend nach oben
und nahe am Gesicht vorbei geführt werden muß.

Bei solchen Mahlzeiten in den Tukuls habe ich immer nur
Männer gesehen; vielleicht ist es üblich, die Frauen beim
Essen durch einen Vorhang vor dem Anblick — besonders
der Fremden — zu schützen. Man erzählt sich, daß Diene—
rinnen die Frauen wie kleine Kinder füttern, indem sie das
        <pb n="16" />
        Essen in einen Brei verwandeln, den sie ihren Herrinnen in
den Mund schieben. Als ich davon hörte, kamen mir
Zweifel. Da mir aber daran lag, den wahren Sachverhalt
zu erfahren, fragte ich eine abessinische Dame, die genügend
lange im Ausland war, um entsprechend vorurteilslos zu
sein.
„Das ist natürlich falsch“, sagte sie, „wie so viele von den
Geschichten, die Sie über uns hören. Wahr ist, daß eine
Dienerin immer hinter dem Stuhl ihrer Herrin steht, die
Speisen hinsichtlich ihrer Schmackhaftigkeit vorrichtet und sie
zuerst kostet, ein Uberbleibsel der alten Giftprobe.“

Die Dame war eine Prinzessin, deren Vorfahren bis auf
Menelik J. zurückführten. Ihre feingezeichneten Gesichts—
züge, ihre hohe gerade Stirn und ihre schmalen vornehmen
Hände ließen den Eindruck negroiden Charakters, der sich in
ihrer dunklen Haut und in dem gekräuselten Haar aussprach,
zurücktreten. Sie war erst kürzlich aus Europa zurück-
gekehrt, wo sie Ras Taffaris Tochter, die in Lausanne zur
Schule ging, und ihre eigenen Stiefkinder, die in Eng—
land erzogen wurden, besucht hatte. „In Europa kleide ich
mich nach Pariser Art, aber ich trage immer meine Schamma
darüber“, sagte sie, indem sie auf den langen, schärpenähn⸗
lichen Schal, dieses typischste aller abessinischen Kleidungs⸗
stücke, zeigte, „ich fühle mich darin behaglicher.“ Sie war es
auch, die mir zuerst von der abessinischen Sitte erzählte, ein
Kind nach den ersten Worten zu benennen, die von der
Mutter nach der Geburt gebraucht wurden. Seit der Zeit
bat ich immer um eine Übersetzung aller Namen, die ich
hörte, weil ich damit einen Schlüssel zu dem Temperament
und dem Ehrgeiz der abessinischen Frauen, und zwar ebenso⸗
wohl der im Palast als auch der in den Tukuls, in Händen
        <pb n="17" />
        hatte. Ich erfuhr zum Beispiel, daß „Taffari“ „Der Ge—
fürchtete“ bedeutet. „Alem Segghet“ heißt „Die Welt ver⸗
neigt sich“, „Workenisch“ und „Telfign-Nese“, häufig vor—
kommende weibliche Namen, bedeuten „Du bist mein Goldi⸗
ges“ und „Würdig, der Sproß eines Königs zu sein“.

Der Gatte der erwähnten Dame, Dr. Workenah Martin,
ist eine der interessantesten Persönlichkeiten am äthiopischen
Hofe. Er hält sich selbst für einen Abessinier, doch fehlt ihm
der bündige Beweis dafür; er wurde nämlich als kleines
Kind in der Nähe der Festung Magdala, nachdem diese von
Lord Napier genommen wurde, aufgefunden. Ein britischer
Offizier, dessen Mitleid das dunkelfarbige Kind erregte,
nahm es mit nach England, wo es aufwuchs und erzogen
wurde. Als der Knabe herangewachsen war und es Zeit
wurde, einen Beruf zu ergreifen, wählte er das Medizin⸗
studium und war später in Indien und Birma als Arzt
tätig; immer aber hatte er Sehnsucht nach dem Lande, das er
für seine Heimat hielt, und jetzt ist er trotz seines englischen
Namens, seiner Erziehung und seiner Kindheitserinne—
rungen durch und durch Abessinier, ebenso wie seine Frau,
und steht Ras Taffari sehr nahe. Er liefert ein denkbar
gutes Beispiel von der Anziehungskraft, die Athiopien auf
seine Bewohner ausübt.

In ethnologischer Hinsicht ist der Abessinier ein ungelöstes
Problem. „Semitisierter Hamit“ ist die übliche Bezeichnung
für ihn, doch gibt es über die Art der Semitisierung ver—⸗
schiedene Hypothesen. Einige Kenner glauben, daß mehr—
fache Einwanderungen von Südarabien über das Rote Meer
herüber stattgefunden haben. Andere sind der Ansicht, daß
Juden während der ägyptischen Gefangenschaft nach
Abessinien gekommen sind, und wieder andere vertreten die

15
        <pb n="18" />
        Theorie, daß der starke semitische Einschlag in den abessini—
schen Sitten auf die Tätigkeit von jüdischen Missionaren, die
unter der ursprünglichen afrikanischen Bevölkerung gewirkt
haben, zurückzuführen ist. Die Abessinier selbst glauben,
daß Juden, zehntausend Mann stark, mit Salomos Sohn,
dem ersten Menelik, gekommen sind, als dieser nach beendeter
Erziehung in Jerusalem in das Land seiner Mutter zurück⸗
kehrte und die Bundeslade und die Tafeln des Gesetzes über—
hrachte.

Mit der Geschichte des Landes ist es nicht anders als mit
der Ethnologie. Die meisten Kenner stimmen darin überein,
daß es eine Zeit gegeben haben muß, in der Abessinien und
Agypten von einem gemeinsamen Herrscher regiert wurden.
Die erste Chronologie äthiopischer Könige gelangte durch die
Portugiesen nach Europa; sie wurde von Ludolf, der im
siebzehnten Jahrhundert die erste Geschichte Abessiniens
schrieb, seiner Arbeit zugrunde gelegt. Später jedoch ent—
deckte man in den Klöstern ein Manuskript nach dem
anderen, auf die von Priestern weiter zurückreichende, aber
untereinander abweichende Chronologien begründet wurden.
Die Liste der Könige mit ihren Namen, Daten und Regie—
rungszeiten läßt sich danach bis auf etwa 5000 vor Christi
Geburt vervollständigen. Es sind Dokumente von starkem
Interesse, doch keines von ihnen gibt uns das Gefühl der
Zuverlässigkeit.

Auf 950 vor Christi Geburt hat man den Beginn der
Regierung Meneliks J. festgelegt. Er war der Begründer
der Salomonischen Oynastie, die mit einer Unterbrechung
von drei Jahrhunderten während des Mittelalters stets auf
dem abessinischen Thron gesessen hat. Obwohl die Ereignisse
innerhalb eines so langen Zeitraums wie der zwischen

16
        <pb n="19" />
        Die Eisenbahn in Abessinien

Deutsche Gesandtschaft in Addis Abeba
        <pb n="20" />
        Die Sage vom Ursprung des abessinischen Königsgeschlechts
        <pb n="21" />
        ¶ Zu obenftehendem Bild. Von links nach rechts)
XV

*

*
*

F

J
*

Die Einwohner
von Tigré sagen
zu einem Mann,
der zufällig da—
tand und eine
aege Wlachlere

enn u die
Schlange Zendo
otest, werden wir
dich zum König

machen.

Er kehrt mit der
oten Schlange
zum Voltf von
Tigrs zurück, das
mit entsetzten
Augen, voll Ehr—
urcht die Schlan⸗
ge ansieht.

Die Königin schickt
onn Salomo
ein Geschenk, Spe⸗
zereien uͤnd einen
Brief.

Erstes Zusammen⸗
treffen mit dem
König und seinen
vöflingen. Ma⸗—
qdadi ist anwesend.)

Er amtwortet: Gut,
ch werde die
Schlange umbrin⸗
gen, uünd euer
König sein.

Krönung.

stagadi kehrt in

einem Schiff über

das Rote Meer
zurück.

krstes Mahl ilhhr
u Ehren bei König
Salömo. Seine
daremsfrauen se⸗
gu hinter dem
itter dem Fest zu.

Seine Frau preßt
Bläütter eines vir
baumes aus. Er
teht mit verhüll⸗
em Gesicht da,
damit er mit dem
Bift nicht in Be⸗
rührung kommt.

Xr. neugekronte
önig von Ad
inien zeugt bald
darauf ein Mäd—
hen, die Königin
von Saba. Zeigt
ie dem Volk. Sie
vird getauft und
bekommt den Na—
men Neaust Meb.
König Salomo

nimmt Geschenk

und Brief in
Empfang.

Sie sitzen beim
Abendessen zu⸗
sammen.

Zie Innn kocht
die Blätter über
dem Feuer auf den
drei Kochstelnen,
äßt den Saft der
Blätter zum Sie⸗
en kommen, danu
chöpft sie vor⸗—
ichtig den Sgaum
ab, den der Mann
ꝛiner Siege zu
trinken gibt.

an der Ne—⸗

zust Aseb, die jetzt

Makeda genanni
wiroö.

Die Königin reist
von Abessinien ab
und geht zu einem
Besuch nach
Xerit sa lom
Sie schlafen nachts
zusanimen. Aseb
rinkt aus seinem
Slas, während der
König schläft; er
erwacht. Wie
annst du aus
neinem Glas zu
rinken wagen?
Zank, sie vertra—
gen sich wieder.

Der Mann geht
mit der toten
Ztege auf den
Schultern weg.
Die Frau vergchi
Tränen. Sie fürch⸗
tet, daß der Ehe—⸗
mann nie lebend
urückkehren wird,
a er von der
Schlange Zendo
gefressen wird.
kin Kaufmann
Nagadi) aus Je⸗
rusalem dahrt in
einem Schiff nach
Abessinien und er—
zählt hier von der
Bröße Aeni
Zalomos un
seiner Welsheit.

Unterwegs auf
dem Roten Meer.
Die Berge Aegyp⸗
tens sind sichtbar.

Nacht. König und
Zönigin in zärt—
icher Umarmung.
Die Ehrendame
schläft in ihrem
Bett.

Zusammentreffen
swischen dem Ehe⸗
nann und der
Schlange. Viele
Inochen von Men⸗
chen und Tieren,
bie Zendo frũhert
auffraß. Ver
Thron⸗Aspirant
üttert sie furcht⸗
'os mit der Ziege.

Er erzählt seine

Geschichte der

Königin und ihrer
Dienerin.

Am gFinaang des
Palastes önig
Salomos.

Pückkehr nach

Abessinien, wo

Menelik J. ge—
boren wird.

Z
J
        <pb n="22" />
        Menelik und Ras Taffari vielfach nur einen Niederschlag in
Legenden und nicht bestätigten Berichten gefunden haben,
besitzen wir doch bestimmte Kenntnis von gewissen epoche—
machenden Vorgängen. Unter dem Einfluß von Mönchen
wurde Abessinien im vierten Jahrhundert christianisiert.
Man hat einen Bericht von siegreichen Kämpfen in Arabien
und einer Oberherrschaft im Jemen, aber im sechsten Jahr—
hundert wurden die Abessinier bei Mekka geschlagen und
vom asiatischen Festland vertrieben. Diese Niederlage er—
eignete sich wenige Monate vor der Geburt Mohammeds.
Zum Kampf Abessiniens gegen den Islam kam es in der
ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts, und zwar auf
afrikanischem Boden. Ein mohammedanischer Einfall folgte
dem anderen in Abessinien. Das Kreuz, das nur von speer—
tragenden Kämpfern beschützt wurde, konnte wenig aus—
richten gegen den Halbmond, dessen Soldaten mit Feuer—
waffen kämpften. Abessinien wäre zweifellos unterlegen,
wenn nicht Portugal Hilfe gesandt hätte. Mohammed
Khan, der Führer der vereinigten türkischen und arabischen
Horden, wurde getötet und seine Armee vernichtet.
Abessiniens Unabhängigkeit war damit gerettet. Aber ein
Jahrhundert später erkannte der damalige Negus Negesti,
daß Beschützer eine ebenso große Gefahr für die Unabhängig—
keit eines Landes sein können wie fremde Eindringlinge.
Die Portugiesen wurden verjagt und das Land gegen
Europäer verschlossen.

Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts erreichte die
Macht der Lehnsherren ihren Höhepunkt. Der König der
Könige hatte ihnen um diese Zeit nichts voraus als seinen
Titel.

Der neueste Abschnitt der abessinischen Geschichte beginnt

8
        <pb n="23" />
        1855 mit der Krönung des Königs Theodor in der heiligen
Stadt Aksum. Als Kind führte er den Namen Kassa und
war so arm, daß seine Mutter Waren in den Straßen von
Gondar verkaufte. Aber Kassa war stark und ehrgeizig,
und es gelang ihm bald, die Armut abzuschütteln. Er erwarb
Ländereien und fügte seinem Besitz noch die Macht hinzu,
indem er die Tochter Ras Alis, des regierenden Herrschers,
heiratete. Später besiegte er seinen Schwiegervater in der
Schlacht. Zwölf Jahre, nachdem er König der Könige ge—
worden war, wurde das Königreich Schoa Abessinien an⸗
gegliedert. Der Sohn des letzten Königs dieser Provinz, ein
Knabe, aus dem später Menelik II. wurde, geriet bei dieser
Gelegenheit in Gefangenschaft. Theodors große Tat war
das geeinigte Abessinien. Aber Trunk und andere Aus—
schweifungen machten ihn unfähig zu regieren. Als Groß—
britannien im Jahre 1867 eine Expedition unter Lord
Napier nach Abessinien sandte, um die üble Behandlung
einer Anzahl britis cher Untertanen zu rächen, fiel die Festung
Magdala fast ohne Widerstand, und König Theodor entleibte
sich selbst. Unter seinem Nachfolger John, dem früheren
Ras Karsa, Lehnsherrn der Provinz Tigre, wurde das Reich
wieder aufgeteilt. Menelik erhob Anspruch auf die Herr—
schaft über Schoa. John willigte großmütig ein, setzte
Menelik die Krone aufs Haupt und gestattete die Heirat
zwischen seinem Sohn und Meneliks Tochter auf Grund
eines Übereinkommens, wonach der Sohn den Thron Schoas
erben sollte. Menelik ist niemals in die Lage gekommen,
sein Wort einzulösen, denn der junge Mann starb früh—
zeitig. Als König John im November 1889 während des
Krieges mit den Derwischen getötet wurde, krönte sich
Menelik selbst zum König der Könige. Seine Regierung

—F
        <pb n="24" />
        bildete den Höhepunkt abessinischer Geschichte. Er unter—
warf die Gallas und verknüpfte die einzelnen Landesteile so
fest miteinander, daß unter ihm Athiopien das wurde, was
es heute ist: eine Nation, mit der Europa zu rechnen hat.
Italien mußte das im Jahre 1896 erfahren. Ein mit Menelik
als Ausfluß seiner gegen John gerichteten Intrigen ge—
schlossener Vertrag wurde von Italien als das Recht auf ein
Protektorat über Athiopien ausgelegt. Menelik widerstand
mit Waffengewalt. Er stieß auf die Italiener bei Adua und
errang in einer regelrechten Schlacht einen vollständigen und
überraschenden Sieg. Während der Regierung Meneliks
wurde das Land für fremde Gesandtschaften geöffnet und
die Eisenbahn von Oschibuti nach Abessinien gebaut. Schon
um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren Freundschafts—
verträge mit Großbritannien, Frankreich und Italien ge—
schlossen worden, und diese Länder hatten jedes für sich
Handelsbeziehungen angeknüpft, aber die Verträge hatten
nicht viel zu bedeuten, bis sie unter Menelik erneuert und
bestätigt wurden.

Abessiniens mächtigster Herrscher hat immer und in allen
Dingen Größe bewiesen. Sein Einfluß auf die Bevölkerung
grenzte ans Wunderbare. Die Liebe und abgöttische Ver—
ehrung, die sie für ihn empfand, sind noch heute lebendig.
Noch jetzt werden die abessinischen Eide geschworen „Bei
Menelik“, „Bei dem Leben Meneliks“, obwohl der Herrscher
schon 1913 gestorben ist und während der letzten Jahre vor
seinem Tode am öffentlichen Leben keinen Anteil mehr ge—
nommen hatte. Seit er 1908 vom Schlage gerührt wurde,
lag die gesamte Macht in den Händen seiner starken und
rücksichtslosen Gemahlin Taitu, bis sie von einem Rat der
Teilfürsten übernommen wurde. Jahre hindurch wurde die

20
        <pb n="25" />
        Bevölkerung in Unwissenheit über den kranken Zustand
Meneliks gehalten, niemand sah den großen Mann in seinem
lebendig-toten Zustand. Auch hat nach erfolgtem Ableben
keine öffentliche Beisetzung stattgefunden. Erst 1928 wurde
ein Mausoleum als würdige Ruhestätte für seine irdischen
Uberreste erbaut. So sorgfältig verbarg man vor seinem
Volke alles, was an das Ende Meneliks und seiner Macht
erinnern konnte.

Lidj Yassu, Meneliks Enkel und erwählter Nachfolger, be—
anspruchte im Jahre 19183, als er sechzehn Jahre alt geworden
war, die Herrschaft über das Reich. Seine Mißregierung
wäre gewiß noch schädlicher für sein Land gewesen, wenn er
sich nicht dem Islsam zugewendet und dadurch das Volk gegen
sich geeinigt hätte. Nach seiner Exkommunikation durch das
Kirchenoberhaupt, den Abuna, und seiner Absetzung im
Jahre 1916 wurde die Prinzessin Zauditu, die Tochter
Meneliks, als Kaiserin und Ras Taffari, sein Vetter, zum
Regenten für das äthiopische Reich ausgerufen. In ihren
Händen lag die Macht zwölf Jahre lang. Im Herbst 1928
wurde Ras Taffari König, doch nicht König der Könige; er
ist nur Negus, wird aber automatisch Negus-Negesti, sobald
die Kaiserin Zauditu vom Leben abberufen wird.“

In Abessinien ist es nicht anders wie bei allen anderen
fremden Kulturen, man wendet sich von täglichen Erlebnissen
und Beobachtungen zu Büchern und sonstigen Informations-
quellen und wieder zurück zu den realen Vorgängen, die dann
im Lichte der neuen Kenntnisse die Bedeutung lange be—
*Kaiserin Zauditu ist im Frühjahr des Jahres 1930 nach einer
wahrscheinlich infolge der Niederlage und des Todes ihres auf,
dhen Exgemahls Ras Gugsa (s. S. 185) eingetretenen Krankheit
estorben

21
        <pb n="26" />
        stehender Sitten, allgemeiner Einrichtungen annehmen. So
erfährt man zum Beispiel, daß die vielen unter einem Baum
oder vor einem Hause versammelten Menschen, die heftig
gestikulieren und lange Reden halten, durchaus nicht in einer
lebhaften nachbarlichen Unterhaltung begriffen sind, sondern
daß dort ein Schiedsgericht abgehalten wird. Danja lautet
die Bezeichnung in der abessinischen Rechtssprache dafür,
während die Umgangssprache dafür den Ausdruck „kerikker“,
dessen Aussprache etwa sschick-i-tschick lautet, verwendet.
Vor diesem anscheinend völlig formlosen Gericht werden
Klagen vorgebracht. Zeugen und interessierte Personen
werden geladen. Ein vorübergehender Fremder wird auf—
gefordert, als Schiedsrichter zu wirken. Er nimmt zu diesem
Zweck auf dem Richterstuhl, einem Baumstumpf oder einem
Stein, Platz. Seine Entscheidung trifft er nach sorgfältiger
Abwägung der von den Vertretern des Anklägers und des
Beklagten gehaltenen Verteidigungsreden. Die herum—
stehende Menge wird gewiß wesentlich durch Neugierde her—
beigeführt, und manchmal wächst der Gerichtsfall sich zu
einem Sportereignis aus, auf dessen Ausgang Wetten ab—
geschlossen werden; aber unleugbar ist das bei gleichem
Anlaß auch in anderen Ländern der Fall. Nach Beendigung
der Verteidigungsreden müssen die Prozeßgegner einen Eid
leisten „Beim Gotte Meneliks“ oder „Menelik soll sterben“
oder „Gott soll mich strafen, wenn ich falsch geschworen
habe“. Schwer zu sagen, ob diese formlosen Gerichtssitzungen
die Ursache oder die Folge des ausgesprochenen Talentes
der Abessinier für Diskussionen bilden.

Aber Athiopien entbehrt durchaus nicht formal mehr ent—
wickelter Gerichte und Untersuchungsmethoden. Außer der
Danja gibt es einen Gerichtshof, Schillot genannt, der in

32
        <pb n="27" />
        geschlossenen Räumen und unter Vorsitz erfahrener Richter,
die nach der Gesetzsammlung Feta-Negest ihre Urteile fällen,
tagt. Das gesprochene Urteil pflegt unverzüglich vollstreckt
zu werden. Ist eine Körperstrafe vorgesehen, so hat der
Verurteilte sich sofort zu entkleiden und sich mit dem Gesicht
nach unten auf die Erde, die er vorher küssen muß, zu legen.
Der Richter bestimmt Zuschauer, die des Angeklagten Hände
und Füße festzuhalten haben, und einen anderen, der ihn
auspeitschen muß. Ich habe im eigentlichen Abessinien Ge—
richtssitzungen beider Art beigewohnt, aber erst in der
italienischen Kolonie Erythräa hatte ich Gelegenheit, zu beob—
achten, daß eine Strafe exekutiert wurde. Die Gesetze des
Feta⸗Negest stammen bereits aus dem Altertum. Man
glaubt, daß sie auf dem Konzil von Nizäa kodifiziert und
von einem koptischen Priester namens Abraham ins Arabische
und von einem anderen koptischen Priester in das Geez (alt—
äthiopische Sprache) übersetzt worden sind. In Abessinien
wurden sie im sechzehnten Jahrhundert eingeführt. Die
Sammlung umfaßt Zivil-, Kriminal- und Kirchenrecht. Es
bedarf kaum der Erwähnung, daß das Feta⸗Negest nicht
immer wörtlich zur Anwendung kommt, noch unbeeinflußt
ausgelegt wird. In Abessinien wie in anderen Ländern
sind die Richter Menschen und oft nicht ganz frei von Vor⸗
urteilen und despotischer Veranlagung. Einige Beobachter
behaupten, daß das sogar in Abessinien öfter der Fall ist als
anderswo; es heißt, daß Geschenke, obwohl sie verboten sind,
großen Einfluß auf die richterliche Entscheidung haben. Das
Gesetzbuch sieht Strafen vor für Zauberer, Traumdeuter und
jene, die aus Früchten, aus Schalen oder aus dem Sand die
Zukunft weissagen. Tätigkeiten, von denen man annimmt,
daß sie dem Willen Gottes widersprechen, sind verboten,
        <pb n="28" />
        desgleichen die Herstellung von Bildern, die zum Götzendienst
Anlaß geben könnten.

Ausführlich wird im Feta⸗Negest, wie in allen Gesetz—
büchern der Welt, das Eherecht behandelt. Auch hier finden
sich die üblichen Eheverbote zwischen Blutsverwandten,
darüber hinaus aber auch noch für folche, die sonst irgend⸗
wie nahe miteinander verknüpft sind. Durch Patenschaft
verbundene Leute dürfen nicht heiraten, ebensowenig die—
jenigen, die im gleichen Hause miteinander aufgewachsen
sind. Ein Mann darf keine Nonne heiraten, auch keine
Frau über sechzig Jahre und überhaupt nicht mehr als
dreimal.

Obwohl Vielweiberei verboten ist, und zwar unter Strafe
der Verweigerung der Sakramente und des Kirchenbannes,
sind vier Arten von Ehen erlaubt: Die erste Form ist eine
Ehe, die nicht wieder gelöst werden kann. Die Hochzeits⸗
keier findet üblicherweise in der Kirche statt. Vorher und
nachher gibt es lange Prozesstonen mit Flöten und Trom—
meln. Die drei weniger dauerhaften Formen der Ehe sind:
Ein Vertrag, in dem finanzielle und andere Verpflichtungen
genau aufgeführt sind, und der bei gegenseitiger Überein⸗
stimmung zu beliebiger Zeit aufgehoben werden kann. Dann
eine Versuchsehe auf zwei Jahre, worauf sie gelöst oder in
eine dauernde Verbindung umgewandelt werden kann, und
schließlich eine Ehe für einen bestimmten Zeitabschnitt, die
nach Ablauf desselben für einen anderen bestimmten Zeit⸗
abschnitt erneuert werden kann oder nicht, und bei der der
Ehemann sich vertraglich verpflichtet, seine Frau standes⸗
gemäß zu unterhalten, indem er ihr ein festgesetztes Ein⸗
kommen gewährleistet. Im Falle einer Ehescheidung behält
der Vater die älteren, die Mutter die jüngeren Kinder.

34
        <pb n="29" />
        Durch solche kleinen Streifblicke in das Gebiet der Recht⸗
sprechung und der Geschichte, durch Beobachtung der Sitten
und Gebräuche und Unterhaltungen mit hoch und niedrig
gelingt es dem Reisenden, langsam in das Verständnis des
heutigen Athiopiens einzudringen.

Die Hauptstadt von Athiopien
Vom französischen Hafen nach Addis Abeba — Prinz Makonnen —

Die Hauplstadi und ihre Einwohner — Markt und Basar — Ein

Diner im Königspalast — Der König und seine Minister — Auf·

regende Folgen einer Tauffeier — Zur Erinnerung an den großen
Kaiser
Mt Bekanntschaft mit Abessinien begann mit Addis
Abeba. Dschibuti und die Fahrt durch Französisch⸗
Somaliland bildeten nur einen Auftakt für Athiopien und
seine Hauptstadt.

Der französische Hafen am Roten Meer ist eine auf⸗
ftrebende Stadt, die sich lebhaft bemüht, einen Teil des
Handels von Aden zu sich herüberzuziehen. Das anspruchs⸗
volle Gouvernementsgebäude, zwei kleine Hotels, ein oder
zwei Gasthäuser, eine Bank und der Bahnhof bilden den
europäischen Stadtteil, der Rest ist ein Somalidorf, dunkel
und verlassen nach Einbruch der Nacht. Nicht, daß die Ein⸗
geborenen Neigung hätten, sich früh schlafen zu legen, es
handelt sich vielmehr um eine Vorbeugungsmaßregel gegen
Diebereien und Überfälle: Polizeitrupps sorgen dafür, daß
niemand nach Sonnenuntergang auf der Straße betroffen
wird. Mit Ausnahme der französischen Beamten besteht die
nichteingeborene Bevölkerung Oschibutis aus Levantinern:
205
        <pb n="30" />
        Griechen, Armeniern und Arabern. Die Stadt bietet wenig,
was den Reisenden fesseln könnte, doch begegnet man auch
hier schon einigen rein abessinischen Spuren, so zum Beispiel
war einer der Hotelboys ein Galla. Der griechische Wirt war
ein ehemaliger Diener Meneliks, der nicht umhin konnte,
jeden seiner Gäste von dieser Tatsache in Kenntnis zu setzen.
Sein stolzestes Besitztum war ein Stück Papier, das ein Siegel
mit dem Löwen von Juda trug.

Dank dem seit kurzem eingerichteten Schnellverkehr konnte
man, die Nacht durchfahrend, in zwei Tagen von Oschibuti
nach Addis Abeba gelangen. Mit Rücksicht auf die Wanzen⸗
plage und die mangelnde Schlafgelegenheit verbrachte jeder
der Reisenden die Nachtstunden so gut es gehen wollte. An—
genehm war das gerade nicht, aber ich zog diese Art der Reise
der Benutzung eines Sonderwagens, den ich hätte abwarten
können, vor, da sie mich unmittelbar in die eigentümlichen
Lebensformen des Landes einführte. Im gleichen Wagen
befanden sich noch zwei europäische Geschäftsreisende. Der
eine war ein Deutscher, der mir erzählte, daß er gelegentlich
eines früheren Besuches in Addis Abeba bei einem Häute—
geschüft betrogen worden sei, er hoffe aber, diesmal seine
Verluste wieder wettmachen zu können. Der andere war
ein holländischer Kaufmann, der eine Farbenfirma vertrat.
Sein Auftrag war ein Zeichen, daß sich in Abessinien die
Zeiten geändert haben, insbesondere darin, daß auch hier die
Pflanzenfarben auf dem Wege sind, durch künstliche Erzeug⸗
nisse ersetzt zu werden.

Unterwegs hatte ich auch Gelegenheit, mich mit einem
jungen Abessinier, der in Amerika gewesen war, zu unter—
halten. Er sei zurückgekehrt, wie er sagte, weil seine Farbig-
keit ihn draußen im Fortkommen gehindert habe. Damals

530
        <pb n="31" />
        dachte ich mir nicht viel bei dieser Bemerkung, aber nach
längerem Aufenthalt in seinem Lande kam mir zum Bewußt⸗
sein, daß er der einzige mir bekanntgewordene Abessinier
war, der seine dunkle Farbe erwähnt hatte, oder sie über—
haupt bemerkt zu haben schien.

Kurz darauf hatte ich eine Unterhaltung mit einem ge—
bildeten jungen Abessinier, der Französisch wie ein Franzose
sprach. Ich hatte vorher gemerkt, daß er außer mir, der ich
in Paris eine besondere Erlaubnis dazu erwirkt hatte, die
einzige Person war, die während der Fahrt durch Franzö—
sischSomaliland Waffen trug. Als wir die abessinische
Grenze überschritten, verzichteten wir beide auf dieses Vor—
recht; denn von diesem Augenblick an trug jedermann sein
Gewehr über der Schulter und einen Patronengürtel. Daß
die Patronen nicht immer zu den Gewehren paßten, ließ er—⸗
kennen, daß das Tragen von Waffen in Äthiopien allgemeine
Sitte ist; sie dienen mehr zur Vervollständigung der Klei⸗—
dung als zum Angriff oder zur Verteidigung. Mein neuer
Bekannter gab lächelnd zu, daß meine Anschauung nicht ganz
unbegründet sei, aber sie war sicherlich noch ziemlich weit von
der Wahrheit entfernt. Der Name meines Mitreisenden
lautete Lidj Hailemere Gassaso, Sohn des letzten Gouver⸗
neurs der Provinz Semien. Ich verdankte ihm außer einer
Stunde angenehmer Unterhaltung auch meine erste Be—
gegnung mit einer abessinischen Versönlichkeit vom Hofe, und
das geschah so:

Hinter Diredaua — nach Größe und Bedeutung die zweite
Stadt Abessiniens — war der zwölf Jahre alte Sohn Ras
Taffaris unser Mitreisender. Der Sonderwagen, in dem
er seine Mutter zur ärztlichen Behandlung in eine Klinik
nach Diredaua gebracht hatte, war unserem Zuge angehängt
        <pb n="32" />
        worden. Als Lidj Hailemere und ich während eines Auf—
enthaltes zum Wassereinnehmen ins Freie gegangen waren,
um uns etwas Bewegung zu schaffen, bemerkte ich einen
Knaben in Khaki⸗-Uniform mit einer militärischen Mütze, der
im Begriff war, auf die Lokomotive zu klettern. „Das ist
Prinz Makonnen“, sagte Lidj Hailemere und nahm Gelegen—
heit, mich vorzustellen. Der Knabe antwortete in englischer
Sprache. Er war ein hübscher Junge mit reizenden
Manieren, der mehr den Eindruck eines Südeuropäers als
eines Abessiniers machte.

Die alte Lokomotive unseres Zuges war Schweizer Her—
kunft. Sie erinnerte an die Mitwirkung der Schweiz bei
dem Bemühen Meneliks, sein Land zu modernisieren. Die
Tätigkeit Alfred Ilgs, der aus der Schweiz berufen war, er⸗
streckte sich allerdings nur gelegentlich auf den Bahn- und
Brückenbau. Er war Minister bei Menelik, Ratgeber in
allen Angelegenheiten, und seine Biographie des Kaisers
gibt Europäern die beste Aufklärung, die sie über diese starke
Persönlichkeit bekommen können.

Plötzlich gab es einen Halt auf freier Strecke, und ich ver⸗
nahm Schüsse. Irgend jemand hatte mir kürzlich erzählt,
daß das dichte Schließen der Wagenfenster begründet sei in
der diebischen Neigung der Eingeborenen, die, sobald sie
Gelegenheit dazu hatten, auf die Wagen kletterten, um die
ledernen Zugriemen an den Fenstern zu stehlen, ebenso wie
sie die kupfernen Telegraphendrähte abschneiden und weg⸗
schleppen. Als die Schüsse fielen, dachte ich natürlich, daß
Räuber abgefaßt und sofortiger Bestrafung entgegengeführt
wären. Aus dem Wagen heraustretend, sah ich, daß man
auf Tiere schoß und nicht auf Menschen. Dieses Entgegen—
kommen Sportsleuten gegenüber ist indessen nicht gerade ein

28
        <pb n="33" />
        tägliches Ereignis; man hatte den Zug e en
Prinzen Makonnen und seinem Gefolge Gelegen “7
Schießen zu geben, wovon natürlich auch die anderen Re

den profitierten.
Die Eisenbahn stieg langsam und beständig von dem
Flachland an der Küste hinauf in Gegenden, die mit
vulkanischen Felsen durchsetzt waren, vorbei an Vorbergen,
bis auf das Hochplateau, auf dem zu Füßen von hohen
Bergen die äthiopische Hauptstadt in einer Höhe von
2650 Meter liegt.

Addis Abeba — Neue Blume — ist auf einem hügeligen
Gelände, das von zwei Flüssen, dem Kabana und einem
Nebenfluß des Akaki, durchflossen wird, erbaut. Aus der
Entfernung wirkte die Stadt, deren Aufbau kurz vor dem
Siege über die Italiener von Menelik bestimmt und gleich
darauf durchgeführt wurde, wie ein Wald. Der natürliche
Baumbestand, der die Stätte früher umgeben hatte, war
während des Baues bald vernichtet. Aber Menelik hatte an
seiner Stelle Eukalyptusbäume, die außerordentlich schnell
wachsen, anpflanzen lassen. Addis Abeba ist eine Stadt von
etwa 80 000 Einwohnern, die einen täglichen Zustrom von
40 000 Marktbesuchern und Karawanenreisenden erhält.
Festtage verdoppeln die Zahl der Stadtbewohner, weil hier,
wie überall in Afrika, der Eingeborene gern vier Wochen
Wanderung auf sich nimmt, wenn er eine Stätte seiner Sehn—
sucht aufsuchen will, und ein Besuch in der Hauptstadt des
Landes ist der größte Wunsch jedes Abessiniers.
Uberragt wird die Stadt vom Gibbi, das heißt Hügel. Es
ist der Stadtteil, der für den königlichen Hof reserviert ist.
Jenseits seines hohen Torweges gelangt man zu einem

*
        <pb n="34" />
        Komplex von Palästen und kleineren Gebäuden, in denen
Abessiniens Herrscher und die Regierungsbeamten wohnen.

Ebenfalls hochgelegen und in einiger Entfernung von der
Stadt befinden sich die Grundstücke, die von Menelik den
fremden Gesandtschaften überlassen wurden. Sie sind so
groß, daß jeder der fremden Vertreter über ausgedehnte
Parklandschaften verfügt.

Die Häuser, Blockhütten sowohl als Tukuls, aus denen
Addis Abeba besteht, liegen verstreut auf einer verhältnis-
mäßig großen Fläche. Unterbrochen werden sie von gras—
bewachsenen Plätzen und überschattet von Eukalyptus-
bäumen. Der Marktplatz, auf dem bis in letzter Zeit viel
Verbrecher gehängt wurden und zur Warnung für andere
UÜbeltäter noch längere Zeit hängenblieben, ist heute ein an⸗
genehmer Platz zum Umherschlendern. Er bildet den Mittel—
punkt des Eingeborenenlebens und bietet dem Fremden die
beste Gelegenheit zur Beobachtung. Alle Straßen der Stadt
führen auf diesen Punkt. Frühmorgens sind sie angefüllt
mit Menschen in sauberen weißen Gewändern. Schmutzige
Kleidung ist immer ein Zeichen von Trauer. Beim Manne
ist die Schamma über der einen Schulter immer etwas hoch—
geschoben durch den Lauf des darunter getragenen Gewehrs,
oder in Ermangelung desselben durch einen Stock, der die
demütigende Tatsache, daß der Träger kein Gewehr hat,
verbergen soll. Einige tragen zum Schutze gegen die Sonne
einen kleinen Doppelschirm, dessen zweites größeres Dach
einen Fuß tiefer als das erste befestigt ist.

Manchmal wird der Zug der Fußgänger unterbrochen
durch einen Reiter, der entweder auf einem Pferde oder auf
einem Maultier sitzt. Der Berittene ist immer von einem
halben Dutzend Personen zu Fuß begleitet, und wenn es ein

201
        <pb n="35" />
        Mann ist, trägt er einen schwarzen Umhang, der ein ebenso
großes Zeichen von Vornehmheit ist wie das Reittier selbst.
Handelt es sich aber um eine Frau, so ist ihr Kopf sicherlich
mit einem breitkrempigen Filzhut bedeckt.

Aber die Reiter sind verhältnismäßig so gering an Zahl,
daß sie das Gesamtbild der Straße nicht ändern. Straßen
und Marktplatz gehören den Fußgängern. Diese haben
immer Zeit, Bekannte zu begrüßen und sich lange mit ihnen
zu unterhalten, und die Zahl der Bekannten ist nicht gering.
Die höfliche Begrüßung ist fast feierlich in ihren Formen.
Statt, daß man sich die Hand gibt, verbeugt man sich, und
zwar ist die Tiefe der Verbeugung verschieden nach dem
Grade der Empfindung, die man ausdrücken will. Oft sieht
man Leute, die anderen die Füße küssen. Das ist der Aus—
druck für die höhere Stellung des Begrüßten oder des
Dankes für eine erwiesene Wohltat. Die bei der Begrüßung
gebrauchten Worte beziehen sich auf das Wohlergehen der
verschiedenen Familienmitglieder, man fragt, ob man gut
geschlafen und gegessen habe, oder ob man in letzter Zeit
etwa von Verdauungsstörungen geplagt worden sei.

Trotz all der Zeit, die bei der Unterhaltung verschwendet
wird, ist der Marktplatz, auf dem Haustiere zum Verkauf
—
morgens mit Käufern und Verkäufern angefüllt. Nahrungs-
mittel, Kleider und Schmucksachen sind auf Ständen ausge—
breitet und lassen die Verkäufer ihren höchsten Eifer ent—
—
ziehungskraft auf die Menge aus, desgleichen die silbernen
Kreuze und Ketten für Hals und Fußknöchel, Sättel und
Pferdegeschirre, die mit kupfernen und zinnernen Ornamen⸗
ten verziert sind. Alle diese Dinge sind Landeserzeugnisse,
        <pb n="36" />
        angeboten werden aber auch billige Artikel europäischer Her—
kunft. Auf den Nahrungsmittelständen bemerkte ich Gescho,
ein ähnlich wie Hopfen wirkendes Produkt, das beim Brauen
von Talla, dem abessinischen Bier, gebraucht wird, ferner
sah ich viel Schumbura, der wie Spinat aussieht, aber einen
bitteren Geschmack hat, und der eine ebenso wichtige Markt—
ware darstellt wie der Teff, eine zu den Gräsern gehörende
Pflanze, die das Mehl liefert, aus dem die flachen Brote ge—
backen werden. Kartoffeln sind nirgends zu haben; die
wenigen in Abessinien gezogenen sind so teuer wie Treib—
hausdelikatessen in anderen Ländern; sie werden mühsam
von einem Franzosen oder einem Ungarn für den Verkauf
an die in Addis Abeba wohnenden Europäer angebaut.

Man findet auf dem Marktplatz manche für Äthiopien
charakteristische Erzeugnisse, die der Börse des Fremden ge—
fährlich werden. Wenn man indessen auf der Suche ist nach
Schätzen, wie zum Beispiel nach den alten, in hölzerne Ein—
banddecken gebundenen und in Ledertaschen getragenen
Geez-⸗Manuskripten, so darf man sich nicht den öffentlichen
Verkaufsstellen zuwenden. Auch meine kostbaren Seiden—
malereien von der Hand des einzigen abessinischen Künstlers
Ato Belatschehou habe ich nicht im Basar erstanden. Ich
hörte, daß man auch Gegenstände kirchlicher Kunst nur auf
privatem Wege bei einflußreichen Personen erwerben könne.
Es gibt gelegentlich Priester, deren Gewissen ebenso leicht ist
wie ihre Börse, und diese pflegen als Zwischenhändler für
gewisse Artikel aufzutreten, an welchen sie zwar kein persön—
liches Besitzrecht haben, die ihnen aber auf Grund ihrer
Stellung eher zugänglich sind als anderen.

Als Gast der deutschen Gesandtschaft befand ich mich in
nächster Nachbarschaft der italienischen, dagegen mehrere

18
        <pb n="37" />
        Ras Taffari
(Phot. Vararanian, Addis Abeba)
        <pb n="38" />
        Kaiserin Zauditu
        <pb n="39" />
        Kilometer weit entfernt von der britischen, französischen,
belgischen und amerikanischen. Die italienische Gesandtschaft
war zur Zeit meiner Ankunft mit der Lösung eines Problems
beschäftigt, das zwar an sich nicht politischer Natur war,
dessen Lösung trotzdem aber gerade in dieser Hinsicht viel
Takt verlangte. Der Negus hatte der Gesandtschaft einen
wilden Büffel als Geschenk für den Herzog der Abruzzen
übersandt. Während der ersten Tage hatte sich das Tier
losgerissen und tobte im Park der Gesandtschaft zum
Schrecken der Gesandtschaftsmitglieder und der fremden Be—
sucher umher. Die Frage, was mit diesem Geschenk zu ge—
schehen habe, verursachte die größte Aufregung. Das Tier
in einem Käfig nach Italien zu schicken, hätte viel Kosten
verursacht, es ohne Käfig zu transportieren, wäre sehr ge—
fährlich gewesen, und doch war es nötig, den Büffel bald
wegzuschaffen, sowohl aus Sicherheitsgründen, als auch um
die gebührende Wertschätzung für die dem Herzog erwiesene
Ehre erkennen zu lassen.

Während der ersten Tage in Addis Abeba ist sich der
Fremde nicht ganz klar darüber, ob das Herz der durch die
Höhenlage bedingten stärkeren Beanspruchung gewachsen
sein wird, aber bald hat er sich angepaßt und fühlt sich
durch die dünne, trockene Luft angeregt. Es gibt dort keinen
besseren Beweis für die Güte des Klimas als die kräftige
Gesundheit der zwanzig europäischen Kinder, die ich im
Park der deutschen Gesandtschaft beieinander sah.

Unmittelbar nach meiner Ankunft in der Hauptstadt
wurde ich bei Ras Taffari eingeführt und empfing so einen
ersten flüchtigen Eindruck vom äthiopischen Hofleben. Die
Gelegenheit gab ein zu Ehren einer vom Field-Museum in
Chicago ausgerüsteten Expedition, die aus fünf Gelehrten
8 Norden. Abessinien
78
        <pb n="40" />
        unter der Führung des Kapitäns White bestand, gegebenes
Essen. Zu den Gästen gehörte die ganze amerikanische
Kolonie, die sich zusammensetzte aus dem Gesandten, Herrn
Southard, seiner Frau und etwa einem halben Dutzend
Missionsbeamter.

Eine Reihe von bewaffneten Soldaten außerhalb des
Gibbi salutierte beim Eintritt der Gäste. Unter den Mini—
stern in Hofkleidung, die uns im Empfangsraum erwarteten,
befand sich auch Seine Exzellenz Belatan-Geta Herouy, der
Generaldirektor der Auswärtigen Angelegenheiten. Dieser
alte Herr hatte einen langen und schwierigen Weg bis zu
seiner heutigen Stellung bei Hofe und im Reich durch—
laufen. Er stammte aus sehr bescheidenen Verhältnissen.
Es hatte eine Zeit gegeben, in der er als Gehilfe eines Tier—
arztes in der französischen Gesandtschaft tätig gewesen war.
Einige Beobachter schreiben ihm hypnotische Kräfte zu und
betrachten ihn als einen zweiten Rasputin. Zweifellos hat
er ein sehr bemerkenswertes Gesicht. Sein Ausdrucksver⸗
mögen ist sehr groß, es reicht von geistloser Leere bis zu
bezwingender Kraft. Während meines späteren Aufent-—
—D
ihm geschriebenen Bücher und bedauerte außerordentlich,
nicht Amharisch lesen zu können, was mir Gelegenheit ge—
geben haben würde, in den Geist dieses erstaunlichen Mannes
einzudringen. Er sprach etwas Englisch und hatte früher
einmal England in einer politischen Mission besucht. Der
Händedruck bei der Begrüßung war eine Konzession an
europäische Sitten.

Als alle Eingeladenen versammelt waren, wurden wir in
den Thronsaal geführt, wo der Negus uns erwartete. Das
Licht war gedämpft, aber es genügte, um die Schönheit der
        <pb n="41" />
        Teppiche und den Glanz des goldenen Thrones, der auf
einer Estrade stand und von einem Baldachin in rotem
Samt überdacht war, erkennen zu lassen. Der letzte Erbe
des salomonischen Thrones stand auf der ersten der vier
Stufen, die zu der Plattform hinaufführten. Da er etwas
unter Mittelgröße ist, brachte diese Stellung seine Augen
in gleiche Höhe mit denen der meisten Eingeladenen. Sein
dunkles Gesicht ist schön und aristokratisch, seine Züge sind
fein geschnitten, und die großen Augen blicken melancholisch.
Ebenfalls schön und aristokratisch und nicht leicht zu ver—
gessen sind seine schmalen, feinnervigen und wohlgeformten
dände.

Der Speisesaal des Palastes ist nach europäischem Ge—
schmack ausgestattet. Das goldene Tafelserviee war das
Werk des Hofjuweliers, eines Armeniers, der auch die kürz—
lich von Ras Taffari angenommene Krone geschaffen hat.
Uber die Tafel hinüber begrüßte mich, eingedenk unserer
Begegnung während der Bahnfahrt, der kleine Prinz Ma—
konnen mit kindlichem Lächeln. Neben den amerikanischen
Gästen nahm noch ein halbes Dutzend Abessinier in hohen
Regierungsstellen an dem Essen teil, so der Kriegsminister,
der ebensowohl durch sein weißes Haar als auch durch seine
fast negerhaft dunkle Haut und durch seinen malerischen
hellblauen Mantel auffiel. Ferner erblickte man Ras
Kassa, den mächtigen Gouverneur von fünf Provinzen, mit
seiner imponierenden Gestalt und seinen stolzen schwarzen
Augen. Man sieht ihn jetzt meist in der Nähe Ras Taffaris.
Der Negus befolgt die Politik, den eventuellen Feind mög—
lichst unter Aufsicht zu halten. Ein Mann, der jünger war
als alle anderen, wurde als der Kantiba, Bürgermeister von
Addis Abeba, vorgestellt.

435
        <pb n="42" />
        Ich hatte einen für eine Unterhaltung mit dem Negus
günstigen Platz. Wir sprachen französisch, und ich war in
der Wahl meiner Worte sehr vorsichtig, um nicht jene Geste
hervorzurufen, vor der ich von Gesandtschaftsmitgliedern
gewarnt worden war, und die darin besteht, daß man den
Kragen des schwarzen Seidencapes aufhebt und eine Seite
des Gesichts damit verdeckt. Diese Form ist bei den abessi—
nischen Aristokraten gebräuchlich und drückt Betrübnis,
Mißfallen oder Abscheu aus; sie will sagen: „Du und dein
Atem beleidigen mich.“ Die Sitte stammt aus jenen Zeiten,
als man es noch nicht nötig hatte, zu allerhand Fein⸗
heiten seine Zuflucht zu nehmen, wenn man seine Abneigung
ausdrücken oder verbergen wollte. Glücklicherweise verhüllte
Ras Taffari sein Antlitz nicht vor mir, obwohl ich nahe
daran war, dieses Mißgeschick zu erfahren, nämlich in dem
Augenblick, als ich zu ihm sagte, ich würde mich freuen, in
Addis Abeba einem militärischen Schauspiel beiwohnen zu
können. Auf Grund von Mitteilungen, die ich erst spüter
erhielt, wurde mir klar, daß diese Bemerkung etwa ebenso
ungeschickt war wie diejenige einer Dame, die London be—
suchte und zum König sagte, daß sie den lebhaften Wunsch
hätte, während ihrer Anwesenheit eine Krönung zu erleben.

Obwohl die letzte Entfaltung militärischer Kräfte in Addis
Abeba, die mehr infolge eines Versehens und sehr überstürzt
stattgefunden hatte, schließlich zugunsten Ras Taffaris aus—
gelaufen war, beschwor sie doch eine große Gefahr für seine
ehrgeizigen Pläne herauf, und noch jetzt war die allgemeine
Lage innerhalb seines Reiches nicht so ruhig, wie er es
wünschen mochte.

Ich erzähle hier die Geschichte dieser letzten Vorgänge,
wie fie mir von Angehörigen der Gesandtschaften berichtet

36
        <pb n="43" />
        worden ist. Während der Nacht des 4. September 1928 er-
tönten plötzlich Schüsse aus dem Palast der Kaiserin Zauditu
im Gibbi. Schon ein einzelner Schuß würde Aufsehen erregt
haben, hier aber wurden ganze Salven abgefeuert. Ras
Taffari, damals noch Regent, aber begierig, Negus zu wer—
den, geriet in starke Unruhe. Er war gerade im Begriff,
die Welt davon zu überzeugen, daß sein Land vollständig
befriedet sei, und jetzt erdröhnten Gewehrsalven innerhalb
des Palastgebietes, die von allen Gesandtschaften und damit
von allen durch sie vertretenen Ländern gehört wurden.
Ras Taffari begab sich eilig zum Palast der Kaiserin, stieß
den Befehlshaber des Hofstaates beiseite und verlangte
Zauditu selbst zu sprechen. Von ihr erfuhr er den Grund der
Aufregung. Eine der Hofdamen der Kaiserin, die Frau eines
zu ihrem Hofstaat gehörenden Fitaurari, war soeben von
einem Kinde entbunden worden. Die Schüsse waren zur
Feier dieses Ereignisses abgefeuert worden, was durchaus
abessinischer Sitte entsprach. Aber Ras Taffari, der wohl
erkannte, daß die Welt nichts von der Geburt des Kindes,
wohl aber von den Schüssen im Gibbi, dessen gespannte
Lage bekannt war, hören würde, legte dem Fitaurari erbost
eine Strafe von dreitausend Talern auf. Die Kaiserin fühlte,
daß die Strafe ungerecht war, und erklärte sich bereit, die
volle Verantwortung für die nächtliche Störung auf sich zu
nehmen. Ras Taffari verlangte nunmehr von ihr, daß sie
die Strafe des Fitaurari zahlen solle, was sie aber ablehnte.

Jetzt nahm die Angelegenheit, die mit Freudenschüssen
über die Geburt eines Kindes angefangen hatte, eine politi⸗
sche Wendung, und zwar eine sehr bedeutsame. Der Be—
fehlshaber des Hofstaates zog im Auftrage Zauditus drei⸗
hundert Soldaten zusammen und bezog mit ihnen ein Lager
        <pb n="44" />
        bei dem neuen Mausoleum Meneliks. Gleichzeitig sandte
die Kaiserin einen Läufer mit der Bitte um Hilfe zu ihrem
alten Freund und Vasallen, Ras Kassa, dessen Hauptstadt
im Distrikt Selali, Provinz Schoa, etwa drei Tagereisen von
Addis Abeba entfernt, lag. Ras Kassa brach sofort mit sechs—
tausend Mann auf. Unterdessen hatte Ras Taffari Tausende
von Soldaten zusammengezogen und den Ligawa, den Be—
fehlshaber des Hofstaates Zauditus, zur Übergabe ge—
zwungen. Wohl wissend, daß Eile geboten war, da Ras
Kassa sich bereits der Hauptstadt näherte, berief der Regent
den Kronrat ein. Die Mehrzahl war gegen ihn. Unter
seinen Widersachern befand sich der Etschecki, das Haupt der
Mönchsorden. Trot der gegnerischen Übermacht, die einen
schwächeren Mann entmutigt hätte, zeigte Ras Taffari
Würde, Mut und Kraft. Sowohl den Ligawa als den
Etschecki verurteilte er zu zwölfjiähriger Verbannung in
die Provinz Kaffa, was infolge des dort herrschenden Klimas
gleichbedeutend war mit ihrem Todesurteil.

Während des nächtlichen Tumults hatten die Ausländer
in Addis Abeba Zuflucht in ihren Gesandtschaftsgebäuden
gesucht. Am nächsten Tage begab sich Belatan-Geta
Herouy, der Leiter der Auswärtigen Angelegenheiten, in
Begleitung von tausend Soldaten als Unterhändler Ras
Taffaris zu Ras Kassa. Die Zusammenkunft fand an einer
Stelle statt, die etwa eine Tagereise von Addis Abeba ent—
fernt lag, und endete mit dem Abschluß eines Friedensver—
trages. Nachdem Ras Kassa eine bedeutende Geldsumme
und die Zusage eines Regierungsamtes empfangen hatte,
erklärte er sich bereit, Ras Taffari zu unterstützen. Er
lehnte aber Taffaris Forderung ab, den entthronten Lidj
Yassu, der unter seiner Bewachung stand, auszuliefern.

38
        <pb n="45" />
        Der Vertrag sah ferner vor, daß Ras Kassa keinen Protest
erheben sollte, wenn Ras Taffari sich selbst zum Negus
krönen würde. So wurde diese Angelegenheit beigelegt,
und einen Monat später fand die Krönung Ras Taffaris
statt. Dieses Ereignis lag kaum zwei Monate zurück, als ich
meine Hoffnung, ein militärisches Schauspiel zu erleben,
zum Ausdruck brachte, woraus zu ersehen ist, daß Ras Taf—⸗
fari sich gut beherrschte, wenn er nicht den Kragen seines
Capes aufhob.

Von politischen Dingen nationalen oder internationalen
Charakters war dann nicht mehr die Rede. Wir sprachen
vom Essen, von häuslichen Angelegenheiten und über Er—
ziehungsfragen. Der Negus bemerkte, daß er einen Küchen⸗
chef aus Paris mitgebracht habe, da er die französische Küche
der abessinischen vorzöge. Er bedauerte, daß der Aufent—
halt seiner Gemahlin in der Klinik deren Anwesenheit beim
Diner verhindere. Er sprach dann von der Erziehung
seines Sohnes, der zur Zeit bei Mister Russell von der
amerikanischen presbyterianischen Mission Englisch studiere
und später eine englische Universität besuchen wolle. Die
Rede kam dann auf das Überhandnehmen von Ehescheidun—
gen in Amerika. Ich fragte Ras Taffari, ob Scheidungen
auch in seinem Lande häufig vorkämen. „Nur die Reichen
können sich eine Scheidung leisten“, antwortete er. Ich
erfuhr, daß es ein Luxus war, den er sich selbst nicht versagt
hatte.

Dann wurden Kaffee und Liköre im Thronsaal gereicht.
Danach verdunkelte man den Raum, und die große Halle
verwandelte sich in ein Kinotheater. Mit Hilfe des Vor—
führungsapparates wurde uns ein Teil von Ras Taffaris
Reich nahegebracht: Berge und Täler, Flüsse und Ort—

39
        <pb n="46" />
        schaften, Karawanenzüge und Tiere, die, ohne es zu wissen,
von der Filmkamera aufgenommen waren, und zwar für
einen Film, der auf einer früheren Expedition des Field—
Museums gedreht worden war. Auf geographische Details
folgten Sittenbilder. Der zweite Film zeigte uns Szenen
vom Meskal, dem religiösen Fest, das im Spätseptember
stattfindet. Wir sahen zuerst den Tanz der Priester im
vollen Gepränge kirchlicher Ausstattung mit ihren Kleidern
und Stäben, Rasseln und Kreuzen. Dann kam der Kreuz-—
tanz, an dem eine größere Anzahl Kavallerieschwadronen teil—
nahm. Schließlich erblickten wir Tausende von Soldaten,
die zum großen Meskal-Schmaus versammelt waren, dem
dritten und letzten Teil dieser jährlichen Feier.

Ich verließ den Gibbi mit dem Gefühl, daß Ras Taffari
uns keine interessantere Unterhaltung hätte bieten können.
Er hatte seinen fremden Gästen einen kurzen Eindruck von
sich selbst und seinen Ministern vermittelt und weiter ein
Bild des von ihm beherrschten Landes und von dessen am
meisten charakteristischer „Fantasia“, die für seine Bevöl—
kerung so voll von religiöser und sozialer Bedeutung ist, ge—
geben.

Zweimal noch sah ich ihn später. Bei beiden Gelegen—
heiten nahm er teil an einer Zeremonie. Die Grundstein—
legung der neuen armenischen Kirche in Addis Abeba war
ein so bedeutendes Ereignis, daß der Etschecki aus Aksum
gekommen war. Natürlich mußte also auch der Hof an—
wesend sein.

Die Gemahlin Ras Taffaris, wiederhergestellt und von
Diredaua zurückgekehrt, verließ zuerst den Wagen. Für
europäische Augen wirkte sie etwas seltsam. Sie trug
einen breitkrempigen, mit einem blaßroten Band besetzten

434
        <pb n="47" />
        Filzhut; ein lavendelfarbener Kragen ragte über ihren
schwarzen Seidenmantel hervor, das Gesicht war hinter zwei
Schleiern verborgen. Während sie langsam vom Wagen zu
dem provisorischen Thron, der für sie und den Negus er—⸗
richtet worden war, hinüberschritt, wurde ein mit goldenen
Fransen versehener Baldachin über ihrem Haupt gehalten.
Seine Farbe, Scharlach, deutete auf die erst kürzlich er—
worbene Würde hin. Früher war die rote Farbe dem
Negus Negesti und seiner Gemählin vorbehalten. Die
„Königin“ mußte sich, wie der Adel, mit der grünen Farbe
begnügen.

Ras Taffari, der ihr folgte, trug ein dunkelrotes Cape,
das sich stark von den lilaroten Mänteln der beiden Limo—
quas, die ihn flankierten, abhob. Während der Schlacht
müssen diese beiden Männer in völlig gleicher Kleidung
wie der König sich beiderseits neben ihm aufhalten, um
seine Erkennbarkeit und damit die Gefahr für ihn zu
vermindern. Da es sich diesmal um ein friedliches Ereignis
handelte, bestand keine Notwendigkeit für die Gleichförmig—
keit der Kleider.

Hof, Kirche, Armee und Bevölkerung ehrten das Gedächt⸗
nis Meneliks II. an seinem Todestage, dem 12. Dezember.
Bisher war dieser Tag hauptsächlich durch das Abfeuern von
einundzwanzig Kanonenschüssen am frühen Morgen gekenn—
zeichnet.

In der ersten Zeit hatte man es vermieden, das Volk
daran zu erinnern, daß der große Kaiser nicht mehr am
Leben sei, aber 1928 waren fünfzehn Jahre seit seinem
Tode verflossen, und außerdem hatte man seine irdischen
Uberreste erst kürzlich aus seinem kupfernen Sarg in einen
weißen Marmorsarkophag nach dem schönen neuen Mauso—
        <pb n="48" />
        leum, dem Meisterwerk eines deutschen Architekten, über—
geführt. In diesem Jahre sollte die Erinnerung an den
großen Menelik mit großer Zeremonie, die seiner Bedeutung
entsprach, gefeiert werden.

Ein einziger Europäer außer mir war durch die frühen
Kanonenschläge veranlaßt worden, das Bett zu verlassen.
Als ich das Mausoleum betrat, war die Feier bereits in
vollem Gange. Ein Kreis kniender Priester in weißen Ge—
wändern und mit weißem Turban umgab den Sarkophag.
Vor jedem von ihnen stand ein Pult, auf dem ein aufge—
schlagenes Buch ruhte. Alle diese frommen Männer sangen,
doch sang jeder andere Worte und nach einem anderen
Rhythmus.

In das Mausoleum hinein strömte eine lange Reihe von
Priestern und Mönchen, die sangen und den Takt mit den
in hochgehobenen Händen gehaltenen Rasseln angaben.
Weihrauchgefäße tragende Altardiener gingen vor dem
Hohenpriester her, der das Innere des Mausoleums um—
schritt und ein griechisches Kreuz, von dem Bänder herab—
hingen, in den Händen trug. Dieses Kreuz wurde jedem an
der Feier Teilnehmenden dargeboten, damit er das darauf
angebrachte, mit Email überzogene Porträt der Jungfrau
küssen möge.

Während ich diese Zeremonie beobachtete und abwartete,
ob man auch mir das Kreuz reichen würde, teilte mir
mein Dolmetscher mit, daß die Ankunft des Negus be—
vorstände. Ich begab mich ins Freie, und von den Stufen
des Mausoleums erblickte ich die Prozession, die sich vom
Palasthügel herunterzog. Soldaten, Geistliche, Hofbeamte
— der Negus war der am wenigsten glänzend angezogene
von allen Teilnehmern dieses ganzen Schaugepränges. Er

17
        <pb n="49" />
        war vom Scheitel bis zur Sohle in Schwarz gekleidet und
trug ein Gewehr über der Schulter. Das einzige Zeichen
seiner königlichen Würde war der mit goldenen Fransen
verzierte rote Baldachin, unter dem er einherschritt.

Die Prozession betrat das Mausoleum, umschritt den
Sarkophag, und sobald sie wieder ins Freie heraustrat,
schlossen sich ihr ein halbes Dutzend Priester und weitere
vier Männer an, die ein riesiges Porträt Meneliks trugen.
Sie drehten das Bildnis hin und her, so daß das Volk, das
den Wegrand säumte, es gut sehen konnte.

Dreimal umkreiste die Prozession das Mausoleum, bevor
sie sich auflöste. Die Priester versammelten sich vor der
Treppe. Ras Taffari unter seinem roten Baldachin saß in
der Nähe. Er trug den Hut auf dem Kopf und hielt das
Gewehr auf den Knien.

Dann begann der letzte Abschnitt der Zeremonie. Wäh—
rend ein Priester einen monotonen Gesang aus einem Buch
erschallen ließ, tanzten Mönche zum Schlag der Trom—
mel und mißtönender metallener Rasseln. Zwanzig von
ihnen, aufgestellt in zwei Reihen zu zehn Mann, be—
wegten sich vorwärts, rückwärts und wieder vorwärts in
gleichbleibenden, gleitenden Schritten. Mit einem Schlage
hörte der Priestergesang und der Mönchstanz auf. Die
Prozession schloß sich von neuem zusammen und bewegte sich
wieder den Hügel hinauf zum Palast.

Die Feier war beendet. Indem sie Hof und Kirche,
Armee und Bevölkerung vereinte, hatte sie uns gleichzeitig
einen flüchtigen Überblick über alle in Athiopien wirksamen
Kräfte vermittelt.

3
        <pb n="50" />
        Jamjam

Die erste Karawanenreise — Tofa — Addis Alam — Ein Läufer —

Der Wald — Die Sägemühle Abessiniens — Gastfreundschaft einer

abessinischen Dame — Primitives Baumwollspinnen — Ein üppiges
Geschenk — Hakim Zahns Erzählungen
Mere erste Reise von der Hauptstadt aus führte mich
zum Rande eines Waldes in der Nähe von Jamjam,
achtzig Kilometer westlich und ein wenig nördlich von
Addis Abeba. Dieser Wald, dazu noch einer in der Pro—
vinz Djimma und einer in Kaffa ist alles, was Athiopien
an geschlossenem Baumbestand verblieben ist, obwohl das
Land früher in manchen Teilen stark bewaldet gewesen sein
muß. Es ist aber alles abgeholzt worden für die unmittel—
baren Bedürfnisse der Armee und für Bauzwecke, und bis
auf die Zeit Meneliks sind keine Maßregeln für Wieder⸗
anpflanzung getroffen worden. Die Eukalyptuswälder, die
heute Addis Abeba umgeben, bilden wohl das beste Denk—
mal für die Weisheit und die Vorsorglichkeit dieses großen
Mannes.
Zu unserer Reisegesellscheft gehörten vier Europäer. Bau—
rat Dahms aus Berlin und Dr. Melchers, ein junger Attaché
von der deutschen Gesandtschaft, hatten die Absicht, die
seinerzeit auf Befehl Meneliks errichtete Sägemühle zu be—
suchen. Sie forderten mich auf, mitzukommen, und in letzter
Minute schloß sich uns noch Hakim Zahn an. Der leßtere
war eine wertvolle Bereicherung unserer Gesellschaft. Hakim
— weiser Mann — wurde er von den Eingeborenen ge—
nannt, die seine Apotheke in Addis Abeba in erster Linie
besuchten, um sich von ihm Rat und Medikamente gegen ihre
Bandwürmer zu holen; sein Ruhm war weit verbreitet. Ein
        <pb n="51" />
        Eingeborener, der vierzehn Tage gewandert war, um den
weisen Mann zu konsultieren, bestand darauf, daß Zahn
lache, bevor er ihm seine Beschwerden mitteilte. Der Mann
hatte gehört, daß der Hakim einen goldenen dahn habe, und
war erst, als er das goldene Wunder gesehen hatte, über⸗
zeugt, daß er es nicht mit einem Betrüger zu tun hatte.
Zahn war auch für uns in Wahrheit, nicht nur dem Namen
nach, ein Hakim: seine Kenntnis der Bevölkerung und seine
Geschicklichkeit als Dolmetscher erwiesen sich als außerordent⸗
lich nützlich.

Wir reisten per Nagadi. Das ist ein sehr dehnbarer Aus⸗
druck, der ursprünglich nur die Bedeutung „reisende Kauf⸗
leute“ hatte; da aber diese in Karawanen reisen, nahm der
Ausdruck auch die Bedeutung dieses Wortes an und wurde
schließlich sogar angewendet auf Maultiertreiber und Aus—
rüstungsgegenstände. Die Hälfte des Weges legten wir mit
dem Motorwagen zurück, aber bei Addis Alam war die
Autostraße zu Ende. Hier trafen wir unsere Maultierkara⸗
wane, die schon zwei Tage früher abgegangen war. Ein
Dutzend Packtiere, Reittiere für uns selbst, einige Maultier⸗
treiber mit Führer und ein Boy für jeden von uns vier
Europäern bildeten den Zug und seine Ausrüstung, die im
Verhältnis zu der Länge unserer Reise und der Dauer unse—
res Aufenthaltes viel zu groß erschien.

Mein Boy führte den Namen „Tofa“. Bei der Ankunft
in Addis Abeba wurde er mir von meiner Gastgeberin ge—
liehen. Aus einem Küchenjungen wurde ein persönlicher
Diener. Er war völlig erfüllt vom Bewußtsein seiner neuen
Würde und sah stolz und schneidig aus in seiner Khaki⸗
Uniform Mübhe und mit seinem Patronengürtel, obwohl
manche der Patronen bereits gebraucht waren. Auch er
        <pb n="52" />
        hatte seinen Namen nach dem ersten Wort, das die Mutter
nach seiner Geburt ausgesprochen hatte, erhalten. In seinem
Falle hatte sie gesagt „Metermaß“. Im Lichte seines größ
ten persönlichen Fehlers wirkte dieser auf das Exakte hin—
deutende Ausdruck etwas ironisch. Er war eifrig und be—
gabt, auch willig und fähig, alles, was ihm lag, leicht zu be⸗
greifen, aber Ordnung in zusammengehörige Dinge zu
bringen, gehörte leider nicht dazu. Toilettenartikel waren
niemals zu finden. Die Schreibmaschine stellte er stets falsch
auf den Tisch. Wenn er durch meine pantomimische Auf—
forderung veranlaßt wurde, etwas richtig zu machen, wurde
die Unordnung noch größer. Tofa war der erste einer Reihe
von Boys, die mich in Abessinien bedienten. Er sprach nur
Amharisch, und ich lernte von ihm die unumgängilch not⸗
wendigen Ausdrücke; er lehrte mich bis zehn zählen, „ja“
und „nein“ und „beeile dich“ zu sagen, Ausdrücke für Tee
und Limonade, für heißes und kaltes Wasser. Im übrigen
half ich mir mit Gesten, mit ein wenig Philosophie und
BGeduld.

Die Unterhaltung und die Erörterungen zwischen den
Leuten, während die Maultiere beladen wurden, interessier—⸗
ten mich. Jeder von ihnen hatte eine Nilpferdpeitsche,
Alanga genannt. Der Führer besah sich die Peitsche, die
ich aus Zentralafrika mitgebracht hatte und die dort Kiboko
heißt. Ihre Ausführung erregte sein Mißfallen, besonders
den Handgriff, der in Abessinien besonders geschickt gemacht
wird, beurteilte er sehr abfällig. „Was können Sie von den
Schwarzen auch anders verlangen“, bemerkte er gering—
schützig.

Ich lächelte, als mir seine Worte übersetzt wurden; er war
nämlich selber ziemlich schwarz. „Sind Sie Galla?“ fragte
        <pb n="53" />
        ich ihn. „Nein, Abessinier.“ Ich erkundigte mich bei einem
andern Treiber nach seiner Stammeszugehörigkeit. Der
grinste und antwortete: „Ich weiß es nicht, ist mir auch
gleichgültig, ich bin nur ein Sklave.“

Wir hatten Pässe angefordert, da sie aber zu lange auf
sich warten ließen, traten wir die Reise ohne sie an. Ob⸗
wohl sie nicht immer nötig sind, bilden sie doch ein Schutz-
mittel gegenüber der Habgier der Beamten. Irgendeiner
derselben, bis hinunter zu den Schums (Ortsvorsteher),
konnte sich leicht erlauben, außer den üblichen Abgaben auf
den Zollstationen eine besondere Zahlung zu verlangen.
Glücklicherweise wurden wir aber nirgends aufgehalten und
n Anspruch genommen.

In Addis Alam fanden wir die für uns bestimmten
Maultiere vor, die Packtiere waren schon aufgebrochen.
Dieser Ort ist das Versailles von Addis Abeba genannt
worden; denn hier wohnte Menelik, bevor er den Gibbi zu
seiner Residenz machte. Er hat heute nichts mehr, was das
Interesse der Reisenden in Anspruch nehmen könnte. Wir
hielten uns daher nur auf, um unser Frühstück einzunehmen,
womit wir der um uns versammelten Jugend ein seltenes
und aufregendes Schauspiel boten. Die Abessinier betrachten
Essen und andere Befriedigungen der Notdurft als eine viel
zu private Angelegenheit, als daß man sie ungeschützt gegen
den „bösen Blick“ von Zuschauern ausüben könne. Eine
Unterwerfung unter die Landessitte hätte die eilige Errich—
tung eines Schamma⸗geltes, bei dem unsere Boys als Zelt—⸗
stangen hätten dienen müssen, nötig gemacht. Damit wäre
mir aber selbst wieder die Möglichkeit zu Beobachtungen ge⸗
nommen worden. Ich hätte zum Beispiel nicht den Anblick
zgehabt, der mich, sooft ich auch Gelegenheit dazu hatte,
47
        <pb n="54" />
        immer von neuem wieder ergriff, nämlich den eines äthiopi—
schen Briefträgers. Der Mann trug mit vorgestrecktem Arm
einen meterlangen Stock, in dessen oberem Spalt ein zu—
sammengefaltetes Stück Papier steckte. Uraltes Gesetz und
unantastbare Sitte gewähren solchen Läufern Sicherheit auf
ihrem Wege. Sogar Räuber respektieren seine Unverletz-
lichkeit. Der Stab mit seiner Botschaft wird zu einem
Schutzmittel gegen alle menschliche Unbill und Gefahr. Dieser
Anblick ruft alte Zeiten wach und gibt dem Brief die
romantische und wichtige Bedeutung im Leben zurück, die
ihm eigentümlich war, Jahrhunderte vor unserem heutigen
Briefträger, der uns dreimal am Tage seine Last von Rech—
nungen und gleichgültigen Drucksachen ins Haus bringt.

Als wir im Begriff waren aufzubrechen, verstieß einer
von uns zu seinem Schaden gegen den dort üblichen Brauch,
von der rechten Seite in den Sattel zu steigen. Als früherer
Rittmeister wollte er natürlich von links aufsteigen und
landete infolge seiner Unkenntnis der Tradition auf dem
staubigen Erdboden. Wir übrigen machten uns seine Er—
fahrung zunutze und bestiegen unsere Maultiere von rechts.
Nackte „Momos“ und „Mamikes“ rannten neben uns her
und schrien: „à la mer.“ Die wortgetreue Bedeutung dieses
Ausdrucks verstanden sie natürlich nicht, sie wußten nur,
daß sie Geld haben wollten. Die kleinen Bettler des äthio—
pischen Hochlandes riefen „ins Meer“, so wie es die Kinder
in Dschibuti tun, die damit sagen wollen, daß sie bereit sind,
nach kleinen Münzen ins Wasser zu tauchen.

Unterwegs begegneten wir langen Reihen von Maultieren,
die mit Steinen aus einem in den Bergen gelegenen Stein—
bruch für Addis Abeba beladen waren. Ebenso stießen wir
auf das einzige Lastauto des Landes, den Vorläufer sicherlich
        <pb n="55" />
        Arussi-Krieger beim Besuch der
Baumwollplantage Neitzels

Der Künstler Ato Belatschehou mit
seinem Sohn
        <pb n="56" />
        Photographie nach einem Gemälde von

Jagdszenen
Ato Belatschehou. Original im Besitz des Verfassers.
        <pb n="57" />
        von vielen, die einst die lasttragenden Maultiere ablösen
werden. Wann dieser Tag kommen wird, läßt sich schwer
sagen. Einstweilen gibt es jenseits von Addis Alam keine
Wege, und das einzige Auto, das wir beobachteten, zog
schwankend durch Gras und Buschwerk in stetigem Aufstieg
zu den Bergen hinauf.

Gegen Abend wurden unsere Zelte am Rande des großen
Waldes unter Akazienbäumen aufgeschlagen. Sie sollten
unser Standlager während unseres Aufenthaltes in Jamjam
bilden. Der Wald, dicht und wegelos, war ein beliebter
Schlupfwinkel für Räuber. Eine Woche vor unserer An—
kunft waren erst drei von ihnen, die der Schrecken der
Karawanen gewesen waren, gefangen genommen und ge—
tötet worden. So wenigstens wurde uns erzählt, und wir
hofften, daß uns das Glück günstig sein und uns eine flüchtige
Begegnung mit derartigen romantischen, wenn auch gefähr—
lichen Menschen gewähren würde. Dieser Wunsch wurde
uns aber nicht erfüllt.

Wir hatten unsere Gewehre mitgenommen, empfanden
aber wenig Bedürfnis, nach den Singvögeln oder den auf—
fallend weiß und schwarz gezeichneten Kolobusaffen zu
schießen, die in den Baumkronen lärmten und sich aufgeregt
von Zweig zu Zweig schwangen. Die Perlhühner und
Antilopen, die wir in der Steppe erblickten, schienen uns ein
würdigeres Jagdwild zu sein. Vom schwarzen Panther, der
in dieser Gegend häufig sein soll, haben wir nichts, nicht
einmal eine Spur gesehen.

An Dörfern gab es nicht allzuviel, überdies waren sie nur
klein. Das größte, das wir sahen, bestand aus zwanzig
Tukuls, runden Grashütten, mit oben in eine Gabel aus—
laufenden Strohdächern. Aus einer derselben drang an—

4 Norden. Abesstnien

9
        <pb n="58" />
        dauerndes, durchdringendes Klagen zu uns herüber. Eine
Frau hatte die Nachricht erhalten, daß ihr Mann in Addis
Abeba gestorben sei. Vielleicht war es die später von uns
auf dem Wege beobachtete Frau, die sich Stirn und Schläfen
mit einem spitzen Stein blutig riß und sich Staub auf den
Kopf streute, womit sie Sorge und Trauer zum Ausdruck
brachte.

Andere Töne hatten eine mehr kommunale Bedeutung.
Ein schriller Pfiff forderte die Dorfbewohner auf, sich zu
versammeln. „Das Dorfgericht“, sagte Hakim, „da hat
jemand etwas gestohlen. Die Angelegenheit wird erst ein⸗
mal eine Woche lang unter den Bäumen diskutiert, bevor
darüber entschieden wird, was zu geschehen hat.“

Eines Nachmittags kündigte ein Trompetenstoß die An—
kunft eines Beamten an, der die Steuern einzog. Jeder
Besitzer von mindestens fünfundsiebzig Aeres wurde mit
einem Ochsen veranschlagt. Jeder freie Mann, ohne Rück—
sicht auf Einschätzung seiner Steuerkraft, hatte ein Brett,
das von der Sägemühle erstanden werden konnte, zu liefern.
Auf unserem Rückwege nach Addis Abeba trafen wir einen
Zug von Maultieren, die mit Steuererträgen beladen waren.

Eines unserer Reittiere wurde im Lager krank. Der
Treiber erklärte die Krankheit als die Wirkung eines von
einem Gibrilvogel während des Vorüberfliegens auf das
Maultier geworfenen Schattens. Das Heilmittel für dieses
geheimnisvolle Leiden bestand in einem Aderlaß, zu welchem
Zweck ein Einschnitt in der Flanke des Tieres vorgenommen
wurde. Der Eingriff half nichts, und so mußten wir das
Tier bei unserer Abreise zurücklassen. Es wäre vielleicht
besser gewesen, wenn man Hakim, der auf eine Leberstörung
diagnostizierte, freie Hand gelassen hätte. „Daran leidet

30
        <pb n="59" />
        auch die Hälfte der ganzen Bevölkerung“, sagte er. „Die
Leute kommen immer zu mir und klagen, daß sie sich krank
fühlen, weil der Schatten eines Vogels auf sie gefallen sei.“
Dies ist ein Beispiel von Aberglauben, von dem ich vermute,
daß er bei vielen Primitiven vorkommt: der Glaube an die
verderbenbringende Wirkung des Schattens gewisser Per—
sonen oder Tiere. Ich habe nicht erfahren können, ob es
nur der Schatten des Gibrils ist, der in Athiopien die Ge—
sundheit bedroht.

Unser Hauptinteresse in Jamjam richtete sich auf das Leben
und Treiben, dessen Mittelpunkt die Sägemühle bildete, die,
wie ich glaube, die einzige im Lande ist. Während meines
späteren Aufenthalts in einer anderen Gegend sah ich einen
Missionar, der mit lebhaftem Verlangen einen gestürzten
Baum betrachtete. Der Stamm lag dort wertlos, und er
hätte ihn so gern zum Hausbau verwendet, aber er hatte
kein Werkzeug, und es gab in der Nachbarschaft keinerlei
Möglichkeit, ihn in Bauholz zu verwandeln. Sicherlich ist
auch geschnittenes Holz mehr ein europäisches als ein äthio—
pisches Bedürfnis, denn die Eingeborenenhütten werden
immer aus Gras oder aus Lehm und geflochtenen Zweigen
errichtet.

Bei der einzigen Sägemühle beobachteten wir Arbeiter
vom Sklavenstamm der Gurage bei ihrer Tätigkeit. Sie
füllten Bäume und zerrten sie die steilen Abhänge herunter.
Dann beluden sie Esel mit dem geschnittenen Holz und
brachten sie auf den Weg nach Addis Abeba. Diese Leute
bilden die unterste Klasse in Abessinien und sind anscheinend
der einzige Menschenschlag, der bereit oder durch die Um—
stände gezwungen ist, schwer zu arbeiten. Sie sind die
wahren Handarbeiter des Landes, die Diener der Diener in

—4
        <pb n="60" />
        den Haushalten. Ihre helle Farbe und die Feinheit ihrer
Gesichtszüge macht die Legende glaubwürdig, daß die heuti—
gen Gurage Nachkommen europäischer Sklaven sind, die
von ägyptischen Herrschern nach Abessinien gesandt wurden,
um in den Kupferminen, die in den Bergen südöstlich von
Addis Abeba liegen, zu arbeiten. In dieser Gegend sind
nämlich die heutigen Reste der Gurage zu Hause. Ich hatte
einzelne von ihnen Trägerdienste in Addis Abeba leisten
sehen, die mit Ausnahme eines Lendenschurzes oder eines
in gleicher Form getragenen Schaffelles nackt einhergingen.
In Jamjam sah ich sie als Trupp, so daß ihre typische Eigen⸗
art noch stärker hervortrat.

Von der Sägemühle aus ritten wir zu einer kleinen Hoch—
fläche hinauf, um eine abessinische Dame zu besuchen, die
Witwe eines Schweizers, der zu Meneliks Zeiten die Säge—
mühle besessen und betrieben hatte. Ihr Name lautete
Workenisch, was bedeutet: „Du bist mein Goldiges.“ Außer—
dem trug sie den Titel „Woizero“, was anzeigt, daß sie eine
Dame von Rang ist.

Workenischs Besitztum war von einer hohen dicken Mauer
umgeben und bestand aus mehreren runden strohbedeckten
Lehmhütten, den landesüblichen Tukuls, in denen sie mit
ihrem Personal und ihrem Vieh hauste. Sie begrüßte uns
in der Tür ihrer Wohnung. Lebhafte Augen, olivfarbene
Haut und feingezeichnete Züge machten ihr Gesicht schön,
ihre Gestalt allerdings war nicht gerade anmutig. Sie war
in die übliche Schamma gehüllt und trug eine wogende Fülle
von Kleiderröcken, unter denen lange weiße Unterhosen
hervorragten, die für abessinische Kleidung beider Geschlechter
ebenso charakteristisch sind wie die Schamma. Licht erhielt
die Hütte nur durch die Tür, denn das einzige Fenster war

*
        <pb n="61" />
        klein, hoch und dicht geschlossen. Als meine Augen sich an
die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte ich die innere Aus-
stattung unterscheiden. Es gab einen niedrigen Tisch, eine
Bank, einen Sessel und ein quadratisches Kanapee, das
augenscheinlich als Bett diente. Auf dem letzteren lag ein
kleines Kind. Mit Hilfe Hakims, der als Dolmetscher diente,
erklärte uns unsere Gastgeberin, daß das Kind einer ihrer
Dienerinnen gehöre, daß sie es aber sehr liebe und oft bei
sich habe. Obwohl Kind einer Sklavin, wird das Kind selbst
nicht diesem Stande angehören, es sei denn, daß es vorziehen
sollte, bei der Herrin seiner Mutter zu bleiben. Die abessi⸗
nischen Gesetze sehen vor, daß Kinder von Sklaven frei sind.

Wir bildeten eine große Gesellschaft im Verhältnis zu
dem engen Raum der Hütte. Eine Freundin von Workenisch
befand sich ebenfalls auf Besuch bei ihr. Vor der Tür
drängte sich das Hauspersonal, ein Mann und eine Anzahl
von Mädchen, die offensichtlich von der Neugierde getrieben
waren, die Fremden zu sehen. An den Narben auf ihren
Wangen erkannte man, daß diese Sklaven aus der Provinz
Gemira stammten. Die Angehörigen dieses Stammes wer—
den nämlich durch drei Schnitte gekennzeichnet. Auf ein
Zeichen ihrer Herrin brachten sie Erfrischungen: Talla, das
abessinische Bier, und Kuhmilch, deren rauchiger Geschmack
davon herrührt, daß die Gläser, in denen sie gereicht wurde,
vorher über dem Feuer sterilisiert werden. Ich hätte die
Milch mit geringerem Eifer getrunken, wenn ich damals
schon von der äthiopischen Sitte gewußt hätte, nach der die
Milchkannen vor ihrer Benutzung mit dem Urin der Kühe
ausgespült werden. Ein Sklave schnitt Getreidekörner aus
Den. röstete sie in der Ecke über dem Feuer und reichte
ie uns.

32
        <pb n="62" />
        Da wir Fremde und interessiert waren, die Sitten und
Gebräuche ihres Landes kennenzulernen, ermutigte uns
unsere Gastgeberin, ihre Hütte als ein kleines Museum zu
betrachten, sich die Ausstattung anzusehen und Fragen an
sie zu richten. Sie zeigte uns einige Toilettenartikel, einen
hölzernen Kamm mit groben Zähnen und ein kleines, aus
Horn gemachtes Salbengefäß. Als ich ihre Schamma be—
wunderte, erzählte sie mir, daß sie sie selbst gewebt habe.
„Das ist Landessitte bei uns, unsere Schammas lassen wir
nicht von den Sklaven machen.“ Aus einer schweren Truhe
in der Ecke ließ sie eine Anzahl von ihnen, die sie selbst ge—
fertigt hatte, durch eine Dienerin herbeibringen. Schammas
für den Alltag und Schammas für große Gelegenheiten.
Diejenigen, die anläßlich einer „Fantasia“ getragen wurden,
zeigten eine feinere Webart und waren mit einer drei Zoll
breiten farbigen gestickten Borte verziert. Vermutlich
etwas belustigt darüber, daß ihre Geschicklichkeit in einer
Kunst, die für ihr Volk etwas Selbstverständliches war,
unsere Erörterung und Bewunderung erregte, machte sie
uns das Anerbieten, uns die Webarbeit selbst zu zeigen.

Ein Sklave brachte ihr einige Samenkapseln von Baum—
wollsträuchern, die auf einem kleinen Fleck innerhalb
ihres Besitztums wuchsen. Sie entfernte die Samenkörner
mit einer Stopfnadel, die Baumwolle selbst rupfte, streckte
—
Stein, der, wie sie sagte, schon seit Generationen in ihrer
Familie zum gleichen Zweck verwendet wurde. Danach
peitschte sie die Fasern unter Verwendung eines mit einer
Darmseite versehenen Bogens zu einer hauchdünnen Wolke,
worauf sie sie mit Hilfe einer Spindel zu einem Faden
drehte, der auf einem alten Handwebstuhl zu Stoff ver—

34
        <pb n="63" />
        arbeitet werden konnte. Die ganze Prozedur vollzog sich
wie eine feierliche Handlung. Die Hilfsmittel waren un⸗
glaublich primitiv. Auf diese Weise haben die Abessinier
durch viele Generationen hindurch ihre Baumwolle aus der
Samenkapsel in Schammas verwandelt. Die Spinnereien
von Manchester bedeuten für sie nichts, es sei denn für die
billige, schlechte Ware, die man für Unterkleider verwendet.
Sie zeigte uns auch einige Körbchen, die in ihrem Hause
geflochten waren. „Zu Meneliks Zeiten“, sagte sie, „stellten
wir unsere Farben selbst her; rot und gelb aus verschiedenen
Erden, schwarz vom Ruß verbrannten Holzes. Heute wer—
den künstliche Farben verwendet.“

Außerhalb der Hütte sahen wir noch ein letztes Stück
primitiver Industrie. Zwei Schankali-Sklavenfrauen waren
damit beschäftigt, Pfefferkörner durch Stampfen mit einer
hölzernen Keule in einem hohen Steinmörser in Pulver zu
verwandeln. Workenisch gestattete freundlichst, diesen Vor⸗
gang und ebenso ihre Hütte zu photographieren. Eine Auf—⸗
nahme des Innenraumes hätte allerdings wegen der Dunkel⸗
heit die Verwendung von Blitzlicht nötig gemacht. Sie be—
dauerte, daß wir nicht so lange bleiben wollten, um uns zu
Ehren ein Lamm rösten zu können. Sie hätte uns gern
mehr Gastlichkeit erwiesen, als es unter diesen Umständen
möglich war.

Am nächsten Tage erschien die Dame in vollem Staat, um
unseren Besuch zu erwidern. Ein Läufer überbrachte uns
die Nachricht davon und bat uns, seine Herrin zu erwarten.
Wir stellten rasch einen Tisch mit Biskuits und Cherry
Brandy unter den Bäumen auf. Hakim meinte, daß sie
dieses Getränk dem Tee vorziehe. Sie erschien in prächti⸗
gem Aufzuge. Zuerst tauchte ein bewaffneter Diener mit
        <pb n="64" />
        Khakirock und Kniehosen im Gebüsch auf. Ihm folgten
zwei Sklavenmädchen. Dann erschien Workenisch auf dem
Rücken eines weißen Maultieres, dessen Sattel mit schar⸗
lachrotem und goldfarbenem Stoff bekleidet war; eine
silberne Glocke bimmelte am Hals des Tieres. Die Dame
selbst trug einen grünen Sonnenschirm. An der einen
Seite schritt eine ihrer Frauen einher, den Zaum des Reit—
tieres in der Hand haltend, auf der anderen Seite ein
junges Mädchen. Vier Sklaven im Gänsemarsch beschlossen
den Zug. Ich wurde durch Hakim verhindert, ihr entgegen—
zugehen, da das der guten Sitte widersprochen hätte. Das
Aus⸗dem⸗Sattel-Steigen ist eine mit Diskretion zu be—
handelnde Angelegenheit. Die Mädchen breiteten ihre
Schammas als Vorhang vor ihrer Herrin aus. Als die
Dame sicher auf dem Erdboden angelangt war, wurde der
Vorhang wieder entfernt, und erst dann nahm sie von unserer
Anwesenheit Kenntnis. Sie ehrte die europäische Sitte,
indem sie jedem von uns die Hand reichte, worauf sie den ihr
höflichst angebotenen Platz an unserem Tische einnahm.
Hakim und eine ihrer Dienerinnen kosteten den Likör, bevor
er der Dame angeboten wurde.

Der Besuch bei vier Männern, von denen nur ein einziger
ihre Sprache verstand, bildete für die Besucherin sicherlich
keine einfache gesellschaftliche Aufgabe. Übersetzte Unter⸗
haltung ist ja niemals eine leichte Sache für die daran Be⸗
leiligten. Aber inmitten all der umständlichen Formen
zeigte Workenisch so viel Scharm und Gewandtheit des Um—
ganges, daß ich diese Fähigkeit als einen charakteristischen
Zug einer abessinischen Dame erkennen mußte. Wir unter⸗
hielten uns den ganzen Spätnachmittag bis zu der Zeit, in
der in einem weniger südlichen Lande bereits die Dämme—
        <pb n="65" />
        rung hereingebrochen wäre. Hier kam die Dunkelheit mit
tropischer Plötzlichkeit, und wir ließen einige bis dahin auf⸗
gehobene Feuerwerkskörper zur Unterhaltung abbrennen.
Obgleich es das erste Mal war, daß unser Gast und auch
unsere Boys so etwas sahen, waren doch alle darin typische
Abessinier, daß sie nicht die leiseste Spur von Begeisterung
zeigten. Diese vor dem dunklen Nachthimmel umhersprühen⸗
den feurigen Blitze in ihren verschiedenen Mustern waren
gewiß Wunderdinge, aber sie kamen aus fernen Landen und
ließen die Anwesenden daher völlig gleichgültig, statt ihre
Bewunderung zu erwecken. Beim Aufbruch wurde vor der
Dame wieder der Schammavrorhang ausgebreitet, hinter dem
sie ihr Maultier bestieg. Beim Lichte der von mir geliehe⸗
nen Laterne trat die kleine Prozession ihre Rückreise zu dem
Besitztum der Dame an.

Am nächsten Tage gab es ein neues Schaustück. Diesmal
sandte Workenisch die Diener mit Geschenken. Zunächst das
geröstete Lamm, das uns in Aussicht gestellt war, mit spani⸗
schem Pfeffer stark gewürzte Bratensoße und einen Korb
voll Brot, das ein Vetter, wenn nicht ein noch näherer Ver⸗
wandter, der hebräischen Matze ist. Weiter gab es Krüge mit
Tetsch, dem abessinischen Honigwein, Körbchen mit Rettichen,
Salai, Tomaten, Blumen- und Spargelkohl. Einige dieser
Gemüsesorten haben ihren Ursprung in Abessinien, die
meisten davon sind aber hervorgegangen aus Samen, den der
italienische Verwalter der Sägemühle aus seiner Heimatstadt
Turin eingeführt hatte.

Hakim, der einen Überschlag über die Geschenke nach Maß⸗
gabe unseres Geldwertes machte, sagte: „Es ist nur ein
Glück, daß wir nicht von höherem Rang sind als die Dame,
sonst hätten wir ein Gegengeschenk von doppeltem Wert

3*
        <pb n="66" />
        machen müssen und wären ruiniert gewesen.“ Wir revanchier⸗
ten uns natürlich, denn das entspricht der Sitte und auch der
Erwartung des Gebers. Aber da wir keine anderen Ge—
schenke zur Hand hatten, mußten wir Geld schicken.

Zahn erklärte uns, daß er manchmal von dieser ihm be—
kannten Landessitte, wonach eine Person von Rang ver—
pflichtet ist, ein Geschenk im doppelten Wert zu erwidern,
profitiert habe. So zum Beispiel habe er sich, als er einmal
keinen Käufer für ein ihm gehöriges Haus finden konnte,
ausgedacht, es dem Negus zu schenken, dessen Annahme
seines Geschenkes ihm eine bedeutende Besitzvermehrung ein—
getragen habe.

Ob diese Geschichte nun wahr ist oder nicht, Zahn erzählte
sie jedenfalls sehr amüsant und fügte noch eine Anekdote
hinzu, die beweist, daß ein solches Verfahren üblich ist,
manchmal aber auch zurückgewiesen wird. „Einmal schickte
ich dem Außenminister eine Kiste mit Sekt. Das Geschenk
wurde zurückgeschickt mit dem Bemerken: „Wenn Sie sich
begnügt hätten, mir zwei Flaschen zu senden, hätte ich sie
mit Vergnügen angenommen, ein Dutzend ist mir zuviel.“

Die Tage waren sehr heiß, aber mit der Dunkelheit kam
die Kühle, und so saßen wir jeden Abend um unser Lager—
feuer herum. Hakims Erzählungen bildeten unsere Haupt—
unterhaltung. Er erzählte alte Schauspieler-Erinnerungen,
wie er einen Abend Komödie und den anderen Tragödie
gespielt habe, immer mit dem gleichkn Eifer und der gleichen
Geschicklichkeit. Weiter erzählte er uns von entwichenen Ge—
fangenen, die sich zu Trupps zusammengeschlossen und Zu—
flucht in den Wäldern unweit von Addis Abeba gefunden
und ihre Zeit damit verbracht hätten, Elefantenjäger-Kara—
wanen auszuplündern und das geraubte Elfenbein an

58
        <pb n="67" />
        reisende Kaufleute zu vertreiben. Er berichtete von Räubern,
die in Addis Abeba in seine Apotheke eingedrungen seien,
aber nichts gestohlen hätten als Bandwurmmittel.

Während der letzten Nacht im Lager wurde die Flut seiner
Anekdoten unterbrochen durch aus der Ferne herüber—
dringende Trommelschläge, an deren besonderem Rhythmus
wir erkannten, daß eine „Fantasia“ im Anzuge sei. Eine
Schar musizierender und wild tanzender Menschen bewegte
sich heran.

Wir forderten die Boys auf, sich das Schauspiel anzu—
sehen in der Annahme, daß sie die Gelegenheit begrüßen
würden, an der Festlichkeit teilzunehmen, stießen aber
bei ihnen auf völlige Gleichgültigkeit. Sie waren Abessi⸗
nier und als solche stolz und zurückhaltend. Sie be—
zeigten keinerlei Wunsch, sich, auch wenn es sich um eine
„Fantasia“ handelte, mit Vertretern anderer Stämme einzu—⸗
lassen, „insbesondere nicht mit den Gurage“, sagte Tofa,
und ich erfuhr, daß diese Abneigung ebensosehr eine Frage
der Religion als der Kaste sei. Die Gurage sind nämlich
Mohammedaner.

Am nächsten Morgen bestiegen wir unsere Reittiere und
ritten nach Addis Alam zurück, wo das Auto auf uns
wartete, um uns in die Hauptstadt zu bringen. Unterwegs
trafen wir Kamelkarawanen, die wir schon aus der Ferne
an den im Winde flatternden Schammas der Kaufleute er—
kannten.

Auch eine Anzahl von Fußgängern kreuzte unseren
Weg, vom Alter gebeugte Frauen und alte Männer mit
Speeren. Diese werden nur noch von alten Leuten ge—
während jeder junge Abessinier heute ein Gewehr

esitzt.

50
        <pb n="68" />
        Wir waren nur achtzig Kilometer von der Hauptstadt
entfernt gewesen, aber wir hatten das Gefühl, daß wir eine
weite Reise, sowohl zeitlich als räumlich gesprochen, hinter
uns hatten.

Im Hawasch-Tal
Die Gallas — Metahara — Eine Baumwollplantage — Besuch vom

Stamm der Arussi, Danakils, Karayu und Itu — Feinde tanzen mit⸗

einander auf neutralem Grund — Buro⸗Rowio und sein großer

Eunuch — Hochzeitssitten — Die Legende von den sieben Töchtern

Evas — Roba⸗-Buway bietet Blutsbrüderschaft an — Seine Exzellenz

der Gouverneur von Harrar — „Fantasias“ und Gerichtssitzungen auf
den Bahnstationen
De Anderungen im Plan meiner abessinischen Reise

machten die Rückkehr nach der Küste nötig, um von
dort aus in den Norden des Landes einzudringen. Die Fahrt
nach Oschibuti unterbrach ich, um im Hawasch-Tal, dem
Herzen des östlichen Galla-Landes, einen Besuch zu machen.
In diesen Landesabschnitt hat sich ein Strom der großen
einwandernden Volksmassen der Gallas ergossen, die jetzt,
mit Vorsicht behandelt, zwei Drittel der Bevölkerung des
äthiopischen Reiches ausmachen. Sie stammen aus dem
Norden der Victoria⸗Nyanza-Region und sind nach allge⸗
meiner Annahme zuerst um 1540 in Athiopien aufgetaucht.
Über die Geschichte der Gallas vor dieser Zeit bestehen nur
Vermutungen. Einige Kenner glauben, daß sie ursprünglich
aus südlicheren Teilen Afrikas stammen, andere gehen von
der Hypothese aus, daß ihre Anfänge im südlichen Arabien
liegen, und daß sie nach Überschreitung des Roten Meeres
zunüächst durch das Gebiet des heutigen Kenia-Landes ge⸗
zogen sind. Menelik hat einen Teil der von ihm besiegten
—
au.
        <pb n="69" />
        Gallas gemeinsam mit anderen, lange im Hawasch-Gebiet
wohnenden Stämmen ausgesandt, um sie mit den noch
außerhalb seiner Reichweite liegenden wilderen Galla—
Völkern zu vermischen; dazu gehören die Stämme der Itu,
Karayu und Arussi, die, obwohl verwandt, in ständiger
Fe hest untereinander und aller gegen die Danakils
eben.

Alle sind nomadisierende Viehzüchter, zwischen deren
Stämmen dauernd Kriegszüge stattfinden. Am schlimmsten
sind ihre Zusammenstöße nach der Regenperiode, wenn der
Nahrungsüberfluß die Kampflust steigert, wenn selbst, wie
man sagt, die Pferde mit Milch gemästet werden. Ver—
—E—
Ob der besiegte Feind tot oder nur verwundet oder ge—
fangen genommen ist, auf jeden Fall wird er kastriert und
das abgetrennte Organ als Siegestrophäe getragen. Diese
schreckliche Prozedur ist vielleicht ein Überrest des alten
Phalluskultes, vielleicht geht sie auch zurück auf die reine
Freude des Arabers an der Grausamkeit. Aber wie dem
auch sei, sicherlich ist sie das Symbol einer Feindschaft, die
Generationen überdauert, da dem Besiegten die Fähigkeit
der Fortpflanzung genommen worden ist. Ohne solche sicht⸗
baren Beweise, einen Mann, einen Löwen oder Elefanten
getötet zu haben, darf kein junger Mann hoffen, eine Frau
zu finden; sie sind das Zeichen von Mut und Tapferkeit. Der
weiße Mann wird nicht als Feind betrachtet und ist daher
sicher vor ihrem Angriff. Aber von allen Feinden ist der
beherrschende Abessinier der am meisten Gehaßte und am
heftigsten Verfolgte.

Ich verdanke meinen Aufenthalt in dieser Gegend der
Liebenswürdigkeit eines Europäers. Mein Gastgeber war

91
        <pb n="70" />
        Herr Neitzel, den ich in Addis Abeba traf, und der eine in
der Nähe Metaharas gelegene Baumwollplantage, die mit
deutschem und englischem Kapital begründet worden ist,
verwaltet. Er studierte früher Religionsgeschichte an der
Universität Jena, und so ist Baumwollkultur für ihn ein
ganz neues Gebiet; aber seine Tätigkeit verschaffte ihm eine
sehr intime Kenntnis der Landessitten, die ihm bei der Her—⸗
stellung von Verbindungen mit den Volksstämmen, von
denen er seine Arbeitskräfte bezog, ebenso nützlich war wie
seine Gewandtheit im Gebrauch ihrer Sprache. Seine per—
sönliche Einladung, in Metahara Aufenthalt zu nehmen,
wurde nach seiner Rückkehr auf seine Plantage durch einen
Brief ergänzt, den ich hier wiedergeben möchte, da er einen
guten Einblick in die dortigen Verhältnisse gewährt.

„Heute besuchte mich der Danakilhäuptling Ibrahim, der
das Land südlich von Ankabar beherrscht. Dennon, ein
anderer Danakilhäuptling, ist unglücklicherweise in Addis
Abeba verhaftet worden, um sich wegen der Ermordung von
sechs Arabern und sechs Abessiniern, die sich in der Nähe
seines Wohnsitzes zugetragen hat, zu verantworten. Ich
weiß, Sie wollten mit Dennon auf die Jagd gehen, hoffe
aber, daß seine Abwesenheit Sie nicht verhindern wird, zu
kommen.

Die Flußpferde haben uns infolge des niedrigen Wasser⸗
standes im Hawasch verlassen, aber einige Gazellen und
Antilopen sind da. Meine Kochkiste ist geheimnisvollerweise
verschwunden, Sie tun daher, falls Sie nicht mit Einge⸗
borenenkost zufrieden sind, gut, sich etwas mitzubringen.
Straußeneiergerichte ohne Speck und viel Perlhühner sind
hier immer zur Verfügung. Einige Flaschen mit trinkbarem
Inhalt würden Ihrer Volkstümlichkeit bei den Eingeborenen

320
        <pb n="71" />
        nicht abträglich sein, das heißt bei den Nicht Mohammeda—
nern. Wenn die nichts anderes haben, machen sie sich mit
Unmengen von Milch betrunken. Ich selbst und meine Mit—
arbeiter führen eine alkoholfreie Existenz, allerdings nur der
Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe. Bringen Sie,
bitte, Ihr Zelt und Bettzeug mit, ferner viel Fiebermittel.
Ihr Gewehr und Ihren Revolver werden Sie natürlich nötig
haben. Pferde wird uns der Karayu stellen. Für den Fall,
daß wir in die Arussiberge gehen, werde ich die für die Kara—
wane erforderlichen Maultiere beschaffen.

Eine kleine bedauerliche Nachricht für Sie: Gifti Momina,
die weitberühmte Zauberdoktorin vom Abomasa⸗Verge ist
letzte Woche gestorben. Das ist schade, die alte Frau war
ein interessantes Weibsbild. Ich kann Ihnen indessen mit
einem Gegenstück dazu bei den Karayu aufwarten.“

Mit mir auf die Reise ging der Staffelführer Bow—
man von der englischen Fliegertruppe in Aden. Er hatte
den Auftrag, der ihn nach Addis Abeba geführt hatte, er—⸗
ledigt und nutzte mit Freuden die Gelegenheit aus, vom
Lande etwas zu sehen, was nichts mit einer diplomatischen
Mission zu tun hatte. Die britische Gesandschaft lieh ihm
ein Zelt, und so verließen wir, alle anderen von Neitzel in
seinem Brief erwähnten Ausrüstungsgegenstände wohl ver—
staut, an einem Dezembermorgen neun Uhr Addis Abeba.
Tofa konnte mich nicht begleiten. Er wurde bei einer Kara⸗
wane meines liebenswürdigen Gastgebers gebraucht. Statt
seiner gab man mir den ersten Wäscher — Mangist Un —
mit, den ich bei seinem ins Englische übersetzten Namen
Be my Kingdom — Sei mein Königreich — zu rufen pflegte.
Auch er war wie Tofa kein Sprachenkenner und verstand
sich sogar noch weniger auf Pantomimen, so daß er mir bis

3
        <pb n="72" />
        zu unserer Ankunft auf der Plantage ein ziemlich nutzloses
„Königreich“ war. Nachher ging es besser, Bowmans Boy,
Peroy, ein Somalineger, hatte in Indien gelebt und war
imstande, meine Anordnungen durch einen Eingeborenen
auf der Pflanzung, der ebenfalls Hindostanisch sprach, weiter—
zugeben.

Infolge der langsamen Fahrt brauchten wir einen ganzen
Tag bis Metahara. Es gab Aufenthalte aus verschiedenen
Anlässen, so zum Beispiel einmal wegen eines weggewehten
Hutes. Während er wieder eingefangen wurde, nahmen wir
unsere Gewehre zur Hand, um etwas Wild zu schießen. Über
Mangel an Fleisch hat in diesen Tagen niemand nötig ge—
habt, sich zu beklagen. Kinder brachten lebendes Geflügel
an die Haltestellen, Enten und Dick-Dicks (Windspielanti—
lopen), schlank wie Rehkälber, die sie mit Schlingen ge—
fangen hatten. Für ein Kupferstück erwarb ich eine Ente,
die „Sei mein Königreich“ bis zum Ende der Reise wie ein
Baby im Arm trug.

Die Unterhaltung mit einem zufälligen Reisegenossen gab
uns einige Einblicke in die Landessitten unter dem Gesichts—
winkel seines Berufes. Er war Einkäufer von Schafsdärmen,
die von der bekannten deutschen Firma Heine als Wurst-⸗
häute verwandt werden, und erzählte uns, daß er seine
besten Einkäufe anläßlich der Meskalfeiern mache. „Bei
dieser Gelegenheit werden fünftausend Schafe für das Fest—
essen der Soldaten des Negus geschlachtet. Das bedeutet,
daß ich fünftausend Wursthäute von fünfzehn bis zwanzig
Meter Länge kaufen kann, an gewöhnlichen Tagen komme ich
höchstens auf fünfhundert.“

Seine Geschäftsreisen hatten ihn auch nach Fitsche, der
Hauptstadt Ras Kassas, der den entthronten Lidj VYassu in

34
        <pb n="73" />
        Mausoleum Meneliks in Addis Abebo

In Waizeros Tukul
        <pb n="74" />
        Schwedische Mission bei Addis Alam
        <pb n="75" />
        Gewahrsam hatte, gebracht. „Ich bin oft an der Stelle vor—⸗
beigekommen, wo NVassu gefangen sitzt. Das Gefängnis ist
nur etwa zwanzig Meter vom Wege entfernt, und die
Wache ist so wenig zahlreich, daß ein paar Handgranaten
genügen würden, ihn zu befreien.“ Der Reisende, dem die
unruhigen politischen Verhältnisse in Athiopien und des
Prinzen Hinneigung zum Islam nicht bekannt waren, ver⸗
trat die Ansicht, Lidj Vassus Sturz sei darauf zurückzu—
führen, daß er während des Krieges prodeutsch eingestellt
war. Er habe den Plan gehabt, an der Spitze einer Armee
nach Deutschostafrika zu marschieren und Lettow-Vorbeck zu
Hilfe zu kommen. Daher säße er heute, statt im Gibbi in
Addis Abeba, in den Bergen von Fitsche, gefesselt mit
goldenen Ketten.

Immer und immer wieder hört man in Athiopien die
Geschichte von den goldenen Ketten. Sie geht zurück auf
die Gefangennahme Ras Kassas durch Menelik. Der Be—
siegte hatte goldene Ketten mitgebracht, die er hoffte, Mene—
lik anlegen zu können, und ersuchte diesen, als er selbst be—
siegt wurde, ihn damit zu binden. Menelik entsprach dieser
Bitte und ordnete an, daß künftig kein Fürst, selbst im Falle
eines Angriffs, getötet, sondern gefangengesetzt und mit
goldenen Ketten gefesselt werden sollte.

Bowman und ich waren die einzigen Passagiere, die in
Metahara ausstiegen. Die Landschaft, Ebenen mit einzel—
nen buschbewachsenen Stellen, die in Richtung der weiter
weg liegenden Berge langsam anstieg, erinnerte an gewisse
Gebiete in Arizona. Neben dem kleinen steinernen Sta—
tionsgebäude bildeten einige wenige Hütten nahe der Bahn—
linie die einzigen Anzeichen menschlichen Lebens. Zu sehen
war niemand, aber während unsere Boys das umfang—

5 Norden. Abessinien
        <pb n="76" />
        reiche Gepäck ausluden, bemerkten wir in der Ferne eine
Staubwolke, aus der einige Reiter auftauchten. Es war
unser Gastgeber mit einem Diener, die Pferde für Bowman
und mich brachten.

„Ein Ochsenwagen wird gleich hier sein“, sagte Neitzel.
„Ihr Gepäck kann ruhig so lange bei den Schienen liegen
bleiben, Ihre Boys werden das schon machen. Die Ein—
geborenen hier stehlen keinen Gegenstand, dessen Gebrauch
sie nicht kennen.“

Sein Glaube wurde nicht betrogen. Zwei Fahrten des
langsam gehenden Ochsenwagens, die fast die ganze Nacht
in Anspruch nahmen, waren nötig, um unsere Ausrüstung
zur Pflanzung zu transportieren. Es fehlte nichts an
unseren Sachen, obwohl sie zum Teil stundenlang unbewacht
geblieben waren.

Ein Ritt von weniger als einer Stunde brachte uns
zur Plantage, die bis zu diesem Zeitpunkt ein ziemlich
aussichtsloses Wagnis geblieben war. Der fleißige und
energische Verwalter vertiefte sich in die Literatur über
Baumwollkultur und hoffte die große Konzession hoch—
bringen zu können, aber unglücklicherweise steht in den
Büchern nichts über die Möglichkeit, die Regenmenge zu
regulieren. Noch in jedem der sechs Jahre, solange die
Plantage besteht, sind alle angepflanzten Ländereien über—
schwemmt worden. Infolgedessen hat man es bis jetzt noch
nicht zu einer nennenswerten Ernte gebracht. Aber wie
auch der Ausgang dieses kommerziellen Unternehmens immer
sein mag, als unbeabsichtigtes Nebenprodukt bietet es die
Gelegenheit zu einem wichtigen soziologischen Experiment.
Die mit Stacheldraht eingezäunte Landfläche ist neutraler
Boden für Stämme, die seit vielen Generationen Feinde ge—

36
        <pb n="77" />
        wesen sind. Hier treffen sie sich als Arbeitsgenossen in den
Baumwollfeldern.

Das Hauptgebäude der Plantage ist ein Lehmhaus mit
drei Räumen. An einem Ende desselben befinden sich die
Schlafräume des Verwalters, am anderen die seines öster—
reichischen Gehilfen, dazwischen liegt ein großer Raum, der
zugleich als Büro, Wohn- und Eßzimmer dient. Gegenüber
einem Viehstall, der vier Pferde und zwei Maultiere be—
herbergte, steht eine Hütte für den Koch und den Hausboy.
Albert, ein netter junger Mann, halb türkischer, halb
abessinischer Herkunft, der als Schreiber und Dolmetscher
beschüftigt wurde, bewohnte, ebenso wie seine Mutter, der
das Hauspersonal unterstand, ein eigenes Haus. Ihrer
Kunst verdankten wir das köstliche Brot und den Honigwein,
eine gute Ergänzung der Konservenbüchsen in meiner Koch—
kiste. Ein weiteres schmuckloses Lehmhaus diente dem In—
genieur mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen zur Woh—
nung.

Diese kleine Ansiedlung von Europäern und ihrem Hilfs—
personal steht einsam und verlassen da; mit Ausnahme der
Hütten in der Nähe der Eisenbahngleise gibt es meilenweit
keine Eingeborenenhütten. Das Gebiet der Plantage wird
durchflossen vom Hawasch. Das schlammige Wasser, das zur
Zeit meines Besuches nur einen niedrigen Stand hatte,
strömte durch eine tiefe Schlucht dahin. Krokodile sonnten
sich auf den Felsen und Sandbänken. Jagdgelegenheit gab
es in Hülle und Fülle, Gazellen, Antilopen, Scharen von
Perlhühnern waren immer irgendwo in Schußweite. Wenn
ich des Morgens bei Sonnenaufgang mein Zelt verließ,
konnte ich sie jedesmal, erschreckt durch solche höchst gefähr—
lichen Geschöpfe wie die Menschen, in das Gebüfch rennen

3*
        <pb n="78" />
        sehen. Andere Tiere, wie Zebras, Kudus, Wasserböcke,
Dick-Dicks, Meerkatzen, Affen und Warzenschweine statteten
zwar der Pflanzung keinen Besuch ab, aber wir brauchten
nur in den Busch zu reiten, um ihnen zu begegnen. Die
Vogelwelt war vertreten durch den Strauß und die hühner—⸗
artigen Frankoline bis hinunter zu den Holztauben und
Sandhühnern. Es gab viel Wildkatzen und Hyänen, und
mit Ausnahme von Löwen war die ganze Fauna der gro—
ßen ostafrikanischen Bruchspalte vorhanden. Auch die Oryx⸗
Antilope kommt in dieser Gegend vor, aber sie ist außer—
ordentlich schwer zu fangen oder zu schießen, da sie sehr
flüchtig ist und sich im dichten Dorngestrüpp zu verstecken
pflegt. Von allen Tieren, deren Schutz in der Schnelligkeit
liegt, ist sie am erfolgreichsten gegenüber der Gefahr, die von
seiten der Menschen droht.

Obgleich wir auf einem Jagdausflug waren, lag mein
Hauptinteresse doch bei den in der Gegend wohnenden Ein—
geborenen. Infolge der von meinem Gastgeber ausgesandten
Botschafter erschienen Abgesandte der verschiedenen Stämme
bei uns. Abessinier, Danakils und Vertreter der Galla—
Völker der Arussi, Karayun und Itu kamen, um vor uns zu
tanzen oder an irgendeiner „Fantasia“ teilzunehmen, die von
den Europäern, zu denen sie Vertrauen gefaßt hatten, ver—
anstaltet wurde. Albert und seine Mutter wirkten eifrig als
Dolmetscher und Vermittler, aber selbst sie vermochten die
Eingeborenenfrauen nicht davon zu überzeugen, daß ihnen
kein Leid geschehen würde, wenn sie sich vor der Kamera
aufstellten. Weder Überredung, noch Schmucksachen oder
Geld konnten ihre Furcht vor dem „bösen Blick“ besiegen.

Nach dem Essen saßen wir um die Lagerfeuer herum und
sahen den Tänzen zu. In Gruppierung und Bewegung

8
        <pb n="79" />
        waren sie denen, die ich in anderen Teilen Ostafrikas gesehen
hatte, ähnlich. Der große und bedeutsame Unterschied lag
in der Tatsache, daß ich bei früheren Gelegenheiten nur
Mitglieder gleicher oder befreundeter Stämme als gemein—
same Teilnehmer der festlichen Veranstaltung beobachtet
hatte, hier dagegen fanden sich Angehörige feindlicher
Stämme zusammen. An jeder anderen Stelle wären sie
ohne weiteres bereit gewesen, sich zu töten oder zu ver—
stümmeln.

Abessinier in blendend weißen Schammas erschienen mit
Speeren in den Händen und tanzten im Kreise herum.
Einige Meter davon vollführten Arussi in gerader Linie
rhythmische Bewegungen, und zwar in Kleidern, die vor
Schmutz fast schwarz erschienen. Nicht nur, daß diese vor
dem Tragen in Fett getaucht werden, sie waren außerdem
mit Staub und Schmutz von Monaten bedeckt. Ein kurzer
Säbel baumelte jedem von ihnen vom Gürtel herab. Zwischen
den beiden Gruppen stand Albert, schneidig aussehend in
seinem gestreiften Sweater und seinen Khakireithosen und
scharf aufpassend, daß die Eingeborenen sich in der Ekstase
des Tanzes nicht zu feindlichen Handlungen auf neutralem
Boden hinreißen ließen. Entgegen der Anordnung Neitzels
trugen sie ihre Messer. Obwohl dieser ärgerlich darüber
war, entschuldigte er sie doch. „Das Waffentragen beim
Tanz ist bei ihnen Sitte, ich hätte das voraussehen müssen.
Passen Sie also gut auf, Albert. Vor einigen Tagen warf
einer von den Leuten einen anderen Stammesangehörigen
mit einem Messer. Wir können nicht zulassen, daß das hier
passiert.“ Ein nackter kleiner Junge rannte von einer
Gruppe zur anderen, bis Albert ihn auf seinen Platz zwischen
den Arussi zurückschob.

39
        <pb n="80" />
        Die Eingeborenen begleiteten ihren Tanz mit Gesang,
den Alberts Mutter übersetzte:
„Wir sind edle Krieger,
Wir haben keine Furcht vor unseren Feinden,
Wenn wir sie auch nicht angreifen.“
Darauf folgte wildes Katzengeschrei. Dann sprangen die
Tänzer in die Luft und stampften den Boden mit den Füßen,
als ob sie sich nur mit größter Mühe beherrschen könnten.
Ein anderer Gesang lautete:
„Wir tanzen hier keinen Kriegstanz,
Wir tanzen, weil wir euch lieben.“
Und sicherlich war es ein Ausdruck dieser von uns abgelehn⸗
ten Liebe, wenn der Führer mehrmals seinen Plazt verließ,
zu uns herüberstürmte, einen von uns bei der Hand nahm
und dreimal wiederholt die von allen mitgesungenen Worte
schrie: „ Hamma haubun, djuk, djuk, djuk.“

Ein fast erschreckender Tanz wurde von einem Eingebore—
nen fürchterlichen Aussehens ausgeführt. Ich glaube, es
war ein Danakil. Abgesehen von einem Lendenschurz, der
durch einen kräftigen Strick gehalten wurde, war er nackt.
Buschiges schwarzes Haar bedeckte den Kopf über einer
zurückweichenden Stirn, die für die Danagkils charakteristisch
ist. Ein dünner Schnurrbart, ein struppiger Backenbart, der
von Ohr zu Ohr reichte, und wilde, hypnotisch wirkende
Augen verliehen ihm einen verwirrenden Gesichtsausdruck,
dem man so leicht nicht wieder begegnet. Sein Tanz bestand
wesentlich aus Hüft- und Bauchbewegungen; in gewissen
Abständen machte er eine Pause und sprang aufgeregt zu
unserer Gruppe hinüber. Er pflanzte sich wuchtig vor dem

]
        <pb n="81" />
        Betreffenden, dem er eine Aufmerksamkeit erweisen wollte,
auf und warf mehrmals konvulsivisch den Kopf vor⸗ und
rückwärts, wobei er wie eine Schlange die Zunge blitzschnell
ausstieß und wieder verschwinden ließ. Wer während dieser
Szene von einem Blick seiner durchdringenden schwarzen
Augen getroffen wurde, konnte sich eines starken Unbehagens
nicht erwehren.

Ich wunderte mich nicht darüber, daß der kleine deutsche
Junge vor Entsetzen heulte und noch während des ganzen
nächsten Tages außer Fassung war.

Einmal tanzte eine Frau allein. Ihre Bewegungen waren
doll wilder Energie, zum Schluß sank sie in sich zusammen
und blieb bewegungslos liegen, bis sie von zwei Männern
ihres Stammes an den Fluß getragen und ins Wasser ge⸗
taucht wurde. Das kalte Wasser brachte sie wieder zu sich.
Wenn Albert nicht behauptet hätte, daß das der übliche Ab⸗
schluß des Tanzes wäre, würde ich die Frau für ein Opfer
der Epilepsie gehalten haben. Nicht alle Besucher nahmen
an der Tanzfeier teil. Mit Ausnahme der Solotänzerin be⸗
tätigten sich die Frauen nur als Zuschauerinnen. Ein
junger Mann hielt sich abseits; scheu beobachtete er die
anderen aus der Ferne. Der Grund lag darin, daß er
vom Teufel besessen war, des Nachts wurde er zu einer
Hyäne, die heulend im Wald umherstreifte. Auch der Zauber⸗
doktor der Karayus tanzte nicht; das hätte zweifellos seiner
Würde Abbruch getan. Mit Hilfe des Dolmetschers erzühlte
er mir, daß er ein kenntnisreicher Mann sei. „Die Einge—
weide der Kühe sind meine Bücher“, sagte er.

Später hatte ich Gelegenheit, mich mit den Häuptlingen
einiger Stümme zu unterhalten. Buro-Rowio, Häuptling
der Karayu, war der erste dieser wichtigen Persönlichkeiten.
21
        <pb n="82" />
        Die Gegend, in der sich dieser nomadisierende Stamm zeit
weilig niederzulassen pflegte, lag etwa drei Stunden von der
Plantage entfernt. Buro-Rowio kam, begleitet von vierzig
Mann, um mit Neitzel eine Verabredung über Arbeiten
seiner Leute auf der Plantage zu treffen. Darüber hinaus
erstrebte er noch eine besondere Vergünstigung.

Die Verhandlung fand im Wohnzimmer Neiztzeels statt.
Die meisten Mitglieder der Delegation blieben draußen; der
eine der beiden, die mit dem Häuptling hineingingen, war
der Priester Sidama. Der andere zog von der ganzen
Gruppe die stärkste Aufmerksamkeit auf sich. Er war alt,
schwach und ausgemergelt, wohl über sechs Fuß hoch und
genoß eine so augenscheinliche Autorität, daß ich ihn für
den Häuptling gehalten hatte, bis ich das Fehlen der kleinen
Haarflechte, die eines der Zeichen dieses hohen Ranges ist,
bemerkte. Man war peinlich überrascht, wenn man ihn
sprechen hörte, seine Stimme war dünn und hoch als Folge
einer in seiner Jugend bei den Danakils erlittenen Ver—
stümmelung. Trotz der Tatsache, daß er Eunuch war, hatte
man ihm nominell viele Frauen in die Ehe gegeben. Er
machte sie zu einer guten Einnahmequelle, indem er sie ande—
ren Männern überließ. Ihre Kinder unterstützte er, bis sie
alt genug waren, um als Sklaven verkauft zu werden.

Während der Konferenz saßen der Häuptling, der Priester
und der große Eunuch auf einer Bank in der Nähe der Tür.
Neitzel und ich hatten am Tisch Platz genommen, und Albert
wirkte als Dolmetscher. Nachdem das Übereinkommen be—
züglich der Arbeit getroffen war, brachte Buro-Rowio das
Anliegen vor, das ihm sehr am Herzen lag. Er wünschte
den Standort seines Stammes oder doch auf jeden Fall den
seiner Familie in die Nähe der Pflanzung zu verlegen.
—*
        <pb n="83" />
        Der gefangene Exkönig Lidj Yassu
        <pb n="84" />
        Typisches Hochgebirgsdorf zwischen Metahara und Addis Abeba

Markt in Agordat
        <pb n="85" />
        „Diese Erde hier war jahrelang unser Kampfplatz. Sie ist
getränkt mit Blut, mit unserem und mit dem unserer
Feinde. Wir lieben diese Stätte. Ich möchte, daß mein
Stamm sich hier in ihrer Nähe niederläßt.“

Neitzel lehnte das Ansuchen mit unerschütterlicher Festig—
keit ab. Gerade die von Buro-Rowio vorgebrachte Be—
gründung wird ihm klar gezeigt haben, daß es eine Torheit
sein würde, seinem Wunsche zu entsprechen; wenn es über—
haupt noch eines überzeugenden Grundes bedurft hätte. Zu
mir sagte er: „Wenn ich ihnen erlaube, zu kommen, so werden
andere Stämme folgen und meine Tage bald gezählt sein.
Der Boden, den Buro-Rowio so sehr liebt, würde von
neuem mit Blut getränkt werden.“

„Auch mit dem Ihrigen vielleicht?“ bemerkte ich. Aber
er teilte diese Befürchtung nicht.

Es wurde noch viel geredet und getrunken, bevor der
Bittsteller sich mit dem negativen Entscheid abgefunden
hatte. Die von Neitzel als Geschenk überlassenen Baum—⸗
wollstreifen schienen ausreichender Trost für den teilweisen
Mißerfolg zu sein. Hinterher legte ich mit Alberts Hilfe
dem Häuptling einige Fragen über Sitten und Gebräuche
seines Stammes vor.

Ich erfuhr von ihm, daß die Karayu-Galla keinerlei Hand—
werk treiben. Ihre Schwerter werden von den ihnen freund—
lich gesinnten Arussi-Galla im Norden angefertigt. Poly—
gamie ist erlaubt, doch hängt die Zahl der Weiber ab vom
Vermögen des Mannes: auf je hundert Köpfe seines Vieh—
bestandes darf er sich eine Frau nehmen. Aber „vVieh“ ist
ein sehr dehnbarer Begriff, er umfaßt das ganze lebende
Inventar, sogar die Hunde. Buro-Rowio erzählte mir, daß
sein Stamm zur Zeit arm sei. Eine Epidemie habe kürzlich

75
        <pb n="86" />
        gewütet und alles Vieh bis auf zweitausend Stück vernichtet.
Auch hätten starke Kriegsverluste die Zahl seiner Stammes—
mitglieder auf vierhundert Männer zusammenschmelzen lassen.
Ich fragte, ob er einen Sohn habe, der sein Nachfolger wer—
den könne, wenn er einmal in die Hände seiner Feinde fallen
sollte. „Ich sterbe niemals“, antwortete er mit stolzer
Überzeugung, rief aber zwei junge Männer von der draußen
wartenden Menge herein und stellte sie mir als seine beiden
Söhne vor.

Obgleich er auf meine Frage nach „Andenken“ an seinen
Stamm antwortete: „Wir verkaufen von unserem Eigentum
nichts“, legte er doch großen Wert darauf, daß wir ihrem
Wohnplat einen Besuch abstatteten. Aber er ersuchte uns,
erst am übernächsten Tage zu kommen, da er gerade stark mit
einer Familienangelegenheit beschäftigt sei und daher für
Gäste keine Zeit habe.

Buro⸗Rowios Mutter war vor zwei Jahren gestorben und
in der Nähe der Plantage begraben worden. Bei seinem
letzten Aufenthalt in der Gegend hatte der Häuptling das
auf dem Grab wuchernde Gras und Gebüsch angezündet.
Darauf hatte sich etwas Seltsames ereignet. In dem Grabe
war eine Öffnung entstanden, und Buro-Rowio konnte fest⸗
stellen, daß der Sarg geborsten war. Das war eine Sache,
die als Vorzeichen furchtbaren Unheils gelten konnte und
eine Rücksprache mit dem Priester nötig machte. Sidama
hatte ein Opfer befohlen und Buro-Rowio angewiesen, die
Eingeweide eine Schafes auf den Boden eines frischen
Grabes zu legen und den Sarg darüber zu stellen; der nächste
Tag war für das neue Begräbnis vorgesehen.

Buro-Rowio und seine Begleitung gestatteten mir eine
photographische Aufnahme, eine Gunst, die sie mir, wie

74
        <pb n="87" />
        Neitzel erklärte, noch ein Jahr vorher nicht gewährt haben
würden. Damals hatte er einen Versuch gemacht, sie mit
einem Grammophon zu unterhalten, aber die Klänge hätten
ihnen keine Freude bereitet, sondern vielmehr ihren dorn
entfacht, da sie glaubten, in dem Kasten sitze ein gefangener
Sklave, der gezwungen wurde zu singen.

Ein Dangkil-Häuptling mit Namen Ali Fernami war der
nächste unserer ehrenwerten Besucher. Eingedenk der spür⸗
lichen Zahl der Stammesmitglieder Buro⸗-Rowios fragte ich
Ali, wieviel Leute ihm unterständen. „So viel, wie ich
Haare auf dem Kopfe habe“, antwortete er breitspurig. Die
Zahl seiner Kriegstrophäen gab er darauf etwas weniger
bildlich mit „neun“ an und bemerkte dazu mit Stolz, daß er
jede von ihnen einem persönlichen Feinde abgenommen habe.
Er gestand, daß nicht die Not, sondern vielmehr der Über⸗
fluß sie veranlaßt habe, sich auf den Kriegspfad zu begeben.
Auch Heiratsabsichten seien ein Grund zu Feindseligkeiten.
Du mußt ein Weib sein, da du keinen Mut hast“, würde
ein Danakilmädchen zu einem Bewerber sagen, der keine
Siegestrophäe vorzeigen könne.

Anläßlich der Hochzeit wird vom Bräutigam ein acht—
tägiges Fest veranstaltet. Dem Vater der Braut hat er
einen Kaufpreis für das Mädchen zu zahlen, der aus zwei
Gewehren und einer beträchtlichen Stückzahl von Vieh
besteht. Erforderlich sind zehn Kamele, zehn Schafe oder
Ziegen, zwölf Kühe, zwei Pferde und zwei Maultiere, doch
wiegt nach der unheilvollen Berechnungsart des Stammes
eine Trophäe sechzehn Stück Vieh auf.

Die Danakils kennen Ehescheidung, aber ein durch Untreue
der Frau entehrter Mann greift nicht zu diesem Mittel. Er
darf die Frau sowohl als den Liebhaber auf der Stelle töten
        <pb n="88" />
        oder sie ohne Schutzwaffen gegen wilde Tiere in den Wald
jagen. Manchmal empfindet der Ehemann die ihm an—
getane Schmach so stark, daß er Selbstmord begeht.

Nachdem der Danakilhäuptling sich so über die Sitten
— —
über die Art mit, wie die Karayu Ehefragen behandeln.
Der Vergleich fiel nicht gerade zugunsten der letzteren aus.
Der Grund und Boden, auf dem wir standen, mochte hin—
sichtlich kriegerischer Handlungen neutral sein, die Gelegen—
heit über seine Feinde sich auszusprechen, erschien dem Ali
Fernami zu günstig, um sie nicht auszunutzen. Ein Karayu
hat kein Interesse an der Ehescheidung; die einzige Rache,
die er als betrogener Ehemann nimmt, besteht in einer
pekuniären Buße der Schuldigen. Ein Karayuliebhaber
lehnt seinen Speer an die Hauswand als Wink für den Ehe—
mann; dieser zieht sich feige zurück und verlangt später
Schadenersatz. Die Karayus sind nach Alis Meinung in
jeder Hinsicht abscheuliche Menschen. Sie verzehren
Schlangen, Holz und Vieh, das an Krankheit zugrunde
gegangen ist.

„Wir Danakils stammen von Adam und Eva“, sagte er,
„aber die Karayus haben einen beschämenden Ursprung; sie
leiten sich zurück auf eine von Evas sieben Töchtern. Adam
hatte diese Töchter in einen Käfig eingeschlossen, der in der
Krone eines Baumes hing, und schickte jeden Tag einen
Sklaven, um ihnen Nahrung zu bringen. Dieser gelangte
mit Hilfe einer Strickleiter in den Käfig und blieb sieben
Tage oben. Als Adam erfuhr, daß Evas Töchter schwanger
waren, sandte er sie in die Ferne über das Wasser. Auf
ihrem Wege kamen sie an einen See, der mit Milch gefüllt
war. Dort ließen sie sich nieder und ernährten die Kinder

6
        <pb n="89" />
        mit der Milch. Das ist das Land, in dem die Karayu seit—⸗
her gelebt haben.“

Es interessierte mich, diese Legende mit der verwandten
abesstnischen Erzählung über das ganze Gallavolk zu ver⸗
gleichen. Danach sind diese Nachkommen einer in Ungnade
gefallenen abessinischen Prinzessin und eines Guragesklaven,
der sieben Söhne hatte, die alle Banditen und Mörder
waren.

Neitzel war von beiden Häuptlingen Blutsbrüderschaft an—
geboten worden. Die Herstellung dieser engen Beziehung
geschieht symbolisch, indem die beiden in Frage kommenden
Personen mit einem Darm zusammengebunden werden,
während ein Priester einen Segen über sie ausspricht. In
beiden Fällen wurde das Ansuchen abgelehnt. Der ewige
Freundschaftsbund schloß die Verpflichtung ein, im Kriege
Waffenhilfe zu leisten. Freundliche Beziehungen ohne allzu
große Vertraulichkeit ist der beste Schutz für Neitzels Neutra—
lität. Als wir eines Tages auf der Jagd waren, kamen wir
zufällig zu Roba⸗Buway, einem Unterhäuptling der Karaju,
der ihm als letzter die Ehre der Blutsbrüderschaft antrug.

Stundenlang waren wir der Spur einer Oryx⸗Antilope
gefolgt und dabei immer tiefer in den dornigen Busch ein—
gedrungen. Dichtes Laub verdunkelte unseren Weg so sehr,
daß wir mit der Gefahr rechnen mußten, in eine der Wild—⸗
fallen der Eingeborenen — tiefe Löcher, in deren Boden
man spitze, nach oben gerichtete Pfähle gesteckt hat, und die
oben mit Buschwerk verkleidet sind — zu stürzen. Die
Pferde waren ebenso vorsichtig wie wir selbst. Sie konnten
fich nicht einmal umdrehen und auf demselben Wege zurück

gehen. Dazu kam noch, daß unsere Jagdgesellschaft bei der

unübersichtlichen Hine und Herbewegung im Busch getrennt
p
        <pb n="90" />
        wurde. Und was die Sache noch schlimmer machte, Bowman
und der Österreicher hatten das Frühstück bei sich und Neitzel
und ich die Getränke.

Oryx⸗Antilope und anderes Wild waren vergessen. Wir
fingen an Hallo zu rufen nach unseren verlorenen Jagd⸗
genossen und dem verlorenen Frühstück. Statt einer Ant—
wort erschien Roba-Buway, dessen Name „Windregen“
wahrscheinlich Zeugnis ablegt von dem Wetter, das zur
Stunde seiner Geburt geherrscht hat. Es gelang ihm auf
irgend eine Weise, uns aus dem dichten Gebüsch wieder ins
Freie zu führen.

Obwohl Neitzel einer Blutsbrüderschaft abgeneigt war,
hatte Roba ihm doch das bei Herstellung dieses Verwandt-
schaftsverhältnisses übliche Geschenk gemacht, und zwar hat
er ihm eine Ziege, eine Kuh und ein Kamel gesandt. Neitzel
hatte ihm als Gegengeschenk weißes Baumwollzeug im Werte
von fünfzehn Talern, aus dem sich Lendenschurze und Kopf⸗
bedeckungen schneiden ließen, geschickt. Die Beziehungen
zwischen beiden waren daher sehr herzlich, und als Neitzel
mich im Dickicht als seinen Bruder vorstellte, erklärte Roba
sich bereit, auch mich unter denselben Bedingungen als
Bruder anzunehmen. Er sagte, er würde mit mir als dem
Bruder seines Bruders bis ans Ende der Welt gehen.

„Wo ist denn das Ende der Welt?“ fragte ich. Er beant—
wortete meine Frage rasch, und zwar nicht nur mit einer
bloßen Redensart. Es gab wohl Wasser, von dessen jen⸗
seitigem Ufer die Ferengi kamen; aber diese zog er gar nicht
in Betracht. Für ihn war das Ende der Welt Bale, eine
Provinz im Süden Athiopiens.

Roba⸗Buway hatte nämlich außer den üblichen Wanderun⸗
gen seines Stammes eine besondere Reise hinter sich. Vor

78
        <pb n="91" />
        mehreren Jahren hatte er Europäer begleitet, die auf Tier—⸗
fang für zoologische Gärten begriffen waren. Auf dieser
Expedition hatte er seinen Mut durch eine Tat bewiesen,
die noch heute selbst unter seinen Feinden rühmend erzählt
wird. Im Turkana-Gebiet, wo sie nach Löwen Ausschau
hielten, rannte Roba hinter einer Löwenfamilie her, die
aus einem männlichen, einem weiblichen Tier und einem
Jungen bestand, und es gelang ihm, das Junge beim
Schwanz zu erfassen und es von seiner Mutter zu trennen.

Neitzel erzählte mir diese Geschichte, als ich die Bemerkung
fallen ließ, daß Roba mit seiner bronzefarbenen Haut, seinem
haarlosen Kopf, den vollen Lippen und mandelförmigen
hellbraunen Augen einen ziemlich weibischen Eindruck
mache.

Bei einem anderen Jagdausflug kamen wir an das Grab
eines Arussi-Galla, einen Hügel, an dessen Seiten sich Linien
bon spitzen Steinen in Form eines Drachens hinzogen. Ein
großer Stein, der die Stelle des Drachenkopfes einnahm, be—
deutete den Krieger, der an dieser Stelle in der Schlacht ge⸗
fallen war; mit den kleineren waren die Feinde gemeint, die
er getötet hatte.

Mangist Un war mir nur für die Zeit meines Besuches
auf der Baumwollplantage zur Verfügung gestellt worden.
Als der Zeitpunkt meiner Abreise nach Dschibuti herankam,
zahlte ich ihm seinen Lohn und versuchte ihn auf den Heim—
weg zu bringen. Aber „Sei mein Königreich“ hatte andere
Pläne. Mit Hilfe verschiedener Dolmetscher, von dem einer
noch beredter war als der andere, bestürmte er mich, ihn
doch mitzunehmen „an das große Meer, zu dem Wasser, den
Wellen und der großen Stadt, die dort liegt“. Es ist der
Traum eines jeden Abessiniers — vielleicht jedes Inland-

9
        <pb n="92" />
        bewohners überhaupt — das Meer zu sehen. Ich tele—
graphierte nach Addis Abeba um Erlaubnis, Mangist Un
mit mir zu nehmen; da ich aber bis zu dem für die Abreise
festgesetzten Zeitpunkt keine Antwort erhielt, hatte ich nicht
das Herz, mich an unsere Vereinbarung gebunden zu halten.
Ich empfand Beklemmung, wenn ich an die Wäsche auf der
Gesandtschaft dachte, aber ich beschloß, daß Mangist Un die
Reise mitmachen und einen Tag an der See weilen sollte.
Schlimmstenfalls würde er sechs Tage später in Addis Abeba
wieder eintreffen, was für Abessinien immerhin noch pünkt—
lich ist.

An der Eisenbahnstation Metahara waren verschiedene
Häuptlinge versammelt, um uns Lebewohl zu sagen. Einige
küßten uns die Hände, aber im ganzen waren sie doch
weniger freundlich, als sie sich auf der Plantage gezeigt
hatten. Photographische Aufnahmen lehnten sie an dieser
Stelle ab.
Hier wurde mir erst recht deutlich, daß Neitzels Farm eine
Stätte der Neutralität und der Freundschaft war.

Wir verbrachten die Nacht in Hawasch, einem verlassenen
Dorf, zweiunddreißig Kilometer oder zwei Stunden Bahn—
fahrt von Metahara entfernt. Als wir am nächsten Morgen
abfuhren, gab es einige Aufregung, weil ich einen Zusam—
menstoß mit einem Athiopier höheren Ranges hatte. Der
Schaffner hatte mich in ein Abteil gewiesen, das bereits von
zwei mit Schammas bekleideten Eingeborenen, einem Mann
und einer Frau, besetzt war. Ein schwarzer Sklave stand
in der Tür, um den Eintritt anderer Fahrgäste zu ver—
hindern, obwohl im Abteil noch vier Plätze frei waren. Als
ich versuchte hineinzugehen, packte mich der Sklave und hielt
mich fest.

M
        <pb n="93" />
        Mädchen im Fremdenviertel, Agordat. Links der Verfasser

Die Maultierkarawane wird beladen
        <pb n="94" />
        Aufbruch nach Gondar

Das Beladen der Kamele
        <pb n="95" />
        Zunächst schien es, als ob die längere Rede, die ich auf
französisch losließ, keinem anderen Zwecke diente, als
meinen Zorn zu erleichtern. In diesem Augenblicke erschien
indessen ein europäisch gekleideter Athiopier aus dem ein—
zigen Schlafwagen und ersuchte mich, ihm zu folgen. In
dem Abteil, zu dem er mich führte, fand ich Seine Exzellenz
Dedjasmatsch Emerou, den Gouverneur von Harrar und den
dazugehörigen Gebieten. So jedenfalls stellte sich der in
abessinisches Weiß gekleidete und mit einem schwarzen
Seidenkäppchen bedeckte Herr selbst vor. Sein Abgesandter
war Ato Kebreth, der nach Dschibuti wollte, um dort sein
Amt als Konsul anzutreten. Ich hatte früher schon von
Emerou gehört und wußte, daß er ein Mann aus könig—
lichem Blut und von großem Einfluß auf den Negus war.
Seine Provinz Harrar ist eine der reichsten und fruchtbarsten
im ganzen Lande. Ihre Hauptstadt gleichen Namens hat
fünfzigtausend Einwohner, von denen die meisten Moham—
medaner sind.

Emerou sprach Französisch. Mit der schönen weich—
klingenden Stimme, die für seinen Stand so charakteristisch
ist, entschuldigte er sich für die Unhöflichkeit, die mir soeben
widerfahren war.

„Die Eisenbahn ist meinem Volke noch eine zu neue Ein—
richtung“, sagte er, „sie sind mehr an das Reisen mit Maul—
tieren gewöhnt. Meine eigene Hauptstadt ist zwei Tage—
reisen von der Eisenbahn entfernt.“ Wir blickten gemeinsam
zum Fenster hinaus auf die gestikulierenden aufgeregten
Volksgruppen, die auf jeder Station versammelt waren.
Der Zug hatte in Gota einen längeren Aufenthalt. Zu
beiden Seiten der Gleise war eine „Fantasia“ im Gange, in
der ich speertragende Eingeborene zur Musik der Hörner und

ß Norden. Abessinien

81
        <pb n="96" />
        Trommeln tanzen sah, und zwar so wild, wie ich es später
nur an abgelegenen Stellen zu beobachten Gelegenheit
hatte. Es zeigte sich, daß die „Fantasia“ zu Ehren des Mannes,
der mich aus dem Abteil hinausgeworfen hatte, ausgeführt
wurde. Er war Bezirksrichter und Verwalter des Gota—
Distriktes, und die Menschen feierten seine Durchfahrt durch
ihren Ort.

Auf einer anderen Station hielt er Gericht von der Platt⸗
form des Zuges aus. Verschiedene Angeklagte und Ankläger
waren erschienen und hielten ihre Reden. Urteile wurden
schnell und anscheinend unbarmherzig gefällt, denn ich sah
keinen, der freigelassen wurde. Zwei alte Weiber, die mit
Ketten zusammengebunden waren — Hexen in schmutziger
Kleidung — erschienen mit der Bitte, sie zu trennen, aber
sie baten vergebens. Ihr Verbrechen hatte in Diebstahl be—⸗
standen.

Auch Delegationen von Schums, Häuptlingen und
Stammesleuten erschienen, um Emerou ihre Ehrerbietung
auszudrücken.

So war die Reise eine Folge von Empfängen und
Förmlichkeiten. Wir trennten uns mit einem Lebe—
wohl in Diredaua, wo seine Erzellenz den nach Oschibuti
gehenden Zug verließ, um den Weg nach seiner Provinz ein—
zuschlagen.

Es war eine unterhaltsame und interessante Begegnung
gewesen. Er gab mir Briefe mit, von denen er glaubte, daß
sie meine Reise durch die unruhigen nördlichen Gebiete er—
leichtern würden.
        <pb n="97" />
        Italien in Athiopien
Italienischer Frachtdampfer auf der alten Weihrauchroute — Assab
— Asmara — Scheren — Der Baum Gottes — Agordat — Der Ca—
valiere auf der Jagd — Italienische Heimatlieder — Die schwedische
Mission in Culluea — Mohammeds Geburtstag zu Barentu —
Cunamas und Bareas — Die erste weiße Frau als Besucher —
„Fantasias“ — Gerichtsszenen und Baumwollkultur in Erythräa
Me Rückweg ins eigentliche Abessinien führte durch
Erythräa. Ich benutzte die Gelegenheit, einen Ein—
druck von Italiens Verwaltung dieses Teils von AÄthiopien
zu gewinnen, den es seit 1882 als Kolonie in Händen hat.
Damals hatte die Vereinigung von Genueser Schiffsreedern
den großen Landstreifen, den sie gekauft hatte, um dort für
ihre Dampfer einen Anlaufhafen zu schaffen, ihrer Regierung
abgetreten. Die Kolonie umfaßt eine Fläche von 119 700
Quadratkilometer. Die eingeborene Bevölkerung von an—
nähernd 388 000 Seelen besteht hauptsächlich aus Abessiniern
mohammedanischen Glaubens, doch sind auch einige andere
Stämme vertreten; davon zählen die heidnischen Cunamas
und Bareas ungefähr 13 000.

Doch bevor ich Erythräa erreichte, hatte ich erst einige
Tage auf dem Roten Meere zu kreuzen, und zwar an Bord
des italienischen Frachtdampfers „Somalia“, der zwischen
Massaug, dem nördlichen Hafen von Erythräa, und Sansibar
verkehrt und an mehreren Stellen der afrikanisch-arabischen
Küste des Roten Meeres anlegt. Jedesmal, wenn ich früher
im Roten Meer war, geschah es nur auf der Durchreise,
wie das bei den meisten Reisenden auf dieser großen
Handelsstraße zwischen dem Mittelmeer und dem Indischen
Ozean der Fall ist. Aber die Fahrt auf der „Somalia“
machte aus dem Roten Meer etwas mehr als einen nassen

99
        <pb n="98" />
        Korridor zwischen Okzident und Orient. Auf dieser gemäch⸗
lichen Reise hatte ich Zeit, die Romantik des Fahrtweges
zu empfinden, den die alten, mit Spezereien und Weihrauch
beladenen Frachtschiffe der Pharaonen, der Phönizier, der
Griechen und Römer zurücklegten. Insbesondere erinnerte
ich mich, der ich von Abessinien kam und wieder nach
Abessinien wollte, an die Königin von Saba, die dieses Ge—
wässer gekreuzt hatte. Auch ein modernes romantisches Er⸗
eignis fiel mir ein: England, dem es gelang, den Union
Jack auf der Insel Peri zu hissen, wobei es seinen Mit⸗
bewerber Frankreich um eine Nasenlänge schlug. So gut
und so lange hatten es — wenn man glauben darf, was
erzühlt wird — die Engländer verstanden, die neben ihnen
in Aden ankernden Franzosen zu unterhalten.

Auch unsere Schiffsladung, obwohl sie nicht aus kostbaren
Gewürzen und Weihrauch bestand, war aromatisch. Wir
lagen vierundzwanzig Stunden vor Anker auf der Höhe des
arabischen Hafens Hodeida, um Kaffee einzunehmen. Die
Kabinenpassagiere der „Somalia“ waren Vertreter beider
Küsten, zwischen denen wir hin und her fuhren; ein nach
Erythräa fahrender neuernannter abessinischer Konsul, zwei
Polizeioffiziere aus Italienisch-Somaliland, ein italienischer
Arzt, der in einer der Kolonien stationiert war, ein arabischer
Kaffeehändler aus dem Jemen. Auch die Deckpassagiere
setzten sich aus Bewohnern beider Küsten zusammen. Eine
buntscheckige Gesellschaft, deren Kleider alle Grade vom
makellosen Weiß bis zum äußersten Schmut durchliefen. Die
Mohammedaner unter ihnen verbeugten sich andauernd in
der Richtung des nicht weit entfernt liegenden Mekka. Auf
dem Schiff ging ein Gerücht um, daß wir eine Gruppe von
Sklavenhändlern, die nach Abessinien wollten, an Bord

24
        <pb n="99" />
        hätten. Sie hofften, die gekauften Sklaven durch Erythräa zu
bringen und sie an der arabischen Küste landen zu können.

Während ich mich so auf dem Schiff umtat, allerlei sah
und hörte, fragte ich mich, ob die kleineren Fahrzeuge —
Segel- oder Ruderboote —, die auf dem Roten Meere hin
und her fuhren, tatsächlich mehr Romantik in sich bargen
als der italienische Frachtdampfer, der im Zickzack die afri—
kanische und die arabische Küste berührte.

Assab war der erste erythräische Hafen, den wir anliefen.
Diese früheste italienische Niederlassung auf äthiopischem
Boden ist noch heute ein Dorf. Weniger als hundert runde
Grashütten beherbergen die eingeborene Bevölkerung. Aber
auch ohne daß man die im Winde flatternde Fahne auf dem
Gouvernementsgebäude sieht, erkennt man, daß man sich in
einer italienischen Besitzung befindet: Die nackten schwar—
zen Kinder in den krummen Gassen erheben die Hände zum
römischen Gruß. Das villenartige Haus des Gouverneurs,
ein riesiges Zollgebäude nebst Warenlager, ein Gefängnis
mit hohen grauen Mauern bilden den ganzen italienischen
Teil des Ortes. Zwei oder drei weiße Lehmbauten dienen
als Kauf- und Lagerhäuser für die Händler. Aber Assab ist
nicht ganz ohne Industrie. Gleich jenseits des Dorfes be—
findet sich an der Küste eine Salzsiederei, und hinter dieser
erblickt man eine Anzahl kleiner Anpflanzungen von Dattel—
palmen. Da wir nur anhielten, um Fracht auszuladen und
einzunehmen, waren wir bald wieder auf Fahrt. Eine Woche
später landeten wir in Massaua, dem Heimatsort der
„Somalia“ und dem Hafen, in dem der ganze Handel von
Abessinien und dem Sudan, auf seiner letzten Wegstrecke
durch fremdes Land behindert, das Rote Meer erreicht. Mit
seinen 2500 Einwohnern wirkt Massaua im Vergleich mit

73
        <pb n="100" />
        Assab wie eine Stadt, aber der europäische Stadtteil ist kaum
größer und unterscheidet sich wenig von dem in Assab mit
der Ausnahme, daß sich hier kein Gefängnis befindet.

Ich hatte den halbwöchentlichen Zug, der zwischen Massaua
und Agordat verkehrt, versäumt und verhandelte deshalb
mit einem Araber wegen eines Autos nach Asmara, der
Hauptstadt der Kolonie. Dort wollte ich mit dem Gouver—
neur sprechen, um meine Vorbereitungen für die Reise durch
Erythräa und die Karawane, die mich nach Abessinien zurück⸗
bringen sollte, zu treffen. Die Straße, auf der wir fünf
Stunden dahinfuhren, durchschnitt den wüstenartigen Küsten⸗
strich, lief durch Wälder und zu den Bergen hinauf, zwischen
denen die kleine Hauptstadt liegt. Seemöwen, Geier und
Adler schwebten über der Wüste. Hier und da zog ein
—RV
allerlei Vögel mit leuchtendem Gefieder. Wir stiegen lang—
sam aufwärts, aber die Berge wurden, wenn wir sie er—
reichten, zu Hügeln, und immer weitere Berge erhoben sich
vor uns. Kühe, Schafe und ZSiegen weideten auf grünen
Wiesen. Die schwarzen Hirten brachten uns mit einem
Ruck wieder in Erinnerung, daß wir uns in Afrika be—
fanden und nicht in der Schweiz. Afrika, und doch gab es
an der Eisenbahn Eindrücke wie in Italien. Überall standen
weiße, mit wildem Wein überwachsene Stationsgebäude.
Unter einer Eisenbahnbrücke begegneten wir dem einzigen
Auto, das wir an diesem Tage sahen. Die Begegnung war
sogar etwas heftig, jedenfalls hatte der Kotflügel des anderen
Wagens die Folgen davon zu tragen. Es gab einen längeren
Aufenthalt, und ich freute mich, daß ich die während dieser
Zeit von den Chauffeuren geführte Unterhaltung nicht
verstand.

36
        <pb n="101" />
        Bei Sonnenuntergang erreichten wir Asmara. Die Stadt
ist nicht groß, aber sie gewährt den Kolonial⸗Italienern einige
der Annehmlichkeiten städtischen Lebens. Mehrere Straßen
mit Fußwegen — ein Luxus für Afrika — führten auf die
Viale Mussolini. An einem Ende dieser breiten Straße
steht das Gouvernementsgebäude und am anderen die
Kathedrale. Der Justizpalast und eine von Asmaras drei
Banken befinden sich an der Piazza Roma. Im Sommer
sind die beiden Hotels wahrscheinlich überfüllt, weil Asmara
mit seiner 2280 Meter hohen Lage einen Höhenkurort dar⸗
stellt, zu dem die Europäer aus dem heißen Tieflande hinauf⸗
flüchten. Einige Engländer aus dem Süden fühlten sich hier
wohl wie im Himmel. Ich kam am letzten Tage des Jahres
an, als die europäischen Besucher fast alle wieder verschwun⸗
den waren. Im Speisesaal des Regierungshotels, dem
Hamasien, waren außer mir nur zwei Personen anwesend.

Gouverneur Zoli empfing mich sehr herzlich. Während
der zweistündigen Unterhaltung zwecks Festlegung meiner
Reiseroute erfuhr ich so nebenbei allerhand Interessantes
über äthiopische Politik, was mir während meines Aufent⸗
haltes in Abessinien nicht bekanntgeworden war. Gouver⸗
neur Zoli bezweifelte, ob die Route über Adua und Aksum,
die heilige abessinische Stadt, nach Gondar bei den un—
ruhigen Verhältnissen in den nördlichen Provinzen genügend
Sicherheit böte. Der beste Weg, der eine interessante Reise
durch Erythräa mit einem sicheren Eintritt in Abessinien
verbinden würde, führe durch Agordat an der Barea. Dort
befände ich mich inmitten eines Gebietes der Baumwoll⸗
kultur, die mit ausgezeichnetem Erfolge eingeleitet sei und

eine reiche Entwicklung verspräche. Von hier aus könnte ich
den Cunama⸗ und Bareadistrikt besuchen und bei der Grenz⸗
37
        <pb n="102" />
        station Om Aggar am Setit abessinisches Land betreten. Mit
einem Telegramm nach Agordat begann die Anordnung
meines Reiseweges. Gouverneur Zoli wollte mir eine
Eskorte von sechs bewaffneten Leuten mitgeben. „Aus
Prestigegründen“, sagte er; „wir Europäer dürfen uns nicht
von abessinischen Häuptlingen übertreffen lassen.“

Die Bahnfahrt nach Agordat war sehr interessant. Einer
der Sekretäre des Gouverneurs war mein Reisegenosse und
informierte mich aufs beste. Er machte mich auf gewisse Ein⸗
geborene aufmerksam, die Angehörige des Bilenstammes
waren. Kleine, von Steinringen umgebene Hügel erklärte
er mir als mohammedanische Gräber. Weiße Steine be—
zeugen einen natürlichen Tod, schwarze, daß der Begrabene
von Feindeshand gefallen ist. Die schwarzen Steine sind
auch ein Erinnerungszeichen für die Familienmitglieder
des Verstorbenen, daß sie für immer zusammenhalten gegen
die Familie des Feindes. Cheren ist Sitz und Wohnort
des Morgani, des Oberhauptes der mohammedanis chen Kirche
in Erythräa.

Sudanesen in flatternden weißen Gewändern und mit
einem Turban umstanden den Zug in Cheren. Auch sah ich
ein abessinisches, mit Goldschmuck überladenes junges Mäd—⸗
chen. Sie trug eine Halskette aus Münzen, die bis unter
die Taille reichte, halbmondförmige Ohrringe und eine
goldene Uhr am Handgelenk. Dieser Schmuck und ihre
leichten Schuhe mit hohen Hacken sowie ihre champagner⸗
farbenen Seidenstrümpfe deuteten ebenso wie ihre helle
Farbe und der europäische Anzug ihres vier Jahre alten
Sohnes auf ihre Verwandtschaft mit einem Europäer hin.

Hinter Cheren befand ich mich bald im tiefsten Afrika,
ohne jede Erinnerung an italienische Bilder mit weißen

3
        <pb n="103" />
        Stationen und purpurrotem Weinlaub. Hin und wieder
passierte der Zug dichte Wälder, in denen die Dumpalme mit
ihrem üppigen Wuchs auffiel. Den „Baum Gottes“ nennen
die Eingeborenen sie, und zwar durchaus mit Recht, da er
so viele ihrer Bedürfnisse befriedigt. Seine Rinde, mit Rohr
verflochten, wird zum Hüttenbau verwendet, Tauwerk aus
seinen Fasern ist stärker als die für Stühle und Hänge—
matten verwendete Rotangpalme. Feinere Fasern werden
zum Flechten von wasserdichten Körbchen benutzt, aus noch
feineren webt man Teppiche, Matten und Säcke. Aus
seinen harten Früchten, der Steinnuß, werden Knöpfe ge—
macht, aber die am weitesten oben sitzenden Nüsse sind, wenn
sie stark geschält werden, weich genug, um gegessen zu wer⸗
den. Der Duft ihres faserigen Fleisches erinnert an süße
Kartoffeln. Seit kurzem hat das italienische Gouvernement
eine Strafe auf das Fällen dieses Baumes gesetzt, so wert—
voll ist er für die Gegenwart und auch als Aktivposten für
den sich entwickelnden Handel der Kolonie.

Agordat ist Endstation der Bahn nach Massaua. Eine
Reihe von Bergen erhebt sich über der Stadt. Ein Ge—
fallenendenkmal berichtet dem Fremden, daß er auf geschicht
lichem Boden steht. Hier haben im Jahre 1893 von italieni—
schen Offizieren geführte Eingeborenentruppen Erythräa aus
der Hand der Derwische befreit.

Oberst Pizzolati, Kommissar der wichtigsten Provinzen
Erythräas, Barea, Gasch und Setit, nahm mich sehr liebens⸗
würdig auf. Er erwies sich als reizender und kenntnis—
reicher Gastgeber während meines einwöchigen Aufenthalts
in der Stadt. Der erste Abend hatte einen festlichen
Charakter. „Unsere Eingeborenen fangen an, Touristen an⸗
zuziehen“, sagte er und erzählte mir, daß die erste Gruppe

29
        <pb n="104" />
        von Reisenden bereits angekommen sei, und daß ich sie beim
Abendessen kennenlernen würde. Vier Italiener waren mit
dem Auto von Asmara gekommen, darunter eine schöne
Signora, die ihren Ehegatten auf seiner Expedition in das
Cunamagebiet begleitete.

Agordat ist vorherrschend mohammedanisch. Bei einer
Einwohnerzahl von sechstausend ist das Verhältnis von
Mohammedanern zu Christen fünf zu eins. Die Kuppel einer
Moschee ragt weit über die sie umgebenden Hütten empor. Das
zufällige Durcheinander von Hütten, wie man es in äthio—
pischen Dörfern findet, ist in Agordat nicht statthaft. Die
häuser stehen in geraden Reihen an der Seite von Straßen,
und jedes ist mit einem kräftigen Rohrzaun zum Schutze
gegen Leoparden umgeben. Auf einem meiner Spazier⸗
gänge durch den Ort begleitete mich als Führer und Aus—
kunfter der Polizeichef, dessen Amt durch die rote um den
weißen Armelaufschlag gewundene Binde gekennzeichnet
war. Er erklärte mir, daß die weiße Flagge, die auf einer
Hütte im Winde flatterte, anzeige, daß dort frisch gebrauter
Tetsch zu haben sei. Wir traten ein, und während ich mein
Getränk zu mir nahm, sah ich mir die Inneneinrichtung des
runden Raumes an. Man sah ein Bett mit einem Wasch⸗
becken daneben, ein Kohlenfeuer mit einer Holzkiste und
darüberhängenden Küchenutensilien. Eine Truhe an der
Wand barg die Familienschammas. Es fanden sich also alle
wesentlichen Ausrüstungsgegenstände einer abessinischen
Heimstätte vor. Gruppen von Tukuls innerhalb einer Mauer
erwiesen sich als Bordelle. Ihre Zahl wurde mit Stolz als
ein Beweis für die Wichtigkeit der Stadt an dem Handels—
weg erwähnt. In diesen Häusern finden sich meistens abes—
sinische Mädchen, auch einige Christinnen und Mohamme—

M
        <pb n="105" />
        danerinnen. Einige davon waren so freundlich, ihr Früh—
stück zu unterbrechen, ans Tageslicht zu kommen und sich
photographieren zu lassen.

Darauf gelangten wir zum Stand eines Fleischers, neben
dem im Freien auch Gerichte serviert wurden. Hungrige
Marktbesucher brachten noch blutendes Kamelfleisch, das
sofort in einer Pfanne oder zwischen Steinen gebraten und
gegessen wurde. Die reichliche Verwendung von Paprika
ließ erkennen, daß diese Leute den starken Geruch und Ge⸗
schmack dieses Fleisches ebensowenig lieben wie ich und ihn
durch das Gewürz zu mildern suchten.

Wir gingen dann zum Marktplatz hinüber, der für mich
immer den interessantesten Teil eines Dorfes bildet. Da ich
im Begriff war, eine Karawane auszurüsten, lag mir daran,
noch einige persönliche Wünsche zu befriedigen; hauptsächlich
suchte ich eine Kaffeekanne und eine Kaffeemühle. Die erste
war bald gefunden in einem roten Tonkrug. Man sagte
mir, daß der Kaffee angenehm nach dem Ton schmecken und
sehr klar sein würde infolge des Faserfilters in dem Ausguß.
Eine Kaffeemühle entdeckte ich nicht, doch kaufte ich einen
hölzernen Mörser mit Keule, der auch in Abessinien zum
gleichen Zweck verwendet wird.

Eine besondere Reihe war für die Schwert- und Dolch-
macher reserviert. Ebenso wie die Goldschmiede bilden sie
eine verachtete und verfolgte Kaste. Man glaubt, daß sie sich
in Hyänen verwandeln, die in Gräbern wühlen und nachts
heulend umherlaufen.

Die armen Menschen taten mir leid, und ich dachte an
ihre Handwerksgenossen im belgischen Kongo, die wie
Fürsten behandelt werden. Ehrbegriffe sind wie Sitten und
Gebräuche geographische Angelegenheiten.

—41
        <pb n="106" />
        Verkaufsstände mit Parfümen und Salben in Büchsen, die
aus Dumholz gemacht sind und die Form von Köpfen haben,
waren von Käuferinnen umlagert. Von hier gehen sie zu
den Schuhmachern, um die ihnen so gut stehenden zarten
Sandalen zu kaufen. Diese Erzeugnisse sind verschieden von
jenen, die man für Kameltreiber macht, und deren Sohlen
aus weggeworfenen Automobilreifen geschnitten werden.

Ich schritt weiter, um Zigaretten zu kaufen, und fand
schließlich auch solche, die im Ort selbst für den Gebrauch von
Europäern hergestellt werden. Daneben lagen kleine Vor—
räte von Kautabak und Holzkohlenasche, die daran er—
innerten, daß der Abessinier zwar nicht raucht, aber doch
kaut, und seinen Priem, solange er ihn nicht im Munde hat,
hinters Ohr steckt.

Ich sah mir dann noch ein halbes Dutzend Kurzwaren—
—D—
chinesischer oder italienischer Herkunft an. Zum Schluß be—
suchte ich noch einen allgemeinen Kaufladen, dessen Besitzer
ein Grieche war, und hatte damit eine Übersicht über den
ganzen Handel Agordats gewonnen. Der Grieche war
übrigens neben den Regierungsbeamten und dem Stations—-
vorsteher der einzige Europäer in der Stadt.

Mein nächstes Ziel war das Cunamagebiet. Auf dieser
Tour hatte ich eine amüsante, zeitweilig sogar aufregende
Reisegesellschaft. Ein italienischer Journalist, den ich in
Asmara getroffen hatte, kam mit einem kaufmännischen
Freund mit demselben Reiseziel wie ich in Agordat an, und
beide luden mich ein, mit ihnen zu fahren. Ich stieg in ihren
Wagen und ließ mein Gepäck in dem von mir gemieteten
Auto folgen. Unsere Gewehre nahmen wir mit. Die Etikette
verlangt, daß Europäer bewaffnet sind, und darüber hinaus

2—
        <pb n="107" />
        hatten wir auch den Wunsch, unterwegs etwas für den Koch—
topf zu schießen.

Die hundertunddreißig Kilometer zwischen Agordat und
Barentu im Zentrum des Cunamagebietes erforderten eine
Fahrt von acht Stunden. Niemals habe ich einen unermüd⸗
licheren Jäger gesehen als den Journalisten mit dem
Tilel eines Cavaliere. Er schoß auf alles, was da kreucht
und fleucht: Strauße, Geier, Hirsche, Blaukehlchen und
Schlangen. Und doch hatte er keine Freude am Toöten. Bei
den wenigen Gelegenheiten, wenn er etwas getroffen hatte,
beugte er sich über das getötete Tier und murmelte weh⸗
leidige italienische Worte. Ich sah ihn die Augen einer
kleinen Gazelle zudrücken, aber eine halbe Stunde später
nahm er eine harmlose, an ein Eichhörnchen erinnernde
Pyramidenmaus aufs Korn. Einmal fuhr ich, vorn sitzend,
auf den Knall eines hinter mir losgehenden Gewehrs herum.
Scharfer Pulvergeruch drang mir in die Nase, und ich sah,
wie der Cavaliere sich über den Kaufmann beugte, der blaß
und stöhnend in der Ecke lag. Der eifrige Jäger hatte
das Gewehr nach dem letzten Schuß weder entladen noch ge⸗
sichert. Ein Stoß des Wagens hatte den Abzug betätigt, und
der Kaufmann war an der Schulter von einem Schuß ge—
streift worden. Nach dem Aufstöhnen fiel der Verwundete
in Ohnmacht und war überrascht, sich noch am Leben zu be⸗
finden, nachdem ich ihm Salmiakgeist unter die Nase ge—
halten hatte.

Wir waren in diesem Augenblicke nur noch eine halbe
Stunde von Barentu entfernt, wo wir schließlich einen
Arzt fanden, der die Wunde verband. Des Cavaliere
Jagdlust war keineswegs vermindert, aber ich gab diese Be—
schüftigung für den Rest der Zeit auf, die wir noch zusammen

132
        <pb n="108" />
        verbrachten, und widmete meine Aufmerksamkeit ihm und
den Gewehren.

Diese Vorsicht bewahrte mich aber nicht vor Aufregung
hinsichtlich meiner Person. So erlebte ich zum Beispiel
eines Tages, daß der Cavaliere und sein Freund, die auf
der Verfolgung von Wild begriffen waren, in den Busch ein—
drangen. Ich blieb währenddessen beim Wagen zurück. Da
ich mir aber einige Bewegung zu machen wünschte, sagte ich
dem Chauffeur, ich würde schon vorausgehen und später wie—
der einsteigen. Die Einsamkeit tat mir wohl. Ich stapfte
vergnügt dahin, erfreute mich an den Wundern der
Schöpfung und verfolgte mit Interesse Tierspuren; denn ich
wußte, daß es überall um mich herum verborgenes Leben
gab, das mir allerdings, solange es nicht gestört wurde,
nicht gefährlich werden konnte. Die Dunkelheit brach herein,
und ich blieb stehen, um auf den Wagen zu warten. Sie
schienen es nicht sehr eilig zu haben. „Hat der Cavaliere
inzwischen vielleicht den Kaufmann getötet?“ fragte ich mich.
Nach einer Wartezeit, die mir Stunden gedauert zu haben
schien, sah ich in der Ferne die Scheinwerfer des Autos auf—
blitzen. Plötzlich waren sie wieder verschwunden. Der
Wagen konnte nicht durch hügeliges Gelände verdeckt sein,
denn der Weg, den ich zurückgelegt hatte, war einigermaßen
eben gewesen. Mir kam deutlich zum Bewußtsein, daß ich
allein war, ohne Nahrung und Wasser, und daß Hyänen
und andere Tiere meinen Weg kreuzen könnten. „Nicht
gefährlich, wenn nicht gestört“, hatte ich gedacht, solange es
Tag war. Aber vielleicht würde schon allein meine An—
wesenheit hier als Störung aufgefaßt werden. Die Tiere
konnten ja schließlich nicht wissen, daß ich weder mein Ge—
wehr noch mein Jagdmesser bei mir, sondern beides dem

4
        <pb n="109" />
        Cavaliere geliehen hatte. Vorsichtig bewegte ich mich in der
Richtung des Lichtes weiter, das ich eben noch gesehen hatte,
—
vor Jahren in den Sierras kennengelernt hatte und der auf
meite Entfernung hin hörbar ist.

Der Klang eines Hornes gab mir das Gefühl der Sicher—
heit wieder, aber gleich darauf war dieses wieder verschwun⸗
den, als ich einen Schuß und dann noch mehrere fallen
hörte. Schoß der Cavaliere auf Hyänen in der Dunkelheit?
Vor einigen Stunden hatte er mich, wie mir einfiel, gefragt,
ob deren Augen nicht grün leuchteten während der Nacht.
Vielleicht erschienen meine so. Wie unrühmlich wäre es, zu
sterben, weil man für eine Hyäne gehalten wird, und dazu
noch durch das eigene Gewehr zu fallen! Meine Streich—
holzschachtel war lange aufgebraucht, und so bestand meine
einzige Aussicht auf Rettung darin, mich hörbar zu machen.
Ich stieß abwechselnd meinen Indianerschrei aus und rief:
„Ne tirez pas!“ (Nicht schießen!) Schließlich hörte das
Schießen auf, der Cavaliere tauchte in der Dunkelheit auf
und umarmte mich wie einen Bruder — den er bereits als
tot beweint hatte. Ich nahm ihm sorgfältig das Gewehr aus
der Hand, bevor ich die Umarmung erwiderte. Sie hatten
nicht geglaubt, daß ich so weit marschiert wäre. Die Auto—
lichter waren in dem Moment wieder verschwunden, als
man sich darüber klarwurde, daß man mich auf dem Wege
berfehlt hatte. Man hatte den Wagen gewendet und war
im Begriff gewesen, wieder zurückzufahren. Was die Schüsse
bedeutet hätten? Jedenfalls keine Gefahr, versicherte der
Cavaliere. Er hatte nur in die Luft geschossen, um mir ein
Zeichen zu geben. Die Autoscheinwerfer nach oben zu
richten — auf den Gedanken waren sie nicht gekommen.

*
21
        <pb n="110" />
        Barentu ist ein Dorf mit etwa hundert Einwohnern in
und um seinen Basar herum. Der Gouvernementsposten ist
viel kleiner als der von Agordat und liegt in den tüchtigen
Händen des Kapitäns Salvatore. Bei ihm traf ich auch den
Provinzkommissar, Oberst Pizzolati, wieder, der mit seinen
italienischen Besuchern im Auto von Agordat herüber—
gekommen war. Der mit ihnen verbrachte Abend wird mir
lange in Erinnerung bleiben. Es waren Stunden, die ganz
einer mit Heimatsehnsucht erfüllten Musik gewidmet waren.
Der Kapitän, ein Florentiner, spielte die Gitarre, der Arzt
sang mit seinem schönen tiefen Bariton Lieder, die ihn im
Geiste nach Rom versetzten, die Signora und ihr Gatte tanz—
ten eine Tarantella und ließen die Nachtluft von neapoli—
tanischen Volksliedern vibrieren.

Ich hatte noch eine andere Berührung mit Europa oder,
besser gesagt, mit Europäern im Exil, bevor wir unsere Reise
durch den Cunamadistrikt nach Om Aggar antraten. In
Culluca, vierzig Kilometer von Barentu entfernt, befindet
sich eine Mission, die bereits vor der italienischen Okkupation
Erythräas gegründet war und die Erlaubnis erhalten hatte
zu bleiben. Ich fuhr hinüber und ließ den Wagen am Fuß
eines Hügels halten, auf dessen Höhe die Missionsgebäude
standen. Oben traf ich einen Mann, der nicht nur weiß,
sondern auch blond war, und redete ihn englisch an. Er
antwortete italienisch. Ich versuchte es mit Französisch, und
wieder überschüttete er mich mit italienischen Ausdrücken.
Dann warf ich einige schwedische Worte hin, und nun ergoß
sich ein Redestrom über mich.

Der Mann war ganz benommen vor innerer Bewegung.
Ich mußte sofort mit in sein Haus kommen, da seine Frau
sich gewiß sehr freuen würde, mich zu begrüßen. Sie hätten

0
        <pb n="111" />
        Glockenturm der schwedischen Mission
bei Barentu

Der Verfasser mit einem Barea-Häuptling
        <pb n="112" />
        Bewässerungsanlage bei Tessenei

Staudamm bei Tessenei
        <pb n="113" />
        so lange niemand außer den Mitgliedern ihrer kleinen Ge—
meinschaft gesehen mit Ausnahme eines gestrigen Besuches:
eine schöne Signora, die Offiziere von dem Militärposten
und einige andere Herren, und jetzt schon wieder ein Be—
sucher! Man konnte es wohl verstehen, daß er ganz auf—
geregt war. Ich fand im Hause friedliche Leute, den Mann,
seine Frau und einen kleinen Jungen. Die Missions—
ärztin wohnte bei ihnen. Das Haus glänzte von s chwedischer
Sauberkeit. Da immergrüne Bäume nicht vorhanden waren,
hatte man einen Olivenbaum abgehackt und als Weihnachts-
baum für das Kind aufgestellt. Er stand noch in der Ecke des
Zimmers und erinnerte an die vergangenen Festtage.

Obgleich anscheinend glücklich in seiner Arbeit, besaß der
Missionar doch wenig Optimismus. Man zeigte mir zwanzig
Cunamakinder in ihren kleinen weißen Nachthemden, die der
Missionsschule angehören. Sie machten einen artigen Ein—
druck, aber der Missionar sagte mir, daß sie sehr schlecht seien.
In ihrem Stamm würden Herausforderung zum Kampf und
Grausamkeit für Tugenden gehalten. Er zog an einem Tau,
das von einem wie ein Bohrturm aussehenden Gerüst herab⸗
hing, und läutete eine Glocke. „Es hat viel Geld gekostet,
die Glocke zu kaufen und hierher zu schaffen“, sagte er. „Ich
läute sie jeden Sonntag, kein Mensch kommt, aber die Glocke
sagt ihnen doch, daß wir hier sind.“

Von dem Missionar und der Arztin erfuhr ich einiges über
die Sitten der Menschen, unter denen sie arbeiten. Für
bier oder fünf Kühe oder für dreißig Ziegen kann eine Frau
gekauft werden. Als Hochzeitsgeschenk erhält die Braut
Schmucksachen, Fußringe und Armbänder, einen Ring, der
ins buschige Haar gesteckt wird, ein Medaillon aus Silber
oder von Kaurimuscheln, oder ein Stück braunen Elfenbeins.
? Norden. Abessintien
        <pb n="114" />
        Wenn Zwillinge geboren werden, ist es erlaubt, einen davon
zu töten. Man übt Ahnenverehrung und Austreibung
böser Geister. Bei jeder Mahlzeit wird eine Kleinigkeit für
die Toten auf den Boden gesetzt, auch legt man etwas Tabak
auf die Gräber. Die Männer betrinken sich mit Durra—
bier. Ihre Frauen arbeiten nicht auf den Feldern, noch
warten sie das Vieh. Sie führen nur den Haushalt und
flechten Körbe. Im Kriege, oder wenn ein persönlicher
Feind getötet wird, schneidet man eine Hand als Kriegs—
trophäe ab. Der Missionar erzählte mir, daß er gern einen
Cunamadolch besessen hätte, aber da er keinen habe finden
können, der nicht gebraucht worden war, habe er darauf ver⸗
zichtet.

Über die Rassenzugehörigkeit der Cunama wagte er keine
bestimmte Meinung auszusprechen, was gewiß sehr klug
war. Denn die Ahnlichkeiten und Unterschiede in Typus
und Sitten zwischen den Stümmen dieses Gebietes machen
die Beantwortung dieser Frage äußerst schwierig. Vielleicht
hamitisch, sagen die Italiener, die sie am besten haben beob—
achten und studieren können.

Unseren letzten Abend in Barentu verbrachten wir im
Dorf selbst. Es war Mohammeds Geburtstag, und die
Klänge dieser besonderen Feier veranlaßten uns, vom Hügel
herabzukommen und uns zu der Moschee, die weiß im
Sternenlicht vor uns lag, zu begeben. Als Fremde ver—
mieden wir es, die Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Wir
hatten uns sorgfältig einen für die Beobachtung geeigneten
Standpunkt ausgesucht, weit genug entfernt, um die Fest—
teilnehmer nicht zu stören, und doch nahe genug, um alles
richtig sehen zu können. Innerhalb der Moschee lasen turban—
hedeckte Männer in weißen Kleidern aus dem Koran vor

48*
        <pb n="115" />
        — ——
— 2*
* diß —

und sangen Gebete. Außerhalb, und zwar im Gebünner⸗ hoß *
steckt, hielten sich die weiblichen Teilnehmer an der reln zen ——
Feier auf. Ihre Stimmen erhoben sich wie Vogelgezwit, detsg, We⸗
über den monotonen Gesang der Männer. Nach der Feier ⸗
kamen Frauen und Männer zusammen und erfreuten sich
an Süßigkeiten und Kaffee.

Der Weg von Barentu nach Om Aggar führte durch den
Cunama- und Bareadistrikt. Bei unserer Abreise füllten
unsere Reisegenossen und unsere Ausrüstung vier Wagen.
Kapitän Salvatore und die vier italienischen Besucher reisten
mit uns. Man hatte Boten vorausgeschickt, die die Stammes—
häuptlinge aufforderten, an unserer Reiseroute „Fantasias“
zu veranstalten. Die Fahrt glich infolgedessen einem end—
losen Karneval, der unterhaltsam und interessant anzusehen
war, aber uns nur eine geringe Vorstellung vom Leben der
verschiedenen Stümme gab. Da die Bevprölkerung Befehl
erhalten hatte, sich an unserem Wege zu versammeln, hatten
wir keine Gelegenheit, ihre Dörfer zu besuchen. Die Leute
waren zu Gruppen von fünfzig bis zweihundert zu—
sammengeströmt, alles in allem vielleicht dreitausend Men—
schen von den verschiedenen Stämmen. Diese Schwarzen
sahen vorzüglich aus. Vielleicht waren es die glücklichsten
Menschen, die ich je in Afrika gesehen habe. Ob aber diese
Haltung lediglich auf die von ihnen veranstalteten „Fantasias“
zurückzuführen oder ob sie der Ausdruck ihrer normalen
Lebensform war, konnte ich nicht beurteilen.

Im allgemeinen gingen die Männer mit Ausnahme eines
Lendenschurzes nackt, die Frauen waren etwas mehr be⸗
kleidet. Sie trugen ein Hemd, manchmal auch ein Stück
Kattun um den oberen Teil ihres Körpers. Man sah viel
Tatauierung und körperlichen Schmuck, Halsketten von

—2.
        <pb n="116" />
        Steinen, solche von Silber, von denen Fruchtschalen herab
hingen, von Rinde und von Blättern. Fußringe schienen
aus allem möglichen Material zu bestehen, ich sah
sogar solche aus Bananenschalen. Im Haar getragene
Ringe waren im allgemeinen aus Gold. In den Nasen—
flügeln steckten sowohl goldene Schmuckstücke als auch ge—
wöhnliche Köpfe. Unser Wagen erregte ihre Neugierde.
Es machte ihnen Vergnügen, mit eigener Hand zu hupen.
„Er spricht“, sagte ein Häuptling, und als Wasser in den
Kühler gegossen wurde, bemerkte er: „Er trinkt, gerade wie
wir.“ Aber selbst das Auto interessierte sie weniger als die
Signora, die erste weiße Frau, die sie jemals gesehen hatten.
Sie berührten mit den Fingerspitzen ihre Kleider, ihren
Hals und ihre Hände.

Wir machten vierzehnmal halt und sahen infolgedessen
vierzehn „Fantasias“, überall tanzten die Eingeborenen. Nir⸗
gends aber gab es Schamlosigkeiten, wie ich sie bei den Ein⸗
geborenentänzen in der Kenia-Kolonie gesehen hatte, und
ich fragte mich, ob diese Leute sich vielleicht weniger schicklich
bei ihren spontanen „Fantasias“ betrugen. Was wir sahen,
geschah jedenfalls alles auf besonderen Befehl. Sie tanzten
in Form mehrerer Kreise zum Rhythmus von Trommeln,
die von zwei Mädchen geschlagen wurden. Der innere Kreis
wurde von jungen Mädchen und Frauen, die ihre Kinder
auf den Rücken gebunden hatten, gebildet. Tanzende Män⸗
ner, die Keulen in der Form von Poloschlägern und Speere
in den Händen trugen, und von deren Gürteln Dolche herab⸗
hingen, bildeten den äußeren Kreis. Zwischen beiden toll—
len nackte Kinder, Knaben und Mädchen, herum. Die
Schritte waren langsam und schiebend, ausgenommen wenn
die Männer Luftsprünge ausführten, und ihr Gesang ent—

160
        <pb n="117" />
        sprach ihrem Tanz. Beim größten der Dörfer — Boseioca
— am Ende unseres Weges waren volle sechshundert Mann
zu unserer Begrüßung zusammengekommen. Hier erregte
die Signora großes Entzücken durch Verleihung von Schnü—
ren mit venezianischen Perlen für die beste Tänzerin. Jede
Frau, die einen Preis erhielt, hängte die Schnur sofort um
den Hals des auf ihrem Rücken thronenden Kindes.

Die wirkungsvollsten Tänze, die durchaus individuell und
untereinander sehr verschieden waren, hatten wir in Gulluli,
einem Barea⸗Dorf zwischen Tessenei und Om Aggar, Ge—
legenheit zu sehen. Diese Veranstaltung wich von den frühe—
ren ab. Waren dort die Tänzer nur knapp bekleidet, so
waren diese hier fast nackt. Die Kinder auf dem Rücken
der Frauen schienen in keiner Weise die Freiheit ihrer Be—
wegung zu stören. Die Männer sprangen hoch in die Luft,
wobei fie ihre Keulen schwangen. Sie bewegten sich auf die
Frauen zu, zogen sich zurück und schritten wieder vorwärts.
Ein wilder Kontertanz — unterbrochen von Sprüngen und
Keulenschwingen. Das Ganze vollzog sich in leuchtendem
Sonnenschein.

In der Nähe unter einer Sykomore waren etwa hundert
Sudanesen versammelt, die erst kürzlich in Gulluli angesiedelt
und auch zu Ehren des italienischen Kommissars gekommen
waren. Sie wirkten groß im Vergleich mit den untersetzten
Bareas. Ihre weißen, bis zu den Füßen reichenden Kleider
standen in seltsamem Gegensaßtz zu der Nacktheit ihrer Nach—
barn. Die Sudanesen standen im Hintergrunde, aber eine
ihrer hübschen Frauen nach der anderen kam zu uns heran.
In einer Entfernung von einigen Schritten von uns führte
jede von ihnen eine Art Bauchtanz aus. Diese Darbietung
ihrer selbst in weißen Kleidern mit den langsamen und
101
        <pb n="118" />
        graziösen Bewegungen hatte fast etwas von religiöser
Feierlichkeit an sich. Zum Schluß jedes einzelnen Tanzes
lüfteten wir unsere Tropenhelme, um für die erwiesene Höf⸗
lichkeit zu danken.

Zwischen diesen befohlenen „Fantasias“ konnte ich auch
einzelne Beobachtungen aus dem täglichen Leben in diesem
Gebiet machen. Ich sah Cunama-Vieh auf seinem Wege zu
den Wasserlöchern, diesen Lebensrettern während der langen
Zeit des Jahres, in der der Fluß versiegt. Im Barea⸗Gebiet
arbeiteten Frauen und Kinder in den Feldern. Auch sah ich
auf der Straße ein Bild, das diesen Landschaften selbst
fremd war, nämlich ein Takruri-Paar, das aus Französisch—
Kamerun kam, nach Mekka pilgerte und wahrscheinlich schon
zwei Jahre unterwegs war. Die Frau trug alles, was zu
einem Lager am Wegrand nötig ist, auf dem Kopf. Nicht
mehr weit vom Roten Meere entfernt, auf dessen gegenüber—
liegender Seite Arabien lag, werden sie wohl gefühlt haben,
daß sie endlich dem langersehnten Ziel ihrer Wünsche nahe
gekommen waren.

Nicht in den ausschließlich heidnischen Distrikten, sondern
in den Ansiedlungsgebieten, wo die Bevölkerung gemischt
war, konnte ich Gerichtssitzungen beiwohnen. In Tessenei
hielt der Provinzkommissar Gericht in der großen Einge—
borenenhütte, die als lokales Verwaltungsgebäude dient.
Farmer stritten über Verletzung von Ackergrenzen, der Be—
sitzer einer Baumwollplantage mußte erklären, warum er
seinem Verwalter den Lohn verweigert habe. Ein Schlächter
war angeklagt, verdorbenes Fleisch verkauft zu haben, und
ein anderer, daß er die Kehle einer Kuh nicht in der Form
durchschnitten hatte, die dem religiösen Ritus seiner Käufer
entsprach. Es gab Streitigkeiten über Verkäufe von Häuten

102
        <pb n="119" />
        und Gummibäumen. Zwei junge Mädchen ersuchten um
eine Konzession für eine Kaffeeschenke, wo sie Tetsch und
Talla an vorüberkommende Kaufleute und andere Reisende
verkaufen wollten. Neben dem Kommissar, der solche
Sitzungen auf seinen Rundreisen abhielt, wirkte der Lokal⸗
richter, ein turbanbedeckter, weißgekleideter Araber. Der
Ortsvorsteher war ein mangelhaft bekleideter Cunama. Als
Dolmetscher war ein Abessinier tätig, der das Ende seiner
Schamma wie eine Schärpe über seine Schultern geworfen
hatte.

Am nächsten Tage hatte der Kommissar über einen Mann
zu verhandeln, der des Viehdiebstahls angeklagt war. Er
fand ihn dieses Verbrechens, das im Lande der Viehzüchter
als ein sehr schweres gilt, schuldig, und so wurde die Strafe
des Auspeitschens unmittelbar nach dem Urteil auf dem
Marktplatz vollzogen.

Während der letzten Tage in Erythräa befand ich mich in
der Nähe des größten industriellen Experiments in dieser
Kolonie. Italien macht hier nämlich den Versuch, Baum—
wolle anzupflanzen. 7500 Aeres waren bereits in Kultur,
30 000 weitere zur Anpflanzung vorbereitet. Zwischen dem
Barea und dem Gasch wird amerikanische Hochlandsaat ver—
wendet. Am Setit kultiviert man dagegen ägyptische Baum—
wolle.

Bei Tessenei befinden sich Wasserwerke und ein Stau—
damm. Hier beginnt auch der zwanzig Kilometer lange
Kanal, der fast bis zur Grenze des Sudan führt. Man hat
also einen bedeutenden Anfang in der Regulierung des
Wassers gemacht, um die durch die Eigenart des Klimas be—
dingten Schäden auszugleichen. Von den zwölf Monaten
des Jahres sind die Flüsse neun Monate trocken. In der
1093
        <pb n="120" />
        Regenzeit aber kommt das Wasser in Form von Wildbächen
hernieder, überschwemmt das Land und ersäuft die Ernten.
Das Problem der Arbeit glauben die Italiener leicht lösen
zu können, wie groß auch die industrielle Entwicklung sein
möge. Verschiedene Eingeborenenstämme müssen dazu heran⸗
gezogen werden, und soweit die Erfahrung gezeigt hat, sind
sie durchaus geneigt, die durch bezahlte Arbeit gewährleistete
Sicherheit ihrer Existenz einer Lebensform vorzuziehen, die
sie zwingt, ihr bißchen Durra einem mangelhaft beackerten
Boden abzugewinnen. Oberst Pizzolati zeigte mir ein neu—
gegründetes Dorf mit dreitausend Arbeitern, die sich aus
Arabern, Somalis, Sudanesen, Cunamas und Bareas zu—
sammensetzten.

Erythräa gab mir die erste Anschauung von einer italieni
schen Kolonie. Ich verließ sie mit Bewunderung für die
Männer, in deren Händen die Verwaltung liegt, und für
ihre Arbeitsmethode.

Auf der Karawanenreise
Ausrüstung der Karawane — Efendi — Adum Ali — Ein gemüt—

liches Lager — Schwierigkeiten mit dollbeamten — Aufgehalten

durch einen leprakranken Häuptling — Andere Karawanen — Fisch⸗

fang im Casa⸗See — In höherem Gelände — Menschen auf dem

Wege — Willkommensgruß und frische Reittiere vom italienischen
Konsul in Gondar
—S war ich so weit, Abessinien aufs neue betreten
zu können. Hinter mir lag eine wohlgeordnete, von
Europüern verwaltete Kolonie, vor mir das unruhige äthio—
pische Reich. Die innerpolitischen Verhältnisse waren so un—
sicher, daß es dem Gouverneur von Erythräa ratsam, wenn

104
        <pb n="121" />
        Stromschnellen im Gasch-Fluß, Erythräa

Baumwollernte am Gasch-Fluß, Erythräa
        <pb n="122" />
        Barentu, Viehtränke in

dem fast, ausgetrockneten Flußbett
des Gasch

Die Signora unter Cunamas
        <pb n="123" />
        nicht notwendig für mich erschien, nach Gondar nicht über die
alten Städte Aksum und Adua zu reisen. Dieses Gebiet stand
so sehr im Gegensatz zum Negus, daß ein Aufruhr auszu—
brechen drohte und Vässe, die in Addis Abeba ausgestellt
waren, wahrscheinlich wenig zu bedeuten hatten. Auf dem
Wege, den mir die italienischen Kolonialbeamten empfohlen
hatten, erwartete ich keine Schwierigkeiten.

Auf dem Marktplatz von Om Aggar traf ich meine Kara—
wane. Sechs Kamele und vier Maultiere waren mit den
erforderlichen Nahrungsmitteln und all dem bepackt, was
man zur Bequemlichkeit und Erfrischung während der drei⸗
wöchigen Reise nötig hatte. Obwohl wir unterwegs etwas
schießen und gelegentlich auch etwas kaufen konnten, mußte
man hinsichtlich aller Vorräte Vorsorge treffen. Dörfer gab
es auf der Strecke nur wenige, und diese lagen auch noch
abseits. Außer den Lebensmitteln für mich selbst und
meine Leute und Durra für die Tiere führten wir Kisten
mit Getränken, einschließlich Wasserflaschen, mit. Oben auf
der Last eines Kamels thronte ein großer Stuhl, den zu
kaufen ich mir nicht hatte versagen können, als ich ihn in
einem kleinen Laden stehen sah. Breit und bequem, mit ge—
flochtenem Sitz, versprach er Bequemlichkeit und machte zu—
gleich einen gewichtigen Eindruck.

Meine Mannschaft bestand aus dreizehn Köpfen, aus dem
Dolmetscher, sechs bewaffneten Soldaten — mehr Ehren⸗
wache als Schutztruppe —, dem Führer, Kameltreibern, dem
Koch, dem Boy und seinem Gehilfen. Jeder von ihnen war
in der Liste, die sämtliche Namen mit Dienstleistung und
Löhnen enthielt, sorgfältig als Mohammedaner oder Christ
aufgeführt. Daß der Dolmetscher die wichtigste Person war,
zeigte schon die Tatsache, daß ich ihm dreißig Lire oder
F
        <pb n="124" />
        etwa eineinhalben Dollar für den Tag zahlte, Kameltreiber
und jedes der Tiere kosteten mich zehn Lire pro Tag,
während die Soldaten und Boys mit dem bescheidenen Lohn
von sechs Lire zufrieden waren. Da die Karawane von
Erythräa ausging, waren die Löhne in italienischem Gelde
festgesezt worden.

Der Name des Dolmetschers lautete Workenah Efendi
Desta. Es war ein Mann mittleren Alters, aber grau und
gebeugt. Ich engagierte ihn auf Grund einer vorgewiese—
nen Referenz vom Gouverneur von Sudan, bei dem er als
Dolmetscher tätig gewesen war. Bei unserer ersten Be—
sprechung trug er einen Tarbuͤsch, und als er am nächsten
Tage ohne diesen erschien, fragte ich ihn darüber aus. Wenn
er nämlich Mohammedaner war, wäre es ein Zeichen von
mangelndem Respekt gewesen.

„Gestern waren Sie Mohammedaner“, sagte ich, „sind
Sie heute ein Christ? Ich sehe ja Ihren Tarbüusch nicht.“

„Ja“, erwiderte er, „ich bin Christ. Meine Familie zählt
zu den ältesten in Abessinien und gehört seit Jahrhunderten
der christlichen Kirche an. Mein Vater war Oberpriester
in Gondar. Aber im Sudan erschien es mir zweckmäßiger,
als Mohammedaner zu wirken, daher trug ich den Tarbusch.“

„Und das „Efendi“ bei Ihrem Namen? Haben Sie tat—⸗
sächlich eine bessere Schulbildung?“

„Man hat mir während meines Aufenthalts in Khartum
erlaubt, diesen Titel zu führen, und ich hielt es für richtig,
ihn nicht abzulegen, solange ich in Ihren Diensten stehe.
UÜbrigens habe ich ziemlich viel gelernt. Ich habe gute
Kenntnisse in religiösen Dingen und in Sprachen.“

Er sprach Englisch viel besser, als er es schrieb oder sogar

106
        <pb n="125" />
        als er verstand, wenn ich nach dem Resultat einiger von ihm
verdolmetschter Aufträge urteilen kann. Ich verlangte
schließlich von ihm, jeden Auftrag, den ich ihm erteilte, zu
wiederholen, und er entwickelte seinerseits die Gewohnheit,
mir kleine Zettel zu schreiben, gewissermaßen als Schutzmaß-
regel für sich selbst. Er war sicherlich diplomatisch veran⸗
lagt, diplomatisch mit allen dazugehörigen Umwegen. Ich
war manchmal im Zweifel, ob diese Eigenschaft mehr die
Wirkung hatte, Schwierigkeiten zu vermeiden oder sie erst
zu erzeugen.

Mein persönlicher Boy, Adum Ali, war ein Mohamme—
daner aus dem Somaliland. Er gebrauchte einige englische
Worte, als ich ihn anwarb; sie erwiesen sich jedoch als die
einzigen, die er kannte.

Der erste der verschiedenen Namen des Führers lautete
Andu. Er hatte die Reise nach Gondar bereits dreimal ge—
macht, gab aber schon am Abend des ersten Tages zu, daß
er den Weg nicht sicher wisse. Dies Eingeständnis überraschte
mich immer weniger, je länger wir auf dem Marsche waren.
Es gab größtenteils überhaupt keine Wege. Bald folgten
wir Viehspuren, bald war der Pfad bezeichnet mit Steinen,
die schon vor Jahrhunderten gesetzt und von Gras und
Buschwerk überwuchert waren. Die meisten Haltestellen
waren weder auf der Karte noch in den verschiedenen mir
mitgegebenen Routenverzeichnissen zu finden. Manche Orte
hatten zwei Namen, einen in amharischer und einen in der
Gallasprache. Die Verwirrung wurde nicht geringer durch
die Tatsache, daß Dörfer, Distrikte und Flüsse allgemein die
gleiche Bezeichnung ohne irgendein unterscheidendes Beiwort
tragen.

Aber all diese Schwierigkeiten waren uns an jenem

97
        <pb n="126" />
        Morgen noch fremd, als uns einer der Kameltreiber an der
abessinischen Grenze mit dem muezzinartigen Ruf zum
Aufbruch weckte, der täglich wiederholt und vom Efendi
mit den Worten übersetzt wurde: „Möge Allah uns gnädig
sein für diesen Reisetag!“ Einer der Treiber verzögerte
unseren Abmarsch etwas, weil er erst Abschied von seinem
Schatz nehmen mußte. Sie machte einen scheuen, er da—
gegen einen stolzen Eindruck, während sie sich zärtlich bei der
Hand gefaßt hatten.

Zehn Minuten nach unserem Aufbruch vom Marktplatz in
Om Aggar gelangten wir an den Setit. Mitten im Fluß
hielten die Tiere an und tranken gierig, gleichsam um aus—
zudrücken, daß man nicht wissen könne, welche Art von
Wasser man das nächstemal finden würde. Am anderen
Ufer, auf abessinischem Boden, ordneten wir unseren Zug
karawanenmäßig. Der Führer, begleitet von seinem Boy,
nahm die Spitze. Dann folgte ich auf meinem Maultier,
hinter mir der Efendi auf dem seinigen und die übrigen.
Boys, Soldaten, Packtiere und Kamele schlossen sich in
langer Linie an. Das Gefühl der Wichtigkeit, das einen
mit jedem Blick rückwärts über die lange Schar von Men—
schen und Tieren erfüllte, erlitt schon in der ersten Stunde
unseres Vormarsches einen argen Stoß. Zwei mit Gewehren
bewaffnete Männer stürzten aus dem Busch hervor und be—
fahlen uns zu halten. Efendi trat in Funktion als Dol—
metscher und berichtete, daß die Leute meinen Paß zu sehen
wünschten. Sie seien Abgesandte des Schums eines benach⸗
barten Dorfes, dem man den Nachweis bringen müsse, daß
wir das Recht hätten, diesen Weg zu benutzen. Mein vom
Konsul in Asmara ausgestellter Paß steckte in der Innen⸗
tasche meines Schreibmaschinenfutterals, wo ich ihn sicher

108
        <pb n="127" />
        aufgehoben glaubte. Die gewünschte Vorlage zwang uns,
die Traglast eines Maultieres herunterzunehmen, und als
der Beamte das Dokument in Händen hatte, schien er es
nicht einmal lesen zu können. Das Siegel mit dem Löwen
von Juda erkannte er, doch war er offensichtlich davon noch
nicht genügend beeindruckt, um die Erlaubnis zur Fort⸗
setung der Reise geben zu können. Es folgte eine lange
Debatte zwischen ihm und Efendi, bevor uns gestattet
wurde weiterzumarschieren. Dieser Unterbrechung kam
weiter keine Bedeutung zu als die, daß sie die erste auf
äthiopischen Boden war. Die Stunde der Verzögerung
schien eine lange Zeit zu sein, als wir sie erdulden mußten;
als ich später eine Woche lang festgehalten wurde, blickte
ich mit Bewunderung und Dankbarkeit auf die vernünftige
Haltung des Paßkontrolleurs zurück.

Der erste Tag unserer Reise war ziemlich eintönig. Er
führte durch niedriges Buschwerk und Somalirohr, das ich
anderswo unter dem Namen Elefantengras kennengelernt
hatte. Bei Royan schlugen wir unser Nachtlager auf. Wir
hatten diesen Platz mit Rücksicht auf ein vorhandenes Wasser⸗
loch gewählt. Ich fand das braune und schmutzige Wasser
nicht einmal für ein Bad einladend, aber die Eingeborenen
tranken es mit Entzücken. Mit Rücksicht auf die zahlreichen
weißen Ameisen mußten sämtliche Vorräte, um ihnen nicht
zum Opfer zu fallen, auf meine eisernen Kästen gepackt
werden, und ich selbst benutzte Strohmatten in meinem Zelt,
anstatt die Matratze auf den Boden zu legen.

Das Lagerleben gestaltete sich am ersten Abend ganz unter⸗
haltsam. Ich saß prächtig in meinem breiten Stuhl, hielt
Appell über meine Mannschaft ab, schwang eine kleine Rede
und versprach ihnen einen guten Backschisch am Ende der
109
        <pb n="128" />
        Reise, wenn sie ihren Verpflichtungen treu nachkommen
würden. Später drang von ihrem Lagerfeuer das Geräusch
lebhafter Unterhaltung zu mir herüber. Wie alle Abessinier
sprachen diese Leute beständig, solange sie nicht schliefen, doch
ist für ihre Unterhaltung die wohlklingende Stimme ebenso
charakteristisch wie der ununterbrochene Redefluß. Manch—
mal schritt ich nach dem Abendessen zu ihrem Lagerfeuer,
das etwa hundert Meter von meinem Zelt entfernt war und
erfreute mich am Anblick der ruhenden und sich unterhalten⸗
den Menschen. Der Kameltreiber, der uns jeden Morgen
mit seinem Ruf zu Allah weckte, hatte eine ausgezeichnete
Singstimme. Es war schade, daß ich den Text seiner Lieder
nicht verstand. Waren es äthiopische Volkslieder oder
waren es vielleicht nur die Ereignisse des Tages, die er in
rhythmischer und melodiöser Form vortrug? Efendi folgte
der üblichen Gewohnheit der Gesangsinterpreten: „Es
handelt sich um einen Vogel“, oder: „Es ist von einer Frau
die Rede“, sagte er, den Text der Lieder umschreibend.

In den meisten Fällen war eine direkte Unterhaltung mit
meinen Leuten nicht möglich. Einer der Kameltreiber ver—
stand meine wenigen Suaheliworte. Adum sprach eine Art
von Pidgin⸗Französisch, was ganz lustig klang und auch
genügte, um mir etwas aus seinem Leben erzählen zu
können. Er redete mich stets mit Du an. Er war an der
französischen Somaliküste zum Dienst auf einem Segelschiff
gepreßt worden und in Aden entflohen. Hier hatte er sich
lange genug aufgehalten, um seine wenigen englischen
Wörter zu lernen. Später war er mit einem Segelschiff
nach Massaua gelangt. Von diesem Hafen aus wanderte er
nach Tessenei, wo ein Bruder von ihm lebte. Adum war
niemals vorher bei einem Europäer als Diener beschäftigt

1140
        <pb n="129" />
        gewesen und hatte auch noch nie einer Karawane angehört.
Infolgedessen bildeten seine Dienste bei mir eine Art Ver—
such, dessen Opfer ich war. Im ganzen aber machte er sich
recht gut. Er war willig und freundlich, und meine Sym—
pathie für ihn wurde verstärkt durch die Tatsache, daß die
meisten Leute meiner Karawane ihn ablehnten, einmal weil
er ein Fremder war, dann aber auch, weil sie eifersüchtig auf
seine geringere Last waren.

Auch aus Efendis Leben hörte ich so manches während
des Marsches. Er erzählte mir, daß er seine im Sudan ge⸗
machten Ersparnisse in Baumwolland in Erythräa angelegt
habe. Infolge Mangel an Bewässerung habe er allerdings
alles verloren. Er hatte sein Geld in Erythräa investiert, weil
er dort nach seiner Meinung mehr Aussicht hatte als in
Abessinien. „In meinem Lande ist ein Ras so schlimm wie
der andere“, sagte er. „Es gibt dauernd Reibereien zwischen
ihnen, und die Bevölkerung muß darunter leiden.“ Trotz
dieser Reden zweifelte ich nicht an seinem Patriotismus, und
ich gestattete mir keine Kritik seiner Herrscher. Er erzählte
mir auch von seinen ehelichen Schwierigkeiten. Er war ver—
heiratet, hatte aber aus dieser Ehe keine Kinder und möchte
sich daher gern scheiden lassen, wenn das nicht so kostspielig
gewesen wäre. Ganz kinderlos war er indessen nicht; in
Anerkennung seiner Verdienste hatten zwei von seinen
Herren ihm je eine Sklavin gegeben, die ihm Kinder geboren
hatten. Ich ließ die Frage offen, ob diese Geschichte mehr
zur Unterhaltung dienen sollte, oder ob er mir damit einen
Backschisch nahelegen wollte. Er erzählte mir weiter, daß
er durch seine Bekannten in Addis Abeba Gelegenheit gehabt
hätte, Beziehungen zum geheimen Sklavenhandel anzuknüpfen,
doch habe er darauf verzichtet. „Es sei ferne von mir, meine
11
        <pb n="130" />
        Hände mit einer so gottlosen Angelegenheit zu besudeln;
übrigens ist der Sklavenhandel gesetzlich verboten.“

Unser zweites Lager schlugen wir bei Sellasil auf. Ich
war mit Efendi und einem Boy vorwegmarschiert, hatte
nach dem langen Ritt auf einem Felsen Platz genommen
und genoß den Anblick eines vor uns in Windungen dahin⸗
ziehenden Flusses. Meine Beschaulichkeit wurde plötzlich
durch ein unerwartetes Ereignis unterbrochen. Durch das
Elefantengras näherten sich mehrere Personen. Einer saß
auf dem Rücken eines Maultieres, die anderen gingen zu
Fuß. Alle trugen ein Gewehr. Der in eine weiße Schamma
gehüllte Reiter zeichnete sich durch einen Gazeschleier aus,
dieses Schutzmittel, das von einigen abessinischen Aristo—
kraten noch heute gegen den Straßenstaub und den Atem
gewöhnlicher Menschen angewendet wird. Efendi ging
ihnen entgegen, um den Grund ihres Besuches zu erfahren.
Er kehrte kurz darauf zurück und berichtete:

„Es ist Lidj Mangustu, er kommt von Lidj Derwew, dem
obersten Zollbeamten des Desjasmatsch Ailu. Er erklärt,
daß er beauftragt ist, Sie auf Ihrem Wege zu begleiten.
Geben Sie ihm, obwohl er ein Mann von Rang ist, nicht
die Hand. Er ist leprakrank.“ Es handelte sich um große
Namen in diesem Distrikt, aber der Gedanke, von einem
Leprakranken begleitet zu werden, wie hoch auch immer sein
Titel sein mochte, war unerfreulich. Der Mann hielt seinen
rechten Arm und die Hand sorgfältig unter seiner Schamma
berborgen. Keinerlei Anzeichen seiner Krankheit waren
sichtbar, ich war aber entschlossen, einen tunlichst großen
Zwischenraum zwischen mir und ihm aufrechtzuerhalten.
Mein Gesicht und meine Hände waren von Insekten zer—
stochen und von Dornen zerkratzt. Ich sah durchaus nicht
        <pb n="131" />
        Cunama-Mädchen mit Nasenschmuck

Bilen-Mädchen in Cheren
        <pb n="132" />
        Mädchen beim Wasserholen am Setit-Fluß, Erythräa
        <pb n="133" />
        ein, daß eine Ansteckung durch unmittelbare Berührung
unbedingt notwendig war.

Inzwischen waren dik Kamele herangekommen. Dem
Leprakranken wurde eine Kiste als Sitzplatz angeboten, die
man in einer gewissen Entfernung von meinem Stuhl hin—
gesetzt hatte. Acht Leute mit Gewehren standen hinter ihm,
und neben ihm befand sich ein Boy mit einem kleinen um
den Hals gehängten Signalhorn. Mangustu schob seinen
Schleier zurück und enthüllte ein hübsches Gesicht mit oliven⸗
farbener Haut, mit schwarzem Bart und melancholischen
Augen. Ich ließ ihm durch Efendi sagen: „Ihr Besuch ehrt
mich sehr, desgleichen Ihr Angebot, mich zu begleiten. Ich
weiß, daß jeder Distrikt seine Zollbeamten hat, aber ich bin
ein Gast Ihres Landes und nicht den Zollvorschriften unter⸗
worfen. Ich habe einen Paß und Briefe, die von Ihren
höchsten Beamten in Addis Abeba ausgestellt sind. Ich
brauche keine Begleitung. Meine Marschroute ist sorgfältig
festgelegt. In diesem Distrikt gibt es keine Räubergefahr.
Ich ziehe daher vor, mit meiner Karawane allein zu reisen.
Mein Dolmetscher wird Ihnen jetzt meine Briefe über—
setzen.“

Es folgte eine halbe Stunde lebhafter Unterhaltung zwi—
schen ihm und Efendi. Darauf wandte sich der letztere an
mich mit den Worten: „Mangustu besteht darauf, Sie zu
begleiten. Er sagt, es handelt sich darum, Sie vor Unbill
zu beschützen, er will nicht weggehen.“

„Sagen Sie ihm, daß ich nicht in Gefahr bin, und daß
ich eine bewaffnete Wache bei mir hätte. Sagen Sie ihm
ferner, daß ich versuchen will, allein durchzukommen, und
daß ich seine Begleitung nicht wünsche.“

Efendi gab diese Erklärungen mit vielen Worten und

8 Norden. Abessinien

33
7
        <pb n="134" />
        wahrscheinlich mit vielen eigenen Hinzufügungen weiter.
Aber Mangustu blieb fest.

„Er will nicht weggehen“, sagte Efendi zu mir mit tiefster
Uberzeugung.

Bei der lebhaften Unterhaltung hatte Mangustu seine
erkrankte Hand nicht immer unter der Schamma gehalten.
Mein Blick fiel von ihr auf sein entschlossenes Gesicht, und
ich empfand die Neigung, an die abessinisch-erythräische
Grenze zurückzukehren. Aber sicherlich ließ sich noch ein
Weg finden, mit diesem Problem fertig zu werden. Ich
fragte Efendi, ob es möglich sein würde, den Mann mit
Hilfe eines Geldgeschenkes loszuwerden. „Nein“, erwiderte
er, „Mangustu handelt auf Befehl seines Vorgesetzten. Er
wird keine Bestechungsgelder annehmen.“

Es blieb also anscheinend nichts anderes übrig, als die
Begleitung des Leprakranken für die Dauer der drei—
tägigen Reise durch sein Gebiet anzunehmen.

In der ersten Nacht schlugen Mangustu und seine Sol⸗
daten ihr Lager auf den Sandbänken des Flusses auf. Das
meinige lag zehn Fuß höher. Als wir am nächsten Morgen
weitermarschierten, setzte sich der entschlossene Begleiter an
die Spitze der Karawane.

Während ich den Spuren des unerwünschten Mannes
folgte, wurde ich mir klar darüber, daß etwas geschehen
müsse, um die Zeit seiner Anwesenheit abzukürzen. Wir
kamen am Nachmittag bei unserem nächsten Lagerplatz an.
Ich beratschlagte mit meinen Karawanenführern und ordnete
an, daß wir nach einer mehrstündigen Ruhe und dem Abend—
essen weitermarschieren und beim nächsten, etwa sechs Stun—
den entfernten Wasserloch unser Lager aufschlagen würden.

14
        <pb n="135" />
        Reisen im Mondlicht mußte nicht nur sicherer, sondern zu—
gleich sehr angenehm sein. Aber als ich diesen Plan faßte,
hatte ich nicht mit meiner Eskorte gerechnet. Als er meine
Vorbereitungen für den Aufbruch sah, erhob er nicht nur
Einwendungen, sondern verriet zuletzt auch den wirklichen
Grund für seine Anwesenheit. „Ich kann nicht erlauben,
daß Sie heute abend die Weiterreise antreten“, sagte er,
„ebensowenig morgen, und vielleicht nicht einmal in den
nächsten Tagen. Ich habe mich mit Lidj Derwew in Ver—
bindung gesetzt, um zu erfahren, ob ich Sie überhaupt
weiterziehen lassen darf. Ich weiß nicht, wann seine Ant—
wort eintreffen wird. Es kann vielleicht länger dauern, da
in diesen Tagen die Fantasia' zur Feier der Christianisie⸗
rung stattfindet.“

Ich war verhaftet. Nochmals machte ich den Versuch,
meine Dokumente wirken zu lassen. Ich fügte noch eine
Photographie hinzu, die Belatan-Geta Herouy mit seiner
Namensunterschrift versehen hatte, aber alles ohne Erfolg.
Ich mochte einen vom Negus genehmigten Paß vorzeigen,
Briefe des Gouverneurs der wichtigsten Provinz Athiopiens
und auf freundlichem Fuße stehen mit dem Leiter der aus—
wärtigen Politik des Reiches — Mangustu handelte auf
Grund von Befehlen eines Ras, der in unserer Nähe resi⸗
dierte, eines Teilfürsten, für den eine in Addis Abeba
erteilte Erlaubnis nicht eben viel bedeutete. Ich erkannte
an dieser Haltung, daß die Zeiten Meneliks, desfen eiserne
Hand sich in allen Gebieten des Reiches durchgesetzt hatte,
tatsächlich vorbei waren.

Ich zog mich zurück und überlegte andere Pläne, und zwar
ziemlich verzweifelte. Er hatte schließlich nur acht bewaffnete
Männer bei sich und ich deren sechs. Außerdem besaß ich

22*
—5—
        <pb n="136" />
        Gewehr, Schrotflinte und Revolver. Aber meine Leute
hatten nicht das Recht zu schießen, es sei denn, daß wir von
Räubern oder anderen Menschen angegriffen wurden. Ich
war aber nicht angegriffen, sondern nur begleitet und fest⸗
gehalten worden. Dazu verdankte ich meine Schutzwache der
Höflichkeit der italienischen Kolonialoffiziere, und eine
Schießerei mußte unfehlbar ernste Folgen nach sich ziehen.
Was ich auch unternehmen würde, es durften nicht andere
darin verwickelt werden, sondern nur ich selbst, der ich
ja bereit war, alle Konsequenzen zu ziehen.

Warum sollte man meinen Aufseher nicht fesseln und ihn
als Gefangenen mit zum Desjasmatsch nehmen, der meine
Dokumente vielleicht höher einschätzte! Dazu hätte man
allerdings erst die Soldaten des Leprakranken bestechen
müssen. Ich unterbreitete Efendi den Plan. Er setzte mir
sofort auseinander, wie unsinnig und zwecklos der Versuch
eines Gewaltaktes sein würde. Ob ich nicht das kleine
Horn gesehen habe, das Mangustus Boy um den Hals
hängen hatte? Auf den ersten Klang dieses Horns würden
bewaffnete Männer — Hunderte von bewaffneten Männern
— aus allen im Busch versteckt liegenden Dörfern herbei—
stürzen, um ihrem Führer zu Hilfe zu kommen.

Ich war zwar skeptisch hinsichtlich der Existenz von Hun—
derten von Männern innerhalb der Hörweite eines Horn—
signals, gab aber das Plänemachen für diese Nacht auf. Der
nüchste Morgen brachte neue Palaver. Efendi hatte bereits
einen förmlichen Fußweg zwischen meinem Zelt und dem
des Mangustu ausgetreten, das hundert Meter entfernt
lag, soviel Botschaften von mir hatte er hinübergetragen
und ebensoviel Antworten zurückgebracht. Schließlich war
meine Geduld zu Ende, ich folgte Efendi, ergriff den Lepra—

16
        <pb n="137" />
        kranken bei der Schulter und nahm dem Boy das Horn
weg, um damit anzudeuten, daß mir jetzt alles einerlei sei.
Die Wirkung war nicht die von mir gewünschte. Mangustu
riß das Horn wieder an sich und blies einmal kurz darauf.
Innerhalb einer halben Stunde war mein Lager von einer
Anzahl von Männern umzingelt, alle mit dem Gewehr in
der Hand.

Dieser Anblick überzeugte mich, daß ich so lange ein Ge—
fangener war, bis es Mangustu gefallen würde, mich freizu—
lassen. Es machte den Eindruck einer gewollten Beleidigung,
daß ich verpflichtet war, meinen Gefängnisaufseher, seine
Leute und seine Tiere während der Zeit meiner Gefangen—
schaft zu ernähren; denn drei Tage lang lehnte er es ab,
sein Elefantengraslager zu verlassen. Obwohl ich den Glau—
ben verloren hatte, ihn durch Überredung zu beeinflussen,
fuhr ich dennoch fort, ihm Mitteilungen durch Efendi zu
schicken, und anscheinend hatten sie schließlich doch etwas
Erfolg. Soweit ich feststellen konnte, kam von Lidj Derwew
keine Antwort, aber am Morgen des vierten Tages ließ
Mangustu mir sagen, ich könne die Packtiere beladen und
meinen Weg fortsetzen, allerdings nicht ohne seine Be—
gleitung.

Zwei Tage lang noch marschierte der Leprakranke an
der Spitze meiner Karawane. Als er am letzten Tage bei
mir erschien, um sich zu verabschieden, setzte er mich in Er—
staunen, indem er sich auf den Boden warf und meine
Stiefel küßte. Offenbar bat er um Verzeihung, die ich
allerdings nicht gerade geneigt war ihm zu gewähren.

Mangustu war der aufregendste von den Zollbeamten, mit
denen wir in Berührung kamen, aber keineswegs der letzte.
Einer von ihnen warnte alle Reisenden durch ein Stück

—117
        <pb n="138" />
        Papier, das an einem Baum befestigt war. Efendi über—
setzte das amharische Skriptum wie folgt:

„Jeder freie Mann, der hier vorbeikommt, hat anzu⸗
halten und folgende Mitteilung zu lesen: Achtungl“
Das Lesen der Vorschrift schien das einzige zu sein, was

man verlangte; denn bei persönlicher Berührung erwies sich
der Beamte als ein friedlicher Mann, der durchaus keine
Schwierigkeiten machte. Einige andere, die wir später
trafen, waren von gleicher Art, so daß ich schließlich dahin
kam, ihnen mit einem gewissen Humor zu begegnen. Ein—
mal hatte ich Efendi nach dem Ausweis eines dieser Be—
amten gefragt: Natürlich hatte er keinen, mit Ausnahme
seines Signalhorns, was mir dann allerdings auch völlig
genügte.
Es tat wohl, wieder frei zu sein und sich den einsamen
Weg nach Gondar entlangzuarbeiten. Ganze Tage gingen
hin, ohne daß man eine Spur menschlichen Lebens sah, mit
Ausnahme der eigenen Karawane. Die spärlichen Dörfer
dieser Gegend lagen weit von unserem Weg entfernt und
waren im Gras und Busch versteckt. Es gibt zu allen
Jahreszeiten nicht viel Reisende in diesem Landesabschnitt,
und infolge des religiösen Festes waren es zur Zeit noch
weniger als sonst. Während der drei Wochen meines
Marsches zwischen Om Aggar und Gondar bin ich nur drei
Karawanen begegnet. In jedem Fall stoppten Efendi und
unsere Mannschaft, um sich mit den Reisenden zu unter—
halten und von ihnen Neues von Gondar und anderen Ort—
schaften zu erfahren. Ich hoffte auf Nachrichten über die
Expedition Dr. Prüfers, denn ich hatte von ihm seit meiner
Abreise aus Addis Abeba nichts gehört. Ich fragte, ob man

118
        <pb n="139" />
        etwas von einer großen Karawane mit zwei Ausländern und
ihren Frauen bemerkt habe. Niemand hatte etwas gesehen.
Meine persönliche Besorgnis wurde vergrößert durch den
Gedanken, daß auch der Gouverneur von Erythräa be⸗
unruhigt war und mich gebeten hatte, ihm sofort Nachricht
zukommen zu lassen, wenn ich etwas in Erfahrung bringen
würde.

Eine Karawane, die wir unterwegs antrafen, setzte sich aus
hundert Maultieren zusammen, deren Last aus getrockneten
Häuten, die in Massaua nach Europa verfrachtet werden
sollten, bestand. Die nur von wenigen Treibern begleiteten
Packtiere zogen einigermaßen ungeordnet einher, und da die
Ränder der trockenen Häute hart und scharf wie Messer
sind, mußten wir, solange sie in der Nähe waren, sorgfältig
aufpassen, um nicht mit ihnen zusammenzustoßen.

Eine weitere Gefahr für Kleider und ungeschützte Körper—
teile bildete das dichte Dorngestrüpp. Einer der Boys ging
voran und bog das Strauchwerk, so weit er konnte, zur Seite,
damit ich hindurchreiten konnte. Aber trotz der glühenden
Hitze zog ich vor, meine Lederjacke zu tragen, weil die
Dornen sogar festes Hemdentuch zerfetzten. Meine Mann—
schaft wußte nicht recht, ob sie mehr den Körper oder die
Bekleidungsstücke schützen sollte. Manchmal zogen sie ihre
Schammas dicht an sich, dann wieder legten sie sie ab und
falteten sie auf dem Kopf wie riesige Turbane zusammen.

Aus dieser Gegend des dornigen Gestrüpps, das unter—
mischt war mit lieblich blühenden Sträuchern, gelangten wir
in fruchtbares Ackerland. Meilenweit erstreckten sich Durra⸗
und Baumwollfelder. Die letzten waren fast alle der Ver⸗
nichtung preisgegeben, mit Ausnahme von kleinen umhegten
Teilen, die für die Bedürfnisse der Dorfbewohner, deren
        <pb n="140" />
        Tukuls entweder in oder neben den Feldern lagen, be—
stimmt waren. Das Verderben der wertvollen Ernte ist nicht
immer abessinischer Trägheit zuzuschreiben, sondern viel—⸗
mehr die Folge der mangelhaften Transportmöglichkeiten.
Ich sah einige Sklaven bei der Arbeit. Es waren Schankalis,
wie man an ihrer schwarzen Haut und ihren flachen Nasen
erkennen konnte. Drei von ihnen, zwei Männer und eine
Frau, erzählten mir, daß sie ehemals Sklaven gewesen
wären, aber jetzt durch ihre Herren die Freiheit erhalten
hätten. Sie waren mir aufgefallen, weil sie einen Hund bei
sich hatten, den einzigen, den ich in wochenlanger Zeit ge—
sehen habe.

Unser nach Süden gerichteter Marsch brachte uns an den
Casa⸗Gee und an den Fluß gleichen Namens, der die Grenze
der Provinz Wolkait bildet. In dieser fruchtbaren Gegend
brauchen die Bauern keinen Pflug. Sie säen ihre Baum—
wollsaat, Durra und Dagusa um die Mitte des Monats
Juni, wenn die dreimonatige Regenzeit beginnt. Dann
ziehen sie sich in höher gelegene Gegenden zurück und bleiben
dort, bis die Felder, die man inzwischen sich selbst überlassen
hat, erntereif geworden sind.

Um im Casa⸗See fischen zu können, hatte ich nicht nötig, in
mein Gepäck zu tauchen, um Angelzeug zu suchen. In dieser
Gegend gibt es zwei Methoden des Fischfanges. Nach der
exsten streut man gepulverte Samenschalen des Bira-Bira—
Baumes aufs Wasser; das Pulver vergiftet die Fische nicht,
betäubt sie aber, so daß sie, den Bauch nach oben, an die
Oberfläche treiben. Die andere Methode besteht darin, den
Abfluß des Sees zu verstopfen und diesen im ganzen mit
Netzen abzufischen. Als ich zu Efendi sagte, daß weder die
eine noch die andere Form sportgerecht sei, erwiderte er:

20
        <pb n="141" />
        „Wir fischen in der gleichen Art, wie es zu Jesu Zeiten ge—
schah. Sie erinnern sich, daß er zu Simon, genannt Petrus,
und zu Andreas, seinem Bruder, sagte, sie möchten ihre Netze
in den See von Galiläag werfen.“

In dem Lande des Überflusses, durch das nunmehr unser
Weg führte, erhielten die Mahlzeiten ein erhöhtes Interesse.
Linsen und Bouillonkapseln traten weniger häufig in Er—
scheinung, die Eingeborenen aus den versteckt liegenden
Dörfern brachten Lebensmittel zu unserem Lager und waren
glücklich, eine Flasche Mastixbranntwein als Gegenwert zu
erhalten. Scheibenhonig wurde in Mengen herangebracht,
ebenso Honigbrot und Tetsch. An Eiern gab es Überfluß,
und gegen Ende der Reise hingen niemals weniger als ein
halbes Dutzend Hühner von irgendeiner Kamelslast her—
unter. Eingerechnet die Perlhühner, Antilopen und
Gazellen, die wir unterwegs erlegten, waren wir mit Nah—
rungsmitteln reichlich versehen. Die Mannschaft aß ihr
Fleisch roh, eine abessinische Sitte, auf die das häufige Vor—
kommen von Bandwürmern zurückzuführen ist.

Eines Abends kam Efendi in mein Zelt und teilte mir
mit: „Es ist ein Mann hier mit einem Swien'.“ Das Ge—
quieke eines Schweins verlieh der Mitteilung die nötige
Klarheit. Das kleine Wildschwein war von einem Bauern
gefangen worden, der dafür fünf Mariatheresientaler ver—⸗
langte. Weder er noch einer von meinen Leuten wollte das
Tier essen, denn die abessinischen Christen halten fest an dem
mosaischen Gesetz, das den Genuß von Schweinefleisch ver—
bietet, ein Gebot, das ja auch für die Mohammedaner gilt.
Ich kaufte das Schwein in der Absicht, es lebend mit nach
Gondar zu nehmen, um es dort einem Europäer, der auf
Schweinefleisch Appetit hatte, zu schenken. Aber bei diesem

21]
        <pb n="142" />
        Plan hatte ich meine Rechnung ohne das Kamel gemacht,
das bestimmt wurde, das quiekende kleine Tier zu trans—
portieren. Es rannte wie wild davon und schleuderte das
Schwein gegen einen Baum. Es gab also keinen anderen
Weg, das letztere zum Schweigen zu bringen, als es zu töten.
Trotz des köstlichen Geschmacks hatte ich an diesem Abend
wenig Freude an meinem Essen.

Die Löwen- und Büffelspuren, die wir eines Tages ent—
deckten, erregten keineswegs das sportliche Interesse meiner
Mannschaft. Obwohl die Leute bewaffnet waren, schienen
sie doch Furcht zu haben. In der gleichen Nacht sagte Adum:
„Ich werde bei dir schlafen.“ Aber er unterließ die Er—
klärung, ob diese angebotene Gesellschaft als Schutz für mich
oder für ihn gedacht war. Ich habe den Vorschlag, wie ich
wohl sagen darf, nachdrücklich abgelehnt.

Es fehlte auch nicht an allerhand Aufregung und Spek—
takel innerhalb meiner Mannschaft. Eines Morgens prä⸗
sentierte Efendi mir folgende schriftliche Mitteilung:

„Ich bedaure, Ihnen berichten zu müssen, daß zwei von
Ihren Kognakflaschen ohne Erlaubnis von unserer Mann—
schaft ausgetrunken worden sind. Dies zu Ihrer Kenntnis.“

Ich habe der Sache natürlich keine Beachtung geschenkt.
Sowohl die erhaltene Mitteilung als auch den Diebstahl,
wenn er wirklich vorgekommen war, nahm ich als Beweis
für die angegriffenen Nerven, unter denen wir in diesen
Tagen alle zu leiden hatten. Am Tage vorher hatte einer
der Boys ein Gewehr auf meine Porzellantasse fallen lassen,
die ich bis dahin sorgfältig gehütet hatte, weil sie den ein—
zigen sybaritischen Artikel meiner Ausrüstung darstellte. Die
anderen hatten die Scherben fassungslos aufgesammelt, als

22
        <pb n="143" />
        ob sie meinerseits eine Explosion erwarteten, die die Welt in
Trümmer legen würde. Daß ich den Vorfall aber als
nebensächlich behandelte, trug mir ihre besondere Liebe ein.

Die zweite Hälfte unserer Reise war weit vergnüglicher
als der Anfang. Wir waren aus der heißen Landschaft in
größere Höhenlagen emporgestiegen. Die Flüsse, an denen
wir lagerten, führten mehr Wasser. Obwohl Efendi diese
Stätten „Stationen“ nannte, gab es kaum irgendein An—
zeichen, daß andere Menschen dort vor uns gewesen waren.
Wir hatten meist erst das Unterholz wegzuräumen. Mit
Bedauern sah ich manchmal, daß auch Bäume niedergelegt
werden mußten, um Platz für unser Lager zu gewinnen. In
diesem hohen felsigen Gebiet durchquerten wir große Strecken
mit blühenden Bäumen. Rosarote Kirsch- und Pfirsich—
blüten erhoben sich über einen durch Feuer geschwärzten
Erdboden oder über das Gelb des Elefantengrases. Jeder
Lufthauch trug uns den schweren Duft der Enselablüten zu,
der einem Eingeborenengetränk sein Gepräge gibt. Gerade
vor uns erhob sich eine Bergkette mit reichen Formen, flach
wie ein Tisch, zuckerhutförmig und mit zackigen Spitzen, die
sich wie Kathedralen vom Himmel abhoben.

Jenseits des Lagerplatzes bei Bir kamen wir in ein so
hochgelegenes Gebiet, daß die Vegetation sich auf Kaktus
uͤnd Bambus beschränkte. Hier befand ich mich in der Rähe
des Omba-Zagol, eines Berges von 2600 Meter Höhe in
der Tsegode-Woggera-Kette. Es wurde plötzlich so kalt,
daß ich das Gepäck herunternehmen und alle irgendwie vor—
handenen wollenen Kleidungsstücke heraussuchen lassen
mußte. Es machte den Eindruck, als ob wir uns unseren
eigenen Weg bahnten, tatsächlich war er jedoch durch schwarze
Sleine, die immer etwa hundert Meter voneinander gesetzt

27
        <pb n="144" />
        waren, markiert. Sie waren im Laufe der langen Zeit, seit
die Araber und Agypter zuerst hierhergekommen waren, stark
verwittert und überwachsen, hatten aber immer dazu ge—
dient, einen Weg zu kennzeichnen, der irgendwie zum Wasser
hinführte. Oft waren diese Steine vom Gesträuch versteckt,
indessen, selbst wenn man sie fand, konnte man sich auf
ihre Führung nicht ganz verlassen, denn die Wasserläufe
hatten vielfach im Laufe der Zeit eine ganz andere Richtung
eingeschlagen. Soweit wie möglich bedienten wir uns mensch—
licher Wegweiser, aber auch trotz ihrer Hilfe verloren wir
manchmal den Pfad.

Der Angareb-Distrikt ist aus zwei Gründen sehr be—
merkenswert. Der dortige Zollbeamte war sehr freundlich,
und ich konnte ein Dorf besuchen, während Efendi und einige
unserer Leute die Gelegenheit benutzten, das Wasser einer
in der Nähe gelegenen heißen Quelle zu gebrauchen. Das
Dorf bestand aus annähernd vierzig Tukuls und beherbergte
zweihundert Menschen, von denen einige Sklaven waren.
Die Frau in der größten Hütte schlug meinen Wunsch ab, sie
photographieren zu dürfen, aber der Grund ihrer Ab—
lehnung war mehr eine Sophisterei als eine Unhöflichkeit.
Sie war, wie sie sagte, in Asmara bereits photographiert
worden; offenbar war sie eine Aristokratin. Wenn ich ihr
in Asmara oder in Addis Abeba begegnet wäre, würde ich
sie im Sattel eines Maultieres und nicht ohne Gefolge ge—
sehen haben.

Unser nächster Aufenthalt wurde durch einen Bauern ver—
anlaßt. Er bestand darauf, daß wir kein Recht hätten, durch
sein Baumwollfeld zu reiten, ein Weg, der uns von einem
seiner Dorfgenossen gewiesen war, und verlieh seinem Wider—
stand Nachdruck, indem er eine kleine Armee von Nachbarn,

124
        <pb n="145" />
        von denen manche Gewehre in den Händen trugen, zu seiner
Unterstützung herbeirief. Ich war bereit nachzugeben und
bedauerte unseren Durchmarsch, aber unser ortskundiger
Führer zeigte mir die Linie von schwarzen Steinen und
bewies damit seine Behauptung, daß der Bauer seine Baum—
wolle über den Weg hinaus angesät habe. Gegen dieses
Argument war natürlich nichts einzuwenden, und die Menge
zerstreute sich. Wir schlugen unser Nachtlager unter dem
einzigen Baum auf, den es meilenweit gab, und setzten
unsere Reise am nächsten Morgen durch die Baumwollfelder
unbehindert fort.

Von hier an zog sich unser Weg durch ein unangenehmes
Land hin, in dem die Berge mit Felsblöcken und Dorn—
gestrüpp bedeckt waren. Doch wurde ich erfreut durch die
Ankunft von zwei Askaris, die mir einen Brief von Signor
Frangipani, dem italienischen Konsul in Gondar, über—
brachten. Er war durch ein Telegramm des Gouverneurs
von Erythräa über meine Ankunft unterrichtet und hatte
die beiden Soldaten als Führer für den Rest meiner Reise
geschickt. Er hatte ihnen auch einen Paß mitgegeben, den
ich der Polizei des Ras Gugsa in Ketsch Bajena zeigen sollte.
Dieser schriftliche Willkommengruß und das Angebot seiner
Hilfe bedeutete viel für mich, obwohl ich durch Benutzung
eines Richtweges Ras Gugsas Gebiet vermeiden konnte.

Noch drei Tage von Gondar entfernt, kamen wir in ein
Gebiet, das in sich die Schönheiten aller Hochgebirgsland⸗
schaften der Welt vereinte. In der Ferne erblickten wir hohe
Berge, und unser Marsch führte über Hügel und durch para⸗
diesische Täler. Hier gab es von Farnkraut eingefaßte Bäche
und dicht bewaldete Cañons. Vögel mit leuchtendem Ge⸗
fieder sangen in den Bäumen und schwarzweißgefärbte

IE,
        <pb n="146" />
        Colobusaffen schwangen sich von Zweig zu Zweig. Nach den
Reisetagen zwischen Dornen und Felfen ergriff mich der
Anblick und die Berührung mit der frischen grünen Natur
aufs tiefste.

Die Luft war angefüllt mit dem Duft der Blumen, die
die grünen Abhänge mit ihren bunten Farben durchsetzten.
Ich sah Oleander und Lawendel, Hortenfien, riesige Butter
blumen und eine Blume, die aussah wie Edelweiß, aber
noch größer und schöner war. Eine purpurfarbene Blume,
die ich nicht kannte, nannte Efendi Bienenblume. Er
zeigte mir eine Blume, die er „Agam“ nannte, und von
der er behauptete, daß man sie essen könne. Ich fand, daß
sie nach Veilchen schmeckte. Es gab ferner Zitronen⸗, Apfel⸗
sinen· und Olivenbäume, auch Granatäpfel, Birnen und
Trauben. Nichts fehlte in diesem paradiesischen Lande.

Efendis Stolz auf dieses tropische Land des Überflusses
war schön anzusehen, aber er war nicht nur stolz, sondern
auch glücklich, denn er näherte sich seiner Vaterstadt. Er
hatte sie seit zwölf Jahren nicht gesehen und hoffte, seine
Mutter, seine Brüder und viele Verwandte anzutreffen. In
seinem Enthusiasmus wurde er lyrisch und sogar biblisch
und auch ein wenig ungenau: „Mein Land ist wie ein
zweites Palästina, die Berge sind wie der Libanon.“

Jetzt fehlten auch Wanderer auf der Landstraße nicht mehr.
Weißgekleidete Dorfbewohner waren von allen Seiten auf
dem Wege nach Gondar, um das jährliche Tauffest zu feiern.
Alle schritten sie dahin mit einem anmaßenden Gesichtsaus⸗
druck und ohne irgendein Interesse für Fremde, ein Zug,
der so charakteristisch für Abessinier ist. Meistens gingen
sie in kleinen Gruppen von Männern, Frauen und Kindern,
gelegentlich aber sah ich auch die einzelne Gestalt einer
        <pb n="147" />
        Nonne mit einem faltigen und gelblichen Gesicht unter ihrer
weißen Kappe.

Unser letztes Lager vor Gondar war in der Nähe einer
Gruppe von Tukuls aufgeschlagen worden. Ein alter
blinder Mann, den Efendi herzlich begrüßte, wurde aus
einer der Hütten zu uns geführt. „Er ist ein heiliger Mann
und kennt meine Mutter“, sagte Efendi, „soll er Ihnen
etwas vorsingen?“ Der Greis verfügte über einen infolge
seines Alters etwas brüchigen Bariton, der früher sicherlich
schön gewesen war. Sein Gesang hatte herzbrechende
Töne, die mich an den hebräischen Kol Nidre erinnerten.
Ich erfuhr erst später, daß der Mann zum Stamm der
Falascha gehörte.

Am nächsten Morgen ritt ich weiter, und zwar ging es
ziemlich flott vorwärts, weil ich ein frisches Maultier be⸗
nutzen konnte, daß der umsichtige Konsul mir geschickt hatte.
Am Nachmittag genoß ich den ersten Anblick der noch ziem—
lich weit entfernten alten Hauptstadt. Auf den Spitzen der
Bergkette vor mir erhoben sich die Ruinen des alten
Gondar und die Tukuls und kleinen Hütten der neuen Stadt
mit den dazwischenliegenden freundlichen Baumgruppen.

Gondar

Die alte Hauptstadt und ihre Geschichte — Das italienische Konsulat
— Fitaurari Yemer — Ruinen alten Glanzes — Die moderne Stadt
— Alle und neue Kirchen — Die Handwerker von Gondar — Markt
Mẽ meiner Ankunft in Gondar befand ich mich im
innersten Herzen des wirklichen Abessinien. Addis
Abeba ist neu geschaffen, kaum ein Dritteljahrhundert alt

127
        <pb n="148" />
        und mehr eine äthiopische als eine abessinische Hauptstadt.
Aber das schmutzige, auf einer dreispitzigen Bergkette von
fast zweitausendeinhundert Meter Meereshöhe gelegene
Gondar wurde bereits in der ersten Hälfte des siebzehnten
Jahrhunderts Kaiserstadt. Eine Reihe von achtzehn Königen,
die mit Sarta Dendas um die Mitte des sechzehnten Jahr—
hunderts begann und zweihundert Jahre später mit Tekla
Giyorias abschloß, ist bekannt als das Haus von Gondar.
Aber die Stadt, die nach dieser Dynastie genannt wurde,
war erst nur ein Dorf und das Hauptquartier für Teilfürsten,
bis König Fasil zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts
auf den Thron kam und den Ort zu seiner Residenz machte.

Das diesem Ereignis vorangehende Jahrhundert war eine
Zeit großer Geschehnisse und Veränderungen in der abessini—
schen Geschichte gewesen. Es hatte einen viele Jahre
dauernden mohammedanischen Einfall und Verheerungen
gegeben, die dank der von Portugal gewährten Hilfe mit
einem Sieg des christlichen Reiches geendet hatten. Aber
kaum war Abessinien von den Mohammedanern frei, so
wurde seine Unabhängigkeit durch die friedliche Durch—
dringung ihrer Verteidiger bedroht. Die portugiesischen
Soldaten, die den Krieg überlebt hatten, ließen sich auf dem
ihnen verliehenen Landbesitz nieder. Ihnen folgten jesuitische
Missionare, die in größeren Orten Bekehrungen vornahmen
und durch Intrigen zu weltlicher und religiöser Macht zu
gelangen suchten.

König Fasil machte dieser Gefahr, die seinem Königtum
und der Staatskirche drohte, ein Ende, indem er die Portu—
giesen des Landes verwies. Und durch einen der Wechsel⸗
fälle der Geschichte, die aus dem Feind von gestern den Ver—
bündeten von heute machen, gelang es ihm, mit den Mo—

128
        <pb n="149" />
        Cunamas kommen im Laufschritt zum Tanz

Schloß König Fasils in Gondar
        <pb n="150" />
        Prozession um die Kirche in Gondar
        <pb n="151" />
        hammedanern, die die Küste beherrschten, ein Abkommen zu
treffen, durch das den Portugiesen der Weg durch ihr Land
nach Abessinien verschlossen wurde. Das Reich blühte unter
Fasil, im Laufe seiner fünfunddreißigjährigen Regierung
wurde seine Residenz zu einer großen äthiopischen Stadt.

Gondars große Zeit ist seit langem vorüber. Bürger—⸗
kriege, feindliche Einfälle und Raubzüge haben die Stadt in
einen Haufen von mächtigen Ruinen verwandelt. Neben
ihnen steht heute eine Ansammlung von kleinen Hütten, die
in streng geteilte mohammedanische, christliche und Falascha—
Viertel zerfällt. Die Einwohnerzahl von 50 000 zu Fasils
Zeiten ist auf kaum mehr als ein Zehntel zusammengeschmol⸗
zen, und doch ist Gondar noch heute der gewerbliche und
religiöse Mittelpunkt Athiopiens.

Als ich mit meiner Karawane von ferne die Stadt er—
blickte, nach der wir seit drei Wochen unterwegs waren,
marschierte ich nicht gleich bis an ihr Weichbild und schlug
dort mein Zelt auf, wie es der Reisende, der nicht von
Freunden erwartet wird, zu tun hat, da Gondar, wie die
meisten äthiopischen Städte, kein Hotel besitzt. Konsul
Frangipani hatte mich in seinem Begrüßungsschreiben ein⸗
geladen, auf dem italienischen Konsulat sein Gast für die
Dauer meines dortigen Aufenthalts zu sein, und bewies die
Aufrichtigkeit und Herzlichkeit seiner Aufforderung, indem
er mir auf Entfernung eines zweistündigen Rittes entgegen—
kam. Ich glaube, er war ebenso glücklich, mich zu sehen, wie
ich es war, als ich seine schneidige Figur auf dem weißen
Araber erblickte.

Europäer sind dortzulande seltene Besucher. Auf der
ganzen Strecke zwischen Erythräa und Addis Abeba gibt es
nur vier von ihnen.

v Norden. Abessinien

129
        <pb n="152" />
        Konsul Frangipani ist während seines zwölfjährigen Auf⸗
enthalts in Erythräa und Abessinien für die Eingeborenen
eine Art Autorität geworden — eine Autorität, die aus
Sympathie erwächst. Er war Nachrichtenoffizier für Italien
und hatte Askaris und eingeborene Angestellte in verschiede—
nen Teilen seines Distrikts zur Verfügung, die ihn über alle
Ereignisse auf dem laufenden hielten. Er besaß das Ver—
trauen der Landesfürsten in so hohem und wohlverdientem
Maße, daß er deren Steuererträge verwaltete. Früher lebte er
in Gondar selbst, aber vor zwei Jahren wurde dem Konsulat
ein auf einem Hügel gelegenes Gelände überlassen, und jetzt
stand dort oben ein kleines Dorf. Außer den sechzig Tukuls,
in denen die Wache des Obersten, seine Angestellten und
Diener wohnten, waren noch zwei Häuser vorhanden: das
eine war die Wohnung des Konsuls, das andere die des
Arztes, der allerdings zur Zeit abberufen war. Falaschas,
die im Handwerk erfahren sind, haben diese beiden Gebäude
unter des Obersten Leitung und mit seiner Hilfe aufgeführt.
Sie machen daher einen schönen Eindruck und sind behag—
lich eingerichtet. Als besonderer Luxus sogar können eine
zementene Badewanne und gewisse sanitäre Anlagen gelten,
die man an so abgelegenen Plätzen selten findet.

Ich wurde in einem der Tukuls untergebracht. Der Kon—
sul selbst wohnte zur Zeit in einer gleichen Behausung, da
er seine Wohnung zum Empfang der unerklärlicherweise so
lange ausbleibenden Diplomaten und ihrer Gattinnen her—
gerichtet hatte.

Eine der Vorbereitungen für deren Empfang hatte darin
bestanden, daß er sich aus Italien ein Kochbuch hatte schicken
lassen, dem wir wunderbare Mahlzeiten mit herrlich duften—
den Soßen verdankten.

130
        <pb n="153" />
        „Wie bringen Sie das nur fertig mit einem abessinischen
Koch?“ fragte ich ihn.

„Ganz einfach“, sagte er, „ich lese die Rezepte meinem
Dolmetscher vor, der sie für den Koch ins Amharische über—
setzt.“

Efendi muß ein wenig Besorgnis empfunden haben, daß
ich meine Zeit auf den friedlichen Gefilden europäischer Ge—
selligkeit und Bequemlichkeit vertrödeln und darüber die
äthiopischen Dinge vergessen würde. Schon am ersten Abend
nach unserer Ankunft händigte mir Adum eines jener
Schreiben ein, die sich bereits bei uns eingebürgert hatten.
Es lautete folgendermaßen:

„Sehr wichtig!
Zur Erinnerung!
Sie brauchen einen oder zwei Tage, um die berühmte
abessinische alte Hauptstadt Gondar kennenzulernen und um
die nötigen photographischen Aufnahmen zu machen. Zum
Beispiel solche von den Turmen, dem Palast König Fasils
und denjenigen verschiedener seiner Nachfolger, Denkmäler,
Kirchen, von Juwelieren, Goldschmieden, Webern, Loh—
gerbern und kirchlichen Prozessionen am Sonntag. Ich
denke auch, daß es noch eine Reihe anderer Sehenswürdig—
keiten in dieser Stadt gibt, die Sie sehr interessieren werden.

Zu Ihrer Information, oder wofür Sie es sonst nehmen
wollen.

Ich habe die Ehre zu sein, Sir,

Ihr höchst demütiger und gehorsamer Diener
Workenah Efendi Desta,
Ihr Dolmetscher.“
        <pb n="154" />
        Er hatte sich unnötigerweise aufgeregt. Es gab reichlich
Gelegenheit, die Stadt zu besichtigen, sowohl während mei—
nes geplanten Aufenthaltes als auch während der Zeit
meiner Freiheitsberaubung. Doch war mir noch kein An—
zeichen von einer unfreiwilligen Verlängerung meines Be—
suches bekanntgeworden, als ich am Morgen nach meiner
Ankunft in Begleitung des Herrn Baur, eines Misstonars
aus Jenda, den ich später noch öfter sehen sollte, und einer
mir vom Konsul aus Höflichkeit und aus Prestigegründen
beigegebenen Eskorte von vier Mann nach Gondar aufbrach.

Wir gelangten nach einem halbstündigen Ritt vom italie—
nischen Hügel ins Tal hinab, durchquerten den Fluß und
waren im Begriff, den jenseitigen Abhang nach der Stadt
hinaufzureiten, als wir mitten auf dem Wege durch ein Er—
eignis zum Halten veranlaßt wurden. Im Tal zwischen den
beiden Abhängen stießen wir auf eine Kavalkade, die der
unsrigen glich. Der Führer derselben war offensichtlich
ein Mann von Bedeutung, wie man an seiner würdevollen
und malerischen Erscheinung erkennen konnte. Sein Gewehr
ragte aus einem Schulterausschnitt seines schwarzen Capes
hervor, und die Spitze desselben befand sich in gleicher Höhe
mit seinem schwarzen Hute. Wir zogen die Zügel an, und
Efendi gab die nötigen gegenseitigen Erklärungen.

Zu mir sagte er: „Das ist der Fitaurari Yemer, der Ver—
treter Ras Gugsas, dem das Gondar⸗Territorium unter—
steht. Er hat von Ihrer Ankunft gehört und war auf dem
Wege nach dem italienischen Konsulat, um Sie zu be—
grüßen.“

Wir reichten uns vom Sattel aus die Hände. Niemand
in so erhabener Stellung wie der Fitaurari würde abgestiegen
sein. Ich richtete die üblichen Fragen an ihn, zum Beispiel

139
        <pb n="155" />
        wie er die letzte Nacht geschlafen habe, und drückte ihm meine
Freude aus, in seinem Lande weilen zu können. Er ant⸗
wortete mit höflichen abessinischen Redewendungen.

Als ich nach Gondar hinaufritt, geschah das in dem Glau⸗
ben, daß die zufällige Begegnung dem Fitaurari sowohl als
auch mir Gelegenheit gegeben habe, uns aller feierlichen
Verpflichtungen zu entledigen. Es war mir ein angenehmes
Gefühl, daß ich diese Formalitäten hinter mir hatte und
nunmehr in der Lage war, mich frei der Besichtigung der
Stadt widmen zu können.

Wir sahen wenig Menschen auf dem Wege, der den kahlen
Hügel hinauf führte. Gondar hat nur an Markttagen An—
ziehungskraft für die Bewohner der umliegenden Gebiete.
Die Stadt selbst erscheint einem fast von Menschen ver⸗
lassen, wenn man sie zuerst betritt. Die engen, mit Kopf—⸗
steinen gepflasterten Gassen sind moosbewachsen. Hohe
Mauern schützen das in den Hütten und wenigen festen
Häusern vor sich gehende Leben vor dem Anblick Vorüber⸗
gehender. Wenige weißgekleidete Priester und Kinder wer—⸗
den sichtbar. Hier und da kommt eine einzelne Frau, die
einen Steinkrug mit Milch oder Tetsch auf dem Kopf, unter
dem Arm oder an beiden Stellen trägt. Bei meinem Ritt
durch die Stadt konnte ich kaum glauben. daß sie fünftausend
Einwohner zählte, wie man behauptet, oder daß sie ehemals
eine bedeutende Stadt gewesen ist.

Aber die Ruinen auf den höhergelegenen Teilen jenseits
der Stadt sprechen eine beredte Sprache von Gondars stolze⸗
sten Tagen. Auf der Spitze des Hügels erblickt man die
Mauern einer befestigten Burg, die einst den Luginsland
für die Hauptstadt und das Reich gebildet hatte. Unterhalb
und innerhalb eines von Mauern eingeschlossenen Raumes

— 133
        <pb n="156" />
        von ungefähr vierhundert Meter im Quadrat befanden sich
die Überbleibsel von Burgen, Türmen und Verliesen, die
vor Jahrhunderten von kaiserlichem Glanz und Macht er—
füllt waren. Die Architektur war portugiesisch. Einige von
den großen Bauwerken waren von portugiesischen Hand⸗
werkern errichtet, andere, die erst nach ihrer Vertreibung
errichtet waren, stammten von abessinischen Künstlern, die
von den Portugiesen gelernt hatten.

In dem Wirrwarr von zerbröckelten Mauern und herab—
gefallenen Steinen ist es unmöglich, den ursprünglichen
Zweck mancher Gebäude zu erkennen, aber einige Mauern
zeigen noch einen ausgezeichneten Erhaltungszustand. Ein
Schloß wird der Krönungspalast genannt, ein anderes ist
bekannt als Regenbogenpalast. In diesen führen zahlreiche
Torwege, zwölf in der äußeren und vier in der inneren
Mauer. Man kann noch heute durch diese Bogengänge
hindurchgehen. Efendi zeigte mir den sogenannten Liebes—
turm und eine Ruinenmasse, die er als Wohnzimmer der
Herrin bezeichnete. Drei steinerne Bogengänge bilden den
Eingang zu einer Höhle, in der des Königs Löwen ge—
halten wurden. In einer Ecke des eingeschlossenen Raumes
befindet sich ein Verlies, das durch einen unterirdischen
Gang mit der befestigten Burg auf dem Hügel verbunden ist.

Vor der St.Felita⸗Kirche, die mittwegs zwischen den
Ruinen und der italienischen Konsulatssiedlung steht, be⸗
findet sich das besterhaltene von allen Denkmälern aus
Gondars Vergangenheit. Es ist die Statue eines Pferdes,
des Makabar Zubel, errichtet vom König Jasu zur Erinne.
rung an das Pferd, das er auf den Feldzügen im Sudan
und in Nubien geritten hat.

Efendi führte uns zu einem Wacholderhain und zeigte

134
        <pb n="157" />
        uns das Grab der Königin Memtuan und die Burg Uskuam,
ferner eine riesige Sykomore, die früher als Galgen be—
nutzt wurde. „Während meiner Kindheit habe ich einmal
fünfzig Menschen zugleich an dem Baum hängen sehen“,
sagte er.

Wenn mein Führer und Dolmetscher in Verdacht geraten
könnte, die Zahl der Gehängten übertrieben zu haben, so
muß ich doch zugestehen, daß das mit der Zahl der Kirchen
nicht geschehen ist. „Vierundvierzig Kirchen gibt es in
meiner Stadt“, erklärte er einmal über das andere. Wenn
wir den Besuch irgendeines dieser vielen Gotteshäuser unter⸗
lassen haben, so ist es nicht seine Schuld. Größe und Bau⸗
weise waren sehr verschieden, von den eindrucksvollen Ge⸗
wölben der Erlöserkirche, die in festem Mauerwerk aus—
geführt war wie die Burgen, bis zu den kleinen runden,
strohgedeckten Gebäuden, die für das uneingeweihte Auge
des Ferengi in nichts außer in ihrer Lage voneinander ab⸗
wichen, für das Kind, den Enkel und den Urenkel abessini⸗
scher Priester aber so voll von bedeutsamen Unterschieden
waren, wie für mich die Peterskirche und St. Pauls Church.
Stolz führte Efendi mich zu der St.Michaels-Kirche, die
nach seiner Erklärung vom König David, dem Sohn Fasils,
erbaut worden ist. „Einer meiner Vorfahren war Ober⸗
priester unter König David“, bemerkte er dazu. „Als ich in
Khartum war, sandte ich kostbare Teppiche und Goldsticke⸗
reien für diese Kirche. Die Priester beteten für mich, und
ich werde meinen Lohn im Himmel davontragen. Einer der
jetzigen Priester ist mein Schwager.“ Er holte seinen Ver⸗
wandten herbei, der in seiner weißen Gewandung stattlich
und imponierend aussah. In mir entstand der lebhafte
Wunsch, mir im Himmel einen ebenso großen Lohn zu er—⸗

F

22
7
        <pb n="158" />
        werben wie Efendi, aber da ich keinen Teppich zur Hand
hatte, den ich hätte stiften können, beauftragte ich den
priesterlichen Schwager, einen solchen für mich zu erstehen.
Von Efendi erwarb ich übrigens einen schönen, von seinem
Ururgroßvater herrührenden Priesterstab.

Das Glück war uns insofern günstig, als wir in einer
der Kirchen gerade zur Zeit des Gottesdienstes eintrafen.
Es war der Tag der Fronleichnamsprozession, erklärte mir
Efendi, und in seinem Eifer, mir photographische Aufnah⸗;
men zu ermöglichen, verwendete er seinen Einfluß und seine
UÜberredungskunst dazu, die Priester ins Freie zu locken,
damit ich bei geeignetem Licht Aufnahmen machen konnte.

Jeder Priester trug in der Hand einen hölzernen Stab,
der so lang war wie er selbst und an der Spitze einen drei
Zoll langen Querriegel hatte. Das ist die Genna, die wie
ein Zauberstab aussieht. In der linken Hand trägt jeder
eine mit einem hölzernen Handgriff versehene Rassel. Diese
besteht aus Metallscheiben, die an Stangen hin und her
gleiten, wobei sie gegeneinander und gegen die gebogenen
seitlichen Metallstücke klappern. Das ist die Sanassal, die
dem alten ägyptischen Sistrum ähnlich ist. Das leder—
gebundene Buch und die Fliegenklappe, die auch zu der
Priesterausrüstung gehören, waren bei dieser Gelegenheit
nicht zu sehen. Den Stab in der rechten und mit der er—
hobenen linken Hand die Rassel schüttelnd, umschritten die
Priester dreimal die Kirche, wobei sie einem Führer unter
einem scharlachroten Schirm, der ein gerahmtes, glas⸗
bedecktes Bild der Jungfrau trug, folgten. Nach Beendi⸗

gung des dritten Rundganges blieben die Priester vor der
Kirche stehen und führten hier einen rituellen Tanz aus mit
rückwärts und vorwärts gerichteten Schritten in einem

150
        <pb n="159" />
        Ruinen der Erlöserkirche bei Gondar
Oberpriester und Wächter

Salzverkäufer auf dem Markt in Gondar
        <pb n="160" />
        Marktszene in

Gondar
        <pb n="161" />
        Rhythmus, der durch Trommeln und durch das Klappern
der Rasseln markiert wurde.

Später hörte ich, daß das Geld, das Efendi und ich ge—
spendet hatten, weder der Kirche noch den Priestern zuge—
kommen war. Der Fitaurari hatte sie mit einer Strafe in
doppelter Höhe unseres Geschenkes belegt, weil sie eine Pro—
zession außerhalb der Kirche ohne seine Erlaubnis ausge⸗
führt hatten.

Aber das Volksleben nahm mein Interesse mehr in An—
spruch als alles andere. Die Kirche, in der Efendis Vorfahr
Oberpriester gewesen war, bot mir weniger als die Heim⸗
stätte, die der König diesem Vorfahren in Anerkennung
seiner kirchlichen Dienste zugewiesen hatte. Es war ein
infolge seines hohen Alters schon etwas baufälliges Holz
haus, das mitten unter Oliven-⸗, Eukalyptusbäumen und
Sykomoren stand. Wir fanden dort nur einige entfernte
Verwandte Efendis vor. Die Mutter und ein Bruder, die
er wiederzusehen gehofft hatte, waren bexeits verstorben.
Seltsam, daß Efendi von ihrem Tode nichts erfahren hatte,
noch seltsamer, daß er anscheinend von dieser Nachricht wenig
berührt wurde, obgleich er während unserer Reise oft seinen
lebhaften Wunsch, sie wiederzusehen, ausgedrückt hatte.

In Gondar habe ich das meiste von den für das Land
charakteristischen Dingen kaufen können. Das brachte mich
in Berührung mit den verschiedenartigsten Handwerkern, und
da es in Gondar keine Kaufläden gibt, hatte ich Gelegen-
heit, einige Einblicke in das häusliche Leben der Bepölke—
rung zu tun.

Meine Ausflüge zum Zwecke des Einkaufens begannen
meist mit einem langsamen Ritt durch die krummen Gassen.
Wir stiegen etwa vor einem kleinen Mauerausschnitt ab und

17
        <pb n="162" />
        standen einen Augenblick später im Vorgarten eines der
Tukuls. Der Eigentümer erschien vor der Tür, um uns zu
begrüßen, breitete dann wohl eine Ochsenhaut auf dem
Boden als Sitzplatz für uns aus und brachte die von ihm
hergestellten Gegenstände zur Besichtigung heraus. Selten
wurden wir eingeladen, die Hütte zu betreten, wohl aber
erschien meist während unserer Unterhaltung die Frau, um
uns Tetsch anzubieten. Kinder, von denen die jüngeren
immer nackt waren, spielten um uns herum. Sie machten
im allgemeinen einen sauberen und gesunden Eindruck, mit
Ausnahme der zahlreichen Fälle von Augenentzündung, die
durch Fliegen übertragen wird.

In dem Hause eines Sattlers kaufte ich Riemen aus Nil—
pferdhaut und Schmuckgeschirr für die Maultiere, von dem
trichterförmige Amulette herabhingen, die nach äthiopischem
Glauben die Wirkung des bösen Blicks abwenden. Die
Lederriemen des Geschirrs waren reich bestickt, ebenso die
purpur- und magentafarbenen Satteldecken. Diese müh—
same Nadelarbeit wird heute meist mit der Maschine ge—
macht.

Handarbeit indessen ist die Stickerei, mit der die Fest—
gewänder für Männer und Frauen geschmückt sind. Die
fünf Meter langen Schammas sind an beiden Enden und
der Länge nach in Abständen von einem Meter mit ge—
stickten Bündern versehen. Reich mit Stickereien verziert
sind die Halskrausen und die unteren Enden der langen
hemdartigen Kleider und auch die Hosen, die Bestandteile der
weiblichen Kleidung. Dasselbe gilt ferner von den beiden
Lederriemen, die zusammen mit einer Sohle den abessinischen
Schuh bilden. Einer von den Riemen wird über den Spann
geschlungen, der andere über die Zehenwurzeln. Die Schuh—

38
        <pb n="163" />
        macher wirken zugleich als Schneider, sie sind die beschäf—
tigtften Leute in Gondar. Ihr Handwerkername ist Sefe.
Mein Schuhmacher nahm Maß, indem er die Form meines
Fußes auf einem Stück Leder nachzeichnete. Darauf legte
er mir eine Anzahl Stickmuster vor, damit ich die Wahl
treffen könnte zwischen den Kreuzen, Kriegern, Jägern und
Löwen von Juda. Stolz zeigte er mir einen Auftrag auf
Pantoffel, den er kürzlich von der Kaiserin Zauditu er⸗
halten hatte.

Die Bedeutung des Gold- und Silberschmiedes, zu dem
Efendi mich führte, war schon rein äußerlich deutlich ge—
kennzeichnet. Er wohnte in einem Hause statt in einem
Tukul, und die Umfassungsmauer war etwas höher als die
seiner Nachbarn. Er wurde mir vorgestellt unter dem Namen
Tessema Worada Hei und als Offizier in der Armee in
Kriegszeiten mit dem Titel Kenesmatsch, was soviel be—
deutet wie Befehlshaber des rechten Flügels. Aber trotz
dieser Stellung hatten Tessema und seine Familie und selbst
seine Sklaven unter dem Haß, der sich gegen alle Mitglieder
der Goldschmiedezunft richtet, zu leiden. Der Aberglaube
behauptet, daß diese Arbeiter in kostbaren Metallen die
Macht haben, sich in Hyänen zu verwandeln oder die Ge—
stalt einer schönen Frau anzunehmen, um unbedachtsame
Menschen in tödliche Gefahren hineinzulocken. Früher wur—⸗
den die Goldschmiede bei Ausbruch von Epidemien als ver⸗
meintliche Verursacher des allgemeinen Unglücks getötet.
Noch heute pflegt man sie in solchen Fällen in den Stock zu
legen. Infolge dieses Vorurteils wählt niemand aus freien
Stücken diesen Beruf, Goldschmied wird man nur durch
Geburt.

Wir erreichten Tessema, indem wir eine schmale steinerne

390
        <pb n="164" />
        Treppe an der Außenwand des Hauses bis zu seiner Werk—
statt auf einem Balkon des zweiten Stockwerkes hinauf-
stiegen. Während er sich mit uns unterhielt, legte er ein
kostbares Stück, an dem er arbeitete, aus der Hand. Es war
ein goldenes Armband, das von Ras Gugsa für seine letzte
Konkubine bestimmt war. Tessema konnte in Äthiopien
kaum einen reicheren oder mächtigeren Kunden haben, denn
Gugsa von Begameder ist nicht nur der Herrscher eines der
größten Territorien des Landes, sondern auch der ge—
schiedene Ehemann der Kaiserin Zauditu. Die Scheidung
war aus politischen Gründen erfolgt. Es bestanden daher
zwischen dem früheren Ehepaar durchaus freundliche Be—
ziehungen, und die Kaiserin machte Gugsas Konkubinen
sogar Geschenke.

Das Gold des Armbandes war weich und sehr gelb —
vierundzwanzigkarätig —, was auf einen Überfluß dieses
Metalls im Lande hindeutet. Ich bestellte silberne Arm-—
bünder und einen Taufbecher. Als Material übergab ich
Tessema Mariatheresientaler zum Einschmelzen. Es ist
abessinische Sitte, eigenes Edelmetall zu liefern und die
Arbeit daran besonders zu bezahlen. In meinem Fall ent⸗
sprach der Preis für die Anfertigung dem Werte des ge⸗
lieferten Silbers. Ebenso wie beim Sefe traf ich auch hier
eine Auswahl unter den anzubringenden Ornamenten. Für
den Becher wählte ich eine Kirche, über der zwei Engel
schwebten, einen Priester und ein Kind, das einen Becher
mit heiligem Wein in der Hand hielt, einen Palast —
zweifellos der von König Fasil — und den Löwen von Juda.
Diese Motive wurden in das weiche Metall geschnitten,
allerdings in ziemlich roher Form, wie die Zeichnungen
eines Kindes. Für das drei Zoll breite Armband wählte

40
        <pb n="165" />
        ich Jagdszenen: ein Mann tötet einen Elefanten, ein anderer
einen Löwen. Einige der kleineren von ihm angefertigten
Schmuckstücke waren mit grünlichen Steinen besetzt, deren
Schönheit nicht gerade so groß war, daß man ihre Volks⸗
tümlichkeit hätte verstehen können. Efendi erklärte mir, daß
die Steine aus Zinnober beständen, einer Quecksilberverbin⸗
dung, von der man annahm, daß sie die Syphilis heile, die
in Abessinien fast so verbreitet ist wie der Bandwurm.

Während wir uns unterhielten, spielten die drei Kinder
Tessemas um uns herum. Seine Frau brachte uns Tetsch
zur Erfrischung, doch goß sie vorher einige Tropfen in die
hohle Hand und trank diese, bevor sie uns davon anbot. Es
ist die alte Sitte, um zu beweisen, daß das Getränk nicht
vergiftet ist. Tessema deutete an, daß er eine Vorliebe für
nicht eigengebraute Getränke habe, und sagte, daß er sich
freuen würde, wenn ich den halben Preis für die Arbeit
statt mit Geld mit Kognak begleichen würde.

Nachdem ich die Handwerker in ihrem eigenen Hause bei
der Arbeit beobachtet hatte, bot sich mir Gelegenheit, ihre
Erzeugnisse in öffentlichen Auslagen im Basar zu sehen.
An Markttagen verwandelt sich Gondar wieder in eine Stadt.
Tausende und aber Tausende aus den kleinen Ansammlungen
von Tukuls, die die Bergabhänge und Täler bedecken,
strömen zur alten Hauptstadt, um dort Einkäufe zu machen
und sich zu belustigen.

Von einem gutgelegenen Aussichtspunkt auf dem Hügel
beobachtete ich das Herbeiströmen der Menge. Stunden⸗
lang waren alle Wege von Menschenzügen, die in ihren
weißen Kleidungen wie religiöse Ordensbrüder wirkten,
bedeckt. Die einzige farbige Note in diesen Zügen bildeten
die kleinen Sonnenschirme, mit denen sich viele gegen die
        <pb n="166" />
        brennende Sonne zu schützen suchten. Wir bildeten aber
nicht die einzige beobachtende Gruppe auf dem Hügel. In
unserer Nähe waren der Fitaurari Yemer, der Schum und
andere Dorfhonoratioren versammelt, als ob es sich um eine
offizielle Sitzung handle.

Trotz der großen Menge und der beständigen Bewegung
gab es keinerlei Störungen. Schutzleute in schwarzen
Blusen und mit Nilpferdpeitschen ausgerüstet sorgten für
Ordnung. Einmal kamen sie mir zu Hilfe, indem sie die
Menge zurücktrieben, die mich umgab, weil die Anwesen⸗
heit eines Europäers in ihrem Basar ihre Neugierde rege
gemacht hatte, in merkwürdigem Gegensatz zu der gleich⸗
gültigen Haltung der Abessinier, wenn sie einem auf der
Straße begegnen.

Maultiere, Esel und einige Kamele standen auf einem
für die Vierfüßler bestimmten Ort; an allen übrigen Stellen
des großen Marktplatzes, der mit spitzen Steinen bestreut
war, so daß das Gehen für nicht daran gewöhnte Füße be—
schwerlich war, breiteten die Leute ihre Waren aus und
wanderten die Kauf- und Schaulustigen umher. Die meisten
der Verkäufer waren Frauen. Sie sahen aufgeweckt und
fröhlich aus. Ob die Lebhaftigkeit ihres Ausdrucks zum
Teil durch die Aufregung im Basar veranlaßt war, dessen
war ich nicht ganz sicher. Aber es schien mir hier ebenso
wie anderswo, daß, obwohl die abessinische Frau weniger gilt
als der Mann, diese doch eine höhere Position einnimmt als
in den meisten orientalischen Ländern.

Alles, was es in Athiopien an Waren gibt, war auf dem
Markt zu haben. Ich suchte vorsichtig meinen Weg über die
scharfkantigen Steine und fand überall etwas, was mein
Interesse in Anspruch nahm inmitten der sich drängenden

49
        <pb n="167" />
        schwatzenden Käufer, die um die Stände für Lebensmittel,
Wein, Weihrauch und Parfüme, Töpfe mit Bira⸗Bira, mit
dem man die Fische betäubt, herumstanden. Beim Ver—
kaufsplatz der Gerber bemerkte ich eine Ochsenhaut, die
scharlachrot gefürbt war, und hörte, daß sie das übliche Ge⸗
schenk für eine Mutter zur Taufe ihres Kindes darstellte.
Ein auf dem Boden hockender Kaufmann hatte silberne und
goldene Geschmeide ausgelegt. Bei ihm sah ich Dutzende
von Kreuzen, die das am meisten verbreitete abessinische
Schmuckstück bilden. Einige davon hatten die griechische
Form, andere die lateinische, zweifellos ein UÜberbleibsel
portugiesischen Einflusses. Der lange Arm von manchen
dieser Kreuze läuft aus in einen Ohrlöffel, ein Reinigungs-
instrument, das von den Abessiniern sehr geschätzt wird. Ich
fand kleine silberne und goldene Plättchen mit einem
kleinen Holzschaft zum Einstecken in Nasen und Ohren, mit
durchbrochener Arbeit verzierte silberne Haarnadeln, schwere
Halsketten und breite Armbänder. Ich kaufte eines der
Petschafte, die man an Stelle der Unterschrift benutzt und
über deren Siegelfläche nach dem Tode des Eigentümers
eine Linie eingraviert werden muß, um einen nachträglichen
Mißbrauch zu verhindern.

Man sah aus Pflanzenfasern geflochtene Körbe, bei denen
man wohl erkennen konnte, ob sie mit schönen einheimischen
Pflanzenfarben oder mit roher wirkenden eingeführten
chemischen Produkten gefärbt waren. Kleine aus dem Holz
der Dum⸗Palme angefertigte Krüge und Töpfe, die als
Salbengefäße dienen, übten ihre Anziehungskraft auf die
weiblichen Käufer aus.

Der Handel vollzog sich meist in der Form des Tausches,
Geld spielte nur eine geringe Rolle. Patronen wurden als

143
        <pb n="168" />
        Zahlungsmittel verwendet, ebenso Docken von schwarzen und
blauen Fäden, die zum Aufhängen von Kreuzen und Amu—
letten gebraucht werden. An einem Stand konnte man
Salzstangen von fünf Pfund Gewicht erstehen und sie als
Tauschmittel an anderer Stelle verwenden. Man sagte mir,
daß diese Stangen „amolie“ genannt werden und aus der
Danakilprovinz stammten. Fünf bis sieben von ihnen
haben den Wert eines Talers. Die Differenz erklärt sich
aus der mehr oder minder großen Entfernung Danakils von
Ort des Tauschaktes.

Auffällig heben sich die gelben Gewänder der Mönche von
der weißgekleideten Menge ab. Diese meist jungen Männer
sehen derb, ja roh aus. Es umweht sie mehr der Hauch
einer Räuberbande als der eines heiligen Ordens; aber
Efendi versicherte, daß sie Tag und Nacht beten und unter—
richten. Aus dieser Tätigkeit — und nur aus dieser —
besteht ihr ganzes Leben. Einmal setzte mich Efendi in Er—
staunen, indem er plötzlich zu einem jungen Mädchen hin—
übereilte, die aus Därmen gefertigte Harfensaiten verkaufte,
und sie auf beide Wangen küßte, eine Sitte, die er aus der
Fremde mitgebracht haben mußte. „Das war meine Nichte“,
erklärte er mir, als er nach einer sehr lebhaften Unter—
haltung mit dem Mädchen zurückkehrte. Dies war nur eine
von seinen zahlreichen Bekanntschaften. Er begegnete vielen
Schulfreunden, und überall sonnte er sich in der Wichtigkeit
des aus der Ferne zurückgekehrten Reisenden.

Meine eigenen Bekanntschaften waren beschränkt auf
meine Karawanenmannschaft. Ich wurde verwickelt in eine
Meinungsverschiedenheit zwischen Andu, meinem Kara—
wanenführer, und einem Polizisten, der behauptete, daß
Andu keine Konzession für seine Kamele habe. Ich konnte

44
        <pb n="169" />
        Dder Karawane Dr, Prüfers entgegen
        <pb n="170" />
        Ankunft der Karawane Dr. Prüfers

Baumwollhändler auf dem Markt in Gondar
        <pb n="171" />
        nichts tun, um die drohende Beschlagnahme seines Eigen—
tums zu verhindern, doch machte ich mir Andus wegen
keine Sorgen, der italienische Konsul konnte die Angelegen—
heit in Ordnung bringen. Ich ging zu einer anderen Gruppe
hinüber, in der große Aufregung herrschte. Ein Mann,
dem man ein eisernes Pferdegebiß gestohlen hatte, glaubte
es bei jemand gefunden zu haben. Der Tumult hätte nicht
größer sein können, wenn ein Mord auf offenem Marktplatz
zeschehen wäre.

Adum war, als ich ihn traf, fröhlich, doch befand er sich in
finanzieller Verlegenheit. Irgend jemand hatte ihm erzählt,
daß ein richtiger Abessinier drei Arten von Schammas be—
sitzen müsse: eine für den täglichen Gebrauch, eine für den
Sonntag und eine für Festtage. Da das Land und seine
Sitten es ihm angetan hatten, waren seine bescheidenen
Mittel bei der Beschaffung all dessen, was nötig war, um
ein echter Abessinier zu werden, draufgegangen. Ich glaube,
er wäre, obwohl Mohammedaner, ganz damit einverstanden
gewesen, wenn gerade der „Temkettag“ gewesen wäre, an
dem die Priester die Taufe St. Johannis dadurch symboli—
sieren, daß sie Wasser über die Menge aussprengen.

Völlig verständlich für mich war die Freude meines
Somaliboys über den Markttrubel und auch sein Wunsch,
in dem Drama und Karneval von Handel und Unterhaltung
mitzuwirken.

Die Umwandlung des unansehnlichen Ortes in eine be—
lebte Stadt war so anspornend und erzeugte einen Enthusias—⸗
mus, der mich veranlaßte, den Fitaurari auf dem Hügel auf—
zusuchen. Ich sagte ihm, daß dies der interessanteste und
belebteste Markt sei, den ich auf meinen sämtlichen Reisen
in der ganzen Welt gesehen hätte.

j0 Norden. Abessinien
145
        <pb n="172" />
        Diplomaten auf der Karawanenreise
Meine zweite Verhaftung — Ankunft Dr. Prüfers und seiner

Freunde — Begrüßung auf dem italienischen Konsulat — Bericht

über aufregende Erlebnisse — Die Hauptstädte von Ras Kassa und
Ras Hailu — Verhaftet bei Ras Gugsa — Dergo
Be meiner Rückkehr zum italienischen Konsulat empfing
mich der Konsul in Verlegenheit und Besorgnis. Er
hatte mir die unangenehme Nachricht zu übermitteln, daß
ich meine Reise nicht fortsetzen dürfe. Ich war wieder ver—
haftet, wenn auch unter seiner Aufsicht. Das war das Er—
gebnis der Rückfrage des Fitaurari bei seinem Herrn.
Efendi übersetzte den während meiner Abwesenheit an—
gekommenen Brief aus dem Amharischen wie folgt:
„Möge diese Nachricht den ehrenwerten Herrn Norden
erreichen. Grüße.

Ich habe Ihre Mitteilung erhalten, durch die Sie mich
davon in Kenntnis setzen, daß Sie durch mein Gebiet
ziehen müssen, und daß Sie dazu die schriftliche Genehmi—
gung der Regierung haben.

Sehr wohl, händigen Sie diese Genehmigung meinem
Fitaurari Yemer aus, der sie mir zusenden wird, damit
ich sie prüfen und entsprechend den Befehlen der Regie—
rung handeln kann. Ras Gugsa Olie.“
Ich erfuhr, daß Ras Gugsa in Debra Tabor war und die
Ubersendung meiner Papiere und das Warten auf Antwort
mindestens zwei Wochen in Anspruch nehmen würde. So
ärgerlich diese Freiheitsberaubung und die Notwendigkeit,
Gastfreundschaft auf unbestimmte Zeit in Anspruch zu

46
        <pb n="173" />
        G
*
* 2

nehmen, war, so ließ sich doch nichts tun, als dem ————— —8

meinen Paß zu übergeben und die Antwort abzunten. ok F

Zugleich mit meinen Papieren übersandte ich jedodd Knen „

Protest gegen meine Haft. Außerdem setzte ich einen ihh We

an den amerikanischen Residenten in Addis Abeba auf, —

dem ich mich beklagte und ihn um seine Unterstützung er—

suchte, entschied mich aber später, die Entwicklung der Dinge

abzuwarten und den Brief nicht abzusenden. Ich wollte es

vermeiden, die amerikanische Regierung zu bemühen, solange

es sich nur um die Angelegenheit einer einzelnen Person

handelte. Obwohl ich verstimmt war über meine Gefangen-

schaft, versuchte ich in der Erkenntnis, daß ich mir dafür

keinen besseren Ort hätte wünschen können, ihr die besten

Seiten abzugewinnen. Insbesondere wußte ich den Gegen—

satz zwischen meinem Tukul und dem Lager im Sumpf zu

schätzen.

Während meiner unfreiwilligen Mußezeit habe ich die

italienische Ansiedlung nüher kennengelernt. Die Schul—

hütte interessierte mich sehr. Zwei Dutzend Kinder kämpften

dort mit den Anfangsgründen des Unterrichts. Sie er—

lernten das Alphabet aus einem zwei Fuß im Quadrat

großen Buche, die größeren und fortgeschrittenen Schüler

lasen in der Bibel. Der Konsul machte das Erlernen des

Alphabets obligatorisch, der weitere Unterricht indessen

wurde von der Fähigkeit und dem eigenen Wunsche der

Schüler abhängig gemacht.

Eine andere Hütte diente als Hospital, das den Kranken

Ruhe und Abgeschlossenheit bot. Man sagte mir, daß

Frauen, die ein Kind erwarten, dort aufgenommen würden.

Bei der Geburt stehen ihnen Hebammen zur Seite, während

außerhalb der Hütte Flinten und Gewehre abgefeuert

27
—
        <pb n="174" />
        werden, eine Sitte, die nach ihrer Ansicht Hilfe und Ehre
zugleich bringt. Die Zahl der Schüsse hängt ab sowohl vom
Stand des betreffenden Ehemannes als von der Schwere
der Geburt.

Bald nachdem ich die Mitteilung des Fitaurari erhalten
hatte, erreichte mich die erste Nachricht von der Karawane
Dr. Prüfers. Ein Läufer überbrachte dem Konsul einen
Brief, der berichtete, daß die Reisegesellschaft ebenfalls
Schwierigkeiten bei Ras Gugsa begegnet sei. Jetzt waren
sie freigelassen worden, befanden sich am Ufer des Tana-Sees
und auf dem Wege nach Gondar. Während der Wochen, in
denen der Konsul die Gesellschaft erwartete, hatte er sein
Wohnhaus und das des Arztes besonders instand gesetzt, um
sie für die Damen behaglich zu machen. Die eingelaufene
Nachricht gab den Vorbereitungen für den Empfang, dem
Putzen und Scheuern, einen neuen Anstoß. Das Eingangs⸗
portal am Fuße des Hügels wurde mit Girlanden ge—
schmückt. Es wurden größere Mengen Wasser von der
einige Kilometer entfernten Vorratsstelle herbeigeschafft und
in heißem Zustande zur Erfrischung der Gäste bereitgehalten.
Auf dem Wartturm des Konsulats war die größte der vor—
handenen Flaggen gehißt worden.

Unsere Truppe, die den Besuchern zum Willkomm ent—
zegenritt, war von imponierender Größe. Der Konsul saß
auf seinem Schimmel, Baur und ich auf Maultieren. Es
folgten ein Dutzend Fußsoldaten unter Führung eines be—
rittenen Korporals und eine kleine Karawane mit Pack
tieren, die Wasser, Milch und Nahrungsmittel trugen. Der
Läufer hatte uns von harter Behandlung während der Ge—
fangenschaft berichtet, und man konnte nicht wissen, in wel—
chem traurigen Zustand wir unsere Freunde finden würden.

12
        <pb n="175" />
        Während mehrerer Stunden war kein Anzeichen von ihnen
zu sehen, dann tauchte an einer Wegbiegung ein Maultier
auf, das vor Ermattung stolperte. Der Reiter war eine in
Khaki gekleidete Gestalt, an deren Helm ein Schleier von der
Art, wie man es auf alten Bildern von Entdeckungsreisen—
den zu sehen gewöhnt ist, flatterte. Wir machten uns durch
Rufen bemerkbar und gaben unseren Reittieren die Sporen.
Als wir näher herankamen, rief der Ankömmling: „Die
übrigen sind noch beim Fluß, sie haben Schwierigkeiten beim
Uberschreiten.“

Es war Mrs. Porta, die englische Frau des italienischen
Konsuls in Addis Abeba. Ihr Gesicht war abgehärmt und
von Insekten zerstochen. Man konnte in ihr kaum die
Dame wiedererkennen, die ich zwei Monate früher in Addis
Abeba gesehen hatte.

Baur blieb bei ihr. Der Konsul und ich ritten den Ab—
hang hinab, um den anderen, deren Maultiere sich durch den
Fluß hindurcharbeiteten, zu helfen. Ich war erschrocken beim
Anblick von Mrs. Porta, aber das Bild, das Frau Prüfer
darbot, erschütterte mich so, daß ich bei der Begrüßung nicht
fähig war, ein Wort hervorzubringen. Die kleine schlanke
Frau, Mitte der Zwanzig, mit zarter, rosiger Gesichtsfarbe,
meine reizende Gastgeberin in Addis Abeba, war jetzt toten—
blaß und abgemagert, ihre Augen blickten trübe, als ob sie
eine monatelange Krankheit hinter sich hätte. Prüfer und
Porta hatten die Beschwernisse der Reise besser überstanden
als ihre Frauen, aber auch sie waren abgemagert, und ihr
Anblick verriet, daß es ihnen sehr schlecht ergangen war.
Wir konnten zuerst überhaupt nicht sprechen. Als wir
schließlich anfingen, uns zu unterhalten, redeten wir nur
über die Nahrungsmittel, die wir unter Bäumen ausge—

149
        <pb n="176" />
        breitet hatten — — ob die Sardinen schmeckten, oder ob
dieser oder jener noch etwas Brot wünschte.

Als die erste Benommenheit vorüber war, brach sich das
Mitteilungsbedürfnis Bahn, und alle redeten zugleich. Die
Nerven waren zerrüttet durch die Mühseligkeiten der Reise
und die erlittenen Demütigungen während des erzwungenen
Aufenthaltes in Karata. Die Ernährung war sehr mangel—
haft gewesen, das Wasser schlecht, und das Lager, das sie nicht
verlassen durften, befand sich in einem fieberverseuchten
Sumpf. Sie hatten Tag und Nacht unter Bewachung ge—
standen, und selbst den Damen war nicht einmal gestattet
worden, sich ohne Eskorte auf kurze Zeit zurückzuziehen.

Der Empfang auf dem italienischen Konsulat tat ihnen
wohl und munterte sie geistig wieder etwas auf. Innerhalb
der Eingangspforte waren Diener und Wachsoldaten ihnen
zu Ehren aufgestellt: auf der einen Seite des Weges eine
Reihe von Stallknechten und Askaris unter Führung eines
Sergeanten, Hausbedienstete und halbwüchsige Boys mit dem
Hausmeister an der Spitze, auf der anderen Seite stand
die Mannschaft meiner Karawane, dazu die Frauen und
Kinder der italienischen Ansiedlung. Wie Lerchengesang
wirkte der laute, immer wiederholte trillernde Ruf der
Frauen „Illi — illi — illi“, der offenbar Freude und Lob—
preisung ausdrücken sollte, denn man hörte ihn auch sonst,
so zum Beispiel bei religiösen Festen.

Bald waren unsere Freunde imstande, einen zusammen⸗
hängenden Bericht von ihrer Reise zu geben. Die Route
von Addis Abeba nach dem Tana⸗See führte zunächst durch
die Königreiche Schoa und Godjam, den Gebieten Ras Kassas
und Ras Hailus. Diese beiden mächtigen Männer standen
mit Ras Taffari auf gutem Fuße und hatten dem Durch—

150
        <pb n="177" />
        marsch der Karawane keine Schwierigkeiten bereitet. Die
Reisenden waren durch ein Gebiet mit hohen Gebirgen ge—
kommen. Auf der ganzen Strecke waren ihnen nicht mehr
als ein Dutzend — bis auf eine Ausnahme — nur kleiner
Karawanen begegnet, vielleicht mit etwa zwanzig Maul—
tieren.

Die einsamen Wege und die kleinen, weitauseinander
gelegenen Dörfer hatten Dr. Prüfer zu der Überzeugung
gebracht, daß die Bevölkerungsdichte des nördlichen Athio—
pien stark überschätzt wird. Die größte während der Reise
erreichte Höhe betrug 3100 Meter. Dort und an anderen
Stellen in den Bergen fanden die Maultiere auf Saum—
pfaden am Rande von 900 Meter tiefen Abgründen nur
mühsam ihren Weg. Flüsse lagen Tausende von Meter
unter ihnen. Zwei Nebenflüsse des Blauen Nils mußten
überschritten werden. Der zweite Übergang bei Kanferu
war übel genug gewesen, aber die Damen fanden den ersten,
bei Schefaitak, entsetzlich.

„Wir setzten dort mit Hilfe von aufgeblasenen Ochsen—
häuten über den Fluß“, erzählte Dr. Prüfer. „Unser Ge—
päck war auf dem Floß aufgestapelt, und wir saßen oben—
drauf. Sobald wir vom Ufer abstießen, wurden die Maul—
tiere ins Wasser getrieben. Niemals werde ich das Getöse
vergessen, daß die Hunderte von erschreckten Tieren machten,
als sie gezwungen wurden, zu schwimmen. Und während
der ganzen Zeit der Überfahrt mußten wir die Gewehre schuß—
bereit halten, um uns gegen die Krokodile zu schützen. Das
ganze war ein ziemlich gefährliches Unternehmen und dazu
noch völlig unnötig, da unsere Mannschaft uns falsch ge—
führt hatte. Es war eine üble Gesellschaft. Seit dem
Abend, als sie unser Lager in einem Sumpf aufschlagen
151
        <pb n="178" />
        wollten und wir sie zwangen, weiterzumarschieren, taten
sie alles, was sie konnten, um uns die Reise zu erschweren.“

Doch wurden auch einige interessante und lustige Episoden
berichtet. Im Dorfe Lidjembera hatte man offenbar noch
niemals Europäerinnen gesehen, und die äthiopischen Frauen
waren so erschrocken bei ihrem Anblick, daß sie fluchtartig
den Marktplatz verließen. Rote Menschen nannten sie die
Fremden, nicht weiße.

In den Residenzorten Ras Kassas und Ras Hailus wurde
die Reisegesellschaft mit Ehren aufgenommen. Kassa selbst
war in Fitsche nicht anwesend, aber sein Sohn Didjas Abarra
und seine Mutter begrüßten die Gäste, gaben ihnen zu Ehren
ein Festessen und veranstalteten eine „Fantasia“. Kassa hatte
europäische Sitten so weit angenommen, daß sein Haus
dem eines Schweizer Chalets glich und er ein Automobil
besaß.

In Adiet in Godjam, dem Wohnort Hailus verlief der
Besuch ebenfalls ganz vergnüglich. Hailu ist einer der be—
deutendsten Unterfürsten, ein Verbündeter Ras Taffaris und
ein direkter Nachkomme von Tekla Haimanot, dessen Ge—
dächtnis hoch in Ehren gehalten wird. Sein Heim ist typisch
abessinisch, eine große landesübliche Hütte. Bei dem hier
stattfindenden Festessen war für die Europäer eine Tafel
aufgestellt, die dreihundert Eingeborenen jedoch saßen auf
dem Erdboden, wo sie ihr rohes Fleisch verzehrten.

Zwischen Gastgeber und Gästen wurden, wie üblich, Ge—
schenke gewechselt. Die große Sammlung von Gewehren
Ras Hailus, die sein Steckenpferd und Hauptschatz darstellte,
wurde um ein neues Exemplar vermehrt. Die Damen emp—⸗
fingen hier wie auch an anderen Stellen in reichem Maße
silberne Kreuze. Jedes Mitglied der Reisegesellschaft wurde

59
        <pb n="179" />
        mit einem Maultier und einem Löwenfellecape, der Festtracht
eines Fitaurari, beschenkt. Diese Capes mit ihren goldenen
Knöpfen, scharlachroten Säumen und aus der Mähne des
Löwen gefertigten Kragen, waren Prachtstücke, wie man sie
höchstens in einem Museum wiederfindet. Sie werden als
ehrenvolle Abzeichen für bewiesene Tapferkeit verliehen. Die
Art, wie man ein Löwenfelleape gewinnt, wurde mir fol—⸗
gendermaßen beschrieben: Ein Mann tötet einen Löwen und
sendet ihn an seinen Ras. Dieser läßt das Cape aus dem Fell
anfertigen und macht es dem Jäger für die Gegenleistung von
fünfhundert Talern zum Geschenk. Besitzt der Löwentöter
nicht soviel Geld, so wird die Summe unter seinen Freun—
den zusammengebracht, von denen jeder durch seinen Bei—
trag einen Teil des Einflusses, den das Cape ausübt, ge—
winnt.

Ich hatte gehofft, in Gondar eines dieser prächtigen
Kleidungsstücke erwerben zu können, aber Efendi berichtete
mir nach Tagen vergeblichen Suchens, daß er keinen Be—
sitzer eines solchen Capes gefunden habe, der arm genug
gewesen wäre, um es zu verkaufen.

UÜberall während der Reise empfingen die Europäer das
Dergo, Geschenke an Nahrungsmitteln, die die Landleute auf
Befehl ihrer Herren an Truppen und bedeutende Karawanen—
reisende zu liefern haben. Sobald sie aber das Gebiet Ras
Gugsas betraten, hörten die Beweise freundlicher Gesinnung
auf. Sofort hatten die Schwierigkeiten begonnen, die in der
fünftägigen Haft in Karata ihren Höhepunkt erreichten. Das
Dergo war, als es schließlich kam, so minderwertig, daß es
nicht mehr als Geschenk, sondern als Beleidigung wirkte. Es
wurde aus diesem Grunde und auch wegen des Arrestes ab—
gelehnt.

152
        <pb n="180" />
        Uber die innerpolitischen Hintergründe unserer Ver—
haftung konnte man nur Vermutungen hegen. Die nationale
Abneigung gegen die Anwesenheit von Fremden, woher
sie auch immer kommen mochten, spielte dabei vielleicht
die Hauptrolle, wie man jedenfalls aus der von Ras
Gugsa inbezug auf mich in seinen Mitteilungen gebrauch—
ten Form: „Der Fremde von der anderen Seite des Setit“
entnehmen konnte.

Sicherlich war aber die Festhaltung des deutschen und
des italienischen Diplomaten auf ihrer Reise eine zu weit—
gehende und nicht leicht zu erklärende Maßnahme, und
Dr. Prüfers Protest in Addis Abeba hatte wahrscheinlich
erheblich mehr Einfluß auf seine Freilassung als die Be—
deutung, die Ras Gugsa meinen Papieren beigemessen hat,
auf die meinige.

Die Erlaubnis, meine Reise fortsetzen zu dürfen, traf in
Form eines Briefes des Fitaurari Yemer ein. Er lautete
nach der Übersetzung Efendis aus dem Amharischen ins Eng—
lische auf deutsch:
„An alle Beamten (im Hafen) und im Lande.
Von Herrn Hermann Norden, dem amerikanischen Gentle—
man, der in Amerika beheimatet ist, wird hiermit bekannt—
gegeben, daß derselbe frei und ohne aufgehalten zu werden
im Lande meines Herrn reisen kann, solange er von Alaka
Guangul begleitet wird.
Yecatit, den 5. 1921
(nach dem abessinischen Kalender.
Siegel)

Fitaurari Yemer

154
        <pb n="181" />
        Dem sehr geehrten Herrn Hermann Norden.
Friede sei mit Ihnen!

Ich bin von meinem Herrn, dem Ras, angewiesen wor—
den, Ihnen einen ‚Einfluß-Mann, der Sie auf Ihrer Reise
begleiten soll, mitzugeben. Infolgedessen gebe ich Ihnen
Aleka Guangul.

Yecatit, den 5. 1921

(Nach dem abessinischen Kalender.)

(Siegel) Fitaurari VYemer
Dem sehr geehrten Herrn Hermann Norden.
Friede sei mit Ihnen!

Ich bin von meinem Herrn ermächtigt worden, Ihnen
in seinem Namen mein Siegel zu geben, daß Sie im
Lande des Ras überall hingehen können, wohin es Ihnen
beliebt.

(Siegel) Fitaurari Yemer Terr 26. 1921
(Nach dem abessinischen Kalender.)“
Mein Dergo wurde am selben Tage gebracht. Eine lange
Reihe von Sklaven trug Krüge auf dem Kopfe, kleine nackte
Knaben brachten Körbe mit Eiern, Brot, Salzstangen und
Hühnern.

Das Bild des von uns freigelassenen Geflügels war un—
vergeßlich komisch. Komisch und tragisch zugleich, wenn
man bedenkt, daß dieser ganze Reichtum einer den Land—
leuten auferlegten Steuer entstammte, vielleicht einer Kon⸗
fiskation auf einem Verkaufsstand im Basar. Kein Geld,
das man dem Fitaurari als Entgelt übergeben wollte, würde
die Geschädigten erreichen. Das ganze Dergo bestand aus
zwei Kühen, dreißig Schafen, dreißig Hühnern, tausend
Broten, fünfzig Salzstangen, Eiern, Honigbier und Butter.

—
E
        <pb n="182" />
        Der Wert betrug sicherlich nicht unter zweihundert Taler,
ein bedenklich hoher Betrag für die armen Leute, die ge⸗
zwungen sind, ihn aufzubringen. Kein Wunder, daß sie die
Ferengi nicht lieben, da sie ja nicht wissen können, daß diese
Belastung nicht die Schuld der Reisenden ist. Die diplo⸗
matische Gesellschaft nahm ihr Dergo nicht an. Wäre das
geschehen, so würde es zugleich bedeutet haben, daß man die
erlittene unwürdige Behandlung als berechtigt anerkannte.
Die Annahme meines Dergos war das Ergebnis einer Be⸗
ratung mit meinem Gastgeber. Da ich lebhaft wünschte,
meine Reise fortsetzen zu können und keine Zeit mit Ver—
handlungen über Ungerechtigkeit verlieren wollte, kamen wir
überein, daß es für mich das beste sein würde, meine Frei⸗
lassung zugleich mit dem Dergo, dem Zeichen der Freund—
schaft, zu akzeptieren und mich auf den Weg zu machen.

Versehen mit den Dokumenten des Fitaurari Vemer und
dem „Aleka“, den Efendi den „Einfluß“-Mann nannte, hatte
ich keine weiteren Schwierigkeiten im Gebiet des Ras Gugsa
zu erwarten.

Bei den schwarzen Juden
Das abessinische Getto — Ursprung der Falaschas — Jüdische Epoche
in der Geschichte Abessiniens — Juden wirken unter den Falaschas
— Christliche Missionen — Untersuchung der Alliance Israclite
Universelle — Alaka Michael Argawi — Ein junger Falascha in
Paris — Sitten, die auf das mosaische Gesetz zurückgehen
Eir Tagereise von Gondar bei langsamem Karawanenmars ch
brachte mich nach Jenda im Falaschadistrikt — dem Getto
Abessiniens. In dem von Falaschas bewohnten Gebiete ist
Jenda die größte unter den kleinen verstreut liegenden Ort—

2*
*
        <pb n="183" />
        schaften. In diesem etwa einhundert Hütten umfassenden
Dorf war ich Gast des christlichen Missionars Baur. Als wir
auf dem italienischen Konsulat zusammen waren, hatte er
mir manche Fragen bezüglich der schwarzen Juden, unter
denen er tätig ist, und die mich schon von Beginn meines
Aufenthalts in Abessinien an interessiert hatten, beant-
wortet.

Dieses Interesse war zuerst bei mir in Addis Abeba
durch Jaceques Faitlowitsch wachgerufen worden, einen
feurigen Idealisten, der schon in mittleren Jahren war und
sein halbes Leben damit zugebracht hatte, die Lage dieses
isolierten Völkchens, dem er selbst angehörte, zu verbessern.
Nun befand ich mich mitten unter diesen Leuten, die zurück—
gezogen von den christlichen Nachbarn leben und seit Jahr—
hunderten von der Hauptmasse der Anhänger ihrer Religion
losgelöst sind.

Vor wieviel Jahrhunderten und in welcher Weise die
Spaltung stattgefunden hat, und ob die Falaschas tatsäch⸗
lich einen anderen Ursprung haben als die semitischen noma⸗
disierenden Stämme jenseits des Roten Meeres, das sind
Fragen, die bis jetzt noch nicht genügend geklärt sind. Das
Wort Falascha hat verschiedene Bedeutungen. Im Amhari-⸗
schen heißt es „verbannt“ oder „ausgestoßen“, die Falaschas
nennen sich selbst: Beta Israel, das Volk Israel. In dem
Gewirre von Tatsachen und Legenden, aus dem die Ge—
schichte Abessiniens besteht, ist der Abschnitt, der sich mit
diesen Juden befaßt, der unklarste und zugleich der inter⸗
essanteste. Einige Forscher vertreten die Meinung, daß sie
rein semitischen Ursprungs sind, andere halten sie für Nach—
kommen afrikanischer Urvölker, die zum Judentum überge—
treten sind.

5*
        <pb n="184" />
        Daß die Falaschas direkt von Palästina, und zwar vor der
Einwanderung der Vorfahren der übrigen Abessinier ge—
kommen sind, wird von ihnen sowohl als auch von ihren
christlichen Nachbarn angenommen, ist aber wenig wahr—⸗
scheinlich. Das abessinische Volk hat nach eigenem Ausspruch
und nach allen feststellbaren Tatsachen einen grundlegenden
Bestandteil jüdischen Blutes. Es sind natürlich keine Autori—
täten in der abessinischen Ethnologie, aber geschäftige Aben—
teurer im Irrgarten der Legenden, die für einen wenigstens
teilweisen semitischen Ursprung eintreten und im Leben des
Volkes vielfach Spuren jüdischer Sitten finden.

Die logischste Erklärung für das Bestehen der Falascha⸗
Enklave ist daher die, daß sie, als der größere Teil Abessiniens
im vierten Jahrhundert zum Christentum überging, ihrem
alten Glauben treu geblieben sind. Standhaft bleibend
haben sie sich in ein abgelegenes Gebiet zurückgezogen, um
einmal der Verunreinigung, andererseits aber der Verfolgung
durch die Christen zu entgehen. Und infolge dieser Ab⸗
schließung, durch Heiraten innerhalb ihrer Gemeins chaft und
hartnäckiges Festhalten an den Gebräuchen und den rituell
festgelegten Denkformen haben sie ihren Glauben und ihren
Typus durch die Jahrhunderte bewahrt.

Aber wie dem auch sei, die Tatsache besteht: Sechzehn Jahr⸗
hunderte lang, nachdem Abessinien christlich wurde, lebt
innerhalb ihrer Grenzen eine isolierte Gruppe von Men—
schen, die behaupten, zum auserwählten Volke zu gehören
und nach dem mosaischen Gesetz zu leben. Die Falaschas
waren so lange abgeschnitten von allen anderen Anhängern
ihrer Religion in anderen Teilen der Welt, daß ihre Traͤ—⸗
dition nichts von der babylonischen Gefangenschaft weiß. Sie
kennen den Talmud nicht; nicht einmal ihre Priester ver—

658
        <pb n="185" />
        stehen Hebräisch. Daß die Falaschas unter diesen Umständen
ihre alte Überlieferung so lange unverändert lebendig er—
halten haben, erscheint einigen Forschern allzu sonderbar, um
wahr zu sein, so daß sie die Theorie aufgestellt haben, daß
—00
verborgen liegen; aber das ist eine Vermutung, die im
Grunde genommen nur den vielen abessinischen Legenden noch
eine neue hinzufügt.

Obwohl diese ihrem Glauben getreuen Juden sich schon
zu Beginn der christlichen Ara des Landes auf die Hoch—
flächen von Semien zurückgezogen haben oder dorthin ver—
trieben worden sind, wo sie unter eigenen Königen lebten,
haben sie doch ihren großen Tag in der abessinischen Ge—
schichte gehabt. Während des zehnten Jahrhunderts —
genaue Zeitangaben selbst für diese verhältnismäßig späte
Periode sind nicht möglich — brachte Judith, die Nach—
folgerin ihres Gemahls, König Gideons, auf dem Thron,
ihr Volk zum Aufstand gegen die abessinischen Herrscher.
Sie ließ vierhundert Mitglieder der salomonischen Königs-
linie töten, riß die Macht an sich und regierte vierzig Jahre
lang. Wie lange die Herrschaft in den Händen von
Falaschas blieb, ist nicht bestimmt zu sagen. Auf Judith
folgten die Zague. Viele Fürsten dieser Linie waren
Christen. Der Falascha⸗Aufstand bildete die Ursache der
drei Jahrhunderte langen Unterbrechung der salomonischen
Dynastie, die sonst beständig den Thron innehatte. Der von
Judith veranstaltete Massenmord war erleichtert worden
durch die abessinische Sitte, die Mitglieder des königlichen
Hauses in einer natürlichen Festung — dem Debra Dama
— unterzubringen, aber ganz hatte sie ihre Absicht einer
restlosen Vernichtung nicht erreicht, da einer der Betroffenen
159
        <pb n="186" />
        entkommen war. Einige Zeit später gelang es dessen Erben,
die Herrschaft über die Provinz Schoa an sich zu reißen.

Es gibt keinen Bericht noch eine Legende, die darauf hin—
deutet, daß während der nächsten drei Jahrhunderte von der
salomonischen Linie irgendein Versuch gemacht worden wäre,
den verlorenen Thron wieder zu besetzen. Aber gegen Ende
des dreizehnten Jahrhunderts sicherte der Schoa⸗König
Hekuno Amlak, Nachkomme Menelik J., die kaiserliche Macht
über Abessinien sich und seinem Hause. Diese Tatsache steht
fest, und über die Art, wie sich der Vorgang vollzog, gibt es
zwei Lesarten. Die erste besagt, daß Dekuno Amlak den
Zague-Herrscher Nacuete Laab in der Schlacht besiegte. Diese
einleuchtende Auffassung findet aber wenig Glauben. Die
allgemeine Ansicht geht dahin, daß Yekuno Amlak mit Hilfe
des christlichen Priesters Tekla Haimanot von dem Zaque—
Herrscher einen widerstandslosen Verzicht auf den Thron
zugunsten des salomonischen Königs erreicht habe. Der ab—
dankenden Linie wurden große Zugeständnisse gemacht.
Nacuete Laab erhielt die Herrschaft über die Provinz Lasta
für sich und seine Erben für ewige Zeiten, Befreiung von
Steuern und Tributen, das Recht, silberne Kesselpauken zu
gebrauchen, auf einem goldenen Stuhl zu sitzen und im Falle
des Aussterbens der salomonischen Linie auf den abessini—
schen Thron zurückzukehren. Tekla Haimanot wurde für
seine großen Verdienste als Vermittler die Zusage gemacht,
daß ein Drittel von den Einkünften des Reiches an die
Kirche fallen und daß der Abuna (GOberhaupt der Kirche)
niemals ein Abessinier sein sollte. Tekla Haimanot wird als
Heiliger verehrt.

Angaben über die heutige Zahl der Falaschas, die auch
nur einen gewissen Grad von Zuverlässigkeit haben, kann

60
        <pb n="187" />
        Ruinen des Löwenzwingers im Schloß
Aroea bhbei Gondar

Unser JZaadmeister, Tana-See
        <pb n="188" />
        Der Kahen in seinem Gehöft in
Jenda

Der Kahen

beim

Studium alter

Bücher
        <pb n="189" />
        man kaum machen. Sie schwanken zwischen sieben⸗ und zwei⸗
hundertundfünfzigtausend. Die erste Ziffer gibt ein
Rabbiner, der vor zwanzig Jahren von der Alliance Israélite
Universelle zur Unterstützung der Falaschafrage in ihr
Gebiet gesandt wurde. Doch scheint die Genauigkeit seiner
Schätzung unter der Schwierigkeit der Aufgabe bei den
gegebenen Umständen gelitten zu haben. Leute, die jetzt
unter den Falaschas tätig sind und die kleinen im Elefanten—
gras versteckt liegenden Dörfer einigermaßen kennen, schätzen
die in Frage kommende Bevrölkerung auf fünfzig- bis hun—
derttausend Seelen. Einige Tukuls, die als Behausung für
eine Familie oder eine Sippe dienen, bilden ein Dorf. Wo
irgend möglich, gibt es eine Mesgid und einen Kahen, eine
Synagoge und einen Priester. So abseitig haben die
Falaschas viele Jahrhunderte gelebt; sie selbst betrachten
fich als den Nachbarn überlegen, werden aber von diesen
wiederum als minderwertig beurteilt. Die Lage der Juden
ist also hier im kleinen dieselbe wie sonst in der ganzen
Welt.

Für meine Absicht, über die Falaschas während meines
kurzen Aufenthaltes unter ihnen ein möglichst treues und
klares Bild zu erhalten, war der Umstand günstig, daß ich
Freunde in beiden Lagern besaß. Bei meinen Unter—
haltungen mit Jaeques Faitlowitsch in Addis Abeba war
ich stark beeindruckt worden von seiner Geschicklichkeit und
seinem Ernst. Als Gelehrter und Idealist hatte er fünf—
undzwanzig Jahre dafür gearbeitet, für sein isoliert lebendes
Volk das Interesse und die Unterstützung der Juden in der
übrigen Welt zu gewinnen. Er hatte versucht, den Kin—
dern der Falaschas die gleiche Erziehungsmöglichkeit zu ver—⸗
mitteln, die durch christliche Missionare geschaffen wird, und

11 Norden. Abessinien

1241
        <pb n="190" />
        die die Lage des ganzen Volkes innerhalb des Landes, in
dem sie gequält und unterdrückt werden, verbessern.

Faitlowitsch und seiner Schwester ist es gelungen, in
Addis Abeba für die Falaschas, die als Zimmerleute,
Maurer und Goldschmiede in Ras Taffaris Diensten stehen,
eine Schule zu gründen, wo auch deren Kinder unterrichtet
werden. Diese Schule, die von dem amerikanischen Pro—
Falascha⸗Komitee erhalten wird, steht unter der unmittel—
baren Leitung von Taamrat Emanuel, einem Falascha,
dessen Ausbildung in Italien und Deutschland gleichfalls
auf die Bemühungen Faitlowitschs zugunsten der Falaschas
unter der Judenwelt zurückzuführen ist. Hauptsächlich
Faitlowitschs Wirksamkeit wird auch die Tatsache verdankt,
daß die genannte Organisation 1908 eine Kommission
nach Abessinien sandte, die Untersuchungen über die
Frage, ob die Falaschas tatsächlich jüdischen Ursprungs
sind, über ihre gegenwärtige Lage und die Mittel, diese
zu bessern, anstellen sollte. Die Kommission stand unter
der Führung des Rabbiners Haim Nahoum, der dieser
Arbeit drei Monate widmete. Sein Bericht läßt er—
kennen, daß er niedergedrückt von den Schwierigkeiten der
Reise und enttäuscht war von der geringen Größe und An—
zahl der Dörser, enttäuscht anscheinend auch, daß die Syna—
gogen, von denen man ihm erzählt hatte, sich nur als
Hütten erwiesen, die sich in Form und Größe kaum von den
Wohnhäusern unterschieden.

Es ist seltsam, daß ein Rabbiner nicht gefühlt haben sollte,
daß das Gebäude, in das die Menschen zum Gottesdienst
gingen, doch wohl Synagogen sein mußten, einerlei in
welchem Stil sie erbaut oder wie groß sie waren. Er war
nicht dafür, Leute hinzusenden, die unter der Falascha-Be—

162
        <pb n="191" />
        völkerung wirkten, sondern schlug vielmehr vor, das Problem
durch Auswanderung, die in Erythräa und Addis Abeba
ihr Ziel haben sollte, zu lösen. Obwohl Nahoum nicht
von der palästinensischen Herkunft der Falaschas über—
zeugt war, beobachtete und beschrieb er viele Einzelheiten
in ihrem Leben, die ganz dem mosaischen Gesetz entsprechen.

Was von den Juden in der großen Welt für das ihnen
verwandte Volk in Abessinien getan worden ist, wird aufge—
wogen durch das, was christliche Missionare in ihrem Be—
mühen, es von seinem alten Glauben abzubringen, geleistet
haben. Seit siebzig Jahren, nur gelegentlich unterbrochen
infolge feindseliger Haltung der Herrscher, hat die Londoner
Mission für die Bekehrung der Juden Sendboten im Fa—
lascha⸗Distrikt unterhalten. Die ersten waren Flad und
Aron Stern, die 1859 mit ihrer Tätigkeit begannen. Auf
sie folgte ein jüngerer Flad, der sich so völlig das Vertrauen
höchster Stellen im christlichen Abessinien erwarb, daß er
heute, nachdem er sich nach der Schweiz zurückgezogen hat,
mit der Aufgabe betraut worden ist, die Tochter Ras
Taffaris zu erziehen. Des älteren Flad Buch: „Sechzig
Jahre Falascha-Mission“ interessiert mich ebenso stark wie
der Bericht des Rabbiners Nahoum; nicht wegen seiner
religiösen Ansichten, sondern zum Studium der Frage, ob
die Falaschas wesentlich Juden sind oder nicht.

Das bei mir bereits vorhandene starke Interesse hatte
meinen Blick für die Beobachtung geschärft, als ich bei dem
Vertreter der Londoner Mission in Jenda eintraf. Baur
war ein warmherziger und unterrichteter Gastgeber. Er
zeigte sich bereit, mich überall hinzuführen, zu dolmetschen
und mir alles zu erklären. Wir waren von Falaschas um—
geben; die meisten von ihnen in Jenda selbst waren zum

102
        <pb n="192" />
        Christentum übergetreten. Diejenigen in den weiter ab—
liegenden Dörfern hingen noch fest an ihrem alten Glauben.
Die Köchin auf der Mission war eine getaufte Falascha, der
Hausboy war ihr Sohn.

Mein Zelt brauchte nicht aufgeschlagen zu werden. Man
ließ mich in einer der Missionshütten wohnen, die durch
einen Vorhang in zwei Räume geteilt worden war. Von
ihrer Tür aus konnte ich Falascha⸗-Handwerker beobachten,
die mit dem Bau anderer Hütten beschäftigt waren. Zuerst
trieben sie Pfähle in den Boden, die kreisförmig einen Raum
von vier Meter Durchmesser einschlossen, und zwar so, daß
sie nach oben hin gegeneinander geneigt waren, und be—
festigten sie dann untereinander mit Tauwerk. Dann
machten sie sich an die Herrichtung der Wände; die Pfähle
und die Zwischenräume wurden mit Stroh durchflochten
und das Ganze mit einer Lehmschicht und diese wieder mit
einer Schicht Kuhdung bedeckt. Der Bau stellt eine höchst
einfache Arbeitsleistung für die abessinischen Handwerker
dar. Sie, die als Zimmerleute, Maurer, Grobschmiede,
Weber und Töpfer tätig sind, werden manchmal nach anderen
Gebieten des Landes gerufen, um dort ihr Handwerk aus—
zuüben. Das Judenviertel in Gondar, genannt Kaila—
Mjeda, welches schon seit König Fasil besteht, erhielt einen
neuen Aufschwung, als die Kaiserin Zauditu Falascha—
Arbeiter nach Gondar berief, um die Kirchen der Stadt zu
reparieren. Wenn man die Tätigkeit der Juden in den
meisten Ländern der Welt bedenkt, ist es merkwürdig, daß
sie in Athiopien keinen Handel treiben.

Wir unternahmen Ausflüge in die Umgegend und be—
suchten die kleinen Dörfer. All diese Siedlungen bilden in
sich abgeschlossene patriarchalische Gemeinden, deren kleine

4
        <pb n="193" />
        Häusergruppe von nur einer Sippe bewohnt wird. So weit
auch diese Dörfer auseinanderlagen, so wußten sie doch
genau übereinander Bescheid. In verschiedenen Ortschaften
bemerkte ich eine etwas abseits und meist auf einer Boden⸗
erhöhung gelegene Hütte. Das war die Mesgid, die Syna⸗
goge. Außerlich unterschied sie sich von einem christlichen
Kirchentukul nur durch ein rotes Tongefäß auf der obersten
Spitze, das die Rolle des Kreuzes einnahm. Die innere Aus—
stattung indessen entsprach ganz dem jüdischen Gottesdienst.
Auf dem Tische sah man das Gesetzbuch und zwei Tongefäße.
Das eine davon enthielt die Asche einer roten jungen Kuh,
die für die mosaische Reinigungsfeier bestimmt ist. In der
anderen befand sich heiliges Wasser. In jeder Gemeinde,
die eine Mesgid hat, wohnt auch ein Kahen oder Debtera.
Obwohl es keine Spur von Hebräisch in der Umgangssprache
der Falaschas gibt, geht das Wort „Kahen“ auf das hebräische
„Cohen“ zurück.

Die Bewohner von einer der Hütten waren mit Töpfer—
arbeiten beschäftigt, als wir uns näherten, versteckten die
Arbeit aber schleunigst bei unserem Eintritt. „Töpferei be—
deutet Falascha, und Falascha Schande“, bemerkte Baur.
„Eines der Dinge, die wir zu bekämpfen haben, ist die Tat—
sache, daß die Leute sich taufen lassen in dem Glauben, sie
könnten damit den Mühseligkeiten des Falascha-Oaseins,
insbesondere aber dem unangenehmen Zwang zur Arbeit,
entgehen. Außerlich sind sie Christen, inwendig bleiben
sie Juden. Die älteren Leute haben kein Verständnis für
uns und unser Werk. Unsere Hoffnung richtet sich auf die
Jugend.“

Der Patriarch eines anderen Dorfes war ein alter Weber,
der seine Arbeit verließ, um mit uns zu plaudern. Baur

165
        <pb n="194" />
        hatte diesen Ort noch nicht besucht, da er erst vor kurzem in
Abessinien angekommen war, um die Arbeit nach einer er—
zwungenen Zurückziehung der Missionare wiederaufzu—
nehmen. Der alte Mann musterte ihn mit lebhaftem Inter—
esse. Sie führten ihre Unterhaltung, die Baur mir über—
setzte, in amharischer Sprache.

„Ich hörte, daß ihr Missionare wieder in Jenda seid“,
sagte der Alte, „und ich hatte gehofft, etwas zu erhalten.“

„Etwas zu erhalten?“ fragte Baur.

„Ja, Tesvar.“

Tesvar bedeutet Hoffnung, im vorliegenden Falle war
Geld gemeint. Wenn ein Arbeiter eine Tätigkeit ohne be—
stimmte Lohnforderung anbietet, sagt er, er arbeitet mit
Tesvar, womit er andeuten will, daß er nicht nur hofft,
Geld zu bekommen, sondern mehr Geld, als ein etwa fest—
gesetzter Lohn betragen würde.

„Aber warum soll ich Ihnen Geld geben?“ fragte Baur.
„Wir haben die Bibel gebracht.“

Der alte Weber lächelte. „Die Bibel hatten wir bereits,
bevor Sie kamen. Was Sie hinzugefügt haben, bedeutet
keine Verbesserung.“

In der Nachbarschaft von Baur, fünf Minuten vom Sitz
der Mission entfernt, wohnte Alaka Michael Argawi, der
bei der Übersetzung der Bibel in die amharische Sprache mit—
half. Jetzt über achtzig Jahre alt, war er einer der ersten
Bekehrten der Londoner Mission. Seit dieser Zeit ist er
der bedeutendste Mitarbeiter der Missionare unter den
Falaschas gewesen. Als treuer Gehilfe der beiden Flads
war er zweimal in Europa, um Geld und Unterstützung für
die Mission in Abessinien zusammenzubringen.

Jeden Nachmittag während meines Aufenhalts in Jenda

66
        <pb n="195" />
        kam Argawi zur Mission, um sich ein wenig mit mir zu
unterhalten und um eine Zigarette zu rauchen. Er war der
einzige Abessinier, bei dem ich die gesellige Gewohnheit des
Rauchens gefunden habe, vielleicht hatte er sie in Europa
angenommen. Mit seiner Hakennase und seinem Bart,
einer schwarzen Kappe und seiner über die gebeugten
Schultern geschlungenen Schamma, sah er wie ein alter
Jude mit dem Gebetstuch aus. Seine Rede war voll von
Erinnerungen an die Tage seiner Wirksamkeit, an seine
Reisen nach England, Deutschland und der Schweiz. Ins—
besondere sprach er von London, das er im Jahre 1885 be—
suchte. Seine Bewunderung für alle europäischen Dinge,
vor allem der britischen, kannte keine Grenzen. „Als ich im
Piecadilly stand, dachte ich, die Europäer leben im Vorhofe
des Himmels. Wir Afrikaner leben im Vorhofe der Hölle.
Und doch sind wir so stolz und hochmütig ...“

Seine Begeisterung für Europa wurde in der Heimat
nicht gut aufgenommen. Zusammen mit dem älteren Flad
erschien er vor König Theodor. Der König sprach sich sehr
freundlich über die Engländer im allgemeinen und über die
Londoner Mission im besonderen aus, was Flad ermutigte,
ihm zu erzählen, daß bald eine amharische Bibel für den
religiösen Unterricht im Volke fertig sein würde. Dabei
wies er auf Argawi als seinen Mitarbeiter bei der Über—
setzung hin.

Theodors Züge verfinsterten sich. „Wir brauchen keine
Bibel in amharischer Sprache, wir haben bereits eine in
äthiopischer Sprache.“ Und zu Argawi sagte er: „Abessinier
tragen keine Schuhe. Wenn du dich noch einmal in Schuhen
vor mir sehen läßt, lasse ich dich in Ketten legen.“

Im Gegensatz zu diesem aufrechten und tüchtigen Kon—
127
        <pb n="196" />
        vertiten steht ein ebenso aufrechter und tüchtiger junger
Falascha, Abraham Ben Meir, der jetzt in Paris lebt und
dessen brennendster Wunsch es ist, zu seinem Volke zurück—
zukehren und ihm etwas von der in Europa erworbenen
Bildung zu vermitteln. „Ich werde bestimmt mit dem
Unterricht beginnen, aber ich muß für meinen Lebensunter—
halt noch eine andere Tätigkeit ausüben, der Talmud ver—
bietet, für Unterricht Geld anzunehmen.“

Als Sohn eines Webers hat Abraham seine Kindheit in
einem Dorf bei Gondar verbracht. Die nächste jüdische
Schule war eine Tagereise weit entfernt. Er besuchte in⸗
folgedessen die christliche Schule, nahm aber jeden Abend,
sobald er heim kam, ein Bad, um die christliche Verunreini⸗
gung abzuwaschen. Nach dem Abendessen ging er zum Kahen
des Dorfes zum Religionsunterricht.

Der Sabbat wird von den Falaschas in der Form ge—
feiert, daß man sich im Freien aufhält und, im Grase
liegend, sich über religiöse Gegenstände unterhält. Die in
der Synagoge beobachtete Trennung der Geschlechter wird
auch bei der Feldarbeit durchgeführt. Frauen und Mäd—
chen gehen auf die eine Seite des Ackers, Männer und
Knaben auf die andere.

Als Abraham zehn Jahre alt war, wurde er nach Wien
geschickt und im orthodoxen jüdischen Glauben erzogen. Er
stellte fest, daß die vorgeschriebenen Gebräuche und die
Formeln des Rituals, die er in der Hütte des Kahen und
bei seinem Vater gelernt hatte — Glaube und Gesetz wird
bei den Falaschas von jeher mündlich überliefert — im
wesentlichen identisch sind mit der jüdischen Lehre, die ihm
auf dem Wege über die in Europa erlernte hebräische
Sprache vertraut wurde.

139
        <pb n="197" />
        Die Kluft, die die Falaschas von ihren christlichen Lands-
leuten trennt, ist lediglich religiösen Ursprungs. Weder in
den Zügen noch in der Hautfarbe gibt es einen Unterschied.
Auch die Kleidung ist dieselbe, mit der Ausnahme, daß die
Falaschas niemals das Kreuz tragen, das man so allgemein
bei den Christen sieht. Sogar in den Lebensgewohnheiten
gibt es oft überraschende Ahnlichkeiten, was auf den starken
jüdischen Einfluß auf die abessinische Kultur zurückzuführen
ist. Zum Beispiel wird sowohl von den christlichen als auch
von den Falascha-Priestern der gleiche Stab gebraucht, das
Ritual beider Kirchen enthält das Symbol des Regen—
bogens, beide verlangen die Beichte vor dem Priester, der
die Vergebung erteilt, indem er dem Bußfertigen mit einem
Zweig über die Schulter schlägt. Totenklage ist bei beiden
Gruppen üblich. Die nächsten Angehörigen scheren ihr
Haupt zum Zeichen der Trauer. Beide bringen sich aus
Gram auf Stirn oder Schläfen manchmal so tiefe Wunden
bei, daß sie dauernde Narben davon zurückbehalten. Daß
diese letzte Sitte lange ein Stammesausdruck der Klage ge⸗
wesen ist, erhellt daraus, daß Moses ein Verbot dagegen er—⸗
lassen hat.

Aber so ähnlich die Gebräuche auch sind, dieser Unterschied
bleibt in den meisten Fällen: die Sitten der abessinischen
Christen erinnern an das Judentum, die der Falaschas sind
das Judentum selbst.

Von den meisten Einzelheiten im Leben der Falaschas
glaubt man, daß sie dem mosaischen Gesetz entsprechen. Das
Gesetz über die Reinheit und Eßbarkeit der Wiederkäuer
besteht auch bei ihnen. Sie essen das Fleisch der Rinder,
Ziegen, Schafe, Antilopen und Giraffen; dagegen sind
Pferde, Maultiere und Schweine verboten. Das Schlacht—
160
        <pb n="198" />
        vieh wird durch Kehlschnitt getötet und muß gut aus—
bluten.

Beschneidung ist bei den Falaschas sowohl als bei den
abessinischen Christen üblich, die letzten haben diese Maß—
nahme auch bei den Mädchen eingeführt. Die Einehe gilt
allgemein, das Konkubinat ist fast unbekannt. Ehescheidung
kommt, wenn auch selten, vor.

Die Festtage stimmen fast ganz mit denjenigen der Juden
in der übrigen Welt überein. Der Sabbat wird gefeiert
von Sonnenuntergang am Freitag bis zum gleichen Zeit—
punkt am Sonnabend. Der siebente Sabbat nach dem
Fassika-Fest, das dem jüdischen Passah entspricht, Lengata
Sanbat (altäthiopisch: Lengata — Liebe, Sanbat — Sabbat),
wird heiliger gehalten als die anderen. Zur Feier des⸗
selben muß die Hütte viel sorgfältiger gereinigt werden
als zum Sabbat. Nichts, was gärt, darf darin bleiben.
Ungesäuertes Brot, Kitta, ganz ähnlich der Matze, wird
gegessen. Esterai entspricht dem Yom Kippur. Es ist
nur ein Totengedenktag, nicht ein Tag der Buße, wie sonst
bei den Juden. Der Kol Nidre ist nicht bekannt. Esterai
ist ein vollkommener Fasttag, der selbst für kleine Kinder
gilt. Man verbringt den ganzen Tag in der Synagoge.
Am Abend findet ein Festmahl statt, und zwar nicht nur für
die Menschen — auch für die Vögel werden Körner aus—
gestreut.

Die beiden großen Feste Purim und Chanuka sind den
Falaschas unbekannt.

Die Frage der geistigen und physischen Stärke der Fa⸗
laschas ist Gegenstand umfangreicher Erörterungen gewesen.
Nahoum berichtet, daß er sie schwach, degeneriert und un—
fruchtbar gefunden habe, aber er und die meisten anderen

71
        <pb n="199" />
        Forschungsreisenden geben zu, daß die Falaschas fast ganz
frei sind von Geschlechtskrankheiten, die unter den anderen
Abessiniern so verbreitet sind. Faitlowitsch erklärt sein
Volk für das männlichste in Athiopien, sowohl in geistiger
als körperlicher Hinsicht. Er zitierte den ehemaligen Gou⸗
verneur von Erythräa, der die Falaschas die Intellektuellen
von Abessinien nannte, und er selbst glaubt, daß auf ihnen
die Hoffnung des Landes auf Fortschritt beruhe.

Auf mich machten sie im allgemeinen einen gesunden und
lebhaften Eindruck. Eine robuste Natur erwartet man bei
keinem Abessinier, aber soweit ich beobachten konnte, füllt
für die Falaschas ein Vergleich mit ihren christlichen Lands—
leuten in körperlicher Hinsicht günstig aus. Es würde merk⸗
würdig sein, wenn es nicht so wäre. Gerade ihr Fleiß muß
anregend auf ihr Gehirn und auf ihre Muskeln gewirkt
haben; darüber hinaus können die mosaischen Gesetze über
hygienische Dinge unter ihren Lebensbedingungen kaum
zweckmäßiger sein, und diese sind von denen der mosaischen
Zeit nur durch die Jahrhunderte getrennt, sachlich sind sie
kaum abgewandelt.

Mein Aufenthalt unter ihnen erweckte in mir ähnliche
Empfindungen, wie man sie beim Anblick von Dingen hat,
die aus Jahrhunderte alten Gräbern zutage gefördert wer—⸗
den. Ich schlug eine Brücke von der Gegenwart in die fernste
Vergangenheit hinüber. Biblische Berichte waren mir jetzt
nicht mehr lediglich alte Religionsgeschichte, sie wurden zu
Erzählungen vom Leben eines Volkes, das dem der heutigen
Falaschas ähnlich war.

177
        <pb n="200" />
        Das Stromgebiet des Blauen Nils
Der verwundete Räuber — Amba Oschibdschiba — Meneliks Vertrag
mit Großbritannien — Die Woitos — Legenden vom Tand⸗See

Ja Jenda gab es noch andere interessante Dinge außer den
Falaschas. So befand sich dort zum Beispiel ein ver—
wundeter Räuber, der die Veranlassung zu einer mehrtägi—
gen Verzögerung unserer Abreise nach dem Tana⸗See wurde.

Der Mann war in Baurs Behandlung gewesen seit dem
Tage seines Besuches in Gondar. Während der Abwesenheit
des Missionars war eine Gruppe von Räubern bei der Mis—
sion erschienen, aber bevor sie dort eindringen konnten, war
ein Streit unter ihnen entstanden, der mit einer allgemeinen
Schießerei abschloß. Als Baur zurückkehrte, fand er den An—
geschossenen mit von Würmern zerfressenen Wunden in einer
Hütte in der Nähe der Mission. Die sachgemäße Sorgfalt,
mit der er ihn zu behandeln versuchte, wurde von den Ver—
wandten des Kranken durchkreuzt. Sie rissen den Verband
ab, warfen die schweren Sandsäcke, die Baur benutzt hatte,
um dem Bein eine sichere Lage zu geben, beiseite und riefen
einen Priester herbei, der mit seinen Amuletten helfen sollte.

Zweimal am Tage gingen wir in die Hütte, um die Wun—
den auszuwaschen und den Verband zu erneuern. Der Ge—
ruch des verfaulten Fleisches, der Kuhdünger der Hütten—
wände und der zur Abwehr böser Geister verbrannte Weih—
rauch vereinigten sich zu einem schrecklichen Gestank. Da wir
kein Material besaßen, um einen Gipsverband zu machen,
packten wir den armen Teufel in roten Ton und banden ihn
an seinem Lager fest, und zwar so, daß seine Freunde die
Knoten nicht lösen konnten. Die Frauen, die auf des Mannes
Stöhnen horchten, hatten gewiß den Eindruck, daß Baur den

72
        <pb n="201" />
        Räuber für seine Taten strafte, statt sich um seine Heilung zu
bemühen.

Obwohl ich seit meiner Ankunft in Abessinien viel von
Räubern gehört hatte, war dies doch die erste Begegnung
mit einem solchen. Das Gebiet schien voll von ihnen zu sein.
Erst kürzlich hatte eine Bande die kleine Tochter einer Schan⸗
kala⸗Frau, die Wasser zur Mission brachte, weggeschleppt. Da
das Kind acht Jahre und demgemäß heiratsfähig war, hatte
die Mutter keine Hoffnung, es je wiederzusehen. Aber zehn
Tage später kehrte es zurück. Es hatte eine Gelegenheit ge—
funden, zu entschlüpfen, während die Räuber in tiefem
Schlaf lagen nach den Anstrengungen eines Mahls, bei dem
sie einen Ochsen verzehrt und das rohe Fleisch mit Honigwein
hinuntergespült hatten. Der Ochse und der Tetsch entstamm—
ten wahrscheinlich einem den Räubern gelieferten Dergo.

Als Baurs Räuber in Jenda waren und die Gelegenheit,
in die Mission einzubrechen, abwarteten, waren sie von den
Dorfinsassen mit Lebensmitteln versorgt worden. Diese Hal⸗
tung der Einwohnerschaft gegenüber den Räuberbanden geht
auf zwei Ursachen zurück. Im allgemeinen bilden die Räuber
nur eine Gefahr für Reisende. Sie unterhalten einen Nach⸗
richtendienst und sind lange vorher über die Ankunft von
Karawanen unterrichtet, über die Anzahl der dazugehörigen
Männer und Tiere und über die transportierten Waren. Die
Dorfbewohner haben mit Ausnahme der Beitreibung des
Dergos nichts zu fürchten. Der andere Grund für ihre fried⸗
liche Haltung ist der, daß die Räuber tatsächlich keinen be—

sonderen Stand darstellen, sondern die Einwohner können
alle an diesen Raubzügen teilnehmen und tun es auch.
Einem Beamten, der mit seinem Schicksal unzufrieden ist,
fällt es nicht schwer, sich den Räubern anzuschließen. Man

1533
        <pb n="202" />
        erzählte mir, daß kurz vor meinem Besuch einer von Ras
Gugsas Schums sich erhoben, eine Bande bewaffneter Leute
um sich versammelt und mit diesen Karawanen überfallen
habe. Man begegnet in dem Distrikt auch dem Glauben, daß
Ras Gugsa selbst Nutzen aus diesen Banden zieht. Wenn sie
gefaßt werden, bringt man sie nach Debra Tabor, von wo sie
nur gegen Lösegeld wieder freigelassen werden.

Zwischen unseren Pflegebesuchen bei dem verwundeten
Räuber ritten wir in die Umgegend, um uns solche Orte an—
zusehen, die irgendwie in der abessinischen Geschichte eine
Rolle spielen. Von Jenda glaubt man, daß es älter ist als
Gondar. Seine Ruinen sind weniger gut erhalten als die der
alten Hauptstadt. Vierzehn Abunas sind auf dem bei der
St.Georgs-Kirche liegenden Friedhof begraben. Hinter dem
Missionsgebäude finden sich Überbleibsel des Lagers von
König Theodor, in dem er einst den Knaben, der später Me—
nelik V. wurde, gefangen hielt.

Einer unserer Ritte führte uns nach Amba Oschibdschiba,
einem Berge, der als Landmarke dient und zugleich einen
borzüglichen Ausblick auf das ganze umliegende Land bietet.
Zu seinen Füßen liegt der riesige glänzende Spiegel des
Tana⸗Sees. In die gewaltige Wasserfläche desselben ragen
viele Halbinseln hinein, deren grüne Wiesen von grasendem
Vieh bedeckt sind. Der Berg selbst dient dem gleichen Zwecke
wie die indischen Türme des Schweigens. Rund um die
Kirchenhütte auf seiner Spitze befindet sich ein Begräbnis—
platz, auf dem aber selten ein Grab gegraben wird. Hier
liegen die Leichname, die man, festgebunden auf dem Lager,
auf dem der Tod eingetreten ist, hinaufgetragen und auf den
Abhang des spitz zulaufenden Berges niedergelegt hat, um
den Aasfressern, nach denen der Berg seinen Namen trägt,

74
        <pb n="203" />
        überlassen zu werden: Amba Oschibdschiba ist der amharische
Ausdruck für Hyänen.

Nicht weit von der Hütte entfernt standen Ruinen einer
steinernen Kirche. Es ist nichts von Interesse davon übrig—
geblieben als einige Steine, die beim Anschlagen Glocken⸗
töne erklingen lassen.

Endlich war für die Mannschaft und Tiere meiner Kara—
wane das Ende der langen Untätigkeit gekommen. Baur, der
mich auf meiner Reise nach der Grenze des Sudan bis Work
deba begleiten wollte, hatte den Räuber für so weit geheilt
erklärt, daß man ihn der zweifelhaften Hilfe seiner Freunde
überlassen konnte. Eine weitere Verzögerung unserer Ab—
reise wurde durch den Wachtmann verursacht, den Baur an—
geworben hatte, um während seiner Abwesenheit einen
zweiten Angriff der Räuber auf die Mission zu verhindern.
Der Mann lehnte ab zu kommen, bis ein Verwandter, der
gerade an Elephantiasis gestorben war, begraben sein würde.
Es war materielles Interesse und nicht Beileidsgefühl, was
ihn zu dieser Aufmerksamkeit veranlaßte. Nach abessinischer
Sitte darf keiner, der möglicherweise als Erbe in Frage
kommt, den Ort verlassen, bevor das Begräbnis statt—
gefunden hat, bei Strafe des Verlustes seiner Rechte an der
Erbschaft.

Meine Karawane war bei dem italienischen Konsulat ver—
sammelt. Sie bestand aus sechzehn Maultieren und vierzehn
Personen, einschließlich Ras Gugsas Alaka, den Efendi den
„Einfluß-Mann“ nannte, und eines Korporals mit Namen
Woldesamuel, den mir Konsul Frangipani geliehen hatte.

Eine Tagereise brachte uns an das Ufer des Tana, des
schönen Bergsees, der das Sammelbecken des Blauen Nils ist,
wie der Victoria Nyanza das des Weißen Nils. Von ihm

9
        <pb n="204" />
        strömt das Wasser aus, von dem die Fruchtbarkeit der weiter
unterhalb liegenden Länder abhängt.

Der üppige, vom Wasser abgesetzte Schlamm und auch das
Wasser selbst machen den Tana-See zu einem Gegenstand
internationaler Wachsamkeit. Mit Rücksicht auf die Baum—
wollfelder im Sudan und in Agypten ist Großbritanniens
Interesse an ihm so groß, daß es sich für alle Zeiten durch
einen Vertrag geschützt hat, der im Mai 1903 mit Menelik II.
geschlossen wurde. Der entscheidende Paragraph dieses Ver—
trages lautet:

„Seine Majestät, der Kaiser Menelik I., König der Könige
von Äthiopien, vereinbart mit Seiner Britischen Majestät,
daß er am Blauen Nil, am Tana⸗-See oder am Sobat weder
bauen will, noch anderen den Bau irgendeines Werkes ge—
statten wird, das die genannten Gewässer hindert, dem Nil
zuzufließen, ohne Zustimmung Seiner Britischen Maijestät
und des Sudans.“

Daß dieser Vertrag nicht nur Menelik band, sondern
ebenso auch seine Nachfolger, hat sich erst kürzlich gezeigt.
Im Jahre 1927 ging Dr. Workenah Martin im Auftrage der
äthiopischen Regierung nach New VYork, um mit der dortigen
White Company, einer amerikanischen Baufirma, über die
Errichtung eines Dammes am Tana⸗See zu verhandeln. Das
Stauwerk sollte das Eigentum Athiopiens bleiben. Amerika
war nur an dem technischen Unternehmen als solchem inter—
essiert. Die Zeitungen brachten die Mitteilung, daß die
Konzession vergeben sei, aber Dr. Martin, der sich auf seiner
Rückreise nach Abessinien in Liverpool aufhielt, widersprach
dieser Nachricht. Er habe kein Abkommen mit der ameri—
kanischen Firma unterzeichnet, er stelle offiziell fest, daß seine
Regierung nach dem Wortlaut des anglo⸗-äthiopischen Ver—

176
        <pb n="205" />
        Falascha-EChepaar beim Weben

Woitu-Dorf bei Dewasa am Tana-See
        <pb n="206" />
        Lager bei Dewasa am Tana-See
Faltboot Baurs und Eingeborenenboot

Bewohner von Aloa mit Dergo
        <pb n="207" />
        trages kein Recht habe, einen solchen Kontralt ohne Zu—
stimmung Großbritanniens abzuschließen Alle diesbezüg⸗
lichen Verhandlungen waren der britischen Regierung zwecks
Zustimmung vorgelegt worden, aber diese Zustimmung wird
zweifellos ausbleiben, und demgemäß wird es wohl auch
noch lange dauern, bevor am Tana-See ein Stauwerk ge⸗
baut wird.“
Diese schöne und mächtige Wasserfläche liegt in einer Höhe
von tausendsechshundert Meter. Ihr Durchmesser beträgt
annähernd achtzig Kilometer, doch ist die Tiefe nirgends
sehr groß. Uppiges Wiesenland, auf dem sehr viel
Vieh grasen kann, umsäumt sie. Überall, wie auch
schon in allen Gebieten, die wir seit Gondar durchquert
hatten, sah ich Vögel mit farbenprächtigem Gefieder.
Das Gewässer in der Nähe der Küste wimmelte von den
mit Stangen fortbewegten kleinen Booten der Woitos, ein
Stamm, dessen Dörfer in der Gegend verstreut liegen und
der vom Fischen und von der Jagd in den umgebenden
Bergen lebt. Von diesen Woitos heißt es im Buch der
Könige, daß sie ein Zweig der Wato, eines alten am Nil
wohnenden Volksstammes sind, und daß sie ursprünglich von
den Kuschites abstammen. Während des zweiten Jahrhun⸗
derts vor Christi Geburt wurden die Watos durch eine
Hungersnot den Blauen Nil hinaufgetrieben, wo sie sich
„The New VYork Times“ vom 18. März 1930 berichtet auf
Grund eines Telegramms aus Addis Abeba, daß es der J. C. White
Company in New Vork und der mit ihr verbundenen White Con—⸗
struction Company nach zehnjährigen Verhandlungen gelungen ist,
die Zustimmung Englands zum Bau des Dammes zu erhalten. Ein
entsprechender Vertrag ist im März dieses Jahres mit Zustimmung
Ras Taffaris zwischen der englischen und der abessinischen Regie⸗
rung und den amerikanischen Interessenten abgeschlossen worden.

12 Norden. Abessinien

177
        <pb n="208" />
        von Krokodilen, Nilpferden, Vögeln und Fischen ernährten.
Ein Teil des Stammes blieb im Sudan, andere gingen weiter
südwärts in das Gebiet des heutigen Galla-Landes, und hier
erhielt sich ihr ursprünglicher Name Wato. Der Teil des
Stammes, der sich am Tana⸗See niederließ, wurde von den
arabischen Agazi besiegt. Weil die hungrigen Woitos wahl-⸗
los alles aßen, wurden sie von den Siegern verächtlich Oihi—
tdos, Vielfresser, genannt. Von dieser Bezeichnung rührt die
heutige Form ihres Namens her.

Die Watos im Sudan und Galla⸗-Distrikt sind Mohamme-
daner, die Woitos tragen Amulette nach Art der Mohamme—
daner und der Christen, aber ihre Lebensformen entsprechen
keiner der beiden Konfessionen.

Wenn wir nicht schon anderweitig darüber belehrt wor⸗
den wären, hätten wir an den viereckigen Strohhütten er—
kennen können, daß dies Volk gänzlich verschieden von allen
Finwohnern Äthiopiens war, die wir gesehen hatten.

In dem ersten Woito-Oorf, irgendwo zwischen Jenda und
Dewasa, waren die Menschen versammelt, um an der Ver—
teilung eines zerlegten Bullen teilzunehmen. Jeder Dorf—
bewohner hatte einen Teil zum Ankauf des Tieres beige—
tragen, jeder von ihnen hatte nunmehr einen Teil vom Ver—
kaufspreis der Haut zu empfangen: Das ist ein Beispiel
davon, wie die Woitos ihr Leben einrichten.

Im nächsten Dorf fanden wir um eine Strohhütte herum
eine Schar von Leuten versammelt, die den Tod eines soeben
gestorbenen Mannes beklagten. Über einem rauchenden
Feuer wurden Hühner gekocht, die für ein Festessen nach der
Trauer bestimmt waren.

Wir errichteten unser erstes Lager in der Nähe von Pa—
pyrusstauden und Schilf am Ufer des Sees. Noch bevor

78
        <pb n="209" />
        die Zelte aufgeschlagen waren, fuhren Baur und ich mit
unserm Boot, das ich bereits von Gondar her mitgeschleppt
hatte, aufs Wasser hinaus. Es war vor Jahren nach Athio—
pien gekommen, hatte aber lange herumgelegen und war für
Baurs und meinen Gebrauch auf dem italienischen Kon—
sulat wieder zurechtgeflickt worden. Wir bestiegen es mit
bösen Vorahnungen, die indessen durch keinerlei Mißgeschick
bestätigt wurden. Der alte Klapperkasten erwies sich noch
als seetüchtig, doch benutzte ich mein Angelzeug nicht, damit
nicht etwa ein großer Fisch uns zum Umkippen brachte. Wir
beobachteten die Woitos, die ins Wasser wateten und Fische
mit dem Dreizack speerten. Andere fuhren mit Tanquas
(Flöße aus Papyrusschilf) und breiteten Netze aus, die
aus Pflanzenfasern angefertigt waren. Sie stießen ihre
Fahrzeuge mit Bambusstäben vorwärts und siegten in einem
mit Baur veranstalteten Wettrennen, der Ruder benutzte.

Wir schossen wilde Gänse und Enten und bemerkten im
Busch des Hinterlandes Spuren von Leoparden und Nil-
pferden. Eines Morgens brachen wir auf, um Büffel zu
jagen, die reichlich vorhanden sein sollten. Aber wir brach—
ten keine andere Jagdbeute als ein Wildschwein nach Hause.
Eine Schar von Eingeborenen folgte über die Abhänge dem
in einem Dickicht liegenden angeschossenen Tier. Ihre Gier
nach Fleisch war eine neue Bestätigung, daß sie sich um das
mohammedanische Verbot nicht kümmerten.

Auf diesem Jagdausflug führte uns ein alter Woito. Er
war ein schweigsamer Mann und begleitete uns mit offen—
barem Widerwillen. Ich fragte ihn nach seinem Namen, er
sagte Baschai, was ungefähr soviel bedeutet wie Jagdmeister.
Als er sah, daß wir den See sehr bewunderten, wurde er
weniger scheu und unterhielt sich mit Baur. In seinen Ge—

19
        <pb n="210" />
        sprächen kam immer und immer wieder ein Wort vor, das
etwa klang wie „Geometrie“. Baur war nicht imstande, das
Geheimnis aufzuhellen, was der alte Eingeborene mit diesem
Zweig der Mathematik zu tun hatte. Er erzählte uns, daß
ihm vor mehreren Jahren ein gewisser Geometrie eine
Schrotflinte geliehen habe, und daß sie zusammen ungefähr
hundert Reiher geschossen hätten. Seit dieser Zeit habe es
niemals mehr so viele und so große von diesen Vögeln im
Tana⸗Distrikt gegeben. Geometrie hatte dem Baschai ge—
sagt, daß die Reiher sehr teuer bezahlt würden, und daß die
Ferengi-Frauen sie auf den Köpfen trügen.

Einen Monat später erzählte ich diese Geschichte im
Sudan und erfuhr sogleich die Lösung des Rätsels. Vor
mehreren Jahren hatte eine britische wissenschaftliche Erx⸗
pedition den Tana⸗See-Distrikt besucht, und eines ihrer Mit—
glieder hieß George Metrix.

Die Scheu des Baschai war typisch für die Mitglieder
seines Stammes. Die Woitos fürchten die Annäherung von
Fremden an den See, den sie mit Ehrfurcht als den Aufent—
haltsort von Geistern betrachten. Mit Hilfe der vereinig—
ten Bemühungen Efendis und des Alaka bei einigen Einge—
borenen erfuhr ich etwas über den Glauben der Woitos und
diese geheimnisvollen Bewohner des Sees.

„Jeder Geist ist so groß wie eine Sykomore. Sie haben
ein weißes Antlitz mit einem Bart, der horizontal absteht;
außer den normalen Augen haben sie noch ein Paar davon
auf der Hinterseite des Kopfes, ihre Füße sind doppelt so
groß wie die der Menschen, Finger⸗ und Fußnägel sind von
phantastischer Länge, ihre Zähne ragen hervor in der Art wie
Wildschweinhauer, sind jedoch noch größer als diese.

Die Geister tanzen während der Nacht zum Schlag der

180
        <pb n="211" />
        Trommeln. Wir wissen das, weil wir die Trommeln hören
können, wenn wir mit unseren Tanquas auf dem Wasser
sind. Manchmal verlassen die Geister den See während der
Dunkelheit und kommen ans Ufer, um Menschen zu töten.
Wir können ihre Speere nicht sehen, aber wir wissen, daß sie
in Menschenblut getaucht sind und sicheren Tod bringen. Die
Geister besuchen unsere Frauen während der Nacht. Wenn
diese schön sind, kommen die Geister immer wieder. Die
Frauen wissen nicht, daß die Geister sie besucht haben, sie
denken, sie haben geträumt. Diese Frauen gebären keine
Kinder, aber sie werden schwanger und sterben. Man kann
im allgemeinen nichts dagegen tun, aber manchmal gelingt
es einem Priester, die Geister zu vertreiben.“

So lautet der Bericht eines der herbeibefohlenen Besucher.
Ein anderer, den Efendi bereit fand zu sprechen, neigte dem
Christentum zu, war aber von übernatürlichen Ereignissen
im See und in seiner Umgebung überzeugt.

„Wir wissen, daß es Priester auf jeder Insel des Sees
gibt“, sagte er. „Manchmal riechen wir Weihrauch und
hören das Geläut ihrer heiligen Prozessionen. Es befindet
fich ein heiliges goldenes Kreuz im See und noch viel ande⸗
res Gold und Silber, das aber nicht aufgefunden werden
kann, bis die Ferengi den Tana⸗See abgelassen haben wer—
den. Dann wird der Blaue Nil ein Kanal sein, der ins
Paradies führt, das in Jerusalem liegt, der Teufel wird er—⸗
scheinen und alle Menschen rufen, und das wird das Ende
der Welt sein.“

Das etwa ist die Form, in der die Legende von Gog und
Magog bei diesem Mischlingsstamm an den Ufern des Tana⸗
Sees lebendig ist.

Aus alledem ist zu ersehen, daß die Schwarzen sowohl als

8

t
        <pb n="212" />
        auch die Weißen im Tana⸗-See eine Quelle der Macht, eine
Art Schlüsselstellung erblicken. Die Schwarzen fürchten die
Annäherung der Weißen, weil sie überzeugt sind, daß diese
den See austrocknen und schlimme Ereignisse heraufbeschwö—
ren. Sie fürchten diese und erwarten sie doch wieder mit
der Hilflosigkeit und dem Fatalismus der Primitiven. Die
Weißen versuchen charakteristischerweise das Schicksal selbst
zu meistern. Sie erkennen den Reichtum, der in den ab—
fließenden Gewässern des Tana⸗Sees liegt, und denken so—
fort daran, Stauwerke zu errichten, mit anderen interessier—
ten Mächte Verträge abzuschließen und diese zu umgehen.

Zur Grenze des Sudan
Ein seltsames Dergo — Der Alkohol schmuggelnde Esel — Sklaven
und Sklaverei — Räuber — Der Brief des jungen Äthiopiers
De letzte Abschnitt meiner Karawanenreise führte mich
durch einen Teil Athiopiens, in dem Gesetz und Ord—
nung weniger Geltung hatten als in irgendeinem der Ge—
biete, die bereits hinter mir lagen. Der an der sudanesischen
Grenze gelegene Distrikt entspricht darin den Grenzländern
der ganzen Welt, daß auch er der Schauplatz vieler ungesetz—
licher Unternehmungen ist. Räuberbanden, Sklaven- und
Waffenhandel und Schmuggel aller Art finden hier ein
reiches Feld.

Es war unbestimmt, wie lange die Reise von Aloa am
Tana⸗GSee bis zur Grenze dauern würde, denn Woldesamuel,
dem die Führung übertragen war, erklärte, daß er Richt⸗
wege kenne, die geringere Schwierigkeiten böten und dem—
gemäß die Zahl der Marschtage vermindern würden.

189
        <pb n="213" />
        Als wir von Alog aufbrachen, verließen wir, uns nach
Westen wendend, gleichzeitig den Tana⸗See. Halbwegs nach
Workdeba, unserer erften Lagerstätte, sahen wir eine durch
das Elefantengras auf uns zukommende Menschengruppe,
die aus einem Reiter und einem Dutzend bewaffneter Fuß⸗
soldaten bestand. Außerdem bemerkte man einen Esel, der
mit einer schweren Last beladen war. Der Führer reichte mir
ein Schriftstück, das Efendi übersetzte:

„Dies ist Kandjasmatsch Blay. Er wird Ihnen ein Ge⸗
schenk von mir übergeben. Ich wünsche Ihnen eine gute
Reise. Ras Gugsa“

Dies war trotz des Briefes von Ras Gugsa die erste An⸗
kündigung eines Dergos im Tana⸗See⸗Distrikt. Die Schums
hielten sich verborgen, und der Alaka konnte oder wollte
nichts dagegen tun. Es war die Rede davon, daß man uns
für Räuber gehalten habe, was unsinnig war, auch schon
deswegen, weil wir auch als solche berechtigt gewesen wären,
Dergo zu empfangen. Aber nachdem Gugsas Vertreter mit
seinem beladenen Esel erschienen war, fühlte ich mich etwas
enttäuscht. Wir hatten davon gehört, daß sich eine Bande von
zweihundert Räubern zwischen Aloa und der sudanesischen
Grenze aufhalte, und ich hatte gehofft, Ras Gugsa würde
mir noch eine weitere Eskorte stellen. Da ich jedoch nur ein
Geschenk statt Hilfe erhalten sollte, beauftragte ich Efendi,
dem Führer Grüße auszurichten und ihn zu ersuchen, mit
uns zu einem in der Nähe liegenden bewaldeten Hügel zu
reiten, wo ich die Gabe in gehöriger Form entgegennehmen
könnte.

Baur und ich saßen auf einem Felsen. Meine Leute und
die fremden Soldaten standen um uns herum. Efendi stand
neben mir und sah glücklich und stolz aus, weil sein Herr in

24
185
        <pb n="214" />
        seinem Lande so gastfreundlich aufgenommen wurde. Die
große Holzkiste auf dem Rücken des Esels ließ ein Ab—
schiedsgeschenk vermuten, das bedeutend genug war, um
alle erlittene Nichtachtung und Unhöflichkeit vergessen zu
machen.

Meine eigenen Erwartungen waren hochgespannt, ich
hoffte auf eines der Löwenfell.Capes, das ich so gern ge—
habt hätte. Aber das Lächeln schwand von Efendis Antlitz
und, ich fürchte, auch von dem meinigen, als die Kiste abge⸗
laden und geöffnet wurde. Sie enthielt achtzig Kilogramm
Butter.

UÜberhaupt kein Geschenk würde eine Nichtachtung bedeutet
—— Sowohl Baur als
auch Efendi und Woldesamuel glaubten, daß Ras Gugsa
dem Kandjasmatsch befohlen habe, ein geeignetes Geschenk
zu überbringen, daß aber dieser einfach durch das Land ge⸗
zogen sei und die Butter statt einer Steuer gesammelt habe.
Ras Gugsas Befehl von Debra Tabor aus hatte Kandjas⸗
matsch in seinem Hause im Woggera⸗Distrikt erreicht, und er
hatte vier Tage gebraucht, um mich zu treffen. Acht Marsch⸗
tage mit dreizehn Mann, um eine Last Butter an jemand
auszuliefern, der keinen Gebrauch davon machen konnte,
das war ein Witz, der dazu noch nicht einmal eine
Pointe hatte.

Ich erklärte mit aller Deutlichkeit, daß ich das Geschenk für
eine Beschimpfung hielte, und ich glaube, dies war eine der
wenigen Gelegenheiten, bei der Efendi meine Bemerkungen
wortwörtlich übersetzt hat. Doch hatte ich nicht die Absicht,
mich mit einem Abgesandten Ras Gugsas zu überwerfen, be⸗
sonders wenn er von zwölf bewaffneten Leuten begleitet
war, und ich versuchte ihn zu bewegen, mich durch das von

184
        <pb n="215" />
        Räubern unsicher gemachte Gebiet zu begleiten. Das lehnte
er mit dem Hinweis ab, daß er lediglich den Auftrag gehabt
habe, das Geschenk und die Grüße Ras Gugsas zu über—
bringen. Er ersuchte um Empfangsbestätigung für die Sen—
dung, die ich in folgendem gab:
„Workdeba, 19. Februar 1929
Seiner Exzellenz Ras Gugsa,
Debra Tabor
Sir!
Hiermit bestätige ich, durch Kandjasmatsch Blay eine Kiste

mit Butter erhalten zu haben. Ich danke Ihnen.
Hermann Norden.“*

Als der Alaka hörte, daß der Kandjasmatsch und seine
Eskorte wieder zurückmarschiere, wünschte er ebenfalls zu
gehen. Er sagte, er fühle sich nicht wohl, vor uns läge auch
ein Fiebergebiet, in dem er zweifellos ernstlich erkranken
würde.

Da die Regenzeit erst später einsetzte, wußte ich, daß
seine Ausreden der Begründung entbehrten, und hielt
ihm Ras Gugsas Brief unter die Nase, in dem es hieß, der
Alaka würde mich durch Gugsas Gebiet begleiten, was soviel
bedeutete als bis Metemma, einem abessinischen Dorf an der
sudanesischen Grenze. Baur und Efendi übersetzten meine
dazugehörigen Randbemerkungen, bis der Alaka schließlich
*Dem Verfasser wurde auf seiner Rückfahrt von einer Asienreise
in Oschibuti folgendes mitgeteilt: Ras Gugsa hatte sich im Frühjahr
dieses Jahres mit etwa sechs- bis achttausend Mann gegen Ras
Taffari erhoben, wurde aber von diesem unter Mitwirkung aus—
ländischer Bombenflugzeuge vernichtend geschlagen und getötet.

88
*
        <pb n="216" />
        seine Einwendungen aufgab und sich zur Weiterreise mit uns
fertigmachte.

Baur verließ mich in Workdeba, um wieder nach Jenda
zurückzukehren. Als er noch bei uns war und bevor ich
den Kandjasmatsch verließ, inspizierte ich meine Karawane,
und zwar geschah das, um einer gewissen Sache auf den
Grund zu kommen. Seit unserem Aufbruch hatte ich die
Tiere niemals nachgezählt oder der Ladung besondere Beach—
tung geschenkt, mit Ausnahme eines kurzen Rundblickes auf
das Ganze beim Abmarsch vom Lager, um zu sehen, ob
nichts vergessen war. Ich hatte die gesamte Aufsicht Wolde—
samuel, zu dem ich vollkommenes Vertrauen hatte, über—⸗
tragen. Der Gedanke, daß meine Karawane sich vergrößert
haben könnte, war mir niemals gekommen, bis ich, irgend⸗
wo zwischen Aloa und Dewasa bemerkte, daß ein mit zwei
hölzernen Kisten beladener Esel beim Überschreiten eines
Flusses tief in den Schlamm einsank. Ich dachte zuerst,
daß meine Kisten mit Mineralwasser für das kleine Tier zu
schwer seien. Dann fiel mir ein, daß meine Karawane ja
aus Maultieren bestand und der eine Esel Baur gehörte,
dessen altes Boot er trug. Nachdem meine Aufmerksamkeit
durch den Neuankömmling wachgerufen war, stellte ich fest,
daß der dazugehörige Treiber, ein schwarzer Schankala mit
heiserer Stimme, ebenfalls nicht zu meiner Karawane ge—
hörte. Das mußte geklärt werden. Ich ließ also das
Ganze haltmachen und ordnete eine Untersuchung der Lasten
an. Es ergab sich, daß meine Karawane sich außer dem Esel
auch noch um zwei Maultiere vermehrt hatte, und daß alle
drei Tiere mit italienischem Kognak aus Erythräa und mit
Arrak und Mastirschnaps aus Abessinien beladen waren.

Wann diese erstaunliche Erweiterung meiner Karawane

186
        <pb n="217" />
        stattgefunden hatte, ließ sich natürlich nicht mehr genau
klären, aber gewisse Feststellungen waren immerhin möglich.
Irgend jemand, oder wahrscheinlich eine kleine Gesellschaft
in Gondar, hatte den Plan ausgeheckt, mich zu einem
Schnapsschmuggler zu machen. Alkohol für Handelszwecke
darf gesetzlich nicht über die sudanesische Grenze gebracht
werden. Es war klar, daß man gehofft hatte, die verbotene
Ladung als mein Eigentum durchzubringen, um sie dann für
ein kleines Vermögen zu verkaufen.

Diese Sache machte die bereits schwierige Situation noch
verwickelter. Mein Paß war nicht für den Sudan visiert
worden, weil ich, als ich Athiopien betrat, noch nicht wußte,
daß ich es auf diesem Wege wieder verlassen würde. Auch
hatte ich keine Erlaubnis, Waffen und Munition mitzu—
nehmen. Und hier stand ich nun an der Grenze des Sudan
mit Gewehren, Munition und Alkohol und hatte weder
Visum noch irgendwelche Einführungsschreiben. Ich gra⸗
tulierte mir selbst, daß ich den Alkohol noch rechtzeitig ent⸗
deckt hatte, so daß es mir möglich war, diese Seite des
Problems noch vorher zu lösen. Ich ließ den dollaufseher
in Workdeba rufen und ihm die Kisten mit Schmuggler—
ware in Gegenwart Baurs und des Kandjasmatsch über—
geben. Dabei erinnerte ich mich mit einem Gefühl des
Dankes der früher bewiesenen vernünftigen Haltung der Eng—
länder und ließ meine Karawane mit dem Zuvertrauen,
dessen ich noch fähig war, weitermarschieren.

Dorfbewohner folgten mir mit Geschenken in Gestalt von
Eiern, Milch und Honig, und bald darauf begegnete ich einer
Delegation von Priestern aus einem nahegelegenen Kloster.
Das schien ein gutes Zeichen zu sein; ich hoffte, die Schwie—
rigkeiten überwunden zu haben, und hielt den heiligen
7
4.
        <pb n="218" />
        Männern in Anerkennung ihrer Freundlichkeit eine kleine
Ansprache, die Efendi übersetzte, wobei er ihnen sagte, daß
ich ihnen Geschenke aus Amerika schicken würde.

Nachdem wir Workdeba verlassen hatten, revidierte ich
meine Karawane aufs neue. Da ich weder Efendi noch
Woldesamuel ganz vertraute, ritt ich zurück und wieder nach
vorn, um mich zu versichern, daß ich meine Tiere richtig
gezählt hatte, und hielt besonders Ausschau nach dem
Esel mit seiner zu schweren Last. Alles schien in Ordnung
zu sein. Später schickte ich meinen Boy Taschamusch mit
dem gleichen Auftrag nach hinten. Er kehrte zurück und
sagte immer von neuem wieder „ahia, ahia“, ein Ausdruck,
der mir als das amharische onomatopoetische Wort für Esel
bekannt war. Das kleine Vieh war im Gebüsch versteckt
und zu meiner Karawane zurückgebracht worden, nachdem
ich meine Inspektion beendet hatte. Ich ließ den Esel wie—
der zurückjagen und nahm mir vor, auf der Hut zu sein.

Von jetzt an wurde unser Pfad uneben und schwierig.
Berge mußten erklommen, steile Schluchten und reißende
Ströme überschritten werden. Beim Gambe-Fluß führte
der Weg über eine Reihe von vorspringenden Felsenkanten,
auf denen es unmöglich war, im Sattel zu bleiben. Sogar
an Stellen, wo der Abstieg nicht zu steil zum Reiten war,
sperrten dornige Bäume und Lianen den Weg. Es gab
Strecken, an denen die Vegetation sehr spärlich war oder
uberhaupt fehlte. Unser Pfad führte hin und her zwischen
riesigen Basalt- und Granitblöcken, und der Sandstein hatte
durch Erosion malerische und groteske Formen angenommen.
Bei Ambamahari, was soviel bedeutet wie „Barmherzige
Quellen“, befinden sich heiße Quellen, die Bethesda genannt
werden nach dem Teich neben dem Schafmarkt in Jerusalem.

188
        <pb n="219" />
        Mein Wunsch, ein Bad zu nehmen, wurde im Keime erstickt
durch den Anblick des schmutzigen Tümpels und der fünf
oder sechs badenden Menschen, die offensichtlich syphilitisch
waren und die Heilkraft des Wassers ausnutzten. Eine
Woche lang sahen wir kein menschliches Lebewesen. Dieser
Weg nach dem Sudan wird nur selten benutzt. Die Tierwelt
war um so reicher vertreten, insbesondere gab es viele Affen,
Gazellen und Antilopen.

Eines Morgens bemerkten wir Fußspuren, als wir durch
den Bambuswald marschierten. Wir stellten fest, daß diese
Fußabdrücke weder von Jägern noch von Karawanen—
führern herrührten, weil sie nicht von Tierspuren begleitet
waren. „Wahrscheinlich Sklaven“, sagte Efendi, „die
über die sudanesische Grenze wollen.“ Etwas später
stießen wir auf zwei bis auf einen Lendenschurz nackte
Männer, die an einem Wasserloch saßen. Ihre schwarze
Haut glänzte im Sonnenlicht. Ohne sich den Anschein zu
geben, als ob sie zu uns hinübersahen, warfen sie verstohlene
Blicke nach uns, während sie mit vollen Backen Kräuter und
Wurzeln kauten.

Der Alaka, Efendi und Woldesamuel setzten ihren Weg
fort und gaben sich keinerlei Mühe, mit den beiden Männern
ins Gespräch zu kommen, — eine unfreundliche Sitte, die
anscheinend auf der ganzen Welt von Wüsten⸗ und Berg⸗
wanderern geübt wird. Aber die Tatsache, daß er nicht
mit den beiden gesprochen hatte, verhinderte Efendi nicht,
mir alles möglich über sie zu erzählen. Er verließ sich dabei
ebenso sehr auf sein Gefühl für Wahrscheinlichkeit wie auf
seine Kenntnis ähnlicher Fälle.

„Sie sind Sklaven, aber frei“, sagte er und erklärte mir
auf weiteres Befragen, daß diese Menschen zweifellos
—R
        <pb n="220" />
        Sklaven irgendwo in Abessinien gewesen und ihren Herren
in der Hoffnung entlaufen wären, die Grenze des Sudans
zu erreichen, von wo aus sie nicht zurückgebracht werden
könnten. Auf dem Wege wären sie wahrscheinlich, von
Hunger getrieben, zu einem jener Klöster in den Bergen
hinaufgeklettert und hätten die Priester, die weggelaufene
Sklaven gern als Hausgesinde annehmen, um Beschäftigung
gebeten. Arbeit in einem Kloster gäübe einem Sklaven Sicher-
heit. Sein Herr dürfe ihn aus einer dieser religiösen Insti—
tutionen nicht zurückfordern. Dieser Schutz gegen Gefangen—
nahme entspräche der Unantastbarkeit, die einem Verbrecher
gewährt sei, wenn er eine Kirche erreiche und die Glocke
läute.

Indessen, das Arbeiten in Klöstern würde selbst zu einer
Art von Sklaverei, da der Entwichene es ohne die Gefahr
der Wiedergefangennahme nicht wagen könne, die schütenden
Mauern zu verlassen. Aber nach einer gewissen Zeit, gestärkt
und erholt durch Nahrung und Ruhe, setzten die Sklaven
ihre Wanderung fort, der Freiheit in einem anderen Lande
entgegen.

Gerade so, wie ich meine persönliche Berührung mit
Räubern und damit eine Vervollständigung aller gelegent⸗
lichen Informationen über sie erst am Ende meines Auf-
enthalts in Athiopien erlebte, erwarb ich auch jetzt erst meine
besten Kenntnisse über die Sklavenfrage. Ohne daß ich
etwas davon gemerkt hatte, befand ich mich seit Gondar in
der Gegend der bedeutendsten Sklavenmärkte. Von Efendi
erfuhr ich, daß, nachdem Ras Taffari dem Völkerbund ver—
sprochen hatte, die Sklaverei in Athiopien abzuschaffen, ein ge·
heimes Büro in Addis Abeba eingerichtet worden war, dessen
Tätigkeit sich gegen den Sklavenhandel richtete. Die Wirk—

90
        <pb n="221" />
        samkeit dieses Büros, das seit 1924 bestand, wurde natürlich
bald durch Bestechung geschwächt. Zu seinen Pflichten ge⸗
hörte auch die Ausgabe von Erlaubnisscheinen für wirkliche
Diener, die ihre Herren begleiten, und man hatte festgestellt,
daß falsche Scheine, die Sklaven erlaubten, als Mitglieder
der Familie ihres Herrn zu reisen, ausgegeben worden
waren. Efendi erzählte mir, daß man ihm einen Posten
in diesem Büro angeboten habe, aber Gewissensskrupel
hätten ihn verhindert, die Stellung anzunehmen. UÜber diese
nichtausgenutzte Gelegenheit als Beweis seiner Kenntnisse
über das Thema Sklaverei in seinem Lande ließ sich Efendi
sehr breit aus. Er erzählte mir, daß alle größeren Orte
Sklavenmärkte hätten, aber zur Zeit seien die bedeutendsten
in Gondar, Karata und an einem Ort in der Nähe des Tana⸗
Sees, den er aber nicht nannte. Ich fragte Efendi, wie er
verfahren würde, wenn er einen Sklaven kaufen wolle.
„Ich habe niemals einen gekauft“, erwiderte er, „aber
wenn ich die Absicht hätte und einen guten Sklaven kaufen
möchte, so würde ich auf den teuersten Markt gehen. Das
ist Gondar, und zwar das mohammedanische Viertel der
Stadt. UÜberall in meinem Lande liegt der Sklavenhandel
hauptsächlich in Hünden von Mohammedanern. Während
ich ein Glas Talla oder Tetsch tränke, würde ich dem Händler
sagen, was ich wünsche, ob einen Mann, eine Frau oder ein
Kind, und ihm den Preis nennen, den ich anzulegen gedächte.
Dann würde er mir aus dem Keller verschiedene Sklaven
heraufholen, die vielleicht meinen Wünschen entsprächen.
Die stärkeren von ihnen würden im Keller gefesselt, aber
für die Dauer der Besichtigung freigemacht. Die angebotenen
Sklaven erschienen vollständig nackt, und ich würde eine
gründliche Untersuchung ihrer Körper vornehmen. Für
191
        <pb n="222" />
        einen guten Sklaven müßte man ziemlich viel bezahlen;
vierhundert Taler für einen, den mein Vater noch vor
vierzig Jahren für dreißig Taler erworben hätte. Es hat
eine Zeit gegeben, als der Preis eines Sklaven so niedrig
lag, daß man ihn in Patronen erlegen konnte. Um den
Sklaven nach Abschluß des Kaufes wegtransportieren zu
können, brauchte ich ihm nur eine Schamma zu bringen,
ihn in diese einzuhüllen und ihm einen Krug oder einen
Korb in die Hand zu drücken. Wir würden dann auf den
Markt gehen wie jeder andere Herr mit seinem Diener.

Schlimmstenfalls könnte ich den Schum oder einen anderen
Aufseher mit einer kleinen Summe bestechen.“

Als ich Efendi nach der Herkunft der Sklaven, die auf
diesen Märkten verkauft würden, fragte, erklärte er mir,
daß die Händler sie durch Uberfälle im Kongo- oder in den
abessinischen Grenzgebieten bei den Stämmen, die Steuer—
zahlung an die Zentralregierung verweigern, holten.

Daß das Wesentliche der Behauptungen Efendis auf Wahr—⸗
heit beruhte, wurde mir durch Außerungen von anderer
Seite her bestätigt und auch durch Lektüre, insbesondere des
Kapitels über die Sklaverei in dem Werke des deutschen
Schriftstellers Rein über Abessinien. Während meines Auf—
enthaltes in Gondar hörte ich, daß ein männlicher Sklave
für hundert, ein weiblicher für zweihundert Taler am
Markte zu haben sei. Der Preis dieser menschlichen Ware
wird jede Woche zusammen mit anderen Marktpreisen nach
Asmara telegraphiert. Im ganzen werden die Sklaven gut
behandelt, obwohl es vorkommt, daß sie, nachdem die Ernte
hereingebracht ist, auf ziemlich kleine Rationen gesetzt
werden. Der Abessinier ist nämlich nicht vorausschauend
genug, um genügend Nahrungsmittel für die Zeit von Herbst

92
        <pb n="223" />
        Lager am Tana-See bei Dewasa
        <pb n="224" />
        Ras Gugsa schickt eine Kiste mit Butter

Dder Alkoholschmuggler
        <pb n="225" />
        zu Herbst aufzuspeichern, doch wird der Sklave vor Beginn
der neuen Ernte wieder besser ernährt, wenn er auf den
Feldern seines Herrn arbeiten soll, oder für Lohn, der seinem
Herrn zu bezahlen ist, ausgeliehen wird.

Es scheint, daß der Hauptunterschied zwischen dem gegen⸗
wärtigen Sklavenhandel und dem vor Athiopiens Beitritt
zum Völkerbund darin besteht, daß er jetzt im geheimen und
ohne Erlaubnis der Regierung ausgeübt wird mit Sklaven,
die in Kellern versteckt, statt daß sie auf offenem Marktplatze,
dutzendweise an einen Pfahl gekettet, die Käufer erwarten.
Doch verdient Ras Taffari Anerkennung für sein auf—
richtiges Bestreben, die Sklaverei in seinem Königreich auf⸗
zuheben. Wer jemals den Versuch der Durchsetzung des
Prohibitionsgesetzes in den Vereinigten Staaten oder die
zwangsweise Durchführung eines unvolkstümlichen Gesetzes
irgendwo sonst in der Welt beobachtet hat, wird sich von den
Schwierigkeiten der Abschaffung des Sklavenhandels in
Athiopien eine Vorstellung machen können.

Während der langen einsamen Tage, wenn meine Kara—
wane auf den mühseligen Wegen langsam dahinwanderte
und die steilen Abhänge zu den Ebenen des Sudans hin—⸗
unterstieg, hatte ich reichlich Gelegenheit, über solche Dinge
nachzudenken. So menschenverlassen das Land um uns her
aussah, so mußten doch wohl Dörfer in dem Distrikt nicht
weit vom Wege versteckt liegen. Eines Morgens tauchte ein
alter Mann auf und bot sich als Führer an. Ich nahm seine
Dienste sofort an, denn Woldesamuel schien am Ende seiner
Weisheit angekommen zu sein. Bei dem Versuch, Richtwege
zu finden, hatte er die Reise verlängert und ihre Schwierig⸗
keiten vergrößert. Der alte Mann war groß, hager und
ergraut; er trug einen Spitzbart, aber keinen Schnurrbart.

18 Norden. Abessinien

93
        <pb n="226" />
        Ich ließ ihn den Priesterstab mit der einen Hand tragen und
eine Laterne mit der anderen. Diese beiden Gegenstände
verliehen dem vor uns Herschreitenden den Eindruck eines
—
von der Grenze entfernt, begegneten wir der ersten Kara—
wane seit Gondar. Sie war von der Größe der meinigen,
kam aus dem Sudan und wurde von einem alten Araber
geführt. Wir schlugen unsere Lager dicht nebeneinander
auf, und ich beobachtete, daß er drei bewaffnete Leute als
Wache bei seinen Tieren aufstellte. Er meinte zu Wolde—
samuel, daß wir gut tun würden, seinem Beispiel zu
folgen.

Er sei nur mit Mühe einem Überfall entgangen, und wir
wären alle beständig in Gefahr vor Räubern. Aber ich
hatte so viel über diese Banden gehört, ohne mit ihnen
zusammenzustoßen, daß ich Vorsichtsmaßregeln für über—
flüssig hielt. Am nächsten Morgen wurde ich jedoch Zeuge
einer Straßenräuberei am hellichten Tage. Die überfallene
Karawane war mit Kaffee, Kaliko und Kurantgeld beladen.
Ein Dutzend Räuber stürzte aus dem Gebüsch heraus, ergriff
vier Esel am Halfter und verschwand mit ihnen im Dickicht.
Das Ganze vollzog sich so blitzschnell, daß der Karawanen-—
führer völlig hilflos dastand. Er war bemitleidenswert in
seiner Verzweiflung, denn er war Mitbesitzer der gestohlenen
Güter und gleichzeitig verantwortlich für deren sicheren
Transport.

Ich war froh, viele Lichter an dem Platz, den wir für
unser nächstes Nachtlager gewählt hatten, leuchten zu sehen.
Drei Karawanen waren bereits dort, als wir ankamen. Im
ganzen fünfztg Mann und zweihundertundfünfzig Tiere. Die
Lasten bestanden, wie ich erfuhr, aus schwerem Leinen

44
        <pb n="227" />
        aus Manchester, Baumwollstoffen aus den Vereinigten
Staaten, aus Europa und etwas ungesponnener Baumwolle.
Außerdem führte man eine größere Anzahl Mariatheresien-
taler bei sich, den Gewinn des letzten Transportes, den die
Karawane von Abessinien nach dem Sudan durchgeführt
hatte und der aus Maultieren, Hornvieh, Gewürzen und
Weihrauch bestanden hatte. Während der Nacht hörte ich
ein Geschrei, aber da gleich darauf wieder Ruhe eintrat,
stellte ich keine Nachforschungen an. Am nächsten Morgen
hörte ich, daß ein Überfall stattgefunden habe. Die Räuber
waren zurückgeschlagen worden, nachdem sie einen armen
Kerl von Eseltreiber erdrosselt hatten. Da der Blitz so nahe
und so oft neben mir einschlug, ohne mich zu treffen,
drängte sich mir die Uberzeugung auf, daß meine Sicherheit
gegen Angriffe der Tatsache verdankt wurde, daß meine
Karawane nur mit den für die Reise notwendigen Dingen
beladen war, die die Räuber kaum gebrauchen oder vorteil
haft verkaufen konnten.

Am nächsten Nachmittag erblickte ich die weißen Gebäude
eines britischen Forts, das in der Ferne auf der Spitze
eines Hügels lag, ein Zeichen, daß meine äthiopische Reise
nunmehr bald zu Ende war. Seit meinem Abschied von
Jenda war ich zwölf Tage auf dem Marsch gewesen und
hatte bei Devasa, Aloa, Workdeba, Afela, Gered Moiat,
Ambamahari, Wolenta, Gambe, Gandoa⸗Fluß, Aftete und
Wascha kampiert. Nach einer mit Felsblöcken bedeckten und
von dornigem Gestrüpp eingefaßten wüsten Wegstrecke hinter
dem Grabmahl des Königs Johannes kamen wir bei unserem
letzten Halteplatz an; diese Ansammlung von Hütten stellt
das abessinische Grenzdorf Metemma dar. Jenseits des
Rabuna⸗-Harrar-Flusses, der um diese Zeit nicht viel mehr

127
3.
        <pb n="228" />
        als ein Graben war, lag die Ortschaft Gallamat im
Sudan.

Vierundzwanzig bewaffnete Soldaten, ein Offizier und
ein Zollaufseher bildeten das letzte in Schammas gekleidete
Empfangskomitee. Ras Gugsas „Einfluß-Mann“ erwies
sich noch zuletzt als nützlich, indem er mir meinen Weg durch
die Beamtenschar ebnete.

Während die notwendigen Formalitäten erledigt wurden,
bemerkte ich durch einen zufälligen Seitenblick einen allzu
schwer beladenen Esel, der sich von meiner Karawane
loslöste und hastig über die Grenze getrieben wurde.
Die Technik der Schmuggler war meiner Wachsamkeit
überlegen gewesen. Trotz meiner lebhaften Bemühungen,
es zu verhindern, hatte meine Karawane Schmugglerware
transportiert.

Vielleicht lieferte dieser Vorgang das denkbar beste Bei—
spiel, um die Schwierigkeiten zu zeigen, die Ras Taffari hat,
wenn er den Versuch macht, in seinem Königreich die
Ordnung herzustellen, die er dem Völkerbund versprochen
hat. Seine Bestrebungen im Jahre 1927, in Addis Abeba
eine Schule für befreite Sklaven und für arme Kinder zu
errichten, sind ein Zeichen seiner wohlwollenden Absichten
hinsichtlich der Besserung der Lage seines Volkes auf dem
Wege der Aufklärung.

Daß diese Bemühung von einem so geringen Erfolg ge—
krönt ist, ist ein Beweis für den Mangel an Zusammen-⸗
arbeit, gegen den er zu kämpfen hat.

Die Kritik hat sich vielfach und heftig gegen die Fortdauer
der Sklaverei und des Sklavenhandels auch nach dem Bei—
tritt Athiopiens zum Völkerbund gerichtet. Es besteht aber
in diesem Lande die Auffassung, daß ein gut Teil dieser

108
        <pb n="229" />
        Kritik weniger moralischer Entrüstung, als materiellen
Gründen zuzuschreiben ist. Ein beredter Ausdruck dieser
UÜberzeugung erschien während des Jahres 1926 in der Zeit—
schrift „Correspondence d'Ethiopie“. Dieses in Paris er—
scheinende Organ enthält Aufsätze in vier Sprachen:
Englisch, Deutsch, Französisch und Amharisch und wird
herausgegeben von Dr. Erich Weinzinger, einem Wiener,
der jahrelang in Abessinien gelebt hat.

Der erwähnte Brief war amharisch und nur unter—⸗
zeichnet „Ein junger Äthiopier“, weil der Verfasser eine so
hohe Regierungsstelle innehat, daß er seinen Namen nicht
gut nennen konnte.

Der Artikel begann mit der Aufzählung der Versuche der
englischen und italienischen Regierung, in Athiopien einzu—
dringen.

Dann: Welches sind die Vorwürfe, die Äthiopien
von Italienern und Engländern gemacht werden? Die
Hauptbeschwerde betrifft die Behandlung der Sklaven.
„Aber die Institution der Sklaverei ist ja nicht neu, und
Athiopien ist nicht die Wiege derselben. Die Geschichte —
und besonders diejenige Englands — zeigt, daß Europa den
Sklavenhandel entwickelt und allgemein eingeführt hat. Mit
dem Zunehmen des Handels trat sein häßlicher Charakter
deutlich hervor, der darin bestand, daß ein Teil der Mensch-
heit durch einen anderen erniedrigt wurde. Infolgedessen
schafften die europäischen Nationen die Sklaverei ab. Aus
denselben Gründen verbot unser großer Herrscher Menelik
die Institution innerhalb seines Landes und bemühte sich,
sie völlig auszurotten. Aber obwohl es im allgemeinen leicht
ist, gut und böse zu unterscheiden, ist es doch oft sehr schwer,
auch das Böse zugunsten des Guten zu unterdrücken.

*

J
        <pb n="230" />
        Obgleich unser großer Kaiser keine moderne Erziehung
genossen hat, war er von Natur glänzend begabt, so daß er
den Wunsch hegte, in seinem Lande alles, was man vom
europäischen Standpunkte aus für gut hielt, einzuführen.
Er erwies Europäern jede Rücksicht und bestrafte während
seiner Regierungszeit jede dahingehende Verfehlung. Nichts-
destoweniger hatte die Mehrzahl der Europäer ihn, wenn
sich irgendeine Gelegenheit dazu bot, angegriffen.

Wenn bezüglich der Sklaverei gegen uns gerichtete Vor—⸗
würfe einzig und allein dem hohen Ideal menschlicher Ge—
sinnung entspringen, warum verknüpft man die Erörterung
darüber dann mit der rein sachlichen Frage eines Stau—
dammes am Tana-See? Es ist unumgänglich notwendig,
daß wir uns energisch den imperialistischen Bestrebungen
Großbritanniens in Afrika widersetzen. Für Großbritannien
ist die Nilregulierung nur ein Vorwand für politische Ex—
bansion.

Hinsichtlich des italienischen Wunsches, eine Nordsüd—
bahn in unserem Reiche zu erbauen, darf festgestellt wer⸗
den, daß das Gebiet unfruchtbar ist und der Bau sich nicht
rentieren würde. Ein solches Projekt könnte ernsthaft nicht
in Erwägung gezogen werden, wenn nicht politische Motive
im Hintergrunde ständen. Wir sind überzeugt, daß diese
beiden Regierungen feindliche Absichten gegen unsere Un—
abhängigkeit hegen, und werden unsere heiligsten Interessen
keineswegs ihren ehrgeizigen Plänen opfern. Wer die
äthiopische Geschichte nicht kennt, hat keinen Begriff von
den Fortschritten, die wir innerhalb kurzer Zeit in unserem
Lande gemacht haben. Man hält diese Fortschritte für un—
bedeutend, weil man sie mit dem von Europa in Jahr—
hunderten Erreichten vergleicht.“

—X
138
        <pb n="231" />
        Gerade weil diese Auslassungen über die bestehende Lage
und die Ansichten darüber einen ausgesprochen äthiopischen
Standpunkt vertreten, scheint es nur recht und billig, sie in
einem unter europäischem Gesichtswinkel abgefaßten Bericht
über äthiopische Beobachtungen anzuführen. Das Äthiopien,
mit dem die heutige Welt zu tun hat, beginnt erst mit der
Regierung Meneliks V. und seinem großen Versuch der
Einigung seines Reiches durch Unterwerfung der Einzel—
völker und seiner allzu mächtigen Teilfürsten. Erst mit dem
Siege über die Italiener bei Adua im Jahre 1896 wurde
das Königreich Athiopien zu einer Macht, mit der Europa
zu rechnen hatte, und erst zwei Jahre später ermöglichte die
Verständigung mit Großbritannien den Eingang abend—
ländischer fortschrittlicher Ideen. Und wenn der Erfolg im
Vergleich mit dem von Japan in der gleichen Zeit, nachdem
es seinen Widerstand gegen die westliche Zivilisation auf⸗
gegeben hat, gering gewesen ist, so darf daran erinnert wer—
den, daß Äthiopien durch gewisse besondere Gründe in seiner
Entwicklung gehemmt wird. Nach dem Siege von Adua
konnte sich Meneliks starke Hand und sein fruchtbarer Geist
nur für die kurze Zeit von wenigen Jahren auswirken.
Während der sechsjährigen Regierung des schwachen Lidj
Hassu und seiner Regenten hatte die Macht der Teilfürsten
wieder erheblich zugenommen.

Ras Taffari tat das Außerste, um gegenüber der starken
inneren und äußeren Übermacht den durch Menelik ein—
geleiteten Fortschritt seines Landes zu fördern. Wenn auch
seine Methoden dabei ersichtlich von denen seines großen
Vorgängers abweichen, wenn er auch eine gegen die Fremden
etwas voreingenommene Politik verfolgt, so ist es nicht zu
bezweifeln, daß er im Interesse seiner Auffassung vom Fort⸗

199
        <pb n="232" />
        schritt an dem Ideal eines unbesiegten, selbständigen
Abessiniens festhält. Und das übrige Afrika zeigt ihm sehr
deutlich, daß friedliche Durchdringung in der Maske kauf—
männischer und industrieller Unternehmungen nicht weniger
gefährlich ist als eine Armee mit Fahnen und Gewehren.

Diejenigen von uns, die an eine größtmögliche Aus—
nutzung der Reichtümer jedes Landes zugunsten der ganzen
Welt glauben, halten Ras Taffaris Methoden für einen
Irrtum. Aber es ist durchaus zu verstehen, daß der Herr⸗
scher von Afrikas letztem selbständigem Reich wachsam und
vorsichtig ist.
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        <pb n="236" />
        Bilderverzeichnis
Die Eisenbahn in Abessinien ...
Deutsche Gesandtschaft in Addis Abebb
Die Sage vom Ursprung des abessinischen Königsgeschlechts
Ras Taffar
Kaiserin Zauditt..
Arussi⸗-Krieger beim Besuch der Baumwollplantage Reitzels
Der Künstler Ato Belatschehou mit seinem Sohn.
Jagoszenenn.
Mausoleum Meneliks in Addis Abeba
In Waizeros Tukul...
Schwedische Mission bei Addis Alam
Der gefangene Exkönig Lidj Yassus. 6
Typisches Hochgebirgsdorf zwischen Metahara und Addis Abeba
Markt in Agordat... .
Mädchen im Fremdenviertel, Agordat
Die Maultierkarawane wird beladen
Aufbruch nach Gonder..
Das Beladen der Kamele.
Glockenturm der schwedischen Mission bei Barentu
Der Verfasser mit einem Barea⸗-Häuptling
Bewässerungsanlage bei Tessenei...
Staudamm bei Tesseneii..
Stromschnellen im Gasch⸗Fluß, Erythräa
Baumwollernte am Gasch⸗Fluß, Erythräeg
Barentu, Viehtränke in dem fast ausgetrockneten Flußbett des

Gasch.. ...

Die Signora unter Cunamasßs..
Cunama⸗Mädchen mit Nasenschmuck
Bilen⸗Mädchen in Cherenn.
Mädchen beim Wasserholen am Setit⸗Fluß, Erythräa
Tunamas kommen im Laufschritt zum Tanz
Schloß König Fasils in Gondar...
Prozession um die Kirche in Gondar.
Ruinen der Erlöserkirche bei Gondar.
Salzverkäufer auf dem Markt in Gondar

16
16
17
32
8

72
73
73
70
30
21
4
326
6
97
97
404
104

105
105
112
12
118
128
128
129
136
—136

209
        <pb n="237" />
        Marktszene in Gondaer

Der Karawane Dr. Prüfers entgegen

Ankunft der Karawane Dr. Prüfers

Baumwollhändler auf dem Markt in Gondar..

Ruinen des Löwenzwingers im Schloß Area bei Gondar

Unser Jagomeister, Tana„See....

Der Kahen in seinem Gehöft in Jenda

Der Kahen beim Studium alter Bücher

Falascha-Ehepaar beim Weben...

Woitu-⸗Dorf bei Dewasa am Tana⸗See F

Lager bei Dewasa am Tana⸗See, Faltboot Baurs und Ein—
geborenenboot..

Bewohner von Aloa mit Dergo

Lager am Tana⸗See bei Dewasa

Ras Gugsa schickt eine Kiste mit

Der Alkoholschmuggler

vutter

137
144
145
45

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160
161
161
176
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177
177
192
193
193
        <pb n="238" />
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Lehr- und Wanderjahre eines Afrikaners. Mit
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deutschen Kaufmanns in Agypten, Mesopotamien,
Persien und Abessinien. Mit 53 Abbildungen auf
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Erlebnisse in fünf Erdteilen. Mit 87 Abbildungen
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Dänischen übertragen von Erwin Magnus. Mit
8 Tafelbildern.
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28 Textillustrationen von Tony Binder.
Ester Blenda Nordström. Das Volk der Zelte.
Ein Sommer in Lappland. Aus dem Schwedischen
übersetzt von Ortrud Freye. Mit 31 Abbildungen.

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        <pb n="239" />
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James F. O'Connell. Elf Jahre in Australien
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Forschungsreisen an der Ostküste Grönlands. Mit
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flüssen und Gipfeln der Rocky Mountains. Mit
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Motorrad von Leipzig nach Afghanistan. Mit 50
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abenteuer eines UÜberlebenden vom Geschwader des
Grafen Spee. Mit 50 Abbildungen und einer Karte.
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auf Löwenjagd. Ein Buch der Abenteuer aus der
afrikanischen Steppe. Deutsche Ubertragung von
Martin Proskauer. Mit 31 Abbildungen nach Photo—
graphien.
Iedes Werle kostet in Ganaleinen gebunden b Mark
( Strutil-Sauer 5,50 Mark)
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        <pb n="240" />
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Werken hervorragender Dichter, Forscher und Reisender.
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Band 2: New Vork. Die atlantische Stadt. Aus—
gewählt und zusammengestellt von Otto Winter.

Band 3: Island. Das Wunderland des Nordens.
Ausgewählt und zusammengestellt von Gerhard
Krügel.

Band 4: Das Simalajagebirge. Die Throne der
Götter. Ausgewählt und zusammengestellt von
Otto Winter.

Band 5: Australien. In Busch und Sand. Aus—
Feat und zusammengestellt von Alexander

roll.

Band 6: Die Südsee. Zwischen Palmen und Korallen.
Ausgewählt und zusammengestellt von Paul
Schneider.

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15 Jahre unter Kaffern, Buschleuten
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Mit 48 Tafelbildern in Tiefdruck und einer Kartenskizze

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Wenn einer gig 15 Jahre lang in Südwestafrika herumgetrieben
hat, als Soldat und Jarmer, als Händler und Jäger, so hat er
allerlei erlebt. Wie selten aber findet sich unter diesen
Männern der Tat einer, der sein Leben und seine Abenteuer
anschaulich zu schildern versteht! Angebauer besitzt diese Gabe,
und so ist ein Buch entstanden, das einen sesthält bis zu Ende.

Sie Bergnati

Opambo

FELRLAG SCHERLBERILIX
        <pb n="241" />
        WIADIMIRX. ARSENIEW
In der Wildnis Ostsibiriens
Forschungsreisen im Ussurigebiet
bersetzt von Franz Daniel. Geleitwort von FJridtjof Nansen
1. Band mit 65 Abbildungen, zwei — — und einer
viersarbigen Karie. Ganszleinen 3. 30 Mark
2. Band mit 90 Abbildungen, zwei Gebirgsprofilen und einer
vierfarbigen Karte. — 7 Wiart, Ganzleinen 9 Mark
gJeder Band ist in sich abgeschlossen

Russen und Chinesen in Ostsibirien
Ubersetzt von Franz Daniel
Mit 102 Tafelbildern in Tiefdruck und einer Karte
Geheflet 8.80 Mark / Gangzleinen 12 Mark
Zusammen mit den beiden früher enenen Bänden über das
sissurigebiet Jp der Wildnis Ostsibiriens“ ore dieses in sich
Wge e ert aufs treffendste die langsährigen Forschungen
sm' Fernen Osten, schildert uns das Ninnen zweier Rassen um
den Besitz des Bobeng gIn meifterhafter Weise —ä
sew, Forschung und Erlebnis zu verknüpfen. Gasler Nachrichten)

DR. GEORG VEGENER
Professor der Geographie an der Handelshochschule Berlin
Im innersten China
kine Forschungsreise durch die Provinz Kiang-si
Mit 172 Abbildungen und einer Origtnalkarte

Geheftet 13 M. / Gansleinen 16 M. / Halbleder 19 M.
Der Forscher legt in diesem Buche, das unsere Kenntnis des
nercn Ehina höchst wertvoll bereichert, die wissenschaftlichen
EErgebnisse seiner Reise in der Proviug Kiangesi nieder. Eine
den Buche vbeigegebene, in dreisarbigem Offfetdruck hergestellte
Farte stellt die erste wissenschaftliche Landesaufnahme der von

Am Verfasser berührten Route dar. (Die Kultur, Wien)
FLRLAGCSCHERL--BERLIN
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        CARL FORSTMAMNN
Himatschal
Die Throne der Götter — 25 Jahre im Himalaya
Mit 91 Aunndnnen auf Tafeln, 77 Tertillustrationen,
zwet Beilagen und einer Kaͤrte

Geheftet 12 Mark/ Ganzleinen 15 Marke Halbleder 18 Mart
Auf ausgedehnten Reisen haben sich dem Verfasser wie kaum
einem zweiten die Wunder des Himalaya erfchlossen, und er werß
die Nalur und die eden gengu und nicht ohne Zuge liebens⸗
würdigen Bumors zu schildern. (Belhagen &amp; Klastngs Monagatshefte)
De. WALTER BEHBHRMAN
Professor der Geographie an der Universität Frankfurt
Im Stromgebiet des Sepik
Eine deutsche Forschungsreise in
Neuguinea
Mit über 183 Abbildungen im Text nebst en De genec
und einer vom Verfasser aufgenomenen drei arbigen Karie
Halbleinen 5 Mark/ Halbleder 8 Mark
Dieses Buch beweist, wie ernst es dem Deutschen Reich mit der
kolonialen Arbeit war, wie es keine Kosten scheute, um der Auf—
gabe, die es übernominen batte, gerecht zu werden, und wie sich
stets und überall deutsche Männer fanden, die bereit waren,
Geist und Körper willig einzuseßen für das große Ziel der Ent—
schleierung deutschen Kolontalbesizes. Kolnische Zeitung)
DB. VILLIAM MONTGOMERY MeGOVERN
Als Kuli nach Lhasa
Eine heimliche Reise nach Tibet
Aus dem Englischen übersetzt von Martin Proskauer
Mit 48 Abbildungen und 4 Skizzen
Ganzleinen 9 Mark
MeGovern schildert in dem vorllegenden Buche seine hochspan⸗
nenden Abenlener, die e unüberwindlichen ————
die sich ihm auf seinem ege nach Lhasa entgegenftelen, ung
die pielen eune en aentlic in benen, das Gelingen des
todesmutigen gnisses am seidenen Faden hing. Weser⸗
Zeitung, Bremen)
VERLAG SCHERLABERLIN
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        23. C.5.
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Ils wir pon Aloa aufbrachen, verließen wir, uns nach
sten wendend, gleichzeitig den Tana⸗See. Halbwegs nach
rkdeba, unserer erften Lagerstätte, sahen wir eine durch
Elefantengras auf uns zukommende Menschengruppe,
aus einem Reiter und einem Dutzend bewaffneter Fuß⸗
oaten bestand. Außerdem bemerkte man einen Esel, der
einer schweren Last beladen war. Der Führer reichte mir
Schriftstück, das Efendi übersetzte:
„Dies ist Kandjasmatsch Blay. Er wird Ihnen ein Ge⸗
ink von mir übergeben. Ich wünsche Ihnen eine gute
ise. Ras Gugsa“
Dies war trotz des Briefes von Ras Gugsa die erste An⸗
idigung eines Dergos im Tana-See⸗-Distrikt. Die Schums
lten sich verborgen, und der Alaka konnte oder wollte
hts dagegen tun. Es war die Rede davon, daß man uns
Räuber gehalten habe, was unsinnig war, auch schon
wegen, weil wir auch als solche berechtigt gewesen wären,
rgo zu empfangen. Aber nachdem Gugsas Vertreter mit
nem beladenen Esel erschienen war, fühlte ich mich etwas
täuscht. Wir hatten davon gehört, daß sich eine Bande von
eihundert Räubern zwischen Aloa und der sudanesischen
enze aufhalte, und ich hatte gehofft, Ras Gugsa würde
rnoch eine weitere Eskorte stellen. Da ich jedoch nur ein
schent statt Hilfe erhalten follte, beauftragte ich Efendi,
n Führer Grüße auszurichten und ihn zu ersuchen, mit
s zu einem in der Nähe liegenden bewaldeten Hügel zu
ten, wo ich die Gabe in gehöriger Form entgegennehmen
inte.
Baur und ich saßen auf einem Felsen. Meine Leute und
fremden Soldaten standen um uns herum. Efendi stand
ben mir und sah glücklich und stolz aus, weil sein Herr in
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