106 3. Teil, Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.
nissen entsprochen hatte, sondern zum entscheidenden Teil durch
politische Rücksichten erzwungen worden war. Sie hatte als
Waffe zur Unterdrückung aller sich der bolschewistischen Herr-
schaft widersetzenden Gruppen gedient, die sich nicht freiwillig
— wie die Periode bis zur amtlichen Sozialisierung vom Juli 1918
bewies — der sog. Arbeiterkontrolle fügen wollten, die sich gegen
die bolschewistische Regierung durch Bürgerkrieg wehrten. Nun
fiel aber der äußere Druck der Weißen Armeen weg; die Bauern-
schaft war nicht mehr geneigt, ein Regime der Marktlosigkeit und
der Zwangsbeschlagnahme aller Vorräte für Versorgungszwecke
zu ertragen, Da drohte das für die bolschewistische Herrschaft
so wichtige Bündnis zwischen der Bauernschaft und der herrschen-
den Partei — beide hatten an einem Siege der alten Gutsbesitzer-
schichten kein Interesse —, sich in eine Feindschaft der Land-
bevölkerungsmassen gegen die Partei zu verwandeln. Es drohte
die Gefahr eines vollendeten Wirtschaftszusammenbruches, da die
staatliche Wirtschaft sich als unfähig erwies, die dringendsten
und primitivsten Lebensbedürfnisse zu befriedigen; auf die Dauer
konnte die illegale Wirtschaft doch nur scheinbar zurückgedrängt
werden.

Die neue ökonomische Politik beginnt damit, daß offen die wirk-
lichen und gesellschaftlichen Verhältnisse anerkannt werden. „Unser
{rüheres Programm“, so erklärte Lenin auf dem 10. Parteitage,
„war theoretisch richtig, aber praktisch undurchführbar,“ Worin
besteht die Grundlage der neuen ökonomischen Politik? Der Markt,
der bisher nur illegal existieren durfte, wird wieder offiziell ein-
geführt, da die Bauern nur noch einen bestimmten Anteil ihrer
Vorräte als Steuer abliefern müssen und ein freies Kauf- und
Verkaufsrecht für die nach dem Abzug dieser Steuer übrig-
bleibenden Vorräte erhalten. Damit ist der Verzicht auf eine Ver-
gesellschaftung des Handels, auf eine vollständige Herrschaft des
Staates über die Wirtschaft ausgesprochen. Was machte es
praktisch aus, daß zunächst nur der lokale Handel erlaubt, erst
im Herbst der Handelsverkehr im gesamten Rußland wieder ge-
stattet wurde? Die Freigabe des Marktes führte zu einer Änderung
der gesamten bisherigen Wirtschaftspolitik. Daß eine solche
Änderung wirklich vorlag, geht aus Äußerungen von Lenin selber
hervor. Er erklärte z. B. auf dem 10. Parteitag: Die Resolution
des 9. Parteitages, welche die allgemeine staatliche Wirtschafts-
organisierung forderte, setzte voraus, daß „unsere Bewegung sich
gradlinig vollziehen würde. Es hat sich aber gezeigt, wie es sich
stets in der Geschichte der Revolutionen gezeigt hat, daß die Be-