Vorwort.

VI

kennt, in den er nicht bestimmend eingreifen kann. Was bedeutet
es demgegenüber, daß der Begriff „totaler Staat“ aus dem Fascis-
mus kommt? Der fascistische Staat ist lange nicht so total wie
der bolschewistische. Denn das Konkordat beweist, daß er, wenig-
stens theoretisch, einen Bereich der Religion anerkennt, den in-
haltlich zu bestimmen er nicht den Anspruch erhebt. Der bolsche-
wistische totale Staat kennt dagegen Toleranz dem Glauben gegen-
über nur als eine Zweckmäßigkeitsangelegenheit.

Er will wirklich ein totaler, alles bestimmender, erfassender
Staat sein — denn in der Praxis ist es ja gleich, ob das Subiekt
der Totalität die Gesellschaft oder der Staat ist. Die Aufhebung
des Zwiespalts zwischen Staat und Gesellschaft macht diese Unter-
scheidung überflüssig, wenigstens für die, welche entgegen den
Bolschewisten glauben, daß das Politische eine „ewige Kategorie“
ist, daß also das Ökonomische und eine Gesellschafitsklasse durch
Erhebung in den Rang der entscheidenden Substanz und des
Machtträgers einfach politisiert werden.

Noch klarer ist die Verwirklichung der totalen Mobilmachung
im Bolschewismus. Gerade der weder traditionell gebundenen noch
durch humane Rücksichten begrenzten Diktatur des Proletariats
ist es möglich, den Sinn des Lebens in der Behauptung und Aus-
dehnung ihrer zum totalen Staat (ihrer Theorie nach zur totalen
Gesellschaft) führenden Macht zu sehen. Daher ist die Sowiet-
union der Staat der ständigen totalen Mobilmachung. Alles steht
im Dienste der Staatsarbeit, alles soll dazu verwandt werden, sie
zu fördern und voranzutreiben. Die kriegerische Sprache der
staatlichen Wirtschaftsarbeit — man spricht von Feldzügen, Bri-
gaden, Arbeiterstoßtrupps usw. — beweist, daß hier die militärische
Mobilmachung für den Krieg nur als Sonderfall der totalen des
Alltags erscheint, also nicht wie in unserem Bewußtsein als etwas
Eigenes, das Alltagsleben Sprengendes und Wandelndes.

Es ist bewußt vermieden worden, zu untersuchen, wie sehr
manche politischen Theorien der Bolschewisten sich mit der euro-
Päischen Nachkriegswirklichkeit berühren. Aber vielleicht wird es
dem Leser möglich sein, bei der Beschreibung etwa des Gegen-
Satzes der Bolschewisten zum opportunistischen Sozialismus von
dem Gesellschafts- und Proletariatsglauben Lenins abzusehen, um
die Struktur politischer Bewegungen unserer Zeit zu erfassen.
Auch die Taktik Lenins von 1917, seine Parteikonzeption reichen
in ihrer Bedeutsamkeit weit über den bolschewistisch-russischen
Sonderfall hinaus. Doch darf man darüber natürlich nicht die
Besonderheiten der russischen Lage vergessen. Das Konkrete