Die Mentalität der Intelligenz. 17
man doch ihre Bedeutung nicht unterschätzen. Sie brachte die
Neigung mit sich, das geistige Leben zu politisieren, d. h. Bildung
und der Wille zum politisch-sozialen Umsturz erschienen durch
sie als eine Einheit, Sie enthüllte die Ungeistigkeit des herrschen-
den Regimes, das nur die Tatsache seines Daseins der revolutio-
nären Bewegung entgegenzusetzen hatte, das unfähig war, eine
eigene geistige Begründung zu entwickeln. Die revolutionäre Be-
wegung brachte die Gefahr, wie die Teilnahme aus dem Volke
stammender Männer an den terroristischen Attentaten unter
Alexander II bewies, daß die aus dem Volke in die Kreise der
Gebildeten aufsteigenden Elemente von vornherein gegen das
bestehende Regime eingenommen würden. Sie erzeugte und ver-
stärkte vor allem eine weit über den Kreis ihrer direkten Anhänger
verbreitete Mentalität, welche der bestehenden Monarchie vor-
warf, Rußland zu einem zurückgebliebenen Lande zu machen, da
sie zu wenig den von ihr doch übernommenen Geist des Westens
als Grundlage ihrer Politik und Verwaltung beachten wollte.

Man muß vor allem die Tatsache der Politisierung aller Bildung
als entscheidend für die kommende russische Entwicklung hervor-
heben. Dadurch wurde ein Menschentyp mit einer eigentümlichen
fanatischen Mentalität begünstigt. Das Politische erschien als
stwas Absolutes, und zwar als ein Absolutes, das gleich durch
Revolution zu verwirklichen sei. Dieser Glaube entsprach, ohne
daß die westlerisch aufgeklärte Intelligenz es ahnte, einer rus-
sischen Veranlagung, dem Extremismus. Der Russe ist geneigt,
eine bestimmte Idee mit allen Konsequenzen zu erfassen und ohne
jede Rücksicht auf ihren Sondercharakter, auf ihre Stellung in der
Wirklichkeit durchzuführen.

So wurde die Politik, und zwar die Politik als Glaube an die
notwendige Revolution, zur alleinherrschenden, alles andere aus-
schaltenden Macht. Bereits beim Terroristen zeigte sich in aller
Deutlichkeit, wozu diese Politisierung führte, Ursprünglich erhielt
sie ihre Antriebskraft aus ethisch-zivilisatorischen Erwägungen.
Das bestehende Regime erschien als das Regime, das unethisch
war, das nicht dem Stande der Wissenschaft und Bildung ent-
spräche, das also, wie seine Stützung durch die Kirche, den Hort
des Aberglaubens, beweise, auf Lüge, dem Verhindern einer öffent-
lichen Anerkennung und Verbreitung der Wahrheit beruhe. Aber
dieser ethisch-moralistische Ausgangspunkt führte gerade zu einer
Verleugnung der Ethik im politischen Kampfe. Neischajew, der
Jünger Bakunins, glaubt nicht vor dem Morde zurückschrecken zu
dürfen, wenn es gilt, die Festigkeit der revolutionären Gruppen

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Gurian, Der Boulschewismus.