Die Kampfmethoden des atheistischen Staates. 87
Klasse betrachtet. Ihre Kinder werden, soweit sie mit den Eltern
nicht gebrochen haben, wie die Bourgeoiskinder zurückgesetzt,
wenn es um die Aufnahme in höhere Lehranstalten, Besetzung von
Stellungen usw. geht. Immer wieder kann man in den kommuni-
stischen Blättern die Nachricht lesen, daß klassenfeindliche Ele-
mente in Gestalt von Popensöhnen und -töchtern in die Reihen der
Partei, der kommunistischen Jugend eingedrungen sind und dort
durch ihr schädigendes Verhalten ihre antiproletarische Herkunft
deutlich gezeigt haben. Unter dem Vorwand, daß die Kirchen, der
Kult, die Predigt rein religiös zu sein hätten, können die schärfsten
Maßnahmen gegen die Religion ergriffen werden, wie ia die außer-
ordentliche Dehnbarkeit und Unbestimmtheit für die gesamte
bolschewistische Gesetzgebung bezeichnend ist.

Die Regierung fördert alles, was zu einer innern Zersetzung in
den Reihen der Gläubigen führen kann. Um die orthodoxe Kirche
zu schwächen, sympathisierte sie zunächst mit den Sekten, die
aber nach der Zunahme ihrer Erfolge ebenfalls offen als gegen-
revolutionär verfolgt werden. Sie unterstützt alle innern Spal-
tungen der orthodoxen Kirche, alle Versuche, Christentum und
Kommunismus zu verbinden, der Kirche des Patriarchen Tichon,
die angeblich reaktionär ist und von der höheren Geistlichkeit
gestützt wird, eine den Interessen der niederen Geistlichkeit ent-
sprechende sog. lebendige Kirche entgegenzustellen. Das geschieht
aber nicht etwa aus einer innern Sympathie mit diesen Versuchen,
sowjetfreundliche Kirchen zu schaffen, sondern nur darum, die
Religion überhaupt zu schwächen und sie durch innere Streitig-
keiten der Gläubigen lächerlich zu machen, in Verruf zu bringen *?,

Das ganze öffentliche Schul- und Erziehungswesen, das in
Sowijetrußland eine so große Bedeutung hat, da es auch zur Er-
ziehung der zurückgebliebenen Erwachsenenmassen benützt wird,
ist im Namen der Trennung von Schule und Kirche antireligiös
eingestellt. Heute soll die Schule, nachdem sich ihre bisherige
Religionslosigkeit in den Augen der Bolschewisten als unzureichend
erwiesen hat, offen atheistisch werden. Alle gesellschaftlichen
Bestrebungen antireligiöser Art werden von der Regierung und der
herrschenden Partei unterstützt, mag sich auch der Staat mit
ihren Trägern iuristisch nicht identifizieren. Aber sie werden als
Mittel zur Festigung der vom Regime erwarteten Gesinnung ge-
fördert, sie dienen als Barometer für die Massenstimmung. Die
Pioniere, die Kinderorganisationen der bolschewistischen Partei,
sind ebenso atheistisch wie der Komsomol, der Kommunistische
Bund der Jugend. Alle kommunistischen Kampagnen, Wahlen zu