30 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen.
Die bürgerliche Befreiungsbewegung hat nicht daran gezweifelt,
daß sie diese führende Schicht stellen würde. Bereits 1905, als die
revolutionären Unruhen, Streiks usw. einen Höhepunkt erreicht
hatten, wäre es beinahe zu einem Kabinett unter Beteiligung links-
liberaler Elemente gekommen. Bereits 1905/06 zeigte es sich aber,
daß in der gegen das herrschende Regime gerichteten Bewegung
drei scharf zu unterscheidende gesellschaftliche Gruppen Anteil
hatten. Das Bürgertum war nur eine von ihnen und konnte auf
die Dauer keineswegs mit den beiden augenblicklichen Kampf-
genossen, der von Sozialisten geführten Arbeiterschaft und den
landhungrigen Bauernmassen, zusammengehen., Immerhin war es
damals noch zu früh, um die Arbeiterbewegung in ihrer ganzen
Eigenart als Grundlage eines Staates der proletarischen Diktatur
zu erkennen und die ganze Bedeutung der damals als rein anarchi-
stische Angelegenheit erscheinenden Bauernbewegung zu erfassen.

Stolypins Agrarreform und die Krise des Regimes.
Die soziale Gefahr der Agrarunruhen, des gegen die Errungen-
schaften der Zivilisation gerichteten „Anmarsches des Pöbels“
war schon 1905/06 klar genug zu sehen. Allerdings trat auch
diese Tatsache in den Hintergrund gegenüber der erfolgreichen
Machtbehauptung der Monarchie. Die Agraranarchie und die
proletarische Revolution hatten sich gleichsam nur für einen
Augenblick gezeigt, trotz aller Generalstreiks, Straßenkämpfe und
Bauernrevolten. Das hatte immerhin genügt, um dem herrschenden
Regime die Unsicherheit seiner gesellschaftlichen Grundlagen zu
beweisen, und so ging es daran, sie zu stärken. Durchaus klar
erfaßte der neben Witte bedeutendste Minister Nikolaus’ IL, Stoly-
pin, die Lage. Er erkannte die entscheidende Bedeutung der
Agrarfrage. Er begnügte sich nicht mit der rücksichtslosen Nieder-
schlagung der sozialen Revolution durch Ausnahmezustand und
Kriegsgericht, mit der Abwürgung der politisch-liberalen Opposi-
tion durch Einschränkung der schon so kargen Freiheiten des
Scheinkonstitutionalismus, er wollte versuchen, die Mentalität des
russischen Bauern zu ändern.

Er erkannte, daß seine Passivität und seine stete Unzufrieden-
heit mit der Landverteilung durch den sog. Dorfkommunismus, die
Dorfgemeinde, bedingt sei. Daher wollte er die Dorfgemeinde
auflösen und veranlaßte eine Gesetzgebung, die den Austritt aus
der Dorfgemeinde und die Bildung der Individualwirtschaft für die
Bauern sehr erleichterte. Trotz aller Proteste von Kreisen, welche