26 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen.
Bewegungen gewonnen werden. Sie rekrutierte sich zumeist aus
überschüssigen Bauernsöhnen, die aber weiterhin infolge der be-
sondern Dorforganisation wenigstens auf dem Papier Mitglieder
der Dorfgemeinde blieben. Oft waren sie Saisonarbeiter, die im
Falle der Arbeitslosigkeit in ihr Dorf zurückwanderten; nur infolge
besonderer Wirtschaftsnot hatten sie sich überhaupt zur Fabrik-
arbeit hergegeben. Erst allmählich entstand aus den Bedürfnissen
der seit den achtziger Jahren sich immer stärker entwickelnden
modernen Industrie heraus eine Arbeiterschicht, die man mit dem
westeuropäischen Proletariat vergleichen kann. Sie war in keiner
bestimmten sozialen Tradition verwurzelt, sei es auch nur durch
patriarchalische Vorstellungen. Ihren einzigen seelischen und phy-
sischen Besitz bildete ihre Arbeitskraft.

Eine gewisse Berührung mit der Bildung, die durch technische
Erfordernisse, bei Vorarbeitern und Meistern durch die Art ihrer
Tätigkeit notwendig geworden war, weckte soziale Unzufrieden-
heit, eine Entrüstung über die verächtliche Behandlung durch
die Bürokratie usw. Dazu kam noch, daß der russische Kapitalis-
mus, wie jeder Kapitalismus in seinen Anfängen, unerhörten Raub-
bau an seinen Arbeitskräften trieb. Unbegrenzte Arbeitszeiten,
kärgliche Entlohnung, überstrenge Arbeitsdisziplin, die durch die
Hemmungslosigkeit der Massen notwendig war, aber zu untrag-
baren Lohnkürzungen führte, unmögliche Wohnungsverhältnisse
waren selbstverständlich. Hier waren Ansatzmöglichkeiten für die
feste Organisation ständig Unzufriedener gegeben. Aber erst
mußte diese Unzufriedenheit von dem Glauben an das traditionelle
politische Regime befreit werden, und das war sehr schwierig.

Genau so wie die Bauern vom Zaren Landverteilung erwarteten,
genau so glaubten die Arbeiter weitgehend bei ihm Schutz gegen
die Ausbeutung durch die Arbeitgeber zu finden. Nicht überall waren
die Arbeitgeber so vernünftig wie manche ihrer Moskauer Kol-
legen, von selber sozialpolitische Konzessionen zu machen. Daher
konnte sich auch noch nach dem Eindringen der sozialistischen
Propaganda in die Arbeiterschaft Ende der neunziger Jahre eine
von der Polizei organisierte und geförderte Arbeiterbewegung
bilden. Man pflegt sie nach dem Namen des sie mit besonderem
Erfolge fördernden Polizeiagenten als Subatowschina zu bezeichnen.
Erst der Blutsonntag des Januar 1905, an dem die ungeschickte
Regierung auf die zum Winterpalais mit Petitionen ziehenden
Petersburger Arbeiter feuern ließ, weil sie ihr naiv-patriarcha-
lisches Vertrauen auf den Zaren als revolutionäre Erregung be-
trachtete, zerstörte in weiten Arbeiterkreisen endgültig den Glau-