36 3.. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.
tische Erfahrung. Wie Pollock mit Recht betont, hielten sie sich
sehr stark an das Vorbild der Pariser Kommune und das Kom-
munistische Manifest. Lenin glaubte, mit Marx und Engels den
Markt bewußt in den Dienst des siegreichen Proletariats zu stellen
durch Zentralisation des Kredits in den Händen des Staates. Pol-
lock formuliert scharf: „Lenin hat sich das Schicksal des Marktes
in der sozialen Revolution ähnlich vorgestellt wie dasjenige des
Staates. Beide müssen zuerst erobert und alle ihre beherrschen-
den Positionen in die Hand des Proletariats gebracht werden. Im
Laufe der Zeit werden sich da neue Organisationsformen heraus-
bilden.“ Zwar ist dieser Glaube bis heute für die Bolschewisten
entscheidend geblieben, aber damals war er mit einer Tempo-
unterschätzung verbunden.

Man glaubte etwa durch die Arbeiterkontrolle verhältnismäßig
rasch die Erfahrungen der Kapitalisten für die Proletarier ge-
winnen zu können, man unterschätzte die gegebenen Schwierig-
keiten in der Tradition der bisherigen Wirtschaftsorganisation,
man glaubte mit Dekreten und äußern Maßnahmen bestehende
Verhältnisse rasch abändern zu können. Als Ideal schwebte zu-
nächst vor die verhältnismäßig rasche Einführung einer Gesell-
schafts- und Wirtschaftsordnung, die auf Konsumtions - Pro-
duktionskommunen aufgebaut wäre. Diese Produktionsgemein-
schaften sollten allmählich die gesamte Staatsorganisation be-
stimmen. In einem Projekte Lenins vom Januar 1918 heißt es: „Die
Grundzellen müssen die Produktions-Konsumtionskomitees der
Versorgung und des Absatzes bei den Räten sein; in den Städten
müssen eine ähnliche Stelle die Komitees für Viertel oder für
Straßenteile einnehmen. Wenn es gelingen würde, solche Komitees
an verschiedenen Orten zu Schaffen, so würde die Vereinigung
solcher Komitees ein Netz geben, das fähig wäre, die Versorgung
der Bevölkerung mit allem Notwendigen und auch die Erzeugung
im gesamtstaatlichen Maßstabe zu organisieren. ... Der Verkehr
der Produkte und auch der Kauf und Verkauf würde dann nur
erlaubt sein von einem Komitee zum andern bei Verbot alles indivi-
duellen Absatzes.“*® Solche Projekte beweisen nur die mangelnde
Wirtschaftserfahrung und den utopischen Glauben daran, die Ge-
sellschaft mit einem Schlage umändern und umdirigieren zu können.
Sie haben die Gegner des Bolschewismus unter russischen Sozia-
listen (z. B. Suchanow) zur Behauptung veranlaßt, daß die Bol-
schewisten Anarchisten seien, die an Stelle des Staates sofort
Produktions-Konsumtionszellen setzen wollen. Aber es ist zu be-
achten, daB Lenin von Anfang an betonte, man müsse aus der