20 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen,
Vorsitzende des Vollzugsausschusses der Arbeiter- und Soldaten-
räte, Zeretelli der Sozialist, der am entschiedensten für die Koa-
!ition mit dem Bürgertum eintrat.

Am lebhaftesten beteiligten sich von den Fremdvölkern an allen
revolutionären Bestrebungen die Juden. Sie waren noch mehr als
die russische Intelligenz von jeder sozialen und politischen Aktivität
abgesperrt. Durch die Sondergesetzgebung, unter der sie standen,
waren sie auf einen bestimmten Aufenthaltsraum beschränkt, sie
durften nur in bestimmten Gebieten des Westens ohne besondere
Erlaubnis wohnen. Außerdem war ihrem Bildungsdrange durch
das System des „Numerus Clausus‘“ für Juden an höheren An-
stalten und Universitäten eine Grenze gesetzt, Die Revolution
wurde für sie, für ihre junge Generation, die sich nicht mit der
Rolle der Kaufleute, Handwerker und Händler begnügen wollte,
die also eine führende Rolle im öffentlichen Leben anstrebte, zu
einer Aktion nationaler Befreiung, ob sie es selber bei ihrem theo-
retischen Internationalismus wußte oder nicht. Bei der russischen
Intelligenz der Vorkriegszeit genossen die Juden eine ganz be-
sondere Sympathie, weil sie als Symbol für die Ungerechtigkeiten
des herrschenden Regimes erschienen. Der offiziell begünstigte
Antisemitismus wurde von der radikalen Intelligenz als ein Ab-
lenkungsmanöver der Regierung betrachtet, die auf die Unbildung
der kulturlosen Massen spekuliere.
Für die Verbindung des nationalen Beireiungsstrebens der Juden mit
der Revolution ist die Tatsache bezeichnend, daß schon sehr früh in
den jüdischen Ansiedlungsbezirken eine eigene jüdische sozialistische
Partei entstand, die ganz besonders streng national eingestellt war, mit
der gesamtrussischen Partei in Konflikt geriet, weil sie überall gesonderte
jüdische Sozialistengruppen bilden wollte. Diese Partei, die lange mehr
dem Menschewismus als dem Bolschewismus zuneigte, hat sich während
der Sowjetherrschaft mit der bolschewistischen vereinigt. Juden spielen
in allen revolutionären Gruppen und Parteien eine Rolle. Man kann
nicht sagen, daß sie nur bei den Bolschewisten wirken. Unter den
Sozialrevolutionären, die 1922 von den Bolschewisten verurteilt wurden,
befanden sich zahlreiche Juden; unter den Menschewisten, die im
März 1931 vor dem Revolutionstribunal standen, waren die meisten
Angeklagten jüdischer Herkunit. Sie sind ebenso in den Gruppen der
marxistischen wie der nichtmarxistischen Parteien zu finden: Martow-
Zederbaum ist ein führender marxistischer Menschewist, Gotz gehört zu
den Gründern der antimarxistischen Sozialrevolutionären. Dora Kaplan,
die Sozialrevolutionärin, verwundet bei einem Attentat Lenin, Kannen-
gießer erschießt den ersten Vorsitzenden der Petersburger Tscheka, den
iidischen Bolschewisten Uritzki. Von den Bolschewisten sind Trotzki.