Die westliche Bildung und die nationale Tradition. 13
Tschaadajew hatte die Gefahren dieser westlichen Bildung für
Rußland gespürt, als er in seinem berühmten, 1837 veröffentlichten
Philosophischen Schreiben den Russen als den traditichslosen
Menschen charakterisierte und als erster bewußt die Frage auf-
warf, welche eigene geschichtliche Sendung ihm zukomme. Dosto-
jewskis Werk wird von dieser entscheidenden Frage beherrscht,
wie sein steter Kampf gegen den durch die westliche Bildung
hervorgerufenen Entnationalisierungsprozeß und der Hinweis auf
das Volk als Vorbild beweist. Die Masse der Intelligenz empfand
aber diese Problematik, den Bruch der nationalen Tradition durch
die westliche Bildung, überhaupt nicht. Sie nahm einfach die
westliche Bildung gläubig auf und merkte gar nicht, daß sie ihr
einen ganz unwestlichen Inhalt durch den Radikalismus der Be-
jahung verlieh, Sie betrachtete sie als entscheidende Lebenstat-
sache, als Macht, die das ganze Dasein des Menschen bestimmte.
Und so mußte für sie ein Regime, das diese Übernahme hinderte,
als das böse, mit allen Mitteln zu bekämpfende Regime erscheinen,
welches das Eindringen von Wahrheit nach Rußland ebenso ver-
hindere wie das Schaffen gerechter Gesellschaftsverhältnisse.

Diese Grundhaltung erklärt es, warum für die Intelligenz die
sozialen und politischen Fragen ein entscheidendes Gewicht er-
hielten. Das ergab sich aus der Tatsache, daß die westliche Bil-
dung als etwas Absolutes, das ganze Leben Bestimmendes be-
trachtet wurde. Was sich ihr entgegenstellte, was den von ihr
verkündeten Ideen nicht entsprach, wurde einfach abgelehnt und
verneint. Und das war eben die ganze soziale und politische
Wirklichkeit Rußlands, welche die ganze Bildung nur als ein
technisches Mittel, als äußere Zivilisation betrachtete. Darum
wurden die Ideen der sozialen Gleichheit und Gerechtigkeit, welche
vom Westen übernommen wurden, mit einem religiösen Ernst
ergriffen und gegen die herrschenden Zustände ausgespielt. Die
revolutionäre Intelligenz erhob — um das berühmte Wort eines
ihrer Theoretiker, Lawrow, zu zitieren — den Anspruch darauf,
eine Gruppe ethischer, kritisch denkender Persönlichkeiten zu sein.
Sie verneinten im Unterschiede zu den egoistischen Schichten, die
an der Macht waren, und zu den Spießern, die sich nur um ihr
sichtbares Fortkommen, ihre Laufbahn kümmerten, die bestehende
Dolitische und soziale Wirklichkeit im Namen der Wahrheit und
Gerechtigkeit. Dadurch erfüllten sie eine moralische Sendung.
Vom Gefühle der Würde und Freiheit des Menschen durchdrungen,
forderten sie die Revolution als Voraussetzung eines der Men-
Sschennatur entsprechenden Lebens.