10 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen.
direkten Thronnachfolgers Konstantin hervorgerufene Verwirrung
benützen, um eine Art mehr oder minder von westlichen Mustern
bestimmten konstitutionellen Regimes einzuführen. Der Aufstand
scheiterte — aber er war der deutliche Beweis für die beginnende
Entfremdung zwischen den von westeuropäischen Ideen bestimm-
ten Gebildeten und dem herrschenden Absolutismus.

Eines zweiten Peters des Großen hätte es bedurft, um diese
Entfremdung zu vermeiden. Denn sie war gerade durch die
Reform Peters des Großen hervorgerufen worden. Peter der Große
hatte auf den Westen als das große Vorbild hingewiesen — warum
sollte man da dem Westen, als er nach der Französischen Revo-
Iution den Absolutismus, zuerst wenigstens geistig, überwunden
hatte, nicht mehr nachfolgen? Im 18. Jahrhundert konnte der
Absolutismus als durchaus mit dem Westlertum, der Übernahme
westlicher Herrschaftstechnik und westlicher Sitten vereinbar er-
scheinen — aber jetzt nach der Französischen Revolution? Ander-
seits konnte sich auch eine selbständige nationale Begründung des
Zarentums schwer gegenüber der Tatsache behaupten, daß west-
liche Ideen und Methoden zur Stützung der traditionellen Mo-
narchie herangezogen worden waren. So mußte es dazu kommen,
daß das herrschende Regime keine ursprüngliche Verbindung mit
der gebildeten Gesellschaft gewinnen konnte, die über die Grund-
lagen des politischen und sozialen Lebens nachzudenken begann.

Es hatte kein Verständnis dafür, daß gerade die Übernahme der
westeuropäischen Bildung zur geistigen Auseinandersetzung mit
den Besonderheiten der russischen Tradition und der russischen
politischen Ordnung führen mußte. Es glaubte einfach die Bildung
als Mittel zum Zwecke, d. h. als Technik zur Sicherung seiner
Macht, benützen zu können. Sobald die Bildung zu einer selbstän-
digen, geistigen Bewegung führte, welche von der bestehenden
Ordnung gesetzte Grenzen zu überschreiten drohte, sollte sie
einfach in bestimmte Schranken gewiesen werden. Dieses Ver-
halten beruhte auf dem Glauben, daß das bestehende Regime sich
keineswegs von den durch keine praktische Erfahrung gedeckten
Plänen beeinflussen lassen dürfe, daß weiter die diesen Plänen zı
Grunde liegenden Ideen der Gesinnung des russischen Volkes
nicht entsprächen, dem die traditionelle Monarchie sicher mehr
bedeute als die ihm so fernen und fremden. vom westlichen Geiste
Verblendeten und Verwirrten.

Durch diese Haltung mußte sich eine Gesellschaftsschicht her-
ausbilden, die das bestehende Regime von vornherein ablehnte,
zum mindesten in keiner unmittelbaren Beziehung zu ihm stand.