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Vorwort,

Das ganze Werk ist bestrebt, den Bolschewismus als eine ge-
schichtliche Erscheinung zu erfassen und gerade dadurch zu
kritisieren. Dabei geht es um eine grundsätzliche Kritik, um den
Frweis des Widerspruches seiner Lehre, Geschichts- und Gesell-
schaftsauffassung mit der Wirklichkeit, Dieser Widerspruch be-
gründet die Tatsache, daß die Ergebnisse seiner Herrschaft anders
aussehen, als es seine Theorien erwarten ließen. Nicht auf ab-
schreckende Aufzählungen der Mißgriffe, Unmenschlichkeiten und
verfehlten Experimente des Bolschewismus kommt es an, sondern
es gilt, seine Grundlagen zu enthüllen,

Sonst bleibt man bei allgemeinen Deklamationen über Bürokra-
tismus, Terrorismus usw. stehen, denen die Bolschewisten Un-
zulänglichkeiten der bürgerlichen Gesellschaft — Grausamkeiten
der Kolonialpolitik zum Beispiel — entgegenstellen können. Um
diese sinnlose Diskussion zu vermeiden, wird der Versuch gemacht,
nachzuweisen, daß die Unzulänglichkeiten der bolschewistischen
Wirklichkeit gerade aus den bolschewistischen politischen und
sozialen Theorien stammen. Der Anspruch des Bolschewismus ist
falsch, daß die Mißstände allmählich als Unvollkommenheiten der
Übergangszeit wegfallen werden — im Gegenteil: sie ergeben sich
aus den grundlegenden Anschauungen des Bolschewismus über
die Gesellschaft, den Menschen usw.

Die von der Geschichte und der Gesellschaft ausgehende Kritik
am Bolschewismus vermag ihn auch in seiner geschichtlichen
Bedeutsamkeit erkennen zu lassen. Sie vermeidet den Fehler, ihn
einfach als eine Weltverschwörung, als sinnlose Tyrannei usw.
hinzustellen. Gerade weil diese geschichtliche Einordnung der
Selbstauffassung des Bolschewismus nicht entspricht, tritt sie
seinen Ansprüchen mit besonderer Schärfe entgegen.

Der Verfasser hofft, durch diese geschichtlich-gesellschaftliche
Analyse des Bolschewismus einen Beitrag zur Erkenntnis der poli-
tischen und sozialen Bewegungen und Theorien der Gegenwart zu
geben. Denn es ist fraglos, daß der Bolschewismus vieles vorweg-
genommen hat, was erst heute, in der Zeit der Krise des Parla-
mentarismus und der Weltwirtschaft, bei politischen Theoretikern
und Publizisten in neuen Formulierungen aktuell wird.

Um nur zwei Beispiele anzuführen: Ernst Jüngers prägnante
Formel „totale Mobilmachung“ und Carl Schmitts These von der
Wendung zum totalen Staat, der die alte Trennung des 19. Jahr-
hunderts von Staat und Gesellschaft nicht mehr kenne, sind im
bolschewistischen Reiche seit Jahren verwirklicht. Da ist der
Staat tatsächlich ein totaler Staat, der prinzipiell keinen Bereich