104 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.
erfaßte, daß er sich also praktisch nur als ein Macht- und Druck-
instrument, aber nicht als ein Instrument des Wirtschaftsaufbaues
erwies. Ohne die illegale Wirtschaft wäre alles verhungert, er-
froren usw.; auch staatliche Organe arbeiteten mit ihr zusammen.
Der Versuch, eine staatlich-sozialistische Wirtschaft aus der Be-
schlagnahmepolitik, dem Lieferungs- und Arbeitszwang des Kriegs-
kommunismus erwachsen zu lassen, führte nur zu einer Ein-
schränkung der staatlichen Macht im wirtschaftlichen Leben, zu
einer Desorganisierung der Wirtschaft und zu einer Rückkehr zu
primitiven Wirtschaftsformen, die zwar den Geldverkehr zer-
störten, aber keineswegs der Marktwirtschaft überlegen waren.
Die Wirtschaftsbedürfnisse wurden nicht durch die organisato-
rischen Maßnahmen des Staates befriedigt. Soweit es dem Staate
gelang, wirtschaftliche Werte zu erfassen, gelang dies ihm nur
dadurch, daß er mit Zwang und größter Gewaltanwendung vor-
ging. Die durch seine Wirtschaftspolitik entstandenen aufgeblähten
Apparate führten in ihrer Schwerfälligkeit nur zu ihrer eigenen
allmählichen Lähmung; sie arbeiteten gegeneinander, ihre Maß-
nahmen standen auf dem Papier, sie hatten keine Fühlung mehr
mit den wirklichen Verhältnissen. Mochte auch der Kriegskommu-
nismus den Bolschewisten die politische Machtbehauptung ermög-
licht haben, so war er doch nicht geeignet, als Grundlage einer
Wiederherstellung des Wirtschaftslebens zu dienen.
Einige Angaben, die Krizman in seinem dem Kriegskommunismus
durchaus freundlich gegenüberstehenden Werke macht, geben ein an-
schauliches Bild von den damals herrschenden Wirtschaftszuständen. Die
Saatfläche hatte sich in den drei Jahren des russischen Bürgerkrieges
doppelt so stark verringert als während des Weltkrieges. Der Ertrag
hatte sich in diesen drei Jahren ebenfalls doppelt so stark vermindert.
Vor dem Kriege betrug die Ernte 4774000 Pud, im Jahre 1920 2944 000.
Die Zahl der Pferde war, wenn man die Zahl des Jahres 1916 mit 100%
ansetzt, auf 75, der Schweine auf 72, des Großviehs auf 79, der Schafe
und Ziegen auf 55%, gesunken. In der Kleinindustrie und im Handwerk
war die Zahl der beschäftigten Personen von 3760000 auf 1578000 im
Jahre 1920 gesunken, in der Schwerindustrie von 3024000 auf 1585000
im Jahre 1920. Wenn man die Produktion des Jahres 1913 mit 100%
einsetzt, so war sie 1917 auf 77, 1918 auf 35, 1919 auf 26 und 1920 auf
18°% gesunken. Die Gewinnung der Kohle war von 1738000 Pud im
Jahre 1913 auf 467 000 im Jahre 1920 gesunken, die Zuckerproduktion von
82900 000 Pud auf 5500000. Es wurden im Jahre 1920 nur 13,3°/ der
Pflüge erzeugt, die im Jahre 1913 erzeugt wurden.

Das Volkseinkommen betrug 1920 40° des Volkseinkommens im
Jahre 1913. Diese Schätzung ist noch optimistisch; an anderer