10 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.
liberal-bürgerlich, die andern mehr demokratisch-sozialistisch ein-
gestellt ?.

Aber was bedeuteten diese Unterschiede in der westlichen Orien-
tierung gegenüber den durch die politische Wandlung aufgepeitsch-
ten, alles bedrohenden Fluten der sozialen Revolution? Die Agrar-
krise wurde durch den Sturz der bisherigen politischen Ordnung
zu einer explosiven Gewalt. Das beweist deutlich die Statistik über
die seit der Revolution steigende Zahl der Land- und Wald-
enteignungen durch die Bauern. Im März beträgt sie 17, um im
April auf 204, im Mai auf 259, im Juni auf 577, im Juli auf 1122
zu steigen *. Der Landhunger meldete sich als elementarer Massen-
instinkt; was besagten ihm gegenüber noch so radikale Projekte,
die nicht sofortige Landverteilung bedeuteten? Der Wille des
Heeres, demobilisiert zu werden, nicht mehr Krieg zu führen,
meldete sich ebenso aufdringlich, er konnte sich ja auf den Sturz
des bisherigen kriegführenden Regimes berufen. Wenn die Peters-
burger Regimenter, die der Regierung des Zaren den Gehorsam
verweigert hatten, gefeiert wurden, so wollte jeder Soldat als
Revolutionsheld mindestens in seiner Garnison, am liebsten natür-
lich in Petersburg, weilen, wenn er es nicht vorzog, sich in seinem
heimatlichen Dorfe an der Landverteilung zu beteiligen. Was
konnte man dieser elementaren Anarchie gegenüber ausrichten?

Strenge Disziplinarmaßnahmen wurden auf die Dauer durch den
Widerstreit zwischen provisorischer Regierung und Sowjets un-
möglich gemacht, die sich die Sympathien des Heeres sichern
wollten. Die neue Regierung betonte, eine Regierung der Freiheit,
nicht der Gewalt zu sein, da konnten alle Redekünste und Dis-
ziplinarmaßnahmen nur bald verlöschende Strohfeuer der Begei-
sterung entzünden, wie der Mißerfolg der Kerenski-Offensive im
Sommer bewies. Dazı kam noch, daß das ganze Regime aus einem
Disziplinbruch erwachsen war, daß es sozial und außenpolitisch
als Halbheit erschien, daß es über keine feste Grundlage verfügte;
und so ist erklärt, warum die Herrschaft der provisorischen Re-
gierung zu einer steten Verengung ihrer Basis und Minderung
ihres tatsächlichen Einflusses führte. Die bürgerliche Gesellschaft
kehrte sich von ihr ab: Ihr ist der Sozialist Kerenski verdächtig,
sie will ihr Eigentum sichern, sie will eine starke Hand, und sie
wendet sich energischen Männern mit nationaler Gesinnung zu.

Das sind die Stimmungen, die dem populären Oberbefehlshaber
Kornilow im Herbste den Mut zu einem Putschunternehmen geben,
zu einem Versuche, die Ordnung durch das In-Marsch-setzen eines
Heeres gegen das in Anarchie versinkende Petersburg wieder