24 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen,

haupt war die Gemeinde für den einzelnen Bauern entscheidend
geblieben. Es gab kein Individualeigentum am Boden, das Ge-
meindeeigentum wurde stets neu verteilt. Infolgedessen wurden
traditionelle, veraltete Bebauungsmethoden angewandt. Das Land
wechselte ständig seinen Bebauer. Gerade dadurch, daß die
Bauernbefreiung mit Zuweisungen von Landanteilen verbunden war,
hatte sich bei den Bauern die schon früher verbreitete Vorstellung
gefestigt, daß ihnen eigentlich alles Land gehöre. Die periodisch
auftretenden Hungersnöte stärkten diese Vorstellung. Sie konnte
auch nicht dadurch beseitigt werden, daß immer mehr Land der
Grundbesitzer durch Kauf in Bauernhände überging. An dieser
Vorstellung konnten revolutionäre Empörungen ansetzen. Denn es
war für die Regierung nicht möglich, dem Bauern gegenüber die
Gutsbesitzer fallen zu lassen. Dafür ist charakteristisch, daß
das Projekt einer radikalen Agrarreform, das eine teilweise ent-
schädigungslose Enteignung zu Gunsten des Bauerntums vorsah,
1906 zum sofortigen Sturze des Landwirtschaftsministers Kutler
führte, trotzdem damals noch der Druck der revolutionären Agrar-
unruhen stark war.

Die besondere Organisation der Bauernschaft löste sie vom
nationalen Leben ab und schützte sie vor den Gefahren einer
radikalen Agitation. Nur die unmittelbare Not konnte zur Empö-
rung treiben, sonst herrschte eine durchaus passive Mentalität.
Die Regierung wurde als eine Gegebenheit betrachtet, die Kirche
gehörte zu den Organisationen, die das Leben ordneten und
weihten, mochte auch eine gewisse Abneigung gegen den infolge
seiner geringen Besoldung auf Abgaben der Bauern angewiesenen
niederen Klerus sich gelegentlich zeigen. Da die Not nach Ansicht
der Bauern durch die falsche Bodenverteilung veranlaßt wurde,
konnte bei ihnen noch der Glaube herrschen, daß der Zar die
Bauernbefreiung vollenden und eines Tages das gesamte Land
den Bauern überlassen werde. Die Bauernschaft mußte erst künst-
lich revolutioniert werden, nur mühsam konnte sie von dem Segen
der Zivilisation überzeugt werden. Das betrachtete die Intelligenz
als ihre Aufgabe, wie der Gang zum Volk, die berühmte Bewegung
während der siebziger Jahre, bewies. Da gingen Intellektuelle
als Dorfschreiber, Landlehrer, Heilgehilfen zu den Bauern, um sie
überhaupt kennen zu lernen und vor allem, um ihr Lebensniveau
zu heben. Ein Hauptvorwurf gegen das herrschende Regime war
ja die Behauptung, daß es nichts gegen die Unbildung und man-
gelnde Zivilisation der Bauernmassen tue, da es bewußt die Un-
wissenheit des Volkes als seine sicherste Grundlage betrachte.