Die bürgerliche Gesellschaft, 21
Sinowjew, Kamenew, Litwinow, Swerdlow, um nur führende Namen zu
nennen, jüdischer Herkunft. Daß der Anteil des Judentums am öffentlichen
Leben nach der Revolution in einem außerordentlich starken Maße stieg,
erklärt sich durch die große Rolle, welche die jüdische Intelligenz iX der
revolutionären Bewegung spielte. Wenn auch durch den Stalin-Kurs in
der bolschewistischen Partei der jüdische Anteil an führenden Stellungen
zurückgedrängt worden ist, so ist er doch an mittleren Posten noch
sehr hoch ®,
Die bürgerliche Gesellschait.

Die Fremdvölker allein hätten nicht genügt, um die russische
revolutionäre Bewegung zu einer für das Zarenreich gefährlichen,
innerpolitischen Macht werden zu lassen. Dazu rechnete das
herrschende Regime zu sehr mit ihrer Abneigung als einer selbst-
verständlichen Tatsache. Es betrachtete ja seine Untertanen
keineswegs als gleichberechtigt. Mochte auch der Zar beim bal-
fischen deutschen Adel seine treuesten Diener besitzen, so fühlte
er sich doch als russischer, genau gesagt, als großrussischer
Herrscher, Daher konnten nur revolutionäre Bewegungen, die bei
russischen Massen Anklang fanden, ihn in seiner politischen Exi-
stenz treffen, Es ist nicht zu verkennen, daß im Laufe des 19. Jahr-
hunderts die revolutionäre russische Intelligenz für ihre Wirksam-
keit immer mehr Ansatzmöglichkeiten durch die sich vollziehenden
gesellschaftlichen Umwälzungen und Umlagerungen erhielt. Die
Revolution schien aus einer theoretischen Idee kleiner Intellek-
tuellenzirkel zu einer politischen, sozialen Notwendigkeit sich zu
entwickeln. An erster Stelle ist als Ausdruck dieser Entwicklung
das Heranwachsen einer liberalen, bürgerlichen Gesellschaft zu
nennen, die mit der revolutionären Intelligenz Ssympathisierte. Sie
glaubte zwar sicher nicht ernsthaft an radikale, sozialistische
[deale, aber sie war mit der Rückständigkeit des Zarenregimes
unzufrieden; vor allem litt sie unter der schwerfälligen Bürokratie,
die das Geschäftsleben sehr erschwerte. Rußland durfte nicht
länger rückständig bleiben, es durfte nicht von einem Regime der
Kulturlosigkeit beherrscht werden — das waren ihre Grund-
forderungen.

Die soziale Grundlage dieser Gesellschaft war nicht mehr wie
[rüher in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der über seine
Lage nachdenkende und seine Privilegien wie Tolstoi als ungerecht
und unethisch empfindende Großgrundbesitzer aus dem Adel,
mochte auch dieser Adel in den liberalisierenden Kreisen der länd-
lichen Selbstverwaltung, der Semstwos, Nachfahren finden, — die
Soziale Grundlage bildete das Vordringen der modernen Industrie