ZWEITER TEIL.
Eroberung und Ausbau der politischen Macht in
Rußland durch die bolschewistische Partei.

Die Schwäche der provisorischen Regierung.
Nur kurze Zeit hat sich in Rußland das System der proviso-
rischen Regierung behaupten können, das sich auf die Ideen west-
europäischer, radikal-parlamentarischer Demokratie berief. Es
gelang nicht, Rußland in die „freieste Demokratie“ der Welt zu
verwandeln. Die nach dem Sturze des alten Regimes, nach der
erzwungenen Abdankung Nikolaus’ IL zur Macht gekommenen
Politikerkreise konnten trotz aller Regierungsumbildungen sich
hur wenige Monate an der Macht behaupten. Im Februar kamen
sie zur Herrschaft, im Oktober (nach westeuropäischer Datierung
im März und November) wurden sie bereits aus der Regierung
vertrieben, nachdem schon die letzten Monate ihrer Herrschaft
sie eigentlich jeder tatsächlichen Gewalt beraubt, zu rein nomi-
nellen Machthabern verwandelt hatten. Die Darstellung der Gründe,
die diesen vollständigen Zusammenbruch der provisorischen, demo-
kratisch eingestellten Regierung veranlaßten trotz der einige Zeit
unstreitig großen Popularität ihres Führers Kerenski und trotz des
Jubels, mit dem ihr Beginn begrüßt wurde, gibt lehrreiche Ein-
blicke in die unmittelbaren Voraussetzungen des bolschewistischen
Regimes und liefert zugleich die Erklärung für den Erfolg der von
den Bolschewisten angewandten Politischen Methoden !.

Die Schwäche der provisorischen Regierung bestand darin, daß
sie eigentlich nur durch den äußern Zusammenbruch des alten
Regimes möglich geworden war. Sie war entstanden aus dem
Zusammentreffen der Ermüdung des Volkes durch den allzu lang
währenden Krieg mit der Entrüstung der bürgerlichen Gesellschafts-
kreise über die Unfähigkeit des Zaren und seiner Regierung, den
Krieg zu führen, die innere Front zu organisieren, Die Träger des
heuen Regimes in seinem ersten Stadium, die Männer der Duma-
Parteien, des sog. progressiven Blocks, merkten zuerst gar nicht,
daß sie in einer ganz andern Welt lebten als die Volksmassen. Sie
glaubten sich mit einer politischen Revolution begnügen zu können.
Manche von ihnen waren sogar der Ansicht (vor allem der Mann,
der sich in der Kriegszeit zum Sprecher der Duma-Opposition
entwickelt hatte, Miliukow), daß die Abdankung Nikolaus’ IL nicht