12 1.Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen.
tragen. Diese revolutionäre Kritik entsprach dem Empfinden der
an keinen Besitz und an keine soziale Stellung gebundenen Massen
der Gebildeten, den sog. Rasnotschinzi, den Söhnen des kleinen
Beamtenadels und Männern aus verschiedenen Ständen, welche
erst durch die Bildung eine gemeinsame gesellschaftliche Grund-
lage erhielten.

Die westliche Bildung und die nationale Tradition.
Das Erwachen des geistigen Lebens verband sich für diese
westlich gerichteten Gebildeten mit dem Gegensatz zu dem herr-
schenden Regime. Schien nicht die absolute Monarchie ihrem
geistigen Selbständigkeitsdrange überall einengende Schranken zu
setzen? War es nicht dafür symbolisch, daß Zar Nikolaus I.
den nationalen Dichter Puschkin trotz allem äußern Wohlwollen
kein Verständnis entgegenbrachte, ihn in drückenden äußern Ver-
hältnissen, einer geringen Hofstellung, ließ, die sein Schaffen er-
schwerte? Aus den Erinnerungen Herzens (geboren 1813), der
später auswanderte und um die Mitte des 19. Jahrhunderts als
typischer russischer Revolutionär galt, geht hervor, wie sehr das
herrschende Regime auf seiner Jugend lastete. Und wie Herzen
ging es auch Bakunin, dem berühmten Anarchisten und Gegen-
spieler von Karl Marx in der ersten Internationale. Als der junge
Offizier sich für die zeitgenössische Philosophie zu interessieren
begann, wurde er sofort zum Feinde des bestehenden Regimes.

Daß die westliche Bildung bei den jungen Russen, sobald sie von
ihnen bewußt als etwas Nichtrussisches, nach Rußland Eingeführtes
erkannt wurde, revolutionierend wirkte, sie zu Feinden der be-
stehenden sozialen und politischen Ordnung machte, ist nicht nur
die notwendige Folge der Unterdrückungs- und Zensurmethoden
der Monarchie. Diese Entwicklung ergab sich ganz natürlich aus
der Tatsache, daß die Bildung nicht den russischen Traditionen
entsprach. Das, was aus dem Westen nach Rußland drang, er-
schien den Russen als etwas ganz Neues, wirkte auf sie als eine
Art Offenbarung. Darum wurde die Bildung von ihnen mit einem
ganz andern Ernst aufgenommen als von ihren Ursprungsvölkern.
Sie wirkte entwurzelnd, zerade darum wurde sie als eine Art
neuer Religion mit gläubiger Inbrunst begrüßt. Man besaß nicht
die geschichtlichen Voraussetzungen, die sie wie im Westen bei
aller revolutionären Ausdrucksweise in die bestehenden Verhält-
nisse einordneten, und so wurde man zu einem radikalen Verneiner
der bestehenden Gegenwart.