102 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.
stoffen und die Wohngelegenheit sollten für alle Arbeiter und
Angestellten der Staatsbetriebe und für Invaliden, Familienangehö-
rige der Roten Armee ohne Bezahlung erfolgen. Das Karten-
system wurde immer mehr ausgedehnt, die ganze Versorgung
sollte vom Staate und seinen Organisationen erfolgen. Bereits
1919 wurden Resolutionen gefaßt, welche an Stelle der Geld-
wirtschaft des Staates eine Entwicklung und Festigung der Natural-
besteuerung verlangten. Anfang 1921, am 3. Februar, wurde, wie
Hänsel berichtet, die grundsätzliche Abschaffung aller Geldsteuern
und Geldabgaben an den Staat beschlossen **.

Gewiß, ein großer Teil dieser Maßnahmen ergab sich aus mo-
mentanen Schwierigkeiten der Inflation und sollte der Bewältigung
momentaner Aufgaben dienen. Aber diese Bewältigung sollte doch
zugleich helfen, dem sozialistischen Ziele näherzukommen; die
Verwaltungswirtschaft, um den Ausdruck von. Pollock zu ge-
brauchen, sollte eine radikale Gesellschaftsänderung im Soziali-
stischen Sinne hervorrufen. Die gesellschaftliche Arbeit und die
Leitung der Arbeit durch zentrale Instanzen sollte an Stelle der
bisherigen auf dem Konkurrenzprinzip beruhenden Marktwirtschaft
treten. Die Verwandlung der Roten Armee in Arbeitsarmeen sollte
für die Verwirklichung der Arbeitspflicht vorbildlich sein. Trotzki
entwickelte Projekte, die Gewerkschaften in Staatsorgane zur Er-
fassung und Organisierung aller Arbeit zu verwandeln; alle Pro-
duktion war sozialisiert, der Markt wenigstens durch Dekrete auf-
gehoben; die Landwirtschaft sollte durch das völlige Ausschalten
des Geldes in unmittelbare Verbindung mit der staatlich geleiteten
Warenproduktion gesetzt werden. Selbst der Anbauzwang für die
Landwirtschaft wurde durch Dekret verkündet.
„Man dekretierte die Sozialisierung der 18 000 000 Bauernwirtschaiften,
ihre Unterstellung unter eine einheitliche Leitung und die Schaffung von
Saatkomitees, die dafür sorgen sollten, daß die zur Pilicht gegenüber dem
Staate erklärte Bestellung einer in dem staatlichen Ackerplan festgelegten
Bodenfläche durchgeführt wurde“ (Pollock). Diese Maßnahme war da-
durch notwendig geworden, daB die Anbaufläche desto mehr zurückging,
je mehr es den Staatsorganen gelang, das Getreide zu erfassen. Die
Bauern wollten nicht mehr Getreide erzeugen, das doch nur beschlagnahmt
wurde ohne entsprechende Gegenleistung.

Die Versuche des sog. Kriegskommunismus führten nur zu einem
vollendeten Zusammenbruch der Wirtschaft, mochten sie auch
politisch zur Machterhaltung der Bolschewisten durch Anspannung
aller Kräfte des Landes notwendig gewesen sein. Aber ein Weg
zur Wirtschaftsproduktivität wurde durch sie nicht gewiesen. Die