42 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht. Anleihe können die Staatsfinanzen nur durch Inflation aufrechterhalten werden. Die Regierung verfügt kaum noch: über Machtmittel. Mitten in Petersburg werden Privathäuser. von revolutionären Gruppen beschlagnahmt. Kerenski besitzt in der letzten Zeit seines Regimes keine Autorität mehr, mag er auch nach außen durch Ämtervereinizung — er ist Ministerpräsident, Kriegsminister, zeitweise Oberbefehlshaber des Heeres — als Diktator erscheinen. Aber was bedeutet seine Diktatur der schönen Reden und ewigen Aufgeregtheit gegenüber der allgemeinen Anarchie, die durch die allgemeine Kriegsmüdigkeit und die vom politischen Umschwung ausgelösten sozialen Unruhen hervorgerufen wird? Hat es Sinn, die verschiedenen Kabinette dieser Epoche aufzuzählen? Bald sind es Kabinette ohne Kadetten, also ohne die Partei der für die Vorgeschichte der Märzrevolution so wichtigen Linksliberalen, bald Kabinette, in denen zwar die verschiedenen sozialistischen Gruppen überwiegen, aber doch nichtkadettische, bürgerliche Politiker sich beteiligen. Für alle Regierungen, die einander ablösen und zahlreiche Minister verbrauchen, bleibt die Person Kerenskis charakteristisch, eines Advokaten, der sicher guten Willens ist, aber in keiner Weise die Energie besitzt, um ein so riesiges Reich wie das russische, dazu noch in einer So schwierigen Lage, zu regieren. Er hält sich, weil er eine unklare Stellung zwischen den sozialistischen und bürgerlichen Parteipolitikern einnimmt, weil man den Schein der Energie für wahre Energie nimmt. Als Vertrauensmann der Sowjets hat er begonnen und endet im steten Kampfe mit der ihn bedrohenden Opposition, sowohl der linken wie der rechten. Alle parteitaktischen Einzelheiten sind unwichtig, sie sind nur bedeutsam als Beweis für die Tatsache, daß die Schichten, welche durch die Märzrevolution zur Macht gekommen waren, sich als unfähig erwiesen, ihre Herrschaft über Rußland zu behaupten. Sie waren einfach westlich-ideologisch gerichtet, verstanden nicht die russische Wirklichkeit; das bewiesen deutlich gerade ihre klug und wunderschön konstruierten, radikal- demokratischen Programme und Proiekte. Die Freiheiten, die sie brachten, führten nur zur Anarchie und Auflösung, und vor allem sie begriffen nicht die Notwendigkeit raschen Handelns und eindeutiger Stellungnahme zu den auftretenden Volksbewegungen wie der Agrarrevolution und dem Friedensstreben. Sie blieben bei allen im einzelnen ganz verschiedenen Anschauungen in Halbheiten stecken. Sie wagten weder Frieden zu schließen noch irgend welche wirklich radikalen sozialen Maßnahmen zu treffen. Dafür ist es typisch, daß die