Einleitung.

tisch-wirtschaftliches System, das, wie der Bolschewismus be-
hauptet, die Fehler des bisher bestehenden vermeidet? Wirkt sie
daher nicht ebenso für das Wachstum des ersten proletarischen
Staates der Welt wie seinerzeit die politische Krise des Welt-
krieges für sein Entstehen? Der Bolschewismus ist die Antwort
auf die Unvollkommenheiten der bestehenden Ordnung, und es ist
daher nicht möglich, ihn durch Aufzählen seiner Mißerfolge zu
erledigen.

Es gilt, die Grundlagen seiner Heilslehre, seiner Anschauung vom
Menschen zu erfassen, um ihn wirksam bekämpfen zu können.
Aber das darf nicht in einer allgemeinen, von der Geschichte ab-
sehenden Weise geschehen. Sicher ist eine Darstellung der bol-
schewistischen Lehrinhalte, etwa der bolschewistischen Auffassung
der Religion, des bolschewistischen Materialismus, des bolsche-
wistischen Glaubens an die Schöpferkraft der Masse, an die Lösung
aller Menschheitsiragen durch eine richtige Organisation der
Gesellschaft, sehr wichtig. Aber diese Darstellung muß im ge-
schichtlichen Zusammenhang gegeben werden, sonst bleibt die
entscheidende Frage unbeantwortet: Wie ist es möglich geworden,
daß gerade diese Inhalte, diese Lehren in der heutigen Welt wirk-
sam und erfolgreich geworden sind? Damit ist eine erste Unter-
scheidung als notwendig erwiesen, die jede Darstellung des Bol-
schewismus stets im Auge zu behalten hat: Die Unterscheidung
zwischen dem Bolschewismus als einer russischen Erscheinung
und einer Weltangelegenheit. Man kann den Bolschewismus nicht
betrachten losgelöst von der russischen Tradition und Geschichte,
Erst dann wird seine Weltanschauung, die Art seiner Wirksamkeit
verständlich; aber anderseits darf man auch seine Herkunft aus
westeuropäischen Theorien, seinen Marxismus nicht vergessen.
Die geschichtliche Darstellung muß also zugleich stets systema-
tisch eingestellt bleiben: Geschichte und Theorie müssen sich
wechselseitig erläutern.

In diesem Buche wird der Versuch gemacht, den Bolschewismus
vor allem als eine russische Erscheinung zu betrachten. Wir haben
ja auch bisher erst in Rußland ein praktisches Beispiel für seine
Wirksamkeit und Entwicklung. Aber damit soll das Buch nicht
ein Stück russischer Geschichte beschreiben. Es will mit Hilfe
der geschichtlich-gesellschaftlichen Betrachtungsweise die Grund-
lagen dafür schaffen, um den Bolschewismus prinzipiell, nicht
nur mit Hilfe einzelner äußerer Symptome, zu beurteilen. Es soll
also nicht die Literatur vermehren, die über die bestehenden Ver-
hältnisse im bolschewistischen russischen Reich, der Sowietunion,