Geschichte und Wirksamkeit der oppositionellen Bewegungen. 35
Nach Herstellung der Öffentlichen Ordnung, nach Abschluß des
Krieges mit Japan und Gewährung einer großen Auslandsanleihe
1906 werden die durch das Oktobermanifest gegebenen Freiheiten
eingeschränkt, das Dumawahlrecht mehrfach durch Regierungs-
erlasse geändert usw. Von den linksliberalen Kadetten sondern
Sich die Oktobristen ab, die nach einem Ausgleich mit dem be-
stehenden Regime olıne einschneidende politische Reformen streben.
1906/12 ist die Zeit der Dorfgemeindeauflösung, des wirtschaft-
lichen Aufschwunges, der steigenden Industrialisierung und einer
energischen, antirevolutionären, stark großrussischen, nationali-
stischen Innenpolitik unter Stolypin. Es ist für die Verwaltung
symbolisch, daß dieser erfolgreiche Ministerpräsident als Folge
dunkler Polizeiintrigen den Schüssen eines der Geheimpolizei
dienenden angeblichen Revolutionärs zum Opfer fällt.

Die revolutionäre Bewegung macht in diesem Jahre eine sie in
ihrer ganzen Existenz bedrohende Krise durch. Die sozialistische,
marxistische Partei, die sich bereits 1903 in die Richtung der
Menschewisten und Bolschewisten gespalten hatte, wird nicht nur
von innern Streitigkeiten gelähmt. Lenin muß gegen Versuche
kämpfen, sie zu legalisieren, d. h. als revolutionäre Organisation
aufzulösen, in eine Organisation zu verwandeln, die auf dem Boden
des bestehenden Regimes für die Interessen der Arbeiterschaft
kämpft. Sein Kampf gegen den Ökonomismus wird durch den
Kampf gegen das Liquidatorentum abgelöst ®, Die Sozialrevolutio-
näre leiden unter dem Fehlen bedeutender Führer, Charakteristisch
für ihre steigende innere Unsicherheit ist die Tatsache, daß Sawin-
kow, ein Führer ihrer terroristischen Gruppen, der erfolgreiche
Attentate ausgeführt hat, öffentlich die Frage nach dem Rechte
des Terrors erörtert. Sie leiden ebenso wie die Sozialisten unter
dem Spitzelwesen. Atsew, der Kampfgnosse Sawinkows, erweist
Sich ebenso als Spitzel wie Malinowski, ein Mitglied des bolsche-
wistischen Zentralkomitees und der Führer der sozialistischen
Duma-Fraktion von 1912/13*. Immerhin beginnen die mit dem
schnellen Tempo der Industrialisierung verbundenen Schwierig-
keiten sich bemerkbar zu machen. Die Unzufriedenheit der Arbeiter
treibt sie in Großstadtzentren, insbesondere in Petersburg, zu den
Sozialisten; als der Krieg 1914 ausbricht, unterbricht er eine große
Streikbewegung.

Der Krieg enthüllt die Unfähigkeit der Verwaltung in kras-
Sester Weise ?, Die russische Industrie muß sich selber an die
Spitze des Transportwesens und der Munitionsversorgung stellen,
der Gegensatz zwischen der Duma und der Bürokratie verschärft

2.