108 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik,
nationale Bedeutung des Sieges der Roten Armee erkannten und
als Rettung Rußlands vor Westeuropa, als Ausdruck eines neuen,
nach Asien hin gerichteten russischen Reiches feierten, wird auf
das schärfste bekämpft und abgelehnt *.

Die Periode der NEP sollte als eine Atempause zur Kräfte-
sammlung- des Volkes, zum Wiederaufbau der Wirtschaft dienen.
Lenin hatte bei ihrem Beginne erklärt: „Wenn wir Waren für den
Bauern erhalten, so ist es natürlich eine Verletzung des Programms,
d. h. eine Unrichtigkeit, aber man muß eine Atempause geben, weil
das Volk zu übermüdet ist, so daß es auf eine andere Weise nicht
arbeiten kann.“ Die lahmgelegten Produktionskräfte sollten durch
sie angespornt werden, die Unterstützung des Auslandes sollte
gewonnen werden, das Land sollte von dem Drucke des wirt-
schaftlich unzureichenden Kriegskommunismus völlig befreit
werden, aber all das sollte doch unter der scharfen Aufsicht der
herrschenden kommunistischen Partei geschehen. Von einer neuen
Politik im Staatsleben war keine Rede. Die Kommandohöhen der
wirtschaftlichen Gesellschaft — und zu ihnen rechneten alle Zweige
des Staatsapparates — sollten weiter in bolschewistischem Besitze
bleiben. Die neue ökonomische Politik wurde benützt, um den
Einfluß der Bolschewisten im Staate zu festigen. Die Partei be-
gnügte sich nicht mehr mit der Kontrolle, sie wollte alle führenden
Posten mit ihren Männern besetzen. |
"Der Bolschewist sollte jetzt das nachzuholen beginnen, was er
bisher wegen der Kürze der Zeit, der Massenanarchie in den ersten
Monaten seiner Herrschaft und wegen des Bürgerkrieges nicht
hatte lernen können. Er sollte zu einem Manne der Praxis werden.
Gleichzeitig wurden die Fehler der bisherigen Versuche studiert.
Man erkannte das Fehlen eines Gesamtplanes, das Fehlen einer
genügend breiten industriellen Grundlage. Lenin erklärte den noch
in der Periode des Bürgerkrieges entstandenen Plan der Elektrifi-
zierung für die dringendste Aufgabe. Diese Elektrifizierung sollte
der Beginn staatlicher wirtschaftlicher Beziehungen zu den bisher
für sich gesondert lebenden Bauernmassen bilden. Allmählich
erwuchs aus dieser Elektrifizierungsplanbehörde eine Gesamt-
planbehörde. Man fing an, die Wirtschaft systematisch zu kontrol-
leren und zu beobachten. Langsam setzte, je mehr die Wirtschaft
sich erholte, der Abbau der NEP-Freiheiten ein. Man stellte die
ausländischen Konzessionsbetriebe, die als Musterstätten dienen
sollten, unter einen immer stärkeren Druck. Steuermaßnahmen
wurden mit brutalster Rücksichtslosigkeit gegen den vordringenden
Privatsektor angewandt. Nicht aus wirtschaiftlich-fiskalischen