14 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen.
Dieser revolutionäre Idealismus trat als Übernahme von jeweils
modernen westeuropäischen radikalen Theorien auf. Selbst der
ussische Konservativismus, das Slawophilentum, die Verneinung
der Überlegenheit westlicher Bildung über die nationale Tradition
hatte sich auf westliche Theorien, auf die Romantiker und Schelling
gestützt. Bei der westlich eingestellten revolutionären Intelligenz
wurde Hegel vom Materialismus abgelöst. Spencer hatte ebenso
Finfluß wie der französische Positivismus. So interessant es auch
wäre, zu zeigen, in welchen Brechungen die westeuropäischen
Theorien von der russischen Intelligenz übernommen wurden, SO
kommt es an dieser Stelle nur darauf an, die Grundhaltung zu
bestimmen. Für diese Grundhaltung ist die Verneinung der be-
stehenden politisch-sozialen Ordnung einschließlich der herrschen-
den Kirche, die nur als ungeistige Macht, als Stütze des Staates
gewertet wird, und der Glaube an die entscheidende Bedeutung
eines Umsturzes bezeichnend.

Die Intelligenz und ihre Umwelt.
Fine Bestätigung dieser Grundhaltung erhielt die Intelligenz
durch ihre steten Zusammenstöße mit der sozialen und politischen
Wirklichkeit. Nur wenige hatten wie Dostoijewski die Kraft,
strenge Strafen hinzunehmen, ohne für ihr ganzes Leben zu Re-
volutionären zu werden. Aber es darf nicht übersehen werden,
daß der Kreis der aktiven Mitglieder der Intelligenz verhältnis-
mäßig klein war. Die gute Gesellschaft, die Gesellschaft der Ge-
bildeten, sympathisierte zwar mit dem Radikalismus — aber das
geschah nur passiv und betrachtend in Form einer Anteilnahme
am geistigen Leben des Westens, in einem mehr oder minder
vorsichtigen Fordern der Reform, einer Angleichung Rußlands an
die westliche Zivilisation, den westlichen Rechtsstaat usw. Man
darf darüber allerdings nicht verkennen, daß die revolutionäre
Bewegung auf die Sympathien der Gebildeten rechnen konnte,
mochten auch ihre Äußerungsformen nicht gebilligt, ihre Aus-
schreitungen verurteilt werden.

Beim Volke dagegen fand die Intelligenz kaum Anklang. Wenig-
stens war das der Fall in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens.
Zwar berief sie sich auf das Volk. Sie beanspruchte gleichsam,
Sprecherin der vom herrschenden Regime unterdrückten und in
Unwissenheit erhaltenen Massen zu sein. Manche ihrer ersten
Vertreter forderten dabei durchaus berechtigte und notwendige
Reformen. Das gilt vor allem vom Kampfe gegen die Leibeigen-