98 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik,
schaft war mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die
proletarische Regierung hatte Zeit für ihre Wirtschaftsexperimente
gewonnen, ohne den Widerstand der Bauernmassen fürchten zu
müssen. Worin bestanden nun diese Experimente? Ich gebe ihre
Zusammenstellung nach den Angaben bei Krizman: Die heroische
Periode der großen russischen Revolution (2. Aufl., Moskau 1926).

Die Enteignung des Staatskapitals, d. h. Übergang alles staatlichen
Besitzes in bolschewistische Hände — Dekret über die Bildung des Rates
der Volkskommissare vom 25. Oktober 1917. — Die Enteignung des Finanz-
kapitals — Dekret über die Nationalisierung der Banken vom 14. De-
zember 1917. Enteignung des Transportkapitals — Dekret über die
Nationalisierung des Wassertransportes vom 26. Januar 1918. Enteignung
des Leihkapitals (vor allem des ausländischen) — Dekret über die Annul-
lierung der Schulden vom 28. Januar 1918. Enteignung des Handels-
kapitals, Außenhandel — Dekret über die Nationalisierung des Außen-
handels vom 23. April 1918. Enteignung des großen Industriekapitals —
Dekret über die Nationalisierung der Großindustrie vom 28. Juni 1918.
Dazu kommen noch zwei Dekrete, die später publiziert wurden, obgleich
sie nur die Vollendung der Dekrete der ersten Zeit darstellten: Enteig-
nung des Handelskapitals (Innerer Handel) — Dekret über die Nationali-
sierung des Handels vom 21. November 1918 und Enteignung des kleinen
Industriekapitals — Dekret über die Nationalisierung der kleinen Betriebe
vom 29. November 1920.
Man könnte aus dieser Zusammenstellung entnehmen — und diese
Behauptung wird gelegentlich vertreten —, daß eine Nationalisierung
(Sozialisierung) im Grunde genommen nicht in raschem Tempo
vorgesehen war. Krizman betont, daß bis zur allgemeinen Soziali-
sierung- zwar bereits zahlreiche Großbetriebe vergesellschaftet
wurden, aber fast immer als Strafmaßnahme gegen die Wider-
spenstigkeit der Betriebsbesitzer und Leiter. Die Bolschewisten
glaubten eben, mit Hilfe der politischen Gewalt die ganze Führung
der Produktion ändern zu können und schritten erst zur Soziali-
sierung, als der Versuch, das Kapital für die proletarische Diktatur
arbeiten zu lassen, wobei ihm sogar noch Gewinnchancen über-
lassen blieben, gescheitert war. So kommt die paradoxe These
zustande, daß die Bolschewisten zur Sozialisierung — von der
Nationalisierung der Banken abgesehen — gleichsam von außen
her gezwungen worden sind ®. Daß aber diese These außerordent-
lich problematisch ist, geht daraus hervor, daß bereits im De-
zember 1917 Lenin ein Dekret über die Nationalisierung der Volks-
wirtschaft plante. Da wird vorgesehen, daß alle Aktiengesell-
schaften in Staatseigentum übergehen. Als Druckmittel gegen die
Besitzer, die Angehörigen der reichen Klassen usw. ist neben der