Der Kriegskommunismus. 101
beherrschte Gebiet als eine Art riesiger Festung (Trotzki) be-
trachten, die es um allen Preis zu halten galt und von der aus
die Macht über möglichst weite Gebiete wieder hergestellt werden
sollte. Die Wirtschaftspolitik stand im Zeichen der Versorgung
der Roten Armee. Es galt zunächst nicht, zu produzieren, sondern
einfach den Lebensbedarf des Heeres sicherzustellen. Diesem Ziele
diente die rücksichtslose Konfiskationspolitik der Regierung auf
allen Gebieten. Sie setzte gleichzeitig den Prozeß der Zerstörung
aller Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft fort. Aber zugleich
wurde doch auch der Versuch gemacht, die Wirtschaft zu organi-
sieren. Der bereits 1917 eingesetzte, zur Leitung der Wirtschaft
bestimmte Volkswirtschaftsrat zerfiel in verschiedene Hauptver-
waltungen, sog. Glawki, Zentren, die zur Leitung der verschiedenen
Wirtschaftszweige bestimmt waren. Doch von einer planmäßigen
Organisation der gesamten Produktion oder auch nur der Ver-
teilung nach einheitlichen wirtschaftlichen Gesichtspunkten kann
keine Rede sein. Dafür war einfach viel zu wenig Erfahrung vor-
handen. Die Glawki wurden zu rein bürokratischen Körperschaften,
die in einem Aktenmeer erstickten und nicht zu befolgende Wei-
sungen erteilten. Da sie sich nicht nach dem Markte zu richten
brauchten, war eine Berechnung ihrer wirtschaftlichen Produk-
tHivität nicht möglich. Sie arbeiteten einfach mit Staatszuschüssen,
also auf Grund inflatorischer Finanzmaßnahmen.

Dabei glaubten die Bolschewisten aus dem sog. Kriegskommu-
nismus unmittelbar in die Periode des sozialistischen Aufbaues
übergehen zu können. Das sollte bewirkt werden durch strenge
Durchführung des Arbeitszwanges. Nur gegen gesellschaftliche
Arbeit sollte die Möglichkeit zum Leben gegeben sein. Die infolge
des Zusammenbruchs der gesamten Wirtschaftsorganisation, des
Warenmangels und der Verkehrsschwierigkeiten entstandene Not-
wendigkeit des direkten Austausches von Waren gegen Lebens-
mittel usw. wurde nicht nur als Notmaßnahme, sondern als Beginn
einer sozialistischen geldlosen Wirtschaft betrachtet. Sinowiew
erklärte, „daß wir der völligen Auflösung des Geldes entgegen-
gehen. Wir naturalisieren den Arbeitslohn, wir führen kostenlose
Straßenbahnbenützung ein, wir haben freien Schulunterricht, kosten-
loses, wenn auch einstweilen schlechtes Mittagessen, freie Woh-
nung, Beleuchtung usw.“ *° Die Löhne sollten nach dem Dekret vom
30. April 1920, das aber, wie Pollock betont, erst gegen Ende des
Jahres zur Durchführung kam, ganz in Naturalien ausgezahlt
werden. Die Leistungen des Staates, also Telephon, Wasser-
leitung, Kanalisation. Gas und Elektrizität, Lieferung von Brenn-