54 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht. Bolschewismus in seinem Kampfe mit der provisorischen Regierung. Er ist eine Einheit, er ist zentralistisch geleitet, während die provisorische Regierung unfähig ist, Disziplin herzustellen, stets bedroht wird von der mit ihr konkurrierenden Sowjetorganisation. Sie wird von Parteien getragen, die nicht nur untereinander, sondern in sich uneinig sind. So kann der Bolschewismus klare Ziele entwickeln, während seine Gegner gerade durch ihre taktischen Rücksichten, ihre scheinbare Beachtung der komplizierten Wirklichkeit unverständlich bleiben, zu Offizieren ohne Soldaten werden, oder wie die Sozialrevolutionäre nur riesige, aber handlungsunfähige Heere gewinnen, Der eigentümliche Parteiaufbau des Bolschewismus kann in Rußland darum so wirksam werden, weil er der russischen Mentalität in besonderer Weise entspricht. Die bolschewistische Partei vermag gerade wegen ihres scheinbar völlig utopistischen, radikalste politische und soziale Ziele erstrebenden Programms den Massen entgegenzukommen wie keine andere politische Gruppierung, aber zugleich vermag sie feste Organisationen zu schaffen, welche ihr die Machtbehauptung gerade in einer allgemeinen Anarchie ermöglichen. Dadurch unterscheiden sich die Bolschewisten von den linken Sozialrevolutionären, die ebenso radikale Losungen in die Massen werfen wie sie selber, Die linken Sozialrevolutionäre bleiben aber dabei Individualisten, radikale Agitatoren, Literaten und Theoretiker, die keine umfassende Organisation bilden können, da sie keine Disziplin kennen. Die Bolschewisten dagegen können der Anarchie Herr werden, sich ihr gegenüber behaupten, die Gesellschaft zu bestimmten Zielen lenken, weil sie eine feste Elite mit straffer Organisation und dem strengsten Willen zur Disziplin darstellen. Daher können sie leicht als Träger des Massenwillens erscheinen, sie sind ia die einzige organisierte Kraft, die in den Massen steht, die scheinbar völlig mit den Masseninstinkten zusammenfällt. Das verkannten alle, die meinten, daß der Bolschewismus an der Macht nur eine vorübergehende Erscheinung sein würde und die darum mit nur schlecht maskierter Freude dem Sturze des unfähigen Schwätzers Kerenski zusahen. Der Bolschewismus ist nur der Übergang zu einem autoritären, national-russischen Regime, glaubte man so lange, bis man erkannte, daß man ihn nicht einfach mit zügelloser Entfesselung der Masseninstinkte gleichsetzen könne. Denn es gelang ihm, zu seiner Machtbehauptung eiserne Disziplin anzuwenden, den Massen schwerste Opfer aufzuerlegen, gegen sie mit einer Rücksichtslosigkeit vorzugehen, die den Männern der