52 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.
massen entgegenkommenden Agrarprogramms großen Anhang
loser Art gewann.

Innerhalb der marxistischen Sozialdemokratie, die, wie schon
früher erwähnt, 1897 zu einer organisierten Einheit zusammen-
wuchs, kam es bald zu Kämpfen um die Art der Parteiorganisation.
Zunächst mußte dafür gesorgt werden, daß der Marxismus die
unerschütterliche Grundlage der Partei behielt, daß die Partei
sich nicht in eine Art Gewerkschaftsbewegung, Organisation zur
Hebung des Lohnniveaus verwandelte; dann, nach Beendigung
dieses Kampfes gegen den sog. Ökonomismus, entwickelten sich
Kämpfe um die Art der Parteiorganisation. Diese durch persön-
liche Gegensätze, langatmige Resolutionen, Emigrationspolemiken,
zahlreiche Wechsel in der Stellungnahme durch die Führer sehr
verwickelten Kämpfe gingen um die grundsätzliche Parteiauffas-
sung. Die Menschewisten wollten eine demokratische Partei-
auffassung nach dem Vorbilde der deutschen Sozialdemokratie zur
Herrschaft bringen. Jeder sollte sich der Partei anschließen können,
der bereit war, ihr Programm anzuerkennen. Lenin dagegen und
die ihm folgende Mehrheit (Bolschinstwo) des Parteitages von
1903 (daher der Name Bolschewisten) wollte eine Auslese, eine
Elitepartei, d. h. nur der sollte in die Partei aufgenommen werden
können, der sich zum Gehorsam gegenüber den Parteiinstanzen
verpflichtete, der also bereit war, für die Partei und ihren revolu-
tionären Kampf aktiv zu arbeiten *®.

Lenin wollte die Stellung der Führungsinstanzen stärken mit
der Beg.ündung, daß für eine Kampfpartei, die sich illegal betätigen
und existieren müsse, die Durchführung der formalen Demokratie,
die Öffnung ihrer Reihen für alle unerträglich sein müßte, Die
Partei würde sich aus einer Kampftruppe in eine Schwatzgemein-
schaft verwandeln. So kann man Lenins Partei als eine auf streng
marxistischer Grundlage stehende, durch ein Zentralkomitee von
aktiven, gegen das Zarenregime kämpfenden Berufsrevolutionären
geleitete, straff disziplinierte Körperschaft bezeichnen. Gewiß, die
Führungsorgane sollen theoretisch gewählt werden, aber praktisch
ist in Rußland die Durchführung von Parteiwahlen fast unmöglich;
daher kommt es, daß die Stellung der Berufsrevolutionäre, die
seit langem der Partei bekannt sind, also vor allem Lenins selber,
in diesen Körperschaften sehr stark ist. Dazu kommt noch die
Methode strenger Disziplin und der von Lenin mit eiserner Energie
geführte Kampf um die Reinhaltung der marxistischen Doktrin
ohne alle Konzessionen an moderne politische und weltanschauliche
Strömungen.