Die Kampfmethoden des atheistischen Staates. 89
lichen Festen, antireligiöse Theater und Filmvorstellungen; die
Fünftagewoche soll gegen den Kirchgang am Sonntag wirken usw.
Die antireligiöse Propaganda hat sich in zwei Richtungen zu
bewegen. Sie soll den abergläubischen, unvernünftigen Charakter
des religiösen Glaubens aufdecken. Diese Aufklärung soll aber
zugleich mit der sog. Enthüllung der „sozialen Wurzeln“, des
Klassencharakters der Religion, verbunden sein. Die Religion sei
nur eine Verbündete der Bourgeoisie, eine Methode der Volks-
unterdrückung, ein Hemmnis des sozialen, technischen und wirt-
schaftlichen Fortschritts. Es soll mit allen Mitteln nicht nur ihre
Überflüssigkeit, sondern ihre direkte Schädlichkeit für die Massen
erwiesen werden. Daß diese antireligiöse Massenpropaganda in
keiner Weise auf religiösem Gebiete das Gefühl der Gläubigen
trotz aller theoretischen Vorschriften achtet, ist selbstverständlich.
Alle Mittel der Ironie bis zur direkten Verhöhnung werden von ihr
ebenso angewandt wie platteste naturwissenschaftliche Aufklärung,
Gerade dieser Aufklärung — etwa der Erklärung von Natur-
erscheinungen, die den Glauben an Gott überflüssig machen
soll — wird besonders großer Wert beigemessen, mag auch
immer wieder betont werden, daß die antireligiöse Propaganda
nicht bei ihr stehen bleiben dürfe. Die Aufklärung müsse mit einer
sozialen Aktivierung der Massen verbunden sein, ihrer Erziehung
zur Bejahung des Sowijetregimes, zur tätigen Mitarbeit an allen
seinen Maßnahmen. Die antireligiöse Propaganda gehört also
zum ganzen bolschewistischen Staatssystem, — man kann sie
nicht als eine Privatangelegenheit einzelner Gruppen und Organi-
sationen ansehen.

Dabei ist auch noch zu beachten, daß die öffentliche Gegenwehr
der Kirchen auf ein Mindestmaß beschränkt ist. Theoretisch ist
heute alle religiöse Propaganda verboten; diese Bestimmung kann
natürlich außerordentlich weit interpretiert werden. Eine litera-
rische Gegenwirkung ist bei der Verstaatlichung des Verlags- und
Druckwesens in größerem Umfange unmöglich. Die gesamte
Öffentliche Atmosphäre wird, soweit es nur möglich ist, antireligiös
beeinflußt, von der Kindererziehung bis zur Erwachsenenaufklä-
rung, von der Tagespresse bis zum Revolutionsfeste. Führende
gesellschaftliche und politische Stellungen zu erreichen, ist infolge
des Atheismus der herrschenden Partei für aktive Gläubige prak-
tisch unmöglich. So hofft das herrschende Regime, die Basis
für die noch geduldete Religion einschränken zu können, bis sie
ebenso verschwindet wie die alte, als Familiengrundlage dienende,
besonders geweihte monozame Ehe durch die neue Fhegesetz-