100 8. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.
nahmen, welche die Annäherung an das sozialistische Ziel fördern
sollten. Pollock glaubt sogar, eine eigene Periode ansetzen zu
können, in der die Bolschewisten versuchten, eine marktlose, also
den sozialistischen Idealen sich nähernde Volkswirtschaft zu orga-
nisieren (Januar 1920 bis März 1921) und unterscheidet sie vom
Kriegskommunismus im engeren Sinne (Juni 1918 bis Dezember
1920). Gegen diese Auffassung, daß man die Periode des Kriegs-
kommunismus vom Jahre 1918 bis 1921 nicht nur als eine Periode
ausschließlich aus der Not, d. h. dem Willen zur Aufrechterhaltung
der Macht, entstandener Maßnahmen ansehen kann, wendet sich
Karl Elster in seiner Studie „Vom Rubel zum Tscherwonetz“
(Jena 1930). Er betont, daß der „Kriegskommunismus nur die im
Bürgerkrieg begründet gelegene Wirtschaftspolitik der Sowiet-
regierung darstellt“ *.
Man könnte meinen, daß es sich bei diesen Diskussionen um die
Figenart des Kriegskommunismus nur um terminologische An-
gelegenheiten handle. Das ist aber keineswegs der Fall. Wenn
man nämlich den Kriegskommunismus einfach als eine taktische
Anpassung an die politischen Notwendigkeiten auffasst, entzieht
man der Kritik an seinen Wirtschaftsmaßnahmen den Boden. Sie
sind ja nur von außen her aufgezwungen, sie haben nichts mit dem
Willen zum Sozialismus zu tun. Es ist daher verständlich, daß
gerade bei führenden Bolschewisten nach Abschluß des Kriegs-
kommunismus das Bestreben hervortrat, ihn möglichst als politisch-
taktische Angelegenheit erscheinen zu lassen. Aber das entspricht
keineswegs seinem wahren Charakter; neben Maßnahmen tak-
tischer Natur wurden auch Maßnahmen getroffen, die tatsächlich
prinzipiell der Annäherung an das sozialistische Ziel dienen sollten.
Mit Recht hat Krizman hervorgehoben, daß durch den Kriegs-
kommunismus die Kommandohöhen der Wirtschaft fest in bolsche-
wistische Hände übergingen; von hier aus sind Versuche gemacht
worden, in Wiederholung der Versuche der Periode des Arbeiter-
kontrollsozialismus eine sozialistische Gesellschaft zu organisieren,
die aber dann ebenso abgebrochen werden mußten wie ihre Vor-
gänger. Man muß also stets die prinzipiellen und die taktischen
Maßnahmen des Kriegskommunismus voneinander unterscheiden.
Dabei darf allerdings nicht verkannt werden, daß die Wendung
zum Kriegskommunismus nicht aus wirtschaftlichen. sondern aus
politischen Gründen erfolgte.
Infolge der Besetzung großer Teile des Landes durch die
Weißen Armeen — Denikin im Süden, Koltschak in Sibirien,
Miller im Norden — mußten die Bolschewisten das von ihnen